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Saturday, January 03, 2015

LESUNG: In Baku, Tiflis und Berlin - Olga Grjasnowa und Nino Haratischwili - Mittwoch, 14. Januar um 20:00



Lesung: Olga Grjasnowa und Nino Haratischwili
Moderation: Christiane Pöhlmann

Literarisches Colloquium Berlin 
Am Sandwerder 5, 14109 Berlin 
Tel.: 030 / 816 99 60
Email: mail@lcb.de
www.lcb.de
facebook.com
 
Zwei ehemalige Grenzgänger-Stipendiatinnen sind an diesem Abend zu Gast im LCB. Olga Grjasnowa, Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, ist in Baku geboren und in Hessen aufgewachsen. Sie lotet nach ihrem Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt", für den sie mehrere Preise erhielt, in ihrem neuen Buch "Die juristische Unschärfe einer Ehe" (Hanser) unser Verständnis von romantischen Beziehungen aus. Grjasnowa erzählt von der lesbischen Tänzerin Leyla und dem schwulen Psychiater Altay, die in Baku eine Scheinehe eingehen. In Berlin beginnen die beiden dann ihre Ehe auch zu vollziehen und lernen in einer Drag-Bar die junge Jounoun kennen. Eine Ménage-à-trois nimmt ihren Lauf. 

Nino Haratischwili studierte sowohl in ihrer Heimatstadt Tiflis als auch in Hamburg Theater und trat zunächst als Dramatikerin in Erscheinung. Die Adelbert-von-Chamisso-Preisträgerin erzählt in "Das achte Leben (Für Brilka)" (FVA) die Geschichte von sechs Generationen der georgischen Familie Jaschi von 1900 bis 2006. Sie spannt den Bogen dabei vom Schicksal der Urgroßmutter, die vor Stalin fliehen musste, weil ihr Mann gegen die Bolschewiki kämpfte, bis zu dem der Urenkelin, die im Berlin von heute lebt, wo West und Ost Geschichte sind. Die Übersetzerin und Kritikerin Christiane Pöhlmann moderiert den Abend.

Gefördert aus dem "Grenzgänger"-Programm der Robert Bosch Stiftung.

Eintritt 8 € / 5 €

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Sunday, March 09, 2014

REZENSION: Als hätten wir Italien im Kaukasus vergessen - Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan. Von Olga Grjasnowa (welt.de)

(welt.de) Sehnsuchtsländer: Stephan Wackwitz reist durch Georgien, Armenien, Aserbaidschan. Von Olga Grjasnowa 

Stephan Wackwitz Die vergessene Mitte der Welt" von Stephan Wackwitz ist eines der klügsten und schönsten Bücher, die ich im letzten Jahrzehnt über den Kaukasus gelesen habe. Für den Autor selbst "nicht mehr als ein zeithistorischer Zwischenbescheid" eines ausländischen und sprachunkundigen fellow travellers, ziehen sich lange Spaziergänge als Leitmotiv durch das Buch, die an den Flaneur im Sinne Walter Benjamins oder auch an den Amerikaner Teju Cole erinnern. Ausgehend von kaukasischen Landschaften, mäandert Wackwitz souverän durch die Kulturgeschichte und zeichnet auch aktuelle politische Ereignisse nach – wie etwa die gewaltsamen Übergriffe von Erzkonservativen und orthodoxen Priestern auf eine Demonstration gegen Homophobie im vergangenen Jahr. 

Die vergessene Mitte der Welt Behutsam erzählt Wackwitz auch die Geschichte des armenischen Völkermordes während des Ersten Weltkrieges, die er sehr richtig als "Holocaust" bezeichnet: "Dieser Holocaust wurde zum Ursprungsmythos moderner armenischer Staatlichkeit und zum universalen Bezugspunkt armenischer Identität überall auf der Welt." Heute kopiert Armenien in vielen Punkten den Staat Israel – das armenische Genozid Museum in Eriwan hat nicht nur architektonisch und didaktisch vieles mit der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gemeinsam, und unlängst wurde auch in Armenien das Programm "Birthright" eingeführt.

Allerdings wird der Genozid an den Armeniern von Israel offiziell nicht anerkannt – um die diplomatischen Beziehungen zur Türkei nicht noch weiter zu gefährden. Der in Baku geborene und 1990 nach Israel ausgewanderte Josef Shagal von der rechten Partei Israel Beiteinu erklärte gegenüber aserbaidschanischen Medien 1998: "Ich finde es zutiefst beleidigend, und sogar blasphemisch, den Holocaust an den europäischen Juden während des Zweiten Weltkrieges mit der Massenvernichtung der Armenier während des Ersten Weltkrieges zu vergleichen. Juden wurden getötet, weil sie Juden waren, doch die Armenier provozierten die Türkei und sind selbst schuld." Shagal saß von 2006 bis 2009 in der Knesset, dem israelischen Parlament. In Aserbaidschan wurden noch 1990 an den Armeniern Pogrome verübt.

"Die vergessene Mitte der Welt" ist ein atmosphärisch dichtes Buch, mit großen literarischen Passagen: "Der Blick über flache Sumpf- und Schilflandschaften auf die turmhohen Schornsteine des Stahlwerks in der Entfernung. Die diesige Luft des heißen Nachmittags. Der Geruch der Nadelgehölze am staubigen Straßenrand. Die Vergeblichkeit einer industriell-utopischen Zukunftsvision, die nie in der Wirklichkeit angekommen ist. Und nachdem ich diese zufällig am Wegesrand aufgeschnappten Atmosphären in den folgenden Wochen nicht hatte vergessen können, machte ich mich an einem Wochenende im späten August auf, einen Samstagnachmittag in Rustawi zu verbringen und mich davon überraschen zu lassen, welche Einsichten und Epiphanien dort auf mich warten würden."

Wenn nicht gerade in Baku wie 2012 ein Eurovision Song Contest stattfindet, taucht der Kaukasus in den internationalen Medien kaum auf, vor allem nicht mit Kulturnachrichten. Was Literatur und Essayistik angeht, gibt es zwar einige Bücher über den Tschetschenien-Krieg, und zwar ausgerechnet von Nichtrussen, etwa die "Dreihundert Brücken" von Bernardo Carvalho, "Die niedrigen Himmel" von Anthony Marra oder die wunderbaren Essays von Juan Goytisolo "Landschaften eines Krieges". Auch versucht die in Moskau lebende Alisa Ganieva, Dagestan auf die literarische Weltkarte zu bringen; doch bleibt der Kaukasus bis heute vor allem der Sehnsuchtsort der russischen Klassiker: Lermontow, Puschkin, Tolstoi, Gasdanow und viele andere reisten durch diese Region. Sie verarbeiteten ihre Erlebnisse mit einem romantisch-verklärten und eben noch nicht postkolonial-kritischen Blick, der auch noch heute in Russland in naiver Weise sehr lebendig ist.

Wackwitz vergleicht die Verklärung des Kaukasus mit der deutschen Italien-Sehnsucht: "Und dabei ist mir, seit ich hierhergekommen bin, als hätten wir mit Georgien ein nicht weniger mediterranes Land als Italien vergessen." Und an einer anderen Stelle heißt es: "Zur Entschuldigung meiner georgischen Aus- und Anfälle könnte ich außerdem eine lange Reihe von berühmten literarischen Entlastungszeugen benennen und literaturhistorische Präzedenzfälle ersten Ranges anführen. Denn ich bin hier, was seinerseits wiederum viel Peinliches hat, sozusagen nach einem literarischem Thema verzückt. Georgien ist seit Puschkin und Lermontow das russische und später sowjetische Italien. Eine Gegend, die man erobern muss und von der man träumen will."

Stalin sah das Ganze übrigens ein wenig anders, er hatte vor, aus Georgien ein sowjetisches Florida zu machen. Zwar wurde sein Plan niemals ganz in die Tat umgesetzt; ein begehrtes Urlaubsgebiet für die sowjetischen Bürger blieb das Gebiet allemal.

Stephan Wackwitz beschreibt eindringlich, wie rasant und grundlegend sich der Wandel in der georgischen Hauptstadt auch vollzieht: "Besucher, die ein Jahr lang nicht mehr in Tiflis waren, erkennen das Straßenbild nicht wieder. Georgische Politiker, die 2011 fast allmächtig schienen, sitzen 2013 in Untersuchungshaft." Das lässt sich auf fast alle Regionen im Kaukasus übertragen, mit unterschiedlichsten Auswirkungen: Auch das Straßenbild von Baku, der aserbaidschanischen Hauptstadt, verändert sich rasant – aber auch wie in Georgien nicht immer zum Besten.

Architektonisch passt sich Baku immer an Dubai und Riad an, sowjetische Hochhäuser werden mit glänzenden modernistischen Fassaden ummantelt, das marode Innere wird jedoch nicht restauriert, sondern verfällt. Aserbaidschanische Neubauten sind megaloman. Man kennt die drei 190 Meter hohen Hochhäuser, die über der Küste thronen und an Flammen erinnern sollen; die für den ESC erbaute Crystal Hall, die mehr als 23.000 Zuschauern Platz bieten könnte (wenn es nur einen Anlass gäbe), oder die angeblich weltgrößte Nationalflagge vor der Crystal Hall – 70 Meter breit, 35 Meter lang, angebracht an einen 162 Meter hohen Flaggenmast. Gefeiert wird nur bedingt die Glorie des Landes, es geht um die Ehre der Machthaber, die das Land als persönliches Eigentum betrachten.

Das Regime der Autokraten regiert sogar bis in die Kunstproduktion hinein. Auch zieht sie nur selten die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich, und wenn, dann meist über einen Skandal, wie bei der 54. Kunstbiennale von Venedig, als die Skulpturen der Künstlerin Aidan Salachowa auf Anweisung des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew entfernt werden mussten. Schon Hejdar Alijew war zu Zeiten der UdSSR Erster Sekretär des Politbüros der Kommunistischen Partei der Sowjetunion in Aserbaidschan gewesen und später Vollmitglied der KPdSU in Moskau, 1993 wurde er Präsident des unabhängigen Aserbaidschans; nach seinem Tod übernahm sein Sohn Ilham den Posten. 

Das Alijew-Regime hat sich auch in das Stadtbild eingeschrieben. Der Unterschied zur sowjetischen Polit-Ikonografie ist nicht sonderlich groß, die Gesichter der Alijew-Männer sind überall, ganz und gar im orwellschen Sinn. Ihre überdimensionalen Porträts – Vater und Sohn in verschiedensten Versionen – gehören zum Stadtbild dazu, genau wie die nach ihnen benannten Straßen und Gebäude: Da gibt es den Hejdar-Alijew International Airport, das von der irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid entworfene schneeweiße Hejdar-Alijew-Kulturzentrum, den Hejdar-Alijew-Park und nicht zuletzt das riesige Grab am Ehrenfriedhof. Jede aserbaidschanische Stadt hat mindestens eine Statue von Hejdar Alijew, auch im Ausland sind sie keine Seltenheit – etwas in Kiew, Bukarest, Belgrad und zwischenzeitlich sogar Mexiko City.

Alles in allem zeichnet Wackwitz' Kaukasus-Buch vor allem von Georgien ein hoffnungsvolles Porträt. Für die anderen Staaten der Region scheint der Weg noch etwas weiter.

Olga Grjasnowa wurde 1984 in einer jüdischen Familie in Baku geboren. Seit 1996 lebt sie in Deutschland. 2012 erschien ihr Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" (Hanser).

Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan. S. Fischer, Frankfurt. 256 S., 19,99 €.

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Tuesday, January 08, 2013

LITERATUR: Deutsche Schriftsteller in Georgien. Von Jörg Magenau (taz.de)

Das Handyklingeln der Freiheit 

Kurz nach dem Regierungswechsel in Georgien reisen deutsche Schriftsteller in das Land. Bei den Lesungen zelebriert das Publikum eine neue Freiheit: telefonieren. 

(taz.de) TBILISSI taz | Das Angebot bestand darin, „embedded“ mitzufahren, als ginge es mit schusssicherer Weste in ein Kriegsgebiet. Ich sollte als Journalist aber nur eine Gruppe von deutschen Schriftstellern – Jenny Erpenbeck, Olga Grjasnowa, Annett Gröschner, Michael Kumpfmüller und Benjamin Stein – auf einer Reise in die georgische Hauptstadt Tbilissi begleiten, an einen sonnigen, friedlichen Ort. 


Wenn man Autoren schon nicht beim Schreiben beobachten kann, dann doch immerhin beim Reisen – und das ist für viele sowieso der Hauptbestandteil ihres Berufs. Schriftsteller sind heutzutage fahrende Leute, Handelsreisende in eigener Sache. Im Ausland verwandeln sie sich in Botschafter. 

Wie so viele derartige Welterkundungen wurde auch die Georgienfahrt vom Literarischen Colloquium Berlin organisiert und vom Goethe-Institut unterstützt. Die Texte, die vorgelesen werden sollten, waren vorausgereist und in Workshops übersetzt worden; eine georgische Broschüre mit Romanauszügen in der schönen, verschnörkelten Schrift des Landes war entstanden, und so war das wichtigste Resultat der Reise schon fertig, bevor wir den Boden Georgiens betraten. 

Übersetzungen herzustellen ist eine anspruchsvollere Aufgabe, als die Körper der Schriftsteller per Flugzeug herbeizuschaffen. Doch der ideelle Transfer der Sprachen, Literaturen, Kultur ist durch die physische Präsenz der Urheber unterstützbar. Das ist die Idee, und die ist gar nicht schlecht.
Laute Freiheitsglocken
Würde man die Reise allerdings nur am ersten Leseabend im Goethe-Institut messen, dann müsste sie als gescheitert bezeichnet werden. Sichtbar wurden hier vor allem die Differenzen. Das georgische Publikum demonstrierte, dass es Wichtigeres gibt als Lesungen: nämlich das eigene Handy. Unentwegt wurden Klingeltöne vorgeführt, als ob aus den kleinen Melodien die große Symphonie der Großstadt entstehen sollte. Das anschwellenden Summen und fröhliche Fiepen mündete in kollektive Begeisterung. Klingeltöne sind eine rudimentäre, aber unumstößliche Form der Vergesellschaftung. 

Dabei, so ist hier immer wieder zu erfahren, habe man in den vergangenen Jahren unter Präsident Saakaschwili am Telefon nur noch übers Wetter und unverfängliche Dinge gesprochen, aus Angst vor ungebetenen staatlichen Mithörern. Ob es sich dabei um eine Paranoia aus sowjetischer Zeit oder um eine reale Sorge handelt, ist schwer zu entscheiden. Dass die allgemeine Stimmung diese Befürchtung möglich machte, ist aber schlimm genug. 

Demnach ist die Klingeltondemonstration dieses Abends auch als Läuten der Freiheitsglocken zu verstehen, obwohl in den Tagen, die wir hier verbringen, niemand so ganz genau zu sagen vermag, was denn nun mit der neuen Regierung Iwanischwili anders werden wird und was genau an der alten so schrecklich war. Vielleicht ist der Wechsel vor allem eine Stimmungsfrage und erfüllt seinen Zweck schon in sich selbst: Ein Regierungschef ist abwählbar, ein neuer kommt ins Amt. Das ist die Probe auf die Demokratie. Saakaschwili könnte, wenn der Machtwechsel funktioniert, im Abgang zu einem Helden der georgischen Geschichte werden. 

Stephan Wackwitz, als Leiter des Goethe-Instituts seit einem Jahr in Georgien, nahm das Klingeltonkonzert gelassener als die überraschten deutschen Gäste, denen das Lesen damit schwer gemacht wurde. Die Jahre zuvor hat er in New York verbracht, ist aber froh, nun hier in Tbilissi sein zu dürfen. New York, so sagt er, sei nur noch ein Museum der Moderne des 20. Jahrhunderts. Hier aber, in Georgien, sei eine Dynamik spürbar, hier entstehe etwas Neues. Er sei sicher, dass das Land in wenigen Jahren auch touristisch entdeckt werde.
Gäste aus der Zukunft?
Zwei Tage später, bei der Lesung im Literaturmuseum, zeigt Direktor Lascha Bakradse, Hausherr und Moderator des Abends, den Zuhörern, wie man ein Handy auf stumm schalten kann: mit durchschlagendem Erfolg. Benjamin Stein präsentiert mit seinem Roman „Replay“ dazu das passende futuristische Szenario. In dieser Welt werden die Chips der Handys nicht mehr extern im Gerät, sondern im menschlichen Körper implantiert. Mit ihrer Hilfe lassen sich Erinnerungen generieren – und zwar nicht als einfach Wiederholung, sondern als Wunscherfüllung. 

Das Angebot der technologischen Verschönerung der Geschichte funktioniert wie eine Droge. Steins Vision einer Herrschaft, die nicht auf Unterdrückung, sondern auf lustvoller Freiwilligkeit beruht, ruft lebhafte Reaktionen hervor. Was er damit sagen wolle? Ob er ein Moralist sei? Nein, sagt er und erzählt, dass er als Unternehmensberater in der Informationsbranche arbeite. 

Vielleicht werden die deutschen Gäste hier tatsächlich als Besucher aus der Zukunft wahrgenommen, einer europäischen Zukunft. Die Herzlichkeit des Empfangs, die überall spürbare Freundlichkeit der Menschen, ist nicht berechnend, drückt aber sehr wohl den Wunsch nach Zugehörigkeit aus. Der Westen ist keine Himmelsrichtung, sondern ein Ansporn. Im Jahr 2015 möchte Georgien Gastland der Frankfurter Buchmesse werden. Die Gegenwartsliteratur ist lebendig und vielfältig genug. Knapp 3.000 Titel erscheinen pro Jahr, ein Viertel davon Belletristik. Doch es ist nicht leicht, die engen kaukasischen Sprach- und Schriftgrenzen zu überwinden. 

Im georgischen Ministerium für Kultur und Denkmalschutz empfängt mich Medea Metreweli, die das Literatur-Förderprogramm leitet. Medea ist ein verbreiteter georgischer Frauenname. Die griechische Mythologie, die aus der Kolcherin Medea eine kindertötende Barbarin gemacht hat, konnte ihm nichts anhaben. Medea Metreweli, wie viele Georgierinnen eine wunderschöne Frau, sitzt mir nun in einem riesigen Konferenzsaal an einem riesigen ovalen Tisch gegenüber. Leichter vorstellbar als ein Gespräch über Literatur wären hier 24 Generäle bei einer dringlichen Erörterung der Lage.
Puschkins rotes Notizbuch
Sie nennt mir all die Förderprogramme, Übersetzungen, Reprints alter Bücher und Anthologien georgischer Gegenwartsliteratur, die ihr Ministerium ermöglichte, und gewährt mir ein bezauberndes Lächeln. Ich denke an die kleine Flasche Wein, die jeder Einreisende bei der Passkontrolle am Flughafen als Gastgeschenk erhält: „Welcome to the Land of 8.000 Vintages.“ 

Im Literaturmuseum wartet bereits Lascha Bakradse, der eine kleine Führung durch das Archiv anbietet. Nicht nur 200.000 Handschriften lagern hier, sondern auch Devotionalien der Literaturgeschichte: kostbare Taschenuhren, alte Gewehre, Tabakpfeifen, Trinkhörner und was in einem Dichterleben sonst noch so anfällt. Dazu gehören auch die zwei Patronen, mit denen 1907 der große Dichter Ilia Tschawtschawadse erschossen wurde – vermutlich von Bolschewisten, sagt Lascha Bakradse, der es wissen muss, weil er die Tschawtschawadse-Biografie seines Vaters ins Deutsche übersetzt hat. 

Puschkins rotes Notizbuch – oder vielmehr der Einband des Notizbuchs – ist ein weiteres, eindrucksvolles Einzelstück. So wie Georgien als Land der Sehnsucht, in dem Zitronen und Orangen blühen, zur russischen Literatur gehört, so gehören die russischen Dichter zur georgischen Literaturgeschichte – und also auch ihre Notizbucheinbände. 

„O sing’ Du Schöne, sing’ mir nicht / Georgiens wehmutvolle Lieder / Sie wecken wie ein Traumgesicht / Mir fernes Land und Leben wieder“, dichtete Puschkin, und Pasternak rühmte in den „Briefen nach Georgien“ das „Zauberische, das mir auf all meinen georgischen Reisen begegnete und das nicht allein durch den Süden zu erklären ist, durch die Berge, den weiten georgischen Charakter, die Schönheit seiner Frauen, durch die Begeisterung und das Gefühl des Erhobenseins auf den geräuschvollen, menschenreichen Banketten; es ist noch etwas Geheimnisvolleres, Tieferes in allen diesen Bestandteilen.“
Als wäre die Sowjetzeit festgehalten
Museum und Archiv sind dringend renovierungsbedürftig. Am Gebäude ist seit Jahrzehnten nichts gemacht worden; das Geld reicht kaum, um die Angestellten zu bezahlen. Man geht durch lange, knarrende Korridore und düstere Zimmer. An den Wänden hängen Ölbilder mit bärtigen Männern und abenteuerlich verlegte Stromkabel. Es ist, als wäre das Gebäude selbst das Museum, als wäre die Sowjetzeit in diesen Mauern festgehalten und dünste immer noch ihren muffigen Geruch aus. 

Man trifft darauf immer wieder, inselartig, inmitten einer Gesellschaft in Bewegung: starr blickende Uniformierte; undurchschaubare Anordnungen; Kirchengebäude, denen anzumerken ist, dass sie siebzig Jahre lang als Scheune benutzt wurden; oder die auf einer hohen Säule stehende Sonnen-Statue auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt, die Schewardnadse dort errichten ließ. Sie geht zurück auf einen Besuch Breschnews in den 80er Jahren und dessen Bemerkung, in Georgien gehe die Sonne im Norden auf, da, wo Moskau liegt. Heute arbeitet man daran, dass sie wieder regulär im Osten erscheint, hinter den Bergen, und im Westen untergeht. Denn das ist die reale Lage des Landes an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien.

Am Schluss des Leseabends versammeln sich die fünf deutschen Autoren auf der Bühne und stellen sich den Fragen des Publikums. „Welche Farbe hat Berlin?“ „Wie stark müssen Sie sich anpassen an das, was verlangt wird?“ „Welche Tendenzen sehen Sie in der deutschen Literatur?“ „Wie repräsentativ sind Sie?“ „Was haben Sie über Georgien gelesen?“ Das alles ist schwer und nur unbefriedigend zu beantworten. Dass Tbilissi aber sehr viel kräftigere Farbtöne enthält als Berlin – das steht fest.