REPORTAGE (9):
Ballermann's Schwester!
Text von Patricia Scherer
Fotos von Patricia Scherer, Otogeo und Monika Trojanowska
Die Georgier haben ein gespaltenes Verhältnis zu den Russen. Da ist alles drin, Hass, Verachtung, Liebe, Abhängigkeit. Manchmal klingt der Abgesang auf die Sowjet-Zeit wie ein billiger Schundroman. Wer wen betrogen hat, wird nicht klar und das Drama ist in jedem Fall tränenreich und theatralisch, voller Anschuldigungen und kleinen Erpressungen, Sehnsüchten und Eifersüchteleien. Doch wenn es hart auf hart kommt, geht es ohne die vermaledeiten Russen nicht. Wer würde den georgischen Wein und das Borjomi-Wasser in Plastikflaschen trinken, wenn nicht die Russen? Und wer würde aus dem ganzen Industrieschrott Stahl machen? Und wer, wer würde für eine Komplett-Beschallung sorgen, auf dem Weg von Tbilissi nach Batumi in einem Zug, wenn nicht der gemeingefährliche Russe?

Seit nunmehr zwei Stunden starre ich gebannt auf diesen Monitor am Kopf unseres Abteils. Laut krächzend dröhnt übersteuert russischer Pop aus den Lautsprechern - es läuft MTV, Direktimport aus Moskau. Die Musik wird nach drei bis vier Liedern gewöhnungsbedürftig, doch die Videos sind bunt, schrill, ja schräg. Ich kann mich gar nicht satt sehen an so viel selbstkritischer Persiflage. Mein Begleiter hat sich längst demonstrativ die Kopfhörer seines i-pods in die Ohren gesteckt, und versucht nun gegen den Lärm und das familiäre Treiben im Zug mit geschlossenen Augen und nach innen gerichteter Meditation anzukämpfen, während sein Sitzlehne von hinten durch die Fußtritte einer verwöhnten Fünfjährigen malträtiert wird. Ich habe längst beschlossen, dass es ein sinnloses Unterfangen ist, den Geräuschpegel auszublenden.
Seit nunmehr zwei Stunden starre ich gebannt auf diesen Monitor am Kopf unseres Abteils. Laut krächzend dröhnt übersteuert russischer Pop aus den Lautsprechern - es läuft MTV, Direktimport aus Moskau. Die Musik wird nach drei bis vier Liedern gewöhnungsbedürftig, doch die Videos sind bunt, schrill, ja schräg. Ich kann mich gar nicht satt sehen an so viel selbstkritischer Persiflage. Mein Begleiter hat sich längst demonstrativ die Kopfhörer seines i-pods in die Ohren gesteckt, und versucht nun gegen den Lärm und das familiäre Treiben im Zug mit geschlossenen Augen und nach innen gerichteter Meditation anzukämpfen, während sein Sitzlehne von hinten durch die Fußtritte einer verwöhnten Fünfjährigen malträtiert wird. Ich habe längst beschlossen, dass es ein sinnloses Unterfangen ist, den Geräuschpegel auszublenden.
Die Georgier sind ein lautes Volk, und ich ergebe mich meinem Schicksal. Mein Blick haftet an russischem MTV, an bunten, grell geschminkten Frauen, die in Prilblumenmustern Butterbrote schmieren im Rhythmus des Pops. Fantastisch. Das Wort Butterbrot ist auch so ein Phänomen - es wurde aus Deutschland über Russland nach Georgien geschmuggelt und ist nun als "Butterbroti" in den georgischen Sprachgebrauch eingegangen. Welchen russischen Unterhändler man dafür nun beschuldigen könnte, ist wohl schwer auszumachen, aber sogar die georgische Sprache wird vom Bösewicht unterwandert. Ein unsäglicher Affront. Die Georgier selbst sind schon ganz irritiert durch die Russifizierung ihrer Sprache. Wenn ich sie in fließendem Georgisch anspreche, antworten Sie mir auf Russisch, ganz automatisch. Sie scheinen gar nicht zu merken, dass ich mit Ihnen in ihrer Landessprache spreche. Ich sage: Ich verstehe kein Russisch, ich spreche ein bisschen Georgisch. Ein Lächeln huscht über ihre Gesichter, sie sprechen mit mir in ihrer Muttersprache, doch dann beim Abschied, da ist es wieder: Doswedanja! Kein georgisches "Nachwamdis", kein Goodbye, Auf Wiedersehen, Salut - nein: Doswedanja! Natürlich, man kann ja die Sprache nicht für die Gräueltaten eines Stalin oder eines Putin verantwortlich machen, aber ist den alles Ausland auch gleich Russland? Also, gut, dann eben Doswedanja! Ich halte kurz inne, und überlege, ob ich mich gerade selbst zum Staatsfeind gemacht habe mit meiner russischen Erwiderung, und schreie noch ein "Kargad ichavit!" hinterher, was auf Georgisch soviel heißt wie: Lassen Sie es sich gut gehen.
Nach russischem MTV betritt Dolph Lundgren den Bildschirm und prügelt martialisch alle bösen Russen nieder. Die Meute im Zug kriegt es gar nicht mit, sie ist zu beschäftigt mit sich und ihren Liebsten. Neben uns sitzt eine georgische Elfe, die sich nun zum fünften Mal im Spiegelchen betrachtet und ihren Lidstrich nachzieht. Zwischendrin schreibt sie SMS an einen ihren Verehrer, der offensichtlich am Meer auf sie wartet. Die Mutter der Elfe, eine bildschöne Frau, deren Ebenbild die Elfe ist, erzählt der Großcousine dritten Grades väterlicherseits, die sie im Zug zufällig getroffen hat, die neusten Neuigkeiten - quer über den Gang zwei Sitzreihen weiter. Dolph hat sie inzwischen alle niedergemetzelt, blutüberströmt greift er nun zu den Fäusten um auch der letzten vernarbten Russenfratze den Rest zu geben. Ich frage mich, ob der Synchronsprecher, der diesen B-Movie ins Russische übersetzt hat, in einer tiefen Identitätskrise steckt. Die Bösewichte, die selbstverständlich Russisch sprechen, sie werden übrigens nicht synchronisiert. Dafür aber untertitelt, in Englisch. Vielleicht ist das ja der geheime Plan: Die russischen Bösewichte werden unterbewusst mit dem Englischen verbunden, und so ist die georgische Auffassung der Achse des Bösen bald in der Umkehrung begriffen. England, Australien und Amerika umspannen dann als Terrorgruppe den Erdball. Glasklar, eine gewiefte Strategie des KGB.
In Kobuleti - dem georgischen El Arenal - steigen sie alle aus: die Luftmatratzen, die Elfen und die tretenden Gören. Wir haben den Zug bis Batumi fast für uns. Erst jetzt fällt uns auf, dass der auf Schienen fährt. Das Fahrgeräusch und der Fahrtwind sind hörbar, nun wo auch Dolph Lundgren endlich alle abgeschlachtet hat. Gut, dass die ganzen unter 12-jährigen mit ihren Familien beschäftigt waren und abgelenkt vom Gemetzel des Muskelpakets, dass zu meinem Erstaunen in diesem Action-Streifen auch für die Regie verantwortlich ist. Eine ganz neue Art der Interpretation der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, sozusagen.
Im Rinnsal der Bäche, die aus den grünen Hügeln ins Meer fließen, dümpelt der Plastikmüll. Kühe stehen mitten in den menschlichen Überresten und versuchen mit wiederkäuender Geduld, die abgefressenen Maiskolben aus Plastiktüten zu befreien. Dabei bleibt der ein oder andere schmackhafte Bissen des Kunststoffes nicht aus und wahrscheinlich geben die Kühe nun die Milch in PET-Flaschen. Wie praktisch.
Demnächst die Fortsetzung auf http://georgien.blogspot.com/: Nach Moskau, nach Moskau... Drei Schwestern, oder hat man Tschechow in Tbilissi etwa schon vergessen?
Teil 10: Nach Moskau, nach Moskau...
Drei Schwestern, oder hat man Tschechow in Tbilisietwa schon vergessen?
Teil 8: Über Schichtköpfe und Spelze
Patricia Scherer in Georgia (Caucasus) photos
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Patricia Scherer
freie Journalistin
vom 15. Juli bis 30. September 2007
Barnovis Kutscha 39
0160 Tbilissi, Georgien
Tel. +995-32-982966
Mobil +995-95-764296
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de
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