Friday, March 18, 2011

REZENSION: Lamara oder die private Weltgeschichte. Eine Buchrezension von György Dalos (georgien-aktuell.de)

31. August 2010

Helga Kurzchalias Briefroman hat eine einfache Handlung: Vom 1984 bis 1996 werden zwischen Tbilissi und Berlin, bzw. Heidelberg Briefe gewechselt. Die Briefpartner sind: Die in der DDR lebende Clara und ihr georgischer Ehemann, der Wissenschaftler Dito, während für die georgische Sippe Ditos Mutter, die Literaturwissenschaftlerin Lamara Feder führt. Ursprünglich beinhalten die Botschaften kleine familiäre Angelegenheiten, beziehen sich auf Geschwister, Enkel und Freunde und behandeln die Geschehnisse der Außenwelt eher am Rande. Aus dieser Sicht könnte man sie sogar als intim und banal bezeichnen, wenn nicht die Historie in das Leben der kleinen Leute eingebrochen wäre. Spätestens von der Mitte der achtziger Jahre ab verändert sich jedoch das Umfeld der Korrespondenten in rapider Weise: In der Sowjetunion beginnt die hoffnungsvolle Ära der Perestrojka, die auch in der DDR einiges in Bewegung bringt. Während jedoch die Republik in Deutschlands östlicher Hälfte 1989 ihre friedliche Revolution und 1990 die Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik erlebt, gerät das kleine kaukasische Land durch seine Unabhängigkeitsbestrebungen bald in den blutigen Strudel der Gewalt und inneren Fehden, in eine Zeit nicht enden wollender Kriege. Die Politik dringt in die Existenz der Familie ein und scheint zunächst sogar dominieren. Alles fängt in jenem verhängnisvollen April 1989 an, von dem Lamara berichtet: „Über uns ist ein großes Unglück, vor zwei Tagen gab es hier ein schreckliches Blutvergießen. Inzwischen spricht man von 18 Toten. Gestern haben wir erfahren, dass auch Liana aus unserer Nachbarschaft unter den beklagten Opfern ist…“

Wenn eine hervorragende Charakteristik von Helga Kurzchalias Roman die enge Verknüpfung des Privaten mit dem Historischen ist, dann besteht die andere in der Person der Korrespondentin auf Tbilissi. Mit Lamara gelingt der Autorin eine außergewöhnlich starke Protagonistin, die in einer Mischung aus Humor, Fatalismus und Lebensbejahung gegen die wachsende, innere und äußere Entfernung zwischen den beiden Welten anschreibt. Das ist ein Kunstgriff, der dem deutschen Leser nicht nur erlaubt, eine georgische Sicht kennen zu lernen, sondern auch Deutschland „mit fremden Augen zu betrachten“. Dabei verfügen Lamaras Kommentare zu den um die Familie herumtobenden Elementen der „Weltgeschichte“ über einen eigenen stilistischen Wert. So versucht sie in georgisch-grotesker Weise über die schreckliche Situation zur Tagesordnung zu gehen. Die alte Frau schreibt an die Ihrigen in Deutschland anno 1991: „Wir leben hier in Angst und Schrecken, und nie hätte ich mir vorgestellt, dass mein Leben wieder so von Politik dirigiert wird wie zuletzt im Krieg. (…) Aber lassen wir die hohe Politik beiseite. Am Ende des Tages schnell noch etwas Praktisches: 1. Bitte, kauft eine Bratpfanne aus Teflon oder einfach aus Aluminium, wie es sie in Eurer Kaufhalle gibt. 2. Zahnpasten, Haarshampoo sowie Vanillezucker Backstolz und Tortenguss, farblos oder Rot. 3. Und für mich wie gewöhnlich Blutdrucktabletten.“

Lamara zeigt sich in diesen lapidaren Sätzen fast wie eine symbolische Figur, eine klassische Muttergestalt, deren Anliegen darin besteht, die Waage zu halten. Wenn auf der einen Seite Krieg, Blut und Gewalt herrschen, dann müssen diese Schrecknisse auf der anderen Seite eben Zahnpaste, Haarshampoo, Blutdrucktabletten und andere winzige Dinge ausgleichen. Denn nur so kann man weiterleben. „Lamaras Briefe oder vom Untergang des Kommunismus“. Roman. Lichtig, Berlin, 2010. 126 Seiten.


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