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Monday, October 19, 2020

MOVIE: Invasion. By Dito Tsinsadze

With Merab Ninidze, Burghart Klaußner, Heike Trinker

Please do not read anything about the film beforehand, otherwise the tension will be lost. It is best to switch on completely impartially. The film is highly recommended. Great piece by Dito Tsinsadze from 2013. In German with English subtitles. Please read reviews only afterwards!




Mehr Links zur deutschsprachigen Presse:
"Invasion" im Kino: Gesetz des Vergessens [sueddeutsche.de]
Dito Tsintsadze und sein Film "Invasion" [tagblatt.de]
Burghart Klaußner in einem raffiniert-beklemmenden Kammerspiel [epd-film.de]

Sunday, June 16, 2013

PORTRÄT: Lika Martinova drehte einst mit Burghart Klaußner einen Film - jetzt studiert sie Kunst. Von Dorothee Krings (rp-online.de)

(rp-online.de) Das Straßenkind studiert jetzt Kunst

2006 dreht das georgische Straßenkind Lika Martinova mit dem deutschen Schauspieler Burghart Klaußner einen Film. Sieben Jahre später treffen sie sich wieder – in Deutschland. Das Filmteam hat dem Mädchen geholfen, seinen Traum zu verwirklichen: Kunst studieren in Düsseldorf.
 
Sie sieht ihn schon von weitem, den Mann mit dem dunklen Sakko, Handy am Ohr, Gedanken ganz woanders. Also läuft die junge Frau auf Burghart Klaußner zu, springt ihm in den Weg, lachend, übermütig, wie ein Kobold aus einer anderen Welt. Und der Schauspieler, der zu den Besten gehört, die der neue deutsche Film hervorgebracht hat, bleibt wie angewurzelt stehen, fasst sich an den Kopf, ungläubig, freudig auch er. "Lika!", ruft Klaußner, "mein Gott, Mädchen, nach so langer Zeit."
 
Ein Mädchen, ein ernstes Kind, war Lika Martinova tatsächlich, als sie dem deutschen Schauspieler das erste Mal begegnete. Das war vor sieben Jahren in Likas Heimat Georgien. Klaußner reiste damals mit einem deutschen Filmteam in den Süden des Kaukasus, um mit dem georgischen Regisseur Dito Tsintsadze einen Film zu drehen: "Der Mann von der Botschaft". Darin spielt Klaußner einen Botschaftsangestellten, der in der georgischen Hauptstadt Tiblisi das isolierte Leben eines Diplomaten lebt. Abends sitzt er allein in der viel zu geräumigen Wohnung. Tagsüber langweilt ihn die Büroarbeit. Ein Diebstahl durchbricht diese depressive Einsamkeit. Ein Straßenkind klaut dem Mann von der Botschaft auf einem Wochenmarkt das Portemonnaie. Der Diplomat stellt das Kind, später begegnen die beiden sich wieder. Es beginnt eine sprachlose Freundschaft, die den ganzen Film über changieren wird zwischen Unschuld und dunklen Ahnungen.
 
Lika Martinova war 14, als sie die Rolle des Straßenkindes übernahm. Eigentlich aber war es keine Rolle, denn sie hat gelebt wie das Kind im Film, ohne Familie, ohne Obdach, ohne Möglichkeit, auf eine Schule zu gehen. Irgendwann konnte sie bei einer Frau unterschlüpfen, die aus Mitleid mit den Straßenkindern in ihrer Stadt ein paar Etagenbetten aufgestellt hatte. Lika bekam ein Bett oben, durfte endlich auf eine Schule gehen, besuchte dort die Theatergruppe. So kam sie zum Casting für den Film von Dito Tsintsadze, und der wählte das eigensinnige Kind mit dem feinen Gesicht und dem burschikosen Auftreten für sein Projekt, machte Lika Martinova zur Mignon im georgischen Großstadt-Dschungel.
 
Viele Tage haben das Mädchen aus Tiblisi und Burghart Klaußner miteinander gedreht. Ohne gemeinsame Sprache. Die beiden kommunizierten durch ihr Spiel, lachten viel, verstanden einander durch Gesten, Blicke. "Ich habe sie sofort sehr ernst genommen", sagt Burghart Klaußner, "Kinderdarsteller sind für mich immer Kollegen." Intuitiv wusste Martinova, was sie vor der Kamera zu tun hatte. "Ein Naturtalent", sagten die Leute vom Film. "Ich will nicht zum Film", sagte Lika Martinova. Für sie war mit den Dreharbeiten kein Märchen wahr geworden. Sie hatte noch einen anderen Traum: malen.
 
Immer wenn Martinova Farben ergattern konnte, brachte sie zu Papier, was in ihr ist. "Früher habe ich oft mit Kreide gemalt", sagt sie. Stillleben meistens, Blumensträuße in dunklen Farben, Vasen, wie sie in Georgien getöpfert werden. Die Bilder bewahrte sie in einem Koffer unter dem Bett, die schönsten hängte sie an die Wand in ihrer Zimmerecke. So wurden die Bilder zum Zuhause, das sie nie hatte.
 
Einmal hat das Mädchen ein paar Leute vom Filmteam dorthin mitgenommen, Burghart Klaußner war darunter, auch die deutsche Filmproduzentin Christine Ruppert. "Ich hab dir damals ein Bild abgekauft, weißt du noch?", sagt Klaußner. "Ich hab es dir geschenkt", sagt Martinova, "dann hast du mir Geld geschenkt, so war das." Die junge Frau mit dem Pagenkopf lacht wieder, erzählt, dass sie sich freue, Klaußner nach sieben Jahren wiederzusehen – und endlich mit ihm sprechen zu können, auf Deutsch.
 
Das hat mit dem Besuch damals in Martinovas Zimmer zu tun. Denn die Leute vom Film waren berührt von den Bildern des Mädchens, sahen darin mehr als den Zeitvertreib einer Heranwachsenden. Es war ein anderer Ernst in diesen Zeichnungen, eine andere Tiefe. Und als das Kind dann noch sagte, es wolle gar nicht Schauspielerin werden, sondern Malerin, da fasste Christine Ruppert den Entschluss, dem Mädchen aus ihrem Film die Chance auf ein Kunststudium zu eröffnen.
So kam Lika Martinova nach Deutschland. Zunächst begleitete sie Dito Tsintsadze bei der Premierentour seines Films, ging dann in die Heimat zurück, beendete die Schule. Als sie 18 wurde, holte Ruppert sie für ein paar Monate nach Deutschland, damit sie selbst testen konnte, ob sie in dem noch fremden Land zurechtkäme. Die Filmproduzentin stand auch nach Jahren noch zu ihrer Zusage an das Kind. Martinova fühlte sich wohl, kam ein weiteres Mal wieder, diesmal für ein Jahr. Sie jobbte in Rupperts Filmproduktions-Firma Tatfilm in Köln, lebte bei der Produzentin, später bei einer Gastfamilie, lernte Deutsch, malte. Und als sie genug Bilder für eine Mappe beisammen hatte, bewarb sie sich an den Kunstakademien in Düsseldorf und München um einen Hochbegabten-Studienplatz – für sie die einzige Möglichkeit, ohne Abitur zu studieren.
 
Freunde in Düsseldorf hatten ihr zuvor Termine bei namhaften Künstlern unter anderem von der Düsseldorfer Akademie verschafft. Die hatten die junge Frau aus Georgien bestärkt, es an den Hochschulen zu versuchen. "Ich fand es damals sehr schwierig, über meine Bilder zu sprechen", sagt Martinova, "ich konnte nicht formulieren, warum ich meine Bilder male, ich malte einfach."
Inzwischen liebt sie es, über Kunst zu diskutieren. Sie wurde angenommen, gleich an beiden Akademien, in München und in Düsseldorf. Das hat ihr Selbstvertrauen gegeben, denn an den Hochschulen kannte niemand ihre Geschichte, musste allein ihre Kunst für sie sprechen. Martinova entschied sich für Düsseldorf, studiert im zweiten Semester, liebt den Austausch mit den anderen Studenten im Kolloquium.
 
Die enervierenden Kämpfe mit der deutschen Ausländerbehörde, die sie mit Hilfe ihrer deutschen Freunde durchgestanden hat, versucht sie hinter sich zu lassen. Einmal musste sie nach Georgien zurück und dort vier Monate auf das nächste Visum warten, kostbare Studienzeit ging ihr verloren. Sie hat das abgehakt, redet am liebsten gar nicht mehr darüber.
 
Inzwischen ist sie als Studentin anerkannt, kann sich endlich auf die Malerei konzentrieren. Sie lebt mit zwei anderen Studenten in einer WG, sucht nur noch einen Nebenjob. Damit ist für sie nun doch ein Märchen wahr geworden – ihr eigenes Märchen. Und als sie dann auch noch Burghart Klaußner wiedersieht bei einer Filmparty der Filmstiftung NRW, schließt sich ein Kreis. Irgendwann am Abend stehen die beiden im Hof der Kölner "Wolkenburg", rauchen, lächeln noch immer ein wenig ungläubig, dass das nun keine Filmszene ist, sondern Wirklichkeit.
 
"Ich hab inzwischen alle Filme von Burghart Klaußner gesehen", sagt Martinova, ",Das weiße Band' zum Beispiel – war der gut." Doch den Entschluss gegen die Schauspielerei hat sie nicht bereut. "Ich bewundere Schauspieler dafür, dass sie sich verwandeln können", sagt Lika Martinova, "ich will niemand anders sein, ich will wahrhaftig sein in der Kunst – darum male ich meine Bilder."

Wednesday, April 17, 2013

FILM: Dito Tsintsadzes Thriller "Invasion" im Kino. Gesetz des Vergessens. Von Philipp Stadelmaier (sueddeutsche.de)


(sueddeutsche.de) Nach dem Verlust von Frau und Sohn isoliert sich Josef auf seinem Landschloss. Nach und nach nistet sich dort die dubiose Familie einer verwandten Schauspielerin ein, bis die Gewalt eskaliert. Zu sehen in Dito Tsintsadzes Thriller "Invasion".



Von Philipp Stadelmaier
 
Josef, gespielt von Burghart Klaußner, steht an einem Grab. Draußen, im Wald, an einem Weiher. Es ist kalt, diesig, ungemütlich, der Winter kommt. Josef spricht mit denen, die hier seit Kurzem begraben liegen: mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Auf einmal hält er inne, denkt nach. Als würde er den Faden verlieren. Musste er nicht noch etwas besorgen, in der Stadt? Aber was? Auf dem Rückweg vom Grab trifft er Nina (Heike Trinker), eine alte Schauspielerin. Müsste er sie kennen? Jedenfalls tut sie so, präsentiert sich als Verwandte seiner Frau.

Dito Tsintsadzes "Invasion" lässt uns zunächst an einen psychisch zerrütteten Protagonisten glauben. Josef, in einem schlossartigen Anwesen auf dem Lande isoliert, ist vielleicht so mitgenommen, dass sich eine massive Vergesslichkeit seiner bemächtigt hat und seine Wahrnehmung täuscht. Wer weiß, ob Nina, diese daueralkoholisierte Diva, die keine Rolle mehr kriegt, und ihr arrogant-quengelnder Sohn Simon (David Imper), der nur Tai-Chi im Kopf hat, wirklich mit ihm verwandt sind - oder überhaupt real.

Man könnte auch von einem Phantasma des Vereinsamten sprechen. In jedem Fall sind die Weichen zunächst auf Psychodrama gestellt - die Hauptfigur muss mit einem schweren persönlichen Trauma fertig werden, um zurück ins Leben zu finden. Aber die winterliche Psychostudie, die sich ankündigt, bleibt aus. Genau wie Josef scheint auch der Film zu vergessen, welche Richtung er eingeschlagen hat.

Denn nun nisten sich nicht nur Nina und Simon in diesem Schloss ein, sondern auch noch Simons rumänische Frau und ihr kleiner Sohn, außerdem Ninas Mann Konstantin (Merab Ninidze), der bald dubiose Geschäftspartner empfängt. Je mehr sich das Anwesen füllt, desto mehr wird aus dem subjektiven Phantasma des Traumatisierten die Objektivität einer Invasion, so klar, scharf, brutal und unpathologisch wie das kristalline Winterlicht. Die Beziehungen sind offensichtlich angespannt. Die Frauen verführen, die Männer sind aggressiv, das Kind leidet stumm. Der Alkohol fließt in Strömen. Gewalt lässt nicht auf sich warten.

Grandios spielt Klaußner seine Figur immer weiter an die Peripherie dessen, was eine brave und preisträchtige One-Man-Show für den Trauernden, für einen "großen Schauspieler in schwieriger Rolle" hätte sein können. Josef reagiert nur, bleibt passiv. Die sinnliche Fülle des Films wird wichtiger als die Psychologie der Hauptfigur. Das Vakuum des Schlosses ist kein innerer Seelenraum, die Phantome von Josefs toter Familie spielen schon bald keine Rolle mehr. Die Leinwand füllt sich vielmehr mit Menschen, mit kleinen szenischen Erfindungen, mit einer faszinierenden Materie, die das Imaginäre objektiv und transparent werden lässt. Ein altes, türkis schimmerndes Schwimmbad im Keller wird zum Ort für allerlei erotisch-lethale Spielchen. Das Kind steuert ein ferngelenktes rotes Auto durch die Gegend, das ein dämonisches Eigenleben zu entwickeln scheint, und an Heiligabend materialisiert sich wie aus dem Nichts eine Weihnachtsfeier, in Rotlicht getaucht, direkt importiert aus der Hölle oder einem wüsten Bordell.

Es ist eine beinahe dionysische Fülle, die hier den Einsamen überwältigt - ganz wie in Luchino Viscontis "Gewalt und Leidenschaft" von 1974: Auch damals gab es eine schrille Adelige, einen Ziehsohn und einen Liebhaber, die sich im Palazzo eines zurückgezogenen alten Professors eingenistet haben. Der wurde von Burt Lancaster gespielt, und wie alle Helden Viscontis musste er lernen, dass die eigene Zeit (und die seiner Klasse) zu Ende ging, was durch die Begegnung mit den wilden Bohèmiens geschah. Tsintsadzes Josef wird hingegen das Ende der Seinen noch gründlicher und besser verdrängen: Unter den Invasoren wird er schließlich seine Frau und seinen Sohn "wiederfinden" und mit ihnen, wie früher, ganz naiv auf der Bank im Park sitzen. Der Verlust wird nicht anerkannt.

All das macht "Invasion" zu einem großen Film über eine unmögliche Trauer - als würde noch die Erinnerung an die Toten dieser anfänglich gezeigten Vergesslichkeit Josefs zum Oper fallen, an der sich der Film fortan beteiligt. Sie regiert hier überall so gründlich und gesund, dass sie ihren pathologischen Charakter komplett verliert. "Wir müssen nach vorne schauen, nie nach hinten", sagt einmal jemand zu Josef - aber nicht, um ihn aufzumuntern. Hier wird das das Gesetz des Vergessens formuliert, das den ganzen Film beherrscht: Alles zurücklassen, um mit allem ganz neu anzufangen.

Invasion, D/Ö 2011 - Regie und Buch: Dito Tsintsadze. Kamera: Ralf M. Mendle. Musik: Gio Tsintsadze. Mit Burghart Klaußner, Heike Trinker, Merab Ninidze, David Imper, Anna Wappel, Jasper Barwasser. Neue Visionen, 102 Minuten.

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Weitere Links:
Am Ende ist er doch ein guter Mann (faz.net)
Schlachtfeld in den eigenen "vier Wänden"? (kulturkueche.de)
Das Psychodrama Invasion ist ein Abgesang auf die Familie (badische-zeitung.de)
"Invasion": Josef und die Störenfriede (goethe.de)
Gelungene schwarze Komödien aus Deutschland (filmreporter.de)
Dito Tsintsadze und sein Film „Invasion“ (tagblatt.de)
Warten auf den Retter (zurueckgespult.de)
Unsichtbare Gegner (jungewelt.de)
Eine überraschende und auch verstörende Geschichte aus Deutschland (filmkunstkinos.de) 
Dito Tsintsadze, ein Meister des Ungefähren (filmgazette.de)
Biedermann und die bösen Verwandten Im Kino: "Invasion" (tagesspiegel.de)  
Angriff der Kuckucksfamilie (taz.de)