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Thursday, March 13, 2014

KONFERENZ: Von Tschetschenien bis Syrien. Jonathan Littell im Gespräch mit Eyal Weizman (hkw.de)

(hkw.de) Die Literatur von Jonathan Littell, vor allem sein Bestseller Die Wohlgesinnten, zeichnet sich durch eine entschieden forensische Sensibilität für Räume, Ruinen und den menschlichen Körper aus. In diesem Gespräch werden die Ursprünge von Littells literarischer Sensibilität auf seine Arbeit als humanitärer Helfer während des Tschetschenienkriegs und seines späteren Kriegsjournalismus in Syrien und anderswo zurückverfolgt.

Jonathan Littell ist Autor des Romans Les Bienveillantes (Gewinner des Prix Goncourt und des Literaturpreises der Académie Française, Éditions Gallimard, 2006), auf Deutsch erschienen unter dem Titel Die Wohlgesinnten, und einiger anderer Werke. Davor war er für die NGO Action Contre la Faim in Bosnien, Tschetschenien, Afghanistan und der Demokratischen Republik Kongo tätig.

Eyal Weizman ist Architekt, Professor für Spatial and Visual Cultures und Direktor des Centre for Research Architecture am Goldsmiths, University of London. Seit 2011 leitet er außerdem das Projekt Forensic Architecture. 2007 war er Mitbegründer des Architekturkollektivs DAAR (Decolonizing Architecture Art Residency) im palästinensischen Beit Sahour. Zu seinen Büchern gehören Mengele’s Skull: The Advent of a Forensic Aesthetics (Sternberg Press, 2012, mit Thomas Keenan), The Least of all Possible Evils: Humanitarian Violence from Arendt to Gaza (Nottetempo 2009; Verso, 2011), Hollow Land (Verso, 2007) und A Civilian Occupation (Verso, 2003). Er arbeitete weltweit mit einer Vielzahl von NGOs und war im Vorstand von B’Tselem. Eyal Weizman studierte Architektur an der Architectural Association in London und promovierte am Birkbeck College/London Consortium, University of London. 

Konferenz
Eintritt im Ausstellungsticket enthalten

Mit Simultanübersetzung Deutsch und Englisch
 
Programm „Forensis“

Thursday, October 15, 2009

BUCH: Das Stalin-Epigramm. Von Robert Littell (perlentaucher.de)

Arche Verlag, Zürich; Hamburg 2009
ISBN-10 3716026220
ISBN-13 9783716026229
Gebunden, 397 Seiten, 22,00 EUR


Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence. Moskau 1934: Stalins eiserne Hand hält ein ganzes Land im Würgegriff. Der Herrscher im Kreml treibt unbarmherzig die Kollektivierung voran, in deren Zuge Millionen von Bauern verhungern, während seine Schergen die Städte durchkämmen und willkürlich Regimegegner verhaften. Ossip Mandelstam, einst ein berühmter und angesehner Dichter, ist in Ungnade gefallen und tritt in Moskau in Kaschemmen vor einer Handvoll Gästen auf, um dort seine Gedichte vorzutragen. Bei einem dieser Auftritte begegnen er und seine Frau Nadeschda der jungen, betörend schönen Theaterschauspielerin Zinaida. Es beginnt eine flammende Menage-a-trois, die der Dichter und die beiden Frauen hinter geschlossenen Vorhängen und verriegelten Türen leben. Bis Ossip Mandelstam eines Abends Nadeschda und Zinaida zu sich ruft, um ihnen ein Gedicht vorzutragen, mit dem er das Volk aufrütteln will: Das Stalin-Epigramm. 16 Verse, von denen jeder einzelne den Tod bedeuten kann.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung,
14.10.2009
Folgerichtig sind es vor allem die geheimdienstlichen Szenen, die Katharina Teutsch bei der Lektüre fesseln. Schließlich ist Robert Littell als Autor von Agententhrillern bekannt geworden. Für Teutsch hat der Autor in diesem Momenten das Format eines Solschenizyn. Wenn Littell Ossip Mandelstam, neben Stalin die Hauptfigur im Buch, mitunter etwas kitschig als Homo poeticus mit Erektionsstörungen auftreten lässt, weniger als Märtyrer, verbucht Teutsch dies als Kollateralschaden der Literarisierung einer historischen Vorlage. Littells Versuch, die bittere Essenz der wahren Geschichte, Mandelstams Tod im Gulag, mit Stalins Obsession für den Dichter und sein Werk abzufedern, hält die Rezensentin allerdings für obszön und "literarisch pietätlos".

mehr:
Das Stalin-Epigramm

Das Gedicht als Waffe
Robert Littell: "Das Stalin-Epigramm", Arche Literatur Verlag, Zürich und Hamburg 2009, 397 Seiten
Der Hang des russischen Dichters Ossip Mandelstam (1891-1938), sich gelegentlich in lebensgefährlicher Offenheit über sein Unbehagen an den Zuständen in Stalins Sowjetunion zu äußern, ist vielfach belegt. So viel Unbeherrschtheit hat mehrfach das Entsetzen von Freunden und Kollegen des Poeten hervorgerufen.

Würdigung des Stalin-Epigramms von Mandelstam

Gestorben für 16 Zeilen Kritik

A Poet's Epic Struggle
By Patrick AndersonSpecial to The Washington Post Monday, June 1, 2009

'The Stalin Epigram' by Robert Littell

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Wednesday, February 25, 2009

REVIEW: The evil that ordinary men can do. (guardian.co.uk)

Jonathan Littell's extraordinary Holocaust novel asks what it is that turns normal people into mass killers. By Jason Burke

This remarkable book was first published in France in 2006, as Les Bienveillantes. The first significant work of Jonathan Littell, Francophone son of American spy author Robert, it was an entirely unexpected success. Gallimard, the publisher, originally printed 5,000 copies. Within months, Les Bienveillantes had sold 300,000 copies, had been welcomed by critics as the most important book for 50 years and had won the Goncourt and Femina prizes. Stupendous sums were paid for its foreign rights and it went on to sell more than a million copies across Europe. Now it has been translated into English and will surely cause a similar fuss.

full text >>>

Thursday, February 19, 2009

BÜCHER: Der unfertige Rand Europas. Von Markus Bernath. (derstandard.at)

Der Kaukasus ist seit dem Krieg in Georgien wieder einmal en vogue. Reporter, Historiker und Politologen gehen dem Freiheitsvirus nach.

Natürlich sind sie verrückt. Man beginnt keinen Krieg gegen einen übermächtigen Gegner, ganz allein gegen die 52. Armee, ohne ein gerüttelt Maß an Unvernunft. Alexander Lomaia, der Sicherheitsberater des georgischen Präsidenten, sagt es selbst. „Alle denken, wir sind verrückt, weil wir uns gegen Russland, dieses große, mächtige Land auflehnen", erklärt er Jonathan Littell, dem amerikanisch-französischen Bestsellerautor, im bombardierten Gori. Aber dann gleitet alles schnell in Unsinn ab. Dann spricht Lomaia von den Opfern, die Georgien mit diesem Krieg im Sommer 2008 auf sich genommen habe, um die Welt wachzurütteln und ihr die wahre Natur der Russen zu zeigen. Dabei ist er ein durchaus ernsthafter Mensch.

Wir selbst saßen ein paar Tage, bevor dieses Gespräch geführt wurde, in einem großen Mercedes - Pridon, eine georgische Fotoreporterin und ich -, der Weg nach Gori war noch nicht frei, weil die russische Kommandantur es so entschieden hatte. Wir besuchten stattdessen ein Flüchtlingslager in der Nähe des Flughafens von Tiflis. Auf dem Rückweg spielte Pridon - Radiotechniker, Filmemacher, Webseitendesigner und an manchen Tagen Chauffeur - einen italienischen Schlager aus den 50er-Jahren, den er irgendwo gefunden hat: „Tu vuò fa l'americano" - „Du willst den Amerikaner spielen".

Das klingt wie eine Quittung für die Hinwendung der Georgier zu den USA. Pridon nahm -„americano, americano" - im langen Schwung die Kurven am Mtkwari-Fluss entlang, dann die breite Barataschwili-Straße hinauf und um den neuen „Freiheitsplatz" herum auf den Rustaweli-Boulevard, die Vorzeigestraße der Stadt.

Sie hätten hier sein können, die Russen, mit ihren Panzern den Asphalt zerfurchen, der extra für den Besuch von George W. Bush drei Jahre zuvor gegossen worden war. Der Waffenstillstand, den Frankreichs Präsident ausgehandelt hat, mag die Russen davon abgehalten haben, vielleicht sind sie auch nur weit weniger verrückt als die Georgier. „Du willst Amerikaner spielen", plärren die Lautsprecher, Whiskey und Soda trinken, Camel rauchen vom Taschengeld der Mamma - „ma si nato in Italy!", singen sie aus vollem Hals nach, „aber du bist in Italien geboren".

Tiflis ist gewissermaßen eine Erfindung, der ganze Kaukasus ein Fantasiegebilde. Reisende aus dem Westen oder Osten Europas, die in den vergangenen Jahrhunderten hier hergekommen waren, haben sich in die Tasche gelogen. Und die heute 15 Millionen Menschen, die zwischen dem kleinen und dem großen Kaukasusgebirge leben, haben sich immer etwas vorgemacht, erst recht, seit sie nach dem Ende der Sowjetunion in drei unabhängig gewordenen Staaten leben - Georgien, Armenien, Aserbaidschan. „Pischite prawilno", mit dieser Aufforderung auf Russisch beginnt Jonathan Littells kleines Georgisches Reisetagebuch aus den Augusttagen nach dem Krieg zwischen Russland und Georgien. „Schreiben Sie wahrheitsgemäß, schreiben Sie, was wirklich passiert ist." Doch wie soll man das tun in einer Gegend, wo die nationalen und die staatlichen Identitäten nicht feststehen und täglich das Gefühlte die Ratio überrennt?

Der jüngste Kaukasuskrieg, der fünf Tage dauerte, von Donnerstagnacht bis Dienstagmittag, hat der Propaganda zum Trotz, die aus Tiflis und Moskau auf die Öffentlichkeit eintrommelte, einen seltenen Moment der Wahrheit beschert. Für einen Augenblick ist der Vorhang weg, die Rhetorik des Westens über die Anbindung des „Südkaukasus" entblößt, liegen die Machtverhältnisse offen. Russland dominiert, der Westen ist blamiert. Er hat nie verstanden, was an diesem Rand Europas vor sich geht.

Dem Phänomen des Kaukasus kann man sich dabei auf zwei Wegen nähern: Man kann berichten oder analysieren, die Arbeit des Reporters und Chronisten verrichten oder Theoriegebäude aufbauen und zu verstehen versuchen, wohin die politische Entwicklung des Kaukasus geht, der heute nie anders denn als „strategisch" für die Interessen der EU und der USA bezeichnet wird.Jonathan Littell, der Historiker Charles King oder auch Wendell Steavenson, die vergangenen Dezember im New Yorker ein zehnseitiges Porträt über Georgiens Präsidenten Michail Saakaschwili veröffentlichte („Marching through Georgia, December 15, 2008"), gehören zur ersten Gruppe der „Reporter".

Alle drei haben in den vergangenen Jahren immer wieder den Kaukasus bereist. Littell verbrachte einige Zeit in Tschetschenien, wo er die Vertretung von Action contre la Faim leitete, als die Machthaber noch NGOs tolerierten; ein Angriff auf einen Konvoi mit humanitären Helfern, bei dem er leicht verletzt wurde, beendete zunächst seine Zeit im Kaukasus und ließ ihn die Recherchen für den 2006 erschienenen Roman Die Wohlgesinnten aufnehmen. Der Georgetown-Professor Charles King, wie Littell Jahrgang 1967, bewies bereits mit zwei historischen Abhandlungen (The Moldovans: Romania, Russia and the Politics of Culture", Hoover Institution Press 2000; „The Black Sea: A History", Oxford University Press 2004) ein erzählerisches Talent, das an deutschsprachigen Universitäten üblicherweise selten zu finden ist.
Mit The Ghost of Freedom. A History of the Caucasus, einem Durchmarsch von Shah Abbas (1587- 1629), dem persischen Herrscher, der den Großteil der georgischen Königreiche und muslimischen Khanate kontrollierte, bis Michail Saakaschwilis Wahl zum georgischen Präsidenten vor fünf Jahren, dem Abschluss der „Rosenrevolution", ist ihm ein Standardwerk gelungen.Wendell Steavenson schließlich, die in den 90er-Jahren als freie Journalistin in Tiflis lebte, zeichnet das Porträt eines georgischen Staatschefs, der sich während und nach der Kriegstage geradezu manisch durch die Nachrichtensender der Welt talkt („‚Sein Mund ist wie ein Maschinengewehr‘, sagte mir einer seiner Berater.") und an die USA klammert, auch wenn Washington ihm nicht zu Hilfe kam.

Steavenson schließt ihre Geschichte mit einer Enormität, einer Äußerung Saakaschwilis, die er sich keinesfalls gegenüber seinen Landsleuten erlaubt hätte und die bisher unbeachtet geblieben ist. „Saakaschwili dachte nicht wirklich, dass er der Verlierer des Kriegs in diesem Sommer war", schreibt sie und zitiert dann aus dem Gespräch mit dem Präsidenten: „Wenn wir gedacht hätten, dass Sieg nur bedeutet hätte, Zchinwali einzunehmen (die südossetische Provinzhauptstadt, Anm.) - das hat mir sowieso nicht viel bedeutet. Wozu weitere 100 georgische Städte bekommen, die man verwalten muss? Na was schon? Das sind zwei georgische Distrikte. (Abchasien und Südossetien, Anm.) Das ist kein Rückschlag. Wir stehen in einem Kampf, und das ist eine Kampfposition."

Die Russen müsse man loswerden, sagt Saakaschwili, das ist der eigentliche Punkt. Es geht wieder einmal um die Freiheit - die stilisierte und die wirkliche, um deren willen die Kaukasier auch die Verrücktheit eines Kriegs unternehmen. Und keinesfalls um eine westliche, bürgerliche Freiheit, die in gesetzliche Regelwerke eingebettet ist. Dieser „Geist der Freiheit", der den Kaukasus seit Jahrhunderten heimsucht, ist das zentrale Erklärstück, das Charles King für die Geschichte dieser Weltgegend präsentiert. Er hat den Kaukasus vor allem in den letzten 20 Jahren zu einem „Inbegriff der Sinnlosigkeit" gemacht, wo - wie King erinnert - politisch Verantwortliche ohne Skrupel Zivilisten bombardieren lassen und Terroristen Schulkinder als Geiseln nehmen.

Die Freiheit im Kaukasus ist eine Schimäre und zugleich ein realer Wert, der mit Füßen getreten wird. Es gab eine Zeit, als junge Russen aus Petersburg oder Moskau in den Kaukasus flüchteten, hoffnungslos romantisiert durch Puschkins Gedichte, die sie gelesen hatten, und auf der Suche nach Grenzenlosigkeit. Junge Deutsche, Polen, Franzosen, Amerikaner haben sie mittlerweile abgelöst. Das Irrationale, die Litanei der Gegensätze im Kaukasus besticht immer noch: Wildheit und Gravität, West gegen Ost, Europa und Asien in einem, Muslime und Christen, Zivilisation und Barbarentum, Putins Russland gegen die neuen unabhängigen Staaten.

Die Sache der Freiheit war allerdings schon immer eine wohlfeile Erklärung für die politisch Herrschenden im Kaukasus. Die Georgier nehmen ihrem Präsidenten die Behauptung vom unabwendbaren Krieg in Südossetien nicht ab. Das Fanal der „Rosenrevolution" ist erloschen, das Versprechen einer demokratischen Wende im Südkaukasus, angeführt von den Georgiern, bei den Nachbarvölkern, den Aserbaidschanern und Armeniern, endgültig durchgefallen. Littell berichtet in seinem „Georgischen Reisetagebuch", einer ausgearbeiteten Fassung einer Reportage, über diesen Sommer der Dummheit. In einem verlassenen georgischen Dorf in Südossetien notiert er: „Auf den Höfen, wo ausgehungerte Hühner und Kühe herumirren, biegen sich die Obstbäume unter der Last ihrer Früchte - ich beiße hinein, voller Bitterkeit über so viele vernichtete, sinnlos zugrundegerichtete Leben."

Der französischen Tageszeitung
Le Monde, die den Schriftsteller zu der Reise nach Georgien einlud, muss man wohl dankbar für die Wahl sein. Anders als Bernard Henri Lévy, der Modephilosoph mit dem offenen Hemd, den Le Monde sonst gern für eine lange Reportage in Krisengebiete schickt, kommt Littell ohne Pathos und Moral aus. Er beobachtet, schreibt, kann am Ende keine alles regelnde Erklärung finden. Allenfalls in dieser handwerklichen Fertigkeit lässt sich der Autor der „Wohlgesinnten" wiedererkennen. Es gibt keinen fiktiven Obersturmbannführer Dr. Max Aue, der die Schauplätze des Terrors inspiziert, nur zwei Seiten, zwei Kriegsparteien, deren konkrete Verantwortlichkeit offenbleibt.

Dass die kleine Schar der Kaukasus-Politikwissenschafter derzeit alt aussieht, weil sie nicht mit der Verrücktheit der Georgier rechnete, tut ihrer Arbeit keinen Abbruch. Knapp 15 Jahre lang, seit dem Ende der ersten Kriege im Südkaukasus um Berg-Karabach, Abchasien und Südossetien, haben sie ausgefeilte Modelle zur Konfliktlösung vorgelegt, die EU für ihr zögerliches Engagement kritisiert - die drei Länder des Südkaukasus wurden erst 2004 Teil der „Nachbarschaftspolitik" - und auf die wachsende Rivalität in der Region zwischen Russland und den USA hingewiesen. Nur einen Artillerieangriff der Georgier auf Zchinwali, der die geostrategische Karte umkehrt, haben sie nicht einkalkuliert.

Zwei größere wissenschaftliche Publikationen sind in Österreich zum Thema erschienen - die eine, Security Identity and the Southern Caucasus, ist das Ergebnis eines zwei Jahre dauernden Stu_dienprojekts von Politologen aus Aserbaidschan, Georgien, Italien und Österreich; der andere, vom Internationalen Institut für liberale Politik herausgegebene Sammelband, Die Sezessionskonflikte in Georgien, ist nach dem Augustkrieg noch rasch aktualisiert worden. Seine Aussage wird den Russen nicht gefallen: Die EU, Modell einer neuartigen kollektiven Sicherheitsregierung, wird nach dem Krieg stärker denn je im Kaukasus Verantwortung übernehmen. (DER STANDARD, Album, 14./15.2. 2009, Markus Bernath)

* Jonathan Littell, „Georgisches Reisetagebuch" € 5,- / 60 Seiten. Berlin-Verlag, Berlin 2008
* Charles King, „The Ghost of Freedom. A History of the Caucasus". € 26,00 / 290 Seiten. Oxford University Press, Oxford, New York 2008
* Erich Reiter (Hg.), „Die Sezessionskonflikte in Georgien", € 39.90 / 330 Seiten, Böhlau-Verlag, Wien Köln 2008
* Michael Geistlinger, Francesca Longo et alii, „Security Identity and the Southern Caucasus. The Role of the EU, the US and Russia", _€ 38,80 / 260 Seiten. neuer wissenschaftlicher verlag (nwv), Wien 2008

mehr zu Georgien in derstandard.at >>>


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Tuesday, February 17, 2009

BUCH: Georgisches Reisetagebuch (baltische-rundschau.eu).

By BR on November 24, 2008 - Rezension von Michael Stürmer

Nüchternheit - so kann man das Verfahren beschreiben, mit dem Jonathan Littell die kleinen und großen Desaster im Kaukasus während des August-Krieges schildert.

Krieg bringt Dinge ans Licht, die sonst verborgen bleiben. Das gilt ganz besonders für den Fünftagekrieg in den südlichen Vorbergen des Kaukasus. Das ist keine Gegend, die von Engeln bewohnt wird, sondern ein zweiter Balkan, von dem man besser Sicherheitsabstand wahrt. Die Russen haben den Verlust des imperialen Vorlandes, das ihnen 300 Jahre lang ein Glacis gab und - nebenbei bemerkt - auch einige ihrer schlimmsten Henker wie Stalin und Berija - noch lange nicht verkraftet. Die Amerikaner sprechen mit Unschuldsmiene von der Förderung der Demokratie, die dort noch nie zuhause war, und vergessen dabei nicht Öl und Erdgas Zentralasiens, das nicht über Russland, nicht über Iran, sondern durch den schmalen Korridor, zu dem Georgien gehört, das Mittelmeer erreichen soll.

Jonathan Littell, Franzose mit englischem Namen, weil amerikanischer Abkunft, wurde bekannt durch seinen Bestseller “Die Wohlgesinnten”. Das ist der fiktive Lebensbericht eines hohen SS-Offiziers, der ein Insider-Bild der Verfolgung und Vernichtung der Juden durch das NS-Regime zeichnet. Es ist ein moralisch reflektierender Roman.

Was Littell jetzt vorlegt, ist ein Reisebericht, eine Reportage, zuerst erschienen in der französischen Tageszeitung “Le Monde” Anfang Oktober des Jahres und nunmehr in erweiterter Fassung als Buch in deutscher Übersetzung vorliegend. Der schmale Band hat zwei Teile, der erste ist eine Chronik vieler, doch selten übereinstimmender Zeugenaussagen von allen beteiligten Seiten: Georgier, Osseten, Russen, Amerikaner, der französische Botschafter in Tiflis. Der zweite Teil ist die Reportage von einer Journalistenreise, bei der der Autor sich als kluger Beobachter nicht nur des großen Bildes erweist, sondern auch des sprechenden, aussagestarken Details, der kleinen Leute, die mit Haus und Hof in Flammen oder geplündert die Zeche für den nationalistischen Wahn des Michail Saakaschwili bezahlen. Humane Nüchternheit - so kann man die Haltung des Autors angesichts der vielen kleinen und großen Desaster beschreiben.

Anders als in der russischen und der amerikanischen Fassung des Dramas gibt es in dem Geschehen indes nicht Gute und Böse, nicht Schwarz und Weiß. Aber es gibt Täter und Opfer, und manchmal ist es nur eine Frage des Datums, wann die Rollen getauscht werden.

Doch hat Littell nicht nur mit den kleinen Leuten gesprochen. Er zitiert den Außenminister der Provinz Abchasien, der sagt, die Ansprüche Georgiens auf das Gebiet seien “ein Atavismus der Stalinzeit”. Dann fügt der Minister mit Blick auf Russland hinzu: “Natürlich laufen wir Gefahr, als bloße Kolonie zu enden… Aber wenn wir nur zwischen Georgien und Russland wählen können, dann entscheiden wir uns für Russland.” Die Abchasen sind weder Russen noch Georgier, sondern aus Zeiten der großen Völkerwanderungen am Ostufer des Schwarzen Meeres hängen geblieben. Ihre Zugehörigkeit zu Georgien verdanken sie einer Laune Stalins, und der Zerfall der Sowjetunion 1991 ließ keine Zeit, die kleinen Völkerschaften des Kaukasus neu zu sortieren. Die Erbfolgestreitigkeiten des russischen Riesenreiches sind noch lange nicht zu Ende: Was im August und seitdem am Südrand des Kaukasus-Gebirges geschah, muss Warnung sein, was alles noch kommen kann. Ukraine und speziell die Halbinsel Krim werden in Moskau mit Ingrimm erwähnt, in Washington und Nato-Brüssel aber mit gefährlicher Vorerbschaftsfreude. Die Russen sind wieder zurück als Großmacht, und die roten Linien, die sie am Kaukasus gezogen haben, beziehen sich auch auf andere verlorene Teile dessen, was sie als nahes Ausland, Interessensphäre, ja als Fleisch von ihrem Fleisch ansehen.

Russland hat im Alleingang Süd-Ossetien und Abchasien anerkannt und seinen Truppen Botschafter nachgeschickt. Littell zitiert auch den russischen Außenminister Lawrow mit den Worten, die Welt könne “alles Gerede über die territoriale Integrität Georgiens vergessen”. Putin fügte in seiner unnachahmlichen Art die rhetorische Frage hinzu: “Glauben Sie denn, wir hätten den blutigen Rotz einfach abwischen und den Schwanz einziehen sollen?” Auch Putin und Medwedew haben eine Innenpolitik und politische Kräfte, die sie bedienen müssen. Nach der Verselbständigung des Kosovo fanden die Russen, ganz im Stil des 19. Jahrhunderts, es sei an anderer Stelle Kompensation fällig. Der kleine katastrophale Krieg des Michail Saakaschwili gab ihnen die lange erwartete Gelegenheit.

Was aber Georgien anlangt, so gibt es, das ist die Bilanz Littells, keine Gewinner. Die georgische Führung nicht, der Westen nicht, aber Russland auch nicht: Denn jene staatliche Selbständigkeit, die Moskau den Abchasen und Südosseten geschenkt hat, ist genau das, was die Völkerschaften des nördlichen Kaukasus seit vielen Generationen erstreben und was sie immer wieder vergeblich zu erkämpfen suchten. Die blutige Geschichte des Kaukasus ist noch lange nicht zu Ende.

Littell lässt zu Anfang des schmalen Bandes erkennen, wo er Anlässe und Ursachen sieht, und er spricht dabei dem starken Mann von Tiflis die Hauptschuld zu. Am Ende zitiert er einen französischen Georgien-Experten mit dem Wort: “Die Georgier müssen ihre zwanghafte Fixierung auf die abtrünnigen Republiken für mindestens zehn oder fünfzehn Jahre vergessen. Stattdessen sollten sie sich auf die Entwicklung ihres Landes konzentrieren - ihrer Wirtschaft, ihrer Institutionen, ihrer Demokratie. Die Zeit vergeht, und sie werden alles verlieren, woran ihnen liegt, wenn sie so weitermachen”.

Ein knappes, kluges Buch über eine kleine Krise, die sich als Weltkrise erwiesen hat und Wendepunkt werden kann zum Besseren oder zum Schlechteren. Man möchte hoffen, dass die politisch Verantwortlichen in Berlin, Brüssel und Washington die Zeit finden, darin zu lesen.

Jonathan Littell: Georgisches Reisetagebuch.
Aus dem Französischen von Hainer Kober. Berlin, Berlin. 55 S., 9 Euro.

Quelle:
Baltische Rundschau

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