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Sunday, October 20, 2013

LITERATUR: Starke Frauen, eitle Männer. "Techno der Jaguare - Neue Erzählerinnen aus Georgien", Frankfurter Verlagsanstalt. Von Simone Hamm (dradio.de)

(dradio.de) So unterschiedlich die Sujets der Geschichten im georgischen Erzählband "Techno der Jaguare" auch sein mögen, eines ist ihnen gemeinsam: die radikal weibliche Perspektive. Selbstbewusst hinterfragen die Autorinnen sowohl die traditionellen wie die postsowjetischen Rollenklischees.


Stellvertretend für alle Erzählerinnen in
Die ewig wartende Geliebte eines verheirateten Mannes, aus deren Kopf über Nacht ein Buch wächst. Eine Killerin, die kühl so agiert, als stamme sie aus einem amerikanischen Film der 40er-Jahre. Eine Journalistin, deren Körper von einem offenbar blinden Bildhauer ganz langsam abgetastet wird. Eine Dolmetscherin, die im Hotel einer erbärmlichen Stadt die Minibar leer trinkt, während sie überlegt, ob sie sich auf die Avancen eines schönen Asiaten einlassen soll. Eine Under-Cover-Agentin im Jaguarkostüm auf einem Halloweenfest, die dem DJ aus dem Baumstamm näher kommt. Eine Suchende auf dem Weg zu neun Hütten, in denen sie die Wahrheit zu finden hofft. Eine Sterbende in der Welt aus Glas, die eine erbitterte Fehde mit ihrer Tochter austrägt. 

Das sind die Hauptfiguren aus dem Erzählband "Techno der Jaguare - neue Erzählerinnen aus Georgien". "Neu" können eigentlich nur Erzählungen, nicht Erzählerinnen sein - soviel zur sprachlichen Sorgfalt. Es sind Erzählungen von Frauen über Frauen, genauer, fünf Erzählungen, ein Ausschnitt aus einem Roman und ein Dramolett.

Zwei georgische Autorinnen haben in den letzten Jahren aufhorchen lassen. Tamta Melaschwilli mit ihrem kurzen Roman "Abzählen". Fast ausschließlich in wörtlicher Rede erzählt sie von drei Tagen im Leben zweier dreizehnjähriger Mädchen während des georgisch-russischen Krieges. Ihre Sprache ist atemlos, stakkatohaft, kühn. Und Nino Haratischwili mit ihrem Roman "Mein sanfter Zwilling", einer tragisch - tödlichen Geschichte von Liebe, Schuld und Sühne zwischen Hamburg und Tiflis. Ein Roman voller Kraft und Wucht.

Das lässt neugierig werden auf den Erzählband "Techno der Jaguare", in dem die Autorinnen beide vertreten sind: Tamta Melaschwilli mit der kurzen Erzählung "Killer's Job" über eine Berufskillerin, die aber nicht immer das tut, was ihre Auftraggeber wollen.

Ich habe mich noch nicht entscheiden, wen ich umbringen würde, ihn oder den "alten Mann", wie er seinen Geschäftspartner nannte. "Noch einen Expresso, einen doppelten diesmal", sagte ich zum Ober.

Tamta Melaschwilli spielt mit dem Sujet Detektivroman der 40er-Jahre. Doch das aufregend Neue, so ganz andere, das "Abzählen" zu einem so starken Debut gemacht hat, fehlt in dieser Geschichte. Der Plot ist vorhersehbar. Und das gilt auch für die anderen Erzählungen. Sie sind allesamt sehr konventionell, auf einen Höhepunkt hingeschrieben.

Ganz stark beginnt Ekateriene Tongonidzes "W-E-G". Ein Spiel von Sehen und Fühlen und Erahnen, so scheint es zunächst. Eine junge Journalist darf einen Bildhauer besuchen, der völlig zurückgezogen lebt und normalerweise keine Interviews gibt. Die Kunstwelt glaubt, er sei blind. Doch das gibt er nur vor. Die beiden kommen sich näher. Wie weit wird sie gehen für ihre Story?

Sie steht ihm Modell, er berührt ihren Körper. Eine Liebesaffäre fängt an. Sie hat nicht den geringsten Zweifel an seiner Blindheit. Er glaubt sich von ihr durchschaut, glaubt, sie werde sein Geheimnis in die Welt schreien. Er rächt sich grausam für den vermeintlichen Verrat. So könnte eine Roald-Dahl-Geschichte enden.

"Techno der Jaguare" hat eine ungewöhnliche Aufmachung. Unter der Überschrift einer jeden Erzählung ist ein Foto der Autorin zu sehen. Die meisten sind auf einem Barhocker fotografiert worden. Selbstbewusstsein strahlen sie aus. Lässig stützt sich Maka Mikeladze auf den Hocker. Ihre Erzählung "Eine mit Buch und ihre erlesene Leserschaft" mutet surrealistisch an. Dass aber jeder auf den Seiten dieses Buches liest, was er daraus lesen will, die eine eine seichte Liebesgeschichte, der andere eine Excell-Tabelle, dass der Protagonistin auf einer Party andere Leute begegnen, denen Bücher aus dem Kopf wachsen und Webcams und Monitore, ist dann doch allzu durchsichtig.

Die auf Deutsch schreibende Nino Haratischwili hat ein kleines Theaterstück für drei Schauspielerinnen geschrieben. Tochter Agnes lebt in diesem Haus aus Glas und geht auf Scherben. Und hasst die Mutter für ihre Kälte:

"Ich habe immer gedacht, wenn ich ein Messer in sie ramme, dann wird sie gar nicht bluten, so hart ist sie, hart wie Stahl. Ich habe mir immer vorgestellt, wenn ich sie anfasse, wenn ich sie kneife, ganz fest, so fest, dass ich meine ganzen Muskeln dabei anspannen muss, dann wird sie sich nicht rühren. Sie wird nichts empfinden, während ich rot anlaufe vor lauter Anspannung und Krampf und anfange zu schwitzen. Und ich gebe mir die Blöße, und sie bleibt so, wie sie immer war, ätherisch, abweisend, unnahbar."

Kühl plant die schwerkranke Mutter über ihren Tod hinaus, lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen, durch keine Provokation der Tochter, kein schlechtes Benehmen ihres Mannes. Ihre Haushaltshilfe, eine Frau aus dem Osten, soll ihre Nachfolgerin werden, die zweite Frau.

"Ich sterbe und du übernimmst meinen Platz, an diesen gottverlassenen, verseuchten, zerfallenen Ort wirst du zu - mir. Du kriegst eine gestörte Tochter und einen 'rumhurenden Mann als Mitgift."

Der 'rumhurende Mann hat einen tödlichen Unfall. Doch die dem Tod geweihte Frau lässt sich nur kurz aus der Ruhe bringen. Schließlich hat sie etwas anderes geplant. Und dieser Plan wird aufgehen.

Nino Haratischwili lässt Mutter und Tochter ihr Innerstes nach außen kehren. Abstand wahrt nur die Haushaltshilfe. Durch diesen Kunstgriff wirken die Verletzungen, die sich Laura und Agnes antun, noch schärfer.

"Techno der Jaguare" ist ein Ausschnitt aus dem gleichnamigen Roman und spielt zunächst in New York: auf Vernissagen, in Cafés, auf Partys. Nene Kwinikadze lässt eine ihrer Protagonistinnen sattsam bekannte Vorurteile herunter rattern:

Hier lebt jeder allein. Die Menschen hier kommen aus aller Welt und konkurrieren miteinander. Die ist ein Land von Ledigen, an Familiengründung denkt niemand.

Nach Europa zurückgekehrt arbeitet Gogona für eine Antiterror-Schule. Sie soll beobachten, berichten und so helfen, Attentate zu verhindern. Und obwohl sie das Geräusch der Käfer im Tisch des Nachbarn hören kann, ist sie eine schlechte Beobachterin.

Eka Tchilawa kehrt mit ihrer Protagonistin zurück in die Kindheit. "In den neun Hütten" heißt ihre Erzählung. Die Hütte des Vaters ist durchtränkt von dem Geruch, den Adna so liebt, dem Geruch des Vaters. In der leeren Hütte krümmt sie sich vor Schmerzen. In der Fischhütte flüstert ein dicker Mann mit borstigen Zähnen ihr zu, sie gehöre nur ihm allein.

Der Mann öffnet gierig seine Hosenknöpfe...Unzählige dünne Fädchen in seinen Augen...der stechende Schmerz und der schnelle Atem des Mannes flirten durch ihr Bewusstsein...Sie dachte, der Tod riecht nach Fisch.

Erst in der neunten Hütte hat Adna die Traumata der Kindheit überwunden. Hier fühlt sie sich frei. Auch in dieser Erzählung ist alles überdeutlich, kein Raum für Interpretationen. Nichts wird offengelassen.

Anna Kordzaina-Samadaschwilis schreibt umgangssprachlich- schnoddrig, selbstironisch. Ihre Erzählung beginnt mit den Worten: "Meine Heldin war eine recht gebildete Frau." Dadurch schafft sie eine wohltuende Distanz zu den Protagonisten. Diese Heldin in "Das historische Gedächtnis" schüttet sich trotzig einen Whiskey nach dem anderen ein. Sie gefällt den Männern, aber der, der ihr gefällt, ist verheiratet und kommt nur auf einen Sprung herein.

Ihr könnt mich mal! Ich werde es schon noch schaffen, das Leben zu genießen, jung zu sterben und einen schönen Körper zu hinterlassen. Nur, dass ich das Leben nicht mehr so richtig genießen kann, von Jugendfrische auch keine Rede mehr ist und von Schönheit ebenso wenig.

Die Männer in den georgischen Erzählungen sind unzuverlässig und selbstgefällig, eitle, unverständige Liebhaber. Die Frauen stehen zwar auf eigenen Beinen, haben aber Sehnsüchte, die nichts und niemand erfüllen kann.

Die Erzählungen mögen gelungen oder weniger gelungen ein, und gewiss geben sie einen interessanten Einblick in das Leben georgischer Frauen - aber sie reichen an die großartigen Romane "Abzählen" von Tamta Melaschwilli und Nino Haratischwilis " Mein sanfter Zwilling" nicht heran.

"Techno der Jaguare - neue Erzählerinnen aus Georgien"
Aus dem Georgischen von Maia Tabukaschwilli, Maka Kandelki, Anastasia Kamarauli, Mariam Kamarauli, Irma Schiolaschwilli und Susanne Schmidt.
Frankfurter Verlagsanstalt. 256 Seiten 19,90 Euro


Mit: Anna Kordzaia-Samadaschwili , Maka Mikeladze , Ekaterine Togonidze , Eka Tchilawa , Tamta Melaschwili , Nestan Kwinikadze , Nino Haratischwili , Jost Gippert , Manana Tandaschwili

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Wednesday, March 13, 2013

GEORGISCHE LITERATUR: Auch wir in Kaukasien! Von Insa Wilke (tagesspiegel.de)

(tagesspiegel.de) Die Anthologie „Techno der Jaguare“ versammelt sieben georgische Schriftstellerinnen mit neuen Tönen. Eine Begegnung mit der Herausgeberin Manana Tandaschwili, die Vergleichende Sprachwissenschaft an der Frankfurter Goethe-Universität lehrt. 

Manana Tandaschwili. Uni Frankfurt
Manana Tandaschwili. - Uni Frankfurt
Georgien ist ein fernes Land. Es rückt sofort näher, wenn man Manana Tandaschwili in einem Frankfurter Café gegenübersitzt. Die energische Georgierin ist Professorin für kaukasische Linguistik am Institut für Empirische Sprachwissenschaften der Frankfurter Goethe-Universität. Hört sich trocken an. Aber nur so lange, bis Tandaschwili loslegt und von den Sorgen, Überraschungen und Abenteuern erzählt, die ihr die 70 Sprachen ihrer kaukasischen Sprachfamilie bescheren. Einige werden nur noch in einem einzigen Dorf und dort nur von den Alten gesprochen. Tandaschwili sammelt sie in einer einzigartigen Datenbank und forscht implizit auch über Sprach- und Sozialverhalten von Minderheiten und über die kaukasische Identität.
In Georgien sind solche Themen ein Politikum, seitdem nach der Unabhängigkeit nationalistische Töne laut wurden.

Hört man zu, wie Tandaschwili mit Leidenschaft von ihrer Arbeit erzählt, ist man im Handumdrehen ein Fan der Kaukasologie und fasziniert von dem multiethnischen, multireligiösen Raum, aus dem die Wissenschaftlerin stammt.

Ihre Trauer ist echt, wenn sie sagt: „Mit jeder Sprache, mit jeder Gruppe verschwindet etwas Schönes, verschwindet die Vielfalt.“ Gegen das Verschwinden kämpft sie nicht nur als Linguistin. Vor Jahren kam Tandaschwili als Humboldt-Stipendiatin nach Deutschland. Irgendwann merkte sie, dass ihre Kinder kaum noch Beziehungen zur georgischen Heimat der Mutter haben.

Tandaschwili zögerte nicht lange: Sie gründete eine Sonntagsschule. Es folgten ein Kulturverein, ein Arbeitskreis für Übersetzung und Lektorat und schließlich ein Literatursalon für das deutsche Publikum. Das fand Anklang, und 2010 gab sie mit ihrem Kollegen Jost Gippert eine erste Anthologie zur georgischen Gegenwartsliteratur heraus. Jetzt erscheint die zweite: „Techno der Jaguare. Neue Erzählerinnen aus Georgien“.

Von den sieben Autorinnen, die sich mit kurzen Prosa-Stücken vorstellen, waren einige schon Stipendiatinnen im Literarischen Colloquium Berlin. Aber nur Tamta Melaschwili, deren Roman „Abzählen“ ins Deutsche übersetzt ist und 2012 für die Hotlist der unabhängigen Verlage nominiert war, und die Theaterautorin Nino Haratischwili, die auf Deutsch schreibt und 2011 mit „Mein sanfter Zwilling“ den Preis der Hotlist gewann, nachdem sie schon mit ihrem Romandebüt „Juja“ 2010 enorme Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, sind hierzulande bekannt. Dabei sind die anderen fünf Autorinnen in Georgien für ihre Erzählungen und Romane auch schon ausgezeichnet worden. Eine Leistung, denn sie alle haben neben dem Schreiben Brotberufe, arbeiten an der Universität, sind Psychiaterin, Journalistin oder Moderatorin und engagieren sich sozial und politisch.

Vor der Unabhängigkeit gab es fast keine Prosa-Autorinnen in Georgien

„Warum wir gerade Frauen für diese Anthologie ausgewählt haben?“, fragt Tandaschwili sich selbst. Sie holt für die Antwort aus: In der Sowjetzeit habe die Literaturproduktion in Georgien geblüht. „Es entstanden immer wieder wahre Kunstwerke, antisowjetisch, aber so schön verpackt, dass die Zensur es nicht gemerkt hat. Seit der Unabhängigkeit ist kulturell plötzlich viel weniger passiert.“ Das habe vor allem an der Kriegssituation gelegen. „Die Leute waren frustriert und müde vom Bürgerkrieg in den 90er Jahren, den Kriegen gegen Abchasien und Südossetien, den Regierungswechseln und Enttäuschungen. Und jetzt schreiben auf einmal so viele Autorinnen wie nie zuvor."

Dazu muss man wissen, dass es vor der Unabhängigkeit so gut wie keine Prosa-Autorinnen in Georgien gab. „Die starke Stimme der Prosa war Männersache“, erzählt Tandaschwili. Dass jetzt so viele weibliche Stimmen die georgische Literatur prägen, hängt auch mit sozialen Entwicklungen zusammen, vermutet sie. „Die literarische Bühne wird genutzt, um den Wandel der sozialen Rollen zu zeigen. Die Frauen haben ja ansonsten keine öffentliche Bühne.“ Dabei sind sie es, die ihre Familien während der 1990er Jahre, als das Land im Chaos versank, durchgebracht haben.

So sieht es nicht nur Tandaschwili, sondern auch Nino Haratischwili, Jahrgang 1983. Sie hat mit „Die zweite Frau“, ein Theaterstück beigesteuert, in dem es um Ost-West-Klischees und um die festgefahrenen Rollen der Frauen geht. Zur Situation in Georgien sagt sie: „Die Männer verdienen kein Geld und die Frauen haben teilweise seit zehn Jahren ihre Kinder nicht gesehen, weil sie im Ausland arbeiten.“ Die junge, städtische Frauengeneration sei selbstbewusster, aber eigentlich sei es wie in Deutschland: Alternative Lebensmodelle würden auch von Seiten der Frauen nicht entworfen. Die Wünsche der Jüngeren unterschieden sich gar nicht so sehr von denen der Eltern. Die Orientierung richtet sich auf den Mann im Leben und die Mutterrolle.
 
Haratischwili erzählt von einer Situation in einem Restaurant in der Hauptstadt Tbilissi: Als es ans Bezahlen ging, habe eine Frau ihrem Mann unter dem Tisch das Geld gegeben. Haratischwili folgert: Die Frau verdient das Geld, aber der Mann muss bezahlen, und sie bestärkt ihn in dieser Rolle und damit in der Demütigung, dass er nicht zahlen kann. Es ist ein Tabu, in Georgien darüber zu reden, dass die Männer traumatisiert aus den Kriegen kamen, dass sie Drogenprobleme haben und ihre Familien nicht ernähren können. Die Frauen sprangen ein, als es ums Überleben ging.

Anerkennung dafür bekamen sie nicht, meint Tandaschwili. Darum geht es jetzt in der Literatur: um Anerkennung ihrer Leistungen im öffentlichen Raum. Deswegen hat sie nicht nur Erzählerinnen für ihren Band ausgewählt, sondern auch Texte, in denen der Konflikt der Geschlechterrollen anklingt. Und das tut er zum Teil auf literarisch außerordentlich originelle und zugleich traditionsbewusste Weise.

Das Land ist wie eine Schatztruhe voller Geschichten


Zum Beispiel in der Erzählung „Eine mit Buch und ihre erlesene Leserschaft“ von Maka Mikeladze. „Früh am Morgen, gleich nach dem Aufwachen, wurde ihr klar: Das Leben steckt voller Überraschungen. Ihr Spiegelbild teilte ihr mit, dass ihr über Nacht ein Buch aus dem Kopf gewachsen war.“ So beginnt Mikeladze eine surrealistische Entwicklungsgeschichte, eine Parabel über den Versuch, sich das Lebensbuch nicht mehr vorschreiben zu lassen, sondern selbst den Stift in die Hand zu nehmen.

Männer kommen in allen Texten des Bandes als unzuverlässige, egozentrische Liebhaber vor. Nur die grausame Künstlererzählung „Der andere W-E-G“ erzählt von einem Mann, der selbst Diskriminierungsopfer ist. Tandaschwili ist von dieser Erzählung besonders begeistert, weil sie sich mit einem weiteren Tabu auseinandersetzt: dem Leben behinderter Menschen in Georgien. „Die Themen liegen in Georgien auf der Straße, man findet dort eine Schatztruhe voller Geschichten“, sagt Nino Haratischwili und versteht nicht, warum so wenige georgische Autorinnen und Autoren diese Truhe der Realität öffnen. Aus Bequemlichkeit? Weil der Abstand noch nicht groß genug ist?

Mit „Fake City“, wie Tandaschwili die Stadt Tbilissi mit den glasglitzernden Prunkbauten der Regierung nennt, mit der Illusion von Sorglosigkeit und dieser Pseudofreude muss jedenfalls Schluss sein, auch in der Literatur.

Schwierigkeiten habe ihr bei der Zusammenstellung des Bandes auch nicht die Textauswahl gemacht, sondern die Übersetzung. Die Struktur der Sprachen sei sehr unterschiedlich. Im Deutschen brauche man für einen Zusammenhang, der im Georgischen mit einem Wort erledigt wird, einen ganzen Satz. Das verlangsamt das Tempo.

Eine andere Schwierigkeit ist die Liebe der Georgier zum Witz und zum Spiel, beides lässt sich nur mit viel Erfahrung ins Deutsche übertragen. Man merkt den Übersetzungen des Bandes zuweilen an, dass hier Pionierarbeit geleistet wurde. Aber das macht nichts, denn die Bilder und Themen der Autorinnen lassen ahnen, was nach und nach zutage treten wird, wenn mehr Fördergelder eine Vertiefung der Arbeit ermöglichen. Eine Chance dafür besteht: Für 2015 hat sich Georgien als Gastland der Frankfurter Buchmesse beworben. Als Tandaschwili in Georgien schüchtern gefragt wurde, ob das Land denn schon so weit sei, hat sie geantwortet: „Falsche Frage. Wir müssen anfangen.“ Man kann es sich auch für das deutsche Publikum nur wünschen, dass die Schatztruhe geöffnet wird.

Manana Tandaschwili und Jost Gippert (Hrsg.): Techno der Jaguare. Neue Erzählerinnen aus Georgien. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M 2013, 256 S., 19,90 €.– Der Band wird am 14.3. und 16.3. im Rahmen der Leipziger Buchmesse jeweils zweimal in unterschiedlichen Gesprächsrunden vorgestellt. Genaue Termine unter www.frankfurter-verlagsanstalt.de.

Saturday, March 09, 2013

BUCH: Techno der Jaguare: Neue Erzählerinnen aus Georgien. Hrsg. von Manana Tandaschwili und Jost Gippert

Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (Februar 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3627001923
ISBN-13: 978-3627001926

Die aufregendsten neuen Stimmen der aktuellen georgischen Literatur: Die aus Georgien stammende und auf Deutsch schreibende Autorin Nino Haratischwili wurde für ihren Roman "Mein sanfter Zwilling" (FVA 2011) als neue Heldin der deutschsprachigen Literatur gefeiert und erhielt 2011 den Preis der Hotlist für den besten Roman unabhängiger Verlage. Und Tamta Melaschwili gelang in diesem Jahr mit "Abzählen" (Unionsverlag) ein außergewöhnliches und vielbeachtetes Debüt. Nicht nur die sprachliche Kraft und der Erfolg der beiden Autorinnen zeigen, dass Georgien ein Land ist, das literarisch im Aufbruch begriffen ist. In den letzten Jahren hat sich dort eine lebendige und vielstimmige Literatur herausgebildet, die vor allem von jungen Autorinnen bestimmt wird. Mit Lakonie, Scharfsinn und ungeheurer Erzählfreude porträtieren sie Leben und gesellschaftliche Umbrüche in ihrem Land. Sechs wunderbare Prosatexte sind zu entdecken und ein Einakter. Sieben georgische Autorinnen, die von den Fallstricken bei der Suche nach modernen weiblichen Lebensentwürfen, von der Selbstbehauptung im Exil und nicht zuletzt von der magischen Kraft des geschriebenen Worts berichten.

Mit: Anna Kordzaia-Samadaschwili , Maka Mikeladze , Ekaterine Togonidze , Eka Tchilawa , Tamta Melaschwili , Nestan Kwinikadze , Nino Haratischwili , Jost Gippert , Manana Tandaschwili

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