Monday, September 24, 2018

KATALOGE: Kultur- und Literaturprogramm Herbst 2018 - Georgia Made by Charcters, Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2018

[georgia-characters.com] Möchten Sie Georgien hautnah erleben? Dann folgen Sie uns auf eine abenteuerliche Reise! Wir werden 33 Türen mit 33 Schlüsseln öffnen, 33 Berge und 33 Täler durchkreuzen, mit 33 Schiffen auf dem weiten Meer segeln, 33 Burgen erobern, aus 33 Irrgärten entkommen, 33 Lieder singen, 33 Brote backen, am 33. Tag Weinreben pflanzen und am Ende unserer Reise ein Buch mit 33 Buchstaben schreiben – ein Buch über die Geschichte der 33 Schriftzeichen, in denen sich Georgien uns offenbart.

Verzierungen, Piktogramme, Buchstabenformen, uralte Ornamente der Chewsuren – was Sie jetzt sehen, ist die Seele Georgiens. In dieser Vielfalt werden Sie den Zeitgeist unseres Landes spüren. Dies ist unsere Literatur, Musik, Architektur und Geschichte, unsere Vergangenheit und Gegenwart, erzählt mit eigentümlichen und geheimnisumwobenen Symbolen. Es sind Symbole, die Sie mit jedem Schritt neu entdecken und die Ihnen die unterschiedlichsten Geschichten erzählen werden.

Auf der HAUPTBÜHNE und der KLEINEN BÜHNE – GEORGIAN CHARACTERS werden die kulturellen und literarischen Hauptevents stattfinden. Georgische SchriftstellerInnen und KünstlerInnen, die die unterschiedlichsten Generationen und literarischen Stimmen repräsentieren, werden die Fragen erörtern, die für unser Land am wichtigsten sind. Der Slogan „Georgia – Made by Characters“ verkörpert das intensive Gefühl, das wir nach Frankfurt bringen wollen. Außerdem können Sie jederzeit einen Abstecher ins CAFÉ SUPRA unternehmen, wenn Ihnen der Sinn nach einem kleinen Imbiss steht. Hier können Sie die verschiedenen Geschmacksrichtungen der georgischen Küche und die georgischen Weine kennenlernen.

In der Ausstellung BOOKS ON GEORGIA können Sie den Geist des Buches spüren. Er wurde vom Wind hierher geweht, vielleicht sogar von einem Sturm. Und genau hier, im Auge des Sturms, werden Sie den Geist der georgischen Kultur verstehen – der manchmal bedächtig, manchmal leidenschaftlich, aber stets inspirierend ist. Geschichten über Liebe, Krieg, Abenteuer, Freundschaft und Tausende von Gedichten werden Sie begeistern. Hier können Sie Platz nehmen, sich ausruhen und eintauchen in eine andere Welt. Der Geist Georgiens wird auch auf den großen Leinwänden zu sehen sein: atemberaubende Naturaufnahmen, Darstellungen georgischer Buchstaben, alte georgische Film- und Theaterposter, Georgienfotos aus dem 19. Jahrhundert und Arbeiten des modernistischen Künstlers Petre Otskheli.

Im HUB OF REFLECTIONS, der auf sehr kunstvolle Art und Weise im Stile eines alten georgischen Veranstaltungssaals gestaltet ist, werden Fotos der georgischen Hauptstadt Tiflis, aufgenommen von der Agentur Magnum Fotos, ausgestellt. Die Fotografen von Magnum werden hier sowohl ihre Interpretationen der modernen ländlichen Kultur als auch Ansichten des alten Tiflis präsentieren. Die Ausstellung zeigt die langjährige Beziehung zwischen Magnum-Fotografen und dem Land Georgien im Allgemeinen sowie seiner Hauptstadt Tiflis im Besonderen. Sie umfasst einen Zeitraum von mehr als 70 Jahren und beginnt mit Aufnahmen Robert Capas, der Tiflis zusammen mit John Steinbeck im Jahr 1947 besuchte, dem Gründungsjahr von Magnum Fotos. Die Ausstellung endet mit den Martin Parrs neuesten Werken.

Der HUB OF SYMBOLS wird Veranstaltungen zu den Themen Schriftsatz und Schriftbild beherbergen. Monotypien helfen Ihnen, sich mit dem georgischen Alphabet vertraut zu machen. Sie können die verschiedenen Drucktypen ertasten und ihren Entstehungsprozess nachempfinden. An den Druckstationen können Sie georgische Buchstaben auf verschiedene Postkarten drucken lassen. Spüren Sie die georgischen Buchstaben und Symbole auf Ihrer Haut. Von 13 bis 14 Uhr werden unsere Illustratoren vor Ort sein, um Ihnen zu helfen, die georgischen Buchstaben zu verbinden und zu Wörtern im Aufklappbuchformat zusammenzufügen. Außerdem werden Sie die Gelegenheit haben, die wunderschönen Formen der georgischen Buchstaben mit Hilfe von Siegeln nachzuzeichnen.

Wie klingt die georgische Sprache? Manche der der Buchstaben sind nahezu unaussprechbar, manche schwer erträglich für das Ohr, während andere so sanft klingen wie ein Wiegenlied. Im HUB OF EMOTIONS können Sie die Sprache als atmosphärische Melodie spüren und außerdem in Videoinstallationen entdecken, wie sich die Menschen fühlen. Der Hub of Emotions ist ein interaktives audiovisuelles Erlebnis, in dem zeitgenössische Musik und Elemente georgischer Volksmusik verschmelzen. Die Musik folgt einem prozeduralen Muster, das durch die Bewegung der Menschen vor Ort gebildet wird. Jeder Ton, den Sie in der Installation hören, wurde vom gesprochenen georgischen Alphabet neu gesampelt, im Synthesizer bearbeitet und gemorpht. Das Bildmaterial des Hubs vermittelt jede menschliche Grundregung und ergänzt die akustische Komponente. Die großen Leinwände zeigen in Zeitlupe Videos über zeitgenössische georgische Schriftsteller – Experten für menschliche Gefühle. Ihre Mimik kann als Porträt des emotionalen Zustands unserer Nation betrachtet werden. Die in diesem Hub erzeugte audiovisuelle Atmosphäre wird ein wahrhaft einzigartiges Erlebnis für alle Besucher sein.

Am Ende der Reise werden wir die Formen der Schriftzeichen erforschen. Für die besonders Neugierigen haben wir sämtliche wichtigen Kräfte versammelt, die Georgien formen, und in ein visuelles Abenteuer verwandelt. Von der Geschichte über die Politik, vom Mythos zur Realität haben Georgiens führende Schriftsteller und Künstlers 33 herausragende Geschichten ausgewählt, um Ihnen Einblick in unser kollektives Unbewusstes zu gewähren. Entdecken Sie 33 GROSSE BUCHSTABENSKULPTUREN, die Ihnen weitere Geschichten darüber erzählen, was Georgien ausmacht. Denn „Georgien ist zwar ein kleines Land, aber Sie müssen einen tiefen Atemzug nehmen, wenn Sie es verstehen möchten. Georgien entwickelt sich nämlich nicht Schritt für Schritt, sondern eher Sprung für Sprung“ (Aka Morchiladze).


Programme und Kataloge:
Neuerscheinungen [georgia-characters.com]
Programm Herbst 2018 [georgia-characters.com]
Programm auf der Frankfurter Buchmesse 10 - 14 Oktober [georgia-characters.com]


New Publications [georgia-characters.com]
Program Autumn 2018 [georgia-characters.com]
Prgram Book Fair Leipzig [georgia-characters.com]

#PODCAST: Die Schriftstellerin Ana Kordsaia-Samadashvili - In ihren Romanen spiegelt sich das alte Tiflis. Von Mirko Schwanitz @dlfkultur

Ana Kordzaia-Samadaschwili (Foto: Ralph Hälbig)
[deutschlandfunkkultur.de] Georgien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse. Eine der prominentesten aktuellen literarischen Stimmen des Landes ist die Schriftstellerin Ana Kordsaia-Samadashvili. Sie hat mit einem Roman das Land ziemlich durcheinandergewirbelt.

Ein Morgen in der Tifliser Barnowstraße. Die Autorin, Übersetzerin und Kulturjournalistin Ana Kordsaia-Samadischvili wohnt Tiefparterre. Die Fenster gehen hinaus auf's leicht ansteigende staubige Trottoir. Drinnen im Halbdunkel ein Tisch, ein Bett, an der Wand ein Selbstporträt und Bilder aus Swanetien, einer Bergregion im Kaukasus.

"Mein Großvater war der letzte Priester von Swanetien in der sowjetischen Zeit. Und als Priester in der Sowjetunion war man das Letzte. Und wirklich alle Repressionen, die es in Georgien gab, liefen über den Kopf der armen Samadaschwilis."

Viele deutsche Worte in der alten Kommunalka der Familie

Ana Kordsaia-Samadishvili ist überzeugt, dass ihre Liebe zur Literatur aus der Familie dieses Großvaters stammt. Ihr Urgroßvater hatte die erste Grammatik für die Sprache des Bergvolks der Swanen verfasst, sein Sohn das erste Wörterbuch. In Ana Kordsaias Regalen befinden sich die Reste der Bibliothek des Großvaters, die die Familie über alle Wirren der Zeit retten konnte.

"In den Dreißigern hat man meinen Großvater öfter verschleppt. Und meine Großmutter hat ihr ganzes Leben niemandem erzählt, wessen Tochter sie war. Sie ist als Waisenkind aufgewachsen. Also: die Mutter erschossen, der Vater zweimal verhaftet. Also man erträgt manche Sachen nicht mehr. Na, wie soll ich sagen, so war das Jahrhundert, das 20. Jahrhundert."

Ana Kordsaia-Samadishvili wurde 1968 geboren. Sie wuchs in einem Tiflis auf, das es heute so nicht mehr gibt. In ihrer Kindheit wurde in der Familie swanisch, auf dem Hof hinter ihrem Haus kurdisch, armenisch, georgisch und russisch gesprochen.

Kommunalka nannte man die Wohnungen, in denen mehrere Familien lebten und sich Bad und Küche teilten. Dort hörte und erlernte sie auch ihre ersten deutschen Worte.

"Ja, das war eine klassische Kommunalka. Nur in meiner Wohnung - wir waren tausende dort, wie mein Vater sagte 'Legionen'. Sehr viele waren dort. Wir hatten dort einen Herrn Kuppel, einen Deutschen, der mir immer sehr streng sagte, 'Nicht georgisch! Nur deutsch!', sagte er. Seltsames Deutsch sprach der Mann. Es war sehr lustig."


Erst die Unabhängigkeit, aber dann der Nationalismus

Heute, mehr als 35 Jahre später ist das alles Geschichte.

"Dann passierte das, wovon eigentlich alle träumten: Alle träumten davon, dass Georgien unabhängig wird. Das Wort Nationalismus ist wahrscheinlich das Schlimmste, was die Menschheit sich ausgedacht hat. Und meine besten und liebsten Einwohner der Stadt Tiflis waren erschrocken und gingen weg, die Deutschen, die Griechen, die Kurden usw. usf. Für mich ist diese Stadt, die man auch heute so sehr multikulturell nennt, absolut monoethnisch geworden und uninteressant."

Vielleicht spiegelt sich deshalb in ihren Romanen und Erzählungen stets auch das alte Tiflis. Aber nur als Hintergrund und Spiegelbild ihrer Frauenfiguren, die allesamt aufbegehren gegen das in Georgien noch immer weit verbreitete Patriarchat. Auch deshalb gibt es Leute in der Stadt, die Ana Kordsaia für verrückt halten: Mein Gott, eine georgische Frau! Die schminkt sich, macht sich fein, wenn Besuch kommt. Aber sie!? Schert sich nicht um Konventionen. Empfängt im Morgenmantel, übersetzt Elfriede Jelinek, kritisiert ihr Land und geht noch immer gern in die von nackten Frauen bevölkerten alten Tifliser Bäder.

"Also es ist schon eine Schande, wissen Sie, in jedem Roman oder jeder Erzählung eine Frau aus dem Bad zu haben. Ich gehe dorthin, seitdem ich 16 geworden bin. Es gibt zwei konkrete Tabus: Ein Tabu ist die Sexualität und das andere Tabu ist komischerweise im 21. Jahrhundert das Christentum."

Ein Sturm der Entrüstung in der orthodoxen Männerwelt

Ana Kordsaias erster Roman "Ich, Margarita" gilt heute als Meilenstein in der georgischen Gegenwartsliteratur. Zum ersten Mal schrieb da eine in provozierender Schnoddrigkeit über weibliche Bedürfnisse. Und rief in Georgiens patriarchaler und orthodoxer Männerwelt einen Sturm der Entrüstung hervor. Bis heute ist Nichts vor dem derben und dennoch feinen Spott dieser Autorin sicher...

"Warum schreibt eine Frau? Warum muss eine Frau Schriftstellerin werden? Ja, warum? Ist sie hässlich, oder was? Hat sie keinen Mann? Ja, soll sie mit jemanden ficken! Was macht sie da überhaupt?"

Nun - sie schreibt, übersetzt auch Franz Kafka oder Cornelia Funke ins Georgische und unterrichtet an der Staatlichen Ilia-Universität eine neue erfolgreiche Generation von Autorinnen. Vielen ihrer einstigen Studentinnen wird sie in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse wiederbegegnen.

Ana Kordsaja Samadisvili: "Ich, Margarita"
Ins Deutsche übersetzt von Sybilla Heinze
Hans Schiler-Verlag, Berlin 2013
204 Seiten, 18,80 Euro

Ana Kordsaja Samadisvili: "Wer hat die Tschaika getötet"
Ins Deutsche übersetzt von Sybilla Heinze
Hans Schiler-Verlag, Berlin 2016
170 Seiten, 16,80 Euro


Mehr zum Thema
Eine Lange Nacht über Georgien - Das verunsicherte Paradies
(Deutschlandfunk, Lange Nacht, 06.10.2018)
Der weite Weg nach Westen - Georgiens Geschichte am Rande Europas
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 05.09.2018)
Ehrengast der Frankfurter Buchmesse - Georgische Literatur im Widerstand
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 17.09.2018)
Lyrik aus Georgien - "Fortgegangen bin ich ohne Rückfahrkarte"
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 31.08.2018)

Thursday, September 20, 2018

PHOTOGRAPHY: TBILISI PHOTO FESTIVAL 2018 CLOSING AT STAMBA HOTEL on September 20th!

Broken Sea

by Russian Georgia female photographers duo Nata Sopromadze & Irina Sadchikova

© Broken Sea by Nata Sopromadze & Irina Sadchikova 


Exhibition - installation

Opening at 18.30, Stamba Hotel.

+++

Salty Taste of The Black Sea 
                   



© Gueorgui Pinkhassov / Magnum Photos. Sokhumi, Abkhazia, Georgia 2009 


by Eric Baudlaire, Jonas Bendiksen/Magnum Photos, Family albums, Maria Gruzdeva, Yuri Kozyrev/NOOR, Justyna Mielnikiewicz/MAPS, Gueorgui Pinkhassov/Magnum Photos, Anna Dziapshipa, Thomas Dworzak/Magnum Photos, Anonymous Polish tourists’ photo archives, documentary movies from 70s, found footage.

Screening with live music accompaniment by Ben Wheeler

at 20.30 Stamba Hotel Amphitheatre.


www.tbilisiphotofestival.com
www.instagram.com/tbilisi_photo_Festival
www.facebook.com/tbilisiphotofestival
 

Wednesday, September 19, 2018

GROßES FEST: Supra - Georgische Tafel / Ein musikalisch-kulinarischer Abend nach kaukasischer Art in der Festspielscheune Stelzen mit dem Ensemble "Ananuri" aus Georgien am 22.09.2018 [stelzenfestspiele.de]

(stelzenfestspiele.de) Meisterköche aus Georgien zelebrieren traditionelle Speisen zur Musik des Neuen SalonOrchesters Leipzig und der Gruppe Ananuri aus Georgien. Dazu gibt es Akrobatik mit der mehrfach ausgezeichneten Artistengruppe Die Romanoffs, die bereits in der vierten Generation ihr Publikum begeistert.


Ort: Stelzenfestspiele Bei Reuth e.V., Stelzen Nr. 1,07922 Tanna - Festspielscheune







Die georgische Küche ist aufgrund der regionalen Vorlieben sehr abwechslungsreich und hat des Weiteren eine wichtige Bedeutung in der georgischen Gesellschaft. Dies wird vor allem bei einem Supra (auch Keipi genannt) deutlich, einer großen Tafel, bei der es einen sogenannten Tischmeister (Tamada) gibt, der das Geschehen am Tisch lenkt und Trinksprüche ausbringt. Unsere Meisterköche bringen u.a. diese Spezialitäten auf den Tisch:

Salate und Vorspeisen

Kirkaji - Salat von roten Bohnen mit Koriander
Ajapsandali - Aubergineneintopf
Rote Betesalat
Tomaten-Gurkensalat mit Walnuß und Koriander

Lobiani - mit Bohnenmus gefülltes Brot
Imeruli Khachapuri - imeretisches Käsebrot

Hauptspeisen


Mzwadi - georgischer Schaschlik
Chkmeruli - Hähnchen in Walnuß-Knoblauchsauce
Chinkali - gefüllte Teigtaschen

Dazu

Oliven Brot Tkemali - Pflaumensauce Jarkhlis Pkhali - Rote Betepaste
Konzertbeginn ist 18 Uhr, Küche ab 17 Uhr.

Im Preis von 25 € pro Person sind das Konzert sowie die Speisen enthalten. Getränke sind nicht inbegriffen.
Georgischen Wein und den berühmt berüchtigten Tschatscha wird es auf der Tafel in aiusreichenden Mengen geben!

Aufgrund der großen Nachfrage empfehlen wir, Plätze zu reservieren.




Mitwirkende

Ananuri
Kaukasische Polyphonien und Folk aus Georgien

Oberhalb des Shinwali-Stausees am Ufer des Flusses Aragwi, ca. 65 km von Tiflis entfernt liegt seit dem 13. Jahrhundert die Festung Ananuri an der historischen georgischen Heerstraße. Der Komplex umfaßt religiöse, weltliche und militärische Gebäude und trotzte über die Zeiten allen persischen und osmanischen Invasionen. Dieser Ort wurde 2007 auf der Liste der UNESCO Welterbestätten aufgenommen. Das Ensemble Ananuri gründete sich 1995 zunächst als kleine Formation unabhängiger Künstler und hat sich nach diesem historisch wichtigen Ort benannt. Seit 2002 arbeitet es als Oktett, zu dem seit 2004 auch zwei Musikerinnen gehören. Im Jahr 2000 veröffentlichte Ananuri seine erste CD und dann folgte 2004 eine weitere Aufnahme mit 14 georgischen Volksliedern. Ananuri gibt regelmäßig Konzerte in Georgien, aber auch in verschiedenen Ländern Europas und Asiens. Das Ensemble widmet sich vor allem den profanen georgischen Musiktraditionen, zu denen mindestens 15 regionale Stile zählen. Zu den ältesten Stilen gehört die berühmte polyphone Chortradition. Sie zeichnet sich durch Elemente freier Vokal-Improvisationen aus, da sie seit dem 17. Jahrhundert stark von der modalen persischen Musik beeinflußt wurde. Aber auch in der instrumentalen Musik Georgiens finden sich uralte persische Wurzeln: improvisatorische Elemente des Spiels und die Namen der typischen georgischen Instrumente verweisen auf direkte Nähe zu ihren persischen „Ahnen“. Seit dem 10. Jahrhundert ist die Panduri in Georgien bekannt. Diese dreisaitige gezupfte Schalenlanghalslaute wird im Osten Georgiens überwiegend zur Begleitung von Liedern und Tänzen gespielt wird. Der Name geht zurück auf die sumerische Bezeichnung für Langhalslauten pandur. Die seltenere georgische Langhalslaute tari mit einem tiefbauchigen Korpus ist eine Übernahme der persischen tar oder setar. Im 12. Jahrhundert werden schon die georgische Winkelharfe Changi (persisch: tschang) und die zweifellige zylindrische Röhrentrommel Doli (persisch: dabdabe) erwähnt.

Das Repertoire von Ananuri besteht aus polyphonen Liedern für drei Stimmen, begleitet von den Langhalslauten in verschiedenen Stimmungen Fanduri, Panduri und Chonguri, der Rohrflöte Salamuri, der kaukasischen Oboe Duduk und A-capella Stücken. In der georgischen Musik hat sich bis heute eine einzigartige Verbindung des georgisch-orthodoxen Christentums, das im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion erklärt wurde mit heidnisch-magischen Vorstellungen und Rituale erhalten, in denen der Glauben an Geister eine Rolle spielt. So spiegeln die kunstvoll faszinierenden Stücke von Ananuri auch Facetten solch uralter Bräuche wider, in denen Mächte der Totenwelt Opfergaben erbracht wurden oder andere mythische Legenden.

Zurabi Mirziashvili – künstlerischer Leiter Gesang, Fanduri, Bass Panduri, Salamuri, Doli Maia Mirziashvili – Gesang, Fanduri, Chonguri Zurabi Mirziashvili jr. – Gesang, Fanduri , Bass Panduri Roland Vacheishvili – Gesang, Salamuri, Duduk, Panduri, Chonguri











Romanoffs & Bojes
Deutschland

Die Darbietung ist mit viel Tempo und Spaß zu einem Cocktail aus der „Goldenen Zeit“ des Charleston verbunden. Gags und Humor mit Tellern auf Rollschuhen, wobei das Publikum nicht abseits steht. Solange die Teller reichen.

Die Romanoffs sind Artisten in der vierten Generation. Vater und Tochter zeigen eine seltene Ringstirnperch-Darbietung.

Ausgezeichnet als "Künstler des Jahres 2003 in der Sparte Artistik" "Varietepreisträger 2006" "Showpreis 2009"

Diverse Gastspiele in Japan, Frankreich, Schweiz, uvm ...

Neues SalonOrchester Leipzig
Leipzig

Im Sommer 2006 , nach einigen gemeinsamen stark umjubelten Konzerten entschlossen sich ein paar experimentierfreudige Musiker des Gewandhausorchesters und des MDR-Sinfonieorchesters , das „ Neue-SalonOrchester-Leipzig „ zu gründen, welches aufbaut auf den Erfahrungen vom Thüringer Salon-Quintett, dem SalonOrchester Leipzig, dem Strandorchester Cassa-blanca u.a.





Mit freundlicher Unterstützung vom Café Maitre in Leipzig, Kreissparkasse Saale-Orla & Paata Bolotashvili von "Weinland Georgien"

Tuesday, September 18, 2018

GESCHICHTE: Georgien. Baubezogene Kunst. Mosaiken der Sowjetmoderne 1960 bis 1990. Von Nini Palavandishvili und Lena Prents [dom-publishers.com]

Während die Bauten der Sowjetmoderne in ­Georgien schon seit einigen Jahrzehnten weltweit Anerkennung genießen, harrt die baubezogene Kunst dieser ­Epoche – die monumental-dekorativen Mosaiken – noch ihrer internationalen Entdeckung und Würdigung. Damals wie heute sind diese farbenprächtigen Mosaikbilder ein selbstständiger und dennoch un­trennbarer Bestandteil der Architektur in Georgien: Sie verweisen auf die Nutzung des jeweiligen Gebäudes, strukturieren seine Fassade oder verschmelzen gar mit ihm zu einem kunstvollen Ganzen. Gegenwärtig sind jedoch viele dieser Werke, die weit mehr als nur Träger staatlicher Propaganda waren, von der Zerstörung bedroht.

Diese Publikation ist die erste systematische Dokumentation dieser einzigartigen Relikte sowjet­georgischer Mosaikkunst. Kenntnisreich führen Nini Palavandishvili und Lena Prents anhand von Fotos und kurzen Essays durch die facettenreiche Welt der sowjetischen Mosaiken in Georgien, die im Vergleich zu anderen sowjetischen Orten eigene Besonderheiten aufweist. Indem sie auf dieses bemerkenswerte künst­lerische Erbe einer vergangenen Epoche aufmerk­sam machen sowie dessen Schönheit und kulturelle Bedeutung aufzeigen, plädieren sie zugleich nachdrücklich für seinen Schutz und Erhalt.

135 x 245 mm
280 Seiten
350 Abbildungen
Softcover

ISBN 978-3-86922-692-7

Mehr dazu >>>

LITERATURE: Aka Morchiladze & Nino Haratischwili about #Georgia - Made by Characters



72 Georgian Characters are presented by Georgian National Book Center in a special video within the project Georgia Guest of Honour at the Frankfurter Buchmesse 2018.

Aka Morchiladze and Nino Haratischwili, the key speakers of the project are talking about 15 century old history of Georgian literature and multinatural Culture

georgia-characters.com
facebook.com/GeorgienEhrengastFrankfurterBuchmesse2018
Georgia – Made by Characters - Frankfurt Book Fair [pdf]
zeitblatt.com/georgia-made-by-characters-der-ehrengast-der-frankfurter-buchmesse-2018
Georgia Made by Characters [flickr.com]
twitter.com/geo_characters

Thursday, August 09, 2018

LITERATUR: Ruska Jorjoliani: Du bist in einer Luft mit mir


[rotpunktverlag.ch] »Mit sieben war sie ein Flüchtlingskind in Tiflis. Mit 30 ist sie eine italienische Schriftstellerin, die ein nicht nur in literarischer Hinsicht überraschendes Buch vorlegt.«

La Stampa


Zwei Freunde, die russische Revolution, Verrat und der "graue Niedergang der großen Ideale" - das alles, dabei zwischen Zarenzeit, Revolution und den 50ern hin- und herspringend und mit einer ordentliche Prise Ironie gewürzt - verarbeitet die georgische Autorin Ruska Jorjoliani in ihrem Debütroman "Du bist in einer Luft mit mir". Lesen Sie hier einen Auszug.

Ruska Jorjoliani: Du bist in einer Luft mit mir
Roman
Aus dem Italienischen von Barbara Sauser
Rotpunktverlag, Zürich 2018. 216 Seiten, gebunden, 22 Euro
Erscheint am 23. Juli 2018

Mehr Informationen beim Rotpunktverlag

Klappentext: Dimitri und Viktor wachsen in Miroslaw auf, wo Pferdemistinseln die schlammige Hauptstraße zieren. Das kyrillische Abc lernen sie beim alten Diakon, Dimitri hat gern Metaphern, während Viktor Linien in sein Notizbuch kritzelt. Nach ihrer Studienzeit in Moskau hocken sie, nun Lehrer und Ingenieur und beide Nachwuchs erwartend, im Abstellraum des Schulhauses und gönnen sich täglich eine Partie Schach. Nur über die Revolution sind sie geteilter Meinung, und als Dimitri eines Tages das Leninporträt in hohem Bogen aus dem Fenster des Klassenzimmers wirft, wird sein Freund gegen ihn aussagen.

Dieses Verhängnis können die Kinder, Kirill und Sascha, die später wie Brüder sind und reden und sich kleiden wie ihr Lieblingsdichter Puschkin, nur erahnen. Aber einem von ihnen, schließlich in die Jahre gekommen und "Buchstabenhüter" an der Solschenizyn-Bibliothek, verdanken wir die Geschichte: Er erschafft mit dieser ironischen doppelten Familiensaga, die spielerisch zwischen der Zarenzeit, der russischen Revolution und dem "grauen Niedergang der großen Ideale" hin- und herspringt, ein neues literarisches Genre - und kann so doch noch die Hoffnung auf einen Dichter aus Miroslaw erfüllen.

Zur Autorin: Ruska Jorjoliani wurde 1985 in Mestia, Georgien, im Großen Kaukasus geboren. Anfang der Neunzigerjahre flüchtete die Familie vor ethnischen Säuberungen nach Tiflis, wo Ruska Jorjoliani, ausgehend von regelmäßigen Aufenthalten bei einer Gastfamilie in Palermo, später das italienische Gymnasium besuchte. Seit 2007 lebt sie fest in Palermo und hat dort ein Philosophiestudium abgeschlossen. Als sie mit italienisch verfassten Gedichten einen Literaturwettbewerb gewinnt, entscheidet sie sich, ihren ersten Roman, "Du bist in einer Luft mit mir" (2016), auf Italienisch zu schreiben - mit einem Gedichtanfang von Boris Pasternak als Titel.


Mehr:
twitter.com/ruskajorjoliani
facebook.com/ruska.jorjoliani

Wednesday, August 08, 2018

BOOK: Tbilisi – Archive of Transition. Klaus Neuburg, Sebastian Pranz, Wato Tseretelli et al. (Hg.)



[archiveoftransition.org] Tiefgreifende Veränderungen des Stadtbildes von Tiflis - Vielschichtige Dimensionen des Wandels - Sichtweisen der unterschiedlichen Beteiligten - Mit umfangreicher Fotodokumentation und Bildessays

Die georgische Hauptstadt erwacht gewissermaßen jeden Morgen mit einem neuen Gesicht. Ambitionierte Bauprojekte und ausländische Großinvestitionen verändern das Stadtbild von Tiflis kontinuierlich. Unter den Bewohnern führt diese unaufhaltsame Entwicklung zu einer anhaltenden Diskussion: Was soll erhalten bleiben und was darf dem Wandel unterliegen? Was steht zum Verkauf und was ist Allgemeingut? Was wollen wir erinnern und woraus schöpfen wir?

Stadtplaner, Architekten und Aktivisten erzählen, was die Veränderungen für sie und das Leben in der faszinierenden Stadt im Kaukasus bedeuten. Die ganz unterschiedlichen und eindrucksvoll bebilderten Beiträge dokumentieren unmittelbar den vielfältigen Wandel zwischen Festhalten an der Vergangenheit und Aufbruch in eine neue Zeit. (Quelle: niggli.ch/tbilisi-archive-of-transition)

Sebastian Pranz und Klaus Neuburg stellen Ihr neues Buchprojekt vor – einen ungeheuerlichen Blick auf die sich ständig verändernde Stadt Tbilisi.

"Over the past decade, Georgia has experienced a process of intense architekturransformation that is particularly reflected in its capital – where ambitious building projects and increased foreign investment has led to a sense of constant transformation stretching from the old town to the outlying districts. Attending to this transformation demands new discussion among the city’s inhabitants and raises important questions: What is to be preserved and what is to be destroyed? What can be owned and what belongs to everyone? What do we want to remember and what can be forgotten?

With the Archive of Transition, we set out to record different dimensions and velocities of change within the city. We talked to artists and cityplanners, architects and activists, priests and politicians, to understand what change means to all of them."


More:
soundcloud.com/episode-64-tbilisi-archive-of-transition 
sebastianpranz.de/archiv-des-wandels
uni-giessen.de/archive-of-trasition
stackmagazines.com/seeing-europes-future-streets-tbilisi

Saturday, August 04, 2018

#GeorgianWine: Amber Revolution. How the World learnded to love #OrangeWine. By Simon J Woolf - Review by David Crossley [wideworldofwine.co]

[wideworldofwine.co] Simon Woolf’s Amber Revolution fits firmly in that category, and has generated a massive amount of excitement already on social media since its publication a few weeks ago. A pic of its striking cover is almost as ubiquitous right now as a bottle of Ganevat (in this case it’s a good thing)

We often think of orange wines in connection with amphora, and specifically the Georgian qvevri, a clay vessel with a small aperture, traditionally buried in the ground, in which the wine more or less makes itself. What we should remember is that amber/orange wine is actually made in a range of containers, even including epoxy tanks and stainless steel.

Full text here ...

Amber Revolution – How the World Learned to Love Orange Wine is written by Simon J Woolf, with a Foreword by Les Caves’ Doug Wregg, who has probably imported significantly more different orange wines into the UK than anyone else has, or will. The book is published in The Netherlands by Morning Claret (www.themorningclaret.com) at €35/£30, and in the USA by Interlink Books, Northampton, Massachusetts ($35). I understand that wider UK and European distribution will be forthcoming within a couple of months, but contact Simon Woolf on the above link for sales enquiries in the meantime.
more:
twitter.com/simonjwoolf
www.themorningclaret.com/


Sunday, July 15, 2018

INTERVIEW: Die deutsch-georgische Autorin und Theaterfrau Nino Haratischwili über die "Sowjetmentalität" in Georgien. Mit Nino Haratischwili mailte Alexandra Kedves via @tagesanzeiger

Das ganze Interview: tagesanzeiger.ch


«Das Scheitern in der Fremde interessiert mich»

Die deutsch-georgische Autorin und Theaterfrau Nino Haratischwili erzählt, wie in Georgien die russischen Touristen geschätzt und gehasst werden und die Sowjetmentalität das Volk spaltet.

Mit ihrer Tochter spricht sie Georgisch wie mit ihrer Mutter. Aber ihre Werke schreibt die Wahl-Hamburgerin Nino Haratischwili auf Deutsch. Und das schon, seit sie an der deutschen Schule in Tiflis das Theater entdeckte und Stücke fürs Schulensemble verfasste. Davor hatte sie von 1995 bis 1997 mit der Mutter in Deutschland gelebt – damals, als in ihrer Heimat alles drunter und drüber ging. Mit 14 Jahren kehrte Nino Haratischwili zurück. In Tiflis studierte sie Filmregie und wechselte 2003, im Jahr der georgischen Rosenrevolution, an die Theaterakademie in Hamburg, wo sie heute lebt. Heimat und Fremde, Emanzipationsschritte und Verzweiflungssprünge – diese Themen lassen die ­Regisseurin, Dramatikerin und Prosa­autorin nicht mehr los.

2018 erhielt Haratischwili für ihre Theaterstücke und den über 1000-seitigen Roman «Das achte Leben (Für Brilka)» den Bertolt-Brecht-Preis der Stadt Augsburg. Zu Saisonende war am Pfauen ihr wilder Putzfrauenmonolog «Die Barbaren» zu sehen, in dem eine aus dem slawischen Raum eingewanderte Reinigungskraft sich über die neuen Flüchtlinge aufregt. Für die nächste Spielzeit ist eine weitere schweizerische Erstaufführung geplant. Nino Haratischwilis vierter, 750-seitiger Roman «Die Katze und der General» über den Zerfall des Sowjetreichs, die Folgekriege und die Sehnsucht nach Erlösung wird Ende August erscheinen.

Sie sind zurzeit in Georgien: Wie reagiert man da auf die russische Charme-Offensive via WM?

Der Grossteil der Georgier reagiert auf das meiste, was in der russischen Politik geschieht, negativ bis ablehnend. Dazu gehört auch die WM. Das Verhältnis zu Russland ist und bleibt schwierig, ­obwohl Georgien von russischen Touristen überschwemmt wird. Anscheinend zieht bei ihnen der Spruch: «Micheil Saa­kaschwili, der Erzfeind, ist weg, wir können da wieder Urlaub machen.» Offenbar hat Georgien für Russland nie auf­gehört, das sonnige Sehnsuchtsland schlechthin zu sein.

Wie ist es als «Sehnsuchtsland»?
Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, da ist erst mal egal, woher die Touristen sind. Aber es müssen die richtigen Akzente gesetzt, eine Vision für Georgien als Reiseland entwickelt werden. Das fehlt noch, meiner Meinung nach. Ein Beispiel: Fährt ein niederländischer Reisebus durch die georgischen Berge und trifft auf einen Bauern, der seine Waren anbietet, kaufen sie 1 bis 2 Liter Tschatscha (Grappa) und ein wenig von den Süsswaren. Aber die Russen steigen aus, kaufen 100 Liter Tschatscha und alle Süsswaren. Das ist für den Bauern zwar lukrativer, aber ich wünschte mir, dass Georgien auch in der Tourismusbranche Strukturen schafft, die ebenso viele Menschen aus dem Westen anziehen wie aus Nord und Ost.


In den Nullerjahren herrschte grosse Armut in Georgien.
 Gerade wirtschaftlich ist für mich wenig Veränderung spürbar, trotz aller Versprechungen seit der Unabhängigkeit von 1991. Der Tourismus floriert, und vor allem kulturell wurden grosse Schritte gemacht. Die junge kreative Szene pulsiert, man spürt eine Aufbruchstimmung. Das macht mich sehr glücklich, denn meine Generation war überwiegend von Stagnation geprägt. Aber wirtschaftlich gehts dem Grossteil der Bevölkerung schlecht. Die Arbeits­losigkeit ist nach wie vor hoch, und auch wer arbeitet, kommt kaum über die Runden, weil die Löhne so miserabel sind – ein zentrales Problem. Und es gibt ­immer wieder Protestaktionen, auch wegen den zahlreichen, oft tödlichen Arbeitsunfällen auf Baustellen und in Bergwerken. Ich hoffe, dass der Druck wächst und die Verantwortlichen zwingt, Menschenleben und Arbeitskräfte besser wertzuschätzen.

Lang nahmen Sie dem Land übel, dass es die Augen verschloss gegenüber der Vergangenheit. Wie geht Georgien heute damit um?
Von einer gesellschaftlichen Aufarbeitung kann kaum die Rede sein. Es ist leider noch so, dass Georgien die jüngste Vergangenheit nicht wirklich analysiert hat. Auch in der Schule fehlts am Hinterfragen. Aber es gibt zaghafte Versuche von Einzelnen und Institutionen. Vor allem Künstler nehmen sich Themen aus der jüngsten Geschichte vor.


Sie erlebten in der Kindheit Mangel und Bürgerkrieg. Prägte Sie das?
Ja, wie alle, die damals hier lebten. Aber ich war ein Kind, durch meine Familie geschützt. Man nahm vieles hin, weil man es nicht anders kannte. Und natürlich hatte man genauso Freude und Abenteuer wie Kinder aus Wohlstandsgesellschaften. Uns schützte quasi das Kindsein vor Bürgerkrieg und Wirtschaftskollaps. Für unsere Eltern war es weitaus schlimmer. Die Vorstellung, in jener Zeit für ein Kind sorgen zu müssen, finde ich aus heutiger Sicht fürchterlich. Ich vermute, die Tatsache, dass die Georgier so sehr im Heute leben, hängt stark mit damals zusammen. Man hat nie die Sicherheit, dass morgen alles noch genauso ist wie heute, und geniesst den Augenblick viel intensiver als etwa in Deutschland.


Man zählt Georgien auch zu den «defekten Demokratien» – zu Recht?
Da müsste man erst Begriffe klären. Vereinfacht gesagt: Georgien ist von einer zentraleuropäischen Demokratie noch recht weit weg. Doch das Bewusstsein geht in Richtung Zivilgesellschaft, bei den Jüngeren ist der Wille da. Politisch ist viel zu tun, schwierig gestalten sich auch Veränderungen bei den Älte­ren. Deren Mentalität ist noch sehr sowjetisch geprägt. Die Gesellschaft ist extrem gespalten, das spürt man im Alltag.


Was ist für Sie selbst heute Heimat?
Je älter ich werde und je öfter ich das gefragt werde, desto weniger weiss ich es. Die Sprache ist auf jeden Fall ein wichtiger Teil davon, aber nicht alles. Ich fühle mich im Deutschen nicht minder heimisch als im Georgischen. Wovon ich aber überzeugt bin, ist, dass Heimat etwas mit Selbstverständlichkeit zu tun hat. Man bewegt sich frei.


Sie schreiben auf Deutsch.
Georgisch ist und bleibt meine Muttersprache, ich spreche sie auch mit meiner kleinen Tochter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sie nicht beherrscht. Diese Sprache soll auch ein Teil ihrer Identität werden.


Um Identität kreist auch Ihr Werk.
Ich bin selbst Migrantin und beschäftige mich mit Migration und Weggehen. Wobei mich beim Stück «Die zweite Frau», das bald in Zürich inszeniert wird, wie auch in «Die Barbaren» das Scheitern in der Fremde mindestens ebenso interessiert hat. Das Nie-wirklich-Ankommen. Die Träume, die am neuen Land zerschellen. Diese zerrissenen Lebensentwürfe sind unglaublich traurig. Ich finde es auch wichtig, dass Figuren zur Sprache kommen, die normalerweise in der Gesellschaft keine Stimme haben. Es ist ein wenig erschreckend, dass post­migrantisches Theater nicht automatisch als Teil der Theaterlandschaft verstanden wird.


Was kann und soll Theater heute im politischen Diskurs leisten?
Ich finde es eher störend, wenn das Theater der Aktualität hinterherrennt, die Nachrichten auf die Bühne holen will. Bestünde darin die Funktion des Theaters, gäbs keine Zuschauer für «Die Orestie» oder «Hamlet». Für mich funktioniert Theater in der Übersetzung – die mach ich, bitte schön, als Zuschauer selbst. Das Theater sollte sich für meinen Geschmack mehr auf die Menschen zurückbesinnen: die Figuren, die Zuschauer im Menschsein abholen und nicht nur einen intellektuellen Diskurs anstreben. Die Emotionalität geht im Gegenwartstheater oft flöten. Schade, dass man die Kraft der Emotionen auch im politischen Sinn unterschätzt.


Und die kommunistische Idee von Brüderlichkeit überzeugt Sie nicht?
Liest man marxistische Thesen, stimmt man oft zu. Aber für mich bleibt es eine grosse Utopie. Für einen Sozialismus im besten Sinne müsste der Mensch anders sein, als er ist. Er dürfte nicht nach Macht streben und die eigenen Interessen an erste Stelle setzen, nicht habgierig sein und nach eigenen Vorteilen suchen. So wurde die Idee des Sozialismus binnen weniger Tage nach der Machtübernahme der Bolschewiki verraten.


In «Die Barbaren» beschwert sich eine ehemalige Flüchtlingsfrau über die neuen Flüchtlinge.
Die Idee zu «Die Barbaren» bekam ich im Zug, wo vor mir eine Ausländerin sass und lautstark über Flüchtlinge schimpfte. Es war eine absurde, fast komische Situation, da die empörten Deutschen sich nicht trauten, etwas zu sagen, da sie selbst eine Ausländerin war. Sie wiederholte ständig, ihr sei nichts geschenkt worden. Irgendwie fand ich diesen Gedanken furchtbar und zugleich traurig. Als wäre sie eifersüchtig auf die Flüchtlinge, die von ihrer Wahlheimat aus ihrer Sicht besser behandelt wurden. Als hätte sie nie die ersehnte Anerkennung in Deutschland bekommen, obwohl sie glaubte, alles richtig gemacht zu haben. Später stellte ich zu meinem grossen ­Erstaunen fest, dass gerade Ausländer oft extrem viele Ressentiments gegen Flüchtlinge haben.


Sie schöpfen aus der Wirklichkeit; wieso trennen Sie beim Schreiben streng vom Privaten?
Persönlich sind alle meine Texte, sie ­gehen mich alle emotional etwas an. ­Privat – also eins zu eins aus eigenem ­Erleben – würde ich aber nie etwas aufschreiben, denn das hiesse, meine Fantasie der Realität unterordnen zu müssen. Das ist es nicht, was mich beim Schreiben interessiert. Ich möchte verschiedene Leben durchleben können, mir etwa vorstellen, wie es ist, ein 60-jähriger Mann zu sein, der an den Kommunismus glaubt.


Hat sich seit Ihrer Ankunft 2003 viel geändert in Deutschland?
Natürlich verändern sich die Dinge permanent, das ist auch gut so. Die Menschen glauben immer, in den «extremsten» Zeiten zu leben. Die Sehnsucht nach früher ist nichts anderes als die nach der eigenen Jugend, dem Punkt im Leben, wo noch alles offen schien. Aber welche Zeit war denn bitte schöner und friedlicher als heute? Ich halte nichts von der ewigen Fokussierung auf «wie schlimm alles geworden ist». Klar, die nationalistischen Tendenzen haben europaweit erschreckend zugenommen. Man muss damit umgehen, nach Dialog suchen, auch wenn man vor jemandem steht, mit dem man eigentlich niemals auch nur ein Wort wechseln will. Die Verhärtung der Fronten ist keine Lösung. Was für mich eindeutig anders ist als 2003, ist der Riss, der durch die Gesellschaft geht. Die Mitte geht verloren, die entgegengesetzten Seiten driften immer weiter auseinander.

Saturday, July 14, 2018

EASTSPECTION: CAUCASIAN MOOD - eine poetische Dokumentation über Georgien und Armenien. Von Tomas Zebis & Tom Kretschmer

A poetic documentary through associative, subjective and emotional eyes of the transient and a journey through Georgia and Armenia – a world which might soon disappear. The film suggests the rapid changes and the loss of social values and inspires a reflection on Western culture.


Caucasian Mood I Teaser from eastspection on Vimeo. Full Version: vimeo.com


CAUCASIAN MOOD dokumentiert Stimmung pur. Maloche, Müßiggang und Wärme fließen dahin bis Idylle und Tristesse sich einen. Die kollektive Pause einer Weinernte im Schatten des einzigen Baumes. Saftige eingemachte Speisen werden aus der Zeitung gerollt und geteilt. Es wird gelacht und geträumt, junge Burschen vereint mit der Weisheit der Alten, Ursprünglichkeit und Seelenruhe.

Assoziative Ordnungsprinzipien lassen subjektive Bilder kaleidoskopisch verschmelzen und Raum und Zeit verschwimmen. Zurück bleibt eine Ambivalenz zwischen materieller Armut und menschlichem Reichtum. Der Film deutet die rapiden Wandlungsprozesse und den Verlust sozialer Werte an und inspiriert zu einer Reflexion über die westliche Kultur.



CAUCASIAN MOOD documents moods. To sweat something away, the idleness and a warmth flow until Idyll and tristesse become one. The collective break during a vintage in the shadow of the only tree. Food is being rolled out of newspaper and shared. They laugh and dream – young fellows united with the wisdom of the old folks – nativeness and peace of mind.

Associative ordering principles allow the kaleidoscopic merging of subjective images and make space and time become blurry. What remains is an ambivalence between material poverty and human wealth.

Links:
eastspection.com/caucasian-mood
eastspection.com/armenia
eastspection.com/georgia

Die Faszination für die Länder der heutigen postsozialistischen Staaten ist die Triebfeder für ihre gemeinsamen Projekte. Es ist der Wunsch die rapiden Wandlungsprozesse in Bildern festzuhalten und somit eine Reflexion über die westliche Kultur anzuregen. Dabei steht der Mensch im Mittelpunkt.

Tom Kretschmer: seit 1976 in Ostberlin sozialisiert, studierte nach seiner Ausbildung zum Fotografen visuelle Kommunikation. Er experimentiert als freischaffender Künstler zwischen Fotografie, Grafik und Film. Sein erster poetischer Dokumentarfilm über den sich im Wandel befindlichen Bahnhof Ostkreuz gewann international zahlreiche Preise.

Tomas Zebis: wurde 1980 in der Tschechoslowakei geboren. Bereits sechs Jahre später erfolgt die Republikflucht mit anschließender Emigration in die BRD. Der studierte Kommunikationsdesigner ist als freischaffender Videodesigner und bildender Künstler tätig. Eine geistige Verwandtschaft zu den Flaneuren des 20. Jahrhunderts ist nicht zu leugnen.

E-Mail: hi@eastspection.com

Thursday, July 12, 2018

VORTRAG: Hundert Jahre Aufnahme deutsch-georgischer diplomatischer Beziehungen. Zwei Vorträge zum Zentennium von Philipp Ammon. via @TabulaRasaJena

Philipp Ammon
(tabularasamagazin.de) Am 9. Juni stellte Dr. Dieter Boden, ehemaliger Leiter der OSZE-Mission und UNOMIG in Georgien, im Potsdamer Lepsiushaus sein im Ch. Links Verlag erschienenes Buch über Georgien vor: weder ein Memoirenbuch noch ein Reiseführer – ein Länderporträt, das sich aus langjähriger Erfahrung und Begegnungen mit Kunst, Natur und Persönlichkeiten des Landes speist.

Spätestens seit dem am 7./8. August 2008 einsetzenden Olympiakrieg, als Präsident Saakaschwili den Rat von Condoleeza Rice vom 10. Juli mißachtete, "die Finger von der Kanone" zu lassen und die im Tagliavinibericht der EU etwas dezenter umschriebene "grenzenlose Dummheit" beging, die russische Garnison in Zchinwali zu beschießen und den Russen so, wie erhofft, ins Messer lief, sei Georgien den meisten ein Begriff. Nach der Rosenrevolution 2003 hatte der Mittdreißiger das Land euphorisiert, indem er die kleine Korruption bekämpfte und auf einen Schlag 18000 Milizionäre entließ. Doch er lieferte nicht, wozu jeder Politiker verpflichtet sei: Stabilität. Seit 2012 regiert nun der Georgische Traum des Oligarchen Iwanischwili, der in Rußland ein Milliardenvermögen erwarb. Seit dieser im November 2013 als Premier zurücktritt, bekleidet der Landesherrscher kein Regierungsamt mehr, doch sei seit seiner Übernahme des Vorsitzes des Georgischen Traums im Mai eine Rückkehr ins Amt nicht ausgeschlossen. Der bis zum 13. Juni amtierende Premierminister Kwirikaschwili diente zuvor als Direktor von Iwanischwilis Kartubank, aus der sich auch andere Regierungsmitglieder rekrutieren. Der populärste Mann Georgiens sei heute Patriarch Elias II., der in der Bevölkerung eine Zustimmungsrate von 90% genieße. Als Saakaschwili in seiner späten Amtszeit zum Neujahrstag nicht mehr in der Sameba-Kathedrale erschien, wozu er protokollarisch verpflichtet gewesen wäre, und seinen Präsidentenpalast in die Sichtachse des Patriarchen auf die Kathedrale baute – gegenüber Boden nannte der Patriarch dies eine "naglost" (Unverschämtheit) – bereitete dies nicht unwesentlich sein politisches Ende vor. Art. 9 der Verfassung betont die tragende Rolle der Kirche für das Land, welche neben der Sprache stets Träger der Identität gewesen ist. Auf Initiative Elias II. begehen die Georgier den 17. Mai als Tag der Reinheit der Familie. Während des Augustkrieges hielt der auch in Rußland hochgeschätzte Patriarch die Tür für Gespräche offen. Obwohl Georgien und Rußland heute keine diplomatische Verbindungen unterhalten, sei die religiöse Verbindung stark.

Die Stabilität Georgiens hänge nicht zuletzt von der Stabilität der kaukasisch-nahöstlichen Region ab, welche auch angesichts des Trends der internationalen Politik, Konflikte einzufrieren, statt sie ausgleichend zu lösen, prekär bleibe. Um ein kriegerisches Wiederaufflammen von Konflikten zu vermeiden, versuche man heute, an diesen möglichst nicht zu rühren und betrachte Friedensverträge nicht mehr als primäres Ziel. Man versuche vielmehr, Konflikte durch wirtschaftliche Beziehungsnetze entschärfend einzubetten. Mit einer Million russischer Touristen, die Georgien jährlich besuchen, verbänden die Georgier die Hoffnung, daß der Konflikt von 2008 nicht wieder ausbreche. Die Verhandlungsbemühungen um die Sezessionsgebiete des Landes seien zwar gegenwärtig nicht sehr aussichtsvoll, doch anders als an der armenisch-aserbaidschanischen Demarkationslinie des Waffenstillstandes, wo monatlich auf beiden Seiten etwa zehn Tote zu beklagen sind, ruhen in Georgien die Waffen. Trotz der Besatzung großer Landesteile bestünden im georgischen Volk jedoch keine Ressentiments gegen Russen, man trenne scharf zwischen Kultur und Politik, und es sei ein Elend, daß die selbstverständliche Kenntnis des Russischen nicht mehr als Geschenk wahrgenommen werde. 2010 erklärte ein Erlaß Saakaschwilis das Englische an allen Schulen zur ersten Fremdsprache, das Russische zur Fakultativsprache. Dies beschneide die Möglichkeit der Verständigung nicht nur mit den nördlichen Nachbarn, sondern auch mit den kaukasischen Nachbarvölkern in der russica lingua franca caucasica, in der sich die von der Hauptstadt ernannten Gouverneure des südgeorgischen Samzche-Dschawachetien mit der Viertelmillion Armenier, welche die Russen im 19. Jh. an der dschawachischen Militärgrenze ansiedelten, bis heute noch verständigen können.

Daß die Armenier in Abchasien nicht nach Tbilissi orientiert seien und der russische Außenminister Lawrow mütterlicherseits Armenier sei, dürfe für die georgisch-armenischen Beziehungen nicht unterschätzt werden. Seit die Eisenbahnverbindung von Erewan nach Sotscha im Sezessionsbürgerkrieg von 1993 unterbrochen wurde, sei Armenien auf georgische Unterstützung angewiesen. Die Verbindung sei zwar nicht herzlich, doch partnerschaftlich.

Angesichts seiner militärischen Ohnmacht wirke Georgien heute durch die von Joseph Nye als soft power bezeichnete kulturelle Ausstrahlung, durch Renommée gleich Frankreich oder Italien. Die Geigerin Batiaschwili und die Pianistin Buniatischwili bespielten weltweit Konzertsäle, in denen die Kompositionen Kantschelis ebenso wie die atemberaubenden georgischen polyphonen Gesänge erklängen, die die Unesco zum Weltkulturerbe erklärte. Solche Strahlkraft übte Georgien schon zu russischen Zeiten aus, als Sowjetmenschen auf ein georgisches Jenseits hofften und Tifliser KP-Chefs versuchten, das für sowjetische Verhältnisse großen Freiraum genießende Land durch die Geschichte zu manövrieren. Als 1978 ein Moskauer Kritiker das georgische Kino als unsowjetisch verriß, sorgte Schewardnadse, seit 1965 Innenminister und 1972 Parteichef Georgiens, für dessen Entlassung. Auch widersetzte er sich der Abschaffung des Georgischen als konstitutionelle Landessprache. Durch Gespräche mit dem Politbüro erreichte er die Erlaubnis, in Georgien den die Glasnost einleitenden Film Monanieba (Reue) zeigen zu dürfen, der auf einer deutschen Montagsdemonstration im Oktober 1989 die Forderung "Reue zeigen" inspirierte. Außerhalb Georgiens befinde sich die größte Sammlung georgischer Filme im Arsenal zu Berlin.

1981 feierten die Georgier den europäischen Fußballpokalsieg Dynamo Tbilissis über CS Jena als nationalen Triumph und verfrühte Bekundung des Unabhängigkeitswunsches. Bekannter als Dynamo ist heute der von Inter Mailand für 16 Mio. € erworbene Kacha Kalandadse, dem seine Vertrautheit mit Iwanischwili einen Wechsel vom Fußball in die Politik erlaubte, zunächst als Energie- und Vizepremierminister, heute als Bürgermeister der Hauptstadt, die unlängst traurige Bekanntschaft erlangte. Als in der vorausgegangenen Woche in einem Club fünf Gäste an einer Überdosis den Drogentod starben, kam es am 15. Mai zu einer Razzia. East meets West in techno beats.

David der Erbauer
Die Schnittstelle Europas und Asiens bestimme seit jeher die georgische Geschichte, welche sich seit der Annahme des Christentums 327 als Martyrium gestalte. Die Georgier träumten von ihrer Glanzzeit, welche in der Erinnerung als Goldenes Zeitalter lebt, das König David der Erbauer (1089-1125) 1121 eröffnete, indem er als Schwert des Messias einen wundersamen Sieg über eine fünffache Seldschukenübermacht errang und Land und Hauptstadt befreite. Seine Urenkelin Königin Thamar die Große (1184-1213) schaffte die Todesstrafe ab und führte Berufungsgerichte ein. Im sie preisenden Recken im Tigerfell erlangte die europäische Literatur ihren damaligen Höhepunkt, Wissenschaft und Gelehrsamkeit erblühten in beiden Akademien und fünfzig Landesklöstern. Als sich die Königin vom ausschweifenden Intriganten Juri Bogoljubski geschieden hatte, warb 1188 Barbarossa für seinen Sohn Friedrich von Schwaben erfolgos um ihre Hand und eine Verbindung zum Heiligen Römischen Reich. Das Goldene Zeitalter beendeten die Mongolen. 1126 färbte das Blut von 100 000 Georgiern die Tifliser Mtkwari rot, als sie sich dem Befehl des Choresmierschahs Dschalal ad-Din verweigerten, auf der Flußbrücke aufgestellte Ikonen zu bespeien.

Durch den Fall Ostroms 1453 vom Westen abgeschnitten, belieferte das Land nun den Orient mit Kriegssklaven und Odalisken. Nachdem Petersburg 1795 beim Einfall Agha Mohammad Khans die im Schutzvertrag von Georgiewsk 1783 zugesicherte Militärhilfe verweigert hatte, zählte das Land zum Zeitpunkt der russischen Annexion 1801 nur noch eine halbe Million Einwohner. Von nun an sollte der georgische Leib der russischen Seele dienen, wie man den General Katharinas der Großen Totleben instruiert hatte. Zu diesem Zweck wurde 1811 die Georgische der Russischen Kirche eingegliedert und 1871 das Georgische an den Schulen abgeschafft. Seit dem 19. Jh. prägte der deutsche Idealismus Generationen von Georgiern, so auch die Väter der 1918 unter deutschem Schirm begründeten, auf die Humboldtsche Idee verpflichteten Universität Tbilissi.

Lawrenti Beria 
Der sowjetischen Anerkennung des unabhängigen Georgiens im Januar 1920 folgte im Februar 1921 der Einmarsch der Roten Armee. Als Kremlchef führte Joseph Dschugaschwili-Stalin zwar die imperiale Politik der Zaren fort und griff vergeblich nach den Dardanellen, doch fand er nach Auskunft seiner Tochter Swjetlana Allilujewa dabei Zeit, die Werke russischer Historiker über seine Heimat zu korrigieren. Seine georgische Herkunft hinderte auch den in Abchasien geborenen Geheimdienstchef Beria nicht daran, im Zuge der Säuberungen von 1937 Zigtausende Georgier zu liquidieren. Im Zweiten Weltkrieg zahlten seine Landsleute mit 350 000 Toten den anteilmäßig höchsten Blutzoll aller Sowjetrepubliken. Der georgischen Erinnerung an Stalin sei Selbstgerechtigkeit nicht fremd. Zwar wolle man mit seiner Hilfe kein Reich restaurieren, doch betrachte man ihn als einen in schlechte Gesellschaft geratenen verlorenen Sohn des Landes, der einen Weltkrieg gewonnen habe.

1991-92 spaltete der von Rudolf Steiner bewegte sprunghafte erste Präsident Georgiens Swiad Gamsachurdia sein Land. Der gerade erschienene Film Vor dem Frühling zeigt seine Flucht in die Berge. Die im damaligen Bürgerkrieg verlorenen Sezessionsgebiete konnten bis heute nicht reintegriert werden. Mittlerweile habe sich das Land, welches das Leben des Vortragenden "bereichert hat", zwar stabilisiert. Doch bange er um die Kulinarik, welcher ein EU-Beitritt schaden könne. Von der legendären georgischen Gastfreundschaft behaupteten böse Zungen, sie diene dem Zweck, Feinde durch Völlerei außer Gefecht zu setzen. Die Tafel der Georgier sei aber ein Gesamtkunstwerk, bei der auch der Fremde vor Trunkenheit nicht die Selbstbeherrschung verlieren sollte. Dieter Boden habe dieses "Fest des Lebens" stets "seelisch und metaphysisch inspiriert".

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Einen Vortrag über die deutsch-georgischen Beziehungen während des Ersten Weltkrieges hielt am 17. Mai im Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung der an der Tschawtschawadse-Universiät lehrende Leiter des Georgischen Literaturmuseums Lascha Bakradse, der in Zusammenarbeit mit Memorial das der Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit verpflichtete SovLab mitbegründete. Seine Forschung, welche die Deutsche Botschaft in Tbilissi zum deutsch-georgischen Jahr 2017/18 ins Deutsche zu übersetzen beabsichtigt, beschäftigt sich mit dem Georgischen Nationalkomitee, das von der Schweiz über das Genfer Konsulat und die Berner Botschaft zu Beginn des Weltkrieges Tuchfühlung mit Berlin aufnahm, um bei einem Sieg der Mittelmächte Unterstützung georgischer Unabhängigkeit zu finden. Anders als die Finnen, die vor 1917 nur die Ende des 19. Jhs. aufgehobene verfassungsmäßige innere Selbständigkeit wiederherzustellen trachteten – die Zar Alexander I. 1809 anerkannte, als ihm der georgischstämmige General Bagration durch eine handstreichartige Überquerung des zugefrorenen Finnischen Meerbusens das Großfürstentum gewonnen hatte – visierten die Genfer Exilgeorgier bereits seit 1913 mit ihrer Zeitschrift Thawisuphali Sakarthwelo (Freies Georgien) ein unabhängiges Land an. Die Neutralität der Eidgenossenschaft und Belgiens boten ihrer Arbeit die besten Voraussetzungen. Die Exilanten nahmen in der Schweiz während des Krieges auch an gegen die Mittelmächte gerichteten Konferenzen teil, welche auf nationale Unabhängigkeit ihrer Völker hoffende Parteigänger der Entente ausrichteten.

An Berlin richteten die Georgier ein Memorandum zur Neutralisierung des Kaukasus, in welchem sie einen Plan eines Bundesstaates vorlegten: ein an das Deutsche Reich angelehntes georgisches Königreich mit einem Monarchen aus europäischem Fürstengeschlecht im Verbund mit armenisch-tatarischen Kantonen im Osten und einer Föderation der Bergvölker im Norden. Der Plan des Fürsten Matschabeli, Aufstände im Kaukasus zu organisieren, entsprach zwar durchaus dem deutschen Wunsch, die Ententemächte durch Fremdvölker zu schwächen. Doch dachte man in Berlin dabei vor allem an einen Dschihad der Muslime. Der Weltkriegsausbruch traf Berlin unvorbereitet. Weder für den Kaukasus noch für andere Weltgegenden waren strategische Planungen ausgearbeitet worden. Selbst die Begründung der Kriegsrohstoffabteilung erfolgte erst auf Initiative Rathenaus am 13. August. Die Vorstellungen von einer gänzlichen globalen Wirtschaftsverflechtung, welche zum Gedeihen aller Länder ihre Gegensätze weltfriedlich entschärfe und Kriege zwangsläufig technisch verunmögliche, wie sie der englische Publizist Norman Angell im vorletzten Jahr der Belle Époque der deutschen Studentenschaft in einem offenen Brief darlegte, entsprachen zumindest den praktischen Vorkehrungen Berlins.

Graf von der Schulenburg
Erst nach dem Kriegseintritt der Pforte sammelten sich im Osmanischen Reich ukrainische u.a. gegen Petersburg und die Entente gerichtete Gruppen. In Anatolien bildeten deutsche Militärs eine Georgische Legion aus, in die autochthone Lasen und Tschweneburebi ("Unsrige"), deren Siedlungsgebiete im osmanischen Herrschaftsbereich lagen, aufgenommen wurden, wofür die Exilanten dem späteren Verschwörer von 1944 Graf von der Schulenburg den Orden der Hl. Thamar verliehen. 1915 brachten deutsche U-Boote Exilgeorgier von Stambul an die kolchische Schwarzmeerküste, darunter den Sumerologen Micheil Zereteli, der Absprachen mit den georgischen Sozialdemokraten traf.


Die Petrograder Februar- und Oktoberrevolutionen beschleunigten die Ereignisse. Sie lösten die georgischen Militärs von ihrem Eid auf den Zaren und führten zum Zusammenbruch der russischen Frontstellungen. Das Deutsche Reich löste sein 1915 geleistetes Versprechen einer Unterstützung georgischer Unabhängigkeit Ende 1917 in einer Garantieerklärung an Georgien ein, welche 1918 in militärischer und diplomatischer Unterstützung des Landes mündete. Im März 1917 bildete sich in Tiflis aus Mitgliedern der Vierten Duma ein Transkaukasisches Sonderkomitee der Petrograder Provisorischen Regierung, das im November durch ein Transkaukasisches Kommissariat ersetzt wurde.
General Kreß von Kressensteins
Dieses untergrub den völkerrechtlichen Status Transkaukasiens gravierend, als es der Einladung Vehib Paschas vom 14. Februar 1918, eine Delegation zu den Verhandlungen von Brest-Litowsk zu entsenden, nicht rechtzeitig nachkam. Stattdessen folgte das Kommissariat der türkischen Einladung zu separaten Friedensverhandlungen nach Trapezunt, welche die meisten kaukasischen Deligierten am 22. März unter Ablehnung der türkischen Bedingung, den Vertrag von Brest-Litowsk anzuerkennen, verließen. Als die Kaukasier das Ultimatum Rauf Beys vom 6. April, den Vertrag binnen 48 Stunden anzuerkennen, verstreichen ließen, überschritten die Türken die einstigen Staatsgrenzen von 1914 und besetzten Batumi.


Der am 10./23. Februar einberufene Transkaukasische Sejm erklärte nun am 22. April die Unabhängigkeit der Transkaukasischen Föderation, welche auf der Basis von Brest-Litowsk um neue Verhandlungen mit der Türkei bat, die am 11./24. Mai in Batumi wiederaufgenommen wurden. Der aserbaidschanische Teil der Delegation erwies sich dabei als vollkommen protürkisch. Am 12. Mai schrieb der Delegationsvorsitzende Akaki Tschenkeli nach Tiflis, Georgien solle seine Unabhängigkeit erklären, um die eigenen Interesssen mit deutscher Unterstützung besser vertreten zu können. Die Georgier erklärten darauf am 26. im Palais des russischen Statthalters die Unabhängigkeit, worauf Aserbaidschaner und Armenier zwei Tage später jeweilige Erklärungen folgen ließen. Das Deutsche Reich erkannte den Staat unverzüglich an. Der bereits vor dem Krieg als Konsul in Tiflis wirkende von der Schulenburg wurde zum deutschen Botschafter ernannt und General von Lossows diplomatische Dienste erwirkten ein Zusatzabkommen zu Brest-Litowsk, in welchem Rußland die deutsche Anerkennung der georgischen Souveränität akzeptierte. Das im Juni 1918 eingetroffene bayerische Jägerbataillon schlug unter Befehl General Kreß von Kressensteins im Verein mit noch schwachen georgischen Kräften die von türkischen Offizieren befehligten Freischärler, die ungeachtet des am 4. Juni in Batumi unterzeichneten Friedensvertrages vorrückten, in Südgeorgien zurück.

Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 beendete dieses Kapitel. In Tbilissi zogen die Engländer ein. Churchill lehnte eine georgische Unabhängigkeit jedoch aus strategischen und finanziellen Gründen ab. Als sich die Engländer 1920 in Batumi einschifften und der Union Jack eingeholt wurde, empfand der Nationaldemokrat Rewas Gabaschwili beim Hissen der georgischen Flagge einerseits Freude. Andererseits wußte er, daß er sich nicht lange an ihrem Anblick erfreuen werde. Bald würden die Russen einrücken. Ähnlich zwiespältig empfinde Lascha Bakradse die deutsch-georgischen Hundertjahrfeiern: Die Anteilnahme der Deutschen an der Geschichte seines Landes nehme ab, auf die Übersetzung seines Werkes warte er bis jetzt vergeblich. Eine Erfahrung, die er mit dem Verfasser des Artikels teilt.

Dieter Boden, Georgien: Ein Länderporträt, Ch. Links Verlag 2018.

Lascha Bakradse, Deutsch-Georgische Beziehungen während des Ersten Weltkrieges, Pegasi 2010

Der Historiker Philipp Ammon lebt in Berlin und Tbilissi. 2015 erschien im Kitab-Verlag «Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation: Die Wurzeln des russisch-georgischen Konflikts vom 18. Jahrhundert bis zum Ende der ersten georgischen Republik».