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Wednesday, June 18, 2014

ARTIKEL: 1914/2014- Letzte Spuren Bertha von Suttners im Kaukasus verschwinden (tt.com)

(tt.com) Tiflis/Wien (APA) - Bertha von Suttner war Österreichs erste Nobelpreisträgerin. Österreich zieht sie anlässlich des Gedenkens an den Ersten Weltkriegs heran, um das Land als Friedensnation zu präsentieren, etwa bei einem Gedenkakt zum Thema „Krieg und Frieden“ am morgigen Mittwoch in der Nationalbibliothek. Was im Kaukasus, wo von Suttner mehrere Jahre verbrachte, von ihr geblieben ist, verfällt indes.

Im Familienalbum der Dadianis sieht man Bertha von Suttner wie sonst selten. Als Österreicher ist man sie vom früheren Tausend-Schilling-Schein als streng und erhaben wirkende, ältere Dame mit Witwenschleier gewöhnt. Hier erscheint sie als junge, fröhliche Frau in weiten Krinolinenröcken oder im Reitkostüm. Trotz der widrigen Umstände, in denen sich die spätere Friedensnobelpreisträgerin damals befand, beschrieb sie die Zeit im heutigen Georgien von 1876 bis 1885 in ihren Lebenserinnerung später als glücklich, ja geradezu idyllisch.

Bertha hatte sich, als Gouvernante im Hause von Baron Suttner tätig, in einen der Söhne, den sieben Jahre jüngeren Arthur, verliebt. Gegen den Willen der Familie wurde heimlich geheiratet. Doch wie und wo leben als Verstoßene? Die Rettung für das junge Paar war Ekaterine Dadiani, die Bertha auf Sommerfrische im deutschen Homburg kennengelernt hatte. Die Fürstin von Mingrelien (mingrelisch: Samargalo, georgisch: Samegrelo) hatte sie auf ihre Güter im heutigen Westgeorgien eingeladen.

Schließlich mussten sich die Suttners aber selbst in der Fremde durchlagen mehr schlecht als recht mit Musik- und Sprachunterricht - Arthur zeichnete auch Baupläne - und mit der journalistischen und schriftstellerischen Tätigkeit, die beide begannen.

Die letzten Jahre im „Exil“ verbachten sie als der Teil der bunten Ausländergemeinde in Tiflis. Davon ist nur das zweistöckige Haus in der Usnadse Straße, das sie bewohnten, übrig. Eine Gedenktafel auf Georgisch und Deutsch neben der Eingangstür aus der Zeit mit Holzschnitzereien, wie man sie auch an Altbauten der Jahrhundertwende in Wien findet, erinnert heute an Bertha und Arthur.

Gleich neben der Tür werden in einem Kabäuschen heute medizinische Messgeräte verkauft - vom Blutzuckertester bis zum Fieberthermometer. Im Keller, über dem sich früher eine Terrasse erstreckte, hat sich ein kleines Lokal eingenistet, das auf einem Plakatständer mit Abbildungen von Würstel, Bier und Rippchen für sich wirbt.

Die Wohnung selbst erreicht man empor über eine schmale Treppe. Hier muss das Ehepaar Suttner heruntergekommen sein, als es - obwohl „bitterarm“ - „vornehme Abendeinladungen“ in Tiflis wahrnahm, wie die Historikerin Brigitte Hamann schreibt.

Die Räumlichkeiten sind heute unbewohnt und im aktuellen Zustand unbewohnbar. „Der Strom ist abgeschaltet“, sagt Eigentümer Ilia Tsikurischwili. Er hat ein Plakat mit „For Sale 300 m2“ und seiner Telefonnummer über das Portal gehängt. Er führt durch die düsteren Zimmer, die abgesehen von einer Kommode, einer Blechabwasch und einem Luster, der wie ein Vogelkäfig aussieht, leer stehen. Von den Fischgrätparketten lösen sich Dielen; hereingewehtes Laub liegt welk verstreut.

Tsikurischwili hat das Haus erst vor zwei Jahren gekauft. Damals wusste er nicht mehr, als dass „irgendwelche österreichischen Schriftsteller“ einmal dort lebten. Er wollte im Haus Büros für seine Firma für Nahrungsergänzungsmittel einrichten. Weil die Renovierung aber zu lange gedauert hätte und zu teuer gewesen wäre, habe er das aufgeben. Er will nun wieder verkaufen - „230.000 Dollar (circa 167.000 Euro) Verhandlungsbasis“.

Wenn es nach Mzia Galdawadse geht, sollte Österreich zuschlagen und das Suttner-Haus herrichten. Ihr schwebt - etwas unkonkret - vor, es als Kulturzentrum oder für Veranstaltungen nutzen. Galdawadse, Übersetzerin von Franz Kafka und Felix Mitterer ins Georgische, leitet die Österreich-Bibliothek an der staatlichen Ilia-Tschawtschawadse-Universität in Tiflis, die vom Wiener Außenamt unterstützt wird.

In Österreich hat sich das Künstlerehepaar Johanna und Helmut Kandl des historischen Erbes Bertha von Suttners angenommen. Sie schließen sich Galdawadse an: „Natürlich wäre es schön, wenn das Haus (...) für österreichische kulturelle Aktivitäten zur Verfügung stünde.“ Im Außenministerium winkt man jedoch ab: Es gebe keine Pläne, das Suttner-Haus in Tiflis zu kaufen. „Wir haben das rechtlich überprüft, es ist leider nicht möglich“, verweist Botschafterin Heidemaria Gürer auf Anfrage der APA auf nicht klare Absichten des Besitzers.

Bertha von Suttner sei den Georgiern noch heute ein Begriff, erzählt Galdawadse - nicht nur wegen des Friedensnobelpreises, auch wegen des (gescheiterten) Versuchs, gemeinsam mit ihrem Mann das um 1200 entstandene georgische Nationalepos „Der Recke im Tigerfell“ von Schota Rustaweli erstmals ins Deutsche zu übersetzen. Auch gebe es in der mingrelischen Hauptstadt Sugdidi noch eine - wenn auch wenig aktive - Suttner-Gesellschaft. Arthur von Suttner habe für seine Romane und Erzählungen gerne kaukasische Sujets gewählt, weiß Galdawadse.

Den beiden Österreichern gelang es nicht, sich eine gesicherte Existenz in Georgien aufzubauen. Sie versöhnten sich schließlich nach Jahren mit den (Schwieger)Eltern. Bertha von Suttner pflegte auch nach ihrer Heimkehr noch Kontakte jenseits des Schwarzen Meeres. Mit Wehmut erinnerte sie sich in ihren Lebenserinnerungen an den Abschied: „Nicht ohne Herzleid sagten wir dem Kaukasus Valet; wir hatten das schöne Land lieb gewonnen (...).“

Suttner starb vor 100 Jahren wenige Tage vor den verhängnisvollen Schüssen von Sarajevo, die Europa in den Ersten Weltkrieg stürzten. Am morgigen Mittwoch gedenkt Bundespräsident Heinz Fischer mit Spitzenrepräsentanten Österreichs in der Wiener Nationalbibliothek beider Ereignisse.

In Georgien könnte an die Friedensnobelpreisträgerin indes bald kaum etwas Materielles mehr erinnern. Hauseigentümer Tsikurischwili will seinen Besitz zwar keinem der Interessenten verkaufen, die sich schon bei ihm angemeldet haben und auch Grund in der Nachbarschaft für ein größeres Bauprojekt erwerben wollen. Er bestehe auf einem Abnehmer, der das Objekt renoviert, sagt er. Aber bleibt er dabei? „Wenn es ein ausländischer Investor kauft, wird er es sofort abreißen und ein Hochhaus errichten. Dann gibt es keine Spur von Suttner in Tiflis mehr“, ist Bibliothekarin Galdawadse überzeugt.

Sunday, September 09, 2012

AUSSTELLUNG: Bertha von Suttner und der Kaukasus. Schloss Harmannsdorf

Ausstellungsdauer: 27. Mai bis 9. September 2012

Seit 2009 lädt Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich zusammen mit dem Internationalen Bertha von Suttner Verein nationale und internationale KünstlerInnen ein, ihren Blick auf die vielschichtige Persönlichkeit der Bertha von Suttner zu richten. Beschäftigte sich die Ausstellung „Bertha von Suttner Revisited" 2009 stärker mit der gesellschaftspolitischen Dimension der Friedensnobelpreisträgerin und jene mit dem Titel „Die edlen Früchte und die Gouvernante" 2010 mit dem sozialen Status der Adeligen als Gouvernante im Dienste der Suttners im Schloss Harmannsdorf, wird 2012 ebendort Bertha von Suttners Zeit im vermeintlich wilden, tatsächlich aber vom europäischen Adel durchwachsenen Kaukasus von 8 verschiedenen künstlerischen Positionen beleuchtet mit Arbeiten von: Josef Dabernig, Katrina Daschner, Stefan Frankenberger, IRWIN, Helmut & Johanna Kandl, Sonia Leimer, Markus Schinwald, Nino Sekhniashvili

Ausgehend vom Einakter der jungen Bertha, „L'Éducation de Rosette", entdeckt von Helmut & Johanna Kandl im Genfer Völkerbundarchiv, thematisiert die gleichnamige von Brigitte Huck kuratierte Schau jene Zeit im Leben der Friedensaktivistin, als sie mit Arthur Gundaccar von Suttner an den Hof der Fürstin Dadiani von Mingrelien floh, um die familiären und gesellschaftlichen Konventionen ihrer unstandesgemäßen Ehe hinter sich zu lassen. 

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Im Zentrum der Ausstellung steht die an Originalschauplätzen in Georgien entstandene Arbeit "Wir holen uns das Goldene Vlies!" des Künstlerpaars Helmut & Johanna Kandl, die sich auf die Freundschaft des jungen Paars Bertha und Gundaccar von Suttner zur mingrelischen Fürstenfamilie Dadiani bezieht. Referenz für den Film ist der Einakter "L’Éducation de Rosette", den Bertha für das private Schlosstheater der Fürstin Dadiani schreibt. Helmut & Johanna Kandl spüren das Manuskript im Genfer Völkerbundarchiv auf, Oliver Hölzl übersetzt es vom Französischen ins Deutsche. Für die Aufführung der Gesellschaftskomödie in kleinstem Kreis übernehmen Bertha, Arthur und Mitglieder der Fürstenfamilie die Rollen. Bertha, die Sängerin werden wollte, schreibt sich Auftritte ins Stück und singt 'La Timbale d'Argent' aus der Operette von Léon Vasseur.

Diese und die ebenso vergessene Lacharie aus Manon Lescaut von Auber werden im Video, das die Künstler in der Umgebung der heute zur Ruine verfallenen Sommerresidenz der Dadianis in Gordi aufgenommen haben, durch die Gesangsstudentin Megi Chikhradze zu neuem Leben erweckt. Auf das antike Kolchis nehmen Helmut & Johanna Kandl ebenso Bezug wie auf das Motiv der Flucht von Liebenden (Medea/Jason, Manon/Des Grieux, Bertha/Arthur). Die Künstler verbinden griechische Mythologie mit der Geschichte Bertha von Suttners und stellen der historischen Situation die profane Welt der Strassen, Märkte und Überlebensstrategien im Tiflis der Gegenwart gegenüber.

Politische Konnotationen von Raum und die Präsenz des Strukturellen kennzeichnen die Wandzeichnung "Frozen Moments" des Künstlers und Filmautors Josef Dabernig in der Orangerie des Schlossgartens. Axonometrien, Perspektiven, Aufrisse und Schnitte dreier, die georgische Geschichte architektonisch rezipierender Gebäude, treten einander darin gegenüber: Der Wolkenkratzer des ehemaligen georgischen Transportministeriums, einer Architekturikone aus dem Jahr 1975, das megalomane "Haus des Volkes" in Bukarest und Schloss Plüschow, ein Landsitz, wie es Schloss Harmannsdorf für die Familie Suttner war.

Katrina Daschners Antwort auf die matronenhaft, strenge Darstellung Bertha von Suttners, wie sie durch den 1000 Schillingschein Verbreitung fand, ist der Film mit dem Titel "Bertha". Darin bezieht sich die Otto Mauer Preisträgerin auf Glamour, Sexualität, Fantasien und Begehren, inszeniert sie gegen den Strich von Wahrnehmungskonventionen und interpretiert die abenteuerliche Amour Fou Suttners als erotische, schrille Parabel.

Die Toninstallation „der unbekannte soldat“ des Soundkünstlers Stefan Frankenberger nimmt sich die Friedenskämpferin als Schriftstellerin vor. Verschiedene Angehörige des österreichischen Bundesheeres, konkret des Militärkommandos Niederösterreichs, lesen und interpretieren damit Texte von und über die Friedensnobelpreisträgerin. Geschnitten und zusammengestellt ist das im Schlossgarten zu hörende Tonmaterial mit Augenmerk auf Rhythmik, Spannung und Authentizität.

"Was ist Kunst, Tbilisi" fragt das slowenische Künstlerkollektiv IRWIN mit der gleichnamigen in Harmannsdorf ausgestellten Fotoarbeit, die in Kollaboration mit der Georgischen Armee 2007 entstand. Uniformierte Soldaten bilden vor der Kulisse Tbilisis diesen Satz als Artefakt nach. IRWIN setzt seine radikale Strategie der Appropriation von Symbolen staatlicher Ideologie ein, um die gemeinsamen Anliegen politisch engagierter Künstler zu formulieren.

Sonia Leimers Film "Western" zeigt das "zu erobernde" Land der Bertha von Suttner, jene atemberaubende georgische Landschaft, die als Kulisse für DDR-Produktionen des Genres diente. Im wilden Osten spielt ein Damenstreichsextett des State Orchestra Tbilisi die transkribierte Filmmusik Elmer Bernsteins aus "Die glorreichen Sieben" (1960) von John Sturges. Mit Blick auf das autonome Gebiet Südossetiens, das völkerrechtlich ein Teil Georgiens ist, geht es Leimer auch um Fragen nach Territorium, Identität und Staatsgefüge.

Mit "Meryl", verweist Markus Schinwald, 2011 österreichischer Vertreter auf der Biennale von Venedig, auf die prekäre Lage moderner, intellektueller Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die Veränderung und Zurichtung privater bildnisdrucke der Zeit ist ein Werkkomplex, den der Künstler seit vielen Jahren kontinuierlich erweitert. Sein Interesse gilt dem Körper als kulturgeschichtliche Konstruktion. Gefangen in Paranoia und Melancholie verhilft Schinwald den biederen Fräuleins zu neuen, irritierenden Identitäten.

Die Skulptur "Chess" der Tifliser Künstlerin Nino Sekhniashvili, ein Schachbrett aus rohem Holz mit roter Farbe bedruckt, erzählt mit den darauf liegenden drei Schafsknochen von der georgischen Tradition, die Zukunft durch das Werfen von Tierknochen vorherzusagen.

Die Arbeit kann als Referenz auf jenen Lebensabschnitt gesehen werden, den die junge Comtesse Kinsky mit ihrer Mutter, einer notorischen Spielerin, in den europäischen Casinos verbrachte und Ekaterine Dadiani zum ersten Mal begegnete.

Das Projekt "Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich" ist eine Erfolgsgeschichte, die wesentlich mit der Kontinuität qualitätvoller Arbeit und der durchgehenden Bereitschaft zu Dialog und Diskussion zu tun hat. Nirgends sonst treffen Kunst und demokratische Öffentlichkeit so direkt aufeinander.
Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll

„L'Éducation de Rosette - Bertha von Suttner und der Kaukasus“ ist zu sehen und zu hören bis 9. September 2012 im Schüttkasten und Garten des Schlosses Harmannsdorf.  
3713 Harmannsdorf 1, Freitag von 16.00 bis 19.00 Uhr / Samstag und Sonntag von 13.00 bis 19.00 Uhr

Kurzbiografien:
Helmut & Johanna Kandl, 1953 in Laa / Thaya und 1954 in Wien geboren, Zusammenarbeit ab 1995, leben in Wien und Berlin.
Josef Dabernig, 1956 in Kötschach-Mauthen geboren, lebt in Wien.
Katrina Daschner, 1973 in Hamburg geboren, lebt in Wien.
Stefan Frankenberger, 1977 in Rosenheim geboren, lebt in Wien.
IRWIN, 1983 in Ljubljana / Slowenien gegründet: Dûsan Mandič, Miran Mohar, Andrej Savski, Roman Uranjek und Borut Vogelnik.
Sonia Leimer, 1977 in Meran geboren, lebt in Wien.
Markus Schinwald, 1973 in Salzburg geboren, lebt in Wien und New York.
Nino Sekhniashvili, 1979 in Tiflis geboren, lebt in Tiflis und Berlin.

Eine Veranstaltung von Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Bertha von Suttner Verein und der Marktgemeinde Burgschleinitz-Kühnring.

Wednesday, April 13, 2011

ARTIKEL: Siebenbürgischer Forscher im Kaukasus. Von Dr. Heinz Heltmann (siebenbuerger.de)

Zu den bedeutenden siebenbürgischen Forscherpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, die fern von ihrer Heimat zu Ruhm und Anerkennung gelangten, gehört auch der Kronstädter Friedrich Bayern (1817-1886), dessen umfangreiche naturwissenschaftlichen Sammlungen die Gründung des kaukasischen Museums in Tiflis ermöglichten. Ab 1864 widmete er sich hier vorrangig archäologischen Untersuchungen und wurde durch seine erfolgreiche Tätigkeit auf diesem Gebiet zum Begründer der prähistorischen Forschung im Kaukasus- und Araratgebiet.

Friedrich Bayern, der eigentlich Bayer hieß und sich später in Bayern umbenannte, wurde am 20. Oktober 1817 in Kronstadt geboren. Hier besuchte er die Volks- und Realschule. Zur Förderung seiner schulischen Ausbildung bekam er 1827 einen Erzieher, der ihn in die Beobachtung der Natur einführte. Auf Exkursionen vermittelte ihm sein Lehrer Hiemesch mineralogische Kenntnisse, während Lehrer Wolf ihn die Technik des Sammelns und Präparierens von Pflanzen und Insekten lehrte. 1832 beendete er die Realschule. Nachdem er Kaufmann werden wollte, besuchte er in den folgenden zwei Jahren verschiedene Kronstädter Handelshäuser, um sich auf seinen künftigen Beruf vorzubereiten. Im Sommer 1834 begann er seine kaufmännische Ausbildung beim Kaufmann Bömches in Kronstadt, der ihn zu seiner Ausbildung in sein Geschäft nach Bukarest schickte. Im März 1838 legte er in Kronstadt seine Kaufmanns-Prüfung ab, übersiedelte dann nach Hermannstadt, wo er 14 Monate als kaufmännischer Angestellter tätig war. Nach einem kurzen Aufenthalt bei seiner Familie in Kronstadt übersiedelte Bayern im Herbst 1839 nach Bukarest, wo er bis 1842 die Führung eines Geschäftes übernahm. Danach war er hier bis 1845 als Privatlehrer tätig. – Die Behauptung von Dr. Erduard Gusbeth (1890), dass Bayern den Beruf des Apothekers erlernt und in Bukarest als solcher einige Jahre konditioniert hätte, ist demnach nicht zutreffend. Nicht einmal eine „Apothekerlehre“ wäre bei ihm zeitlich möglich gewesen. In seiner Biographie bedauert Bayern, dass er in Kronstadt nicht die Honterusschule absolvierte, weil dieser Abschluss ihm den Zugang zur Universität eröffnet hätte.

Als Schulmann und Naturforscher in Odessa (1845-1850)

Im Januar 1845 entschloss sich Bayern, eine Reise nach Russland und in die Türkei durchzuführen. Bereits in Jassy erkrankte er schwer und musste drei Wochen in einem Krankenhaus zubringen. Halbwegs genesen setzte er seine Winterreise fort und kam schließlich in Odessa an. Hier unterbrach er zunächst seine Weiterreise und widmete sich seiner weiteren Genesung. ­Zufällig lernte er hier den Direktor einer Privatschule kennen, der ihn als Sprachlehrer anstellte. In seiner Freizeit erforschte er die Küstenlandschaft von Odessa und richtete mit den heimgebrachten Sammelstücken in dieser Schule ein kleines Museum ein. Glücklicherweise lernte er hier den Anatom Nordmann kennen, der Bayern als „Autodidakt“ beim Bestimmen seiner Sammlungsstücke (Knochenfunde) behilflich war. Ebenfalls dieser machte ihn mit europäischen Käferforschern bekannt, die sich vorübergehend in Odessa aufhielten und die an ihm als Exkursionsführer in diesem Gebiet interessiert waren. Dafür führten diese ihn in die wissenschaftlichen Methoden des Sammelns und Bestimmens ein und halfen ihm auch beim Bestimmen seiner Käfersammlung. Seit dieser Zeit bezeichnete sich Bayern als „Naturalist“.

Als Naturforscher und Archäologe in Tiflis (1850-1886)

Von dem damals noch wenig erschlossenen Kaukasusgebiet fasziniert, entschloss sich Bayern 1850 von Odessa nach Tiflis zu übersiedeln. In Tiflis eröffnete er zunächst eine Buchhandlung und hoffte, hier vom Buchhandel leben zu können. Seine diesbezügliche Hoffnung ging jedoch nicht in Erfüllung.

Im Herbst 1851 kam der Naturforscher Abich nach Tiflis, den Bayern kennen lernte und der ihn als Forschungsreisenden einer Gesellschaft empfahl, die in Tiflis ein Museum einrichten wollte. Gemeinsam wurde vereinbart, dass Bayern auf Kosten dieser Gesellschaft eine Sammelreise durchführen und mit den mitgebrachten Sammlungen das neue Museum einrichten sollte. Reisekosten und das Honorar für die mitgebrachten Sammlungen wurden vereinbart. Im Frühsommer 1852 begann Bayern die vereinbarte Forschungsreise und kehrte im Herbst dieses Jahres mit reichen Sammlungen, aber auch schwer krank nach Tiflis zurück. Als er nach einigen Tagen halbwegs genesen das Krankenhaus verlassen konnte, um mit der Museumseinrichtung zu beginnen, fand er nicht nur ein instand gesetztes Museumsgebäude vor, sondern es wohnte auch schon ein Direktor darin. Somit war die mit Bayern vereinbarte Museumseinrichtung nicht mehr notwendig. Maßlos enttäuscht blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Sammlungen beim schon vorhandenen Direktor abzugeben, damit das Museum eingerichtet werden konnte.

Noch enttäuschender für Bayern war jedoch, dass ihm von der Museumsgesellschaft auch die Auszahlung des vereinbarten Honorars für die mitgebrachten Sammlungen verweigert wurde. Es folgten Jahre, die durch größte Armut, Entbehrung und Krankheit gekennzeichnet waren. Lediglich durch geringe Einkommen als Reiseführer und den Verkauf von kleinen Sammlungen konnte er überleben. Dennoch setzte Bayern in diesen Jahren seine Sammeltätigkeit unvermindert fort, so dass sich seine Sammlungen zunehmend vergrößerten. Erst als er 1856 von einem Oberst als Hauslehrer angestellt wurde, ging es ihm wieder deutlich besser.

Im Frühjahr 1859 kam der Naturforscher Abich wieder nach Tiflis und vermittelte Bayern eine Stelle als Konservator am „Museum der Geographischen Gesellschaft“ dieser Stadt. Als solcher wurde er beauftragt, eine Forschungsreise nach Armenien durchzuführen, während der er am Nordhang des Ararat wertvolle prähistorische Funde machte.

Seine großen naturwissenschaftlichen Sammlungen (Insekten- und Gesteinssammlungen, Herbarien) hat er teils dem kaukasischen Museum in Tiflis geschenkt, größerenteils aber wurden ihm diese während seinen Forschungsreisen in den Jahren 1863/64 vom Museum einfach weggenommen, was ihn ebenfalls zutiefst enttäuschte. – Allein der Katalog seiner Käfersammlung in Tiflis wies damals 28000 Käfer nach. Teile seiner Sammlungen befinden sich aber auch in Privatsammlungen und in den Museen in Moskau, Petersburg und Wien.

Erst als er sich ab 1864 verstärkt der Archäologie der Kaukasusländer zuwandte, wurde er über die Grenzen Russlands hinaus bekannt. Obwohl auch auf diesem Gebiet Autodidakt, war er zu jener Zeit der beste Kenner der ethnographischen und prähistorischen Verhältnisse des Kaukasus- und Araratgebietes. Der französische Archäologe Ernest Chantre, der Bayern 1879 als Reiseführer kennen lernte, schreibt diesbezüglich: „Keiner, der irgendwelche Forschungen in diesen Ländern vornehmen wollte, konnte seinen Rat entbehren, am allerwenigsten auf archäologischem Gebiet“.

Auf seinen zahlreichen Forschungsreisen hat Bayern viele Grabstätten entdeckt und an deren Ausgrabungen mitgewirkt. Aus einem um ihn entstandenen Freundeskreis der Archäologie ging die „Gesellschaft der Altertumsforscher des Kaukasus“ hervor, und somit wurde Bayern zum Begründer der prähistorischen Forschung im Kaukasus- und Araratgebiet. Diese Gesellschaft gründete auch ein Museum, dessen Verwalter er wurde. Auf Kosten dieser Gesellschaft unternahm er nun Grabungen, deren Ergebnisse zahlreiche Forscher in den Kaukasus lockten, zu denen auch der namhafte Berliner Pathologe Rudolf Virchow gehörte. Bei gemeinsamen Ausgrabungen auf den Totenfeldern von Mzchet (Samthavro) und Marienfeld (Sartaschli) lernte dieser ihn persönlich kennen und schätzen. Virchow schreibt diesbezüglich: „Man kann ohne Übertreibung von ihm sagen, dass er, ein lebendes Inventar der kaukasischen Altertümer, alle nennenswerten Tatsachen in seiner Erinnerung bewahrte“.

Ernest Chantre schreibt an anderer Stelle über ihn: „Als mich ein neuer Auftrag im Jahre 1881 in das Gebiet des Ararat und Kaukasus führte, konnte ich mir keinen besseren Führer als Bayern wünschen. (…) Während der langen Fahrten und Grabungen, der eingehenden und interessanten Gespräche lernte ich sein umfangreiches Wissen und seinen lauteren Charakter schätzen. Damals verwandelte sich meine Bewunderung für den gewissenhaften, ausdauernden, wahrhaft vielseitigen Gelehrten in aufrichtigste Zuneigung für den selbstlosen Menschen“. – Zu den bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit, mit denen Bayern in engerer Verbindung stand, gehörte auch die Schriftstellerin Bertha v. Suttner.

Im Alter schwer erkrankt, wurde er von seiner Schwester Luise, die ihm nach Tiflis gefolgt war, liebevoll betreut und gepflegt. Hier starb Bayern, schon fast erblindet, am 4. März 1886. Der 4. März dieses Jahres war somit sein 125. Todestag.

Nachwort

Friedrich Bayern war korrespondierendes Mitglied der „Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte“ und Mitglied anderer wissenschaftlichen Gesellschaften. Über seine Forschungsergebnisse sind im Druck 17 Veröffentlichungen erschienen. Für seine außergewöhnlichen Verdienste ist er wiederholt ausgezeichnet worden. 1862 erhielt er das Kaukasische Kreuz, in den Jahren 1864-1870 Medaillen der Ausstellungen in Moskau, Tiflis, Paris und Petersburg. Während der Weltausstellung 1873 in Wien wurde ihm von der österreichischen Regierung der Franz Josef-Orden ­verliehen. – Ein Teil seiner Manuskripte blieb unveröffentlicht, darunter auch sein „Pflanzenkatalog des Kaukasus“.

Einen Teil seines Nachlasses, darunter auch ein Bild von ihm, brachte seine Schwester nach dessen Tod nach Kronstadt. Nach ihrem Tod gelangte dieser in die naturwissenschaftliche Sammlung der Honterusschule. 1937 wurde dieser Nachlass vom Burzenländer Sächsischen Museum in Kronstadt übernommen und ein Teil davon in einer Friedrich Bayern gewidmeten Vitrine, in der Abteilung „Bedeutende Kronstädter“ ausgestellt. Hier konnte dieser bis zur Schließung des Museums im Herbst 1944 bewundert werden.

Dr. Heinz Heltmann

www.siebenbuerger.de