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Friday, August 01, 2014

BERGKARABACH: Der weite Weg des Markar Koutcharyan: Besuch im umstrittenen Gebiet zwischen Armenien und Aserbaidschan. Von Andreas Zecher (deutschlandradiokultur.de)

(deutschlandradiokultur.de) Der Journalist Andreas Zecher war kürzlich unterwegs in der Region um die selbsternannte Republik Bergkarabach, die de facto ein Teil Armeniens ist, völkerrechtlich aber zu Aserbaidschan gehört. Er erinnert an einen vergessenen Nachbarschaftsstreit.

Markar Koutcharyan hat einen weiten Weg vor sich. Seit fast einem Jahr bekam er Artun nicht mehr zu Gesicht. Nun macht er sich auf nach Stepanakert, wo der junge Mann seinen Militärdienst absolviert. Wenn alles gut läuft, erhält der Enkelsohn Ausgang, um am Abend mit seinem Großvater Essen zu gehen.

Der Luftlinie nach sind es 200 Kilometer von Jerewan, der Hauptstadt Armiens, nach Stepanakert, der Hauptstadt der selbsternannten Republik Bergkarabach. Sie ist de facto ein Teil Armeniens, gehört völkerrechtlich aber immer noch zu Aserbaidschan. Davon spricht Markar Koutcharyan nicht.

Der sogenannte "obere oder gebirgige schwarze Garten" im Südosten des Kleinen Kaukasus wird von Armeniern bewohnt. Es gab auch einmal eine Minderheit von Aserbaidschanern. Sie wurden getötet oder in ihr Mutterland vertrieben. Das war zwischen 1992 und 1994 im Laufe des Krieges beider Nachbarländer. Seither hat das siegreiche Armenien in Bergkarabach hochgerüstete Streitkräfte stationiert, die viel Geld kosten.

Geld, das dem armen Land auch fehlt, um die maroden Straßen zu sanieren. So wird die Fahrt zum Enkelsohn zeitaufwendiger, als 200 Kilometer es vermuten lassen. Sie führt durch Hochgebirgslandschaften, zunächst entlang der armenisch-türkischen Grenze, die die befreundeten Russen sichern, dann entlang an der Grenze zur Republik Nachitschewan, die von Aserbaidschanern bewohnt wird.

Immer wieder fallen tödliche Schüsse

Scharfschützen belauern sich hier auf beiden Seiten und feuern immer wieder tödliche Schüsse ab. Deren Opfer werden wiederum mit tödlichen Schüssen gerächt. Davon erzählt Markar Koutscharyan. Die Bösen sind für ihn ohne Zweifel die auf der anderen Seite. Türken, Aserbaidschaner seien alle eins - hätten nur ein Ziel, die Armenier zu vernichten.

Wie viele seiner Generation ist der 70-Jährige ohne Großvater aufgewachsen. Den haben die Türken zu Beginn des Ersten Weltkrieges umgebracht. Tausende Armenier wurden damals erschossen, ihre Frauen und Kinder auf Todesmärschen grausam vernichtet. Etliche Länder, darunter Frankreich, nennen das Völkermord und stellen dessen Leugnung unter Strafe. Deutschland tut das nicht.

Deutschland liegt im befriedeten Teil Europas. Dort versucht man Konflikte mit Kompromissen und durch Verhandlungen zu lösen, zu versöhnen statt zu spalten. Doch davon hält Markar Koutscharyan nichts. Wenn man beschossen werde, müsse man zurückschießen, möglichst so erfolgreich, dass der Gegner endgültig aufgebe. Armenien sei eben nicht Irland.

Angst vor dem Ernstfall

Und so sieht er den nächsten Krieg mit Aserbaidschan kommen. Das Land sei durch Öl reich geworden, habe aufgerüstet und werde die frühere Provinz zurückerobern wollen, vermutet er. Der Großvater glaubt an einen weiteren Sieg der Armenier und der Enkel hofft, im Ernstfall seinen Militärdienst längst beendet zu haben.

Vielleicht studiert Artun dann am Londoner King´s College, wie die Söhne von Großvaters Freund, Onkel Gorjun. Er spricht noch nicht offen über diesen Plan, hofft aber, dass der Alte ihn auch im Ausland finanziell großzügig unterstützen werde.

Beim abendlichen Essen - es war im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft - läuft im Fernsehen das Spiel Deutschland gegen Armenien. Den Ehrentreffer für die Armenier erzielt Henrikh Mkhitaryan. Der habe es geschafft, raunt Artun bewundernd. Der sei draußen, in Deutschland, bei Borussia Dortmund mit einem Marktwert von 26 Millionen Euro. Er aber müsse wieder zurück in die Kaserne. Ein Jahr noch, in dem hoffentlich nichts Schlimmes passiert.

Dr. Andreas Zecher, Jahrgang 1953, ist Journalist und Autor. Er lebt in der Nähe von Rostock. Mehr als 20 Jahre berichtete er für den in Neubrandenburg erscheinenden „Nordkurier" aus der nordöstlichen Küstenregion. Zuletzt erschienen: "Heute ein Frosch-Morgen ein König, Verrückte Geschichten aus Mecklenburg-Vorpommern" (Magma Verlag). 

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Wednesday, October 30, 2013

PODCAST: In Georgien endet die Ära Saakaschwili. Giorgi Margwelaschwili gewinnt Präsidentenwahl. Von Gesine Dornblüth, Tiflis (dradio.de)

Der bisherige georgische Präsident Saakaschwili durfte nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten. (Bild: AP)
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(dradio.de) Zehn Jahre stand Saakaschwili an der Spitze der Südkaukasusrepublik und hat sie mit seiner Exzentrik durch Höhen und Tiefen geführt. Der Tiefpunkt war der Krieg mit Russland 2008. Sein Nachfolger wird Giorgi Margwelaschwili aus dem Lager seiner Gegner.

"Es lebe der Präsident, Giorgi", rief die Menge bereits am frühen Abend. Da hatten die Wahllokale in Georgien erst eine Stunde geschlossen, doch schon die ersten Prognosen sahen Giorgi Margwelaschwili, den Kandidaten der Regierungskoalition, weit vorn. Der künftige Präsident, 44 Jahre, lange im Universitätsbetrieb und bis auf ein paar Monate als Bildungsminister politisch unerfahren, bedankte sich als erstes bei seinem Ziehvater.

"Ich möchte mich bei einer für mich sehr wichtigen Person bedanken, einer Person, die für mich eine Autorität ist und dies immer bleiben wird: Bei meinem Freund Bidzina Iwanischwili. Bidzina hat den Sieg im letzten Jahr geschaffen, Bidzina hat uns geeint, und durch diese Einigung hat er den jetzigen Sieg ermöglicht. Vielen Dank, Bidzina, dafür, was du für unser Land getan hast."

Der schwerreiche Bidzina Iwanischwili ist seit dem Sieg seiner Koalition, dem Georgischen Traum, bei den Parlamentswahlen im letzten Jahr Premierminister. Der Wahlsieg seines Kandidaten ist ein persönlicher Triumph für ihn, denn Iwanischwili war vor anderthalb Jahren in die Politik gegangen, um Noch-Präsident Saakaschwili und dessen Partei von der Macht zu vertreiben. Im Unterschied zu dem eher exzentrischen Saakaschwili und dessen Umgebung gibt sich Iwanischwili eher bieder, er führt das Land wie ein Unternehmer.

"Ich sehe hier in der Menge viele unserer Abgeordneten und Minister. Hier steht unsere Regierung. Das sind ganz normale Leute, wie du und ich. So bin auch ich immer gewesen, und danach habe ich meine Regierung zusammengestellt."

Iwanischwili und große Teile seiner Regierungskoalition sind allerdings auch extrem konservativ. Bei den Wählern kommt das offenbar an.

Der scheidende Präsident Saakaschwili trat am Abend vor die Kameras - und gab sich staatsmännisch.

"Wir müssen die Meinung der Mehrheit akzeptieren. Ob wir damit einverstanden sind oder nicht - so sind die Regeln der Demokratie. Wir achten die Gerechtigkeit und die Meinung der Mehrheit."

Saakaschwili hatte Georgien in einen Krieg mit Russland geführt und zuletzt stark autoritäre Züge entwickelt. Nun nimmt er für sich in Anspruch, den Weg Georgiens zu freien Wahlen geebnet zu haben. Tatsächlich verlief die Wahl bemerkenswert frei und fair. Die zahlreichen Wahlbeobachter stellten lediglich eine geringe Zahl von Verstößen fest. Auch der Wahlkampf war weitgehend fair verlaufen. Der unterlegene Kandidat, Davit Bakradze aus dem Saakaschwili-Lager, gratulierte denn auch dem Wahlsieger - auch das hat es im unabhängigen Georgien bisher nicht gegeben.

"Jeder vierte Wähler, der heute zu den Urnen gegangen ist, hat die Nationale Bewegung gewählt. Also mich. Wir haben bewiesen, dass wir die wichtigste oppositionelle Kraft im Land bleiben."

Der neue Präsident, Margwelaschwili, wird über wesentlich weniger Macht verfügen als sein Vorgänger. In Kürze tritt eine Verfassungsreform in Kraft. Georgien wird dann eine parlamentarische Demokratie. Alles in allem eine positive Tendenz, sagt Rusudan Tabukaschwili, Analystin beim Institut für Kaukasusstudien in Tiflis.

"Dieses Wahlergebnis bedeutet, dass es erst mal ruhiger wird im Lande. Dass die Regierung und die Opposition das machen, was ihnen zugeschrieben ist, und nicht einander beschuldigen werden. Das werden die weiter machen, aber nicht in der Form, wie es bisher gemacht worden ist."

Am außenpolitischen Kurs Georgiens wird das Wahlergebnis wenig ändern. Georgien ist Teil der östlichen Partnerschaft der EU. Premierminister Iwanischwili hat stets verkündet, an der Westintegration Georgiens, die Saakaschwili eingeläutet hat, festzuhalten. Der künftige Präsident Margwelaschwili wird sich dem unterordnen. Er hat zugleich angekündigt, das Verhältnis Georgiens zu Russland, das Saakaschwili stark strapaziert hat, weiter zu verbessern - auch das in Absprache mit Iwanischwili.

DOK FILM FESTIVAL: Hungrig nach Geschichten. Das 1. Dokumentarfilmfestival in Tiflis. Von Jana Demnitz (dradio.de)

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(dradio.de) Die ersten Auswanderer kehren nach Georgien zurück und wollen etwas in ihrer Heimat bewegen. Ein Zeichen des Aufbruchs ist das kaukasische Dokumentarfilmfestival, das erste überhaupt in der Region. Auch ein deutscher Film war im Wettbewerb.


Das Plakat zum Dokumentarfilmfestival in Tiflis (Bild: Jana Demnitz)
Plakat zum Dokumentarfilmfestival (Bild: Jana Demnitz)
Verkündung des Siegers im voll besetzten Filmtheater an der Rustaveli Allee im Zentrum von Tiflis. Der erste kaukasische Dokumentarfilmpreis geht an "Igrushki" - ein Film über das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Kuscheltier-Verkäufern und Polizisten an einem Bahnhof in WeißrusslFilmand. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass es der litauischen Filmemacherin mit einer originellen Geschichte gelungen sei, das schwierige und zum Teil absurde Alltagsleben in dem diktatorischen System zu zeigen.

Festivaldirektor Artchil Khetagouri (Bild: Jana Demnitz)
Artchil Khetagouri (Bild: Jana Demnitz)
Tausende Besucher hätten sich die Filme aus Frankreich und Jamaika, aber auch aus der Kaukasusregion angesehen, sagt Festivaldirektor Artchil Khetagouri. Nach mehr als 20 Jahren im westlichen Ausland kam er vor eineinhalb Jahren nach Tiflis zurück und rief das Festival mit ins Leben.

Artchil Khetagouri: "Georgier, Armenier und Aserbaidschaner wissen mehr über Deutschland und Frankreich als über ihre eigenen und ihre Nachbarländer. Es kommen nun sehr viele Menschen, um sich die Filme aus diesen Ländern und auch aus Russland und der Türkei anzuschauen. Ich habe die Hoffnung, dass sie vielleicht ein wenig ihre Meinung ändern, wenn sie diese Filme über die jeweils anderen gesehen haben."


Der Kaukasus ist immer noch eine Konfliktregion. Das Verhältnis zwischen Georgien und Russland ist nach dem Fünftagekrieg im Sommer 2008 immer noch angespannt, und der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach ist auch nicht gelöst. Dokumentarfilme über soziale Probleme und das Alltagsleben seien deshalb enorm wichtig für die Menschen hier, sagt Artchil Khetagouri. Das Fernsehen sei für die meisten immer noch die Informationsquelle Nummer eins, sagt er, es zeige aber kaum kritische Dokumentationen.

Im internationalen Wettbewerb lief auch der deutsche Beitrag "Nach Wriezen" - ein Abschlussfilm von Studenten der Filmhochschule in Potsdam. Drei junge Männer werden darin nach ihrer Haftentlassung auf ihrem Weg in ein geordnetes Leben begleitet. Filmemacherin Jana Dugnus stellte den Film in Tiflis vor:

"Die Beschäftigung mit dem Leben von Häftlingen, was nach ihrer Entlassung passiert, das ist etwas, was dem normalen deutschen Bürger wahrscheinlich nicht so betrifft und wo er sich wahrscheinlich auch nicht die Frage stellt, was passiert mit denen eigentlich. Weil das ist in dem Sinne eine kleine Gruppe von Menschen. Und man denkt wahrscheinlich auch oft, das hat der Staat schon irgendwie im Griff, die machen das schon. Und das ist, glaube ich, jetzt ein Punkt, der den Festivalmachern wichtig war."

In Tiflis ist der Film leer ausgegangen. Dennoch seien die Menschen hier sehr interessiert an der Geschichte gewesen, sagt Jana Dugnus. In Georgien ist Resozialisierung bisher wenig bekannt, obwohl es ein sehr aktuelles Thema ist. Mit dem Machtwechsel im vergangenen Jahr wurden auf einen Schlag mehrere 10.000 Menschen aus den Gefängnissen entlassen - ohne soziale Betreuung oder staatliche Hilfe. Die Menschen hatten Angst, dass viele wieder straffällig werden könnten.

Unterstützt wurde das unabhängige Filmfestival vom Goethe-Institut in Tiflis. Für Institutsleiter Stephan Wackwitz ist es ein Zeichen dafür, dass sich das kulturelle Leben in Georgien wieder erholt und an alte Zeiten anknüpft:

"Ich meine eben auch vor allem dieses wahnsinnig interessante Leben der 20er-Jahre, der frühen 20er-Jahre. Aber auch nach der sowjetischen Invasion war ja Tbilisi eigentlich so eine Art Hot Spot fast weltweit, weil hier die ganzen geflüchteten Avantgardisten aus der Sowjetunion auf die symbolistischen Kollegen und Kolleginnen trafen. Und es ist überhaupt eines der kulturell aktivsten Länder, das ich bisher so kennengelernt habe."

Wie erhofft, kamen die meisten Besucher auch in die Sektion Kaukasus, in der Filme über den letzten Drahtseilkünstler in Armenien gezeigt wurden, über einen Flohmarkt in Tiflis, wo Menschen alles Mögliche verkaufen, um etwas Geld zum Überleben zu verdienen oder über ein kleines russisches Mädchen, das in Aserbaidschan zum ersten Mal einen Teil ihrer Familie kennenlernt. Die Menschen seien hungrig nach solchen Geschichten, hieß es am Rande des Festivals.

Homepage des Dokumentarfilmfestivals in Tiflis

Sunday, October 27, 2013

PODCAST: Westwärts mit Lerneffekt Ein georgischer Winzer und die Expansion nach Europa. Von Thomas Franke (dradio.de)

Wein aus Georgien ist ein echter Geheimtipp. (Bild: AP)
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(dradio.de) Um vom großen russischen Nachbarn unabhängig zu werden, versuchen georgische Lebensmittelproduzenten neue wirtschaftliche Wege zu gehen. Ein Beispiel ist der georgische Winzer Bagrationi. Er erkannte: Eine Markteinführung seines Weins in Westeuropa ist teuer und schwierig - und plante um.


Ein Ladung grüner Trauben fällt in einen Trichter. Unten kommt grüner Matsch raus. Hilarius Pütz schaut zufrieden:

"Das hier sind jetzt Chinuri-Trauben. Das ist die Haupttraubensorte, eine georgische autochthone Sorte, die für Schaumwein verwendet wird. Die wächst hier in Zentralgeorgien. Wir haben etwa 200 Hektar selbst im Anbau."

Hilarius Pütz ist Weiningenieur bei Bagrationi. 160 Menschen arbeiten in der größten Schaumweinkellerei des Landes, dazu kommen Saisonkräfte in den Weinbergen.

Seit 2006 arbeitet Pütz in dem Betrieb am Rand der Hauptstadt Tiflis. Damals hatte Russland, bis dahin Hauptabnehmer für Obst und Gemüse, Wasser und natürlich Wein aus Georgien, aus politischen Gründen ein Embargo über georgische Lebensmittel verhängt. Die Weinproduzenten Georgiens mussten sich neue Märkte suchen. Viele dachten dabei an den westeuropäischen Markt. Auch Bagrationi. Pütz wurde eingestellt, um die georgische Traditionsmarke auf den westlichen Markt zu trimmen. Und der Deutsche krempelte den Betrieb um, führte Standards ein, bemühte sich um EU-Normen und -Zertifikate.

Pütz geht zur Abfüllanlage. Vorbei an großen Tanks. Er zeigt auf ein paar alte Rohre, die unter der Decke verlaufen:

"Das ist zum Beispiel so ein Überbleibsel. Früher in Sowjetbetrieben wurden dann zentral über Hunderte von Metern über Leitungen der Wein gepumpt an eine zentrale Filterstation und wieder zurück. Das ist alles schädlich für die Qualität. Wir haben hier in dem Betrieb kleine mobile Filtereinheiten, wir fahren von Tank zu Tank. Kurze Wege. Es gibt wenige Betriebe im Land, die so mit Schläuchen, Armaturen eingerichtet sind. Das haben wir alles in den letzten sechs Jahren hier angeschafft."

Früher sei Wein oft gepanscht gewesen, sagt Hilarius Pütz. Er geht ins Labor. Alle Weine würden selbst hergestellt, erläutert Pütz, dafür würden sie ausschließlich eigene oder dazu gekaufte Trauben verwenden:

"Hier machen wir alle chemische Analysen, die wir notwendigerweise machen müssen. Also innerbetriebliche Kontrollen. Das beginnt bei Spritzmittelrückständen von Trauben. Die wichtigsten Eingangskontrollen, wie Zuckergehalt, Säuren, PH-Werte und Schwefelgehalte und ansonsten werden alle chemischen Parameter hier gemacht. Und zur Kontrolle lassen wir parallel im offiziellen Weinlabor von Tbilisi immer wieder Analysen machen, damit sich keine Fehler einschleichen. Und alle Exportzertifikate werden im offiziellen Labor gemacht. Die machen wir nicht selbst."


Doch die Markteinführung in Westeuropa erwies sich als teuer und schwierig. Es mussten Handelspartner gefunden werden, es musste Platz in Supermarktregalen gekauft werden und vor allem viel Werbung gemacht werden. Denn nur wenige Menschen in Westeuropa wussten, dass Georgien das Land ist, in dem Wein wahrscheinlich erfunden wurde, dass es dort spezielle Trauben mit speziellem Geschmack gibt.

Bagrationi disponierte kurzerhand um. Statt sich auf die EU zu verlassen, konzentrierte sich die Kellerei auf den ukrainischen Markt, den Kasachischen, den Weißrussischen. Dort war die Marke bereits bekannt. Ein erfolgreicher, ein richtungsweisender Schritt. Heute verkaufen sie in der Ukraine etwa eine Million Flaschen pro Jahr. Tendenz steigend.

Der Betrieb ist mit fünf Millionen verkauften Flaschen pro Jahr ausgelastet. In Georgien ist Bagrationi mit 75 Prozent Marktführer. Sie hätten nicht vor, mit billigeren und minderwertigen Weinen den Umsatz zu steigern, sagt Pütz:

"Dann haben wir zwei Produktionslinien. Beide können 3000 Flaschen pro Stunde produzieren. Und die laufen ab jetzt, kann man sagen, bis Ende des Jahres mehr und mehr und zum Schluss rund um die Uhr. Weil 40 Prozent des Umsatzes wird im Dezember bei uns gemacht, des Jahresumsatzes."
Zwar hat der Start für Bagrationi in Westeuropa nicht gut funktioniert, Georgie Ramishvili, Geschäftsführer von Bagrationi, ist trotzdem zufrieden:

"Die Reform der georgischen Weinindustrie war für uns ein Gewinn. Die Qualität ist noch einmal gestiegen, wir hatten ja schon in der Sowjetunion die beste Qualität. Nun haben wir ein Kontrollsystem, von dem sogar die Russen beeindruckt sind."

Seit letztem Jahr hat Georgien eine neue Regierung. Und die versucht, die Beziehungen zum mächtigen Nachbarn Russland wieder zu normalisieren. Dies Jahr gab Russland grünes Licht für Weinimporte aus Georgien. Jedoch muss die russische Lebensmittelaufsicht zustimmen. Sie gilt als politisches Instrument des Kreml. Kontrolleure reisten an, begutachteten alles in der Kellerei - und gaben ihr OK. 50.000 Flaschen hat Bagrationi im August und September nach Russland geliefert. Ein Anfang.

Wenn bei der Präsidentenwahl am Sonntag der Kandidat der Regierung gewinnt, dürften die Beziehungen zwischen Georgien und Russland einen weiteren Schritt vorankommen.

Eigentümer von Bagrationi ist eine luxemburgische Kapitalgesellschaft.
Geschäftsführer Georgie Ramishvili wird am Sonntag den Kandidaten der Regierung wählen. Er kennt ihn seit Jahren. Enthusiastisch ist er trotzdem nicht. Auf keinen Fall dürfe man sich noch einmal vom russischen Markt abhängig machen:

"Wir sind auf der sicheren Seite und es passiert nicht, wie vor sieben Jahren, dass auf einmal das Land zu war, und wir Hunderttausende Dollar verloren haben. Wir haben ja keine Ahnung, wie es um Georgien in 5 Jahren steht. Wir hoffen alle, dass Georgien ein Stück weiter ist als jetzt."


Saturday, October 19, 2013

PODCAST: Alles Homo erectus? Von Michael Stang (dradio.de)

Unterkiefers eines Steinzeitmenschen, der im Sommer 1991 in Dmanisi, Südgeorgien, gefunden wurde. (Bild: AP Archiv)
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(dradio.de) Schädelfund aus Dmanisi gibt neue Hinweise auf die Frühzeit der Gattung Homo.
Von Michael Stang

Paläoanthropologie. - Als 1991 in Georgien die ersten Frühmenschenfossilien mit einem Alter von 1,8 Millionen Jahren entdeckt wurden, war klar, dass Menschen der Gattung Homo den afrikanischen Kontinent schon viel früher als gedacht verlassen hatten. Ein weiterer, erstmals vollständiger Schädel, wurde jetzt in "Science" vorgestellt und kontrovers beurteilt.

Die frühmenschlichen Fossilien aus der georgischen Ruinenstadt Dmanisi sind die ältesten Nachweise von Menschen außerhalb Afrikas. Vier Schädel nebst Skelettmaterial wurden dort, etwa 80 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, bislang entdeckt. Alle Funde wurden auf ein Alter von 1,8 Millionen Jahren datiert. Doch nun stellt ein weiterer Schädelfund alle bisherigen Entdeckungen in den Schatten, so David Lordkipanidze, Direktor des Georgischen Nationalmuseums in Tiflis.

"Diesen Schädel haben wir bereits im Jahr 2005 entdeckt. Er gehört zum selben Individuum, dessen Kiefer wir fünf Jahre zuvor entdeckt hatten. Aber die Analysen haben uns nunmehr acht Jahre Arbeit gekostet."

Das Hirnvolumen ist mit 546 Kubikzentimetern überraschend gering; das ist gerade einmal ein Drittel im Vergleich zu heute lebenden Menschen. Trotz des kleinen Gehirns weist der Schädel ein langes Gesicht auf, besitzt massive Kiefer und lange, große Zähne. Diese seltsame Kombination an anatomischen Merkmalen hätten sie nie zuvor in einem Individuum bei einem frühen Vertreter der Gattung Homo gesehen. Aber um welche Menschenart handelt es sich nun bei dem neuen Fund? Auch wenn Schädel Nr. 5 ein wenig anders aussieht als die ersten vier, so stammen sie alle aus derselben Fundschicht, haben also vermutlich zur selben Zeit gelebt und gehörten alle zu einer Gruppe. Bei der Interpretation gibt sich der Leiter der Studie, David Lordkipanidze, zurückhaltend.

"Ich denke, dass wir nach diesen Funden in Dmanisi vorsichtig damit sein müssen, was wir unter den Begriffen Homo erectus und Homo habilis verstehen. Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass wir hier über biologische Prozesse sprechen. Aber dieser frühe Vertreter unserer Gattung Homo - sei es nun erectus oder habilis - hat auf jeden Fall Afrika früher verlassen als wir zuvor gedacht hatten. Und bei diesem Fund handelt es sich eben nicht um einen klassischen Vertreter von Homo erectus."

Und diese Interpretation überrascht, denn der georgische Forscher ging noch vor wenigen Jahren davon aus, in Dmanisi den Vertreter einer eigenen Menschenart, einen Homo georgicus, entdeckt zu haben. Jetzt macht er eine Kehrtwende: Die Funde aus Dmanisi gehören für ihn zu einer frühen Form der Gattung Homo, wobei es für Lordkipanidze keine Rolle spielt, ob man die Funde als Homo erectus oder Homo habilis bezeichnet. Unabhängig von der Unsicherheit dieser Einordnung gebe gerade der neue Schädelfund völlig neue Einblicke in die Frühzeit unserer Gattung Homo, sagt auch Chris Stringer vom Naturhistorischen Museum in London, der einer der weltweit führenden Experten der Paläoanthropologie und Begründer der Out-of-Africa-Theorie ist.

"Ich denke, dass es ein sehr wichtiger Fund ist, schließlich ist es der am besten erhaltene Schädel samt Unterkiefer, den wir aus dieser Zeit kennen. Und er zeigt auch, wie groß die anatomische Bandbreite der Funde in Dmanisi ist."

Das war es aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten der Interpretation zwischen dem britischen Paläoanthropologen Stringer und dem georgischen Studienautor Lordkipanidze. Denn in der Veröffentlichung werden nun alle frühen Funde der Gattung Homo aus Europa, Asien und Afrika zu einer Art summiert. Und dass, obwohl vor rund zwei Millionen Jahren in Afrika teils mehrere Menschenvertreter parallel lebten: Homo rudolfensis, Homo habilis und Homo erectus, hinzu kommen noch einige andere Spezies, deren Einteilung in den menschlichen Stammbaum noch nicht ganz geklärt ist. Jetzt sollen der neuen These zufolge alle diese alten Funde als eine biologische Form betrachtet werden. Diese Einteilung kann Chris Stringer nicht nachvollziehen.

"Ich denke, dass man zurecht sagen kann, dass einige der afrikanischen Funde, die als Homo habilis oder afrikanischer Homo erectus bezeichnet werden, innerhalb der anatomischen Bandbreite der Dmanisi-Funde liegen. Aber ich wäre sehr vorsichtig damit, gleich alles in einen Topf zu werfen. Schließlich kennen wir einige Funde, die definitiv nicht in dieses Muster passen. Vermutlich gibt es eben doch mehr als eine Linie, von daher bin ich skeptisch, wenn man die Lösung des Problems darin sieht, alle Fossilien als Variante von Homo erectus zu bezeichnen. Das wäre meiner Meinung nach doch zu einfach."

Aber, und hier schränkt Chris Stringer ein, weisen die Studienautoren zurecht darauf hin, dass es vergleichbare, gut erhaltene Schädelfunde aus Afrika aus dieser Zeit bislang nicht gibt, um diese Frage zu klären. Bleibt trotz neuer Funde wieder nur die Hoffnung auf weitere und bessere Fossilien, um zu klären, ob der Stammbaum der Menschheit tatsächlich stark verästelt war oder ob er nur wenige Seitenzweige hatte und es eine frühmenschliche Artenvielfalt überhaupt nicht gegeben hat.

Monday, July 01, 2013

RADIO: Pressefreiheit in Georgien vor Gericht. Der Fall des Journalisten Irakli Absandze. Von Thomas Franke (dradio.de)

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(dradio.de) Kritische Medien gibt es in Georgien nur wenige. Für Journalisten ist das unabhängige Arbeiten seit dem Amtsantritt von Premierminister Ivanishvili schwer geworden. Nun steht der Journalist Irakli Absandze wegen angeblichen Drogenbesitzes vor Gericht. Viele vermuten, das Verfahren sei politisch motiviert.

Die Regierung von Bidzina Ivanishvili lenkt das Fernsehen, über das sich die meisten Georgier informieren. (Bild: picture alliance / dpa / ITAR-TASS / Alex)Irakli Absandze ist genervt. Statt zu recherchieren, steht er stundenlang vor Gericht. Er arbeitet für Liberali, ein kritisches Wochenmagazin in Georgien. Da gibt es genug Schwierigkeiten. Die letzte Ausgabe erschien nur im Internet, nicht am Kiosk. Der Grund sind Finanzschwierigkeiten der Zeitschrift. Firmen werben in Georgien ungern in einem kritischen Umfeld. Dazu kommt: Es gibt in Georgien keine Zeitungskultur. Die Leute sind nicht bereit, so viel Geld für ein Blatt zu bezahlen, dass es sich daraus finanzieren könnte. Wer kann, nutzt Internet. Kritischer Journalismus ist dringend nötig. Denn Georgier informieren sich meist über das Fernsehen, und das ist gelenkt. 

Verlautbarungsjournalismus sei denn auch eines der größten Probleme georgischer Medien, erläutert Tamar Rukhadze, die Geschäftsführerin des Ethikrates, eines Gremiums, zu dem sich kritische Journalisten in Georgien zusammengeschlossen haben, um die Standards zu verbessern.

"Manchmal gibt die Regierung oder das Innenministerium eine Pressemitteilung heraus, und alle Medien verbreiten sie genau so. Ich erinnere mich an keinen Fall, in dem das anders war. Selbst wenn diese Mitteilung überhaupt keinen Nachrichtenwert hatte. Ich weiß nicht, warum unsere Journalisten damit nicht mal aufhören."

Tamar Rukhadze war selbst Nachrichtenchefin des Fernsehkanals TV9. Der wurde letztes Jahr im Wahlkampf von Bidzina Ivanishvili gegründet, einem georgischen Oligarchen. Man konnte dort guten Journalismus machen, sagen die Mitarbeiter - bis zum Herbst. Da gewann Ivanishvili die Wahl, wurde Premierminister, und begann, massiv Einfluss auf das Programm zu nehmen. Ein großer Teil der Journalisten verließ den Sender, auch Tamar Ruhkadze.

"Redakteure in Georgien versuchen einfach immer, gute Beziehungen zu den Mächtigen zu halten. Aber dafür musst du senden, was sie dir geben. Denn morgen brauchst du die Leute ja wieder."

Auch der angeklagte Journalist Irakli Absandze hatte für TV9 gearbeitet, bevor er zur kritischen Wochenzeitschrift Liberali wechselte. Deren Macher versuchen, sich nicht einschüchtern zu lassen. In ihren aktuellen Recherchen geht es um den Generalstaatsanwalt. Der versucht offensichtlich, Einfluss auf die Lebensmittelkontrolle nehmen, um Bestechungsgelder zu bekommen. Die Drogen wurden Absandze nicht untergeschoben, das ist mittlerweile klar. Ein wohlmeinender Bekannter schickte sie - unbedacht - aus dem Ausland. Sie sind aber ein guter Anlass, um Druck auf den Journalisten auszuüben, erläutert Absandzes Anwalt Gagi Mosiashvili:

"Das größte Problem der Staatsanwaltschaft ist, dass sie das Ziel hatte, Absandze unbedingt anzuklagen, vorher aber nicht geklärt hat, ob die Beweise ausreichen. Das ist ein Dauerproblem der Staatsanwaltschaft. Sie kann einfach nicht damit umgehen, dass jemand eventuell zu Unrecht angeklagt ist, wenn die Beweislage dünn ist. Es ist dann sehr schwierig, die Staatsanwaltschaft dazu zu bringen, die Anklage fallen zu lassen."

Die Freispruchquote liegt in Georgien unter einem Prozent. Die Juristen sind in einer Zwickmühle. In der Zeit des scheidenden Präsidenten Micheil Saakashvili wurde das Drogengesetz absurd verschärft - um eine Handhabe gegen missliebige Gegner zu haben. Der Haschischkonsum ist in Georgien recht populär. Am Tag, an dem bekannt wurde, dass Absandze verhaftet wurde, gab es deshalb auch eine Demonstration, auf der zwar keine Legalisierung der Drogen, wohl aber eine Entschärfung der Gesetze gefordert wurde. Tamar Rukhadze:

"Die Regierung fing an, darüber zu reden. Das sind gute Nachrichten. Aber es wäre schön gewesen, wenn das ohne die Verhaftung von Irakli geschehen wäre."

Allen ist bewusst, wie absurd ein Strafverfahren gegen den missliebigen Journalisten wegen 0,1 Gramm Haschisch ist. Der Staatsanwalt erschien denn auch ohne Zeugen und bat, den Prozess weiter zu vertagen. Erneut bot er einen Vergleich an. Absandze wäre dann zwar raus, aber vorbestraft. Irakli Absandze gilt als aufrichtig und glaubwürdig. Deshalb nimmt er keinen Kuhhandel an. Immer schwingt die Sorge mit, dass irgendetwas Negatives an Absandze hängen bleiben soll.


Noch einmal Absandzes Anwalt Gagi Mosiashvili:

"Die meisten Staatsanwälte und Richter sind politisch manipulierbar. Wir bezweifeln ja gar nicht deren Ermittlungsmethoden, aber es gibt überhaupt keinen Beweis, dass Absandze vorhatte, diese Drogen zu kaufen. Ich schätze den Staatsanwalt, er ist professionell. Aber er kann keine unabhängigen Entscheidungen treffen. Ich möchte gern glauben, dass es keine politische Entscheidung war, Absandze vor Gericht zu stellen. Aber es ist nichts ausgeschlossen."


Monday, May 27, 2013

PODCAST: Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft? Das Forum deutschsprachiger Verleger in Tiflis. Von Mirko Schwanitz (dradio.de)

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(dradio.de) Georgien kann als letzter weißer Fleck auf dem europäischen Buchmarkt gelten. Also haben sich die Kulturpolitiker in Tiflis ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Die kleine Kaukasusrepublik soll 2016 Gastland der Frankfurter Buchmesse werden.
 
Für Europas Buchbranche bislang Terra Incognita: Die georgische Hauptstadt Tiflis. (Bild: AP)
Gedränge herrschte dieser Tage auf dem Tifliser Expo-Gelände. Die georgische Buchmesse kann zwar nicht mit der Größe einer Leipziger Buchmesse mithalten, noch reicht für alle Aussteller eine Halle von der Größe eines Fußballfeldes. Doch wie in Leipzig ist es vor allem eine von den Lesern geliebte Messe. Die kommen und kaufen und sind neugierig auf die Neuerscheinungen des Jahres. Kein Stuhl ist mehr frei, als die Schriftstellerin Ana Kordsaia aus dem von ihr ins Georgische übersetzten Roman "Stadt der Diebe" von Cornelia Funke vorträgt. Besucht wurde die Messe auch von den Teilnehmern eines internationalen Verlegerforums, das gerade in Tiflis zu Ende ging und dessen Ziel Medea Metreveli so beschreibt:
Zum dritten Mal bereits habe ein solches Forum in Tiflis stattgefunden, erklärt die engagierte, im georgischen Kulturministerium für die Förderung der Literatur zuständigen Abteilungsleiterin. Es solle vor allem georgische und ausländische Verleger zusammenbringen, denn ihr kleines Land habe das ambitionierte Ziel, 2016 Gastland der Frankfurter Buchmesse zu werden. Doch sei es nicht nur darum gegangen, dafür frühzeitig Kontakte zu knüpfen, sondern auch darum, konkrete Projekte zu planen, an denen nun gemeinsam mit ausländischen Verlegern gearbeitet werden soll.

So sollen vor allem die Zahl von literarischen Übersetzungen aus dem Georgischen erhöht und Übersetzer qualifiziert werden. Ein Vorhaben, an dem das georgische Kulturministerium seit geraumer Zeit intensiv arbeitet und für das trotz angespanntem Staatshaushalt sehr viel. Geld investiert werden soll. Das ist auch zwingend notwendig, will Georgien seiner Literatur auf den hart umkämpften europäischen Buchmärkten endlich international Geltung verschaffen. Auf denen, konstatiert Joachim Unseld von der Frankfurter Verlagsanstalt, als eine der letzten noch zu entdeckenden "terra incognita"

"Für mich ist es das erste Mal, dass ich in Georgien bin. Das hat natürlich einen Grund, weil ich gerade in Leipzig einen Band mit jungen georgischen Erzählerinnen herausgebracht habe und nun natürlich wissen wollte, was es mit georgischer Literatur insgesamt auf sich hat. Und so gesehen war das ein voller Erfolg, diese zwei Tage des Forums mit internationalen und georgischen Verlegern zusammen zu sein, zu sprechen, sich kennenzulernen."

Es ist eine Sisyphos-Aufgabe, die das Land zur Umsetzung des ambitionierten Ziels zu leisten haben wird. Auch, weil das Land gerade einmal 4,5 Millionen Einwohner. Nur wenig mehr sprechen die Sprache, die auf einem eigenen Alphabet beruht und über eine sehr schöne und an Spitzenklöppelei erinnernde Schrift verfügt und die Zahl guter Übersetzer aus dieser kleinen Sprache verschwindend gering ist. Umso mehr überraschte die aus England, Frankreich, Italien, China und Deutschland angereisten Verleger die Vielfalt und Qualität der vorgestellten Programme georgischer Verlage. Das Treffen sei für ihn aber auch noch aus einem anderen Grund interessant gewesen, meint Tom Müller vom Aufbau-Verlag.

"Es war sehr spannend auch, weil ja nicht nur deutsche Verleger hier waren, sondern auch aus England, aus Frankreich, eine türkische Agentin, dass man gleichzeitig noch so einen europäischen Blick auf die Manuskripte mit bekommen konnte. Wir sind sehr vielen Autoren begegnet, haben sehr viele Texte vorgestellt bekommen."

In denen spiegeln sich längst all die Umbrüche wieder, die sich derzeit auch in der georgischen Gesellschaft vollziehen. Sie reflektieren die fünf Kriege, die das Land seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion durchleben musste und junge Autoren beginnen bisher geltende Tabus zu brechen, etwa, wenn sie über den Umgang mit Behinderten in der georgischen Gesellschaft schreiben. Gleichzeitig strahlt die georgische Verlegerszene eine Vitalität aus, der alle Anwesenden beeindruckte. Das habe sicher jeder Teilnehmer des Forums ebenso deutlich gespürt wie er selbst, meint der Verleger Joachim Unseld.

"Das Ganze ist natürlich politisch sozial ein Land im Aufbruch. Man sieht hier überall, dass etwas am Wachsen ist, dass Änderungen dort sind, die Demokratisierung ist hier doch wirklich angekommen, die Öffnung zum Ausland hin, die Internationalisierung und das sieht man bei den Verlagen sehr deutlich, das sehr große Interesse auch an internationaler Literatur und auch der Wille, ich mit uns in Verbindung zu setzen - also eine gute Kooperation denke ich."

Der Erfahrungsaustausch machte den georgischen Teilnehmern aber auch sehr deutlich, wie viel noch zu tun bleibt, um der Aufgabe eines Gastlandes des weltgrößten Buchmesse gewachsen zu sein. Mit Spannung erwartet Georgiens nun den in wenigen Tagen bevorstehenden Besuch der Chefs der Frankfurter Buchmesse.

Wednesday, May 22, 2013

POLITIK: Ehemaliger Premierminister in Georgien festgenommen. Von Gesine Dornblüth (dradio.de)

Merabischwili soll sein Amt missbraucht haben

Der Vorsitzende der Partei "Nationale Bewegung" und mögliche Präsidentschaftskandidat Wano Merabischwili ist in Haft. Der aktuelle Präsident Saakaschwili sieht in der Verhaftung seines Vertrauten einen politischen Racheakt.

Saakaschwili ist noch Präsident, seit den Parlamentswahlen ist aber eine gegnerische Partei an der Macht. (Bild: picture alliance / dpa / Andrew Gombert)
Saakaschwili ist noch Präsident, seit den Parlamentswahlen ist aber eine gegnerische Partei an der Macht. (Bild: picture alliance / dpa / Andrew Gombert)

Dem ehemaligen Premierminister und Vertrauten von Präsident Micheil Saakaschwili, Wano Merabischwili, werden Amtsmissbrauch, Korruption und Veruntreuung vorgeworfen. Er soll im Wahlkampf vor einem Jahr öffentliche Gelder aus einem Beschäftigungsprogramm der Regierung verwendet haben, um Helfer der eigenen Partei zu bezahlen. Gestern wurde er deshalb verhört und anschließend festgenommen. Es sind nicht die einzigen Vorwürfe. Weitere Anklagepunkte beziehen sich auf seine achtjährige Amtszeit als Innenminister. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft:

"Am 26. Mai 2011 hat Merabischwili die Auflösung einer Demonstration angeordnet. Die Polizeigewalt bei diesem Einsatz war unangemessen. Dabei sind zwei Menschen ums Leben gekommen."

Außerdem soll der 45-Jährige die Ermittlungen in einem Mord an einem Bankkaufmann behindert haben, weil seine Frau in den Fall involviert war. Merabischwili drohen nun sieben bis zwölf Jahre Haft. Die Nationale Bewegung könnte damit ihren Parteivorsitzenden und möglichen Kandidaten für die Präsidentenwahl im Herbst verlieren. Mit Merabischwili wurde der frühere Gesundheitsminister Zurab Tschiaberaschwili festgenommen, auch er ein wichtiger Mann im Machtgefüge von Präsident Saakaschwili.

Die Festnahme der hochrangigen Oppositionspolitiker kam nicht unerwartet. Viele Georgier nannten Merabischwilis Namen, wenn es um die Drangsalierung Oppositioneller oder unbequemer Journalisten unter der alten Regierung ging. Von Einschüchterung und Erpressung war die Rede, mithilfe mitgeschnittener Telefongespräche oder heimlich gefilmter Bettszenen. Bisher blieb es meist bei Gerüchten. Nun sagt die Staatsanwaltschaft, sie habe Beweise. Die politischen Gegner Merabischwilis, derzeit an der Regierung, freut das. Die Abgeordnete Eka Beselia, Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses:

"Die georgische Gesellschaft fordert seit Langem, Gerechtigkeit wieder herzustellen. Es ist wichtig, gründlich ermitteln. Ich bin sicher, es gibt keine politische Verfolgung, keine Revanche, sondern konkrete Verbrechen. Schwere Verbrechen. Da müssen konkrete Personen zur Verantwortung gezogen werden."

Neun Jahre war die Nationale Bewegung an der Macht. Auch internationale Organisationen wie der Europarat rügten Justizwillkür unter der alten Regierung.

Das Saakaschwili-Lager sieht das alles ganz anders und wirft der jetzigen Regierung Rachejustiz vor. Bereits im Herbst, kurz nach dem Regierungswechsel, waren mehrere ehemalige Regierungsbeamte verhaftet worden. Präsident Saakaschwili zog gestern Parallelen zur Ukraine. Dort sitzt die ehemalige Premierministerin Julia Timoschenko in Haft.

"Die Ukraine, dieser große Staat, den Europa, die USA und die NATO brauchen, ist in die internationale Isolation geraten, weil die ehemalige Premierministerin aus politischen Motiven verhaftet wurde. Es ist in Russlands Interesse, auch Georgien international zu isolieren. Ich denke, unsere Bürger, unsere Gesellschaft und auch unsere Partei sollten darüber nachdenken, welche politischen Folgen die Verhaftung des Vorsitzenden der Oppositionspartei haben kann."

Saakaschwili spielt die internationale Karte. Er wirft der neuen Regierung vor, Georgien von seinem proeuropäischen Kurs abzubringen und das Land stattdessen Russland auszuliefern. Belege dafür gibt es allerdings nicht. Im Gegenteil: Der derzeitige Premierminister hat sich gleich nach seinem Wahlsieg für die euro-atlantische Integration ausgesprochen. Der Präsidentenwahlkampf im Herbst in Georgien dürfte nach den jüngsten Festnahmen noch spannender werden.

Tuesday, May 21, 2013

PODCAST: Die Hoffnungen wehen im Wind. Die Tradition des Wunschbaums ist in Georgien tief verwurzelt. Von Andi Hörmann (dradio.de)

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(dradio.de) Der Wunschbaum ist ein alter heidnischer Brauch in Georgien. Die Menschen binden als Symbol für ihre Sehnsüchte und Hoffnungen kleine Bändchen daran. Ihre Symbolkraft ist angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche aktueller denn je.
 
Lose Pflastersteine und knirschender Schotter - ein Fußweg schlängelt sich hoch zu der Burgruine Nariqala. In beige-grauen Farbtönen thront die ehemalige Festung über der Altstadt von Tiflis. Es riecht nach Sommer, die Mittagssonne ist stechend heiß, die Felsen sind aufgeheizt. Nur ein laues Lüftchen umweht die Zweige eines alten, verästelten Kirschbaums - die Blätter rascheln im Wind.

"Wenn du dir den Wunschbaum ansiehst, wie schön der ist. Das weckt sofort Hoffnung. Bunt, schön, positiv."

Rot, gelb, blau - Stoffe in verschiedensten Farben, Haargummis und Taschentücher, in Fetzen gerissene Plastiktüten - niedlich drapiert sind sie in Form kleiner Schleifen an Äste und Zweige gebunden. Symbole der Sehnsucht.

"Wenn die Leute ein Taschentuch dabei haben, binden sie das an diesen Baum fest und dann wünschen sie sich etwas. Aber ich habe das nie gemacht. Ich denke über solche Sachen anders. Ich glaube, wenn man einen Wunsch hat, dann muss man daran arbeiten und sich nicht auf einen Baum verlassen."

Der Wunschbaum ist ein alter heidnischer Brauch in Georgien, doch George Chantladze kann über solche abergläubische Rituale nur schmunzeln. Er studiert an der Iwane-Dschawachischwili-Universität in Tiflis Sportmanagement. Die Dozentin Natia Burdshanadze unterrichtet Deutsch an der Fakultät Kunst & Wissenschaft. Wunschbäume sind für sie ein verstaubtes Relikt aus längst vergangenen Zeiten.

"Ich habe das in meinem Leben einmal gemacht in meinem Dorf. Ich weiß nicht mehr, was ich mir damals gewünscht habe. Aber heute glaube ich nicht mehr daran. Heute denke ich, das ist nur eine Dekoration für die Stadt oder für die Leute, die daran glauben. Also ich nicht."

Wunschbäume sind tief verwurzelt im kollektiven Gedächtnis der georgischen Bevölkerung. Als Motiv tauchen sie immer wieder in Literatur, Musik und Filmen auf. 1977 erscheint zum Beispiel mit "Natvris Khe" einer der heute bekanntesten Filme aus Georgien: "Der Baum der Wünsche". Der Regisseur Tengis Abuladse erzählt in dieser Literaturverfilmung von der Zerstörung georgischer Traditionen in Zeiten politischer Umbrüche. Natia Tavadze ist geboren, als der Film in den Kinos lief. Sie ist Germanistin und arbeitet in Tiflis als Übersetzerin.

"Der ganze Film symbolisiert die problematische politische, wirtschaftliche, soziale Lage Georgiens vor der Oktoberrevolution. Und in dem Film gibt es einen Mann, der an das Gute glaubt. Er sucht nach einem Wunschbaum, weil er nach dem Heil sucht. Am Ende verkommt er, weil er an einem Baum erfriert. Und dann sagt derjenige, der ihn an dem Baum erfroren findet: Ja, er habe sich wirklich den schönsten Baum im Wald ausgesucht.

Man könnte ja denken, weil er am Ende stirbt, dass die Suche nach einem Wunschbaum umsonst und unrealistisch ist, aber die Töchter suchen weiter. Sie sagen: Ja, unser Vater hat den Wunschbaum nicht gefunden, aber wofür sind wir da? Er hat die Hoffnung an uns weiter gegeben. Es gibt auch ein Lied über den Wunschbaum und der Text lautet: Wunschbaum, oh, Wunschbaum, du hast mir meine Seele mit Wünschen erfüllt und jetzt glaube ich auch daran, dass die Wünsche in Erfüllung gehen."

Die Symbolkraft der Wunschbäume ist heute in Georgien vielleicht aktueller denn je: Die Bevölkerung ist gegenüber der Regierungspartei "Georgischer Traum" von Bidsina Iwanischwilli von einer tiefen Skepsis durchdrungen. Seit dem Regierungswechsel im Oktober 2012 stehen in der georgischen Hauptstadt alle Zeichen auf politischen und gesellschaftlichen Umbruch. Die Hoffnungen und Sehnsüchte der Georgier flattern im übertragenen Sinn wie die Bändchen am Wunschbaum. Doch in welche Richtung der Wind weht, ist noch ungewiss.

Friday, April 26, 2013

PODCAST: Träumen vom Aufschwung Hoffnungen in Georgien nach dem Ende des russischen Embargos im Mai (dradio.de)

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(dradio.de) Von Thomas Franke

Die seit einem halben Jahr amtierende Regierung in Georgien ist bestrebt, die Beziehungen zu Russland zu normalisieren. Im Mai wird das Handelsembargo gelockert. Georgien erhofft sich Aufschwung für Wirtschaft und Arbeitsplätze.



Blick auf die georgische Hauptstadt Tiflis (Bild: AP)Soso Mekvevrishvili steht auf einer Wiese am Fluss. Hinter ihm eine Lagerhalle mit Wellblechdach, jemand verputzt das Toilettenhäuschen. Rundherum Berge, Bäume.

"Wir brauchen ein oder zwei Köche hier. Wir brauchen Servicepersonal, die unser Picknick organisieren, wir brauchen technisches Personal. Wir haben auch neue Fahrräder gekauft, wir werden auch Radtouren anbieten. Zwei Leute werden Raftingguides sein, ein Mann muss eigentlich Fahrradguide sein."

Er baut ein Zeltlager, gut eine Stunde von der Hauptstadt Tiflis entfernt. Für Touristen. Tourismus boomt in Georgien. Zwischen 2010 und 2011 stieg die Zahl der Besucher um fast die Hälfte auf 2,8 Millionen Gäste pro Jahr, bei etwas mehr als vier Millionen Einwohnern.

Mekvevrishvili hat vor zwei Jahren mit vier Mitarbeitern angefangen, allesamt Saisonarbeiter. Für diesen Sommer rechnet er mit mehr Touristen, aus dem Baltikum, aus Polen und verstärkt aus Russland. 20 Arbeitsplätze wird er deshalb schaffen, vor allem, weil die Beziehungen zu Russland wieder in Gang kommen.

Arbeitslosigkeit ist eines der größten Probleme des kleinen Landes im Südkaukasus, aber auch jenseits der Grenze in Russland. Vor zwei Wochen trafen sich der Arbeitsminister Russlands und der stellvertretende Arbeitsminister Georgiens, Kakha Sakandelidze, am Rande des Europatreffens der Internationalen Arbeitsorganisation ILO in Oslo.

"Wir haben beide gesagt, dass unsere Kooperation sehr wichtig ist für die Entwicklung der Arbeitsmärkte."


Konkrete Vorstellungen, was das Ganze für Georgien bringt, hat Sakandelidze nicht. Neben dem Tourismus sind es vor allem die Landwirte, die von der Öffnung des russischen Marktes profitieren. Sie konnten jahrelang ihren Wein, ihr Obst und ihre Nüsse nicht über die Grenze nach Norden bringen.

"Prognosen über konkrete Zahlen sind unmöglich. Klar, unsere Weinprodukte und das Mineralwasser Borjomi. Aber wir haben jetzt andere ökologische Produkte im Einklang mit den europäischen Standards. Die können wir nach Russland liefern, wenn es Nachfrage danach gibt."

Georgiens Produktion hat sich teils modernisiert, auch, um Alternativen zum russischen Markt zu erschließen. Soso Mekvevrishvili hat den Schock des Embargos in der eigenen Familie erfahren. Eigentlich sind sie Bauern aus Kachetien. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 90er Jahren wurde es immer schwieriger, das Embargo der Russen gab vielen den Rest:

"Vor dem Embargo haben die kachetischen Bauern für ein Kilogramm Weintrauben bis zu drei Lari bekommen und nach dem Embargo, nachdem die Grenze zugemacht wurde, hat ein Kilogramm Trauben weniger als ein Lari gekostet. Und das ist genau der Preis, wo die Bauern sagen, da werde ich lieber nicht produzieren. Und viele haben das Land verlassen."

Ein Lari, das ist ungefähr 50 Cent. Nun gehe es wieder aufwärts, hofft Mekvevrishvili. Die Landwirtschaft haben sie noch, um die kümmert sich sein über 80-jähriger Vater.

Optimistisch gibt sich auch der Minister für Reintegration Paata Tsakareishvili. Er ist für die Wiedervereinigung mit den Separationsgebieten zuständig. Und anders als sein Kabinettskollege Sakandelidze, hat er Berechnungen.

"Ich bin zwar kein Ökonom. Ich kann das also nicht wirtschaftlich ausdrücken. Aber ich gehe davon aus, dass, wenn die ökonomischen Beziehungen mit Russland belastbar geworden sind, die Beschäftigungsrate in Georgien zwischen sechs und siebenProzent steigen wird."

Thursday, April 25, 2013

PODCAST: Beglückende Erfahrungen in der Wüste. John Dos Passos: Orient-Express. Besprochen von Knut Cordsen (dradio.de)

Podcast: Beglückende Erfahrungen in der Wüste 

John Dos Passos: "Orient-Express", Nagel & Kimche, München 2013, 206 Seiten 

(dradio.de) Der amerikanische Schriftsteller John Dos Passos wollte 1927 eine aufregende Reise machen und begab sich auf den Weg in den Orien. Nach der Rückkehr schrieb er den Bericht - ohne Vorurteile und mit wohlüberlegten Einschätzungen. Der 1927 veröffentlichte Band "Orient-Express" ist nun erstmals auf Deutsch zu haben.


Eine historische Aufnahme zeigt einen Suk in Marrakesch 1943. (Bild: AP Archiv)
Dem legendären, zwischen Paris und Konstantinopel verkehrenden "Orient-Express" hat einst Agatha Christie mit ihrem Krimi "Mord im Orient-Express" Berühmtheit verliehen. Mit eben jenem Luxuszug reiste auch der amerikanische Schriftsteller John Dos Passos 1921 bis Konstantinopel und begann dort dann seine Reise durch das Morgenland. "Orient-Express" heißt das nun erstmals auf Deutsch erschienene Buch, das diese Reise durch die Türkei, Georgien, Armenien, Persien, den Irak und Syrien dokumentiert. Verfasst von jenem Autor, der späterhin mit seinen Romanen "Manhattan Transfer" und der Trilogie "U.S.A." Weltruhm erlangen sollte.

In Teheran stellt sich dem 25-jährigen Reisenden irgendwann die Sinnfrage: "Was will ich überhaupt im Orient? Was gehen mich diese welken Fragmente alter Ordnungen an, diese toten Religionen, diese Ruinen, gespickt mit den Larven der Geschichte?" Doch wenige Wochen später entschädigt den "a. O.", wie sich der amerikanische Orientreisende John Dos Passos gern abkürzt, in Babylon "eine Flasche Münchner Exportbier, kühl und beschlagen", für all die Strapazen, die er bis dahin hat durchmachen müssen.

Wie der bayerische Trunk in den Irak hat finden können? Dafür ist die koloniale Großmannssucht des deutschen Kaisers und dessen Traum von der "Bagdadbahn" verantwortlich. Mit dem Zug, zu Pferd, zu Fuß, mit dem Auto, dem Schiff sowie auf dem Kamel und einer wackeligen Wagonette, permanent Wind und Hitze ausgesetzt, reiste Dos Passos 1921 durch den Orient. Und wurde so zum Chronisten von Massakern (durch die Truppen Mustafa Kemals, des späteren Begründers der modernen Türkei), zum Dokumentaristen großen Flüchtlingselends (verschiedener, in den Kriegswirren hierhin und dorthin bugsierter Völker) und zum nüchternen Beobachter des Alltagslebens etwa in Eriwan oder Damaskus.

Seine Einschätzungen erweisen sich dabei als heute noch hochinteressant, weil sie nie ressentimentgeladen und immer reflektiert sind. John Dos Passos weiß, dass "wir Okzidentalen" im Orient meist nur eine riesige Projektionsfläche erkennen. Ihn überkommt bisweilen "eine Abscheu vor den ganzen romantischen Orientklischees, von denen es ja selbst im Orient wimmelt". Neugierig blickt er sich um, lässt sich nicht blenden von der Farbenpracht aus "papageiengrüner Seide", "rosa Staub" und unermesslich weiten "schlachtschiffgrauen" Ebenen, die willkürlich von fremden Besatzungsmächten gezogene Grenzlinien durchschneiden: "Das Landkartenspiel im Orient" - nicht die einzige Kritik des Amerikaners am "tödlichen Ansturm des Westens".

So war der vom späteren Gesellschaftskritiker keinesfalls verklärte Orient (dem hier vorherrschenden Islam stand Dos Passos denkbar fern) bereits seinerzeit angekränkelt von der "Tyrannei der Dinge", "dem ganzen Schund, den unsere Kultur für das Höchste hält, für den wir uns krummlegen und zu Tode rackern": "Henry Fords Evangelium von Arbeitsteilung und Standardisierung wird Herzen gewinnen, die Thales und Demokrit, Galileo und Faraday standhielten."

Bei all dem erinnert sich John Dos Passos stets daran, wie schwierig es ist, "den Schlüssel zu finden, diese komplizierte Arabeske lesen zu können, die gedankenlos auf einem Grund von schierem Schmerz hingeschrieben wurde". Und er macht die beglückende Erfahrung, "die Wüste, dieses kalte purpurrote feuersteinerne Plätteisen, hat alles Gallige aus meinem Bauch, alles Runzlige aus meinen Gedanken weggebügelt." Verzichtbar erscheint in diesem überaus aufschlussreichen Buch lediglich der abschließende kurze Passus über eine Marokko-Reise im Jahr 1926, der wie angeklatscht wirkt.




John Dos Passos: Orient-Express
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. 
Nachwort von Stefan Weidner
Nagel & Kimche, München 2013
206 Seiten, 18,90 Euro

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Friday, March 15, 2013

RADIO: Bücherfrühling 2013 - Von der Leipziger Buchmesse (dradio.de)

(dradio.de) NÄCHSTE SENDUNG
16.03.2013 23:05 Uhr

Mit Nico Bleutge, Nino Haratischwili und Manana Tandaschwili, Abbas Khider, Olga Martynova, Birk Meinhardt, Robert Schindel, Schünemann&Voliæ, David Wagner und Ulrich Woelk

Moderation: Barbara Wahlster, Sigried Wesener, Dorothea Westphal

Mitschnitt vom 16.3.13 - 12.00-15.00 Uhr am 3sat-Messestand Glashalle

Tuesday, January 08, 2013

RADIO: Machtkampf in Georgien. Regierung und Präsident ringen um Einfluss und Verbündete. Von Gesine Dornblüth (dradio.de)

(dradio.de) Im Herbst gelang in Georgien erstmals ein Regierungwechsel durch Wahlen. Premierminister wurde der Milliardär Bidzina Iwanischwili. Doch sein Vorgänger Michail Saakaschwili ist immer noch Staatspräsident und liefert sich einen erbitterten Machtkampf mit der Regierung Iwanischwili.

Der Machtkampf zwischen Georgiens Regierung und dem Lager des Präsidenten wird mit harten Worten ausgetragen. Ende Dezember beschloss das im Oktober gewählte Parlament, etwa 3.500 Gefangene vorzeitig aus der Haft zu entlassen. Die Amnestie gilt ausdrücklich auch für 200 politische Gefangene, die unter der Vorgängerregierung verurteilt worden waren. Staatspräsident Saakaschwili legte sein Veto gegen die Amnestie ein. Das Parlament wiederum überstimmte das Veto. Daraufhin Saakaschwili:

"Dieser Tag wird eine Schande für den georgischen Parlamentarismus. Ich hatte mein Veto eingelegt, weil ich die Gesellschaft vor schweren Folgen bewahren wollte. Ich wollte nicht, dass russische Spione und die Organisatoren von Staatsumstürzen und militärischer Rebellion frei kommen. Indem das Parlament das Veto des Präsidenten aufgehoben hat, übernimmt es die Verantwortung für diesen staatsfeindlichen Akt."

Eka Beselia, Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses und Initiatorin der Amnestie, kommentierte die Schelte des Präsidenten so:

"Saakaschwili hat unserem Parlament nicht zu sagen, was es tun soll. Dieses Parlament hat Kraft und Würde genug, um einmal gefällte Entscheidungen zu verteidigen, die Würde der Bürger unseres Landes zu schützen, und das Land von der Schande zu befreien, die es neun Jahre wegen Saakaschwili erfahren hat."

Saakaschwili hatte in den vergangenen Jahren als Präsident sehr viel Macht auf seine Person und wenige Vertraute konzentriert. Zahlreiche Kritiker wurden gegängelt, aus Ämtern entfernt, zu Haftstrafen verurteilt. Auch wegen dieser Ungerechtigkeiten hatten im Herbst viele Menschen die Nationale Bewegung Saakaschwilis abgewählt. Davit Saganelidze, Fraktionsvorsitzender der Iwanischwili-Partei "Georgischer Traum", rechtfertigte die Amnestie daher so:

"Das Parlament hat seine Mission erfüllt. Es hat im Namen des Volkes gesprochen und die Position eingenommen, die die georgische Gesellschaft möchte. Wir sind vom georgischen Volk gewählt. Und wir müssen seine Entscheidung umsetzen, nicht den Wunsch eines einzelnen Menschen. Ich denke, Präsident Saakaschwili wird nachdenken und nicht gegen den Strom schwimmen. Denn das ist nicht gut für das Land. Und es ist auch nicht gut für ihn und seine Truppe."

In der Bevölkerung werden Stimmen immer lauter, die Saakaschwilis Rücktritt fordern. Aktivisten wollen 800.000 entsprechende Unterschriften gesammelt haben. In Georgien sind Ende dieses Jahres Präsidentenwahlen. Saakaschwili hat angekündigt, bis dahin im Amt zu bleiben. Einige seiner Gegner denken bereits über ein Amtsenthebungsverfahren nach. Dazu wäre die verfassungsgebende Mehrheit nötig.

In den vergangenen Wochen sind mehrere Abgeordnete aus dem Saakaschwili-Lager in das Regierungslager übergelaufen. Deshalb gelang es, das Veto Saakaschwilis gegen die Amnestie zu überstimmen. Es scheint nun durchaus möglich, dass das Parlament auch ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten durchsetzen könnte.

Das Regierungslager hält sich in dieser Frage allerdings bisher bedeckt - auch, weil eine Amtsenthebung im westlichen Ausland vermutlich nicht gut ankäme. Saakaschwili hat dort nach wie vor seine Fürsprecher. Das liegt auch daran, dass er sehr gut weiß, welche Worte im Westen ankommen. Das bewies er zuletzt in seiner Neujahrsansprache, in der er die Regierung zu Kompromissen aufrief.

"Lasst uns die aggressive und beleidigende Rhetorik gegeneinander beenden. Das betrifft auch mich. Lasst uns aufhören, den anderen als Verbrecher und Verräter zu bezeichnen. Es wird immer Kritik geben, und das muss auch so sein, aber wir sollten keine Hassreden gegen den anderen halten; wir alle haben unsere Unterstützer. Mit solcher Rhetorik werden wir die Gesellschaft spalten."

In derselben Ansprache warf Saakaschwili der Regierung vor, die Anbindung Georgiens an den Westen zu zerstören. Dabei hatte sich Premierminister Iwanischwili mehrfach zur NATO und zur EU bekannt. Abgeordnete des Regierungslagers stellten dementsprechend als Reaktion auf Saakaschwilis Ansprache die Seriosität des Präsidenten infrage.

Monday, November 26, 2012

PODCAST: Zwischen Shoppingmalls und historischer Substanz. Denkmalschützer in Tiflis schlagen Alarm. Von Tatjana Montik (dradio.de)


(dradio.de) In Georgiens Hauptstadt Tiflis stehen viele marode Altbauten, die restauriert werden sollen. Denkmalschützer kritisieren jedoch, dass die Stadtverwaltung mehr Interesse an den Wünschen der Investoren zeigt, als an den kulturhistorischen Bauten.

"Es gibt bereits zwanzig Fälle in Tiflis, bei denen die denkmalgeschützten Häuser aus der entsprechenden Liste gelöscht wurden. Danach wurden diese Gebäude einfach abgetragen. Man kann diese Gebäude in der Denkmalschutzliste auf der Homepage der Stadtverwaltung zwar noch abrufen, aber in der Wirklichkeit existieren sie nicht mehr. "

Blick auf die georgische Hauptstadt Tiflis (Bild: AP)
Der Gudiaschwili Platz in Alt-Tiflis ist eine Augenweide. Doch seine einst bunten alten Häuser mit den kunstvoll geschnitzten Holzbalkonen benötigen dringend eine Restaurierung. Etwa das sogenannte Lermontow-Haus, das früher ein Offiziershotel gewesen ist, wo der berühmte russische Dichter im Jahre 1837 genächtigt haben soll. Dies ist eines der zwei Bürgerhäuser von Tiflis, das nach der Zerstörung der Stadt durch den persischen Khan Ende des 18. Jahrhunderts erhalten geblieben war.

Vor anderthalb Jahren hat eine private Firma eine Häuserzeile am Gudiaschwili-Platz gekauft. Am Projekt beteiligt seien georgische und ausländische Investoren sowie ein Architektenbüro aus Österreich, so heißt es. Nun soll der Platz rekonstruiert werden. Die Bauarbeiten sind seit einer Woche in Gang. Die alten Holzbalkone und das Dach des Lermontow-Hauses sind bereits weg. Das anliegende, ebenfalls historische Gebäude wurde zur Hälfte zerstört. Und niemand habe bisher erfahren können, wie genau das Bauprojekt aussieht, sagt Aleko Elisaschwili von der Denkmalschutzgruppe "Tiflis Hamqari", die "Fürsorger von Tiflis":

"Was hier passiert, ist reine Barbarei! Die Investoren mögen ihr Geld verdienen, doch nicht auf Kosten unseres historischen Kulturerbes! Das hier ist der einzige authentisch erhaltene Platz in ganz Tiflis. Man muss diesen Platz originalgetreu restaurieren und nicht zuerst alles zerstören und danach nach alt wieder aufbauen. Wir brauchen hier keine pseudo-alten Neubauten. Falls unsere Stimmen nicht gehört werden, werden wir die Bautätigkeit auf aggressive Weise stoppen. "

Am Gudiaschwili-Platz seien acht Gebäude denkmalgeschützt, sagt Aleko Elisaschwili. Doch die Stadtverwaltung, in deren Kompetenz der Denkmalschutz von Tiflis liegt, interessiere das nicht. Die Stadtväter richteten sich in erster Linie nach den Wünschen der Investoren: Wenn das Geld fließt, werde so einiges übersehen beziehungsweise angepasst:

"Es gibt bereits zwanzig Fälle in Tiflis, bei denen die denkmalgeschützten Häuser aus der entsprechenden Liste gelöscht wurden. Danach wurden diese Gebäude einfach abgetragen. Man kann diese Gebäude in der Denkmalschutzliste auf der Homepage der Stadtverwaltung zwar noch abrufen, aber in der Wirklichkeit existieren sie nicht mehr. "

In der Regierungszeit von Michail Saakaschwili wurde in Georgien viel gebaut und restauriert. Das Ziel war es, möglichst viele Touristen ins Land zu holen. Als Aushängeschild solcher Rekonstruktionsprojekte gilt die malerische Stadt Sighnaghi in Kachetien, östlich von Tiflis, die binnen kurzer Zeit touristentauglich gemacht wurde. Beim genauen Hinschauen aber wird klar, dass die Restaurierungsarbeiten nur potemkinsche Dörfer ergaben: Hinter den Fassaden und an der Infrastruktur wurde nur wenig gemacht. Ähnlich sei man auch in der alten Stadt Kutaisi in Westgeorgien vorgegangen, im Schwarzmeerhafen Batumi, in Mestia im swanetischen Großkaukasus und in der alten Hauptstadt Mzcheta.

Außerdem ist eines nicht zu übersehen: In der georgischen Architektur regiert der Geschmack der oberen Machteliten, sprich: pfiffige modernistische Bauten, die oft von ausländischen Architekten entwickelt und zwischen die historischen Häuser zusammenhanglos hineingepflanzt wurden. Die geschwungene Glasbrücke und das futuristische Gebäude der neuen Public Service Hall im historischen Stadtkern sind nur einige Beispiele. Oder zwei stählerne Röhren, die eine neue Konzerthalle darstellen sollen, gleich unterhalb des Präsidentenpalastes, der an das Reichstagsgebäude von Sir Norman Forster erinnert.

Nick Schawischwili, Architekturprofessor an der Technischen Universität von Tiflis, übt Kritik an der undemokratischen Entscheidungspraxis in den Denkmalschutzfragen:

"Wenn das Interesse der Öffentlichkeit gegenüber den Denkmalschutzfragen so groß ist, wird normalerweise eine Öffentlichkeitsbefragung gemacht. Im Falle des Gudiaschwili-Platzes wurde die Meinung der Öffentlichkeit schlichtweg ignoriert. Ich hoffe, es ist nicht zu spät, die Öffentlichkeit in die Fragen rund um den Gudiaschwili-Platz hineinzubeziehen. Ich hoffe, die neue Regierung wird bald eine politische Entscheidung über die Revision dieses Bauprojektes treffen."

Indessen verlangt die Denkmalschutzgruppe "Tiflis Hamqari", für alle Bauprojekte in den historischen Stadtteilen von Tiflis und an anderen historischen Stätten ein Moratorium einzuführen.

In der Denkmalschutzabteilung im georgischen Kulturministerium hofft man nun, der politische Wechsel würde auch in Denkmalschutzfragen eine Trendwende bringen, sagt die Vizeabteilungsleiterin Maka Schawischwili:

"Wir haben seit Kurzem eine neue Vize-Kulturministerin für Denkmalschutz, die Wert darauf legt, dass jene aggressiven Bauprojekte gestoppt werden, die unsere Baudenkmäler zerstören."

Monday, October 01, 2012

PODCAST: Georgien wählt heute ein neues Parlament. Von Gesine Dornblüth (dradio.de)


Von Gesine Dornblüth

Parlamentswahlposter in Tiflis, Georgien (Bild: picture alliance / dpa / Yuri Kochetkov)
Parlamentswahlposter (Bild: picture alliance / dpa / Yuri Kochetkov)
Bisher stellt die Regierungspartei von Präsident Micheil Saakaschwili die verfassungsgebende Mehrheit in Georgien, nun hat auch das Koalitionsbündnis des Milliardärs Bidzina Iwanischwili gute Chancen. Der Wahlkampf glich einer Schlammschlacht gegenseitiger Vorwürfe und Beleidigungen.

Georgien wählt heute ein neues Parlament. Bisher stellt die Regierungspartei von Präsident Micheil Saakaschwili die verfassungsgebende Mehrheit, und Saakaschwilis Leute haben auch alle Schlüsselpositionen in der Kaukasusrepublik besetzt.

Wir erinnern uns, Saakaschwili war 2003 bei der sogenannten Rosenrevolution getragen von einer riesigen Welle der Sympathie an die Macht gekommen. Nun sinkt sein Stern. Mit dem Milliardär Bidzina Iwanischwili hat seine Partei erstmals einen ernstzunehmenden Konkurrenten. Der reichste Mann Georgiens hat binnen eines Jahres ein breites Koalitionsbündnis auf die Beine gestellt.

Der Wahlkampf glich einer Schlammschlacht. Iwanischwili bezeichnet Saakaschwili als "kleinen Stalin". Saakaschwili wiederum verunglimpft Iwanischwili als "Marionette Putins". Immer wieder ging es im Wahlkampf um Kriminalität - der jeweils anderen Seite, versteht sich.

Korruption in den georgischen Eliten

Der Rückhalt von Oppositionsführer Bidzina Iwanischwili ist durch die Veröffentlichung der Foltervideos aus einem Tifliser Gefängnis vor knapp zwei Wochen noch einmal gestiegen. Iwanischwili hat viele Arbeitslose hinter sich, aber auch Bildungsbürger wie die etwa 50-jährige Wirtschaftsfachfrau Nana. Sie war eine der annähernd 200.000 Teilnehmer der großen Abschlussdemonstration der Opposition in Tiflis am vergangenen Sonnabend.

"Anfangs hatte ich Angst, mich zur Opposition zu bekennen. Angst um meine Kinder, um deren Arbeitsplätze. Aber was in den Gefängnissen passiert ist, sind Verbrechen an der jungen Generation. Es ist meine Pflicht, dagegen zu protestieren. Ich hoffe sehr, dass Bidzina Iwanischwili alles zum Besseren wenden wird." 

Die Erwartungen an den Milliardär sind hoch, sehr hoch. In seinem Parteiprogramm verspricht er Arbeitsplätze, eine Krankenversicherung für alle, Gerechtigkeit. Entscheidender als diese Inhalte ist für viele Georgier aber sein Versprechen, die Allmacht der Regierung zu durchbrechen. Kritiker Iwanischwilis werfen ihm vor, er kaufe sich das Land. Für die Ökonomin Nana sind die Milliarden Iwanischwilis nicht die Hauptsache.

"Aber sie geben ihm die Kraft, gegen die kriminelle Bande vorzugehen. Das ist das Wichtigste."

Für Präsident Micheil Saakaschwili ist das eine tragische Wendung. Er selbst war 2003 mit dem Versprechen angetreten, die Kriminalität zu bekämpfen. Er hatte auch einigen Erfolg. Die Straßen in Georgien sind sicher, die bis 2003 allgegenwärtige Kleinkorruption wurde komplett ausgemerzt. Doch es gibt nach wie vor eine Elitenkorruption, sagt Eka Gigauri. Sie leitet das Büro der Antikorruptionsorganisation Transparency International in Tiflis.

"Wenn Sie sich die großen Unternehmen in Georgien ansehen, dann sehen Sie, dass die Löwenanteile Leuten gehören, die gute Beziehungen zur Regierung pflegen. Sie erkaufen sich die Zustimmung mit riesigen Parteispenden."

Oft seien die Eigentumsverhältnisse intransparent, die Firmen im Ausland registriert, klagt Gigauri.

"Oder nehmen wir die Privatisierung: Die Regierung hat große Betriebe und Grundstücke zum symbolischen Preis von einem Lari verkauft. Das ist an sich nicht schlimm. Aber niemand überprüft, ob der Käufer die Verpflichtungen einhält, die er bei dem Erwerb eingegangen ist, ob er im versprochenen Umfang investiert oder Leute einstellt. Einmal war die Käuferin die Mutter des Präsidenten. Das ist doch problematisch!"

Ausländische und einheimische Wahlbeobachter im Einsatz

Die Regierung ihrerseits wirft der Opposition vor, sie mache gemeinsame Sache mit den sogenannten "Dieben im Gesetz", den berüchtigten kriminellen Netzwerken aus der Sowjetzeit. Oppositionsführer Iwanischwili werde Georgien im Falle eines Wahlsieges zurück in die Kriminalität führen. Kurz vor der Wahl tauchten diverse kompromittierende Videos und Audiomitschnitte auf. Fälschungen, sagt die Opposition. Saakaschwili sprach von einer Entscheidungswahl zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und die Sprecherin der Regierungspartei, der Nationalen Bewegung, Chiora Taktakischwili, sagte:

"Am Wahltag muss sich jeder einzelne Bürger fragen, ob er möchte, dass Georgien den Weg der Reformen seit 2003 fortsetzt und nun Arbeitslosigkeit und andere Probleme genauso erfolgreich bekämpft wie zuvor die Korruption."

Der Ausgang der Wahl ist offen. Viel wird davon abhängen, ob die Wahl fair verläuft. Um das zu überwachen, sind zahlreiche ausländische Beobachter angereist. Außerdem werden mehr als 60.000 einheimische Wahlbeobachter im Einsatz sein. Georgische Nichtregierungsorganisationen hatten bereits den Wahlkampf als unfair bezeichnet. Sie sprachen von einer Benachteiligung der Opposition. Iwanischwili geht davon aus, dass nur Wahlfälschungen die Opposition um den Sieg bringen können - und hat für diesen Fall angekündigt, seine Anhänger zu friedlichen Massenprotesten auf die Straße zu rufen.