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(dradio.de) Kritische
Medien gibt es in Georgien nur wenige. Für Journalisten ist das
unabhängige Arbeiten seit dem Amtsantritt von Premierminister
Ivanishvili schwer geworden. Nun steht der Journalist Irakli Absandze
wegen angeblichen Drogenbesitzes vor Gericht. Viele vermuten, das
Verfahren sei politisch motiviert.
Irakli Absandze ist genervt. Statt zu recherchieren, steht er
stundenlang vor Gericht. Er arbeitet für Liberali, ein kritisches
Wochenmagazin in Georgien. Da gibt es genug Schwierigkeiten. Die letzte
Ausgabe erschien nur im Internet, nicht am Kiosk. Der Grund sind
Finanzschwierigkeiten der Zeitschrift. Firmen werben in Georgien ungern
in einem kritischen Umfeld. Dazu kommt: Es gibt in Georgien keine
Zeitungskultur. Die Leute sind nicht bereit, so viel Geld für ein Blatt
zu bezahlen, dass es sich daraus finanzieren könnte. Wer kann, nutzt
Internet. Kritischer Journalismus ist dringend nötig. Denn Georgier
informieren sich meist über das Fernsehen, und das ist gelenkt.
Verlautbarungsjournalismus sei denn auch eines der größten Probleme
georgischer Medien, erläutert Tamar Rukhadze, die Geschäftsführerin des
Ethikrates, eines Gremiums, zu dem sich kritische Journalisten in
Georgien zusammengeschlossen haben, um die Standards zu verbessern.
"Manchmal
gibt die Regierung oder das Innenministerium eine Pressemitteilung
heraus, und alle Medien verbreiten sie genau so. Ich erinnere mich an
keinen Fall, in dem das anders war. Selbst wenn diese Mitteilung
überhaupt keinen Nachrichtenwert hatte. Ich weiß nicht, warum unsere
Journalisten damit nicht mal aufhören."
Tamar Rukhadze war selbst Nachrichtenchefin des Fernsehkanals TV9. Der wurde letztes Jahr
im Wahlkampf von Bidzina Ivanishvili gegründet, einem georgischen
Oligarchen. Man konnte dort guten Journalismus machen, sagen die
Mitarbeiter - bis zum Herbst. Da gewann Ivanishvili die Wahl, wurde
Premierminister, und begann, massiv Einfluss auf das Programm zu nehmen.
Ein großer Teil der Journalisten verließ den Sender, auch Tamar
Ruhkadze.
"Redakteure in Georgien
versuchen einfach immer, gute Beziehungen zu den Mächtigen zu halten.
Aber dafür musst du senden, was sie dir geben. Denn morgen brauchst du
die Leute ja wieder."
Auch der angeklagte Journalist
Irakli Absandze hatte für TV9 gearbeitet, bevor er zur kritischen
Wochenzeitschrift Liberali wechselte. Deren Macher versuchen, sich nicht
einschüchtern zu lassen. In ihren aktuellen Recherchen geht es um den
Generalstaatsanwalt. Der versucht offensichtlich, Einfluss auf die
Lebensmittelkontrolle nehmen, um Bestechungsgelder zu bekommen. Die
Drogen wurden Absandze nicht untergeschoben, das ist mittlerweile klar.
Ein wohlmeinender Bekannter schickte sie - unbedacht - aus dem Ausland.
Sie sind aber ein guter Anlass, um Druck auf den Journalisten auszuüben,
erläutert Absandzes Anwalt Gagi Mosiashvili:
"Das
größte Problem der Staatsanwaltschaft ist, dass sie das Ziel hatte,
Absandze unbedingt anzuklagen, vorher aber nicht geklärt hat, ob die
Beweise ausreichen. Das ist ein Dauerproblem der Staatsanwaltschaft. Sie
kann einfach nicht damit umgehen, dass jemand eventuell zu Unrecht
angeklagt ist, wenn die Beweislage dünn ist. Es ist dann sehr schwierig,
die Staatsanwaltschaft dazu zu bringen, die Anklage fallen zu lassen."
Die
Freispruchquote liegt in Georgien unter einem Prozent. Die Juristen
sind in einer Zwickmühle. In der Zeit des scheidenden Präsidenten
Micheil Saakashvili wurde das Drogengesetz absurd verschärft - um eine
Handhabe gegen missliebige Gegner zu haben. Der Haschischkonsum ist in
Georgien recht populär. Am Tag, an dem bekannt wurde, dass Absandze
verhaftet wurde, gab es deshalb auch eine Demonstration, auf der zwar
keine Legalisierung der Drogen, wohl aber eine Entschärfung der Gesetze
gefordert wurde. Tamar Rukhadze:
"Die
Regierung fing an, darüber zu reden. Das sind gute Nachrichten. Aber es
wäre schön gewesen, wenn das ohne die Verhaftung von Irakli geschehen
wäre."
Allen ist bewusst, wie absurd ein Strafverfahren
gegen den missliebigen Journalisten wegen 0,1 Gramm Haschisch ist. Der
Staatsanwalt erschien denn auch ohne Zeugen und bat, den Prozess weiter
zu vertagen. Erneut bot er einen Vergleich an. Absandze wäre dann zwar
raus, aber vorbestraft. Irakli Absandze gilt als aufrichtig und
glaubwürdig. Deshalb nimmt er keinen Kuhhandel an. Immer schwingt die
Sorge mit, dass irgendetwas Negatives an Absandze hängen bleiben soll.
Noch einmal Absandzes Anwalt Gagi Mosiashvili:
"Die
meisten Staatsanwälte und Richter sind politisch manipulierbar. Wir
bezweifeln ja gar nicht deren Ermittlungsmethoden, aber es gibt
überhaupt keinen Beweis, dass Absandze vorhatte, diese Drogen zu kaufen.
Ich schätze den Staatsanwalt, er ist professionell. Aber er kann keine
unabhängigen Entscheidungen treffen. Ich möchte gern glauben, dass es
keine politische Entscheidung war, Absandze vor Gericht zu stellen. Aber
es ist nichts ausgeschlossen."
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(dradio.de) Journalisten kehren georgischem Premierminister den Rücken
Der Milliardär Bidzina Ivanishvili gründete den Fernsehsender "TV 9", bei dem Journalisten ein unabhängiges Programm machen konnten. Doch kaum wurde er Premierminister, war es vorbei mit der Unabhängigkeit. 19 Journalisten verließen nun deshalb demonstrativ den Sender.
Die Hauptnachrichtensendung auf "TV 9" am 30. November letzten Jahres. Starmoderatorin Natia Lazashvili verliest eine Meldung in eigener Sache. Acht Monate habe sie bei "TV 9" gute Arbeit machen können. Nun ginge das nicht mehr. Sie bedaure es sehr. Mit ihr verließen 18 Journalisten den Sender. Eine von ihnen war Nachrichtenchefin Tamar Rukhadze:
"Wenn wir in Georgien gute Medien haben wollen, dann müssen die Politiker endlich für die nötigen Rahmenbedingungen sorgen. Egal, wer gerade an der Regierung ist: Wir müssen frei arbeiten können. "
Das ist in Georgien eher selten, besonders im Fernsehen. Und Fernsehen ist die Hauptinformationsquelle der Georgier. Derzeit gibt es zwei Lager, genau, wie in der Politik. Da sind zum einen die Sender, die sich öffentlich-rechtlich nennen und vom Lager des Präsidenten Micheil Saakashvili kontrolliert werden. Auf der anderen Seite "TV 9", der die Interessen seines Besitzers, des Premierministers und Milliardärs Ivanishvili vertritt.
Das Wohnzimmer von Irakli Absandze. Zwölf Journalisten sitzen um den Tisch. Es gibt Obst, Kekse, georgischen Wein und Wodka. Die meisten von ihnen haben im November den Sender "TV 9" verlassen. Immer wieder diskutieren sie, wie viel Geld nötig ist, um in Georgien einen eigenen Fernsehsender aufzumachen.
"Natürlich brauchen wir Geld. Aber Geld, das nicht verschmutzt von Politik ist. Wir haben wirklich große Erfahrung, wie das mit politischem Geld hier läuft. Und deswegen ist unsere einziger Hoffnung eigentlich, dass wir unabhängige Stiftungen aus Westeuropa oder Amerika, den USA, überzeugen können, dass es wichtig ist, in Georgien unabhängige Medien zu haben."
Nachrichtenchefin Rukhadze sieht das ähnlich. Wie die meisten hier, hat sie schon einmal einen Fernsehsender verlassen, "Rustavi 2". Das war 2006.
"Das war die gleiche Situation. Sie haben den Geschäftsführer gewechselt. "Rustavi 2" wurde immer mehr zum Regierungsfernsehen."
Sie habe sich den Abgang beide Male sehr gut überlegt, meint Tamar Rukhadze.
"Ich konnte nichts verändern, nicht bei "TV 9", und damals bei "Rustavi 2" auch nicht. Und da gehe ich lieber, als einer von denen zu werden, die meiner Ansicht nach falsch arbeiten. Da bleibe ich lieber zu Hause."
In Georgien wird unabhängiger Journalismus mit allen Mitteln bekämpft. Gastgeber Irakli Absandze ist selbst leidgeprüft. Auf ihn wurde jemand angesetzt, um mit ihm zu schlafen, das heimlich zu filmen und dann ins Internet zu stellen, um ihn zu erpressen. Absandze bekam Wind von der Geschichte, informierte seine Chefs, die machten die ganze Sache öffentlich, er erstattete Anzeige. Was dabei allerdings herauskommt, ist in Georgien höchst ungewiss.
Absandze ist in Georgien ein gefragter Journalist. Seit dem Abgang bei "TV 9" arbeitet er für die Zeitschrift "Liberali", ein gutes Blatt mit 3.000 Exemplaren Auflage, die Internetnutzung ist allerdings höher. Es gibt in Georgien also funktionierende Medien. Aber eben keine Massenmedien.
Solange sie keinen eigenen Fernsehsender haben, planen einige der Journalisten ein Portal im Internet, in dem Fakten überprüft werden. Die Bedeutung des Internets ist in Georgien in letzter Zeit gewachsen. Absandze spricht von 650.000 Facebook-Usern. Bei vier Millionen Einwohnern ist in jeder Familie einer. Doch eigentlich wollen die hier versammelten Journalisten richtiges Fernsehen machen. Absandze:
"Wir sind hier und das ist unsere Land und wir müssen irgendetwas dagegen tun, was hier läuft. Und es läuft nicht alles schief. Ich habe bei mir zu Hause wirklich sehr oft die Gäste, die bereit sind, für solche Sachen zu kämpfen. Und das finde ich cool."