Showing posts with label Deutschlandradio Kultur. Show all posts
Showing posts with label Deutschlandradio Kultur. Show all posts

Monday, September 24, 2018

#PODCAST: Die Schriftstellerin Ana Kordsaia-Samadashvili - In ihren Romanen spiegelt sich das alte Tiflis. Von Mirko Schwanitz @dlfkultur

Ana Kordzaia-Samadaschwili (Foto: Ralph Hälbig)
[deutschlandfunkkultur.de] Georgien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse. Eine der prominentesten aktuellen literarischen Stimmen des Landes ist die Schriftstellerin Ana Kordsaia-Samadashvili. Sie hat mit einem Roman das Land ziemlich durcheinandergewirbelt.

Ein Morgen in der Tifliser Barnowstraße. Die Autorin, Übersetzerin und Kulturjournalistin Ana Kordsaia-Samadischvili wohnt Tiefparterre. Die Fenster gehen hinaus auf's leicht ansteigende staubige Trottoir. Drinnen im Halbdunkel ein Tisch, ein Bett, an der Wand ein Selbstporträt und Bilder aus Swanetien, einer Bergregion im Kaukasus.

"Mein Großvater war der letzte Priester von Swanetien in der sowjetischen Zeit. Und als Priester in der Sowjetunion war man das Letzte. Und wirklich alle Repressionen, die es in Georgien gab, liefen über den Kopf der armen Samadaschwilis."

Viele deutsche Worte in der alten Kommunalka der Familie

Ana Kordsaia-Samadishvili ist überzeugt, dass ihre Liebe zur Literatur aus der Familie dieses Großvaters stammt. Ihr Urgroßvater hatte die erste Grammatik für die Sprache des Bergvolks der Swanen verfasst, sein Sohn das erste Wörterbuch. In Ana Kordsaias Regalen befinden sich die Reste der Bibliothek des Großvaters, die die Familie über alle Wirren der Zeit retten konnte.

"In den Dreißigern hat man meinen Großvater öfter verschleppt. Und meine Großmutter hat ihr ganzes Leben niemandem erzählt, wessen Tochter sie war. Sie ist als Waisenkind aufgewachsen. Also: die Mutter erschossen, der Vater zweimal verhaftet. Also man erträgt manche Sachen nicht mehr. Na, wie soll ich sagen, so war das Jahrhundert, das 20. Jahrhundert."

Ana Kordsaia-Samadishvili wurde 1968 geboren. Sie wuchs in einem Tiflis auf, das es heute so nicht mehr gibt. In ihrer Kindheit wurde in der Familie swanisch, auf dem Hof hinter ihrem Haus kurdisch, armenisch, georgisch und russisch gesprochen.

Kommunalka nannte man die Wohnungen, in denen mehrere Familien lebten und sich Bad und Küche teilten. Dort hörte und erlernte sie auch ihre ersten deutschen Worte.

"Ja, das war eine klassische Kommunalka. Nur in meiner Wohnung - wir waren tausende dort, wie mein Vater sagte 'Legionen'. Sehr viele waren dort. Wir hatten dort einen Herrn Kuppel, einen Deutschen, der mir immer sehr streng sagte, 'Nicht georgisch! Nur deutsch!', sagte er. Seltsames Deutsch sprach der Mann. Es war sehr lustig."


Erst die Unabhängigkeit, aber dann der Nationalismus

Heute, mehr als 35 Jahre später ist das alles Geschichte.

"Dann passierte das, wovon eigentlich alle träumten: Alle träumten davon, dass Georgien unabhängig wird. Das Wort Nationalismus ist wahrscheinlich das Schlimmste, was die Menschheit sich ausgedacht hat. Und meine besten und liebsten Einwohner der Stadt Tiflis waren erschrocken und gingen weg, die Deutschen, die Griechen, die Kurden usw. usf. Für mich ist diese Stadt, die man auch heute so sehr multikulturell nennt, absolut monoethnisch geworden und uninteressant."

Vielleicht spiegelt sich deshalb in ihren Romanen und Erzählungen stets auch das alte Tiflis. Aber nur als Hintergrund und Spiegelbild ihrer Frauenfiguren, die allesamt aufbegehren gegen das in Georgien noch immer weit verbreitete Patriarchat. Auch deshalb gibt es Leute in der Stadt, die Ana Kordsaia für verrückt halten: Mein Gott, eine georgische Frau! Die schminkt sich, macht sich fein, wenn Besuch kommt. Aber sie!? Schert sich nicht um Konventionen. Empfängt im Morgenmantel, übersetzt Elfriede Jelinek, kritisiert ihr Land und geht noch immer gern in die von nackten Frauen bevölkerten alten Tifliser Bäder.

"Also es ist schon eine Schande, wissen Sie, in jedem Roman oder jeder Erzählung eine Frau aus dem Bad zu haben. Ich gehe dorthin, seitdem ich 16 geworden bin. Es gibt zwei konkrete Tabus: Ein Tabu ist die Sexualität und das andere Tabu ist komischerweise im 21. Jahrhundert das Christentum."

Ein Sturm der Entrüstung in der orthodoxen Männerwelt

Ana Kordsaias erster Roman "Ich, Margarita" gilt heute als Meilenstein in der georgischen Gegenwartsliteratur. Zum ersten Mal schrieb da eine in provozierender Schnoddrigkeit über weibliche Bedürfnisse. Und rief in Georgiens patriarchaler und orthodoxer Männerwelt einen Sturm der Entrüstung hervor. Bis heute ist Nichts vor dem derben und dennoch feinen Spott dieser Autorin sicher...

"Warum schreibt eine Frau? Warum muss eine Frau Schriftstellerin werden? Ja, warum? Ist sie hässlich, oder was? Hat sie keinen Mann? Ja, soll sie mit jemanden ficken! Was macht sie da überhaupt?"

Nun - sie schreibt, übersetzt auch Franz Kafka oder Cornelia Funke ins Georgische und unterrichtet an der Staatlichen Ilia-Universität eine neue erfolgreiche Generation von Autorinnen. Vielen ihrer einstigen Studentinnen wird sie in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse wiederbegegnen.

Ana Kordsaja Samadisvili: "Ich, Margarita"
Ins Deutsche übersetzt von Sybilla Heinze
Hans Schiler-Verlag, Berlin 2013
204 Seiten, 18,80 Euro

Ana Kordsaja Samadisvili: "Wer hat die Tschaika getötet"
Ins Deutsche übersetzt von Sybilla Heinze
Hans Schiler-Verlag, Berlin 2016
170 Seiten, 16,80 Euro


Mehr zum Thema
Eine Lange Nacht über Georgien - Das verunsicherte Paradies
(Deutschlandfunk, Lange Nacht, 06.10.2018)
Der weite Weg nach Westen - Georgiens Geschichte am Rande Europas
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 05.09.2018)
Ehrengast der Frankfurter Buchmesse - Georgische Literatur im Widerstand
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 17.09.2018)
Lyrik aus Georgien - "Fortgegangen bin ich ohne Rückfahrkarte"
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 31.08.2018)

Saturday, August 02, 2014

MUSIKFEUILLETON: Zwischen Propaganda und Ehrlichkeit. Der Weg des armenischen Komponisten Aram Khatschaturian. Von Marika Lapauri-Burk (deutschlandradiokultur.de)

(deutschlandradiokultur.de) 
Musikfeuilleton 03.08.14 / 22:00

Seine Musik hat jeder mal im Leben gehört. Einer seiner populärsten Säbeltanze, ein Satz aus dem Ballet, hat er in einer Nacht geschrieben.

„Seine Handschrift zu erkennen, - schrieb Schostakowitsch über Aram Khatschaturian, - ist nach wenigen Takten möglich bei einem beliebigen Werk. Diese Individualität offenbart sich nicht nur in Technologien, sondern selbst in der Weltsicht der Komponisten, einen optimistische, lebensfreudige Philosophie.“

Mit dem 1903 in Tiflis geborenen Aram Khatschaturian möchten wir die Geschehnisse, die Zeit der Sowjet Union skizzieren, vor und nach der Kriegszeit, bis zu den 70er Jahren. Das Musikleben in der Zeit vom II. Weltkrieg, das einen schöpferischen Aufschwung erlebte. Das 20. Jahrhundert ist auch eine Zeit der Propaganda, des Aufschwungs und der Politisierung aller Lebensbereiche

Friday, August 01, 2014

BERGKARABACH: Der weite Weg des Markar Koutcharyan: Besuch im umstrittenen Gebiet zwischen Armenien und Aserbaidschan. Von Andreas Zecher (deutschlandradiokultur.de)

(deutschlandradiokultur.de) Der Journalist Andreas Zecher war kürzlich unterwegs in der Region um die selbsternannte Republik Bergkarabach, die de facto ein Teil Armeniens ist, völkerrechtlich aber zu Aserbaidschan gehört. Er erinnert an einen vergessenen Nachbarschaftsstreit.

Markar Koutcharyan hat einen weiten Weg vor sich. Seit fast einem Jahr bekam er Artun nicht mehr zu Gesicht. Nun macht er sich auf nach Stepanakert, wo der junge Mann seinen Militärdienst absolviert. Wenn alles gut läuft, erhält der Enkelsohn Ausgang, um am Abend mit seinem Großvater Essen zu gehen.

Der Luftlinie nach sind es 200 Kilometer von Jerewan, der Hauptstadt Armiens, nach Stepanakert, der Hauptstadt der selbsternannten Republik Bergkarabach. Sie ist de facto ein Teil Armeniens, gehört völkerrechtlich aber immer noch zu Aserbaidschan. Davon spricht Markar Koutcharyan nicht.

Der sogenannte "obere oder gebirgige schwarze Garten" im Südosten des Kleinen Kaukasus wird von Armeniern bewohnt. Es gab auch einmal eine Minderheit von Aserbaidschanern. Sie wurden getötet oder in ihr Mutterland vertrieben. Das war zwischen 1992 und 1994 im Laufe des Krieges beider Nachbarländer. Seither hat das siegreiche Armenien in Bergkarabach hochgerüstete Streitkräfte stationiert, die viel Geld kosten.

Geld, das dem armen Land auch fehlt, um die maroden Straßen zu sanieren. So wird die Fahrt zum Enkelsohn zeitaufwendiger, als 200 Kilometer es vermuten lassen. Sie führt durch Hochgebirgslandschaften, zunächst entlang der armenisch-türkischen Grenze, die die befreundeten Russen sichern, dann entlang an der Grenze zur Republik Nachitschewan, die von Aserbaidschanern bewohnt wird.

Immer wieder fallen tödliche Schüsse

Scharfschützen belauern sich hier auf beiden Seiten und feuern immer wieder tödliche Schüsse ab. Deren Opfer werden wiederum mit tödlichen Schüssen gerächt. Davon erzählt Markar Koutscharyan. Die Bösen sind für ihn ohne Zweifel die auf der anderen Seite. Türken, Aserbaidschaner seien alle eins - hätten nur ein Ziel, die Armenier zu vernichten.

Wie viele seiner Generation ist der 70-Jährige ohne Großvater aufgewachsen. Den haben die Türken zu Beginn des Ersten Weltkrieges umgebracht. Tausende Armenier wurden damals erschossen, ihre Frauen und Kinder auf Todesmärschen grausam vernichtet. Etliche Länder, darunter Frankreich, nennen das Völkermord und stellen dessen Leugnung unter Strafe. Deutschland tut das nicht.

Deutschland liegt im befriedeten Teil Europas. Dort versucht man Konflikte mit Kompromissen und durch Verhandlungen zu lösen, zu versöhnen statt zu spalten. Doch davon hält Markar Koutscharyan nichts. Wenn man beschossen werde, müsse man zurückschießen, möglichst so erfolgreich, dass der Gegner endgültig aufgebe. Armenien sei eben nicht Irland.

Angst vor dem Ernstfall

Und so sieht er den nächsten Krieg mit Aserbaidschan kommen. Das Land sei durch Öl reich geworden, habe aufgerüstet und werde die frühere Provinz zurückerobern wollen, vermutet er. Der Großvater glaubt an einen weiteren Sieg der Armenier und der Enkel hofft, im Ernstfall seinen Militärdienst längst beendet zu haben.

Vielleicht studiert Artun dann am Londoner King´s College, wie die Söhne von Großvaters Freund, Onkel Gorjun. Er spricht noch nicht offen über diesen Plan, hofft aber, dass der Alte ihn auch im Ausland finanziell großzügig unterstützen werde.

Beim abendlichen Essen - es war im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft - läuft im Fernsehen das Spiel Deutschland gegen Armenien. Den Ehrentreffer für die Armenier erzielt Henrikh Mkhitaryan. Der habe es geschafft, raunt Artun bewundernd. Der sei draußen, in Deutschland, bei Borussia Dortmund mit einem Marktwert von 26 Millionen Euro. Er aber müsse wieder zurück in die Kaserne. Ein Jahr noch, in dem hoffentlich nichts Schlimmes passiert.

Dr. Andreas Zecher, Jahrgang 1953, ist Journalist und Autor. Er lebt in der Nähe von Rostock. Mehr als 20 Jahre berichtete er für den in Neubrandenburg erscheinenden „Nordkurier" aus der nordöstlichen Küstenregion. Zuletzt erschienen: "Heute ein Frosch-Morgen ein König, Verrückte Geschichten aus Mecklenburg-Vorpommern" (Magma Verlag). 

Podcast >>>

Thursday, March 27, 2014

LITERATUR: Schreiben über die Ränder Europas – Sachbücher im Gespräch - Lesung und Diskussion mit Ulrich Ladurner und Stephan Wackwitz (berlin.de)

Moderation: René Aguigah und Jens Bisky

(
berlin.de) Es gibt Ränder, die in der Mitte liegen. Städte wie Tiflis, Baku oder Eriwan zum Beispiel – weshalb Stephan Wackwitz, Leiter des Goethe-Institutes in Tiflis, sein dort geschriebenes Buch "Die vergessene Mitte der Welt" (S. Fischer) genannt hat. Oder auch die Insel Lampedusa: An der äußersten Grenze der EU gelegen, mitten im Mittelmeer, ist sie für unzählige Flüchtlinge der Inbegriff Europas. Ulrich Ladurner, Politikredakteur bei der Wochenzeitung Die Zeit, erzählt in seinem neuen Buch die „Große Geschichte einer kleinen Insel” (Residenz Verlag). Wie lässt sich Europa von seinen Rändern her verstehen? Und wie schreiben sich Texte, die zugleich Reisebericht und Essay sind, Kulturgeschichte und politisches Buch? Wie stets geht es auch an diesem zweiten Abend unserer neuen gemeinsamen Reihe mit Deutschlandradio Kultur „Sachbücher im Gespräch“ um eine Poetologie des Sachbuchs. In Zusammenarbeit mit Deutschlandradio Kultur. Ein gekürzter Mitschnitt des Abends wird in den kommenden Wochen von Deutschlandradio Kultur gesendet.
Öffnungszeiten: 20.00

Wann: Mittwoch, 02.04.2014

Wednesday, March 12, 2014

PRESSEFREIHEIT: "Jetzt ist die Angst weg". Medien in Georgien nach Saakaschwili. Von Jana Demnitz (deutschlandradiokultur.de)


Podcast hören >>>

(deutschlandradiokultur.de) Micheil Saakaschwili war ein Hoffnungsträger in Georgien, aber er hat seine Landsleute, auch die Journalisten bitter enttäuscht. Heute, nach dem Abtritt Saakaschwilis, gibt es in Georgien zwar keine Zensur mehr, trotzdem bleibt eine ausgewogene Berichterstattung die Ausnahme.


Ein Blick in die Magazin-Redaktion "Liberali" in der Hauptstadt Tiflis.
Ein Blick in die Magazin-Redaktion "Liberali" in der Hauptstadt Tiflis. (Jana Demnitz)
Es ist Punkt 20 Uhr - soeben beginnen die Hauptnachrichten des georgischen Fernsehsenders "Imedi". Der Journalist und Moderator Levan Javakhishvili begrüßt die Zuschauer und stellt die Themen des Abends vor - georgische Innenpolitik, etwas Außenpolitik, Kultur und das Wetter. Der Privatsender bietet den Menschen vor den Fernsehgeräten auch heute wieder einen bunten Themenmix.

Levan ist ein großgewachsener, stattlicher Mann mit braunen Haaren und grünen Augen, der, sobald das rote Studiolämpchen angeht, sein smartestes Moderatoren-Gesicht anknipsen kann. Manchmal kann er es selbst kaum glauben, dass er wieder hier im Studio sitzt, in die Kamera schaut und die Zuschauer über die wichtigsten Geschehnisse in Georgien und in der Welt informiert:

"Wieder hier zu sein, ist für mich ein ganz besonderes Gefühl. Ich war ja seit der ersten Nachrichtensendung im Jahr 2003 dabei. Dieser Sender ist mein Zuhause. Es fühlt sich einfach so an, wie nach Hause zu kommen. Allerdings bin ich nur zurück gekommen, weil mich die Besitzer von ´Imedi` persönlich darum gebeten haben."

2001 wurde die Mediengesellschaft "Imedi" vom georgischen Oligarchen Badri Patarkazischwili gegründet, 2003 ging TV-"Imedi" auf Sendung - kurz vor dem Amtsantritt des westlich orientierten georgischen Politikers und damaligen Hoffnungsträgers Micheil Saakaschwili. Der junge und charismatische Politiker wurde im Januar 2004 Nachfolger des zuvor durch die Rosenrevolution gestürzten Präsidenten Eduard Schewardnadse.

Nach der korrupten und politisch instabilen Schewardnadse-Ära hofften die Georgier und mit ihnen die Journalisten auf eine neue Epoche der Freiheit, Demokratie und des wirtschaftlichen Aufschwungs. Wie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre konnten sie auch jetzt wieder kritisch und unabhängig über die Missstände im Land berichten. Es fegte damals ein "Wind of Change" durch Georgien, sagt Levan Javakhishvili. Seine Augen leuchten und man sieht ihm an, dass es eine befreite Zeit gewesen sein muss - nach all den Jahren der Repression.

"Nach Schewardnadse und der Rosenrevolution dachten viele Menschen, wir werden endlich ein normales Leben hier haben. Aber zwischen 2003 und 2004 wurde wieder ein TV-Sender geschlossen. Das war das erste Signal." 

Sondereinheit stürmte 2007 den Sender "Imedi"

2007 hatte die Offenheit dann auch bei "Imedi" ein Ende: Der TV-Sender hatte über den Missbrauch von öffentlichen Geldern verschiedener Ministerien berichtet, die Menschen in Georgien gingen auf die Straße, um gegen die Korruption zu protestieren. Der Druck auf den Präsidenten wuchs täglich.

Als sich der Oligarch Patarkazischwili dann auch noch auf die Seite der Opposition schlug, fiel sein Sender gänzlich in Ungnade bei Saakaschwili und dessen regierender Partei "Vereinte Nationale Bewegung". Am 7. November 2007 stürmte schließlich eine vermummte Sondereinheit während einer Livesendung das Fernsehstudio am Rande der Stadt und zwang die Journalisten vor laufenden Kameras, den Sendebetrieb einzustellen.

Levan Javakhishvili geht über die Flure des heute mit meterhohen Zäunen und Kameras gesicherten Medienhauses. In dem Studio, in dem er damals mit einer Kollegin die Abendnachrichten moderierte, ist es heute dunkel, verkramt, vereinzelt stehen alte Kulissen herum. Mit versteinerter Miene zeigt er hinauf zu einer verglasten Wand, durch die man direkt in das Studio schauen kann. Dort standen damals die vermummten Männer mit ihren Gewehren und starrten zu ihnen hinab.

"Wir wurden über die Kopfhörer informiert, dass eine Spezialeinheit in den Sender eingedrungen war. Als ich realisierte hatte, was passiert ist, sagte ich zu den Zuschauern: ´Bewaffnete Männer haben gerade unseren Sender "Imedi" besetzt.` Dann kamen zwölf Maskierte in das Studio, richteten ihre Kalaschnikows auf uns und sagten, wir sollen mit der Sendung aufhören."

Sie hatten damals Todesangst, sagt Levan Javakhishvili. Keiner von den Redakteuren, Kameraleuten und Technikern wusste, ob sie jemals lebend wieder hinaus kommen würden. Ihre Telefone klingelten unaufhörlich, jeder sah ja live im Fernsehen, was gerade bei "Imedi" passierte. In einer kurzen Ansprache erklärte der Chefredakteur dem Fernsehpublikum die Situation und bat um internationale Hilfe. Der Bildschirm wurde schwarz, das Programm war beendet.

Stunden später wurden die Mitarbeiter frei gelassen, wenige Wochen darauf wurde der Besitzer enteignet. Investigativer und unabhängiger Journalismus wurde in den Folgejahren immer schwieriger. Hintergrundrecherchen waren fast unmöglich, weil keiner Auskunft geben konnte oder wollte. Wenn Kritik irgendwo vorkam, konnten wegen der begrenzten Sendereichweiten nur wenige Menschen diese hören oder sehen.

Drohungen müssen Journalisten in Georgien nicht mehr fürchten

Erst mit dem politischen Machtwechsel in Georgien im Herbst 2012, als bei der Parlamentswahl die Saakaschwili-Partei unterlag, wurde der Oligarchen-Familie Patarkazischwili die "Imedi"-Mediengesellschaft wieder übertragen. Heute regiert in Georgien das Parteienbündnis "Georgischer Traum" des Milliardärs und Ex- PremierministersBidsina Iwanischwili. Unter dieser neuen Regierung und dem alten Arbeitgeber kehrte auch Moderator Levan Javakhishvili zurück ins Scheinwerferlicht. Drohungen, Einschüchterungen und Enteignung müssen Journalisten und Medienunternehmen im heutigen Georgien nicht mehr fürchten.

"Heute gibt es in Georgien zwar keine Zensur mehr oder andere Beschränkungen, aber dafür haben wir private Sender, die entweder für oder gegen die Regierung, oder für oder gegen die Opposition berichten. Viele Journalisten haben keine eigene Meinung. Sie sind nicht frei in ihrem Denken. Obwohl sie gar keine Angst vor irgendeinem Druck haben müssen. Viele sehen ihre Aufgabe nicht darin, über etwas nur zu berichten, sondern sie wollen selbst mit Einfluss auf die Politik nehmen. Sie sind einfach nicht unabhängig in ihrer Berichterstattung."

In der Liberali-Redaktion wird fleißig in die Tasten gehauen. In dem modernen Großraumbüro in Zentrum von Tiflis sitzen junge und stylisch gekleidete Frauen und Männer vor ihren riesigen Monitoren, an den Wänden hängen großflächige Fotografien von Demonstrationen für Demokratie und Menschenrechte. In wenigen Stunden muss die nächste Ausgabe des unabhängigen und kritischen Politikmagazins fertig sein.

Politikchef Irakli Absandze, ein kleiner, runder und sympathischer Mann mit Nickelbrille und Spitzbart, bespricht mit allen noch einmal die letzten Details. Ein Thema des nächsten Hefts ist der Widerstand der Orthodoxen Kirche gegen ein Obdachlosenheim für Homosexuelle in Tiflis. Das sei genau ein Thema für das "Liberali" steht, sagt Irakli Absandze, der in Deutschland Politikwissenschaft studiert hat.

"Wir schreiben sehr gerne über marginalisierte Schichten in der Gesellschaft, oder die solche Gefahr haben zum Beispiel ethnische Minderheiten, soziale Minderheiten. Wir schreiben gerne über Werte, was uns mit der westlichen Welt vereint, was die sind und woher die kommen. Und wir versuchen möglichst kritisch zu sein. Damit wir unsere Watcher-Funktion wirklich wahrnehmen können. Wir wollen nicht nur eine Informationsquelle für unsere Leserschaft sein, sondern wir wollen auch, dass georgische Politiker uns als Handwerk benutzen."

Investigative Journalisten publizieren im Internet

"Liberali" - das Magazin mit dem rot-weißen Logo und einem großflächigen Foto auf dem Cover wird in den Augen der sieben Festangestellten und der Handvoll freien Mitarbeiter vor allem auch für die so genannten Entscheider in Georgien gemacht. Für diejenigen, die die Geschicke des Landes mitbestimmen. Irakli Absandze selbst kam erst 2012 zu dem Magazin, das 2009 zum ersten Mal erschien. Vorher war er jahrelang bei einem privaten Fernsehsender in der Stadt Poti im Westen des Landes angestellt. Wegen seiner kritischen Berichterstattung wurde er zu Michail Saakaschwilis Zeiten abgehört, bedroht und verhört. Heute sagt er über die Arbeitsbedingungen von Journalisten in Georgien:

"Es ist deutlich besser geworden. Wir haben Luft zum Atmen. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr beobachtet werde, wie zu Michas Zeiten. Das Handy wird nicht mehr abgehört. Alles, was ich schreibe, auch kritische Sachen, sorgt nicht über meine berufliche Zukunft. Ich bekomme keine komischen Anrufe."

Das Privatfernsehen ist der Goliath, gegen den ein monatliches Magazin wie "Liberali" nur verlieren kann. Und so hoffen die investigativen Journalisten hier im Büro mit ihren Kopfhörern im Ohr und ihren Kaffebechern vor der Nase vor allem auf die Wirkung ihrer gut recherchierten Geschichten über korrupte Beamte und homophobe Kirchenvertreter und vor allem auf ihre Leser im Internet. Denn die sind, glaubt man den Analysen, gebildet, gut informiert und vor allem jung - zwischen 18 und 45 Jahre. "Uns liest man im Web", fasst Irakli Absandze kurz und knapp zusammen. Monatlich würden 30.000 bis 40.000 Menschen die "Liberali"-Artikel im Netz anklicken, sagt er. Genau das sei die Hoffnung für den georgischen Journalismus.

Nur wenige Kilometer entfernt von der Imedi-Redaktion steht die Journalistin Edita Badasyan am Rustaweli Prospekt, der zentralen Hauptstraße von Tiflis, vor der glänzenden Fassade des Radison Hotels. Für die russische Internetzeitung "Kaukasischer Knoten" berichtet sie als Korrespondentin aus Georgien und der gesamten Kaukasusregion. Edita kritisiert das Selbstverständnis und die Arbeit vieler Journalisten im heutigen Georgien. Sorgfältige Recherche, Trennung von Meinung und Information sowie eine ausgewogene Berichterstattung seien vielen ihrer Kollegen fremd, sagt die Frau, die auch schon in Deutschland und Russland gearbeitet hat.

"Das Problem, das wir hier noch haben in unserer Medienlandschaft, ist, dass wir kaum objektive Medien haben. Wir haben pro Regierung oder ganz anti Regierung. Etwas Balanciertes haben wir kaum. Wir haben sehr viele Zeitungen, die xenophobe Aussagen haben, gegen Minderheiten, nationale, sexuelle, religiöse Minderheiten. Und diese Zeitungen werden nicht bestraft. Es wird kritisiert, aber das macht nichts. Die können weiter drucken und verkaufen. Es gibt keine Strafen für diejenigen."

Niedriges Gehalt und Blockaden in Behörden

Im Durchschnitt verdient ein Journalist in Georgien 250 bis 400 Euro im Monat, beim Fernsehen kann es bis zu 500 Euro sein - insgesamt liegt das durchschnittliche georgische Monatseinkommen bei 250 Euro. Viele ihrer Kollegen würden für mehrere Redaktionen gleichzeitig arbeiten, erzählt sie, oder nebenher etwas ganz anderes machen, um ihre Familie ernähren zu können. Und neben diesen Alltagssorgen kommen dann auch noch die täglichen Hürden der Recherche dazu. Im Vergleich zu früher seien die Behörden zwar auskunftsfreudiger, aber wenn es um die reine Faktenbeschaffung geht, stoße sie immer noch oft an Grenzen:

"Was wir jetzt brauchen, das ist wirklich noch schwer. Nur so Presseerklärungen und so. Aber jetzt mit Archiven und das alles, das ist noch zu für uns. Man kann über alles schreiben, es ist nur darum, wie man die Fakten kriegt. Natürlich, man kann sich wie ein Schriftsteller etwas ausdenken, aber wenn Du Fakten kriegen willst, das ist ein wenig schwer. Georgien ist nicht so ein großes Land, deswegen bekommen wir sehr viele Informationen von den Leuten. Das Problem ist, das alles nachzuweisen mit Unterlagen."

Dennoch scheint Georgien nach Jahren der politischen Spannungen, der wirtschaftlichen Misere und der Medienrepression auf einem guten Weg zu sein. Nur ein Beispiel dafür ist die Möglichkeit für Journalisten an Informationen über die Zustände in den Gefängnissen heranzukommen. War dies unter Präsident Saakaschwili ein selten gelingendes investigatives Kunststück - damals wurde in den Gefängnissen geschlagen und gefoltert - so ist mit dem heute regierenden Parteienbündnis "Georgischer Traum", dem neuen Präsidenten Georgi Margwelaschwili und dem neuen Regierungschef Irakli Garibaschwili ein Neustart auch im Umgang mit den Medien spürbar. Über den zuständigen ebenfalls neuen Minister sagt Edita:

"Er ist immer offen, er gibt alle Informationen ... Also, was wir brauchen, über Häftlinge. Es wird immer in Gefängnissen protestiert, manche nähen sich den Mund zu, weil sie protestieren. Und trotzdem dieser unangenehmen Sachen, was Ministerium vielleicht nicht so offen zeigen wollte für unsere Gesellschaft. Und wir können wirklich durch PR-Arbeit das bekommen. In welches Gefängnis das passiert ist, warum und wer sind diese Leute. Und früher wir konnten gar nichts wissen. Also, das ist schon ein großer Unterschied. Und ich kann das fühlen, dass sich manche, bestimmte Sachen haben sich wirklich verbessert."

PODCAST: Blick ins Herz Eurasiens - Stephan Wackwitz: "Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan". Von Marko Martin (deutschlandradiokultur.de)

"Die vergessene Mitte der Welt" von Stephan Wackwitz, S. Fischer Verlag: podasct hören mp3.dradio.de

(deutschlandradiokultur.de) Wer bei Baku nur an den Eurovision Songcontest denkt, sollte Stephan Wackwitz' Buch lesen. Der vielgereiste Autor beschreibt in gelungenen Essays das kulturelle und politische Leben in den drei Ländern Aserbaidschan, Georgien und Armenien - erhellende und unterhaltsame Einblicke.


Die Altstadt der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku mit Minaretten liegt vor dichtbebauten neuen Hochhäusern.
(Photo: Sven Töniges)
Stephan Wackwitz, Jahrgang 1952, ist ein Schriftsteller, wie er als Typus ansonsten eher in der französisch- und spanischsprachigen Welt bekannt ist: Der feinnervige Intellektuelle, der neugierig diverse Kulturen bereist, sich in großen Städten zu Hause fühlt, jedoch bei all dem institutionell abgesichert ist. Der Dichter Octavio Paz war Mexikos Botschafter in Indien, der kubanische Romancier Alejo Carpentier, und der Chilene Pablo Neruda vertraten in der gleichen Position ihre Länder in Paris, der französische Lyriker Saint-John Perse arbeitete als Diplomat in den USA. Sie alle hatten über ihre Welterfahrungen Bücher geschrieben, und wer die Fallhöhe zum eher provinziellen Deutschland ermessen will, denke am besten an den Nazivergangenheitsverdränger und Vielschreiber Erwin Wickert: "Unser Mann in Tokyo und Peking."

Der ungleich reflektiertere Stephan Wackwitz dagegen hat eine linksintellektuelle Sozialisation hinter sich, vor allem aber Stationen als Leiter zahlreicher Goethe-Institute von Neu Delhi bis New York. Sein schönstes Buch ist Tokyo gewidmet, sein neuestes ist gerade erschienen: "Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan." Dieser analytische, dabei gewitzt subjektive Reise-Essay versammelt wiederum alle Tugenden dieses Autors: Stadt-Beschreibungen von pointillistischer und ironischer Prägnanz; landeskundliche Exkurse ohne Baedeker-Betulichkeit. 

Dazu die überraschenden, jedoch nie eitlen Assoziationen eines vielgereisten Kulturbürgers: So erinnert ihn das heutige, semi-archaische Tiflis nicht nur an die Filme Federico Fellinis, sondern auch an die Gestimmtheit italienischer Western. Dagegen heißt es über Armenien: "Und so bin ich mir wirklich vorgekommen wie im Inneren einer kommunistischen Zeit- und Traummaschine, als ich zum ersten Mal auf dem weiten Zentralplatz von Eriwan stand. (…) Ein Kommunismus, den Giorgio de Chirico gemalt hat.“

Deutschlands bester Reiseautor

Ein Autor, der sein eigenes Referenzsystem immer wieder in Frage stellt (eine köstlich souveräne Polemik gegen den serbien-verklärenden Irrwisch Peter Handke inklusive) und sich am Schluss fragt, ob nicht auch er selbst einer Kaukasus-Romantik zum Opfer gefallen war: Gerade nämlich hatte er vom Goethe-Institutsfenster aus gesehen, wie in Tiflis orthodoxe Provinz-Zeloten Jagd machten auf demonstrierende Homosexuelle. Dass am Schluss die Polizei sich im Regierungsauftrag doch noch auf die Seite der Zivilgesellschaft stellt und Stephan Wackwitz eben dieser Georgien-Episode ungleich mehr Platz einräumt als einer Reflexion über die postsowjetischen Herrschaftstechniken im benachbarten Aserbaidschan, ist wiederum eine hübsche Pointe: Heißt es doch inzwischen von der globalisierten intellektuellen Linken, dass in deren Wahrnehmung die Schwulen längst die Rolle des einst idealisierten Proletariats eingenommen haben.

Doch wie auch immer: Es gibt im gegenwärtigen Deutschland wohl keinen zweiten Autor, der wie Stephan Wackwitz Kopf- und reale Reisen so elegant in Einklang zu bringen vermag. Man wünscht deshalb auch seinem jüngsten Buch zahlreiche Leser.

Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2014 248 Seiten, 19,99 Euro

AmazonShop: Books, Maps, Videos, Music & Gifts About The Caucasus

Sunday, January 19, 2014

LITERARISCHE REPORAGE: Arkadi Babtschenko: "Ein Tag wie ein Leben. Vom Krieg". Von Gregor Ziolkowski (deutschlandradiokultur.de)

(deutschlandradiokultur.de) Seinen Militärdienst leistete Arkadi Babtschenko in Tschetschenien. Die Kriegserfahrung hat den russischen Journalisten nicht mehr losgelassen. "Ein Tag wie im Leben" ist sein drittes Buch darüber.

Podcast >>>

Zerstörung in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny
Kriegszerstörung in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny (AP Archiv)
Arkadi Babtschenko ist vom Krieg geradezu besessen. Mit "Ein Tag wie ein Leben" legt er sein drittes Buch vor, das sich diesem Thema zuwendet, und erneut ist die eigene Erfahrung dieses Autors, seine Erlebnisse in den zwei Tschetschenien-Kriegen, ein wichtiger Pfeiler seiner Erzählungen. Allerdings erweitert der Autor in diesem Buch sein Blickfeld erheblich und dies sowohl in geographischer als auch in zeitlicher Hinsicht, ein Umstand, der auch auf der reflexiven Ebene Folgen hat.

Denn wenn die vorherigen Bücher Babtschenkos klar auf die Individualisierung des Phänomens Krieg abzielten, auf die Unmittelbarkeit des Erlebens. Auf die Heranführung des Lesers bis zum Leib des einfachen Soldaten, der sein Fleisch und sein Hirn der härtesten Gefährdung aussetzen muss. So geht es auch hier darum, aber eben auch um mehr.

Die Erfahrungen des Kriegsreporters fließen da ein, der etwa an die Schauplätze des russisch-georgischen Konflikts gereist ist und diese noch glühenden Brandherde, diese Landschaften nach der Schlacht, mit der Eindringlichkeit eines Augenzeugen beschreibt, auch ohne selbst Beteiligter gewesen zu sein. Die geopolitische Dimension dieses Konflikts, der da zwischen NATO-Gelüsten auf georgischer Seite und russischen Interessen zu verorten ist, gerät dabei in den Blick, ohne dass die Geschehnisse eine letzte Erklärung finden würden.

Zwielichtige Begegnungen

Begegnungen mit durchaus zwielichtigen "Geschäftsleuten", die offenkundig in der Grauzone des privatwirtschaftlichen Söldnertums ihr Auskommen finden. Leuchten hinein in die Merkwürdigkeiten einer konfliktiven Gegenwart, die unter dem Stichwort "Krieg" nicht mehr ausschließlich nationalstaatliche Konfrontationen versteht. Sondern einen globalisierten, dabei lokal eingegrenzten Wirtschaftsfaktor, der in gewisser Weise auch "Arbeitsplätze" und "Märkte" bereithält, die vielleicht Irak oder Afghanistan heißen.

Immer wieder treibt den Kriegsphänomen-Besessenen die Sinnfrage um. Wozu tut man das? Wer unter den unmittelbar Beteiligten versteht eigentlich die Motive für das Kämpfen? Unter welchen Bannern werden diese Auseinandersetzungen geführt? Heimat, Patriotismus, Religion, Pflicht - Begriffe, die Babtschenko unaufdringlich in die Debatte wirft, weil er sie an konkreten Personen und ihren Lebensläufen entlang verhandelt. Aus der jeweiligen Geschichte selbst ergeben sich diese Fragestellungen, die nach Werten fragen, wobei die Antworten eher verhalten ausfallen.

Verarmte Kriegsveteranen

Als schlichtweg desaströs beschreibt er die Situation jener – inzwischen uralten – Generation von Kriegsveteranen, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben und im heutigen Russland ein Bettlerdasein führen müssen. Die thematische Linie – Wie geht das Land mit seinen Kriegsveteranen um? - wird aber auch am Beispiel der Afghanistan- und Tschetschenien-Veteranen verfolgt, auch dies ein nicht allzu rühmliches Kapitel.

"Vom Krieg", das ist ein gut gewählter Untertitel für dieses Buch. Zwischen literarischer Reportage, historischem Exkurs und sozialpsychologischer Reflexion sondiert es am jeweiligen Beispiel jenes beunruhigende Terrain, das für uns seit langer Zeit woanders liegt, ohne dass es den Anspruch erheben würde, die jeweilige Situation erschöpfend zu erklären. Dieses "Woanders" ist hier nichts anderes als ein Schlachtfeld des Menschlichen, im Zweifelsfall gar nicht so weit entfernt.

Arkadi Babtschenko: EinTag wie ein Leben. Vom KriegAus dem Russischen von Olaf Kühl
Rowohlt Verlag, Berlin 2014
272 Seiten, 19,95 Euro

Mehr zum Thema:
20.05.2009 | KRITIK
Arkadi Babtschenko: "Ein guter Ort zum Sterben"
3.05.2009 | LITERATUR
Literarische Sichten auf Krieg von Remarque bis zu Babtschenko


AmazonShop: Books, Maps, Videos, Music & Gifts About The Caucasus

Friday, March 15, 2013

RADIO: Bücherfrühling 2013 - Von der Leipziger Buchmesse (dradio.de)

(dradio.de) NÄCHSTE SENDUNG
16.03.2013 23:05 Uhr

Mit Nico Bleutge, Nino Haratischwili und Manana Tandaschwili, Abbas Khider, Olga Martynova, Birk Meinhardt, Robert Schindel, Schünemann&Voliæ, David Wagner und Ulrich Woelk

Moderation: Barbara Wahlster, Sigried Wesener, Dorothea Westphal

Mitschnitt vom 16.3.13 - 12.00-15.00 Uhr am 3sat-Messestand Glashalle

Thursday, February 21, 2013

PODCAST: Für Völkerverständigung bestraft. Morddrohungen gegen aserbaidschanischen Schriftsteller Akram Aylisli. Von Gesine Dornblüth (dradio.de)

(dradio.de)Aserbaidschan und Armenien sind zutiefst verfeindete Nachbarn. Umso ungewöhnlicher war es, dass der aserbaidschanische Schriftsteller Akram Aylisli nun eine Novelle veröffentlichte, in der es um Gewalttaten der eigenen Seite, der Aserbaidschaner, an Armeniern geht. Dafür wird Aylisli mit dem Tode bedroht. 

Podcast >>>

"Steinträume" heißt die Novelle von Akram Aylisli, und der Autor schildert darin unter anderem eine Szene während der Pogrome gegen Armenier in Aserbaidschan 1990. Der Held der Novelle, ein aserbaidschanischer Schauspieler, sieht mit an, wie seine Landsleute einen Armenier in ein Becken mit eiskaltem Wasser werfen und ihn zu Tode treten. Als der Schauspieler dem alten Armenier helfen will, wird er selbst krankenhausreif geschlagen. Insgesamt schildert Aylisli die Armenier und ihre Kultur in der Novelle positiv. Das gab es in den letzten Jahren in der aserbaidschanischen Literatur nicht, und auch für Aylisli war das Thema neu.

"Jedes Thema reift in mir wie ein Getreidekorn, das auf die Erde fällt. Es wächst sehr langsam. Das ist ein langer Prozess. Ich habe lange über dieses Thema nachgedacht. Und wann es schließlich reif war, hing nicht von mir ab."

Aylisli, 76 Jahre alt, ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Aserbaidschans, er hat viele Preise bekommen. Doch seit dem Erscheinen der Novelle "Steinträume" gilt er in seiner Heimat als Verräter. Der Hass auf die Armenier ist in Aserbaidschan groß. Ein führender Politiker rief dazu auf, ihm das Ohr Aylislis zu bringen. Dem Schriftsteller wurde die Ehrenrente gestrichen, seine Bücher wurden aus Buchhandlungen entfernt und öffentlich verbrannt, er erhält Morddrohungen, Abgeordnete des Parlaments schlugen vor, Aylisli des Landes zu verweisen. Der Autor selbst trägt es gefasst.

"Ich glaube an Gott. Und ich denke, der Tod fragt nicht, wann er kommt. Ich habe keine Angst vor meinem Tod. Aber meine Familie wird auch unter Druck gesetzt. Das ist für mich das schlimmste."

Nur die wenigsten Aserbaidschaner dürften Aylislis Novelle überhaupt gelesen haben. In Aserbaidschan fand sich kein Verleger. Die Novelle erschien in russischer Übersetzung in einer traditionsreichen russischen Literaturzeitschrift, in der Aylisli auch früher schon veröffentlicht hatte. Der Titel der Zeitschrift passenderweise: Druschba Narodov, Völkerfreundschaft. Chefredakteur Aleksandr Ebanoidze:


"Die Novelle ist literarisch wertvoll und interessant verfasst. Uns schien, dass so ein Blick eines aserbaidschanischen Schriftstellers die Tür für eine Wiederaufnahme des Dialogs mit der armenischen Seite öffnet. Das Buch ist hochmoralisch. Es geht darum, Schmerz und Erinnerung zu überwinden, Reue zu empfinden, und darüber neue Wege zu finden, um ein Gespräch mit der anderen Seite wieder aufzunehmen."

Akram Aylisli erläutert:

"Mir ging es um Humanität. Ich wollte der Welt zeigen, dass es ein Volk gibt, das sich zu seinen Fehlern bekennt, das seine Schuld anerkennt. Und ich wollte die andere Seite aufrufen, gleichfalls ihre Fehler einzugestehen. Damit alle wieder friedlich zusammen leben, wie früher. Damit wir weiterleben können."

Die aserbaidschanische Behörden und Politiker haben offenbar ein anderes Verständnis von Humanität. Sie forderten Aylisli auf, sein Werk zu widerrufen. Und ein Spitzenbeamter der Präsidialverwaltung Aserbaidschans sagte Medienberichten zufolge über Aylisli, wer keinen Sinn für die Nation habe, der könne auch nichts von Humanität verstehen. Mittlerweile haben sich das US-State Department und die OSZE eingeschaltet, um Aylisli zu schützen. Der Redakteur der Zeitschrift "Völkerfreundschaft", Aleksandr Ebanoidze, will Unterschriften russischer Schriftsteller für Aylisli organisieren. Er selbst zweifelt inzwischen, ob es richtig war, die Erzählung zu drucken.

"Mir scheint mittlerweile, wir haben diesen Schritt vielleicht zu früh getan. Die Wunden müssen offenbar zuerst mal vernarben. Sie aufzureißen, ist menschlich wohl zu schmerzhaft und zudem politisch gefährlich."

Akram Aylisli lässt das nicht gelten.

"Gerade im Orient wurde bisher wohl jeder Schriftsteller für verfrühte Werke bestraft. Wir haben da sehr berühmte Beispiele. Der Begründer der modernen aserbaidschanischen Literatur, Mirza Fatali Akhundov, ein Zeitgenosse Puschkins, wurde Zeit seines Lebens bedroht. Später wurde er dann zum Gewissen der Nation."

Wednesday, July 18, 2012

PODCAST: 800 Jahre deutsch-georgische Beziehungen: Eine Ausstellung in Tiflis

Zur Deutschlandradio-StartseiteSendezeit: 16.07.2012 23:38
Autor: Fink, Hans Jürgen
Programm: Deutschlandradio Kultur
Sendung: Fazit
Länge: 06:57 Minuten


PODCAST: 800 Jahre deutsch-georgische Beziehungen: Eine Ausstellung in Tiflis

Wednesday, June 06, 2012

PODCAST: Der Schachgroßmeister Levón Arónian. Verschmelzung von Talent und Faulheit. Von Vera Block (dradio.de)

 Podcast zum Hören >>>

(dradio.de) Levón Arónian ist 29 Jahre alt - und der zweitbeste Schachspieler der Welt. Geboren ist er in Jerevan, zur Wahlheimat wurde ihm Berlin. Kenner bewundern Arónians "kaukasischen" Spielstil - überraschend und draufgängerisch. Doch der Armenier hat noch eine Leidenschaft: Kickboxen.

Nein, das wird er nicht tun. Levon Aronian weigert sich vorzuführen, wie er im Garten am Sandsack Kickboxen trainiert. Stattdessen geht er zurück ins Haus. Zieht seine blauen Hauslatschen mit Homer-Simpson-Motiv an und nimmt die Treppe in den ersten Stock - in sein Arbeitszimmer."

"Aber ich arbeite hier selten. Ich sitze hier meist herum und tue so als ob ... In Wirklichkeit quäle ich mich - stelle etwas aufs Brett und versuche, irgendwas Passables aus den Tiefen meines Verstandes herauszuholen."

Es ist ein schlichtes Zimmer. Ein Sofa. Ein Bücherregal. Ein Schachbrett mit kippendem König - in Öl gemalt. In der Ecke eine Glasvitrine mit Pokalen und Medaillen, die Levon Aronian von Turnieren mitgebracht hat. Auf dem Schreibtisch - Papierstapel und eine Dockingstation. Aronian steckt den MP3-Player ein.

"Wenn du plötzlich den Wunsch spürst, mitzustampfen, mitzuswingen - das gleiche Gefühl hat man bei manchen Schachpartien. Es überkommt dich plötzlich, du siehst eine Angriffssituation und bekommst Lust, einzusteigen."

Am Tisch nimmt Levon Aronian sofort die typische Schachspieler-Haltung ein: beide Ellbogen aufgestützt, das Gesicht liegt in den Handflächen. Levon Aronian hat ein kantiges Profil, eine Knubbelnase, ein markantes Kinn und ein schalkhaftes Blitzen in den Augen. Er ist 29 und der zweitstärkste Schachspieler der Welt. Kenner bewundern seinen "kaukasischen" Spielstil - überraschend und draufgängerisch.

"Es ist schwierig, so etwas einen Stil zu nennen - es ist eher eine Verschmelzung von Talent und Faulheit. Daher kommt der Wunsch, möglichst bald den Kanon, die Norm zu verlassen und schnell etwas auf dem Brett zu schaffen, was der Gegner nicht kennt. Es ist immer ein Versuch, durch das naturgegebene Talent zu gewinnen."

Sein Talent hat Levon Aronian dank seiner großen Schwester entdeckt. Damals war er neun.

"Ich habe meine Schwester ziemlich genervt, wollte immer mit ins Kino oder zum Spielen. Also hat sie überlegt, womit sie mich ablenken könnte. Schach war eine Möglichkeit - es hätte aber alles Mögliche sein können ... "

Levon Aronian ist in der armenischen Hauptstadt Jerevan geboren. Vater - Physiker, Mutter - Bergbauingenieurin. In den schlechten Jahren nach dem Ende der Sowjetunion verkauft sie ihren Schmuck und Teile der Bibliothek, um Schachlehrbücher für ihren Sohn zu besorgen.

"Wenn du als Kind den Zusammenbruch eines Systems erlebst und mitkriegst, wie die Eltern ihre Jobs verlieren - das stärkt. Durch ihren Optimismus haben meine Eltern es geschafft, meinen Weg zum Schach zu ebnen. Und das hat mit das Grundvertrauen gegeben."

Lange Zeit bleibt Levon Aronian unbesiegt: Jugendweltmeister mit zwölf und mit 14, Großmeister mit 16. Weltmeister in Schnellschach, Blitzschach und Mannschaftsschach. 2003 entschließt Aronian sich, für den Deutschen Schachbund zu spielen und zieht mit der Familie nach Berlin um. Wobei er gut 200 Tage im Jahr unterwegs ist - zu Turnieren, zur Freundin nach Australien, zur Nationalmannschaft nach Armenien, wo Levon Aronian wie ein Volksheld gefeiert wird. Aber mit Mitte Zwanzig hat er vom Schachspielen genug.

Der Schachgroßmeister Levón Arónian (Bild: Vera Block / privat)
Der Schachgroßmeister Levón Arónian (Bild: Vera Block / privat)
"Irgendwann erreichte ich ein Niveau, auf dem auch ich hin und wieder geschlagen wurde. Das gefiel mir nicht ... Und es kamen Fragen nach dem Sinn des Ganzen auf. Denn es ist schwierig zu behaupten, Schachspiel hätte einen tieferen größeren Sinn. Es ist eine Beschäftigung, die mir sehr gefällt. Erst als ich begriffen habe, dass in der Welt nicht alles begründet und auseinander genommen werden kann, fang ich an, Schach mehr zu lieben und mich weniger dafür zu schämen. Und dann fragt man sich selbst - soll ich entspannen, mir unter den ersten Zehn ein schönes Leben machen, allein durch das Talent. Oder soll ich vielleicht anfangen, ernsthaft zu arbeiten und versuchen, ganz nach oben zu kommen."

Levon Aronian will nach ganz oben. Obwohl er Schach inzwischen für eine brutale Angelegenheit hält.

"Es gibt Momente im Schachspiel, wenn du spürst, dass du besiegt, vernichtet wurdest. Da bricht alles in einem zusammen. Jemanden wiederum am Brett deinem Willen zu unterwerfen ist ein schönes Gefühl. Wenn du es schaffst, deinen Gegner emotional zu besiegen - das ist ziemlich heftig."

Levon Aronian rutscht auf dem Stuhl hin und her, lehnt sich zurück, wippt mit dem Kopf zur Musik. Ähnlich wie Jazz hält er auch Schach für eine Kunstform.

"Diese beiden Kunstformen befinden sich auf einem Niveau, das für die Mehrheit nicht erreichbar ist. Aber sobald du das Geheimnis dieses Spiels oder dieser Musik entdeckst, fängst du an, diese Kunst vom ganzen Herzen zu lieben."

Sunday, April 08, 2012

MUSIK: Ein Operntheater am Rande Europas - Tbilisi. Von Marika Lapauri-Burk (dradio.de/dkultur)

Montag, 09. April 2012, 22.00 Uhr -

Deutschlandradio Kultur

Player>>>

Musikfeuilleton - "Dass in Tiflis eine solche Sängertruppe existiert, überrascht mich sehr". Ein Operntheater am Rande Europas

Wednesday, September 28, 2011

LITERATUR: Nino Haratischwili: "Mein sanfter Zwilling" (dradio.de)

Podcast: Krieg und Frieden

Nino Haratischwili: "Mein sanfter Zwilling", Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2011, 380 Seiten

Die Nachwuchsautorin Nino Haratischwili erzählt in ihrem Roman "Mein sanfter Zwilling" von einer zerstörerischen Liebe, den Verheerungen der Kaukasus-Kriege und den unmöglichen Versuchen, sich zu versöhnen. Ein Familiendrama, eine Liebesgeschichte und ein Kriegsepos in einem.

Siehe da, wir haben eine neue Heldin der zeitgenössischen deutschen Literatur. Sie heißt Nino Haratischwili, ist bisher vor allem Theatergängern mit ihren Stücken bekannt und stand mit ihrem Romandebüt "Juja" letztes Jahr zwar auf der Longlist des Buchpreises, wurde bisher aber nicht ausreichend wahr genommen.

Dies wird sich nun ändern, es muss sich ändern. Denn die 1983 in Tiflis, Georgien, geborene Autorin legt mit ihrem aktuellen Buch "Mein sanfter Zwilling" einen Roman vor, der mit fast schon klassischer Wucht daherkommt. Es liest sich zuweilen wie ein Krimi, dann wieder wie ein Familiendrama, später wie eine romantische Liebesgeschichte - und am Ende wie ein Kriegsepos.

Die letzten Seiten sind kaum zu ertragen, so dramatisch entwickeln sich die Ereignisse - so viel schmerzhafte Wendungen nimmt die Geschichte und so viel Schicksal wird entschieden.

Haratischwili schreibt aus der Sicht von Stella, einer 36-jährigen Journalistin im Hamburg von heute. Sie lebt in äußerlich geordneten Verhältnissen - eine bürgerliche Ehe-Existenz ohne finanzielle Sorgen, ein verständnisvoller Mann, ein Sohn, der regelmäßig zum Sport geht. Doch Stella hat ihre Herkunft und ihre Kindheit nie geklärt, was ihr zum emotionalen Verhängnis wird.

Sie ist ein Scheidungskind wie so viele, vor allem aber erlebt sie den Niedergang einer ganzen Familie. Nicht nur, dass sie regelmäßig Zeugin der Untreue ihres Vaters wird und den Wegzug ihrer Mutter nach Amerika verkraften muss. Sie wird mit vielen weiteren Einschnitten konfrontiert. Die Geliebte ihres Vaters wird von deren Ehemann getötet und sie, Stella, gibt sich dafür die Schuld. Sie beginnt eine symbiotische Liebesbeziehung zu Ivo, dem Sohn der getöteten Geliebten des Vaters. Stellas Liebe zu Ivo wird zu einem emotionalen Abhängigkeitsverhältnis, das als ein Ineinandergreifen der Identitäten beschrieben wird.

Schnell werden die verheerenden emotionalen und sozialen Folgen dieser Beziehung deutlich. Ivo verschwindet für Monate und taucht plötzlich wieder auf. Er ist erfolgreicher Kriegsreporter, nimmt aber regelmäßig Drogen, pflegt ein haltloses Sexleben und ist rücksichtslos mit seiner Umwelt. Dennoch spürt Stella nur bei ihm ein "Gefühl der Gegenwart, das er monarchisch verbreitete, totalitär um sich streute".

Eine Verstrickung aus traumatischen Erlebnissen, Schuldzuweisungen und Haltlosigkeit entsteht. Doch das ist noch längst nicht alles. Bis hierhin könnte man Haratischwillis Roman noch als reines Familiendrama lesen, als ein besonders beeindruckendes Exemplar der vielen Bücher, die zur Zeit davon erzählen, welche Wunden Familien hinterlassen können.

Doch hier ist mehr. Im zweiten Teil des Romans greift Nino Haratischwili auf die Geschichte ihre georgischen Heimat zurück. Ihr gelingt die Verflechtung einer deutschen Familiengeschichte mit den Verheerungen der Kriege im Kaukasus, die die Region erschütterten. Georgier, Abchasen, Osseten, Tschetschenen, Russen - die Opfer gehen in die Tausende und auch dort wurden Familien traumatisiert und auseinandergerissen, wenn auch begleitet mit unvergleichlicher Gewalt.

Dorthin reist Ivo als Reporter, und die Ich-Erzählerin Stella folgt ihm. Was sie dort finden, geht weit über ihre eigene Geschichte hinaus und lässt diesen Roman am Ende sogar zu einem Epos der Versöhnung werden.

Besprochen von Vladimir Balzer

Nino Haratischwili: Mein sanfter Zwilling
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2011
380 Seiten, 22,90 Euro


Quelle: dradio.de

AmazonShop: Books, Maps, Videos, Music & Gifts About The Caucasus

Tuesday, August 09, 2011

PODCAST: Die Bauten der späten Sowjetunion. Frédéric Chaubin: "CCCP Cosmic Communist" (dradio.de)

Hören >>>

Es gibt Bücher, die öffnen eine neue Welt. Ein solches Buch ist das von Frédéric Chaubin über die modernistische sowjetische Architektur, wie sie vor allem seit dem Ende der 70er entstand.

Zu sehen sind Bauten, deren Fantasiereichtum, künstlerische Kraft und ästhetischer Variationsreichtum schlichtweg überrascht. War die Sowjetunion der Zeit Breschnews und Juri Andropows nicht das Land der endlosen, miserabel montierten Plattenbauviertel, über die sich sogar polnische, ostdeutsche und ungarische Stadtplaner entsetzten, die Zeit der Verwahrlosung aller ästhetischen Kultur?

Und hier nun werden Projekte wie die Sport- und Musikhallen im armenischen Jerewan von 1984 gezeigt, deren weit geschwungene Dächer an die organisch belebte amerikanische Nachkriegsmoderne eines Eero Saarinen (1910-1961) und dessen TWA-Airport in New York erinnern - oder die Arena im russischen Kasan: ein Ufo, das in der Stadt gelandet ist.

Das aufstrebende Dach der Sporthalle im ukrainischen Dnjepropetrowsk, ebenfalls von 1980, ist mit seinen vielen Spitzen unverkennbar eine Variation von Paddys Whigwam, der sensationellen katholischen Kathedrale in Liverpool, die ihrerseits Oscar Niemeyers Kathedrale von Brasilia als Vorbild hat. Und wer wissen will, wie die japanischen Utopien einer metabolistischen Stadt aus den 1960ern in Realität aussehen könnten, der sehe sich die im gigantischen Gitter aufeinander gelegten Riegel des georgischen Ministeriums für Autobahnbau an.

Nun sind Architekturgeschichte und ihre internationale Verzweigung nicht das Thema von Frédéric Chaubin. Seine Fotos und der höchst anregende Text zeigen den Sammler, den engagierten Bewahrer, den leidenschaftlichen Betrachter, nicht aber den Wissenschaftler. Er ist Journalist und Fotograf, wurde 2003 erstmals anlässlich eines Interviewtermins im georgischen Tiflis aufmerksam auf das Phänomen der sowjetischen Spätmoderne, begann auf seinen vielen Reisen durch die Nachfolgestaaten der UdSSR zu fotografieren und zu notieren. Und so hat dies Buch auch etwas Zufälliges, die geografischen Lücken sind groß. Es fehlen die Aufbaustädte Sibiriens, und aus den heute unabhängigen mittelasiatischen Unionsrepubliken hätte man sich weit mehr Material gewünscht.

Chaubins Buch hat seinen geografischen Schwerpunkt in den seit Beginn der 1990er-Jahre unabhängigen Staaten, die mehr oder minder demokratisch sind, also in Georgien und Armenien, vor allem aber Estland, Lettland und Litauen, von wo aus man auch leicht Abstecher nach Nordrussland und in das Königsberger Gebiet machen kann.

Es war eine gute Idee, den Band nicht nach heutigen Staatsgrenzen zu sortieren, sondern nach Bauaufgaben. So ergibt sich ein Gesamtbild, bei dem man zwar nicht weiß, ob es wirklich repräsentativ für die Architektur der späten Sowjetunion stehen kann.

Doch sicherlich zeigen die hier versammelten Häuser, dass die alte Stalin'sche Losung für den Sozialistischen Realismus - nach dem die Form national, der Inhalt aber sozialistisch zu sein habe - Architekten um 1980 nur noch sehr bedingt eingeschränkt hat. Sie bedienten sich in den Fachzeitschriften aus dem Westen nach Lust und Laune und entwickelten aus dem allgegenwärtigen, weil billigen Stahlbeton Formen, die mit ihrer Monumentalität eine ganz eigene Sprache sprechen.

Man wünscht sich zu diesem Buch nicht nur eine zweite, weniger unhandlich schwere Ausgabe, sondern auch einen Ergänzungsband, der die Pläne der Bauten nachliefert, in dem aber vor allem eine kulturhistorische Einbindung stattfindet. Wir wissen schon seit Langem viel über die Kunst und Kultur der frühen sowjetischen Zeit in den 1920ern, als Experimente aller Art gewagt werden durften. Und viel über die Kunst der Zeit Stalins.

Doch die Kunst der späten Sowjetunion, die ist bestenfalls in ihrer Untergrundavantgarde zum Allgemeinbesitz geworden. Es wird Zeit - und sei es nur, um diese oft schon von den Zeitläuften schwer in Mitleidenschaft gezogenen Bauten noch vor der Vandalisierung oder dem Abriss zu retten -, dass wir uns ein genaueres Bild der Sowjetunion und ihrer Staatskunst zulegen.

Besprochen von Nikolaus Bernau

Frédéric Chaubin: CCCP Cosmic Communist Constructions
Taschen Verlag, Köln 2011
308 Seiten, 39,99 Euro

Quelle: dradio.de/dkultur


AmazonShop: Books, Maps, Videos, Music & Gifts About The Caucasus

Monday, April 25, 2011

PODCAST: Künstler und Intellektuelle in Georgien. Von Mirko Schwanitz (dradio.de)

dradio.de

Podcast >>>

Vor ziemlich genau 20 Jahren errang Georgien seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Aber seither wird das kleine Kaukasusland die Kriege und Krisen nicht los. Die Lebensverhältnisse sind nicht gut, es herrscht Korruption und die Intellektuellen des Landes verhalten sich ruhig.

Vor 20 Jahren im April erklärte Georgien seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Seitdem kämpft das kleine Kaukasus-Land um innere Stabilität. Doch seit dem Krieg gegen die abtrünnige Teilrepublik Süd-Ossetien ist das Land fast vollends in die internationale Isolation geraten.

"Die Schriftsteller haben natürlich den Ausbruch des Krieges kritisiert. Aber in den Tagen des Krieges wäre das Verrat gewesen und könnte als Unterstützung für Russland verstanden werden. Deswegen haben die Künstler in den wenigen Tagen des Krieges geschwiegen."

Alexander Kartozia, einstiger Direktor der georgischen Nationalbibliothek, verfolgt aufmerksam die Kulturszene seines Landes. Die Stimmen der georgischen Intellektuellen, meint er, werden international nur weniger wahrgenommen, als die ihrer ukrainischen und weißrussischen Kollegen. Auch ließe sich die Situation der Autoren in seiner Heimat in keiner Weise mit der von Schriftstellern in der Ukraine oder Weißrussland vergleichen.

"Sie werden vom Staat nicht kontrolliert. Es wird weniger gelesen als früher und für den Staat sind die Literaten, die schreiben, aber nicht sichtbar sind im Fernsehen, wenig gefährlich. Nur in seltenen Fällen, wenn die Schriftsteller sich im Fernsehen zeigen und zu kritisch werden, dann könnte es gefährlich werden für das Regime und dann gibt es auch Eingriffe."

So geschehen, als eine Gruppe junger Autoren die Umbenennung einer Straße erzwingen wollte, die von den neuen Machthabern den Namen George Bushs erhalten hatte. Die Demonstration wurde mit Gewalt aufgelöst. Der Widerstand gegen eine Politik, die das Land immer mehr in die Isolation führt, formiert sich vor allem in der georgischen Hauptstadt Tbilissi, wo in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre eine lebendige Szene aus Kellertheatern, kleinen Galerien und literarischen Salons entwickelte. Heute findet vor allem hier der Kampf gegen die von der neuen politischen Elite zum Teil mit beleidigenden Vergleichen betriebene Spaltung der georgischen Gesellschaft statt.

"Die Schriftsteller haben ein sehr hohes Ansehen genossen. Die neue Generation, und das ist interessant, möchten ganz bewusst diese Position aufgeben. Sie behaupten von sich, sie wären Schriftsteller und keine Autoritäten. Der Präsident von Georgien sagt, es gebe Menschen, die 'runtergespült' werden. Es gibt also die 'Runtergespülten', die Alten, die nichts mehr taugen und es gibt die Anderen. Die 'runtergespülten' Schriftsteller bedauern das sehr. Sie werden nicht mehr gehört. Sie gelten als veraltet."

So versucht Präsident Saakaschwili, auch die Kunst- und Kulturszene zu polarisieren und zu entzweien. Doch weil sich die georgischen Intellektuellen dagegen wehren, verengt das Regime auf subtile Weise die Räume für die öffentliche Darstellung ihrer Positionen. Es verwehrt ihnen vor allem den Zugang zum staatlichen Fernsehen, nachdem der einzige oppositionelle Sender schon kurz nach der Machtergreifung besetzt und abgeschaltet wurde.

"Man kann nicht von einem Konformismus der georgischen Literatur sprechen. Die Künstler, die Schriftsteller sind kritisch. Sie protestieren durch das gedruckte Wort. Aber das gedruckte Wort ist nicht gefährlich. Es könnte mit der Zeit eine Situation entstehen, wo die Regierung den verbalen Protest als einen Widerstand wahrnehmen würde. Nämlich, wenn eines Tages Internet genauso intensiv wahrgenommen wird wie das Fernsehen. Aber augenblicklich sieht es nicht so aus."

Serie: Regime in Osteuropa:
Teil 1: Künstler und Intellektuelle in Weißrußland
Teil 2: Künstler und Intellektuelle in der Ukraine