Friday, February 28, 2014

CALL FOR APLLICATION: Study Tour On Commemorative Cultures To Germany

Robert Bosch Foundation organises study tour on commemorative cultures to Germany from 3-10 May for representatives of NGOs working on the topic of commemorative cultures and journalists who have been covering related issues to participate in this project

Since 2009, the Robert Bosch Stiftung has organized several study visits to Germany for representatives of civil society organizations and journalists from Southeast Europe on the topic of commemorative cultures. Encouraged by the success of the visits, we are now preparing another study tour on commemorative cultures to two German cities from May 3 to May 10, 2014. For the first time we will invite PARTICIPANTS from SOUTHEAST EUROPE as well as from the SOUTH CAUCASUS.
Participants will be chosen based on the submitted application.
Travel and accommodation costs as well as all other related expenses will be covered by Robert Bosch Stiftung.

PLEASE LET ME KNOW IF INTERESTED AND I WILL SEND YOU MORE DETAILS or CONTACT Ms. HUST.

Applications have to be submitted by March 19, 2014 via email to barbara.hust@bosch-stiftung.de.

Thursday, February 27, 2014

FRANKFURTER BUCHMESSE: Gastland 2018 ist Georgien (boersenblatt.net)

Frankfurt Book Fairin english >>>

(boersenblatt.net) In Berlin wurden heute, am 27. Februar, die Verträge für den Ehrengastauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 unterzeichnet. Neben dem 'jungen' Buchmarkt, mache die Energie im gesamten Kulturbereich wie Film und Musik das Land interessant, begründet die Frankfurter Buchmesse die Auswahl.

Zur Unterzeichnung kamen der georgische Kulturminister Guram Odisharia (Ministry of Culture and Monument Protection of Georgia), der georgische Botschafter Lado Chanturia und Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, zusammen.

Georgien sei ein Kulturland auf der Kreuzung zwischen Orient und Okzident. Nicht nur der Buchmarkt, der sich in einem stetigen Prozess der Professionalisierung befinde, sondern auch die Energie im gesamten Kulturbereich wie Film und Musik machen das Land interessant und trugen zur Auswahl als Gastland 2018 bei, heißt es in der Presseinformation der Frankfurter Buchmesse. Geplant wird der Auftritt zunächst beim georgischen Kulturministerium, das bei der Organisation eng mit der Anlaufstelle für Übersetzungsförderung und dem Verleger- und Buchhändlerverband zusammenarbeiten wird.

"Wir freuen uns sehr, dieses kulturell aufregende Land 2018 als Gast begrüßen zu dürfen", sagt Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse. "Gerade weil wir zuvor noch nie mit einem derart 'jungen' Buchmarkt kooperiert haben, erscheint es uns besonders reizvoll in den nächsten vier Jahren die georgische Publikations-Szene bei den Vorbereitungen begleiten zu können."

Zum georgischen Buchmarkt

Mit rund 70 Verlagen, 100 Buchhandlungen und zehn Großhändlern ist der Buchmarkt Georgiens eher klein, so die Frankfurter Buchmesse, aber die Professionalisierung und auch ein stetiges Wachstum sind zu verzeichnen.

Die Anzahl der verfügbaren Exemplare hat sich von 2008 auf 2011 fast vervierfacht (Gesamtauflagen 2011: 7,7 Millionen). Der Jahresumsatz auf dem Buchmarkt lag in 2011 bei etwa 20 Millionen Euro. Derzeit erscheinen jährlich circa 3.500 neue Titel. Das Kinderbuch (28 Prozent) und Belletristik (26 Prozent) machen den Großteil des Umsatzes aus. Ein Wachstumsmarkt für die Verlage sind Schulbücher. Knapp 600 Titel werden jährlich aus verschiedenen Sprachen ins Georgische übersetzt (2012). Deutsche Verlage verkaufen derzeit etwa 20 bis 30 Lizenzen pro Jahr nach Georgien. In Deutschland sind die georgischen Schriftstellerinnen Nino Haratischwili (Hotlist – Buchpreis der unabhängigen Verlage für "Mein sanfter Zwilling") und Tamta Melaschwili (Deutscher Jugendliteraturpreis 2013 für "Abzählen") bereits bekannt.

Ehrengast-Programm auf der Frankfurter Buchmesse

Seit Begründung des Ehrengast-Programms auf der Frankfurter Buchmesse 1976 haben sich bis 2013 bereits 29 Länder und Kulturregionen präsentiert. 2014 ist Finnland (Motto: Finnland. Cool.) Ehrengast, gefolgt von Indonesien im Jahr 2015.

Wednesday, February 26, 2014

PODIUMSDISKUSSION: European Union and crisis to the East - mit George Soros, Joschka Fischer, Rebecca Harms

Datum: Donnerstag, 20. März 2014, 18.00 bis 20.00 Uhr
Ort: Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstraße 8, 10117 Berlin

Sprache: Englisch ohne Übersetzung
Livestream auf www.boell.de/stream

Anmeldung erforderlich unter anmeldung.boell.de

Mit:
* George Soros, Gründer, Open Society Foundation
* Joschka Fischer, politischer Berater und Gründer von Joschka Fischer & Company, ehemaliger Außenminister
* Rebecca Harms MdEP, Die Grünen/EFA
* Gernot Erler MdB, Koordinator der Bundesregierung für Russland, Zentralasien und die Länder der östlichen Partnerschaft (angefragt)

Moderation: Ralf Fücks, Vorstand, Heinrich-Böll-Stiftung

Nach der Absetzung von Viktor Janukowitsch steht die Ukraine vor richtungsweisenden Entscheidungen. Neben den drängendsten politischen Fragen – der Bildung einer handlungsfähigen Übergangsregierung, der Erlangung neuer politischer Legitimität durch demokratische Wahlen und dem politischen Ausgleich zwischen dem Osten und dem Westen des Landes – wird die wirtschaftliche Wiederbelebung eine zentrale Herausforderung für jede neue Regierung sein. Aus Sicht von Experten benötigt das Land tiefgreifende strukturelle Reformen, die aber starken etablierten Interessen zuwider laufen könnten. Einmal mehr steht die Ukraine dabei auch zwischen den vermeintlichen Alternativen einer stärkeren Anbindung an Russland oder einer Annäherung an die EU.

Die Podiumsdiskussion „European Union and crisis to the East“ diskutiert die politische und wirtschaftliche Situation in der Ukraine und fragt nach den Implikationen für das Verhältnis der EU zu Russland: Welche Rolle werden die verschiedenen Interessengruppen bei der politischen Neuausrichtung des Landes spielen? Was bedeuten die jüngsten Entwicklungen für die wirtschaftliche Verflechtung zwischen Russland und der Ukraine? In welchem Maß und mit welchen Mitteln kann und sollte die EU die wirtschaftliche Modernisierung der Ukraine unterstützen? Welche politische Perspektive soll und kann die EU der Ukraine anbieten? Und schließlich: Wie lässt sich ein produktives Verhältnis zwischen der EU, der Ukraine und Russland beschreiben?

Information: Monika Steins, E-Mail steins@boell.de, T 030.28534-244

ARTIKEL: Mein Instrument ist die Metapher - Über den Filmregisseur Oktay Mir-Qasim. Von Thomas Melzer

Ein Gespräch mit dem aserbaidschanischen Filmregisseur Oktay Mir-Qasim über seinen germanophilen Vater, das Paradox der Rache und den (Un)glücksfall, der ihm den Schauspieler Dieter Hallervorden bescherte


Tee oder Kaffee? „Tee natürlich“, sagt Oktay Mir-Qasim. Die Straßenschuhe abzustreifen lässt er sich nicht ausreden, als er an diesem Morgen unsere Wohnung betritt. Damit handelt er sich gleich die Frage nach dem Selbstverständnis ein: Asien oder Europa?

„Genetisch steckt in mir natürlich sehr viel Asien. Aber ob sie mich nun als Europäer oder Asiaten bezeichnen, ob wir hier nun in Europa oder Asien leben – wo ist das Problem? Der berühmte Universalgelehrte Avicenna war Asiat. Warum sollte ich ihm den Rücken kehren und nur William Shakespeare anlächeln? Ich bin Internationalist.“ Anna, meine Frau, kennt Mir-Qasim seit drei Jahren. Als wir in Baku ankamen und sie sich auf die Suche nach Filmkollegen begab, lud er sie ein, in seine gutbürgerliche Wohnung nahe der Metrostation Sahil. Das Haus ist ein Künstlerhaus, auch der berühmte Sänger Muslim Magomayev lebte einst hier. Damals begann Mir-Qasim mit den Dreharbeiten für einen Film, der in diesem Februar im Bakuer Nizami-Kino Premiere haben wird: „Quisas almadan ölme“, sinngemäß: Sterben in Versöhnung. Der Titel trügt nicht: Es ist ein Alterswerk. Wir wollen uns mit dem 70-jährigen Regisseur darüber unterhalten.

Gleich das erste Bild im Film zeigt Mir-Qasim selbst, in der Rolle eines deutschen Pastors, auf einem Pferdefuhrwerk sitzend, das im Jahr 1941 die deutsche Siedlung Helenendorf im Südkaukasus verlässt, angetrieben von sowjetischen Rotarmisten.
Warum?

Die ausgebreiteten Hände schweben auf Augenhöhe: „Mein Instrument ist die Metapher!“ Während der aserbaidschanische Drehbuchautor in lutheranischer Kutte, als Hirte einer deutschen Gemeinde, von den Russen nach Sibirien deportiert wird, lässt er eine Schrift einblenden: All denen gewidmet, die die Tragödie des Exils überlebt haben. Auf der nächsten Tafel dankt er seinem Vater: Seine Erzählungen machten es mir möglich, in den deutschen Kapiteln der aserbaidschanischen Geschichte zu blättern.

So kommen wir auf die Väter und Vorväter zu sprechen. Großvater Mir-Qasim war ein hoher Geistlicher und bestimmte diesen Weg auch für seinen 1883 geborenen Sohn Assadullah. Doch als jener 13 wurde und die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen der Jahrhundertwende wahrnahm, wollte er die Madrasa, seine Koran-Schule, verlassen und fortan in Baku ein kaiserliches Gymnasium besuchen. Der Vater war strikt dagegen und das Gymnasium zögerte, weil der Aspirant kaum Russisch sprach. Ausgerechnet ein deutscher Pastor, der an jener Schule Geschichte, Literatur und Christentum lehrte, nahm sich des Jungen an und vermittelte. „Mein Vater wurde auf Probe immatrikuliert und war bald einer der besten Schüler. Später wurde er ein berühmter Arzt und immer verteidigte er die Freiheit. Und er vergaß nie, dass es ein Deutscher war, der ihm dies ermöglicht hatte. Mein Vater liebte die Deutschen. Auf seinem Schreibtisch lagen Bücher in alter deutscher Schrift, Chirurgie-Fachbücher neben Goethes Faust. Er war geradezu germanophil. Und natürlich wurde diese Liebe an uns fünf Söhne weitergegeben. Unsere Gouvernanten waren deutsche Frauen, sie wurden ‚Bonne‘ genannt. Wir sprachen mit ihnen deutsch. Das wurde dann manchmal selbst meinem Vater zu viel und er beklagte sich, dass wir die Sprache unserer Bonne besser verstanden als das Aserisch unserer Großmutter.“ Oktay Mir-Qasim singt jetzt: „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie schön...“ Er bricht ab, als seine Stimme versagt.

Man sollte an dieser Stelle erwähnen, dass Oktay Mir-Qasim mitten im Großen Vaterländi-schen Krieg geboren wurde, im Jahr 1943. „Oh Tannenbaum“ in Baku, in einer sowjetischen Familie, kurz nach einem Krieg, der 20 Millionen Sowjetbürgern das Leben gekostet hat? Woran liegt es, Oktay muellim, dass die Aserbaidschaner die Deutschen so verehren, ja sie geradezu kritiklos idealisieren? Liegt es auch daran, dass dieser Krieg nicht bis ans Kaspische Meer gekommen ist?


„Der Krieg ist ja doch bis Baku gedrungen, wenn auch in anderem Format. Wir hatten Hun-ger, die Heizung hat nicht funktioniert, viele Aserbaidschaner sind an der Front gestorben. Und letztlich ist der Krieg wohl sogar auf Abscheron entschieden worden. Das Bakuer Erdöl hat 70 Prozent der sowjetischen Panzer, Autos und Flugzeuge angetrieben. Natürlich wollte Hitler Baku erobern. Es gibt Filmaufnahmen, in denen man sieht, wie Hitler eine große Torte in Form der Halbinsel Abscheron präsentiert wird. Die Schokolade darauf symbolisierte unser Öl.“

Doch das erklärt nicht, warum uns einfache Leute hier mit „Heil Hitler!“ grüßen und es freundlich meinen. Und warum wir studierte Aserbaidschaner kennen, die Mein Kampf für ein großartiges Buch halten? „Ich kann das auch nicht verstehen. Deren Kopf tickt anders als meiner. Ich habe nie eine positive Einstellung zu Hitler gehabt und trotzdem meinen Bruder bewundert, der verwundet aus dem Krieg zurückkam, aus Berlin sogar, und dann hier eine Deutsche geheiratet hat, eine von unseren Deutschen, eine geborene Reich. Diese Geschichte gefällt mir sehr. Die erzähle ich gern.“

Eine von unseren Deutschen, damit meint Mir-Qasim eine der 23.000 im Jahr 1941 in Aser-baidschan lebenden Kaukasiendeutschen. Sie waren Nachfahren der Schwaben, die sich ab 1817 mit Genehmigung von Zar Alexander I. im Südkaukasus ansiedelten. Helenendorf – heute Göygöl – war die größte deutsche Ansiedlung in Aserbaidschan. In ihr spielt auch der Film. Wir sehen Oktay als deutschen Pastor und drei halbwüchsige Männer; Markus, Günther und Salman. Die Wehrmacht hat soeben die Sowjetunion überfallen, nun erscheinen Rotarmisten in diesem Winkel, von dem die Front noch weit ist. Auf Geheiß Stalins vertreiben sie alle Deutschen, die nicht mit Einheimischen verheiratet sind, nach Kasachstan und Sibirien. Zu ihrer Erfassung suchen die Russen einen Dorfbewohner als Assistenten. Markus meldet sich und wird zum Kollaborateur. Er entblößt einen Aserbaidschaner, der das deutsche Waisenmädchen Maria als seine Schwiegertochter ausgibt, um sie vor der Deportation zu retten. Maria muss auf den Treck, Markus bleibt er zur Belohnung erspart. 

Als Anna 2011 Oktay Mir-Qasim erstmals traf, gab er ihr eine ernüchternde Beschreibung der heutigen aserbaidschanischen Filmzunft. „1968 kehrte ich vom Regie-Studium am Moskauer Institut für Kinematographie zurück. Die Menschen grüßten mich damals in der Stadt. Künstler waren bekannt und angesehen. Heute rempeln die jungen Leute uns Alte auf der Straße an, wenn wir ihnen nicht rechtzeitig aus dem Weg gehen. Sie wollen nicht mehr Künstler werden, sondern Businessmen oder Rechtsanwälte.“

Im Film findet sich dieser Befund bald wieder. Die Jungen heutzutage seien „Buchhalter und kalte Fische“ sagt der inzwischen gut 80-jährige Günther, längst in Deutschland lebend, über seinen Enkelsohn Richard. Dessen geplante Hochzeit hält er für ein „genial durchdachtes Geschäft“, bei dem es nur darum ginge, das vom Großvater versprochene Geld für den Kauf einer Tankstelle zu kassieren. Daraus macht Günter nun seinerseits einen teuflischen Ablasshandel. Um nicht bald „in der Hölle braten zu müssen, weil ich meine letzten Pflichten vor der Vergangenheit und der Zukunft nicht erfüllt habe“, schickt er Richard nach Aserbaidschan. Er solle seinem alten Freund Salman eine letzte Botschaft überbringen. Und er soll Markus finden, lebendig oder tot, und ihm wahlweise in das Gesicht oder auf das Grab spucken, um Günters letzte Schulden zu begleichen, „jene große Bürde, die auf meinen Schultern lastet“. Um Vergeltung geht es jetzt also, um Rache, diesen klassisch-globalen Tragödienstoff von Homer über Hamlet bis zu Dürrenmatts Besuch der alten Dame.
Warum, Oktay muellim, nun auch in ihrem Alterswerk?

„Wie jeder typische Aserbaidschaner vertrage ich Verrat sehr schlecht. Und ich habe in meinem Leben viel davon über mich ergehen lassen. Jedesmal habe ich dann mit diesem Rachegefühl gelebt. Aber immer, wenn das Objekt meiner latenten Rache erkrankte, starb oder anderes Unglück erlitt, schämte ich mich für dieses Gefühl. Ist das paradox?“ Wir fragen uns vor allem: Ist es wirklich nur eine kleine private Geschichte von Markus‘ Verrat und Günthers Rachedurst, die der Meister der Metaphern uns hier zeigt in einer der seltenen – mehr als 5 bis 6 pro Jahr sind es nicht - und deshalb mit Staatsräson oft aufgeladenen aserbaidschanischen Filmproduktionen? Seine Landsleute, ein vor 20 Jahren durch Verlust und Vertreibung aus Nagorni Karabach kollektiv gedemütigtes Volk, werden nach ihren Deutungen suchen. Mir-Qasim indes lässt sich nicht vereinnahmen. „Ich habe noch nie einen Film auf Bestellung gemacht. Und ich mache nie so etwas wie Propaganda. Jedenfalls nicht nach herkömmlichem Verständnis. Meine persönliche Propaganda, ja die betreibe ich natürlich. Ich propagiere die Idee der großen gesellschaftlichen Familie, die möglich ist auch unter Menschen verschiedener Nationalität.“ Er sagt es auf Deutsch: „Die Welt ist meine Heimat.“ 

Wir müssen natürlich auf Dieter Hallervorden zu sprechen kommen, der im Film den alten Günther spielt. Wie kam es dazu? „Die Filmvorbereitungen zogen sich hin, es gab finanzielle und organisatorische Probleme. Den Günther sollte eigentlich der Schauspieler Heinz Krückeberg spielen, wir hatten schon Probeaufnahmen mit ihm gemacht. Doch dann fiel er tragischerweise ins Koma und wir konnten nicht abwarten. Gott – nein, es war keine Agentur, es war Gott! – schickte mir dann Dieter Hallervorden.“

Die Dreharbeiten fanden in Aserbaidschan, Georgien und Deutschland statt, im kleinen Ört-chen Buckow in der Märkischen Schweiz. 220.000 Euro hatte der Produzent nur für die in Deutschland spielende Handlung veranschlagt, viel zu viel für Mir-Qasimos Budget. Um zu sparen, drehte er die Szenen in Günthers Wohnung bei sich zu Hause. So sieht man also Dieter Hallervorden alterskauzig im Rollstuhl durch Mir-Qasims Bakuer Schlafzimmer kreiseln. An der Filmpremiere wird Dieter Hallervorden nicht teilnehmen können, auch für ein Gespräch ist er nicht erreichbar. Auf einem Schiff zeigt er gerade an zehn Tagen sein Solo-Programm. Per e-mail lässt er liebe Grüße an Oktay Mir-Qasim ausrichten. Er denke sehr gern an die schöne Zeit in Baku zurück; Dreharbeiten und Regisseur seien ihm in angenehmer Erinnerung.

1943 war Asadullah Mir-Qasim zum letzten Mal Vater geworden, mit 60 übrigens. Zwei Jahre später wird er Präsident der Akademie der Wissenschaften Aserbaidschans. Zwei weitere Jahre später fällt Parteichef Baghirov auf, dass dieser Kader nicht Mitglied der Kommunistischen Partei ist. In öffentlicher Versammlung legt er Oktays Vater den Aufnahmeantrag vor. Dieser unterschreibt nicht. 50 Jahre, nachdem er die Koranschule verlassen und dafür den Bruch mit seinem Vater in Kauf genommen hatte, gibt er zur Erklärung an: Ich glaube an Gott. Keine 15 Minuten später ist Asadullah Mir-Qasim, der einst die Madrasa verließ, um sich den empirischen Gesetzen zu widmen, nicht mehr Präsident der Akademie der Wissenschaften. Auch sein Sohn ist ein gläubiger Mensch geworden, fest davon überzeugt, dass es nur einen Gott gibt. „Als der polnische Papst Johannes Paul II. krank war, bin ich mit meiner Frau in die Kirche gegangen und habe gebetet, dass er nicht stirbt. Ich habe ihn sehr geliebt, vor allem für seine Internationalität.“

Auch die Aufsässigkeit des Vaters hat sich vererbt. Zu Sowjetzeiten habe er gelegentlich eine Staatsflagge abgerissen, einmal sogar in Budapest, erzählt Oktay. „Ich war Dissident. Jetzt… – würde ich mich eher als Sozialist bezeichnen. Ich mache mir Sorgen um die gesellschaftliche Balance.“ Da ist er in Lenins einstigen Ländereien nicht der einzige. Wir kennen einige Vertreter der alten Intelligenzia, die die flotte deutsche Pragmatiker-Formel Jünger als 30 ist und nicht links? Kein Herz! Älter als 30 und noch immer links? Kein Verstand! heute nur noch in ihrer Umkehrung für sich gelten lassen würden.

Dass das Gespräch dann viel zu schnell vorbei ist, müssen wir uns selbst zuschreiben. Wir haben Oktay auf einen Fehler im Filmplakat hingewiesen – ‚von‘ ist mit ‚f‘ geschrieben. Das ist dem Sohn eines Germanophilen peinlich. Er muss jetzt los, die Sache klären. Aber dann kann er doch nicht gehen, ohne nicht noch einmal eine Liebeserklärung abgegeben zu haben: „Ich liebe Deutschland wirklich sehr! Unter uns, ein Geheimnis: London ist für mich die Hauptstadt der Welt. Das kann ich nicht erklären, ich bin ein Poet. Ich liebe London aber nicht annähernd so wie die kleine Stadt Buckow in Deutschland. Mir gefällt Berlin sehr. Ich schätze Paris, aber ich habe es nicht so lieben können, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich liebe Los Angeles nicht. Aber ich liebe sehr Mexiko. Und ich liebe gar nicht: Dubai. Dahin muss man nicht reisen.“

Sunday, February 23, 2014

NEW BOOK: Georgian Foreign Policy: The Quest for Sustainable Security (facebook.com)

(facebook.com) Konrad Adenauer Foundation and Georgian Institute of Politics are proud to present the new book Georgian Foreign Policy: The Quest for Sustainable Security, a multi-author volume with insights and analysis on the challenges and prospects of Georgian foreign policy.

There will be an official book launch on February 24 at 16:00 at the First Building at Ivane Javakhishvili Tbilisi State University, located at 1 Chavchavadze Ave.

Contributing authors include Ghia Nodia (Ilia University), Stephen Jones (Mt. Holyoke College), Kornely Kakachia (Tbilisi State University), Zaur Shiriyev (Caucasus International), Mamuka Tsereteli (Johns Hopkins University), Dr. Neil MacFarlane (Oxford University), and many others. The book will be offered for free to all interested in obtaining a copy (first come, first serve).

The Hon. Tedo Japaridze, Chairman of the Parliament Foreign Relations Committee, will offer his remarks.

Thursday, February 20, 2014

FILMPREMIERE: Dokumentarfilm "Constructing Sochi" - 20.02.2014¨, 20:15 Uhr im Babylon Berlin-Mitte

Am 20.02.2014¨, 20:15 Uhr im Babylon Berlin-Mitte

Constructing Sochi / Dokumentarische Langzeitbeobachtung / 73Min / 2014 / Russisch mit UT / Regie: Steffi Wurster / Kamera: Eugen Schlegel, Steffi Wurster / Schnitt: Steffi Wurster / Aufnahmeleitung: Alexander Bundtzen / Produzent: Jakob Rühle / Produktion: Sinafilm Produktion

Die Winteroympiade 2014 katapultiert den Schwarzmeer-Kurort Sotschi in eine neu gebaute Realität. Territorien werden besetzt und umdefiniert, Landmassen verschoben, als sei die Landschaft eine animierbare Spielwelt. Im Namen des Sportevents findet eine Neuverhandlung von Grenzen und Inbesitznahme von Raum statt.

Die Imeretinskaya Bucht - zukünftiges Herzstück der Winterspiele in den Subtropen - bildet das Zentrum der Langzeitdokumentation.

Innerhalb kürzester Zeit wird eine über Jahrzehnte gewachsene Struktur vom Masterplan der Spiele abgelöst. Im großen Stil, auf "Neuland" werden Eisstadien, Hotels und neue Strände geschaffen, schwärmt der Bürgermeister. Doch auf dem "Neuland" der Bucht leben Menschen. Sie stehen den Planungen auf dem weißen Papier entgegen.

Über vier Jahre begleitet Constructing Sochi Pascha, Lena, Ludmilla und Volodja, die umgesiedelt werden. Aus ihrer Perspektive beschreiben die Aufnahmen die sukzessive Ablösung der Häuser und Felder durch Sport- und Wohnkomplexe in der Gleichförmigkeit der globalisierten Bauindustrie. Durch ihre Augen erfahren wir von ihrem Kampf für eine angemessene Entschädigung in einem von Willkür und fehlender Transparenz geprägten Prozess. Wir erleben ihre starken Verbundenheit mit dem Land und ihren Umzug in eine neu gebaute Siedlung "freiwillig unter Zwangsmethode", wie Pascha pointiert feststellt. Doch die netten Fassaden der neuen, komfortablen Häuser für die Umsiedler können über eine fragwürdige Zukunft nicht hinweg täuschen. Die Anwohner verbleiben ohne Ackerland und ohne Arbeit in einer ganz auf Tourismus setzenden, verbauten Bucht - ein Ende mit offenem Ausgang.

babylonberlin.de/neuerdeutscherfilm

Saturday, February 15, 2014

BUCHMESSE LEIPZIG: Schriftsteller aus und über Georgien bei Leipzig liest (leipzig-liest.de)

(leipzig-liest.de) - 13. März 2014


Die vergessene Mitte der Welt
13. März 2014 | 18:30
Mitwirkende: Stephan Wackwitz 
Veranstalter: S. Fischer Verlag Art der 
Veranstaltung: Lesung und Gespräch 
Beschreibung: Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan 
Ort: Apothekenmuseum, Thomaskirchhof 12, 04109, Leipzig (Zentrum) 
 Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan
Georgien und seine Nachbarländer Armenien und Aserbaidschan liegen am äußersten östlichen Rand Europas. Es sind uralte Kulturländer und zugleich höchst lebendige Staaten, die sich zwanzig Jahre nach ihrer Loslösung von der Sowjetunion auf einem kurvenreichen Weg in die Moderne befinden. Stephan Wackwitz erlebte in Georgien den Machtwechsel 2012, den Kampf um Demokratie und Menschenrechte, beobachtet, wie ein immenser Bauboom das Gesicht der Städte für immer verändert. Vor allem aber spürt er den besonderen Atmosphären im Herzen des eurasischen Kontinents nach, wo sich nicht nur Westen, Osten und Süden, sondern auch alle Zeiten magisch zu mischen scheinen

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Ich, Margarita
13. März 2014 | 19:00
Mitwirkende: Anna Kordzaia-Samadaschwili, Tim Mücke 
Veranstalter: Verlag Hans Schiler, Georgian Publishers & Booksellers Association (GPBA) , Ministry of Culture and Monument Protection of Georgia
Art der Veranstaltung: Buchpräsentation
Beschreibung: Die in Tbilisi, Georgien lebende Autorin, Übersetzerin und Kolumnistin, trägt aus ihren Geschichten vor.
Ort: Café und Restaurant Telegraph, Dittrichring 18–20, 04109, Leipzig (Zentrum)

Die in Tbilisi, Georgien lebende Autorin, Übersetzerin und Kolumnistin, trägt aus ihren Geschichten vor.
Ihre im vorliegenden Buch gesammelten Geschichten, die ausschließlich auf Deutsch veröffentlicht wurden, könnten jedoch überall spielen. Es gibt nichts gekünsteltes an ihren Geschichten. Dennoch schreibt Anna mit einem unterhaltsamen Humor, der den Lesern keine andere Möglichkeit lässt, als dass Leben gelassener zu nehmen. Die Autorin nimmt oft Pseudo-Intellektualität und neu entdeckte Religiosiät aufs Korn, ebenso wie die oft über- oder unterschätzte Kraft der "Ewigen Liebe" und der Traum einer perfekten Beziehung. 


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14. März 2014

Die russische Mauer
14. März 2014 | 18:30
Mitwirkende: Alissa Ganijewa
Moderation: Christiane Körner
Veranstalter: Suhrkamp Verlag, Literaturhaus Leipzig
Art der Veranstaltung: Lesung und Gespräch
Beschreibung: Die Geschichte vom Zerfall einer Gesellschaft, die zwischen ihren Extremen zerrissen ist.
Ort: Haus des Buches, Gerichtsweg 28, 04103, Leipzig (Süd) 

Die Geschichte vom Zerfall einer Gesellschaft, die zwischen ihren Extremen zerrissen ist.
Schamil, ein junger Dagestaner, der sich nach Verlust seines Verwaltungsjobs als Lokalreporter versucht, trifft die Redaktionskollegen in großer Aufregung an. Gerüchte über eine Mauer, die die Russen bauen, um den Kaukasus abzutrennen, machen die Runde. In der Stadt am Kaspischen Meer greift Unruhe um sich, täglich finden Versammlungen statt: Pro-islamische Demonstranten aus Kumykien und Streiter für ein »vereinigtes Lesgistan« debattieren über Grenzfragen, die Atmosphäre ist aufgeheizt. Angst liegt in der Luft.
Doch Schamil versucht, weiterzuleben wie bisher. Er treibt Kampfsport, rast mit Freunden im Auto durch die Stadt, tobt sich in der Disko aus. Wie betäubt sitzt er da, als Madina, seine Verlobte, ihm erklärt, sie werde den Schleier nehmen und einem salafistischen Kämpfer in die Berge folgen. Selbst nachdem es die ersten Toten gegeben hat und seine Kusine Assja, eine belesene junge Frau, ihn überreden will, mit ihr nach Georgien und weiter in den Westen zu fliehen, kann Schamil sein Zaudern nicht überwinden. Dann überstürzen sich die Ereignisse. 
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Die Kunst der Armenier im östlichen Europa

14. März 2014 | 17:00 – 17:30 Uhr
Mitwirkende: Marina Dmitrieva
Moderation: Stefan Troebst
Art der Veranstaltung: Präsentation
Beschreibung: Vorstellung neuer Buchreihe zur Kultur der Armenier in Polen, Rumänien, Moldova, Ukraine und Belarus.
Ort: Forum International Halle 4, Stand C503 
Vorstellung neuer Buchreihe zur Kultur der Armenier in Polen, Rumänien, Moldova, Ukraine und Belarus.
Der Band versammelt Beiträge von Kunsthistorikern, Bauforschern, Ethnologen und Historikern zur Rolle der Armenier in der Kunstgeschichte Zentral- und Osteuropas. Behandelt werden sakrale Malerei und illuminierte Handschriften, Architektur und Städtebau, Kunsthandwerk und Kunstsammlungen. Der geografische Rahmen umfasst die heutigen Staaten Polen, Ukraine, Belarus, Rumänien, Moldova und die Russländische Föderation.
Gibt eine Volksgruppe ihre Identitätselemente auf, die zur Migration gezwungen wurde? Wie gelingt es ihr, sich einem anderen Kulturraum zu adaptieren, sich dort zu akkulturieren? Und welche Kompromisse müssen dabei eingegangen werden? Die Kunst der Armenier Europas, Asiens und Afrikas gibt darauf aufschlussreiche Antworten. Denn schon seit dem Frühmittelalter wählten Armenier orthodoxe, katholische oder protestantische Umgebungen in diesen drei Kontinenten als Ansiedlungsorte. Als Händler oder Handwerker erhielten sie von den Aufnahmegesellschaften häufig Privilegien und Rechte, und als religiöse, christliche Menschen bauten sie dort ihre eigenen Kirchen. Sie brachten dabei Verhaltensformen, Kommunikations- und Integrationskompetenzen mit, die sie schon im Altertum, im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit in den multiethnischen und multikonfessionellen Umgebungen der großen Städte Kleinasiens und des Kaukasus erprobt hatten. Mit ihrer Ansiedlung im östlichen Europa seit dem frühen Mittelalter haben die Armenier auch ihre Kunst mitgebracht. Bedeutende armenische Kunstzentren gab es auf der Krim, in Galizien, insbesondere in Lemberg, in Siebenbürgen, der Moldau und der Bukowina. In kirchlichen Skriptorien verfassten armenische Mönche und Priester wertvolle Handschriften und verzierten sie mit großartigen farbenfrohen Illustrationen. Die von armenischen Künstlern geschaffenen Werke der Malerei, sakralen Architektur und Bauplastik spiegeln ihre multiethnische und plurikonfessionelle Umgebung wider, ohne dabei auf die ursprünglichen Traditionen des Mittleren Ostens und Kleinasiens zu verzichten. Die in verschiedenen Regionen Ostmittel- und Osteuropas erbauten armenischen Kirchen stellen in den meisten Fällen die Grundtypen armenischer Baukunst dar, reflektieren aber zugleich die in den Gastländern herrschenden Trends und Stile der Renaissance und des Barock. Auf der Suche nach nationaler Identität wurden Ende des 19. Jahrhunderts etliche armenische Museen gegründet. Sammlungen armenischer Kultur entstanden in Armenierstadt in Siebenbürgen, in Lemberg in Galizien sowie in Bukarest in der Walachei. Die meisten von ihnen haben den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt.
Nach 1990 suchten die Armenier in Ostmittel- und Osteuropa erneut nach ihren kulturellen Wurzeln. Die neu gegründeten bzw. reorganisierten Museen und kulturelle Institutionen dienen als Orte des kulturellen Gedächtnisses. 
  
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Der Geschmack von Asche
14. März 2014 | 20:00
Mitwirkende: Silke Brohm, Beso Chwedelidze, Anastasia Kamarauli, Luka Kamarauli, Manana Tandaschwili
Veranstalter: Georgisches Kulturministerium , Georgian Publishers & Booksellers Association (GPBA) , Leipziger Literaturverlag
Art der Veranstaltung: Lesung 
Beschreibung: Der georgische Autor ist besonders bekannt für seine brillianten, surrealistischen Kurzgeschichten, die von den Absurditäten des Alltags in einer sich fortlaufend verändernden Gesellschaft inspiriert werden.
Ort: Café und Restaurant Telegraph, Dittrichring 18–20, 04109, Leipzig (Zentrum)

Der georgische Autor ist besonders bekannt für seine brillianten, surrealistischen Kurzgeschichten, die von den Absurditäten des Alltags in einer sich fortlaufend verändernden Gesellschaft inspiriert werden.
Zum ersten Mal liegt hiermit in deutscher Sprache eine Auswahl von Erzählungen dieses Meisters der georgischen short story vor. Chwedelidzes Texte überraschen durch ihre surrealen Wendungen, die von der absurden Wirklichkeit eines Lebens im gesellschaftlichen Umbruch inspiriert sind. So nehmen in der Erzählung Schwalben die namenlosen Figuren ER und SIE ihr Leben selbst in die Hand und lassen sich nichts mehr vorschreiben. In Der Geschmack von Asche wird wird aus einem High-Society-Journalisten ungewollt ein Kriegsreporter, dessen Notizbücher nun Interviews mit Soldaten, Verletzten und Geiseln sowie die Briefe an seine Mutter füllen. Ob eine Rückkehr in das zivile Leben noch möglich ist, bleibt ungewiß, denn – so die unerwartete Schlußpointe – nur den Toten gelingt es, diesem Inferno zu entfliehen.
„Ich will mich einfach hinlegen, einschlafen, und das Ganze soll aufhören. Wenn ich aufwache, will ich an einem anderen Ort sein, ganz woanders, wo die Dinge nicht so sind wie hier. Ich habe hier nichts mehr verloren. Mutter, wo ist Gott?“
In dialogreicher Sprache, die eine nahezu soghafte Unmittelbarkeit des Erzählten bewirkt, spannt Beso Chwedelidze den Bogen vom Politischen zu den Begebenheiten des Alltags und Zwischenmenschlichen. Große Erzählkunst im kleinen Format! Beso Chwedelidze: geb. 1972 in Tbilissi, studierte Journalistik, Kulturmanagement und Drehbuch, arbeitete als Redakteur der Literaturzeitschrift Literaturuli palitra, veröffentlichte Erzähl- und Gedichtbände sowie Romane, mehrfach mit literarischen Preisen geehrt u.a. 2003 mit dem Saba-Nationalpreis für Literatur, zählt zu den erfolgreichsten Autoren des heutigen Georgiens. 
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15. März 2014

Der Geschmack von Asche
15. März 2014 | 11:00 – 11:30 Uhr
Mitwirkende: Silke Brohm, Beso Chwedelidze, Manana Tandaschwili
Veranstalter: Leipziger Literaturverlag , Georgian Publishers & Booksellers Association (GPBA) , Ministry of Culture and Monument Protection of Georgia
Art der Veranstaltung: Buchpräsentation
Beschreibung: Der georgische Autor ist besonders bekannt für seine brillianten, surrealistischen Kurzgeschichten, die von den Absurditäten des Alltags in einer sich fortlaufend verändernden Gesellschaft inspiriert werden.
Ort: Forum International Halle 4, Stand C503 

Der georgische Autor ist besonders bekannt für seine brillianten, surrealistischen Kurzgeschichten, die von den Absurditäten des Alltags in einer sich fortlaufend verändernden Gesellschaft inspiriert werden.  
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Ich, Margarita
15. März 2014 | 12:00 – 12:30 Uhr
Mitwirkende: Anna Kordzaia-Samadaschwili, Tim Mücke
Veranstalter: Georgian Publishers & Booksellers Association (GPBA) , Verlag Hans Schiler
Art der Veranstaltung: Buchpräsentation
Beschreibung: Anna Kordsaia-Samadschwili (1968), ist eine in Tbilisi, Georgien, lebende Autorin, Übersetzerin und Kolumnistin. Die im vorliegenden Buch gesammelten Geschichten, die ausschließlich auf Deutsch veröffentlicht wurden, könnten jedoch überall spielen, da es nichts gekünsteltes an ihren Geschichten gibt.
Ort: Forum International Halle 4, Stand C503 

Anna Kordsaia-Samadschwili (1968), ist eine in Tbilisi, Georgien, lebende Autorin, Übersetzerin und Kolumnistin. Die im vorliegenden Buch gesammelten Geschichten, die ausschließlich auf Deutsch veröffentlicht wurden, könnten jedoch überall spielen, da es nichts gekünsteltes an ihren Geschichten gibt.
Dennoch schreibt Anna mit einem unterhaltsamen Humor, der den Lesern keine andere Möglichkeit lässt, als das Leben gelassener zu nehmen. Die Autorin nimmt oft Pseudo-Intellektualität und neu entdeckte Religiosiät aufs Korn, ebenso wie die oft über- oder unterschätzte Kraft der "Ewigen Liebe" und der Traum einer perfekten Beziehung. 
 
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Einzigartiges Bildungsprojekt für junge Illustratoren
15. März 2014 | 12:30 – 13:00 Uhr
Mitwirkende: Karalaschwili Otar
Veranstalter: Georgian Publishers & Booksellers Association (GPBA) , Ministry of Culture and Monument Protection of Georgia, Book Art Center Georgia
Art der Veranstaltung: Präsentation
Beschreibung: Virgam Virtual Publishers ist ein Workshop für Kunststudenten in Tbilisi, Georgien.
Ort: Lesecafé buch + art Halle 3, Stand G603 

Virgam Virtual Publishers ist ein Workshop für Kunststudenten in Tbilisi, Georgien.
Teilnehmer erstellen illustrierte Bücher und bieten sie Verlegern an. Mehr als 30 Bücher, die von Nachwuchskünstlern gestaltetet wurden, werden in Leipzig gezeigt.
Link >>>
   
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Bewegte Zeiten, bewegte Beziehungen: Eine unverwechselbare Stimme aus Bulgarien
15. März 2014 | 14:30 – 15:00 Uhr
Mitwirkende: Georgi Gospodinov, Dorothea Mladenova
Moderation: Hana Stojić
Veranstalter: Traduki
Art der Veranstaltung: Lesung und Gespräch
Beschreibung: „Physik der Schwermut“ – der neue Roman von Georgi Gospodinov
Ort: Traduki-Südosteuropa-Forum Halle 4, Stand D507 

„Physik der Schwermut“ – der neue Roman von Georgi Gospodinov
„Physik der Schwermut“: Der Erzähler von Georgi Gospodinovs zweitem Roman leidet an übergroßer Empathie: er kann und muss sich in alles und jeden einfühlen und erlebt dann, was diese anderen erleben ob das nun sein Großvater am Beginn des 20. Jahrhunderts war, der kleine in ein Labyrinth weggesperrte Minotauros oder eine Schnecke, die gerade verschluckt wird. Aus zahlreichen kurzen poetischen Kapiteln komponiert Gospodinov einen melancholischen Roman, der wie oft bei Melancholikern amüsiert und überrascht, und unterstreicht damit nachhaltig seinen weltliterarischen Rang. Seine Vergegenwärtigung altgriechischer Mythen ist ebenso denkwürdig wie seine Erinnerung an 40 Jahre bulgarischen Kommunismus.  

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Über Grenzen sprechen - Internationaler Dramenwettbewerb für Osteuropa
15. März 2014 | 17:00 – 17:30 Uhr
Mitwirkende: Khatuna Khundadze, Christian Papke
Veranstalter: Georgian Publishers & Booksellers Association (GPBA) , Ministry of Culture and Monument Protection of Georgia, Austrian Federal Ministry for European and International Affairs
Art der Veranstaltung: Projektvorstellung
Beschreibung: Das Schauspielensemble des Staatstheaters Nürnberg präsentiert das beste Theaterstück Georgiens als Siegertext.
Ort: Forum International Halle 4, Stand C503 
 Das Schauspielensemble des Staatstheaters Nürnberg präsentiert das beste Theaterstück Georgiens als Siegertext.
Dieses Literatur-Projekt entstand auf Initiative des Regisseurs Christian Papke und wurde 2013 u.a. in Zusammenarbeit mit dem georgischen Kulturministerium und der Theaterstiftung Tumanishvili umgesetzt. Als Idee steht hinter dem Projekt, Osteuropa über seine aktuellen künstlerischen Leistungen besser kennenzulernen und den Menschen zu ermöglichen, sich auf dem Wege der Kultur zu begegnen 

 
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Die innere Stimme– Leipziger Übersetzernacht. Originale, Übersetzungen, Kommentare
15. März 2014 | 20:15
Mitwirkende: Teresa Balté, Mechthild Blumberg, Beso Chwedelidze, Miloš Crnjanski, Anastasia Kamarauli, Luka Kamarauli, César Leal, Markus Sahr, Hein Semke, Maria Velho da Costa, Elvira Veselinović

Moderation: Silke Brohm, Viktor Kalinke
Veranstalter: Leipziger Literaturverlag
Art der Veranstaltung: Lesung und Gespräch
Beschreibung: Wer andere Sprachen hört, hat die Chance, sich selbst neu zu entdecken.
Ort: Kurt-Wolff-Depot / Kulturgenußladen, Brockhausstr. 56, 04229, Leipzig (West) 

Wer andere Sprachen hört, hat die Chance, sich selbst neu zu entdecken.
Wer andere Sprachen hört, hat die Chance, sich selbst neu zu entdecken. Der Leipziger Literaturverlag ist mit großem Abstand der internationalste Verlag ins Ostdeutschland. In diesem Frühjahr sind zu Gast Autoren und ihre Übersetzer aus Brasilien, Georgien, Ex-Jugoslawien und Portugal: Teresa Balté (Hein Semke), Elvira Veselinović (Miloš Crnjanski), Mechthild Blumberg (Curt Meyer-Clason, César Leal), Markus Sahr (Maria Velho da Costa), Anastasia und Luka Kamarauli (Beso Chwedelidze).
Gefördert durch das Serbische Kulturministerium, Belgrad, das Georgische Kulturministerium, Tiflis, die Generaldiektion für Bücher und Bibliotheken, Lissabon. 

BOOK REVIEW: Dagny or A Love Feast. By Zurab Karumidze (martinasblogs.blogspot.de)

(martinasblogs.blogspot.de) Dagny or A Love Feast (2011) is a dualistic compilation of fantasy and mythologized love, of the facts that are known entwined with conjecture and speculation: part history and part fiction.
A hundred and ten years ago in June 1901 after holidaying in Tbilisi for three weeks, a beautiful aristocratic Norwegian woman, Dagny Juel Przybyszewska, dies in her hotel room. It was just after lunch; she was fully clothed; a bullet entered the back of her head; she was 33 years old. That we know. We know little about the true events of that day, or indeed of Dagny herself. Her fellow Norwegian and artist, Edward Munch, who painted Scream, said of Dagny, “You had to experience her to be able to describe her.” Those that did describe her called her “the Queen of Berlin bohemia” in the 1890s.
Tbilisi, a hundred years ago, was in Russia (now Georgia), a cosmopolitan place – “a sort of small, modest Tower of Babel.” Dagny arrives by train from Berlin with her five-year-old son, Zenon (leaving her daughter behind), her ex-lover and French-Polish poet, Wincent Brzozowski, and her current companion, Wladyslaw Emeryk, a wealthy Polish businessman. Her husband Stanislaw (Stach), a talented Polish writer, whom she had left a year earlier, would join them in Tbilisi. Surely this combination of men in her life – son, ex-husband, ex-lover, and current lover, could not be a good omen.

The story of Dagny and what happened that fateful day is interspersed with another story, that of the Love Feast – the Agape, a half-religious, half-artistic event. Here the author “explores” literature, arts, and politics from a heady mixture of Shamanistic Art, Gnosticism, the linguistics of the Georgian language, Bach’s Art of the Fugue, magic, eroticism and culture – in an effort to determine the definition of love and death – “Love is as strong as Death.” Introducing real people of the day (such as a young Joseph Stalin who lives in Gori, near Tbilisi, and the Georgian poets Shota Rustaveli and Vazha-Pshavela) and fictitious characters, Karumidze shifts from themes to theories in his love feast, his “evolving involution of Love.”
The “novel” (for it is not a conventional novel) is sometimes colloquial – as if the author is sitting next to the reader explaining his thoughts and moods – and sometimes academic with footnotes on his sources and further readings. Readers may prefer one style over the other, although the average reader may be distracted and confused by the clash of narratives and stories. I would have preferred a more detailed investigation of Dagny in a fictional style, even with supposition and surmises, for a more fluid, suspenseful tale.
Also, the book cover I have (2011) is not as enticing as the 2014 edition in which a picture of Dagny appears in a painting by Konrad Krzyżanowski.

Friday, February 14, 2014

PODCAST: Sotschi 2014 - Schicksal der Tscherkessen ein Tabu. Manfred Quiring im Gespräch mit Christoph Heinemann (deutschlandfunk.de)

(deutschlandfunk.de) Der Austragungsort der Olympischen Spiele, Sotschi, war die letzte Hauptstadt Tscherkessiens. Bis das Volk von den Russen vertrieben wurde. Das sei ein Genozid gewesen, sagte der Historiker und Autor Manfred Quiring im Deutschlandfunk. In Russland sei das Thema ein Tabu. 

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Krasnaja Poljana: einst tscherkessisch besiedelt, jetzt ein Austragungsort der Winterspiele
Krasnaja Poljana: (picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)
Christoph Heinemann: In Berlin befindet sich ein Mann im Hungerstreik. Seit einer Woche und noch bis zum 23. Februar nimmt Schamis Hatko keine Nahrung zu sich. Und es ist kein Zufall, dass dieser Hungerstreik genau den Zeitraum der Olympischen Winterspiele umfasst, denn Schamis Hatko ist Mitglied der tscherkessischen Versammlung von Hannover. Die Tscherkessen leben überall, nur nicht in ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet - ein Ergebnis ihres hundertjährigen Krieges gegen die russischen Zaren, der im 18. Jahrhundert begann und 1864 mit der Niederlage und ihrer Vertreibung endete. Hunderttausende starben bei der Flucht übers Schwarze Meer. Seit dieser Zeit weigern sich Tscherkessen, Fisch aus dem Schwarzen Meer zu essen, in dem so viele Angehörige starben.

Das schreibt Manfred Quiring. Der ehemalige Korrespondent der Tageszeitung "Die Welt" in Moskau hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Der vergessene Völkermord: Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen". Ich habe ihn vor dieser Sendung gefragt, was der Austragungsort der Olympischen Winterspiele mit den Tscherkessen zu tun hat.

Manfred Quiring: Sotschi ist mit der Geschichte der Tscherkessen ganz direkt verbunden. Sotschi war die letzte Hauptstadt Tscherkessiens. Tscherkessien ist das Land, in dem die Tscherkessen lebten logischerweise, das heute auf keiner Karte mehr zu finden ist. Das ist getilgt von allen Karten. Sotschi bleibt dennoch die letzte Hauptstadt und die Küste von Sotschi bis hoch nach Anapa war die Küste, an der die Deportation der Tscherkessen stattfand in die Türkei.

Heinemann: Sie haben gerade die Deportation angesprochen. Inwiefern war der russisch-kaukasische Krieg ein Völkermord?

Quiring: Er war aus Sicht der Tscherkessen, der tscherkessischen Historiker, denen ich mich auch anschließe, ein Völkermord wegen der Brutalität, wegen der massenweise Ermordung von Menschen und der „ethnischen Säuberung“, und diesen beiden Ereignissen sind viele Hunderttausend Tscherkessen zum Opfer gefallen. Angesichts dieses Umfangs - der ist zu vergleichen sicher mit dem Schicksal der Armenier - kann man mit einiger Berechtigung von Genozid sprechen.

Heinemann: Wie kam es zu diesem Krieg und worum ging es?

Quiring: Der Beginn des Krieges wird auf das Jahr 1763 gelegt, als die Zaren eine Festung auf tscherkessischem Gebiet errichten ließen, die Festung Masdog, und von da an fanden regelmäßig Gefechte und Scharmützel statt, die sich nach und nach hochschaukelten und zu einem hundertjährigen Krieg ausarteten. Ziel der Zaren war es, zunächst den Zugang zum Schwarzen Meer zu sichern, um dann weiter auf das Osmanische Reich und auf Persien marschieren zu können. Da reichte anfangs die Überlegung, wir unterwerfen uns die Tscherkessen und die anderen kaukasischen Völker und dann gehen wir weiter vor, bis sie dann merkten, dass es mit der Unterwerfung nichts wurde, und schließlich sie den Beschluss fassten, die Tscherkessen aus den Bergen zu vertreiben, entweder sie zu vernichten, oder sie in die Türkei zu deportieren.

"Nach russischem Selbstverständnis war das ein Angriff auf Russland selber"

Heinemann: Wie wird dieser Krieg im heutigen Russland bewertet?

Quiring: Dieser Krieg wird in der Regel in der Öffentlichkeit überhaupt nicht bewertet. Wenn, dann ist das ein Nebenereignis, was kein großes Interesse öffentlich hervorruft, und im Zuge der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele war das Thema regelrecht Tabu, wie ich von Freunden aus Moskau hörte.

Heinemann: Inwiefern Tabu?

Quiring: Es war Tabu, darüber zu reden. Man wollte die fröhliche Stimmung der Olympischen Spiele nicht mit dieser trüben Vergangenheit belasten und gleichzeitig auch den Protesten, die ja stattfanden, vor allen Dingen in der Türkei, wo zwei Millionen Tscherkessen leben, die dort stattfanden, diesen Protesten wollte man keinen weiteren Raum bieten und hat sie weitgehend ignoriert.

Heinemann: Warum?

Quiring: Nach russischem Selbstverständnis war das ein Angriff auf Russland selber. Es war der Versuch ihrer Meinung nach, dass man die Olympischen Spiele auf diese Art und Weise stören wollte, und es war, aus ihrer Sicht immer wieder gesagt, auch völlig ungerechtfertigt, weil das ein Krieg wie jeder andere war aus Sicht der russischen Geschichtsschreibung.

Heinemann: War er aber nicht, würden Sie sagen?

Quiring: Das war er aber nicht.

Heinemann: Wie kam es noch mal genau zu dieser Brutalisierung dieses Krieges?

Quiring: Nun, er schaukelte sich natürlich von beiden Seiten hoch. Die Tscherkessen wollten nicht Untertanen des Zaren werden, sie wollten nicht die russische Orthodoxie annehmen und sie wollten vor allen Dingen nicht aus den Bergen heraus, was Ziel der russischen Armee war und der Kosaken. Man wollte die Tscherkessen zunächst in die Ebene treiben, um sie dort anzusiedeln, damit sie sich nicht in den Bergen verschanzen konnten, um gegebenenfalls den russischen Truppen in den Rücken zu fallen, die unten an der Küste Festungen errichtet hatten.

Heinemann: Sprechen wir über die tscherkessische Kultur. Ein wesentlicher Bestandteil der Kultur und der Lebensweise war ein fester Ehrenkodex. Wozu war jeder anständige Tscherkesse verpflichtet?

Quiring: Dieser Kodex heißt Adyge Xabze und verpflichtet einen Tscherkessen zu Mut, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Großmütigkeit und zur Bescheidenheit auch. Es galt als frevelhaft, wenn man mit seinem Reichtum prahlte und wenn man sich sozusagen gehen ließ. Man hatte stets beherrscht zu sein und musste gegenüber Frauen immer galant sein.

Heinemann: Siedlungsgebiet der Tscherkessen ist eine Schnittstelle, nämlich die zwischen Orient und Okzident. Inwiefern hat das die tscherkessische Kultur mit geprägt?

Quiring: Sie hat sie insofern geprägt, als die Kultur immer auch eine Kultur der kriegerischen Auseinandersetzung war. Schon Jahrhunderte bevor die Russen da unten ihre Interessen entdeckten, waren ja viele andere nomadisierende Heere dort durchgezogen. Die Hunnen waren dort unten, Timur Lenk hatte sein Heer …

Heinemann: Der berühmte Tamerlan.

Quiring: Tamerlan, richtig. Mit all diesen hatten die Tscherkessen natürlich kriegerische Auseinandersetzungen, mussten sich zum Teil in die Berge zurückziehen, kamen wieder in die Ebenen, wo sie ja ihre Viehzucht betrieben und ihre Pferdezucht, ganz berühmt die Kabardiner. Das prägte natürlich über die Jahrhunderte ihre sehr kriegerische Natur auch. Sie waren ständig mit dem Training beschäftigt, Reiterspiele fanden statt, und das prägte die Kultur ganz entscheidend.

Heinemann: Es gab aber schon Berührungen zwischen Russland und den Tscherkessen. Immerhin war eine Ehefrau Iwans des Schrecklichen eine tscherkessische Prinzessin.

Quiring: Ja! Die ersten Kontakte zwischen Tscherkessen und Russen waren ja auch nicht negativ, sondern man schloss Bündnisse. Die Tochter von Temrjuk, dem kabardinischen Fürsten, heiratete Iwan den Schrecklichen, Iwan IV., was eine dynastische Heirat war. Er wollte damit die südlichen Grenzen seines Reiches sichern und macht uns damit deutlich, welche große strategische Bedeutung die Region, aber auch das Volk der Tscherkessen hatten zu der Zeit.

Heinemann: Stalin war bekanntlich Georgier, insofern mit der Geschichte der Kaukasus-Völker vertraut. Wie erging es den Tscherkessen in der Sowjetunion?

Quiring: Die Tscherkessen in der Sowjetunion wurden erst mal territorial getrennt, was bis heute beibehalten wird und von russischer Seite als naturgegeben angenommen wird. Sie leben heute in Kabardino-Balkarien, sie leben in Karatschai-Tscherkess und sie leben in Adygeja. Adygeja ist die Bezeichnung für Tscherkessien, ihre eigene Bezeichnung. Sie nennen sich, die Tscherkessen nennen sich selbst in ihrer Sprache Adyge. In diesen drei territorialen, voneinander auch getrennten Einheiten leben sie heute. Es sind etwa noch 700.000 Tscherkessen, die in Russland leben, während es eine Diaspora von mehreren Millionen gibt, die verteilt ist auf die Türkei, auf den Nahen Osten und sogar in den USA lebt eine Gemeinschaft von etwa 8.000 bis 10.000 Tscherkessen. "Sie haben vor allen Dingen die Forderung nach historischer Gerechtigkeit"

Heinemann: Was verlangen diese Tscherkessen heute während der Olympischen Spiele?

Quiring: Sie haben vor allen Dingen die Forderung nach historischer Gerechtigkeit. Sie wollen, dass ihr Leiden, dass ihr Krieg und ihre Niederlage als solche als Trauertag und ein trauriges Ereignis betrachtet werden, und eine Hauptforderung der Tscherkessen heute besteht darin, das bedingungslose Rückkehrrecht durch Russland zu bekommen.

Heinemann: Ist Russland dazu und zur historischen Anerkennung bereit?

Quiring: Russland ist im Moment zu keinem von diesen beiden wesentlichen Punkten bereit. Die Historie schreiben sie selbst, schreiben die Sieger, so ist der russische Standpunkt, und sie haben kein Interesse, ein Opfervolk sozusagen zu beschreiben. Sie beschreiben den Sieg der Kosaken und der Zaren-Truppen, und das ist aus ihrer Sicht ein freudiges Ereignis gewesen, und damit wird es im wesentlichen belassen, obwohl es natürlich bei ernsthaften Historikern Anzeichen dafür gibt, dass sie das heute etwas anders sehen.

Heinemann: Auch bei russischen?

Quiring: Auch bei russischen, ja. Und das Rückkehrrecht möchten sie den Tscherkessen nicht einräumen, weil sie ohnehin im Kaukasus viele Probleme haben, Sicherheitsprobleme mit den anderen kaukasischen Völkern, insbesondere mit Tschetschenen, in Dagestan, Inguschetien. Sie befürchten, dass eine neue Gruppierung weitere Unruhe in den Kaukasus bringt.

Heinemann: Nach dem Terror aus Tschetschenien ja möglicherweise verständlich.

Quiring: Ja das muss man wirklich trennen. Der selbst ernannte Emir des Kaukasus, Doku Umarow, hat keine Verbindung zu den Tscherkessen. Das heißt, man muss das doch sehr sauber trennen, dass die islamistischen Kräfte, die sich im Untergrund mit Terroranschlägen dort bewegen, nichts mit den Tscherkessen zu tun haben, die zwar dem Islam anhängen, aber einer sehr liberalen Form des Islam und die Terrorismus grundsätzlich ablehnen.

Heinemann: Wie werden überhaupt die Menschen aus den kaukasischen Gebieten im heutigen Russland behandelt?

Quiring: Insbesondere in Moskau fällt es sehr auf, dass sie zwar sehr zahlreich dort vertreten sind, aber als Menschen zweiter Klasse betrachtet werden. Sie werden abfällig „Schwarzärsche“ genannt, regelmäßig angegriffen. Wenn man Schuldige sucht, sucht man Schuldige irgendwelcher kriminellen Unternehmungen in der Regel erst mal bei den Kaukasiern. Sie werden als Menschen zweiter Klasse dort behandelt.

Heinemann: Manfred Quiring, Autor des Buchs "Der vergessene Völkermord: Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen. 

Weiterführende Information

"Erste ethnische Säuberung in Europa" (Deutschlandradio Kultur, Thema, 03.02.2014)
Die Rechte der Tscherkessen (Deutschlandfunk, Europa heute, 03.02.2014)
Endstation Schwarzes Meer (Deutschlandfunk, Kultur heute, 07.01.2014)
Tscherkessen protestieren gegen Olympische Winterspiele in Sotschi  (Deutschlandfunk, Europa heute, 10.0.2012)

Thursday, February 13, 2014

NEUERSCHEINUNG: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan. Von Stephan Wackwitz (fischerverlage.de) - erste Lesungen in Tbilisi, Leipzig (Buchmesse), Berlin

(fischerverlage.de) Georgien und seine Nachbarländer Armenien und Aserbaidschan liegen am äußersten östlichen Rand Europas. Es sind uralte Kulturländer und zugleich höchst lebendige Staaten, die sich zwanzig Jahre nach ihrer Loslösung von der Sowjetunion auf einem kurvenreichen Weg in die Moderne befinden. Stephan Wackwitz, Leiter des Goethe-Instituts in Tiflis, erlebte in Georgien den Machtwechsel 2012 und beobachtet den alltäglichen Kampf um Demokratie und Menschenrechte. Er beschreibt, wie ein immenser Bauboom das Gesicht der Städte für immer verändert. Vor allem aber spürt er den besonderen Atmosphären im Herzen des eurasischen Kontinents nach, wo sich nicht nur Westen, Osten und Süden, sondern auch alle Zeiten magisch zu mischen scheinen.
 
Die vergessene Mitte der Welt»Die hier versammelten Stücke sind zwischen September 2011 und Juni 2013 in Georgien entstanden, einer Zeit, die hierzulande mehr und erstaunlichere Veränderungen mit sich gebracht hat, als man im Westen unter demokratischen Bedingungen für möglich hält. Besucher, die ein Jahr lang nicht mehr in Tiflis waren, erkennen das Straßenbild nicht wieder. Georgische Politiker, die 2011 fast allmächtig schienen, sitzen 2013 in Untersuchungshaft. Wir Bürger der reichen und freien Gesellschaften diesseits und jenseits des Atlantiks vergessen manchmal, dass Demokratie ein Experiment und der Ausgang von Experimenten offen ist. Der postsowjetische Transformationsprozess im Südkaukasus kann uns daran erinnern. Insofern ist dieses Buch nicht mehr als ein zeithistorischer Zwischenbescheid. Es besteht aus subjektiven Beobachtungen und Reflexionen eines ausländischen und sprachunkundigen fellow travellers während einer kurzen Etappe jener unsicheren und vielfältig gefährdeten Reise eines Landes, deren Ziele Demokratie und Moderne heißen. Ob und wie diese Ziele erreicht werden, ist nirgends ausgemacht. Und dauerhaft erreicht werden sie nie. Aber die georgische Gesellschaft ist aufgebrochen, und wenn ich mich auf meine politischen Intuitionen verlassen kann, war ich in den letzten beiden Jahren Zeuge der Selbstfindung eines neuen Mitglieds in der internationalen Familie der interessanten, widersprüchlichen, rührenden, neurotischen und kreativen Gesellschaften, die wir – wahrscheinlich in Ermangelung eines besseren Worts – als Demokratien bezeichnen.« Stephan Wackwitz

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Termine: 6 Termine erstmal
21.02.2014 Tbilisi (Europe House Georgia, 2 Shalva Dadiani St. 0105 Tiflis
13.03.2014 Leipziger Buchmesse, 3sat Kulturzeit: Glashalle, Empore
13.03.2014 Leipziger Buchmesse, Deutschlandradio: Glashalle, Stand 12
13.03.2014 Apothekenmuseum, Thomaskirchhof 12, 04109 Leipzig
14.03.2014 Leipziger Buchmesse, Das Blaue Sofa: Glashalle
02.04.2014 Literarisches Colloquium Berlin, Am Sandwerder 5, 14109 Berlin

Stephan WackwitzStephan Wackwitz, geboren 1952 in Stuttgart, studierte Germanistik und Geschichte in München und Stuttgart. Er leitet heute das Goethe-Institut in Tiflis, nach Stationen in Frankfurt am Main, Neu Delhi, Tokio, München, Krakau, Bratislava und New York. Neben zahlreichen Aufsätzen erschienen von ihm Romane (›Die Wahrheit über Sancho Pansa‹, ›Walkers Gleichung‹), autobiographische Bücher (›Ein unsichtbares Land‹, ›Neue Menschen‹) sowie die Reisebücher ›Tokyo. Beim Näherkommen durch die Straßen‹, ›Osterweiterung‹ und ›Fifth Avenue‹.
Mehr über Stephan Wackwitz »

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Hundertvierzehn | Essay - Die Treppen von Tiflis 
(hundertvierzehn.de) Stephan Wackwitz leitet seit 2011 das Goethe-Institut in Tiflis. Sein neues Buch ›Die vergessene Mitte der Welt‹ wirft einen ganz persönlichen Blick auf Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Am 21. Februar stellt er es in Tiflis vor. Für uns erklärt er, was Stuttgart und Tiflis verbindet.

Die trottoirbreiten Betontreppen, auf denen man die Abhänge von Tiflis besteigt, kennt man als Stuttgarter schon lange. Zwischen der Talsohle und den verschiedenen Hängen, Villenvierteln und Steillagen meiner in das mittlere Neckartal gleichsam ausgegossenen Heimatstadt entfaltet sich, ganz wie hier im Kaukasus, ein dichtes und halb klandestines Netz ehemaliger Weingärtnerpfade und -steige, die auf Schwäbisch übrigens »Staffeln« heißen. Die Erinnerung an diese seltsam inoffiziellen und traumhaften Durchstiege begleitet uns in der württembergischen Haupt- und Residenzstadt Geborene in die entferntesten Weltgegenden und bis in unsere geheimsten Träume. Was meinen eigenen Fall angeht, möchte ich sogar behaupten, daß ich mir die Schauplätze und Stationen meiner Lebensreise instinktiv nicht zuletzt danach ausgesucht habe, ob es in den Städten meiner Wahl so etwas wie Stuttgarter Staffeln gab.
   
Alle Photos von Stephan Wackwitz
Ein Spätsommernachmittag im Sommer 2003 zum Beispiel. Über die Karpaten und durch das dann immer steppenartiger in die ungarische Tiefebene auslaufende westslowakische Tiefland fuhr ich zum ersten Mal von Krakau nach Bratislava und hatte dann beim frühabendlichen Spazierengehen dort minutenlang das Gefühl, diese Stadt atmosphärisch nicht mehr von Stuttgart unterscheiden zu können. Es war mir selber ein bisschen unheimlich. Aber mein Entschluss, dringend in Bratislava leben zu wollen, war an jenem ersten Abend, nach einem österreichisch-ungarischen Abendessen und zwei Gläsern des Trnavaer Rotweins in einem der kleinen wienerischen Lokale der Altstadt, nicht mehr im Entferntesten rückgängig zu machen. Wobei die Staffeln, Treppen und Stiegen der Stadt mindestens genauso wichtig gewesen sind für diese dann schon gleich unwiderrufliche Stimmungslage wie das Abendessen und der Wein. Was ist das für ein Wahnsinn mit mir und diesen Treppen?
 
In Wirklichkeit sind gutes Essen, Wein, ein Fluss zwischen Berghängen und die Erschlossenheit dieser Landschaftsform durch Treppen vermutlich ein ganz altes Seelenaggregat. Genauer gesagt, ein 7000 Jahre altes. Der australische Kunstphilosoph Denis Dutton schildert in seinem Buch ›The Art Instinct: Beauty, Pleasure, and Human Evolution‹ ein Experiment, bei dem Menschen aus den verschiedensten Kulturen, vom Polarkreis bis zu den Tropen, aufgefordert wurden, eine Landschaft zu zeichnen oder zu beschreiben, die ein besonderes Wohlgefühl in ihnen auslöst. Unabhängig davon, woher die Versuchspersonen stammten, glich ihre Sehnsuchtslandschaft weltweit der afrikanischen Landschaft zwischen Wald und Steppe, von der die planetarische Wanderung des homo erectus vor zwei Millionen Jahren ihren Ausgang nahm. Da gibt es unabsehbares Grasland, Blumen, vereinzelte Bäume, lichte und überschaubare Wälder, Hügel, weite Perspektiven, Jagdtiere wie Hirsche oder Pferde, und ein Gewässer ist in der Nähe. Das ist die altsteinzeitliche Sehnsuchtslandschaft, die wir alle irgendwo in uns tragen (bei mir taucht sie in Träumen immer wieder auf).

  
Meine lebensalte Obsession mit Staffeln dagegen, mit dieser These will ich jetzt beherzt herausrücken, ist ein jungsteinzeitliches Gefühl. Fluss, Abhang und Wein haben unsere Vorfahren bei der Ausbreitung des Landbaus vom »fruchtbaren Halbmond« Mesopotamiens durch das Donautal nach Nordeuropa begleitet, und sowohl die Abhänge von Stuttgart als auch Bratislava oder Tiflis sind genau zu der Zeit besiedelt worden, als die Menschen lernten, mit Wein umzugehen. Die Treppe ist die Architekturform, die Fluss und Abhang zueinander bringt und eine unabdingbare Voraussetzung für eine bestimmte historische Konstellation von Landbau, Weinkultur und Siedlung darstellt: für die jungsteinzeitliche Siedlung auf halber Höhe über einem Gewässer. »Fast alle neolithischen Siedlungen lagen auf halber Höhe der Talhänge oder an den Terrassenkanten, nie unmittelbar am Grund der Täler (wo Steine im Boden liegen), aber auch nur in Ausnahmefällen mehr als ein paar hundert Meter vom fließenden Wasser der Bäche und Flüsse entfernt, denn Wasser war ja lebensnotwendig« (Hansjörg Küster: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa von der Eiszeit bis zur Gegenwart, München 1995). Staffeln sind so etwas wie das Realsymbol dieses sehr alten Siedlungstyps, und wenn ich mich in Bratislava so wohl fühle wie in Tiflis (ja manchmal sogar das Gefühl habe, in diesen Städten daheim zu sein), dann spiegelt sich darin eine Zeit, als in Stuttgart, Bratislava und Tiflis noch die gleiche Kultur herrschte, die Kultur der jungsteinzeitlichen Weinbauern nämlich. Eine Zeit, als diese Orte sich viel weniger voneinander unterschieden haben als heute. Und als neben Lehmhütten auch Leitern und Treppen entstanden sind (die älteste Treppe Europas stammt aus einem Salzbergwerk in Hallstatt, einer jungsteinzeitlichen Stadt zwischen Steilufer und See).

Landschaftsformen und Stadtlandschaften bringen historische Erinnerungen und Phantasmen herauf, die unser gegenwärtiges Seelenleben mit unvordenklichen Zeiten verbinden. »Die Alpenseen«, schreibt Ernst Jünger, »auch die nördlichen mit ihren Inseln wie der Reichenau und der Mainau, rufen ein Heimweh nach lang verflossenen Zeiten und ihrer Gesellschaft hervor. Sie hat wohl immer nur platonisch existiert. (…) Ich denke dabei (…) an eine friedliche Landschaft in vorkarolingischer Zeit. Für das tägliche Brot sorgten die Bauern, Winzer, Fischer und Jäger sowohl an den Ufern wie in den Tälern bis zur Schneegrenze. Der Boden ist fruchtbar; für das Handwerk bleibt besonders im Winter auf den Höfen genügend Zeit. Veredelung der Früchte und des Weines zählt zu den Obliegenheiten kleiner Klöster, ebenso die Heilkunst und alles, was mit der Schrift und dem Lesen zusammenhängt. Damit wird der einfache Mann nicht geplagt. Eine Harmonie, die selten erreicht wird – das lässt sich ausführen. Es ist in Romanen und Utopien geschehen. Verehrung durch Kultus und Kunst.«

   
Mein eigener Roman über die ursprünglichen Bewohner der Hügel des Bodenseeufers, des Neckarstrands, der Donauabhänge und der Berge über dem georgischen Mtkwari entfaltet sich in den Phantasmen, wie sie den einsamen Spaziergänger heimsuchen. Diese Träumereien führen ihn in seine Kindheit zurück und weit über sie hinaus in die Vergangenheit. Zum ersten Mal habe ich die bergige Stadtlandschaft von Tiflis als drei- oder vierjähriges Kind gesehen, auf dem Stuttgarter Killesberg, an der Hand meiner Mutter, wenn sie mit mir zur Haltestelle am Platz vor der Bundesgartenschau ging. In einer gelben Straßenbahn fuhren wir auf den gewundenen Straßen in die Stadt im Tal. Ein halbes Jahrhundert später konnte ich in Bratislava von meinem Schreib- und Lesesessel aus die von Villen dicht bestandenen Hügel der gutbürgerlichen Preßburger Wohnviertel der zwanziger und dreißiger Jahre im Wechsel der Wetterlagen, Tages- und Jahreszeiten betrachten. Sie zogen sich von der Burg am Donauhochufer, den Rand einer halbrunden Talsenke bildend, als Höhenzug dahin und verloren sich außerhalb meines Blickfelds in den Buchen- und Eichenwäldern der Karpaten.

Inzwischen lebe ich in Tiflis. Es ist Samstagmorgen. Dort drüben auf den Hügeln, die ich aus meinem Fenster sehe, werde ich heute Nachmittag wieder spazierengehen. Ich werde Villen, Baracken, Straßen, Treppen, Kirchen und Gärten sehen, von denen sich Ausblicke in das weite, sommerlich löwengelbe Tal eröffnen, auf die Hügel im Mittelgrund und auf die Fünftausender in der Entfernung. Überraschende Perspektivwechsel ergeben sich nach dem Aufstieg über lange Treppen zwischen weinlaubüberwachsenen Mauern und silbergrau verwitterten Holzzäunen. Eine Biegung in der gepflasterten kleinen Straße, hinter der jeden Moment (glaubt man in der träumerischen Geistesverfassung, die einsames Steigen und Gehen hervorbringt) der pazifische Ozean auftauchen muss, man scheint schon die Nebelhörner zu hören. Aber dann ist doch nur wieder eine neue Höhe erreicht, und eine Weile geht es, am Rand eines steileren Abhangs, ebenerdig weiter. Manchmal gerät man in einen Wald. Dann wieder steht man am Rand eines Felsabbruchs. Und überall begleiten dich in enzyklopädischer Formenvielfalt die Spontanarchitekturen, die hier auf jedem denkbaren Hanggrundstück gebaut worden sind, von Hütten aus Sperrholz und Wellblech bis zu historistischen Traumschlössern, wilden Jugendstilphantasmagorien und sachlichen Bauhauskuben.

Mir ist beim Spazierengehen auf den Höhen über Tiflis seither oft zumute, als hätte jemand den Stuttgarter Killesberg, die Karlshöhe, die Weinsteige und die Birkenwaldstraße durch einen Mixer gedreht und hier, am Abhang des Kaukasus, wo man weit in die gewaltige Landschaft hinaussieht, wieder ausgegossen. Und während ich dort im Licht warmer Septembersamstagnachmittage umherging – und später im Novembernebel, im ersten Schnee und an einem kalten Wintermorgen, der einen trotzdem schon den Frühling ahnen ließ –, habe ich wie unter einem Zwang versucht, mir die dramatische Biegung einzelner Straßen einzuprägen. Die Art, wie die Zweige eines Apfelbaums über die Stützmauer eines Gartens hinausragten. Wie die Staffeln dort aus manchen Blickwinkeln direkt in den Himmel hineinzuführen scheinen. Ich habe versucht, mir all jene Straßen und Gärten für immer klarzumachen, als würde, wenn ich das alles nur einmal innerlich ganz festhalten könnte, ich wieder jung und alles in meinem Leben wieder gut. Und dann bin ich hungrig geworden und über die Treppen von Tiflis wieder hinuntergestiegen ins Tal, wo eine der georgischen Kneipen auf mich gewartet hat und ein Essen, das ganz anders auch in der Jungsteinzeit nicht gewesen sein kann und in dem ich die Jahrtausende zu schmecken glaube im Brot, im Käse, im Gemüse, im gegrillten Fleisch. Und in einem oder zwei Gläsern des Weins, der zu dieser Landschaft gehört, zu dessen Bewirtschaftung die Treppen erfunden worden sind und in dem heute noch so etwas wie der Geist der Jungsteinzeit lebendig ist.


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