Showing posts with label Markus Bernath. Show all posts
Showing posts with label Markus Bernath. Show all posts

Friday, November 29, 2013

ASERBAIDSCHAN: Bakus schwarze Liste. Von Markus Bernath (derstandard.at)

(derstandard.at) Massentouristen weghören: Eine Reise nach Karabach kann unerwünschte Risiken und Nebenwirkungen haben – lebenslang Einreiseverbot für die Öl- und Gasrepublik Aserbaidschan.

Ausradiert: Ein Wegweiser aus Sowjetzeiten am Ausgang von Berg-Karabach. Die Straßenverbindungen von Baku, Lenkaran und Gence in Aserbaidschan nach Armenien sind während des Kriegs in den 1990er-Jahren ausgetilgt worden.Was haben Ewald Stadler, die Sopranistin Montserrat Caballe und meine Wenigkeit gemeinsam? Ein Bummerl auf der Liste des aserbaidschanischen Außenministeriums.

Sozusagen aus gegebenem Anlass, in Fortbetrachtung des jüngsten Treffens der Präsidenten Armeniens und Aserbaidschans in der Wiener Hofburg, wo beide Herren über die Lösung des Karabachkonflikts meditierten, wollen wir den Blick auf die Eigentümlichkeiten einer Reise in diese doch recht entlegene, wenn auch landschaftlich ausnehmend reizvolle Berggegend im Kaukasus lenken.

Die Fahrt in die international (und auch von Armenien) nicht anerkannte Republik Berg-Karabach wird im allgemeinen mit dem Automobil zurückgelegt und erfordert ein Visum der Karabachisten in Eriwan sowie einen leidlich festen Magen für sieben holprige Stunden. Durch den Korridor von Lartschin – ein Streitpunkt bei einem hypothetischen phasenweisen Rückzug der armenischen Truppen aus den besetzten aserbaidschanischen Gebieten – gelangt man am leichtesten nach Stepanakert/Hankendi, der Hauptstadt, wiewohl Freunde des Off-Road und zeitlich flexibleren Kalenders auch andere Routen bevorzugen mögen. Und wer dann zurückkehrt und ein im weitesten Sinne geschäftliches Interesse mit seinem Besuch beim Volk von Berg-Karabach verfolgt hat, landet auf einer schwarzen Liste in Baku. Weil: „illegal in aserbaidschanisches Territorium gereist“.

Das ist allerdings Auslegungssache, denn ein „legaler Übertritt“ lässt sich in Ermangelung einer übertretbaren Grenze seit dem Waffenstillstand zwischen Aserbaidschan und Armenien 1994 nicht bewerkstelligen. Zur Waffenstillstandslinie im Süden Aserbaidschans, an der regelmäßig geschossen wird, können nur Beobachter der OSZE reisen; eine Einreise ist dort nicht möglich.

Baku hat im August dieses Jahres erstmals eine Liste der wegen einer Karabach-Reise unerwünschten Personen veröffentlicht. Unter diesen 331 Namen findet sich eine Reihe von Parlamentsabgeordneten, etwa aus Frankreich, Australien und Russland. Sie haben in der Regel Wahlen in der armenischen Enklave beobachtet und sind deshalb mit einem Einreiseverbot nach Aserbaidschan belegt. Das betrifft in ihren Ländern relativ bekannte Politiker wie den langjährigen deutschen CDU-Abgeordneten Wolfgang Börnsen, den französischen Senator Bernard Fournier oder EU-Parlamentarier, die u.a. mit Armenien befasst sind, wie der Rechtspopulist Ewald Stadler. Wichtige Kaukasusexperten wie Uwe Halbach von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin sind ebenso „persona non grata“ wie ein Dutzend Studenten der Johns-Hopkins-Universität in Washington, die eine Reise ins Krisengebiet taten zu – richtig – Studienzwecken, Bernard Snow, der frühere Koordinator der Wirtschafts- und Umweltangelegenheiten der OSZE, oder gar Peter Semneby, von 2006 bis 2011 EU-Sonderbeauftragter für den Südkaukasus.

Ausländische Künstler mit Einreiseverbot nach dem „Karabach-Sündenfall“ gibt es mittlerweile einige – und ebenso Journalisten: die Russland-Korrespondenten von ORF und FAZ, Markus Müller und Michael Ludwig, stehen auf der Liste, viele russische, einige italienische Journalisten – ich halte derzeit Platz 156, denn die Liste wächst. Diskutieren ist sinnlos, Botschaft und Außenministerium hören keine Argumente an: Ein Zeitungsbericht stellt keine völkerrechtliche Anerkennung von Berg-Karabach dar, Redaktionen sprechen kein internationales Recht. Wer über einen Separatistenkonflikt schreibt – noch dazu über einen, der mittelfristig in einen neuerlichen Krieg münden könnte –, sollte besser auch einmal selbst vor Ort gewesen sein, die Topographie gesehen und zumindest mit Entscheidungsträgern gesprochen haben.

Bakus schwarze Liste ist, so wird bald klar, eine Zensurveranstaltung. Berg-Karabach soll so wenig Öffentlichkeit wie möglich bekommen. Erlösung von der Liste und Reinwaschung des Namens sind theoretisch möglich durch öffentliche Selbstkritik und nachfolgend „some good reporting“, wie es ein aserbaidschanischer Botschafter formulierte. Yes. This is what I always try to do. Hier ist meine Karabach-Geschichte im Standard vom Oktober 2006. (Markus Bernath, derStandard.at, 27.11.2013)

Sunday, November 10, 2013

ARMENIEN: Aufgerieben zwischen Putin und Ashton. Von Markus Bernath aus Eriwan (derstandard.at)

(derstandard.at) Armenien bezahlt als erster Staat für den neuen Ost-West-Konflikt: Brüssel manövrierte die Kaukasusrepublik in eine Position, in der sie zwischen der EU und Sicherheit durch Russland wählen musste.
 
Zum Greifen nah, aber doch unerreichbar: Ähnlich wie der Ararat ist auch die EU für Armenien dahin.
foto: markus bernath
Im Entwurf steht jetzt eine Lücke. Drei Wochen vor dem Gipfeltreffen in Vilnius weiß die EU nicht, was sie mit Armenien anfangen soll. "Ich verstehe sie nicht", sagt Arsen Ghasarjan, der Großunternehmer, über die Leute in der EU-Kommission. "Ganz Europa braucht den russischen Markt. Ich auch. Welchen Sinn macht es, Russland anzugreifen? Man kann nicht über verstärkte Integration reden und die Worte des Kalten Kriegs benutzen."
Arsen Ghasarjan ist sauer auf Brüssel, und Brüssel ist verstört über die Armenier und das diplomatische Debakel. Vier Jahre haben die Kommission und die EU-Außenpolitikbeauftragte Catherine Ashton mit der kleinen Kaukasusrepublik über ein Assoziierungsabkommen und den Beitritt zu einer Freihandelszone verhandelt. Im Sommer war alles unter Dach und Fach. Dann kam Wladimir Putin. Der russische Präsident lud Armenien in die neue Zollunion von Ex-Sowjetstaaten ein. Armeniens Präsident sagte Ja. Er hatte keine Wahl. Brüssel hätte es wissen müssen.

Der fatale Punkt

"Wir haben unseren EU-Partnern immer gesagt, dass es Armeniens Anliegen ist, seine Beziehungen mit der EU zu entwickeln, jedoch niemals auf Kosten seiner strategischen Partnerschaft mit Russland", sagt Samuel Farmanjan, der die armenische Delegation in der gemeinsamen Kommission des EU-Parlaments leitet. "Wenn wir an den Punkt kommen, an dem wir eine Wahl treffen müssen, hat Armenien keine andere Option, als seine Sicherheit zu wählen."
Die russische Zollunion ist unvereinbar mit einem Beitritt zu einer Freihandelszone der EU, so hat die Außenpolitikbeauftragte Ashton schon während der Verhandlungen gewarnt. Für Brüssel ist Armenien nur ein kleiner Markt von drei Millionen Menschen, eingeklemmt zwischen der Türkei und Aserbaidschan, zwei feindseligen Nachbarn, die ihre Grenzen geschlossen halten. Der politische Schaden aber scheint nun enorm. Es geht um Brüssel gegen Moskau, um großzügige Ideen gegen harte Machtpolitik. Die EU hat die "Ostpartnerschaft", 1000 Seiten lange Assoziationsabkommen, mit denen Armenien, Georgien, Moldau oder die Ukraine näher an die Union gebracht werden sollen. Russland aber hat das Gas und die Soldaten.
In Gyumri, Armeniens zweitgrößter Stadt, liegt die 102. Basis der russischen Armee, das größte Kontingent im Südkaukasus. Für die Armenier sind die russischen Soldaten ein psychologischer Puffer zum Nachbarn Türkei und eine Art Versicherung für den Fall, dass Aserbaidschan einen Krieg beginnt; Moskau - so die Hoffnung - wird wohl bei einem Konflikt um die Enklave Berg-Karabach einschreiten. Nichts, was die Europäer tun würden. Der Kaukasuskrieg 2008 war den Armeniern eine Lehre. Als Russland in Georgien einmarschierte, sah die EU erst zu und schrieb dann einen Friedensplan auf, an den sich Moskau bis heute nicht hält.
"Wenn Armenien in den zurückliegenden Jahren nur irgendeine Sicherheitsgarantie von der EU oder den USA erhalten hätte, wäre die Lage jetzt vielleicht anders", sagt eine Armenierin, die aus der Diaspora im Westen stammt und nun in Eriwan arbeitet. "Seien wir ehrlich: Die EU hat sich nie um die Karabach-Frage gekümmert", sagt Naira Sohrabjan, die Vorsitzende des Ausschusses für EU-Integration im armenischen Parlament.
Sohrabjan, eine führende Politikerin der unternehmerorientierten früheren Regierungspartei Wohlhabendes Armenien, ist frustriert. "Ich habe den Eindruck, dass einige in Brüssel nicht richtig kalkuliert haben." Armenien hätte nie in eine Position gedrängt werden sollen, in der es sich zwischen Europa und Russland entscheiden muss.
Farmanjan, ein aufsteigender Politiker der regierenden Republikanischen Partei, sieht ein anderes Versäumnis der EU. Diese hätte Druck auf Ankara machen müssen, damit die 2009 geschlossenen Normalisierungsabkommen mit Armenien auch ratifiziert und umgesetzt würden: "Hätte die Türkei die Grenzen geöffnet, hätte dies die gesamte Geopolitik und den Integrationsprozess in der Region geändert." Aus Solidarität mit Aserbaidschan hatte die Türkei während des Karabachkriegs vor 20 Jahren die Grenze nach Armenien geschlossen.
Die Stimmung in Eriwan ist dieser Tage gedrückt. "Es schmerzt mich, dass unsere Kooperation mit der EU geschwächt ist", sagt Naira Sohrabjan: "Unser Platz ist in der europäischen Familie." Putins Zollunion aber, der derzeit neben Russland nur Weißrussland und Kasachstan angehören, bedeutet für viele Politiker und NGO-Vertreter in Eriwan Stagnation, kein Modell für die weitere Demokratisierung Armeniens.
Einige behaupten tapfer das Gegenteil. "Unsere Produkte werden billiger" , glaubt Hermine Naghdaljan, Vizepräsidentin des armenischen Parlaments. Die Hälfte der armenischen Wirtschaft hänge ja von Russland ab. Das Bild ist differenzierter: Über ein Drittel der Exporte gehen in die EU, ein Fünftel nach Russland.
Arsen Ghasarjan, Chef des größten Frachtunternehmens in Armenien und Präsident eines Industriellenverbands, kritisiert die Frontstellung der EU gegen die Zollunion. "Weshalb zieht man Mauern hoch zwischen diesen beiden Zonen? Wirtschaftlich macht es keinen Sinn. Politisch vielleicht für einige Leute in Brüssel." Was für Armenien gelte, sei ebenso richtig für die viel größere Ukraine, sagt Ghasarjan: Die Abhängigkeit vom russischen Markt sei eine Tatsache. "Wenn die Ukraine allein der EU-Freihandelszone angehört, kann man sich leicht ausrechnen, dass in einem Jahr die Hälfte ihrer Wirtschaft zusammengebrochen ist. In der EU-Kommission wird dann dafür niemand die Verantwortung übernehmen."

Kampf um die Ukraine

Der "Kampf um die Ukraine", so heißt es in Eriwan, ist das eigentliche Thema des neuen Ost-West-Konflikts. Armenien hat nur als Erster dafür bezahlt. Wie es nun weitergehen soll? "Die Tür zur EU ist zu, aber sie ist nicht verriegelt", glaubt Samuel Farmanjan. Er sieht Spielraum für ein abgespecktes Abkommen zwischen der EU und Armenien beim Gipfel in Vilnius Ende des Monats. Ähnlich vage Hoffnungen verbreitet auch die Brüsseler Kommission. (Markus Bernath aus Eriwan, DER STANDARD, 6.11.2013)

Friday, October 25, 2013

POLITIK: Ein Plastilin-Mann soll die Georgier führen. Von Markus Bernath aus Tiflis, 24. Oktober 2013 (derstandard.at)

(derstandard.at) "Alles oder nichts" ist die Devise, die Georgiens Milliardär-Premier Iwanischwili für die Präsidentenwahlen am Sonntag ausgegeben hat: Sein Kandidat muss im ersten Anlauf gewinnen, oder er tritt gar nicht mehr an

Rosenrevolution frisst Präsident: Georgien wählt einen Nachfolger für Präsident Saakaschwili.
foto: ap/aivazov, reuters
Rosenrevolution frisst Präsident: Georgien 
wählt einen Nachfolger für Präsident Saakaschwili.
Er hatte nur eine Frage bekommen und hat die gestellt, die keiner zu stellen wagte: Wie das war, damals in Frankreich, wollte Lascha Berulawa vom Regierungschef wissen, 1991, als Bidsina Iwanischwili in Paris eine Russin heiratete, obwohl er in Georgien doch noch eine Ehefrau gehabt habe. Mehr hat es nicht gebraucht.

"Ich habe nie etwas Unrechtes getan!", brüllte Georgiens Premier vergangene Woche unentwegt bei einem live gesendeten Pressegespräch in Tiflis. Dann kam der Zeigefinger, den Iwanischwili erhebt und mit dem er zustößt, wenn er Journalisten, seine Minister oder Sachverständige belehrt. "Ihre Frage ist unethisch!", herrschte der Premier den Journalisten an.

Macht im Hintergrund

Kritik und unbequeme Fragen sind nichts, was der Milliardär und Geschäftsmann dulden würde. Jetzt schickt sich Iwanischwili an, sein Haus zu bestellen. Gleich nach dem Sieg seines Kandidaten bei den Präsidentenwahlen am Sonntag werde er auch einen Nachfolger als Regierungschef benennen, so kündigte Iwanischwili an. Nach nur einem Jahr im Amt will sich der reichste Mann des Landes zurückziehen. Um fortan aus dem Hintergrund die Fäden in der Kaukasusrepublik zu ziehen, so glauben die Georgier.

Iwanischwili weist den Vorwurf von sich. Doch nur darum geht es bei diesen Wahlen, zehn Jahre nach der Rosenrevolution, die Georgien, die frühere Sowjetrepublik, in den Westen geführt hat.

Lascha Berulawa ist jetzt noch amüsiert, wenn er an seine Frage an Iwanischwili denkt. "Er hat gar nicht zugehört. Er hat nur 'Frankreich' und 'Inga Pawlowa' gehört, dann war es aus." Pawlowa, eine Dame mit französischer Staatsbürgerschaft, will erst 2011 von der Scheidung erfahren haben. Es wäre keine Lappalie - rechtlich nicht, und moralisch schon gar nicht in der konservativen georgischen Gesellschaft. 


Iwanischwili sei aus geschäftlichen Gründen die Ehe eingegangen, so wird behauptet. Und Georgi Margwelaschwili, der Uni-Dozent, der nun Präsident werden soll, wäre - so gesehen - auch nur eine weitere Management-Idee. Den "Plastilin-Mann" nennt man ihn.

"Er formt sich"

... und Georgi Margwelaschwili.
Die Favorriten sind Georgi Margwelaschwili.
Über den Straßen in Tiflis hängt sein blaues Plakat. Margwelaschwili spricht zu einer Menge mit dem erhobenen Iwanischwili-Zeigefinger; es sieht ein bisschen aus, als hätte ihn jemand auf das Podest geschoben. "Iwanischwili wirft ihn an die Wand, und er formt sich, wie er soll", höhnte ein Politiker der Vereinten Nationalen Bewegung (UNM) des noch wenige Tage amtierenden Staatspräsidenten Michail Saakaschwili.

Ein erstes Mal, nach dem Sieg bei den Parlamentswahlen vor einem Jahr, hat der Milliardär Iwanischwili seinen "Plastilin-Mann" an die Wand geworfen, und heraus kam ein Bildungsminister; beim zweiten Mal wurde es ein Präsidentenkandidat. Seinen Dozentenbart hat sich Giorgi Margwelaschwili dann abrasiert. Aggressiv sei er geworden, wundern sich Bekannte, wie aufgepumpt durch die Macht und das Geld, die hinter ihm stehen. "Machen Sie mal Pause oder ich verabreiche Ihnen eine Pause", blaffte er einen anderen Präsidentenkandidaten bei einer Fernsehrunde an. 


Die Favoriten sind David Bakradse...
foto: reuters/david mdzinarishvili
... und David Bakradse.
Einen zweiten Wahlgang werde es gar nicht erst geben, erklärte Premier Iwanischwili bereits. Sein Kandidat muss in der ersten Runde am Sonntag gewinnen oder er tritt nicht mehr an. Margwelaschwili sieht das ganz genau so. In letzter Konsequenz würde das bedeuten, dass der Zweitplatzierte neuer Präsident wird. Umfragen zufolge wäre das David Bakradse, ein Vertrauter Saakaschwilis und ein früherer Parlamentspräsident. "Lasst uns gemeinsam die Regierung kontrollieren", heißt sein Slogan.

Die Georgier sehen das alles mit gemischten Gefühlen. "Er ist nicht perfekt, aber wer ist das schon?", sagt eine Studentin über Margwelaschwili, den Philosophen und Journalismusdozenten: "Der Wandel muss weitergehen."

Klima scheint freier

Die Kohabitation zwischen Premier und Präsident war konfliktreich. Gegen viele von Saakaschwilis Gefolgsleuten laufen Verfahren, doch das Klima im Land scheint mit einem Mal freier. "Ich habe nicht mehr das Gefühl, abgehört zu werden, wenn ich am Telefon spreche", sagt Nino Tsagareischwili, Kodirektorin der Bürgerrechts-NGO HRIDC in Tiflis. Saakaschwilis enorme PR-Maschine steht still, weil der Premier dem Präsidenten das Geld abgedreht hat. "Er ist eine politische Leiche", sagt Iwanischwili. (Markus Bernath, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

Monday, October 01, 2012

INTERVIEW: "Es ist das Ende der Ära Saakaschwili" - Mit Ghia Nodia sprach Markus Bernath (derstandard.at)

(derstandard.at) Wegen der Verfassungsänderung haben Georgiens Parlamentswahlen große Bedeutung, erklärt der Politikprofessor Ghia Nodia

Die Kaukasusrepublik gibt 2013 das Präsidialsystem auf. Mit Nodia sprach Markus Bernath. 

Ghia Nodia (58) ist Politikwissenschafter und Direktor der 

Internationalen Schule für Kaukasusstudien an der staatlichen 

Ilia-Universität in Tiflis. 2008 war er ein Jahr lang Bildungsminister.
foto: standard/bernath
(Ghia Nodia (58) ist Politikwissenschafter und Direktor der Internationalen Schule für Kaukasusstudien an der staatlichen Ilia-Universität in Tiflis. 2008 war er ein Jahr lang Bildungsminister.)

STANDARD: Georgien kommt nie wirklich zu Ruhe. 2007 sollte Staatschef Saakaschwili mit Straßenprotesten gestürzt werden, 2008 war der Krieg mit Russland, jetzt ist ein Oligarch aufgetaucht, der sich eine Parteienkoalition gekauft hat und Präsident und Regierung bei den Parlamentswahlen herausfordert. Was ist los mit diesem Land?

Nodia: Wir haben kein stabiles Parteiensystem, keine stabile Zivilgesellschaft, aber wir sind gleichzeitig eine recht offene Gesellschaft. Sie können den Präsidenten und die Regierung kritisieren, es gibt freie Medien, aber weil die Stabilität fehlt, kommt es immer wieder zu Mobilisierungen ohne Ergebnisse. Die politische Kultur des "alles oder nichts" tut ihr Übriges: Schafft die Opposition es nicht, durch Wahlen an die Macht zu kommen, ist sie enttäuscht und organisiert Proteste.

STANDARD: Was bedeuten diese Parlamentswahlen nun für Georgien?

Nodia: Diese Wahlen sind aus zwei Gründen wichtig. Einmal wegen der Verfassungsänderung, die in Kraft tritt und Georgien von einem präsidialen zu einem parlamentarischen System machen wird. Das Parlament, das nun gewählt wird, hat also eine viel größere Bedeutung. Zweitens endet nächstes Jahr die Amtszeit von Präsident Saakaschwili. Wir wissen nicht genau, was danach geschieht. Ob Saakaschwili dann Premierminister wird oder ob der derzeitige Regierungschef Vano Merabischwili, wie er selbst gesagt hat, vier Jahre im Amt bleiben wird. Aber so oder so ist es das Ende der Ära Saakaschwili. Diese Wahlen legen fest, was nach Saakaschwili kommt.

STANDARD: Welche Chancen haben Bidsina Iwanischwili und seine Koalition?

Nodia: Die Umfragen hatten vorausgesagt, dass Iwanischwilis Koalition verliert, aber im neuen Parlament einen stärkeren Platz als die heutige Opposition einnehmen wird. Das war vor dem Skandal um die Folter in den Gefängnissen. Jetzt ist es sehr schwierig, Prognosen abzugeben. Mein Gefühl sagt mir, dass Saakaschwilis Partei der Nationalen Bewegung immer noch gewinnen wird, aber mit einem sehr viel kleineren Vorsprung. Die große Sorge ist, was nach den Wahlen passiert. Wenn Iwanischwili verliert - so die allgemeine Erwartung -, wird er das Ergebnis nicht akzeptieren. Dann gibt es wieder Straßenproteste.

STANDARD: Welchen Einfluss nimmt Russland auf diese Wahlen?

Nodia: Die Beobachtermission der EU hat eine Konzentrierung russischer Truppen an den georgischen Grenzen festgestellt. Einige russische Regierungsvertreter haben wegen des Folterskandals auch Kommentare über die Menschenrechtslage in Georgien abgegeben. Natürlich gibt es die Furcht, dass Russland im Fall größerer Unruhen nach den Wahlen hier wieder eingreift.

STANDARD: Was ist mit Iwanischwilis Verbindungen zu Moskau?

Nodia: Da sind wir im Bereich der Verschwörungstheorien. Die georgische Regierung wirft ihm das vor, aber einen Beweis gibt es nicht.

Thursday, February 19, 2009

BÜCHER: Der unfertige Rand Europas. Von Markus Bernath. (derstandard.at)

Der Kaukasus ist seit dem Krieg in Georgien wieder einmal en vogue. Reporter, Historiker und Politologen gehen dem Freiheitsvirus nach.

Natürlich sind sie verrückt. Man beginnt keinen Krieg gegen einen übermächtigen Gegner, ganz allein gegen die 52. Armee, ohne ein gerüttelt Maß an Unvernunft. Alexander Lomaia, der Sicherheitsberater des georgischen Präsidenten, sagt es selbst. „Alle denken, wir sind verrückt, weil wir uns gegen Russland, dieses große, mächtige Land auflehnen", erklärt er Jonathan Littell, dem amerikanisch-französischen Bestsellerautor, im bombardierten Gori. Aber dann gleitet alles schnell in Unsinn ab. Dann spricht Lomaia von den Opfern, die Georgien mit diesem Krieg im Sommer 2008 auf sich genommen habe, um die Welt wachzurütteln und ihr die wahre Natur der Russen zu zeigen. Dabei ist er ein durchaus ernsthafter Mensch.

Wir selbst saßen ein paar Tage, bevor dieses Gespräch geführt wurde, in einem großen Mercedes - Pridon, eine georgische Fotoreporterin und ich -, der Weg nach Gori war noch nicht frei, weil die russische Kommandantur es so entschieden hatte. Wir besuchten stattdessen ein Flüchtlingslager in der Nähe des Flughafens von Tiflis. Auf dem Rückweg spielte Pridon - Radiotechniker, Filmemacher, Webseitendesigner und an manchen Tagen Chauffeur - einen italienischen Schlager aus den 50er-Jahren, den er irgendwo gefunden hat: „Tu vuò fa l'americano" - „Du willst den Amerikaner spielen".

Das klingt wie eine Quittung für die Hinwendung der Georgier zu den USA. Pridon nahm -„americano, americano" - im langen Schwung die Kurven am Mtkwari-Fluss entlang, dann die breite Barataschwili-Straße hinauf und um den neuen „Freiheitsplatz" herum auf den Rustaweli-Boulevard, die Vorzeigestraße der Stadt.

Sie hätten hier sein können, die Russen, mit ihren Panzern den Asphalt zerfurchen, der extra für den Besuch von George W. Bush drei Jahre zuvor gegossen worden war. Der Waffenstillstand, den Frankreichs Präsident ausgehandelt hat, mag die Russen davon abgehalten haben, vielleicht sind sie auch nur weit weniger verrückt als die Georgier. „Du willst Amerikaner spielen", plärren die Lautsprecher, Whiskey und Soda trinken, Camel rauchen vom Taschengeld der Mamma - „ma si nato in Italy!", singen sie aus vollem Hals nach, „aber du bist in Italien geboren".

Tiflis ist gewissermaßen eine Erfindung, der ganze Kaukasus ein Fantasiegebilde. Reisende aus dem Westen oder Osten Europas, die in den vergangenen Jahrhunderten hier hergekommen waren, haben sich in die Tasche gelogen. Und die heute 15 Millionen Menschen, die zwischen dem kleinen und dem großen Kaukasusgebirge leben, haben sich immer etwas vorgemacht, erst recht, seit sie nach dem Ende der Sowjetunion in drei unabhängig gewordenen Staaten leben - Georgien, Armenien, Aserbaidschan. „Pischite prawilno", mit dieser Aufforderung auf Russisch beginnt Jonathan Littells kleines Georgisches Reisetagebuch aus den Augusttagen nach dem Krieg zwischen Russland und Georgien. „Schreiben Sie wahrheitsgemäß, schreiben Sie, was wirklich passiert ist." Doch wie soll man das tun in einer Gegend, wo die nationalen und die staatlichen Identitäten nicht feststehen und täglich das Gefühlte die Ratio überrennt?

Der jüngste Kaukasuskrieg, der fünf Tage dauerte, von Donnerstagnacht bis Dienstagmittag, hat der Propaganda zum Trotz, die aus Tiflis und Moskau auf die Öffentlichkeit eintrommelte, einen seltenen Moment der Wahrheit beschert. Für einen Augenblick ist der Vorhang weg, die Rhetorik des Westens über die Anbindung des „Südkaukasus" entblößt, liegen die Machtverhältnisse offen. Russland dominiert, der Westen ist blamiert. Er hat nie verstanden, was an diesem Rand Europas vor sich geht.

Dem Phänomen des Kaukasus kann man sich dabei auf zwei Wegen nähern: Man kann berichten oder analysieren, die Arbeit des Reporters und Chronisten verrichten oder Theoriegebäude aufbauen und zu verstehen versuchen, wohin die politische Entwicklung des Kaukasus geht, der heute nie anders denn als „strategisch" für die Interessen der EU und der USA bezeichnet wird.Jonathan Littell, der Historiker Charles King oder auch Wendell Steavenson, die vergangenen Dezember im New Yorker ein zehnseitiges Porträt über Georgiens Präsidenten Michail Saakaschwili veröffentlichte („Marching through Georgia, December 15, 2008"), gehören zur ersten Gruppe der „Reporter".

Alle drei haben in den vergangenen Jahren immer wieder den Kaukasus bereist. Littell verbrachte einige Zeit in Tschetschenien, wo er die Vertretung von Action contre la Faim leitete, als die Machthaber noch NGOs tolerierten; ein Angriff auf einen Konvoi mit humanitären Helfern, bei dem er leicht verletzt wurde, beendete zunächst seine Zeit im Kaukasus und ließ ihn die Recherchen für den 2006 erschienenen Roman Die Wohlgesinnten aufnehmen. Der Georgetown-Professor Charles King, wie Littell Jahrgang 1967, bewies bereits mit zwei historischen Abhandlungen (The Moldovans: Romania, Russia and the Politics of Culture", Hoover Institution Press 2000; „The Black Sea: A History", Oxford University Press 2004) ein erzählerisches Talent, das an deutschsprachigen Universitäten üblicherweise selten zu finden ist.
Mit The Ghost of Freedom. A History of the Caucasus, einem Durchmarsch von Shah Abbas (1587- 1629), dem persischen Herrscher, der den Großteil der georgischen Königreiche und muslimischen Khanate kontrollierte, bis Michail Saakaschwilis Wahl zum georgischen Präsidenten vor fünf Jahren, dem Abschluss der „Rosenrevolution", ist ihm ein Standardwerk gelungen.Wendell Steavenson schließlich, die in den 90er-Jahren als freie Journalistin in Tiflis lebte, zeichnet das Porträt eines georgischen Staatschefs, der sich während und nach der Kriegstage geradezu manisch durch die Nachrichtensender der Welt talkt („‚Sein Mund ist wie ein Maschinengewehr‘, sagte mir einer seiner Berater.") und an die USA klammert, auch wenn Washington ihm nicht zu Hilfe kam.

Steavenson schließt ihre Geschichte mit einer Enormität, einer Äußerung Saakaschwilis, die er sich keinesfalls gegenüber seinen Landsleuten erlaubt hätte und die bisher unbeachtet geblieben ist. „Saakaschwili dachte nicht wirklich, dass er der Verlierer des Kriegs in diesem Sommer war", schreibt sie und zitiert dann aus dem Gespräch mit dem Präsidenten: „Wenn wir gedacht hätten, dass Sieg nur bedeutet hätte, Zchinwali einzunehmen (die südossetische Provinzhauptstadt, Anm.) - das hat mir sowieso nicht viel bedeutet. Wozu weitere 100 georgische Städte bekommen, die man verwalten muss? Na was schon? Das sind zwei georgische Distrikte. (Abchasien und Südossetien, Anm.) Das ist kein Rückschlag. Wir stehen in einem Kampf, und das ist eine Kampfposition."

Die Russen müsse man loswerden, sagt Saakaschwili, das ist der eigentliche Punkt. Es geht wieder einmal um die Freiheit - die stilisierte und die wirkliche, um deren willen die Kaukasier auch die Verrücktheit eines Kriegs unternehmen. Und keinesfalls um eine westliche, bürgerliche Freiheit, die in gesetzliche Regelwerke eingebettet ist. Dieser „Geist der Freiheit", der den Kaukasus seit Jahrhunderten heimsucht, ist das zentrale Erklärstück, das Charles King für die Geschichte dieser Weltgegend präsentiert. Er hat den Kaukasus vor allem in den letzten 20 Jahren zu einem „Inbegriff der Sinnlosigkeit" gemacht, wo - wie King erinnert - politisch Verantwortliche ohne Skrupel Zivilisten bombardieren lassen und Terroristen Schulkinder als Geiseln nehmen.

Die Freiheit im Kaukasus ist eine Schimäre und zugleich ein realer Wert, der mit Füßen getreten wird. Es gab eine Zeit, als junge Russen aus Petersburg oder Moskau in den Kaukasus flüchteten, hoffnungslos romantisiert durch Puschkins Gedichte, die sie gelesen hatten, und auf der Suche nach Grenzenlosigkeit. Junge Deutsche, Polen, Franzosen, Amerikaner haben sie mittlerweile abgelöst. Das Irrationale, die Litanei der Gegensätze im Kaukasus besticht immer noch: Wildheit und Gravität, West gegen Ost, Europa und Asien in einem, Muslime und Christen, Zivilisation und Barbarentum, Putins Russland gegen die neuen unabhängigen Staaten.

Die Sache der Freiheit war allerdings schon immer eine wohlfeile Erklärung für die politisch Herrschenden im Kaukasus. Die Georgier nehmen ihrem Präsidenten die Behauptung vom unabwendbaren Krieg in Südossetien nicht ab. Das Fanal der „Rosenrevolution" ist erloschen, das Versprechen einer demokratischen Wende im Südkaukasus, angeführt von den Georgiern, bei den Nachbarvölkern, den Aserbaidschanern und Armeniern, endgültig durchgefallen. Littell berichtet in seinem „Georgischen Reisetagebuch", einer ausgearbeiteten Fassung einer Reportage, über diesen Sommer der Dummheit. In einem verlassenen georgischen Dorf in Südossetien notiert er: „Auf den Höfen, wo ausgehungerte Hühner und Kühe herumirren, biegen sich die Obstbäume unter der Last ihrer Früchte - ich beiße hinein, voller Bitterkeit über so viele vernichtete, sinnlos zugrundegerichtete Leben."

Der französischen Tageszeitung
Le Monde, die den Schriftsteller zu der Reise nach Georgien einlud, muss man wohl dankbar für die Wahl sein. Anders als Bernard Henri Lévy, der Modephilosoph mit dem offenen Hemd, den Le Monde sonst gern für eine lange Reportage in Krisengebiete schickt, kommt Littell ohne Pathos und Moral aus. Er beobachtet, schreibt, kann am Ende keine alles regelnde Erklärung finden. Allenfalls in dieser handwerklichen Fertigkeit lässt sich der Autor der „Wohlgesinnten" wiedererkennen. Es gibt keinen fiktiven Obersturmbannführer Dr. Max Aue, der die Schauplätze des Terrors inspiziert, nur zwei Seiten, zwei Kriegsparteien, deren konkrete Verantwortlichkeit offenbleibt.

Dass die kleine Schar der Kaukasus-Politikwissenschafter derzeit alt aussieht, weil sie nicht mit der Verrücktheit der Georgier rechnete, tut ihrer Arbeit keinen Abbruch. Knapp 15 Jahre lang, seit dem Ende der ersten Kriege im Südkaukasus um Berg-Karabach, Abchasien und Südossetien, haben sie ausgefeilte Modelle zur Konfliktlösung vorgelegt, die EU für ihr zögerliches Engagement kritisiert - die drei Länder des Südkaukasus wurden erst 2004 Teil der „Nachbarschaftspolitik" - und auf die wachsende Rivalität in der Region zwischen Russland und den USA hingewiesen. Nur einen Artillerieangriff der Georgier auf Zchinwali, der die geostrategische Karte umkehrt, haben sie nicht einkalkuliert.

Zwei größere wissenschaftliche Publikationen sind in Österreich zum Thema erschienen - die eine, Security Identity and the Southern Caucasus, ist das Ergebnis eines zwei Jahre dauernden Stu_dienprojekts von Politologen aus Aserbaidschan, Georgien, Italien und Österreich; der andere, vom Internationalen Institut für liberale Politik herausgegebene Sammelband, Die Sezessionskonflikte in Georgien, ist nach dem Augustkrieg noch rasch aktualisiert worden. Seine Aussage wird den Russen nicht gefallen: Die EU, Modell einer neuartigen kollektiven Sicherheitsregierung, wird nach dem Krieg stärker denn je im Kaukasus Verantwortung übernehmen. (DER STANDARD, Album, 14./15.2. 2009, Markus Bernath)

* Jonathan Littell, „Georgisches Reisetagebuch" € 5,- / 60 Seiten. Berlin-Verlag, Berlin 2008
* Charles King, „The Ghost of Freedom. A History of the Caucasus". € 26,00 / 290 Seiten. Oxford University Press, Oxford, New York 2008
* Erich Reiter (Hg.), „Die Sezessionskonflikte in Georgien", € 39.90 / 330 Seiten, Böhlau-Verlag, Wien Köln 2008
* Michael Geistlinger, Francesca Longo et alii, „Security Identity and the Southern Caucasus. The Role of the EU, the US and Russia", _€ 38,80 / 260 Seiten. neuer wissenschaftlicher verlag (nwv), Wien 2008

mehr zu Georgien in derstandard.at >>>


AmazonShop: Books, Maps, Videos, Music & Gifts About The Caucasus