Friday, September 27, 2013

GEORGIEN: Osmanische Georgier. Eine edle Geschichte von Großwesiren und Sultansmüttern. Von Mesut Cevika (islamische-zeitung.de)

(islamische-zeitung.de) (Zaman). Wussten Sie, dass 17 der osmanischen Großwesire Georgier waren? Kennen Sie die vielen georgischen Wesire und die hunderte georgischer Paschas, die dem osmanischen Reich dienten? Haben Sie schon einmal die Namen von Cevri Kalla oder Dindine ­Hanim gehört? Der erstere rettete Sultan Selim III. vor dem Zugriff eines tödlichen Aufstandes und letzterer führte die Osmanen zu einem Sieg über das russische Militär während des Krimkriegs.

Bekannt als das „Kavm-i Necib (das ehrenvol­le Volk)“ wurden die osmanischen Georgier für ihren Mut und ihre Liebe zum Gemeinwesen (Devlet) respektiert. In unseren Tagen schreiben diese Menschen, die jahrhundertelang in so vielen Positionen dienten, im sprichwörtlichen Sinne erneut ihren Namen in die Seiten der Geschichte. Das Leben von historischen Figuren wie Großwesir Mehmet Sait Pascha, Schaikh Al-Islam Mirza ­Mustafa Efendi, Prinz Sabahattin und dem Gelehrten Ali Haydar Efendi wird heute für alle wiederbelebt, die mehr über ihre Biographien erfahren wollen. Sieben Jahrhunderte lang dienten sie treu dem Osmanischen Reich. Man fand sie auf allen Ebenen der osmanischen Verwaltung – vom Sadrazamlik (einer Ordon­nanz für den Sultan oder den Großwesir), über den Schaikh Al-Islam bis zum Nazirlik (dem Staatsminister).

Der Historiker Murat Kasap streicht in seinem Buch „Osmanli Gürcüler (Osmanische Georgier)“ die Leistungen von 1.200 Georgi­ern heraus, die im Verlauf der Jahrhunderte unterschiedliche Posten im osmanischen Devlet innehatten. Zu den vorgestellten Personen in dem Buch gehören die Mütter der regierenden Sultane (Sultan Valide), ­darunter Mihr-i-Schah Valide Sultan. Dies waren Frauen, die jene Männer erzogen, die Sultane werden sollten. Murat Kasap berührt auch das Leben von Georgiern wie dem Dichter-Pionier und talentierten Musiker Hüseyin Saded­din Arel. Das 480-seitige Buch wurde von der Friends of Georgia International Founda­tion veröffentlicht. Die erste Ausgabe ist bereits vergriffen. Eine neue sowie eine georgische Übersetzung sind in Arbeit.

Der Geschichtswissenschaftler Murat Kasap widmete diesem Buch drei Jahre seines Lebens. Seine detaillierte und gewissenhafte Forschung führte ihn nicht nur in die osmanischen Archive des [türkischen] Ministerpräsi­denten, sondern auch in die Archive des Istan­buler Muftis. In diesem Vorgang ging Kasap durch beinahe jede Chronik und Biogra­fie, die er finden konnten. Am Ende waren rund 50.000 Dokumente gesammelt, die meisten davon in osmanischem Türkisch geschrieben. Außer den vielen Biografien in dem Buch erhalten seine Leser Zugang zu Kasaps Schriften über georgische ­Geschichte, den Prozess des Übertritts von Georgiern zum Islam und eine umfassende Perspektive über die türkisch-georgischen Beziehungen.

Wir fragten Kasap, was ihn zu dieser scheinbar selbst-aufopferungsvollen Aufgabe angetrieben hatte. Die Antwort war ein ­einziges Wort: Neugier. Kasap schloss sein Geschichts­studium ab und widmete dann seine Zeit – mehr als Hobby – der Geschichte seiner eigenen Familie. „Aber dann ging es weiter, denn meine Neugier wurde weiter geweckt. Als die Untersuchung meiner Familienwurzeln endete, wurde ich immer neugieriger über das Leben von Georgiern, die während der osmanischen Ära hier lebten. Im ­Grunde ging es mir darum, den Beitrag meiner Vorfahren zur Schaffung der osmanischen Zivilisation offenzulegen. Was als Hobby begann, entwickelte sich zu einem echten Job. Das Buch ist die Frucht einer Periode der Arbeit.“

Kasap, dessen Mutter türkisch und Vater georgisch ist, hatte einen weiteren Antrieb zum Schreiben dieses Buches: Die Leute an die vergessene Freundschaft zwischen Türken und Georgiern zu erinnern. Wenn wir beden­ken, dass diese Beziehungen zwischen den beiden Völkern bis in die Seldschukenzeit zurückreichen, wird noch deutlicher, wie wichtig die Leistung des Autors war. „Georgier wurden in sehr wichtige Ämter des osmanischen Reiches vom 16. Jahrhundert an erho­ben. Dies waren Positionen wie der Großwe­sir, und manchmal auch Schaikh Al-Islam. Und da die Osmanen die Koexistenz verschiedener Völker, mit unterschiedlichen Identitäten in der gleichen Gemeinschaft förderten, unterstützen die Georgier das Reich mit voller Kraft“, sagte Murat Kasap.

So erklärt der Autor warum die Georgier im osmanischen Türkisch als „Kavm-i Nevib (das ehrenvolle Volk)“ bezeichnet wurden und warum ihnen nachgesagt wurde, große Patrioten zu sein. „In seiner Arbeit ‘Tarih-Cevdet’ (das Geschichtswerk von Cevdet) beschrieb Ahmet Cevdet Pascha einen bestimm­ten georgischen Kommandeur mit den Worten: „Er wurde in den Rang des Paschas erho­ben, wobei seine georgische Herkunft als ­Beweis für die Liebe zur Nation galt.“ Während der osmanischen Zeit sei „Georgier“ gleichbedeutend mit „Patriot“ gewesen. Sie galten als Menschen mit einem reinen Herzen. Evliya Celebi bereiste ganz Georgien und beschrieb, war er dort sah. In seinen Schriften benutzte er ebenfalls den Begriff des ‘Kavm-i Necib’.

Zu den größten religiösen Gestalten, die in dem Buch behandelt werden, zählt Ali Haydar Efendi. Geboren 1870 im Dorf Ahiska nahe Batumi, war Ali Haydar Efendi einer der wichtigsten Gelehrten seiner Zeit. Nach dem Beginn seiner Ausbildung in Ankara ging er nach Erzurum, wo er in der Bakircilar-Madrasssa studierte. 1902 begann er, Unterricht in der Fatih-Moschee zu erteilen und widme­te der muslimischen Gemeinschaft diesen Dienst bis zu seinem Tod im Jahre 1960. In diesem Vorgang bildete er tausende Schüler aus. Murat Kasap traf einen der Enkel des Gelehrten: „Sie wussten, dass Ali Haydar Bey aus Ahiska kam und sich selbst als Georgier betrachtete. Seine Ehefrau sprach ebenfalls Georgisch. Mammut Ustaosmanoglu ­Efendi, einer seiner Schüler, sagte: ‘Ich liebe Georgier. Mein Lehrer war ein Georgier.’“

Der Historiker widerlegt auch die Unterstel­lung, wonach die Osmanen den Georgiern den Islam aufgezwungen hätten. Er schreibt: „Die Russen verbreiteten absichtlich die Idee, dass ‘die Osmanen die Georgier zwangen, Muslime zu werden’. Aber das war nicht wahr. Tatsächlich fiel es den Georgiern sehr einfach, den Islam anzunehmen. Natürlich half dabei auch die Ähnlichkeit beider Kultu­ren. In kurzer Zeit hatten sie mehr Kontakt zu anderen ethnischen Gruppen und dann brachten sie eine erstaunliche Anzahl Gelehr­ter hervor, bauten aber auch alle Arten von Moscheen und Madrassen. Es ­entstanden sogar georgische Schaikh Al-Islams. Die Behauptung, dass die Georgier in den Islam gezwungen wurden, ist also falsch. Wenn die georgische Version des Buches schließlich erscheint, wird dies der russischen ­Propaganda in dieser Angelegenheit einen Schlag ­versetzen.“

Kasap glaubt, dass seine Bücher einen erheblichen Beitrag zur türkisch-georgischen Freundschaft leisten. Der Autor erwähnt die jüngsten Verbesserungen in den Beziehungen zwischen der Türkei und Georgien. Auch die Aufhebung bestimmter Beschränkungen im Grenzverkehr stelle eine Stärkung dieser Freundschaft dar. Murat Kasap sagt: „Ich bin durch ganz Georgien gereist. Immer noch finden sich türkische Traditionen und kultu­relle Bräuche in georgischen Dörfern. Die kleiner werdende Lücke in der Beziehung beider Länder, die sich öffnenden Grenzen und die gegenseitigen Besuche haben alle einen Einfluss auf die Brechung des russischen Einflusses.“

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