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Tuesday, December 03, 2013

ARTIKEL: Georgiens berühmtester Sohn spaltet seine Heimat. Von Tatjana Montik (derstandard.at)

Artikelbild
foto: epa/zurab kurtsikidze
Georgische Widersprüche: Bereits am Tag seiner Eröffnung am 1. September 2013 wurde das neue Stalin-Denkmal in Telavi "geschändet".
(derstandard.at) Mit dem friedlichen Machtwechsel nach den Parlaments- und Präsidentenwahlen 2012 und 2013 hat Georgien auch nach Ansicht der EU einen großen Schritt in Richtung vollwertige Demokratie getan. Umso verwunderlicher erscheint die neue Stalin-Nostalgie

Man kann in Georgien überall Stalin-Skulpturen begegnen. In einem Dorf in Kachetien, im landwirtschaftlich geprägten Osten des Landes, gibt es etwa einen Mann, der aus Privatinitiative einen Stalin-Garten angelegt hat. Es gibt auch Bauern, die Stalin-Skulpturen, die sie aus öffentlichen Gebäuden 'gerettet' haben, in ihren eigenen Gärten aufstellen, berichtet die Kunstwissenschafterin Tamta Tamara Schawgulidse, die im Herbst eine Recherchereise unternahm, um die Stalin-Monumente auf dem Land zu analysieren.

Dabei fand sie heraus, dass "Stalin meistens Teil eines Denkmal-Ensembles ist, das den öffentlichen Raum um sich herum prägt". Bemerkenswert erscheine, dass es in Georgien üblicherweise zwei Typen solcher Denkmal-Ensembles gibt: die um die Gotteshäuser und die rund um Stalin. "Ich hatte den Eindruck, dass Stalin diesen Menschen als Befreier der Menschheit vom Faschismus Halt gibt, denn - wie sie sagen - man habe schließlich nur dank seiner und mit ihm den Krieg gewonnen. Und ohne diesen 'großen Steuermann' fühlen sie sich hilflos und ausgeliefert."

Der Schriftsteller Irakli Lomouri (54) bestätigt: In Georgien herrsche gegenüber Stalin weiterhin Ehrfurcht, und das sei eine Schande. Viele seiner Landsleute sehen in Stalin einen Burschen aus Gori, vor dem später die ganze Welt in Angst und Ehrfurcht erstarrte. Für sie sei Stalin "die Personifizierung der Größe der georgischen Nation", sagt Lomouri.

Der Historiker und Schriftsteller Lascha Bakradse stimmt zu. Er hat im Frühjahr am "Stalin Puzzle", einer Studie der Carnegie-Stiftung, mitgearbeitet. Dabei kam er zu der Überzeugung, dass die andauernde Stalin-Verehrung in Georgien lediglich mit dem Minderwertigkeitskomplex einer kleinen Nation zu tun habe, mit dem falschen Stolz auf den vermeintlich großen Sohn Georgiens. 

Für Stalin, gegen Moskau

Diese These belegt Bakradse mit einem wenig bekannten Detail aus der sowjetischen Geschichte Georgiens: Als zu Beginn der zaghaften Chruschtschow'schen Tauwetterzeit Stalin kritisiert wurde, gab es in Tiflis an Stalins Todestag am 5. März 1956 heftige Proteste, die nach vier Tagen blutig niedergeschlagen wurden. "Das war eine Zäsur für die georgische Geschichte in der Sowjetzeit", findet Bakradse, denn damals hätten die Georgier die kommunistische Ideologie und den Glauben an die Sowjetmacht zu Grabe getragen. Stalin wurde offiziell von der Sowjetmacht kritisiert, und wir haben zu ihm gehalten. Also waren wir gegen die Sowjetmacht".

Seit 2003 hatte die Regierung unter Präsident Michail Saakaschwili in ihrem Reformeifer versucht, über die sowjetische Vergangenheit Bilanz zu ziehen. 2006 wurde etwa in Tiflis das sogenannte Besatzungsmuseum eröffnet, in dem der Rote Terror anhand von Bildern, Filmen und Dokumenten belegt wird. An diesem Museum wird aber auch Kritik geübt, denn dort werden die Georgier als reine Opfer der bolschewistischen Invasion dargestellt. Und das entspricht nicht ganz den historischen Tatsachen, wenn man bedenkt, dass sich unter den Besatzern, die das sozialdemokratisch regierte Georgien 1921 eroberten, zahlreiche georgische Bolschewiken mit Sergo Ordschonikidse an der Spitze befanden. Und vor allem während des großen Terrors waren die Georgier nicht nur Opfer, sondern auch Täter und Mitläufer. 

Keine tiefere Aufarbeitung

Ein weiterer Schritt zur Entsowjetisierung war das gesetzliche Verbot sowjetischer Symbolik. In Gori wurde im Juni 2010 im Auftrag der Regierung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Stalin-Denkmal abgerissen. Doch obwohl die Entsowjetisierung teils radikal ausfiel, blieb sie oberflächlich: Es gab keine wissenschaftlichen oder öffentlichen Debatten dazu.

Der Schriftsteller und Historiker Lascha Bakradze ist der Überzeugung: "Man muss der eigenen Geschichte zwar kritisch gegenüberstehen, aber nicht nur durch die Wegnahme von Symbolen, sondern man muss sie annehmen, wie sie war, und sich damit kritisch auseinandersetzen."

Wato Tsereteli, der an der Tifliser Kunstakademie unterrichtet und mit der österreichischen Kunstexpertin Katarina Stadler das Zentrum für zeitgenössische Kunst leitet, beobachtet an den eigenen Studenten, "wie die durch das Sowjetregime verursachten Traumata das individuelle Potenzial der Menschen blockieren". "Wir sind täglich damit konfrontiert, dass die Leute, die nach dem Ende der Sowjetunion geboren wurden, trotzdem eine sowjetische Mentalität besitzen, weil ihre Eltern durch das sowjetische Regime determiniert sind", sagt Tsereteli. Schuld daran sei auch, dass Georgien nach dem Kollaps der UdSSR von einer Krise in die nächste geraten sei. (Tatjana Montik aus Tiflis, DER STANDARD, 2.12.2013)

Saturday, August 31, 2013

ART: Publication 1st Tbilisi Triennial. Offside Effect. Out Now. (metropolism-webshop.com)

Offside Effect(metropolism-webshop.com) Over the last decade, art education has been confronted time and again with neoliberal thought and attitudes. Although the debate on artistic research demands space for a free artistic space for thought, it also seems necessary now to raise the question regarding the potential of educational platforms outside the Bologna rules.
The 1st Tbilisi Triennial (Offside Effect, Tbilisi 2012), curated by Henk Slager and Wato Tsereteli, concentrated on this specific issue. In a forum-like display system, a number of keynote artists (among others Anton Vidokle, Stephan Dillemuth, Marion von Osten) and lecturers in collaboration with their students from a dozen of experimental academies from all over the world presented their strategic ways of working.

CCA Tbilisi served as the base for the 1st Tbilisi Triennial. On the outside wall of CCA, Marion von Osten created a statistic mural connecting education, migration, and debts. Frankfurt's Staedelschule realized the Crypt-bar for screenings, readings, drinks and inter-disciplinary relaxation. F+F (Zurich) developed the Unexpected Sites Effect project that transformed the neo-liberal 'living from art' into a free 'living for art'. In Mildred's Lane's (New York) living room situation visitors were invited to actively participate in a research project pointing to a revolutionary, rigorously rethinking of the contemporary art complex. Across from the CCA building, in the Vladimir Kurtishvili Memorial House, the atmosphere was more contemplative: the Maumaus program (Lisbon) reflected on a number of parameters significant for contemporary art practice.

The presentations in the Literature Museum were mainly discursive or even counter-discursive. Kaywon College (Young June Lee, Seoul) focused on a reversed educational practice. Kadir Has University's (Inci Eviner, Istanbul) performative project Acting in the Library revealed the discursive domain of archiving and descriptive knowledge. CCA Tbilisi's Informal Masters Program (Wato Tsereteli, Katharina Stadler) engaged in an exploration of exporting creativity to non-art contexts. Annette Krauss (MaHKU Utrecht) organized a test-site in the form of a para-educational department directed towards the significance of 'unlearning'.

Two context-specific case studies were presented on the second floor. One presentation dealt with the situation of the colonial adoption of art education in Africa and the significance of informal institutes for developing an alternative discourse departing from Addis Contemporary (Lucrezia Cippitelli). Another presentation by the doctoral program of the Finnish Academy of Fine Arts (Jan Kaila, Sami van Ingen) demonstrated how an art university could give an idiosyncratic interpretation of artistic freedom by giving shelter to vulnerable image productions.

For the Georgian National Museum, a clean display system was based on the vernacular architecture and its inherent curatorial logic. Rene Francisco (ISA Habana) showed documentary work related to his Pedagogia Pragmatica workshops taking place outside the art academy in Havana's urban landscape. Tiong Ang's Pavilion of Distance project (MaHKU, Utrecht) was initiated as an experimental platform to pursue a collective artistic production. Stephan Dillemuth (Munich) translated the lecture The Academy and the Corporate Public in an installation drawing attention to issues such as bohemian research and squatted institutional spaces.

The venue Europe House mainly showed archiving presentations. Some presentations gave a survey of various experimental education platforms such as the documentation of Anton Vidokle's unitednationsplaza project, a display of the curricular structure of the experimental seminar program of ICA Yerevan (Armenia), and the activities of Visual Culture Research Center (Kiev) shown in the logic of an application form. Other presentations showed documentation of the various Tbilisi Triennial workshops, such as Sarah Cowles' Ruderal Academy Project, Nedko Solakov's Selling & Buying, and Rainer Ganahl's Reading Lenin's Imperialism. Also in Europe House, Tara McDowell (San Francisco) lectured weekly on the topical meaning of historical models of alternative academies.

Previous to the Triennial's opening, the above sketched ideas, perspectives, and strategies were presented and discussed in a two-day forum in Tbilisi's Goethe Institute. Critical referents were Irena Popiashvili (Tbilisi) and Mick Wilson (Gothenburg).

The editorial logic of the Offside Effect publication follows the line-up of presentations, workshops, and seminars. The publication's ultimate goal is to not only document the 1st Tbilisi Triennial, but to also incite further diagnoses and developments in the debate on current art academies and their contexts.

Editor: Henk Slager
Final Editor: Annette W. Balkema Design: Joris Kritis
More information
This publication was also made possible by the support of the Utrecht School of the Arts, the Mondriaan Fund and the Tbilisi Embassy of the Kingdom of the Netherlands.

Friday, December 07, 2012

ART: Vortrag - Alternative Kunst-Erziehung im Südkaukasus mit Katharina Stadler


Liebe Freunde und Freundinnnen des Kaukasus,
ich möchte Sie/Euch alle ganz herzlich zur letzten Veranstaltung des IZK in diesem Kalenderjahr einladen:

Montag, 10.12.2012, 18:30 Uhr - 20:00 Uhr – Vortrag € 4,- (€ 2,-)
Der Vortrag findet im Klubsaal der ÖOG statt

Alternative Art Education - südkaukasische Visionen

Mag.a Katharina Stadler, Sound Artist und Educational Programs curator at the center of contemporary art Tbilisi

Katharina Stadler, aufgewachsen in Wien und in Berlin ausgebildet, arbeitet mit 'sound', Polaroid, Film und diversen Handarbeitstechniken.


Ihre theoretischen Überlegungen beschäftigen sich mit Konzepten kreativer Imagination sowie 'art education' im verlauf ideologischer Umwälzungen und Transformationen. Sie unterrichtet 'sound art' am Center of Contemporary Art-Tbilisi, wo sie zur Zeit auch die Ausbildungsprogramme als 'educational programs curator' neu organisiert. Des weiteren gibt sie Workshops in ganz Europa zu Thematiken wie 'city soundscapes' und 'documentary/anthropological filmmaking'.

Die 1. Tbilisi Triennial for art, education and research 'Offside Effect' (e-flux.com) welche vom 20.10. bis 20.11.2012 am Center of Contemporary Art-Tbilisi stattfinden wird, und welche die Diskussion sowohl in Ausstellungsformat als auch in einem zweitägigen Forum auf Zukunftsperspektiven alternativer 'art education' zentral beinhaltet, gibt Anstoß für eine Auseinandersetzung mit der aktuellen staatlichen sowie alternativen 'art education' im südkaukasischen Vergleich. In unterschiedlicher Weise und Ausrichtung werden (nicht nur) in den drei Hauptstädten Armeniens, Aserbaidschans und Georgiens neue Formen der höheren, künstlerischen Bildung gesucht und ausprobiert. Diese Programme, ob sie nun auf zeitlich begrenzter Kursbasis oder an längerfristig gedachten Modellen orientiert sind, bedienen sich sehr unterschiedlichen Unterrichts- und Kommunikationskonzepten. Gemein ist ihnen, dass sie den interregionalen sowie internationalen Austausch suchen.

Der Vortrag soll einen umfassenden Einblick in die vielfältigen Initiativen und Bemühungen geben sowie sie in ihrer Funktion als Ergänzung oder Alternative staatlicher Programme aufzeigen.

Ich freue mich auf Ihr Kommen!
Ihre Silvia de Carvalho

Mag.a Silvia de Carvalho
Leiterin des Informationszentrums für Zentralasien und Südkaukasien
Österreichische Orient-Gesellschaft Hammer-Purgstall

Orient-Akademie
A-1010 Wien
Dominikanerbastei 6/6
www.orient-gesellschaft.at