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Saturday, December 28, 2013

REZENSION: Der vergessene Völkermord. Von Katja Tichomirowa (berliner-zeitung.de)

(berliner-zeitung.de) Wladimir Putin inszeniert sich nach Kräften für ein Gelingen der Olympischen Winterspiele von Sotschi. Die Geschichte der Tscherkessen sollte darüber nicht vergessen werden.

Manfred Quiring: Der vergessene Völkermord.Sie sind eine Minderheit im eigenen Land. Knapp 720.000 Tscherkessen leben heute noch im Land ihrer Vorväter, verstreut auf drei russischen Kaukasus-Republiken. Sotschi, die Stadt der Olympischen Winterspiele 2014, war einmal ihre Hauptstadt, bis der lange, blutige Krieg gegen die russischen Eroberer 1864 die letzten überlebenden Tscherkessen aus ihrer Heimat vertrieb. Die Tscherkessen mussten sich der russischen Übermacht geschlagen geben und wurden schließlich zu Hunderttausenden zwangsdeportiert, verschifft ins Osmanische Reich. Mindestens 100.000 Tscherkessen kamen dabei ums Leben.

An diesen „vergessenen Völkermord“, der stattfand noch bevor das 20. Jahrhundert den Begriff Genozid in die Geschichtsbücher einschrieb, erinnert das jüngste Buch von Manfred Quiring. Die Geschichte der Tscherkessen und ihrer Vertreibung begegnete ihm, der lange Redakteur und Moskau-Korrespondent der Berliner Zeitung und der Welt war, auf seinen Reisen durch den Kaukasus immer wieder und blieb immer wieder unbeachtet, wie Quiring schreibt, weil aktuelle Kriege und Konflikte im Kaukasus seine Aufmerksamkeit forderten. 

Dass die Geschichte der Tscherkessen nun doch zu ihrem Recht kommt, verdankt sie dem russischen Präsidenten und seiner Begeisterung für die Idee, Sotschi zum Austragungsort der Olympischen Winterspiele zu machen. Das Internationale Komitee der Tscherkessen war dagegen wenig begeistert. Sotschi war 150 Jahre zuvor bereits Austragungsort der letzten verlustreichen Entscheidungsschlacht des Kaukasus-Krieges. Die Rodel-, Bob- und Ski -Wettbewerbe in Krasnaja Poljana finden sozusagen auf den Gebeinen ihrer Vorväter statt.

Der Umgang des offiziellen Russland mit der Geschichte der Tscherkessen bestehe vorwiegend im Verschweigen derselben, bemerkt Quiring. Je näher die Eröffnung der Spiele rückt, desto nachdrücklicher wird es. Erst am Donnerstag wurden Computer, Telefone und Unterlagen von Aktivisten der tscherkessischen Minderheit in der Region Krasnodar von den Behörden beschlagnahmt. Sie hatten offen Kritik an der Austragung der Spiele in Sotschi geübt.

Manfred Quring gelingt es, den Bogen über mehr als ein Jahrhundert zu schlagen, er führt ein in die Geschichte der Tscherkessen, gibt einen Überblick über ihre weit verstreute Diaspora und er erzählt in den stärksten Kapiteln des Buches von den wenigen Zurückgebliebenen, die heute um den Erhalt der einzigartigen Natur des Nordkaukasus kämpfen. So steht die einzigartige Volksgruppe immer wieder auch exemplarisch für das mühsame Ringen um Bürgerrechte in Russland. Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, selbst Sohn eines Tscherkessen, lobt das Buch in seinem Vorwort deshalb zurecht als ebenso anspruchs- wie verdienstvoll.

Manfred Quiring: Der vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen Ch. Links Verlag, 224 S., 16,90 Euro

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Tuesday, November 05, 2013

GEORGIEN: Die rechte Hand des Milliardärs. Von Christian Esch (berliner-zeitung.de)

(berliner-zeitung.de) Irakli Garibaschwili wird im Alter von 31 Jahren Premierminister in Georgien – das ist eine der schnellsten Karrieren des Landes.

Irakli Garibaschwili, künftiger Premier von Georgien.
Irakli Garibaschwili, künftiger Premier von Georgien.
Foto: afp
Einunddreißig Jahre ist er alt, und schon am Ende der Karriereleiter angekommen. Wenn Irakli Garibaschwili noch in diesem Monat Premierminister der Kaukasusrepublik wird, dann ist das eine der schnellsten Karrieren in der georgischen Politik. Und das will etwas heißen in einem Land, in dem Politik dramatischer verläuft als im gemächlichen Deutschland, so als stünde sie unter Drogen.

Dabei ist es nicht mal zwei Jahre her, dass dieser Mann mit dem freundlichen, glatten Jungengesicht überhaupt Politiker geworden ist. Nach einem Studium der Internationalen Beziehungen – erst in der georgischen Hauptstadt Tiflis, dann an der Pariser Sorbonne – , verlief seine Karriere ausschließlich in der Wirtschaft, und zwar im weit verzweigten Imperium des georgischen Milliardärs Bidsina Iwanischwili. Er wurde zu dessen rechter Hand, leitete Iwanischwilis Wohltätigkeitsstiftung, saß im Aufsichtsrat von dessen Bank.

Die Frage, wie ausgerechnet so jemand ins höchste Regierungsamt kommt, ist schnell beantwortet. Die Politik in Georgien wird derzeit von Garibaschwilis Mentor bestimmt. Bidsina Iwanischwili hatte 2012 beschlossen, selbst unter die Politiker zu gehen und den Präsidenten Michail Saakaschwili zu entmachten, der immer autoritärer und unpopulärer geworden war. Garibaschwili, als rechte Hand des Milliardärs, half damals den Plan umzusetzen. Das Wirtschaftsimperium wurde um eine Partei erweitert, ein fulminanter Wahlsieg errungen. Wahlsieger Iwanischwili wurde Premier und gab Garibaschwili einen Schlüsselposten. Er sollte als Innenminister die Polizei entpolitisieren, die bis dahin auch Mittel zur Verfolgung von Gegnern war.

Garibaschwili habe die Polizei europäisiert und damit in kurzer Zeit „ein Wunder vollbracht“, lobte ihn der reiche Premier. Deshalb sei er der rechte Nachfolger im Amt, wenn er, Iwanischwili, nun nach nur einem Jahr die Politik wieder verlasse. Das sagte der Premier am Wochenende. Garibaschwili wird sein neues Amt voraussichtlich am 24. November antreten, nach der Amtseinführung des neugewählten Präsidenten Giorgi Margwelaschwili.

Iwanischwili machte damit ein altes Versprechen wahr: Wenn nach der Parlaments- auch noch die Präsidentschaftswahl gewonnen und Saakaschwili somit gänzlich entmachtet sei, werde er sich zurückziehen.

Ob Garibaschwilis Bilanz wirklich so erfolgreich ist, ist umstritten. Die Verbrechensrate sei gestiegen, sagt die Opposition. Außerdem bemängelt sie, dass Garibaschwili kein Konzept für die wirtschaftliche Entwicklung des armen Landes habe.

Unumstritten aber ist, dass Garibaschwili wohl kaum ein unabhängiger Regierungschef sein kann. Zwar wird, nach einer Verfassungsänderung, das Premiersamt gegenüber dem des Präsidenten gestärkt.

Aber Garibaschwilis ganze Karriere gründet sich einzig auf seine treuen Dienste für einen Milliardär. Eine Hausmacht, ein politisches Eigengewicht besitzt er nicht. Und Iwanischwili wird weiterhin die Politik bestimmen, wenn auch hinter den Kulissen.