Tuesday, May 02, 2023

In Tbilisi. Der britische Journalist Andrew Cockburn zu den jüngsten Ereignissen in Georgien (London Review of Books - May 2023)

Joshua Kusera monierte an diesem langen Artikel von Andrew Cockburn, dass neben vielen interessanten Perspektiven sich auch einige Fehler eingeschlichen haben. Jedoch stellt er fest, dass seine Interpretation der Situation und der Ereignisse in Georgien vielversprechender, tiefgründiger und nachdenklicher sind, als viele Depeschen aus der internationalen Presse zu den vergangenen Ereignissen ...

Zusammenfassung: Anfang März fand in Tiflis, Georgien, ein Protest gegen ein neues Gesetz statt, das Organisationen, die mehr als 20 % ihrer Finanzierung aus dem Ausland erhalten, dazu zwingen würde, sich als "Agenten ausländischen Einflusses" zu registrieren. Der Protest, der ursprünglich für zwei Tage später geplant war, zog eine junge Menschenmenge an, die besorgt über die möglichen Auswirkungen des Gesetzes auf die Zivilgesellschaft war. Der Protest stieß auf Polizeiwiderstand, unter anderem mit Wasserwerfern und Pfefferspray. Viele der Demonstranten hatten durch die florierenden Nachtclubs der Stadt, die als Gemeinschaftszentren für die jüngere Generation fungieren, von den Demonstrationen erfahren. Die Clubs schlossen, um die Gäste zu ermutigen, stattdessen zu demonstrieren. Die Demonstranten befürchteten, das Gesetz würde ihre Verbindung zu liberalen Freiheiten zerstören und den NGOs, von denen viele abhängig sind, ausländische Gelder entziehen. Selbstgemachte Schilder auf Georgisch und Englisch zeigten Unterstützung für Europa und denunzierten Russland. Graffiti mit der Aufschrift "Russen abschieben" sind an Stadtmauern aufgetaucht und spiegeln eine antirussische Stimmung im Land wider. Der milliardenschwere Oligarch Bidsina Iwanischwili, der keinen offiziellen Posten hat, aber weithin für den wahren Herrscher Georgiens gehalten wird, wurde auf Protestschildern in einer heißen Umarmung mit Putin abgebildet. Die Regierung zog das Gesetz schließlich nach drei Tagen eskalierender Proteste zurück.

In Georgien haben Straßenproteste eine lange Geschichte erfolgreicher Veränderungen. Im Jahr 1978 protestierten Tausende gegen die Entscheidung des Kremls, die russische Sprache zur offiziellen Sprache Georgiens zu machen. Der damalige Kommunistenführer Eduard Shevardnadze konnte Moskau davon überzeugen, Georgisch als offizielle Sprache zu akzeptieren. Über ein Jahrzehnt später, im Jahr 1989, wurden Proteste für die Unabhängigkeit von der UdSSR blutig niedergeschlagen. Shevardnadze wurde später Präsident und stabilisierte das Land, aber sein Regime war von weit verbreiteter Korruption geprägt. 2003 wurden die Wahlen von der Opposition als manipuliert angeprangert und der damalige Oppositionsführer Saakashvili führte einen erfolgreichen Sturm auf das Parlament an. Als Präsident setzte Saakashvili Reformen durch, die die Korruption bekämpften und das Land modernisierten. Die international finanzierten NGOs unterstützten den Wandel, aber es gab auch Vorwürfe, dass geheime Kräfte im Spiel waren. Die großen Bauprojekte, die Saakashvili initiierte, waren jedoch umstritten und einige der ehemaligen politischen Gegner wurden später verhaftet.

Saakaschwilis großen Projekte, die von Deregulierung und anderer neoliberaler Politik begleitet wurden, brachten ihm Lob im Westen ein. Er zeigte seine Loyalität gegenüber den USA, indem er Truppen zur Besetzung des Irak und Afghanistans entsandte. Anfangs schien Putin bereit zu sein, Saakaschwili nachzugeben, aber er provozierte Russland bald, indem er die unbewaffneten Friedenspatrouillen in Südossetien um Militärpolizei erweiterte. Bis 2006 hatten die Russen entschieden, dass Saakaschwili nicht vertrauenswürdig und ein Vasall Washingtons sei. 2008 schickte Saakaschwili die georgische Armee nach Südossetien, und Russland griff an, errichtete Militärbasen in Südossetien und Abchasien und erkannte sie als unabhängige Staaten an. Innerhalb Georgiens beteiligten sich Beamte von Saakaschwili an Erpressungen und anderen kriminellen Aktivitäten, einschließlich Folter durch die Polizei. Bis 2012 hatte Georgien die größte Gefängnisbevölkerung pro Kopf in Europa.

Bidzina Ivanishvili, ein einst armer Junge aus einem Dorf in Westgeorgien, der Milliarden in Russland verdiente und als "Python" in Wirtschaftskreisen bekannt wurde, blieb lange Zeit von Regierungsexekutionen unberührt. Nachdem er Yeltsin bei der russischen Präsidentschaftswahl von 1996 geholfen hatte, wurde er Teil der Oligarchen-Elite und durfte am "Kredite-für-Aktien"-Programm teilnehmen, das wenige Auserwählte zu unermesslichem Reichtum verhalf. Nachdem er in Hotels und Immobilien in Georgien investiert hatte, gründete er 2012 die politische Bewegung Georgian Dream und gewann die Parlamentswahlen. Obwohl er später als Premierminister zurücktrat, behielt er seine Macht durch seine Beziehungen zu seinen ehemaligen Leibwächtern und Sekretären. Ivanishvili äußert seine Wünsche durch verschiedene Mitarbeiter, einschließlich enger Verwandter, die sie an die Regierung weitergeben.

Obwohl er eine scheinbar entspannte Einstellung hat, hat Ivanishvili viel zu bedenken. Seine persönliche Sicherheit, die seiner Familie und seines Vermögens sei seine größte Sorge. Er glaubt, dass Angriffe auf sein Vermögen politisch motiviert sind. Ivanishvili hatte 2005 mehr als eine Milliarde Dollar an die Wealth-Management-Abteilung der Credit Suisse anvertraut, aber sein Konto war eines derjenigen, die von einem hochrangigen Bankbeamten geplündert wurden. Die Bank weigerte sich, Ivanishvili zu entschädigen, behauptete jedoch, keine Verantwortung für die Taten ihres Mitarbeiters zu tragen. Ivanishvili verklagte die Bank und erhielt schließlich mindestens 900 Millionen Dollar. Nach der russischen Invasion der Ukraine hatte er jedoch Schwierigkeiten, sein Geld aus der Schweiz zu bekommen. Ivanishvili sieht sich als Ziel einer von Washington orchestrierten Kampagne und beschuldigt die EU, ihn de-oligarchisieren zu wollen, bevor Georgiens Mitgliedschaft berücksichtigt wird.

Ivanishvili's anhaltende Herrschaft durch die von ihm kontrollierte georgische Partei "Georgischer Traum" hängt teilweise von dem Mann ab, den er abgesetzt hat - Saakashvili. Nachdem Saakashvili seine neue Staatsbürgerschaft in der Ukraine verloren hatte, versuchte er zurück an die Macht in Georgien zu kommen, wurde jedoch wegen Verbrechen verhaftet. Obwohl Saakashvili inhaftiert ist, nutzt die georgische Regierung seine Verhaftung als politisches Narrative, um die Opposition zu diskreditieren. Die Regierung befürchtet, dass sie das nächste Ziel Russlands sein könnte und nutzt dies als Mittel, um ihre eigene Macht zu konsolidieren.

Der ganze Text auf englisch hier (London Revie of Books - 04.05.2023 / lrb.co.uk): In Tbilisi. By Andrew Cockburn

Thursday, April 27, 2023

Wein in Georgien: Gleich zweimal im Mai - Zero Compromise & New Wine Festival im Mtatsminda Park in Tbilisi

Von Ralph Hälbig

Die Georgier sind wirkliche Kenner des Weins: "Guter Wein bringt das Beste in guten Menschen zum Vorschein", hört man es immer wieder, wenn man durch die Weingegenden im Kaukasus vagabundiert und im Marani (Weinkeller) hängenbleibt. Das größte Naturweinfest des Jahres in Georgien rückt immer näher. Am 05. und 6. Mai diesen Jahres präsentieren die renommiertesten Winzer aus unterschiedlichsten Regionen Georgiens ihre Naturweine (biologisch und zum Teil auch biodynamisch angebaut). Diese vielfältigen Aromen, gekeltert in den berühmten Qvevris (Tonamphoren) werden in der ehemaligen Seidenfabrik – N59 Kostava Street kredenzt. Wenn Sie einen unglaublichen Bio-Wein in Tbilisi probieren möchten, dann besuchen das Event Zero Compromise, das von der Natural Wine Association veranstaltet wird. Auswahlkriterium ist, dass die Trauben biologisch angebaut wurden und im Wein-Keller keine Hefen oder Sulfite hinzugefügt werden. Herauskommt ein reiner, unverfälschter Saft mit einem einzigartigen und teils ungewöhnlichem Geschmack. Ihr Geschmackshorizont wird erheblich erweitert - davon können sie ausgehen. Für die Georgier ist ihr Wein ein göttliches Getränk: 'unverfälscht und wahrhaftig und das seit 8 Jahrtausenden'.

Das "Zero Compromise" ist vor allem auch eine Naturweinmesse. Seit Jahren ist sie einer der wichtigsten Termine für diejenigen, die mit der spirituellsten und natürlichsten Seite des Weins in Verbindung bleiben möchten. Diese Messe ist auch die Gelegenheit für Fachleute, Sommeliers und Winzer aus aller Welt, sich mit den Menschen, Traditionen und Aromen eines authentischen Georgiens vertraut zu machen. Die wichtigsten und kompromisslosesten Winzer und Schöpfer spezieller Aromen - meist aus den knapp über 500 autochthonen und sehr alte Rebsorten - sind beinahe alle vor Ort. Hier trifft man die Seele Georgien. Die Stimmung ist einzigartig und sehr familiär! Wein wird hier zum lebendigen Trost. Mit dem Geschmack wird unverhohlen experimentiert!

Das New Wine Festival im Mtatsminda Park am 13. Mai ist ein großartiger Tagesausflug mit einer Mischung aus großen und kleinen Weingütern. Große Industrieweine bleiben jedoch außen vor. Wenn Sie im Mtatsminda Park sind, kommen Sie früh dorthin, um den Wahnsinn der Menschen zu vermeiden, die versuchen, den Park zu erreichen. Die Teilnahme für alle ist hier kostenlos und verspricht eine Fülle von Möglichkeiten, Hunderte von neuartigen Weinen aus der letzten Ernte (2022) zu probieren und zu genießen. Seit seiner Gründung im Jahr 2010 wurde das Festival größer und populärer. Aufstrebende Familienweingüter und Weinunternehmen stehen im Mittelpunkt, um den Gästen einen verlockenden Einblick in ihre neuesten Jahrgangsweine zu bieten.

Georgien ist in seiner Weinkultur beinahe ausschließlich autochthon. Das heißt, dass die verwendeten Trauben bzw. die Rebsorten in diesem Gebiet heimisch sind und dort ihren Ursprung haben. Über Jahrhunderte wurden in Georgien diese Reben kultiviert und sind daher optimal an das jeweilige regionale Klima angepasst. 

Bei der Verkostung sollte man diszipliniert vorgehen, nur einen kleine Schluck nehmen und den Wein kauen, um die Geschmacksnerven voll zu beanspruchen. Scheuen sie sich nicht, den edlen Tropfen, in die Schwerstarbeit geflossen ist, ruhig in den Napf zu spucken. Nicht alles herunterschlucken, denn desto mehr können sie probieren! Und ja, lassen sie sich von den Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung beraten. Und keine Sorge, die Verkostung hält niemand prätentiös durch. Im Verlauf werden sie trinken und feiern, denn die georgischen Winzer sind keine Hippster oder Szene-Typen. Sie sind eher "Beatniks, Außenseiter des Mainstream-Weinbaus", so formulierte es prägnant der Amerikaner Paul Rimple. Zudem gehen die Winzer meist auch noch anderen Berufen nach - in diesem Sinne kann man von einem vielfältigen Lebenswerk sprechen. Ohne zu übertreiben kann man sagen, die Georgier haben einen tieferen Zugang zum Wein - in einem gewissen Sinn philosophisch, umfassend und spirituell zugleich. 

Und der Wein ist längst nicht mehr die Domäne der Männer und ihrer harten Arbeit in dieser Region auf unserer Erde. Junge Winzerinnen, wie die "Baia Sisters", Keto Ninidze, Miranda Chxetiani und andere mischen sich ein. Ja der Wein ist auch ein Wettstreit des Geschmacks und der Entdeckerfreude - von Labels hält man hier in der Community nicht viel. Zwei Frauen aus dem Ausland, die das erkannt haben, schrieben die besten Bücher über diese magische Welt, bei ihren Recherchen traten sie ein in außergewöhnliche Winkel dieser Weinwelt. Sie haben sich echt herumgetrieben und genießen den höchsten Respekt. Lesen Sie Alice Feiring "For the Love of Wine: My Odyssey Through the World's Most Ancient Wine Culture" und das dicke Ding von Lisa Granik MW - "The wines of Georgia" und machen sie sich dann auf eine Reise, bei der sie womöglich nicht mehr heimkehren werden.

Wenn es Anfang Mai an diesen Terminen nicht klappt, dann bestehen noch weitere Möglichkeiten:

🍷 7. Mai, "Samur"
🍷 9. Mai, "Sherekilebi"
🍷 2. - 4. Juni, WineExpo
🍷 17. Juni, "Super natural"

Für Reisepläne, Übernachtungen und weiteres zu Georgien, kontaktieren Sie Hans Heiner Buhr von www.kaukasus-reisen.de 

Wenn sie aus "unverzeihlichen Gründen" eine Reise dorthin nicht antreten können - für einen ersten Kontakt mit dieser Welt empfehle ich im deutschsprachigen Raum, sich hier einen Eindruck zu machen: Paata Bolotashvili ist mit seinem Unternehmen "Weinland Georgien" der erste Georgier, der in den Neunzigern begann, im großen Stil und beachtlichem Durchhaltevermögen ausschließlich georgische Weine nach Deutschland zu bringen. Man braucht es nicht zu erwähnen, er kennt sich wahrlich aus und hat nicht nur Spezialwissen, anekdotisch weiß er von vielerlei zu berichten. Man kann ihn auch buchen für Vorträge und Events. Eine andere großartige "Quelle" im sprichwörltichen Sinne ist der Ungar Zoltán Kovács, der sich mit seiner Berliner Firma "Naturwein Georgien" auf die Naturweine konzentriert! Auch er ist derzeit ein Einzelkämpfer; beide sind für mich profunde Botschafter Georgiens. Nicht nur Restaurants und Köche haben ein Auge auf sie geworfen. Greifen sie zu! Es schmeckt! 


Friday, April 21, 2023

VIDEO: Virtual Tour in Tbilisi with Urban Planner Zurab Bakradze. Via Heinrich Boell Foundation South Caucasus (2020)



Zurab Bakradze, Architect, Urban Planner highlights several problems in his Virtual Tour in Tbilisi.

First is the problem of losing the uniqueness of the city. Bakradze says, that Tbilisi has lost much of its uniqueness in the last 30 years and it hardly resembles Tbilisi from the past.

The second critical point is the relation between the private and the public. Bakradze observes how Tbilisi dealt with this challenges.

This video is prepared within the frameworks of Green Academy

Zurab graduated from Tbilisi University with a degree in architecture in the mid-1970s, became an urban planner from 1995 to 2012 and worked at the Institute for Art History in Georgia. Bakradze was also very active as an architect in Germany - worked for the architectural office aid in Kerfeld, MB-Meisterbau in Bonn, the design institute Kulturlandschaft-Stadt. In addition he was a co-initiator of the action “Guerrilla Gardening” and of the “Tbilisi Architectural Forum”.



Wednesday, November 18, 2020

VIDEO: Der Historiker Philipp Ammon wurde von Dr. Klaus Ther vom Österreichischer Rundfunk zu den historischen Hintergründen des Karabachkonfliktes interviewt.



Philipp Ammon wurde von Dr. Klaus Ther vom Österreichischer Rundfunk zu den historischen Hintergründen des Karabachkonfliktes interviewt. Auszüge des Interviews erschienen in der Sendung "ORF Orientierung". Mit der "Abstimmung" (1:33) ist die Abstimmung des Kawbjuros (Кавказское Бюро Центрального Комитета РКП(б), Kaukasisches Büro des ZK der RKP(B)) gemeint. Am 3. Juni 1921 sprach es Karabach Armenien, am 5. Juli 1921 Aserbaidschan zu. Die Niederschlagung der armenischen antibolschewikischen Erhebung in Sangesur enthob die Bolschewiki der Notwendigkeit, auf die Armenier Rücksicht zu nehmen. Strategisch entscheidender war für die Bolschewiki nun die Beziehung zur kemalistischen Türkei, mit der Sowjetrußland am 16. März 1921 einen Freundschaftsvertrag unterzeichnet hatte. Die ab Minute 14:31 geäußerte Vermutung, Rußland werde erst nach einer Schwächung Armeniens eingreifen, scheint sich mittlerweile bestätigt zu haben.

Philipp Ammon was interviewed by Dr. Klaus Ther from the Austrian Broadcasting Corporation about the historical background of the Karabakh conflict. Excerpts from the interview were shown in the program "ORF Orientation". The "vote" (1:33) means the vote of the Kavbyuro (Кавказское Бюро Центрального Комитета РКП (б), Caucasian bureau of the RCP(b) Central Committee). On June 3, 1921, the Kavbyuro awarded Karabakh to Armenia, and on July 5, 1921 to Azerbaijan. The suppression of the Armenian anti-Bolshevik uprising in Sangesur relieved the Bolsheviks of the need to show consideration for the Armenians. Having already signed a friendship treaty with Turkey on March 16, 1921, the Bolsheviks now decided to send thus a positive signal to their Kemalist allies. The assumption made from 14:31 onwards that Russia would only intervene after Armenia has been weakened seems to have been confirmed in the meantime.

Thursday, October 29, 2020

WEBPROJECT: TAA – Tbilisi Architecture Archive


Tbilisi Architecture Archive
is a project implemented as part of Tbilisi Common Architecture Biennial. It aims to gather existing planning records and building documentation scattered through various archives and compile them in a form of Open access. The online database will provide an overview of single documents and collections, with an index of names of persons who have been influential to architecture and urban development in Georgia – this means having at least one significant architectural or urban project in the background, as well as providing an important input in architectural theory and education. Concept The archive keeps the documents and records containing real facts and references, forming a common, collective memory. The archive does not describe the past – it organizes the access to information and thus supports the formation of knowledge. The history of architecture is written in the architecture archives as well, despite the fact that compared to other objects, architectural structures cannot be collected. The architecture archive conserves the documentation about the man-made environment and objects that were created in an architectural context – without which constructed Architecture, as such, would not exist. A thorough understanding and research of such resources is an integral precondition of reconstructing cultural memory. The aim of Tbilisi architecture archive The vast abolishment of state planning- or scientific and research instituties after 1990s has destroyed the majority of materials preserved in such establishments. However, a limited number of cataloged projects have survived in the central and municipal archives, as well as in private and family collections. In times when Tbilisi’s architectural landscape is being significantly altered or even demolished, the selection, categorisation, digitalisation, description and placement of existing documents in a digital common space become all the more important. Acquisition of these materials, connecting them and making the database information publicly accessible will first and foremost increace the level of awerness of architecture in Georgia. In adition, it will encourage the exchange of information and thus, create new naratives.

Our future goals include the expansion of common archive of architecture, a constant renewal and enrichment of electronic database; as well as preserving and restoring damaged original documents.

Join Project

Every interested architect, engineer, individual, volunteer, researcher or research organisation can use this space for sharing their collection, thus contributing to and developing the overall database, increasing research process and becoming a co-organisers of the Archive as a matter of fact. The Public Archive is open for cooperation based on research ethics and parity.

Following the initial contact from a party interested in joining the Public Archive space our group will digitize materials according to specific standards, and catalogue detailed information on them. The digitized version, accompanied by the detailed information, will be uploaded to the Archive under a collection attribute to the owner-contributor. A copy of the digitized material will also be handed to the owner.

Contact

Mariam Gegidze, Nino Tchatchkhiani, Natia Abasashvili, Levan Kalandarishvili

Address: Shanidze str. 4 0179 Tbilisi
Phone: +995 577 949708
Email: team@taa.net.ge

Main Page: Sketch by Ramaz Kikandze, Tbilisi 1970 © Ramaz Kiknadze private Archive

Design: arc-gestaltung.de
Website: Storyloop | Lynxtale
Translations: Elene Pasuri, Ana Kiasashvili

BOOK: Tbilisi - It's Complicated. By Data Chigholashvili, Nini Palavandishvili, Marike Splint


[onomatopee.net]
Composed of artistic accounts that critically reflect on recent urban and social changes in Georgia’s capital Tbilisi, this book unveils multifaceted perspectives on a city trying to negotiate its complex heritage, intensely contentious present and potential for the future. It also serves as an alternative guidebook to be explored in situ, or read from afar.

//////BIO'S EDITORS ///

Data (David) Chigholashvili works between social anthropology and contemporary art. His works are strongly related to the specificity of their contexts. Through direct commentary or subtle forms, he aims to present and question issues of the surroundings, while exploring connections between various disciplines and ways of expression.

Nini Palavandishvili is a curator based in Tbilisi. Nini researches social and political conditions and their interpretation in cultural production and contemporary art contexts. She is interested in artistic practices that find a language through which it is possible to speak about political and social matters.

Marike Splint is a theater maker from the Netherlands based in Los Angeles, specializing in performance in public space. Fascinated by the theme of belonging, she explores the relationship between people, places, and identity. She serves as a faculty member in the Department of Theater at UCLA.

Andrea Kalinová (visual artist) and Martin Zaicek (architect) have collaborated since 2011 as the initiative Abandoned (re)creation. Their work deals with the issue of derelict, abandoned or endangered architecture of the 20th century and its possible preservation by means of artistic interventions and alternative forms of protesting.
www.abandonedrecreation.com

Tigran Amiryan is an independent curator, contemporary art researcher with a PhD in Literary Studies. Tigran researches and writes about narrativization of both individual and collective memory in contemporary culture. He has presented lectures, exhibitions and public talks at different academic and arts institutions in Armenia, Georgia, Morocco, Russia, Tunisia, Ukraine.

Oleksandr Burlaka is an architect and artist based in Kyiv, Ukraine, where he studied architecture. Oleksandr is interested in the connection between the vernacular and the modernist. His work includes research, collaborative art practices, and often considers architecture and its transformation in post-Soviet countries.

Tamuna Chabashvili is an artist based in Amsterdam and Tbilisi. Her practice revolves around the topics of tradition, pattern and voicelessness seen from the gender perspective. Mapping private stories, memories and questions into visual and tactile narratives, it is inspired by traditional artifacts and working methods based on textile.
www.pswar.org
supraofherown.wordpress.com

Data (David) Chigholashvili works between social anthropology and contemporary art. His works are strongly related to the specificity of their contexts. Through direct commentary or subtle forms, he aims to present and question issues of the surroundings, while exploring connections between various disciplines and ways of expression.
www.geoair.ge

Onno Dirker is an artist living and working in The Hague, the Netherlands. Sense of place, formed by a myriad of layers, lies at the heart of his work. His approach is phenomenological, never commencing from a set viewpoint. He is a co-founder of Atelier Veldwerk (Studio Fieldwork, Dirker-Luijters).
www.onnodirker.nl

Paula Durinová is a documentary filmmaker, photographer and journalist. Driven by the emotions of visuality, the focus of her storytelling is people and places that surround her. She mainly deals with topics concerning post-communist countries, social issues, spiritual life, mental borders and dreams or human imprints in seemingly dystopian lands.
www.pauladurinova.com

Christian van der Kooy studied at the Royal Academy of Art in The Hague. His work consists of documentary photography and video essays. He is particularly interested in people’s interaction with their surroundings, the landscapes - spaces of coexistence and reciprocity, where a personal history generates cultural and social transformations.
www.christianvanderkooy.com

Lado Lomitashvili works between the differ­ent media of drawing, photography, artist’s books, sculpture and installation. In his abstract works, essential elements are architecture and product design. While working, he mostly looks at spaces from an architect’s perspective and creates site-specific installations.

Tamar Nadiradze is a visual artist. Through artistic research she explores and makes connections between social life and contemporary art, which she mainly turns into experimental publications and drawings. She is interested in topics connected to dialogue in social life as well as anthropology, mythology, psychology and gender.

Nini Palavandishvili is a curator based in Tbilisi. Nini researches social and political conditions and their interpretation in cultural production and contemporary art contexts. She is interested in artistic practices that find a language through which it is possible to speak about political and social matters.
www.geoair.ge

Lena Prents is a Belarusian independent art historian and curator based in Berlin. Her main areas of research are history of architecture, art and culture in Eastern Europe during the late socialism, and exhibition history and practices in connection with socio-political discourses.

Ana Ramazashvili is a PhD student in Cultural and Social Anthropology at Tbilisi State University. Her dissertation is an ethnographic study of economic, social, cultural and spatial aspects of the Lilo Market in Tbilisi. Additionally, she is interested in urban changes and started making the alternative tour of the Gldani district.
www.facebook.com/urbanaretbilisi

Nino Sekhniashvili is an artist based in Tbilisi, Georgia. Her artistic language is not defined by any specific media but attempts to go beyond traditional and contemporary visual techniques. Sekhniashvili is the founder of the gallery and performance basement Nectar (Tbilisi) which exists since 2013.
www.gallerynectar.ge

Marike Splint is a theater maker from the Netherlands based in Los Angeles, specializing in performance in public space. Fascinated by the theme of belonging, she explores the relationship between people, places, and identity. She serves as a faculty member in the Department of Theater at UCLA.
www.marikesplint.com

Katharina Stadler is a Tbilisi based conceptual artist and writer. She works processbased on discourses of ideology connected especially to notions of new forms of colonialism and imperialism as well as on the issue of limits of consciousness through social mechanisms and other determinants.
www.katharinastadler.com

Sophia Tabatadze was born and raised in Tbilisi, Georgia. She obtained her bachelor’s degree in 2002 at the Rietveld Academy, Amsterdam. Her practice is more of an autonomous artist in Europe and curatorial in Georgia, where she organizes projects through GeoAIR. Currently she lives and works in Berlin.
www.sophia-tabatadze.com

Giorgi Zagareli has a qualification in interior design. Currently he works on abstract forms of small mathematical shapes. He is also interested in experiments on furniture design, rapid prototyping, studying open sources and exploring old crafts. In 2010 he founded media platform designtbilisi.
www.designtbilisi.ge






Wednesday, October 28, 2020

VIDEO: Leben anderswo: Georgien - Die Hüter des Kaukasus. Von Sibylle D'Orgeval (ARTE-Doku, Frankreich 2020)



[arte.tv] In Tuschetien, einer abgelegenen Bergregion Georgiens, lebt ein Hirtenvolk. Im Winter bleibt nur eine Handvoll von ihnen hoch oben im Gebirge und harrt dort abgeschnitten vom Rest der Welt bis zum Frühjahr aus. Der Fotograf Grégoire Eloy verbringt einen Winter mit ihnen, um die ganz besondere Stimmung dieser Region einzufangen und ihre Geschichte besser kennenzulernen.

Der französische Fotograf Grégoire Eloy [facebook] konzentriert sich seit einigen Jahren auf die Länder der ehemaligen Sowjetunion, vor allem Georgien, wo er das Leben von Flüchtlingen der Südkaukasus-Konflikte dokumentiert hat. Anlässlich dieser neuen Reise nach Georgien beleuchtet er eine andere Facette des Landes und interessiert sich für seine entferntesten Bergregionen, in denen die Menschen weitab von der "modernen" Gesellschaft in enger Symbiose mit der Natur leben. Im Nordkaukasus, an der Grenze zu Dagestan und Tschetschenien, liegt Tuschetien. In dieser Gegend, die das halbe Jahr über abgeschnitten ist, weil der Zufahrtsweg über einen im Winter nicht passierbaren 3.000 Meter hohen Pass führt, lebt das Hirtenvolk der Tuschen. Die meisten von ihnen verbringen den Winter im Tal, doch einige bleiben das ganze Jahr über in der Höhe. Sie lassen sich von Mitte Oktober bis Mai in ihren Dörfern "einschließen" und führen damit die altüberlieferte Lebensweise dieses zähen Bergvolkes fort. Um diese "Unbeugbaren" zu treffen, fährt Grégoire kurz vor Schließung der Passstraße im Oktober nach Tuschetien. Unterwegs begegnet er Hirten, die ihre Herden auf die Winterweiden treiben. Er reist zu Fuß und zu Pferd, um ein Gefühl für die Entfernungen und das Klima zu bekommen und die Atmosphäre der Region auf sich wirken zu lassen. Nach der Ankunft in Tuschetien sucht er in den Dörfern jene auf, die bleiben. Er will ihre Verwurzelung erspüren und die Geschichte dieser in den Augen der Georgier mythischen Region verstehen. Mit seinen Fotografien zeichnet er ein poetisches Porträt jener weitgehend naturbelassenen Region und der wenigen Tuschen, die im Winter hier leben.

Thursday, October 22, 2020

LERNEN: Die Deutsche Internationale Schule in Tbilissi – nur eine von vielen kommerzielle Privatschulen oder doch etwas Anderes? Von Barbara Wattendorf



Die Deutsche Internationale Schule in Tbilissi – nur eine von vielen kommerzielle Privatschulen oder doch etwas Anderes? Von Barbara Wattendorf [pdf]

Seit zehn Jahren gibt es in Georgien eine Deutsche Auslandsschule – eine Schule also, die es ermöglicht, in Georgien eine Schulausbildung in deutscher Sprache, nach deutschen Lehrplänen und mit deutschen, weltweit anerkannten Schulabschlüssen zu absolvieren.

Im Südkaukasus ist diese Schule einzigartig. Sie verdankt ihre Existenz engagierten Bürgern beider Länder und der tatkräftigen Unterstützung sowohl Georgiens als auch Deutschlands.

Die Schule nimmt auch deshalb eine Sonderstellung in der Privatschullandschaft Georgiens ein, weil sie keinen Gewinn erwirtschaftet und die Gebühren der Eltern unmittelbar und ausschließlich in die schulische Arbeit fließen. Das bedarf in einem Umfeld, in dem es eine kaum noch überschaubare Anzahl kommerzieller Schulangebote gibt, besonderer Erläuterung.

Was zeichnet diese Schule aus und warum ist sie ein Gewinn für die Schullandschaft Georgiens? Warum gibt es in Georgien eine Deutsche Auslandsschule? Wie ist sie aufgebaut?

Die Deutsche Internationale Schule Tbilissi ist im Jahr 2009 durch eine Elterninitiative gegründet worden: Deutsche und Georgier, die beruflich und privat mit Georgien und Deutschland verbunden sind, haben einen gemeinnützigen Verein gegründet mit dem Ziel, in Tbilissi eine Deutsche Auslandsschule zu gründen. Weltweit gibt es rund 140 solcher Schulen, zum Teil sind sie sehr alt. Sie werden von der Bundesrepublik Deutschland unterstützt und sind ein wichtiger Bestandteil der deutschen auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik – ebenso wie die Goethe-Institute und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD). Nicht viele haben daran geglaubt, dass Deutschland einer Schulgründung in Georgien zustimmt. Finden sich genug Eltern, die an einem deutschsprachigen Schulangebot interessiert sind? Ist Deutschland bereit, sich im Südkaukasus auf ein neues langfristiges Engagement dieser Größenordnung einzulassen? Die Elterninitiative fand tatkräftige Unterstützung in der Deutschen Botschaft Tiflis und konnte im Jahr 2010 mit 8 Erstklässlern und einer kleinen Kindergartengruppe in einem angemieteten Privathaus in Tbilissi eröffnen. Die georgische Seite hat die Schulgründung begrüßt und unterstützend begleitet. Im Schuljahr 2021/2022 werden die ersten Absolventen die Schule mit dem Abitur, dem weltweit anerkannten deutschen Schulabschluss, verlassen. Ihnen folgen immer größer werdende Klassen, jedes Jahr nimmt die Schule bis zu 25 Schülerinnen und Schüler in die erste Klasse auf. Die Gesamtverantwortung für das junge „Public-Private-Partnership“ hat, ebenso wie an allen Deutschen Auslandsschulen weltweit, ein vom Schulverein gewählter ehrenamtlich tätiger Vorstand. In Georgien stößt diese Konstruktion oft auf ungläubiges Staunen oder gar auf Misstrauen: Wie kann es sein, dass über so viele Jahre hinweg beruflich stark eingespannte Menschen Managementaufgaben und erhebliche Verantwortung übernehmen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten? In Deutschland hat ehrenamtliches Engagement dagegen eine lange Tradition – im Sport beispielsweise, in der Jugendarbeit und in der Kultur. Es ist ein fester Bestandteil des Alltags, vieles in Deutschland würde ohne ehrenamtliches Engagement nicht funktionieren. Kein Vorstandsmitglied dieser Schule erhält eine Vergütung oder eine anderweitige Gegenleistung. Selbst wenn ein Vorstandsmitglied eigene Kinder in der Schule hat, zahlt es dafür genau die Schulgebühren, die alle anderen Eltern auch zahlen. Alle investieren ihre persönliche Expertise und Erfahrung allein aus der Überzeugung heraus, für eine gute und sinnvolle Sache einzustehen. Erstaunlich vielleicht, aber doch wahr und in den jährlichen Finanzberichten der Schule an die Mitgliederversammlung des Schulvereins und an die fördernden Stellen in Deutschland nachprüfbar.

Die pädagogische Leitung der Schule übernimmt immer eine aus Deutschland entsandte Lehrkraft mit Schulleitungserfahrung.

Die Schule untersteht der deutschen Schulaufsicht. Sie erfüllt bestimmte Kriterien, um deutsche Abschlüsse vergeben zu dürfen. Ein eigens für Deutsche Auslandsschulen entwickeltes Qualitätsmanagement sieht regelmäßige Schulinspektionen vor. Ende des Jahres 2019 hat die Schule eine solche Schulinspektion durch erfahrene Schulinspektorinnen aus Deutschland mit Bravour absolviert. Sie ist aus dieser Inspektion mit dem Gütesiegel „Exzellente Deutsche Auslandsschule“ (unterzeichnet durch den deutschen Bundespräsidenten) hervorgegangen, einer Auszeichnung, die für eine junge Schule im Aufbau durchaus nicht selbstverständlich ist.

Gleichzeitig untersteht die Schule auch der georgischen Schulaufsicht, sie verfügt über eine immer wieder zu erneuernde staatliche Autorisierung. Sie muss also auch die Auflagen erfüllen, die der georgische Staat an seine Schulen stellt. Das ist eine besondere Herausforderung, weil diese Anforderungen in einigen (wenigen) Punkten von den deutschen Maßgaben abweichen. Von Beginn an war den Schulgründern und der Schulgemeinschaft die georgische staatliche Autorisierung ein großes Anliegen. Die für die Schulaufsicht zuständigen georgischen Behörden haben die Schule dabei immer aufgeschlossen und konstruktiv begleitet.

Wie finanziert sich die Schule?

Die Deutsche Internationale Schule Tbilissi ist eine Privatschule, die keinen Gewinn erwirtschaftet. Sie finanziert sich zum größten Teil (zu mehr als 85 Prozent) aus den Schulgeldern der Eltern. Daneben erhält sie finanzielle und personelle Unterstützung aus Deutschland. Neben einer an der Größe der Schule bemessenen Fördersumme übernimmt die Bundesrepublik Deutschland die Personalkosten für eine Reihe von deutschen Lehrern, die an der Schule unterrichten und die Schulentwicklung unterstützen. Die Anzahl der aus Deutschland entsandten Lehrer deckt jedoch nicht den kompletten pädagogischen Personalbedarf der Schule. Die Schule muss einen erheblichen Teil ihrer Lehrkräfte selbst finanzieren.

Die Schule wandert so seit ihrer Gründung auf einem schmalen Grat: Wie hoch müssen die Schulgelder bemessen sein, damit die Schule den hohen Qualitätsansprüchen, die an Deutsche Auslandsschulen gestellt werden, gerecht werden kann? Wie hoch können sie bemessen sein, damit die Schule noch zugänglich bleibt für georgische Familien, die ihren Kindern eine deutsche Schulausbildung ermöglichen wollen? Rund zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler sind georgische Staatsbürger.

Eine überaus konservative Haushaltsführung trägt seit der Gründung dazu bei, dass die Schule keine roten Zahlen schreibt und minimale, von deutscher Seite vorgeschriebene, Rücklagen hat. Die Schulgelder der Eltern fließen ausschließlich in den Unterrichtsbetrieb und den Unterhalt der Schule (Personal, Gebäudekosten, Ausstattung, Verpflegung).

Das schöne Gebäude der Schule im Stadtteil Bagebi steht auf einem Grundstück, das die georgische Regierung dem Schulverein im Jahr 2015 übertragen hat. Klarer konnte die georgische Seite es kaum ausdrücken: Diese Schule ist in Georgien erwünscht und verdient Unterstützung! Das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland hat in der Folge den Bau eines eigenen Schulgebäudes auf diesem Grundstück mit einer großzügigen Fördersumme unterstützt. Der Schulverein hat zusätzlich ein Baudarlehen aufgenommen. So konnte die Schule im Jahr 2017 nach Jahren in wechselnden Mietgebäuden endlich ihr eigenes Gebäude beziehen und weiterwachsen. Der ehrenamtlich geführte Schulverein hat sich dadurch aber auch über Jahre hinaus verschuldet, was die Gesamtverantwortung, in der er steht, noch beträchtlich erhöht hat.

Jährlich legt der Vorstand der Mitgliederversammlung des Schulvereins ausführlich Rechenschaft über seine Tätigkeit und die Finanzen der Schule ab. Das schreibt die Satzung des Schulvereins vor. Die fördernden Stellen in Deutschland prüfen ihrerseits die Finanzen der Schule, werden doch neben den Schulgeldzahlungen der Eltern auch öffentliche Mittel der Bundesrepublik Deutschland eingesetzt. 

Für wen gibt es diese Schule? Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule? 

Die Schule dient zum einen Familien aus deutschsprachigen Ländern, die während eines beruflichen Engagements in Georgien für ihre Kinder eine deutschsprachige Schulausbildung, einen deutschen Schulabschluss oder einen reibungslosen Übergang zurück in die Heimat brauchen. Das Angebot der Schule ist ein wichtiger Standortvorteil für Georgien, ermöglicht es doch Fachkräften aus deutschsprachigen Ländern und ihren Familien einen mehrjährigen beruflichen Aufenthalt in Georgien. Die Schule ist außerdem ein Angebot an georgische Familien, die ihren Kindern eine deutschsprachige Schulausbildung ermöglichen wollen und finanziell dazu in der Lage sind. Manchmal haben diese Eltern selbst in Deutschland studiert oder gearbeitet. Manchmal vertrauen sie einfach darauf, dass ihre Kinder an der Deutschen Schule eine solide schulische Ausbildung und einen international anerkannten Abschluss erhalten. Dieser gewährt ihnen später direkten Zugang zum gebührenfreien Studium in Deutschland. Für georgische Familien ist die Deutsche Schule zunächst ein Wagnis. Manche sprechen selbst kein Deutsch. In den ersten Schuljahren muss sich eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen ihnen und der Schule entwickeln, eine echte Erziehungs- und Bildungspartnerschaft. Wie sonst könnte man sein Kind mit guten Gefühl einem fremden Schulsystem anvertrauen? 

Den Gründern war von Anfang an bewusst, dass die Existenz der Schule von gelingenden Erziehungs- und Bildungspartnerschaften mit den einzelnen Familien abhängt. Nur wenn die Schule das Vertrauen, das ihr die Eltern entgegenbringen, rechtfertigen kann, wird sie bestehen können.

An der Schule gibt es fest etablierte Organe zur Elternmitsprache, die eine konstruktive und zielführende Kommunikation zwischen Schule und Eltern sicherstellen sollen. So wählt jede Klasse eigene Elternvertreter, es gibt regelmäßige Versammlungen dieser Elternvertreter und einen aktiven Austausch mit der Schulleitung. Elternvertreter arbeiten an der Schulentwicklung mit und tragen zu einem lebendigen Schulleben bei.

Das funktioniert nur, wenn beide Seiten offen sind für eine Zusammenarbeit. Die Schule muss bereit sein, die Eltern und ihre Anliegen ernst zu nehmen. Im Idealfall wird sie dadurch eine bessere Schule. Die Eltern wiederum müssen bereit sein, die Positionen der Schule zu hören und sich damit aufrichtig auseinanderzusetzen. Im Idealfall kommt man zu Kompromissen im Sinne der Kinder und mehr Verständnis füreinander.

Es gibt zahlreiche gelingende Erziehungs- und Bildungspartnerschaften. Sonst würde es die Schule gar nicht mehr geben. Diese Partnerschaften sind beglückende Erfahrungen für alle am Schulleben Beteiligten. Das heißt aber keineswegs, dass ein schulischer Werdegang frei sein muss von Krisen und kritischen Auseinandersetzungen. Die gehören zum Schulleben dazu.

Es gibt, wie an jeder Schule, auch gescheiterte Erziehungs- und Bildungspartnerschaften. Das ist immer schmerzlich, aber glücklicherweise eine Seltenheit. Zum Scheitern kommt es dann, wenn die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus dauerhaft nicht funktioniert. Die Gründe dafür sind individuell und vielschichtig. Wenn Elternhaus und Schule auf Dauer in Opposition zueinanderstehen und keine gemeinsamen Lösungen finden können, dann kann es in Einzelfällen besser sein, sich zu trennen. Eine Schulausbildung in einer fremden Sprache ist eine außerordentliche Herausforderung für Kind und Eltern. Ausführliche Informationsgespräche mit jeder Familie vor der Aufnahme eines Kindes dienen dazu, dies im Einzelnen zu erläutern. Der Erwerb einer fremden Sprache auf einem hohen Niveau geht einher mit Jahr für Jahr anspruchsvoller werdenden Lerninhalten. Es braucht Sprachbegabung, Fleiß und große Leistungsbereitschaft, um im Ausland den Weg zum Abitur (dem höchsten deutschen Schulabschluss) zu schaffen.

Was lernen Schülerinnen und Schüler an der Deutschen Internationalen Schule Tbilissi?

Sie lernen zunächst einmal das, was Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zum höchsten deutschen Schulabschuss lernen müssen – entlang der deutschen staatlichen Vorgaben.

Zusätzlich erhalten die georgischen Schülerinnen und Schüler Unterricht in ihrer Muttersprache Georgisch – ihre ausländischen Mitschülerinnen und Mitschüler können Georgisch als Fremdsprache lernen. Was die Deutsche Schule ihnen jedoch vermitteln möchte, geht weit darüber hinaus: Schülerinnen und Schüler sollen lernen, das Leben an ihrer Schule mitzugestalten. Bereits in der Grundschule wählt jede Klasse Klassensprecher, diese wiederum wählen aus ihrem Kreis Schulsprecher. Schülervertreter der höheren Klassen sind in den wichtigen Gremien der Schule vertreten, beispielweise im pädagogischen Qualitätsmanagement. So übernehmen sie altersgemäß wachsende Verantwortung in ihrem täglichen Lebens- und Lernumfeld.

Schülerinnen und Schüler sind auf Augenhöhe mit ihren Lehrerinnen und Lehrern einbezogen in die Entscheidungen zur Entwicklung der Schule. Sie nehmen an den Diskussionsprozessen innerhalb der Schule teil, sie lernen zuzuhören, ihre Meinung und ihre Anliegen vorzutragen und Konflikte konstruktiv auszutragen. Dabei werden sie erst genommen und gestützt. Sie erfahren, dass sie selbst Einfluss auf ihren Alltag in der Schule und auf ihr Lernen nehmen können. Und sie erfahren, wie mühevoll eine Konsensfindung sein kann: Was essen wir in der Schule? Was spricht für eine Nutzung des Mobiltelefons in der Schule und was dagegen? Sind Hausaufgaben sinnvoll? Was machen wir mit dem Geld, das die Schule beim Weihnachtsbasar eingenommen hat?

Demokratieerziehung ist das moderne Wort dafür – gelebt wird es an der Schule im Kleinen und im Großen jeden Tag aufs Neue.

Im Jahr 2021 verlassen die ersten Absolventinnen und Absolventen die Deutsche Internationale Schule Tbilissi. Ihnen folgt jedes Jahr ein neuer Jahrgang junger Menschen, die in beiden Sprachen und in beiden Kulturen zuhause sind. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Georgien werden zukünftig nachhaltig von diesem einzigartigen Schulangebot profitieren.

Dieser Artikel wurde am 22. Oktober 2020 im georgischen Online-Journal "Mastsavlebeli" veröffentlicht: mastsavlebeli.ge

facebook.com/DeutscheSchuleTbilissi


Monday, October 19, 2020

MOVIE: Invasion. By Dito Tsinsadze

With Merab Ninidze, Burghart Klaußner, Heike Trinker

Please do not read anything about the film beforehand, otherwise the tension will be lost. It is best to switch on completely impartially. The film is highly recommended. Great piece by Dito Tsinsadze from 2013. In German with English subtitles. Please read reviews only afterwards!




Mehr Links zur deutschsprachigen Presse:
"Invasion" im Kino: Gesetz des Vergessens [sueddeutsche.de]
Dito Tsintsadze und sein Film "Invasion" [tagblatt.de]
Burghart Klaußner in einem raffiniert-beklemmenden Kammerspiel [epd-film.de]

PORTRÄT: Fridon Nizharadze – Maler der Traumata Swanetiens und der Welt (Ushguli, Georgien). Von Stefan Applis

Georgien zwischen verschiedenen Mächten -
Gemälde von Fridon Nizharadse.
Sowjetrecht und traditionelles swanisches Rechtsbewusstsein
.
Photo: Stefan Applis

[stefan-applis-geographien.com] Das Haus ist das letzte am Hang. Darüber nur die Kapelle mit der Ikone des Heiligen Georg. Etwas weiter das Kloster. Es ist wenig, was sie sagen über ihn in Ushguli. Nichts gebe es, das er nicht gelesen habe. Er sei der klügste Mensch in Ushguli. So klug! Und sie heben die Hand und winken weit in die Ferne, um zu zeigen, dass nicht sie dies beurteilen könnten. Ihr habt nur Kartoffeln im Kopf! Das soll er vielen schon entgegengeworfen haben. Was Arbeit aber sei, das könne er nicht wissen. Denn, was er tue, sei doch nicht Arbeit. Ein kurzes Erschrecken. Denn nichts Schlechtes sagen sie in Ushguli über den anderen. Wer könne schon wissen, wohin das führe. Die Menschen seien eben verschieden. 

Georgian Perspectives | Fridon Nizharadze – Painter of the traumas of Svaneti and the world


Photo: Stefan Applis
Der jüngere Bruder als Mauer, als Übersetzer zwischen der Welt des älteren und der der anderen. Teimuraz der Bodenständige, der Agronom, letzter Verwalter der Kartoffeln, Kühe und Schweine in Ushguli und der Eigensinnigkeit seiner Bewohner. Fridon, der ältere, der schon als Kind mit allem, was er zu greifen bekam, gezeichnet habe – mit Steinen auf Holz, mit verkohlten Aststücken auf Schnee, oft wild und wütend und weltabgewandt. Später dann, ruhig und andächtig, mit Farben und Pinseln zur Rettung der geschändeten Malereien an den Innenwänden der Kapellen.

Ich gehe und komme am nächsten Morgen zurück. Ob er seine Bilder zeigen und erklären möge? Selbstverständlich, drei Lari, meint er, treten Sie ein. 






Seine Bilder seien dualistisch und antirealistisch, meint er. Nichts habe er gelernt in Tbilisi, wo sie ihn zu sozialistischem Realismus hatten zwingen wollen. Van Gogh war schizophren!, ruft er aus. Er sei auch schizophren, das habe man diagnostiziert, 1973, als sie ihn festhielten in der Psychiatrie. 



Viele Liter Blut habe man ihm abgenommen in diesem Monat, immer wieder. Seine Temperatur sei so hoch gewesen, dass man ihn nachts aus dem Bett habe holen müssen, um ihn kalt abzustrahlen. Achtunddreißigmal sei das geschehen, zu allen Tageszeiten seien die Pfleger plötzlich da gewesen und hätten ihn in das Kachelfeld gestellt, bis er zusammenbrach. 

Er ist schwer zu fassen, noch weniger zu begreifen, spricht mit hoher Geschwindigkeit, lässt keine Zeit zu reagieren auf das, was er dem Zuhörer entgegen wirft: Er fragt, erklärt, wirft Satz um Satz, voll mit Bezügen auf Politik, Literatur, Mythos hervor: Kennen Sie Schewardnaze? Wissen Sie, was Dostojewski geschrieben hat? Kennen sie Medea? Er ergreift den Schnitzstock, der Chaplin darstellt, stellt den Stock, der Einstein heißt, zur Seite und zeigt auf die Bilder – nie eines mit der Spitze berührend, jedes Element erklärend. Von großer Höhe nimmt er alles herunter auf wackeligen Stiegen balancierend. Man darf ihm nicht helfen.

Er springt von einem Bild zum nächsten und zurück, konfrontiert den Zuhörer, betrachtet, wechselt, fragt permanent und sagt aus.

Die Bilder sind zerstörerisch. Die Welt ist aus den Fugen. Die Welt ist ohne Sinn, eine verrückte Welt, die der Zerstörung entgegenstrebt. Dem Wahnsinn gibt er dann doch eine Deutung in klaren Symbolen und Zusammenhängen. Er ist Laokoon in der Psychiatrie, umschlungen von der Python der Staatsmacht. Er ist gefangen in Handschellen, als das junge Georgien zerstört wird vom Sowjetimperium – den Baum, dem das frische Blatt entwachsen ist, haben die Bolschewiki entwurzelt.

Eine verrückte Welt versucht er mit seinen Bildern zu fassen. Verrückt vor dem Wahnsinn der großen Zerstörungen: Immer wieder Stalin und Hitler, immer wieder Kommunismus und Nationalsozialismus als gleiche Varianten derselben Unmenschlichkeiten.

Die dualistischen Bilder haben hohe Preise, da sie zwei Bilder in einem seien, erklärt er, kosten einmal 37 Milliarden Schweizer Franken, einmal 27 Millionen Schweizer Franken. Die Zerstörung der Welt durch Stalin und Hitler kostet 50 Millionen Dollar, weil 50 Millionen Menschen starben.

Der Weg des Homo Sapiens ist ein Weg aus Knochen. Er endet in einer Rakete, die einen Atompilz entfesselt, der die Welt zerstört. An deren Ende steht das Kreuz. Der georgische Erzengel trägt eine swanische Kappe und umfasst die Welt, auf der Stalin und Hitler wüten.

Und doch: Georgien wird überleben, da seine Bewohner fähig seien zu einem Leben in Harmonie mit der Natur, getragen von alles überdauernden Traditionen.



Was hat ihn in die Psychiatrie gebracht? Die Anderssein oder die Systemkritik? Am nächsten Morgen Begegnung mit dem Bruder, der über die Härten des Lebens in der Sowjetzeit spricht, davon, dass der Bruder nach dem Studium in Tbilisi wegen seiner Kritik am Kommunismus in die Psychiatrie gebracht worden war. Andere seien ins Gefängnis gesteckt worden, manche ermordet, wieder andere über alledem wahnsinnig geworden. 



Die Blutentnahme zur Schwächung, das Abstrahlen mit kaltem Wasser zum Brechen des Widerstandes. Beides zur Bekräftigung eines über allem stehenden Systems.

Was ist das für ein Mensch, den man hier findet, hoch über Ushguli, im letzten Haus am Hang? Ein Maler ohne eine einzige Ausstellung in seinem Leben, umgeben von stetiger äußerer Stille in andauernder innerer Unruhe. Was für eine Fremdheit im Vergleich zu den anderen, die sich doch auch recht fremd sind. Und: Wie froh muss einer sein, letztlich Freiheit in der Abgeschiedenheit genießen zu dürfen. 

Es sind die Erfahrungen der Unsicherheit, Abspaltungskriege, Bürgerkriege, Banditentum, die Bedrohung des äußeren Lebens, vor dem alles Nachfolgende gut erscheinen muss.


More about the author Stefan Applis:
stefan-applis-geographien.com
spacesandpractices.com
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Saturday, October 17, 2020

BLUECROWMEDIA: Tbilisi Architecture Map [bluecrowmedia.com]

[bluecrowmedia.com] Our Tbilisi Architecture Map highlights the incredibly diverse 20th century architecture of the Georgian capital. From Neo-Classical to Art Nouveau through the Soviet era and its demise, this map features examples of the most original architecture we have ever documented.

The map, In English and Georgian, was researched and written by a group led by Ana Chorgolashvili, with the support of the Tbilisi Architecture Biennial. Original photography is by Stefano Perego.

Our 27th architecture map, the two-sided map opens to 420 x 594mm or 16.5 x 23.4 inches and folds to 148 x 210mm or 5.8 x 8.3 inches. The map includes an introduction and details for fifty buildings (from the 1890s to the 1990s) in English and Georgian. 
£8.00







More:
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Friday, October 16, 2020

INTERVIEW: Historiker Philipp Ammon zu Bergkarabach-Konflikt: "Ohne Großmächte kein Frieden". Von André Ballin via derStandard.at

[derstandard.deDer Streit um die Kaukasusregion ist nicht neu. Philipp Ammon spricht über Hintergründe und Geschichte eines in Europa weitgehend unbekannten Konflikts

INTERVIEW André Ballin 15. Oktober 2020

Philipp Ammon
Der am Wochenende geschlossene Waffenstillstand hat die Kriegshandlungen im Kaukasus bislang nicht stoppen können. Immer noch kämpfen Eriwan und Baku verbissen um jeden Meter in der umstrittenen Region, die mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird, völkerrechtlich aber zu Aserbaidschan gehört. Warum das so ist und warum die Region bei der Lösung des Problems in Richtung Schweiz schauen sollte, erklärt der Kaukasus-Experte Philipp Ammon.

STANDARD: Tschetschenien-Krieg, Abchasien-Krieg, Südossetien-Konflikt, Bergkarabach-Krise: Das Wort Kaukasus löst oft Kriegsassoziationen aus. Ist der Kaukasus historisch tatsächlich eine besonders umkämpfte Region?

Philipp Ammon: Durch den Kaukasus laufen seit jeher viele Handelsrouten. Neben der bekannten Seidenstraße ist der Kaukasus auch im Nord-Süd-Verkehr ein Knotenpunkt. Die strategisch wichtige Lage weckte einst das Interesse gleich dreier Machtzentren, die dort um die Vorherrschaft stritten: im Südosten die Perser, im Südwesten zunächst das Römische, dann das Byzantinische und später das Osmanische Reich und im Norden dann auch das Russische Reich. So mussten sich die Bewohner stets nach außen militärisch schützen. Dadurch ist eine wehrhafte Mentalität entstanden.

STANDARD: Warum liegt das von Armeniern bewohnte Bergkarabach überhaupt in Aserbaidschan?

Ammon: Bis zum Vertrag von Turkmantschai 1828 gab es das ethnisch sehr durchmischte Khanat Karabach. Später nahm der Anteil der Armenier deutlich zu, weil sie vor Verfolgungen im Perserreich und dem Osmanischen Reich nach Russland flüchteten. Diese Homogenisierung setzte sich zu Sowjetzeiten fort.

STANDARD: Trotzdem wurde die Region Aserbaidschan zugeschlagen. Warum?

Ammon: Damit sollte der Kaukasus insgesamt fester an die Sowjetunion gebunden werden. Das Matrjoschka-Prinzip, in der jede Republik noch einmal in autonome Gebiete unterteilt wurde, sollte nationale Sezessionsbewegungen erschweren. Diese bewusste Verknäuelung diente dem Prinzip "Teile und herrsche".

STANDARD: Wo liegen die Ursachen des Bergkarabach-Konflikts?

Ammon: Erste Massaker zwischen Armeniern und Aserbaidschanern gab es schon zu Zarenzeiten. Sie waren religiös, aber auch sozial bedingt, weil Armenier aufgrund ihres Bildungsdrangs schneller aufstiegen als ihre Nachbarn. Das weckte Neid.

Aber Ursache des aktuellen Konflikts ist eben die sowjetische administrative Verschachtelung, die Ende der 1980er-Jahre in vielen Republiken zu ethnischen Konflikten führte. Die Armenier baten in Moskau um die Übergabe Bergkarabachs, was in Aserbaidschan natürlich nicht gut ankam. Es folgten die Pogrome in Sumgait 1988 und in Baku 1990 an der armenischen Minderheit. Auf der Gegenseite verübten Armenier 1992 in Chodschali ein Massaker an Aserbaidschanern. Seither sehen sich beide Völker als Todfeinde. Ohne Willen der Großmächte ist kein Frieden möglich.

STANDARD: Welche Rolle spielen Moskau, Ankara und Teheran?

Ammon: Die Türkei unterstützt Aserbaidschan seit Jahren unter der Losung "Ein Volk, zwei Staaten". Jetzt ist die Hilfe offener denn je, wohl auch, um von eigenen inneren Problemen abzulenken und die sinkende Popularität von Tayyip Erdoğan zu festigen. So liefert Ankara die Bayraktar-Drohnen, wohl einige Militärberater und lässt syrische Kämpfer in das Konfliktgebiet passieren.

Russland wiederum versteht sich als traditionelle Schutzmacht Armeniens, wird aber nicht automatisch militärisch auf Eriwans Seite eingreifen. Moskau will vor allem den Südkaukasus als Einflusssphäre nicht verlieren. Dazu setzt der Kreml auf gute Beziehungen zu Eriwan und Baku. Zum Konflikt beigetragen hat Russland durch den eifrigen Waffenverkauf in die Region – an Aserbaidschan zum Weltmarktpreis, an Armenien zum Selbstkostenpreis. Der Iran hat historisch enge Bindungen zu Aserbaidschan, hilft aber im Konflikt eher Armenien, weil Teheran bei einem Erstarken Aserbaidschans Abspaltungsbestrebungen der aserbaidschanischen Minderheit im eigenen Land fürchtet.

STANDARD: Ist noch jemand involviert?

Ammon: Die USA und Israel wollen in den Iran hineinhorchen und haben daher in Aserbaidschan Interessen. Auch darum hat Israel die Harop-Drohnen an Baku geliefert. Die Drohnen sind die technologische Basis für den aserbaidschanischen Vorstoß in Bergkarabach, denn die Kampfkraft der aserbaidschanischen Armee schätze ich schwächer als die der armenischen ein, weil die Staatsbindung der Aserbaidschaner geringer ist und ihre Motivation zu kämpfen auch.

STANDARD: Gibt es denn eine Lösung für den Konflikt?

Ammon: Das beste Modell für den gesamten Kaukasus, nicht nur für Bergkarabach, wäre wohl eine Kantonslösung à la Schweiz, wonach jedes Sprachgebiet sich möglichst weit selbst verwaltet und der Kaukasus insgesamt eine Föderation bildet. Das erfordert aber viel guten Willen und Druck von außen, denn untereinander sind Armenier und Aserbaidschaner derzeit nicht kompromissfähig. Derzeit ist so etwas sehr unwahrscheinlich, auch weil Russland und die Türkei keine langfristige Strategie haben, sondern eher situationsgebunden reagieren. (André Ballin, 15.10.2020)

ARTICLE: Fridon Nizharadze - Painter of the Traumas of Svaneti & the World. By Stefan Applis via Georgia Today



Online Version: Fridon Nizharadze - Painter of the Traumas of Svaneti & the World - with more photos [georgiatoday] 






Wednesday, October 14, 2020

EXHIBITION: Marjanishvili Quarter. Correlations of Architecture, Politics, and Identities. Exhbitions I Lectures I Architecture Tours. 2nd Tbilisi Architecture Biennial. (17.10. 2020 – 8.11. 2020)

The project MARJANISHVILI QUARTER was specificallyconceptualized for the 2nd Tbilisi Architecture Biennial and focuses on the area that today, as well as historically, is recognised as the centre of the left bank of Tbilisi. Its origins go back to the 19th century, when the German settlement was founded northwest of Tbilisi. The exhibition shows historical, critical, ironic and poetic aspects of this place through different contexts and media. Among other things, the project contains materials of the alteration project of the Marjanishvili district in the 1980s and 1990s. Marjanishvili district is still developing. The residents and the urban space are going through changes. Different realities and habits reveal themselves; a mood of departure emerges. In temporal as well as spatial representations it is shown what constitutes the coexistence of the people of this district – what do we have in common? 

MARJANISHVILI QUARTER: CORRELATIONS OF ARCHITECTURE, POLITICS, AND IDENTITIES Exhibition / 2nd Tbilisi Architecture Biennale / Tbilisi (17.10. 2020 – 8.11. 2020)

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Das Projekt MARJANISHVILI QUARTER wurde für die 2. Architekturbiennale in Tiflis konzipiert und bezieht sich auf das Viertel, das als Zentrum des linken Ufers von Tiflis gilt. Die Entstehung dieses Viertels geht auf das 19. Jahrhundert zurück, als eine deutsche Siedlung nordwestlich vom damaligen Tiflis gegründet wurde. Die Ausstellung zeigt historische, kritische, ironische und poetische Aspekte dieses Ortes anhand von verschiedenen Kontexten und Medien – unter anderem die Pläne zum Umbau des Marjanishvili-Viertels aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Das Marjanishvili-Viertel ist immer noch im Wandel. Die Bewohner und der urbane Raum durchlaufen Veränderungen. Es offenbaren sich unterschiedliche Realitäten und Gewohnheiten, eine Stimmung des Aufbruchs entsteht. In zeitlichen wie auch in räumlichen Darstellungen wird aufgezeigt, was das Zusammenleben der Menschen dieses Stadtteils ausmacht. Was verbindet uns?

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პროექტი „მარჯანიშვილის უბანი“ შეიქმნა თბილისის არქიტექტურის მე-2 ბიენალესთვის და წარმოაჩენს ტერიტორიას, რომელიც თბილისის მარცხენა ბირთვის შემადგენელი ნაწილია. ის დაარსდა მე-19 საუკუნეში, როდესაც თბილისის ჩრდილო-დასავლეთით გერმანელების კოლონია შეიქმნა. გამოფენა წარმოადგენს ამ ადგილის ისტორიულ, კრიტიკულ, ირონიულ და პოეტურ ასპექტებს სხვადასხვა კონტექსტსა და მედიაში, მათ შორის, 1980-იან და 1990-იან წლებში ამ უბნის რეკონსტრუქციის არქიტექტურულ არქივს. მარჯანიშვილის უბანი სახეცვლილებას განიცდის. გარდაიქმნება საზოგადოების, ეკონომიკისა და ურბანული სივრცის ორგანიზება – შესაბამისად, იცვლება ჩვეული რეალობებიც. ამ კონტექსტში, ბიენალეს მესიჯი „რა გვაქვს საერთო?“ ფიქსირდება დროით და სივრცით წარმოდგენებში, რაც გარკვეულწილად ამ ტერიტორიაზე ადამიანების თანაცხოვრებასა და თანაარსებობას გულისხმობს – რა გვაკავშირებს ერთმანეთთან? რა გვაქვს საერთო?

Link [pdf] Project Marjanishvili Quarter

 








Venue 1 AA Architecture Ambience 2 Marjanishvili St 3802 Tbilisi Georgia

Venue 2 TBC Concept 7 Marjanishvili St 3802 Tbilisi Georgia

Curator: Irina Kurtishvili
Editor: Heike Maria Johenning
Graphic Design: Irakli Kiziria
Editing: Thea Tvalavadze (Georgian) Nathan Michael Hudson (English)
In Collaboration with W2KSHOP COLLECTIVE, Dimitri Eristavi, Lado Shonia, Tilman Haseloff, Liza Bokeria and Contemporary Art Space Maudi Nina Akhvlediani, Curator of TBC Concept and TBC Art Collection and Ketevan Korzakhia, Director, TBC Art Gallery
Exhibition Production: Zura Tsofurashvili
Archives: AA Architecture Ambience

LOCATIONS & EXHIBITION HOURS

AA Architecture Ambience
2 Marjanishvili st | 0102 Tbilisi | Georgia Open during the Biennial
Tuesday – Sunday 3pm – 7pm
AA is free and open to all people.

Please reach out to us in advance with any requests.
Contact irina@irinakurtishvili.com
Mob. + 995 (5) 55 21 44 83

TBC Concept
7 Marjanishvili str | 0102 Tbilisi | Georgia Open during the Biennial
Monday – Saturday 11am – 8pm Sunday 11am – 5pm

Acknowledgements
Irina Kurtishvili thanks all institutions, people and partners who contributed to realize this project

Printing: SpreeDruck, Berlin

TAB Tbilisi Architecture Biennial
Directors and Founders Project Management
Tinatin Gurgenidze, Natia Kalandarishvili, Otar Nemsadze, Gigi Shukakidze, Tamara Janashia
4 Shanidze st | 0179 Tbilisi | Georgia www.biennial.ge