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Hören: Interview von "Andruck"-Redakteur Thilo Kößler mit Stephan Wackwitz
(deutschlandfunk.de/leipziger-buchmesse) Der östliche Rand Europas steht mit der Krise in der Ukraine aktuell im Blick der Öffentlichkeit. Vieles erinnert an den Umbruch in Georgien. Den dortigen Machtwechsel 2012 hat Stephan Wackwitz miterlebt. Er leitet das Goethe-Institut in Tiflis und hat nun ein Buch über diese Region geschrieben - über "Die vergessene Mitte der Welt".
Namentlich geht es um Georgien und seine Nachbarländer Armenien und Aserbaidschan. Länder zwischen Tradition und Moderne, noch immer auf der Suche nach der angemessenen Staatsform, im ständigen Wandel und unter Einfluss Europas wie auch Asiens.
Allerdings fühlten sich die Georgier Europa sehr viel näher, betonte Wackwitz im Interview mit "Andruck" auf der Leipziger Buchmesse. Und Deutschland werde als Brücke zur westlichen Welt wahrgenommen.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
"Die vergessene Mitte der Welt" von Stephan Wackwitz, S. Fischer Verlag: podasct hören mp3.dradio.de
(deutschlandradiokultur.de) Wer bei Baku nur an den Eurovision Songcontest denkt, sollte Stephan Wackwitz' Buch lesen. Der vielgereiste Autor beschreibt in gelungenen Essays das kulturelle und politische Leben in den drei Ländern Aserbaidschan, Georgien und Armenien - erhellende und unterhaltsame Einblicke.
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| (Photo: Sven Töniges) |
Stephan Wackwitz, Jahrgang 1952, ist ein Schriftsteller, wie er als Typus ansonsten eher in der französisch- und spanischsprachigen Welt bekannt ist: Der feinnervige Intellektuelle, der neugierig diverse Kulturen bereist, sich in großen Städten zu Hause fühlt, jedoch bei all dem institutionell abgesichert ist. Der Dichter Octavio Paz war Mexikos Botschafter in Indien, der kubanische Romancier Alejo Carpentier, und der Chilene Pablo Neruda vertraten in der gleichen Position ihre Länder in Paris, der französische Lyriker Saint-John Perse arbeitete als Diplomat in den USA. Sie alle hatten über ihre Welterfahrungen Bücher geschrieben, und wer die Fallhöhe zum eher provinziellen Deutschland ermessen will, denke am besten an den Nazivergangenheitsverdränger und Vielschreiber Erwin Wickert: "Unser Mann in Tokyo und Peking."
Der ungleich reflektiertere Stephan Wackwitz dagegen hat eine linksintellektuelle Sozialisation hinter sich, vor allem aber Stationen als Leiter zahlreicher Goethe-Institute von Neu Delhi bis New York. Sein schönstes Buch ist Tokyo gewidmet, sein neuestes ist gerade erschienen: "Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan." Dieser analytische, dabei gewitzt subjektive Reise-Essay versammelt wiederum alle Tugenden dieses Autors: Stadt-Beschreibungen von pointillistischer und ironischer Prägnanz; landeskundliche Exkurse ohne Baedeker-Betulichkeit.
Dazu die überraschenden, jedoch nie eitlen Assoziationen eines vielgereisten Kulturbürgers: So erinnert ihn das heutige, semi-archaische Tiflis nicht nur an die Filme Federico Fellinis, sondern auch an die Gestimmtheit italienischer Western. Dagegen heißt es über Armenien: "Und so bin ich mir wirklich vorgekommen wie im Inneren einer kommunistischen Zeit- und Traummaschine, als ich zum ersten Mal auf dem weiten Zentralplatz von Eriwan stand. (…) Ein Kommunismus, den Giorgio de Chirico gemalt hat.“
Deutschlands bester Reiseautor
Ein Autor, der sein eigenes Referenzsystem immer wieder in Frage stellt (eine köstlich souveräne Polemik gegen den serbien-verklärenden Irrwisch Peter Handke inklusive) und sich am Schluss fragt, ob nicht auch er selbst einer Kaukasus-Romantik zum Opfer gefallen war: Gerade nämlich hatte er vom Goethe-Institutsfenster aus gesehen, wie in Tiflis orthodoxe Provinz-Zeloten Jagd machten auf demonstrierende Homosexuelle. Dass am Schluss die Polizei sich im Regierungsauftrag doch noch auf die Seite der Zivilgesellschaft stellt und Stephan Wackwitz eben dieser Georgien-Episode ungleich mehr Platz einräumt als einer Reflexion über die postsowjetischen Herrschaftstechniken im benachbarten Aserbaidschan, ist wiederum eine hübsche Pointe: Heißt es doch inzwischen von der globalisierten intellektuellen Linken, dass in deren Wahrnehmung die Schwulen längst die Rolle des einst idealisierten Proletariats eingenommen haben.
Doch wie auch immer: Es gibt im gegenwärtigen Deutschland wohl keinen zweiten Autor, der wie Stephan Wackwitz Kopf- und reale Reisen so elegant in Einklang zu bringen vermag. Man wünscht deshalb auch seinem jüngsten Buch zahlreiche Leser.
Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2014
248 Seiten, 19,99 Euro
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In ihrem Reisebericht “Berlin – Baku” (S. Fischer-Verlag 2013) bekennt sich die Berliner Liedermacherin Christiane Rösinger zur „Durchfahrtsessayistik“: Gerade der flüchtige Blick des Vorbeifahrenden erfasse die wesentlichen Eigenschaften einer Stadt oder Landschaft. Der „Aufenthaltsessayist“ dagegen, hält sie dem Leiter des Goethe-Institutes in Georgien, Stefan Wackwitz, vor, habe „den abgestumpften Alltagsblick, wundert sich über nichts mehr und kann das Besondere eines Ortes bald nicht mehr erkennen.“
Der Essayistenstreit lässt sich mit der Veröffentlichung von „Berlin – Baku“ als erledigt betrachten. Rösinger hat sich – im Frühjahr 2012, anlässlich des Eurovision Song Contest - in einem VW-Bus auf den Weg nach Aserbaidschan gemacht und reflektiert ihre Wahrnehmungen nun via Rückspiegel. Mehr als Oberfläche wird so naturgemäß nicht sichtbar. Wo das Durchfahrtstempo Lücken in der Wahrnehmung ließ, füllt Rösinger diese im Nachhinein per Google oder Gossip. „Jeden Tag werden sämtliche Zufahrtsstraßen ins (Bakuer) Zentrum ein paar Stunden lang gesperrt, immer wenn sich Staatskarossen oder wichtige Delegationen durch die Stadt bewegen,... Ein normaler Weg von der Innenstadt in einen Nachbarbezirk kann da schon vier oder fünf Stunden dauern.“
Unbestritten hat Baku ein Verkehrsproblem, die absurde Übertreibung und Verallgemeinerung schon im Banalen aber steht beispielhaft für Rösingers Attitüde im Ganzen: Man hat sie vor Aserbaidschan gewarnt, schreibt sie, und sie selbst bleibt Zeit ihres Besuches fest entschlossen, sich dort nicht zu wundern, sondern das Land quasi mit dem Hintern anzusehen. „Hier müssen wir also ganze vier Tage lang bleiben. ... Was soll man mit diesem Baku anfangen?“
Das künstlerische Schaffen Rösingers, deren Album „Songs of L. and Hate“ (2010) ihr verbreitet den Ruf eintrug, eine der besten deutschen Liedermacherinnen zu sein, lebt von der misanthropischen Perspektive auf „die allgemeine Sinnlosigkeit der Existenz“, ihr Reisebericht darbt daran. Darüber ließe sich hinwegsehen, stände Rösinger mit ihrer unerschütterlich selbstgewissen und -gerechten Art der Weltanschauung allein und nichts weniger als der europäischen Integration im Wege. Es ist genau jene westliche Dünkelhaftigkeit, die sich als Grundton durch die Aserbaidschan-Kapitel des Buches zieht, welche die von Rösinger beschriebene vielfältige Überkompensation der Aserbaidschaner erst schürt: Nehmt uns wahr und nehmt uns ernst – und sei es mit dem höchsten Haus der Welt! Schon Kurban Said warf in seinem Kaukasus-Schlüsselroman „Ali und Nino“ vor 100 Jahren die Zukunftsfrage auf, ob Baku künftig zum „rückständigen Asien oder zum modernen Europa“ gehören werde. Für Rösinger, die in ihrem Buch auswalzt, wie sie in einem aserbaidschanischen Straßenrestaurant vor Baku keine mitteleuropäische Bedienung antrifft und inmitten der „Servicewüste“ sogleich die „Dorfdeppen von Samaxi“ vermutet, scheint die Frage beantwortet: finsterstes Asien.
Das Buch strotzt vor tendenziösen Fehlinformationen, oft dargeboten in einem verräterisch süffisanten Sound: Die Flame Towers (das neue Wahrzeichen der Stadt) seien „abrutschende Neubauten“ und nicht bewohnbar. (Wahr ist: Soeben eröffnete hier das teure „Fairmont“-Hotel.) Die neuen Taxis seien eigens für den ESC aus London eingeflogen. (Sie wurden in China produziert und wurden auch nach dem ESC noch zu hunderten eingeführt.) Journalisten, die über den Nagorny-Karabach-Konflikt berichten, würden zusammengeschlagen. (Der Journalist Chingiz Mustafayev, der die Gräuel des Karabach-Krieges filmte, ist seitdem in Aserbaidschan Nationalheld.) Erstaunlicherweise unternimmt die Reiseautorin nicht einmal den Versuch, ihre Wahrnehmungen in den Zusammenhang mit dem großen nationalen Trauma zu bringen, den die Aserbaidschaner mit dem Verlust eines Fünftels ihres Territoriums und der Entwurzelung von einer Million Menschen infolge des Karabach-Krieges vor nur 20 Jahren erlitten.
Fürwahr, es gibt in Aserbaidschan viel zu kritisieren. Wer dies jedoch demagogisch tut, wer meint, aus vier Tagen Aufenthalt das Land kennen und bewerten zu können, ist in seiner leichten Widerlegbarkeit keine Stütze für die demokratischen Kräfte in Aserbaidschan. Natürlich ist z.B. zu beklagen, dass die politische Opposition im Zentrum von Baku nicht demonstrieren darf. Tatsache ist auch die Auflösung ungenehmigter Demonstrationen durch die Polizei (die übrigens von deutschen Polizisten im „Crowd Management“ trainiert wird). Warum aber benutzt Rösinger in diesem Zusammenhang das Wort „zusammengeknüppelt“ – wo stand sie, dass sie sah, was der Verfasser aus mehrfacher eigener Anschauung nicht bestätigen kann?
„Und wie sollen die Leute hier etwas davon mitkriegen, wenn es keine Presse ... gibt?“ Blödsinn! Regierungsferne Presse hat es tatsächlich nicht leicht in Aserbaidschan. Warum aber verschweigt Rösinger dem arg- und ahnungslosen deutschen Leser, dass „Musavat“, die Zeitung einer Oppositionspartei, die auflagenstärkste Zeitung Aserbaidschans ist?
Rösinger verhält sich nicht anders als etliche deutsche Journalisten, die zum ESC nach Baku kamen, aus dem Flugzeug stiegen und eigentlich über das Land schon alles wussten. Das, was sie dann zum Besten gaben, war oft tendenziöser, einseitiger, unredlicher Journalismus. Bei dem Autor, der seit 2011 in Baku lebt und eine halbe DDR-Biografie hat, löst das einen schmerzhaften Reflex aus, den er schon an sich kennt: eine Gesellschaft über alle kritischen Vorbehalte hinweg gegen Demagogen oder ahnungslose Besserwisser in Schutz zu nehmen.
Einen Trost bietet die Lektüre des Rösinger-Buches immerhin dann, wenn die Autorin unfreiwillig komisch wird. Wiederholt habe ihre von „Gendermarkierungen“ freie Erscheinung dafür gesorgt, schreibt Rösinger, dass sie und die sie begleitende „Frau Fierke“ im Südkaukasus für Männer gehalten wurden. Dann aber sitzen sie abends im Hotel am offenen Fenster, rauchen und trinken Dosenbier. Von unten winken ein paar Jungs. „Für was die uns wohl halten? ...
Sexarbeiterinnen, die sich wie in Amsterdam in Schaufenster setzen?“ So fern für Bakuer Jungs das Amsterdamer Rotlichtviertel ist, so fremd ist Baku Christiane Rösinger. Ahnungslosigkeit und Hybris gehen bei ihr Hand in Hand und miteinander durch. Würde Rösinger ihre eigenen Songs ernst nehmen, hätte sie ihr Buch nicht oder nicht so geschrieben: Du hast Dir Deinen Reim / und Dein Bild gemacht / dann kommt die Wirklichkeit / und sagt „falsch gedacht“ („Desillusion“ aus „Songs of L. and Hate“).
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