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Friday, February 14, 2014

PODCAST: Sotschi 2014 - Schicksal der Tscherkessen ein Tabu. Manfred Quiring im Gespräch mit Christoph Heinemann (deutschlandfunk.de)

(deutschlandfunk.de) Der Austragungsort der Olympischen Spiele, Sotschi, war die letzte Hauptstadt Tscherkessiens. Bis das Volk von den Russen vertrieben wurde. Das sei ein Genozid gewesen, sagte der Historiker und Autor Manfred Quiring im Deutschlandfunk. In Russland sei das Thema ein Tabu. 

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Krasnaja Poljana: einst tscherkessisch besiedelt, jetzt ein Austragungsort der Winterspiele
Krasnaja Poljana: (picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)
Christoph Heinemann: In Berlin befindet sich ein Mann im Hungerstreik. Seit einer Woche und noch bis zum 23. Februar nimmt Schamis Hatko keine Nahrung zu sich. Und es ist kein Zufall, dass dieser Hungerstreik genau den Zeitraum der Olympischen Winterspiele umfasst, denn Schamis Hatko ist Mitglied der tscherkessischen Versammlung von Hannover. Die Tscherkessen leben überall, nur nicht in ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet - ein Ergebnis ihres hundertjährigen Krieges gegen die russischen Zaren, der im 18. Jahrhundert begann und 1864 mit der Niederlage und ihrer Vertreibung endete. Hunderttausende starben bei der Flucht übers Schwarze Meer. Seit dieser Zeit weigern sich Tscherkessen, Fisch aus dem Schwarzen Meer zu essen, in dem so viele Angehörige starben.

Das schreibt Manfred Quiring. Der ehemalige Korrespondent der Tageszeitung "Die Welt" in Moskau hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Der vergessene Völkermord: Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen". Ich habe ihn vor dieser Sendung gefragt, was der Austragungsort der Olympischen Winterspiele mit den Tscherkessen zu tun hat.

Manfred Quiring: Sotschi ist mit der Geschichte der Tscherkessen ganz direkt verbunden. Sotschi war die letzte Hauptstadt Tscherkessiens. Tscherkessien ist das Land, in dem die Tscherkessen lebten logischerweise, das heute auf keiner Karte mehr zu finden ist. Das ist getilgt von allen Karten. Sotschi bleibt dennoch die letzte Hauptstadt und die Küste von Sotschi bis hoch nach Anapa war die Küste, an der die Deportation der Tscherkessen stattfand in die Türkei.

Heinemann: Sie haben gerade die Deportation angesprochen. Inwiefern war der russisch-kaukasische Krieg ein Völkermord?

Quiring: Er war aus Sicht der Tscherkessen, der tscherkessischen Historiker, denen ich mich auch anschließe, ein Völkermord wegen der Brutalität, wegen der massenweise Ermordung von Menschen und der „ethnischen Säuberung“, und diesen beiden Ereignissen sind viele Hunderttausend Tscherkessen zum Opfer gefallen. Angesichts dieses Umfangs - der ist zu vergleichen sicher mit dem Schicksal der Armenier - kann man mit einiger Berechtigung von Genozid sprechen.

Heinemann: Wie kam es zu diesem Krieg und worum ging es?

Quiring: Der Beginn des Krieges wird auf das Jahr 1763 gelegt, als die Zaren eine Festung auf tscherkessischem Gebiet errichten ließen, die Festung Masdog, und von da an fanden regelmäßig Gefechte und Scharmützel statt, die sich nach und nach hochschaukelten und zu einem hundertjährigen Krieg ausarteten. Ziel der Zaren war es, zunächst den Zugang zum Schwarzen Meer zu sichern, um dann weiter auf das Osmanische Reich und auf Persien marschieren zu können. Da reichte anfangs die Überlegung, wir unterwerfen uns die Tscherkessen und die anderen kaukasischen Völker und dann gehen wir weiter vor, bis sie dann merkten, dass es mit der Unterwerfung nichts wurde, und schließlich sie den Beschluss fassten, die Tscherkessen aus den Bergen zu vertreiben, entweder sie zu vernichten, oder sie in die Türkei zu deportieren.

"Nach russischem Selbstverständnis war das ein Angriff auf Russland selber"

Heinemann: Wie wird dieser Krieg im heutigen Russland bewertet?

Quiring: Dieser Krieg wird in der Regel in der Öffentlichkeit überhaupt nicht bewertet. Wenn, dann ist das ein Nebenereignis, was kein großes Interesse öffentlich hervorruft, und im Zuge der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele war das Thema regelrecht Tabu, wie ich von Freunden aus Moskau hörte.

Heinemann: Inwiefern Tabu?

Quiring: Es war Tabu, darüber zu reden. Man wollte die fröhliche Stimmung der Olympischen Spiele nicht mit dieser trüben Vergangenheit belasten und gleichzeitig auch den Protesten, die ja stattfanden, vor allen Dingen in der Türkei, wo zwei Millionen Tscherkessen leben, die dort stattfanden, diesen Protesten wollte man keinen weiteren Raum bieten und hat sie weitgehend ignoriert.

Heinemann: Warum?

Quiring: Nach russischem Selbstverständnis war das ein Angriff auf Russland selber. Es war der Versuch ihrer Meinung nach, dass man die Olympischen Spiele auf diese Art und Weise stören wollte, und es war, aus ihrer Sicht immer wieder gesagt, auch völlig ungerechtfertigt, weil das ein Krieg wie jeder andere war aus Sicht der russischen Geschichtsschreibung.

Heinemann: War er aber nicht, würden Sie sagen?

Quiring: Das war er aber nicht.

Heinemann: Wie kam es noch mal genau zu dieser Brutalisierung dieses Krieges?

Quiring: Nun, er schaukelte sich natürlich von beiden Seiten hoch. Die Tscherkessen wollten nicht Untertanen des Zaren werden, sie wollten nicht die russische Orthodoxie annehmen und sie wollten vor allen Dingen nicht aus den Bergen heraus, was Ziel der russischen Armee war und der Kosaken. Man wollte die Tscherkessen zunächst in die Ebene treiben, um sie dort anzusiedeln, damit sie sich nicht in den Bergen verschanzen konnten, um gegebenenfalls den russischen Truppen in den Rücken zu fallen, die unten an der Küste Festungen errichtet hatten.

Heinemann: Sprechen wir über die tscherkessische Kultur. Ein wesentlicher Bestandteil der Kultur und der Lebensweise war ein fester Ehrenkodex. Wozu war jeder anständige Tscherkesse verpflichtet?

Quiring: Dieser Kodex heißt Adyge Xabze und verpflichtet einen Tscherkessen zu Mut, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Großmütigkeit und zur Bescheidenheit auch. Es galt als frevelhaft, wenn man mit seinem Reichtum prahlte und wenn man sich sozusagen gehen ließ. Man hatte stets beherrscht zu sein und musste gegenüber Frauen immer galant sein.

Heinemann: Siedlungsgebiet der Tscherkessen ist eine Schnittstelle, nämlich die zwischen Orient und Okzident. Inwiefern hat das die tscherkessische Kultur mit geprägt?

Quiring: Sie hat sie insofern geprägt, als die Kultur immer auch eine Kultur der kriegerischen Auseinandersetzung war. Schon Jahrhunderte bevor die Russen da unten ihre Interessen entdeckten, waren ja viele andere nomadisierende Heere dort durchgezogen. Die Hunnen waren dort unten, Timur Lenk hatte sein Heer …

Heinemann: Der berühmte Tamerlan.

Quiring: Tamerlan, richtig. Mit all diesen hatten die Tscherkessen natürlich kriegerische Auseinandersetzungen, mussten sich zum Teil in die Berge zurückziehen, kamen wieder in die Ebenen, wo sie ja ihre Viehzucht betrieben und ihre Pferdezucht, ganz berühmt die Kabardiner. Das prägte natürlich über die Jahrhunderte ihre sehr kriegerische Natur auch. Sie waren ständig mit dem Training beschäftigt, Reiterspiele fanden statt, und das prägte die Kultur ganz entscheidend.

Heinemann: Es gab aber schon Berührungen zwischen Russland und den Tscherkessen. Immerhin war eine Ehefrau Iwans des Schrecklichen eine tscherkessische Prinzessin.

Quiring: Ja! Die ersten Kontakte zwischen Tscherkessen und Russen waren ja auch nicht negativ, sondern man schloss Bündnisse. Die Tochter von Temrjuk, dem kabardinischen Fürsten, heiratete Iwan den Schrecklichen, Iwan IV., was eine dynastische Heirat war. Er wollte damit die südlichen Grenzen seines Reiches sichern und macht uns damit deutlich, welche große strategische Bedeutung die Region, aber auch das Volk der Tscherkessen hatten zu der Zeit.

Heinemann: Stalin war bekanntlich Georgier, insofern mit der Geschichte der Kaukasus-Völker vertraut. Wie erging es den Tscherkessen in der Sowjetunion?

Quiring: Die Tscherkessen in der Sowjetunion wurden erst mal territorial getrennt, was bis heute beibehalten wird und von russischer Seite als naturgegeben angenommen wird. Sie leben heute in Kabardino-Balkarien, sie leben in Karatschai-Tscherkess und sie leben in Adygeja. Adygeja ist die Bezeichnung für Tscherkessien, ihre eigene Bezeichnung. Sie nennen sich, die Tscherkessen nennen sich selbst in ihrer Sprache Adyge. In diesen drei territorialen, voneinander auch getrennten Einheiten leben sie heute. Es sind etwa noch 700.000 Tscherkessen, die in Russland leben, während es eine Diaspora von mehreren Millionen gibt, die verteilt ist auf die Türkei, auf den Nahen Osten und sogar in den USA lebt eine Gemeinschaft von etwa 8.000 bis 10.000 Tscherkessen. "Sie haben vor allen Dingen die Forderung nach historischer Gerechtigkeit"

Heinemann: Was verlangen diese Tscherkessen heute während der Olympischen Spiele?

Quiring: Sie haben vor allen Dingen die Forderung nach historischer Gerechtigkeit. Sie wollen, dass ihr Leiden, dass ihr Krieg und ihre Niederlage als solche als Trauertag und ein trauriges Ereignis betrachtet werden, und eine Hauptforderung der Tscherkessen heute besteht darin, das bedingungslose Rückkehrrecht durch Russland zu bekommen.

Heinemann: Ist Russland dazu und zur historischen Anerkennung bereit?

Quiring: Russland ist im Moment zu keinem von diesen beiden wesentlichen Punkten bereit. Die Historie schreiben sie selbst, schreiben die Sieger, so ist der russische Standpunkt, und sie haben kein Interesse, ein Opfervolk sozusagen zu beschreiben. Sie beschreiben den Sieg der Kosaken und der Zaren-Truppen, und das ist aus ihrer Sicht ein freudiges Ereignis gewesen, und damit wird es im wesentlichen belassen, obwohl es natürlich bei ernsthaften Historikern Anzeichen dafür gibt, dass sie das heute etwas anders sehen.

Heinemann: Auch bei russischen?

Quiring: Auch bei russischen, ja. Und das Rückkehrrecht möchten sie den Tscherkessen nicht einräumen, weil sie ohnehin im Kaukasus viele Probleme haben, Sicherheitsprobleme mit den anderen kaukasischen Völkern, insbesondere mit Tschetschenen, in Dagestan, Inguschetien. Sie befürchten, dass eine neue Gruppierung weitere Unruhe in den Kaukasus bringt.

Heinemann: Nach dem Terror aus Tschetschenien ja möglicherweise verständlich.

Quiring: Ja das muss man wirklich trennen. Der selbst ernannte Emir des Kaukasus, Doku Umarow, hat keine Verbindung zu den Tscherkessen. Das heißt, man muss das doch sehr sauber trennen, dass die islamistischen Kräfte, die sich im Untergrund mit Terroranschlägen dort bewegen, nichts mit den Tscherkessen zu tun haben, die zwar dem Islam anhängen, aber einer sehr liberalen Form des Islam und die Terrorismus grundsätzlich ablehnen.

Heinemann: Wie werden überhaupt die Menschen aus den kaukasischen Gebieten im heutigen Russland behandelt?

Quiring: Insbesondere in Moskau fällt es sehr auf, dass sie zwar sehr zahlreich dort vertreten sind, aber als Menschen zweiter Klasse betrachtet werden. Sie werden abfällig „Schwarzärsche“ genannt, regelmäßig angegriffen. Wenn man Schuldige sucht, sucht man Schuldige irgendwelcher kriminellen Unternehmungen in der Regel erst mal bei den Kaukasiern. Sie werden als Menschen zweiter Klasse dort behandelt.

Heinemann: Manfred Quiring, Autor des Buchs "Der vergessene Völkermord: Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen. 

Weiterführende Information

"Erste ethnische Säuberung in Europa" (Deutschlandradio Kultur, Thema, 03.02.2014)
Die Rechte der Tscherkessen (Deutschlandfunk, Europa heute, 03.02.2014)
Endstation Schwarzes Meer (Deutschlandfunk, Kultur heute, 07.01.2014)
Tscherkessen protestieren gegen Olympische Winterspiele in Sotschi  (Deutschlandfunk, Europa heute, 10.0.2012)

Saturday, February 01, 2014

VIDEO: Sotschi und die Vertreibung der Tscherkessen. Von Tom Fugmann | Kulturjournal | NDR (ndr.de)



(ndr.de) Hunderttausende Tscherkessen wurden vor 150 Jahren aus Sotschi, dem Olympia-Austragungsort, vertrieben. Einer der wenigen, der sich für die Ureinwohner einsetzt, ist Cem Özdemir.

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Timur Shogen von der Föderation der Europäischen Tscherkessen. © NDR
Timur Shogen
Der Austragungsort der Olympischen Winterspiele hat eine düstere Vergangenheit: Vor genau 150 Jahren vertrieben die Russen aus Sotschi Hunderttausende Tscherkessen - das größte der kaukasischen Völker, das jahrhundertelang am Schwarzen Meer und in den Bergen gelebt hatte. "Da wurden Massaker durchgeführt an uns, an unserem Volk", sagt Timur Shogen von der Föderation der Europäischen Tscherkessen. Über 20.000 Menschen seien an dem Ort, an dem jetzt die Skiwettläufe stattfinden, einfach abgeschlachtet worden. "Heute redet niemand mehr darüber. Es werden Worte laut, was die Menschenrechte anbetrifft. Korruption, krumme Geschäfte. Aber dieses Thema wurde bis jetzt von keinem genannt."

Der Schlächter des Kaukasus'


Manfred Quiring. © NDR
Manfred Quiering
Die Gegend um Sotschi war das Kernland der Tscherkessen - das Volk, das jahrhundertelang vom zaristischen Russland erbittert bekämpft wurde. Seit Iwan dem Schrecklichen drangsalierten russische Heere die Tscherkessen - bis ins 19. Jahrhundert. Berüchtigt für seine Grausamkeit war General Jermolov: Unterwerfung oder Tod. "Es gibt Beispiele dafür, dass er Dörfer hat umstellen lassen", erzählt Autor Manfred Quiring. "Und er hat dann die gesamten Dörfer, die vorher sich nicht freiwillig ergeben haben, vernichten lassen, einschließlich Frauen und Kinder. Und er hat Exempel statuiert und sich dadurch den Ruf erworben, der Schlächter des Kaukasus' zu sein."

1864 fand in Sotschi, der Hauptstadt der Tscherkessen, die letzte Schlacht statt. Tausende wurden massakriert. Wer überlebte, wurde übers Schwarze Meer in die Türkei deportiert. Um dem zu entgehen, stürzten sich Hunderte Tscherkessen in eine Schlucht, auch Frauen mit ihren Babys. Ein Völkermord, so sehen es die Tscherkessen heute, der von Russland nicht anerkannt wird. "In Russland sagt man immer: 'Über den Sieger urteilt man nicht.' Die Russen sind die Sieger und bis heute schreiben sie auch die Geschichte des kaukasischen Krieges", so Quiring.


Keine Rede vom Völkermord

Zamir Shukow von der Tscherkessischen NGO "Adyge Chasse". © NDR
Zamir Shukow
Das alte Siedlungsgebiet der Tscherkessen im Nordkaukasus ist heute nur noch ein Flickenteppich. Und im offiziellen russischen Sotschi-Werbevideo und anderswo ist vom Völkermord keine Rede. Dagegen protestiert die tscherkessische Organisation "No Sochi" - in ihren Moskauer Büros gab's schon eine Razzia. Viele sagen ab, als wir tscherkessische Historiker und Aktivisten um Interviews bitten. Nur einer redet mit uns: Zamir Shukow. Ihn empört besonders, dass die Parade, mit der die Russen vor 150 Jahren ihren Sieg über die Tscherkessen feierten, zu Olympia als Kostümschau wiederholt werden soll: "Wenn das wirklich stattfindet, dann gibt es dafür nur eine Bezeichnung: Es ist eine Schändung. Es wäre eine Siegesfeier auf Massengräbern, unbarmherzig und gefühllos. Man stelle sich nur vor, was los wäre, wenn Neonazis in Auschwitz eine Parade abhielten."


Hamburger Museum erinnert an die Tscherkessen

Bei uns ist diese Tragödie so gut wie unbekannt. "Tscherkessen - Vom Kaukasus in alle Winde verweht" heißt eine kleine Ausstellung imHamburger Völkerkundemuseum: Erinnerung an das Reitervolk, das lange der Inbegriff der Kaukasuskultur war. Anlass für die Schau: Olympia in Sotschi. "Ich habe in Sotschi, als ich schon mal da war vor einigen Jahren, natürlich Sachen gehört, die einem die Haare zu Berge stehen lassen", so Museumsdirektor Wulf Köpke. "Da sagte die Frau, die uns dort auf dem Olympiagelände herumführte: 'Na klar, die Tscherkessen. Wir wollten denen ja die Zivilisation beibringen. Das wollten die nicht, da mussten wir die ja totschlagen.'"


Grünen-Politiker setzt sich für Tscherkessen ein

Einer der wenigen, der sich für die Sache der Tscherkessen einsetzt, ist Cem Özdemir. Sein Vater ist Tscherkesse, dessen Vorfahren in die Türkei gekommen waren. Russland soll sich endlich der Vergangenheit stellen. "Mittlerweile ist das Klima auch dank der Tschetschenienauseinandersetzung in Russland ein sehr vergiftetes gegenüber den gesamten Kaukasiern", sagt Cem Özdemir, Vorsitzender Bündnis90/Die Grünen. "Viele unterscheiden da nicht mehr. Kaukasus gleich Terrorismus gleich Islam gleich Islamismus. Insofern wären die Olympischen Spiele eine Chance für Russland, diesen dunklen Teil der Vergangenheit aufzuarbeiten."

Tscherkessen fordern Ende des Schweigens

Im aufpolierten Sotschi erinnert nichts an die Tscherkessen. Dabei drohen sie nicht mit Gewalt und wollen kein Land zurück. Aber eine Anerkennung ihres Leids und ein Ende des Schweigens. "Diese Ereignisse haben dazu geführt, dass ich jetzt in Deutschland bin", erzählt Timur Shogen. "Gerade mal 700.000 sind in ihrer ursprünglichen Heimat. Der Rest ist auf die ganze Welt vertrieben, oder verteilt worden. In über 14 Ländern leben wir zurzeit." Und das habe man Sotschi zu verdanken, so Shogun. "Schlusspunkt war Sotschi."

INTERVIEW

Cem Özdemir engagiert sich für Tscherkessen
27.01.2014 | 22:45 Uhr
Video starten (06:55 min)

Saturday, December 28, 2013

REZENSION: Der vergessene Völkermord. Von Katja Tichomirowa (berliner-zeitung.de)

(berliner-zeitung.de) Wladimir Putin inszeniert sich nach Kräften für ein Gelingen der Olympischen Winterspiele von Sotschi. Die Geschichte der Tscherkessen sollte darüber nicht vergessen werden.

Manfred Quiring: Der vergessene Völkermord.Sie sind eine Minderheit im eigenen Land. Knapp 720.000 Tscherkessen leben heute noch im Land ihrer Vorväter, verstreut auf drei russischen Kaukasus-Republiken. Sotschi, die Stadt der Olympischen Winterspiele 2014, war einmal ihre Hauptstadt, bis der lange, blutige Krieg gegen die russischen Eroberer 1864 die letzten überlebenden Tscherkessen aus ihrer Heimat vertrieb. Die Tscherkessen mussten sich der russischen Übermacht geschlagen geben und wurden schließlich zu Hunderttausenden zwangsdeportiert, verschifft ins Osmanische Reich. Mindestens 100.000 Tscherkessen kamen dabei ums Leben.

An diesen „vergessenen Völkermord“, der stattfand noch bevor das 20. Jahrhundert den Begriff Genozid in die Geschichtsbücher einschrieb, erinnert das jüngste Buch von Manfred Quiring. Die Geschichte der Tscherkessen und ihrer Vertreibung begegnete ihm, der lange Redakteur und Moskau-Korrespondent der Berliner Zeitung und der Welt war, auf seinen Reisen durch den Kaukasus immer wieder und blieb immer wieder unbeachtet, wie Quiring schreibt, weil aktuelle Kriege und Konflikte im Kaukasus seine Aufmerksamkeit forderten. 

Dass die Geschichte der Tscherkessen nun doch zu ihrem Recht kommt, verdankt sie dem russischen Präsidenten und seiner Begeisterung für die Idee, Sotschi zum Austragungsort der Olympischen Winterspiele zu machen. Das Internationale Komitee der Tscherkessen war dagegen wenig begeistert. Sotschi war 150 Jahre zuvor bereits Austragungsort der letzten verlustreichen Entscheidungsschlacht des Kaukasus-Krieges. Die Rodel-, Bob- und Ski -Wettbewerbe in Krasnaja Poljana finden sozusagen auf den Gebeinen ihrer Vorväter statt.

Der Umgang des offiziellen Russland mit der Geschichte der Tscherkessen bestehe vorwiegend im Verschweigen derselben, bemerkt Quiring. Je näher die Eröffnung der Spiele rückt, desto nachdrücklicher wird es. Erst am Donnerstag wurden Computer, Telefone und Unterlagen von Aktivisten der tscherkessischen Minderheit in der Region Krasnodar von den Behörden beschlagnahmt. Sie hatten offen Kritik an der Austragung der Spiele in Sotschi geübt.

Manfred Quring gelingt es, den Bogen über mehr als ein Jahrhundert zu schlagen, er führt ein in die Geschichte der Tscherkessen, gibt einen Überblick über ihre weit verstreute Diaspora und er erzählt in den stärksten Kapiteln des Buches von den wenigen Zurückgebliebenen, die heute um den Erhalt der einzigartigen Natur des Nordkaukasus kämpfen. So steht die einzigartige Volksgruppe immer wieder auch exemplarisch für das mühsame Ringen um Bürgerrechte in Russland. Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, selbst Sohn eines Tscherkessen, lobt das Buch in seinem Vorwort deshalb zurecht als ebenso anspruchs- wie verdienstvoll.

Manfred Quiring: Der vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen Ch. Links Verlag, 224 S., 16,90 Euro

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Thursday, October 15, 2009

JUSTIZ: Stalin-Enkel scheitert mit Unterlassungsklage. Von Manfred Quiring (welt.de)

Eine russische Zeitung machte Stalin für Tausende Morde verantwortlich. Das wollte sein Enkel nicht auf sich sitzen lassen – er zog vor Gericht. Doch statt Ehre und Würde des Diktators wieder herzustellen, verlor er den Prozess. Ein halbes Jahrhundert nach Stalins Tod darf die Zeitung nun über seine Tötungsbefehle schreiben.

Historische Dokumente belegten bereits, was das Gericht nun bestätigte: Stalin ist für den Tod von Millionen verantwortlich.

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Weiterführende Links
Alle warten auf Putin – doch der schweigt zu Stalin
Putins Russland glättet die sowjetische Geschichte
Stalin hat den Marxismus nicht allein ruiniert
In Polen kämpften Reiter gegen Panzer
Stalin ist nur drittwichtigste Person Russlands
Wie der Tyrann Josef Stalin in Georgien weiterlebt
Stalins Angriffspläne für den Westen

Monday, March 23, 2009

BUCH: Manfred Quiring: Pulverfass Kaukasus. Konflikte am Rande des russischen Imperiums.

Ch. Links, Berlin. 200 S.

Wenn du die Wahrheit sagst, dann lass dein Pferd gesattelt, sagt ein kaukasisches Sprichwort. Nur was ist die Wahrheit in einer Region, wo auf einer Fläche, die nur wenig größer ist als die Deutschlands, mehr als 50 verschiedene Völker zu Hause sind? Wo noch mehr Sprachen gesprochen werden und die Gläubigen zu Allah, zum Gott der orthodoxen Christen oder zu Jahwe beten, während alle Glaubensrichtungen zugleich beeinflusst sind vom kaukasischen Naturrecht Adat. Wo regionale, russische, amerikanische und auch europäische Interessen im Widerstreit liegen und die Öl- und Gasfelder ebenso Begehrlichkeiten wecken wie die Bedeutung kaukasischer Staaten als Transitländer.

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Kurzbeschreibung
Nach dem russisch-georgischen Krieg um Südossetien im August 2008 ist der Kaukasus erneut ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Es war der sechste militärische Konflikt seit 1990. Und noch immer ist reichlich Zündstoff vorhanden in einer kulturell und geografisch faszinierenden Region, wo auf 400 000 Quadratkilometern mehr als 50 verschiedene Völker zu Hause sind: Abchasen und Aserbaidschaner, Armenier und Darginer, Georgier und Inguschen, Osseten und Tschetschenen. Zwischen 40 und 50 Sprachen, nicht gerechnet die zahlreichen Dialekte, werden hier gesprochen, weshalb der Kaukasus in der Antike auch »Berg der Sprachen« hieß. Streitigkeiten untereinander und die Tatsache, dass Russland das Gebiet als seine naturgegebene, ureigene Einflusssphäre betrachtet, führen immer wieder zu Spannungen. Manfred Quiring, Korrespondent für Die Welt in Moskau, hat den 1500 Kilometer langen Gebirgszug und die angrenzenden Regionen seit 1982 immer wieder bereist, die Konflikte zum Teil persönlich miterlebt. In seinem Buch geht er ihren Ursachen nach, verbindet Geschichtliches mit der Neuzeit und eigenem Erleben.

Über den Autor
Manfred Quiring: Jahrgang 1948; aufgewachsen in Berlin; nach kurzem Zwischenspiel als Eishockeyspieler Journalistik-Studium in Leipzig; ab 1973 Redakteur der Berliner Zeitung und zweimal deren Korrespondent in Moskau (1982-1987 und 1991-1995); er bereiste die ehemalige Sowjetunion von Kaliningrad bis nach Kamtschatka, von Norilsk bis nach Turkmenien; 1989-1990 ein Jahr Korrespondent der Nachrichtenagentur ADN in Athen; seit 1998 für Die Welt in Moskau; zahlreiche Reisen durch den Kaukasus. Im Ch. Links Verlag erschien von ihm: »Russland. Orientierung im Riesenreich«, 2008.


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Saturday, March 14, 2009

MAGAZIN: Aus Politik und Zeitgeschichte, veröffentlicht am 23. März 2009 mit dem Thema "Kaukasus" (bpb.de)

Gestern wurde auf der Buchmesse in Leipzig die Wochenzeitung Aus Politik und Zeitgeschichte vorgestellt, die am 23. März 2009 mit dem Thema "Kaukasus" erscheinen wird.
Einer der Autoren war hier auch auf dem Podium: Walter Kaufmann hat kurz und bündig, nach dem das Thema, wie immer hier in unseren Breitengraden, erst einmal grundlegend eingeführt werden muss, die Lage erklärt. Er konstatierte einleitend, dass einfache Gut- und Böse-Schemate eben nicht funktionieren. Auch hinsichtlich des Georgienkrieges ist die Sachlage komplexer und sollte ausdifferenziert betrachtet werden.
Natürlich sind weder die Georgier unhinterfragbar die Guten, aber auch die Sezessionisten - die Abchasier und Südosseten beispielsweise - sind per se die Bösen in diesem Konflikt. Jeder beansprucht in seinem Interesse seine Rechte. Ebenfall gilt das für die Armenier und die Aserbaidschaner hinsichtlich des Karabakh-Konfliktes. Auf der Suche nach Schutz - denn diese Region rüstet enorm auf - bieten sich dann auch noch die Global Player an. Und wenn es sein muss, wird dann durch diese wissentlich oder unwissentlich auch noch "Erdöl" ins Feuer gegossen.
Letztendlich wurde zusammengefasst, dass es hier nicht nur ums Erdöl, also um die Energiepolitik geht. Auch der Westen geht hinsichtlich seiner Interessen Kompromisse ein, die fatal sein können, indem er beispielsweise das Referendum für eine präsidentiale Herrschaft auf Lebenszeit kaum Aufmerksamkeit zukommen lässt. Die südkaukasischen Länder sind sogenannte Demokratien. Aber nirgendwo herrscht Gewaltenteilung geschweige denn Pressefreiheit und Meinungsfreiheit. Worauf das hinausläuft kann wohl niemand genau sagen. Ruhig und stabil schaut es nicht aus. Selbst eine Theorie des Gefangenen-Dilemmas hilft da nicht wirklich weiter, dabei ist wohl der Einsatz zu unberechenbar und unterschiedlich, und Effekte nicht wirklich kontrollierbar. Wie man gesehen hat, war Saakshvilis Einsatz auf den ersten Eindruck nicht rational fassbar. Betrieb er ein riskantes Spiel oder herrschten im Hintergrund gar andere Regeln? Nicht umsonst geistern im Kaukasus auch die Verschwörungstheoretiker durch die Gegend - altmodische Eiferer und moderne Medienprofis.

Aber beschreiben kann man mit dieser Theorie des Rational Choice die Situation irgendwie schon. Nicht von ungefähr heißt ein Film von Sergej Bordrov wohl auch in diesem Sinne "Gefangen im Kaukasus" - nach einer Novelle von Tolstoi erzählt der Film eine Episode aus dem Tschetschenischen Bürgerkrieg. Oder kommt Puschkin in seinem berüchtigtem Poem «Der Gefangene im Kaukasus» (1821) dem Problem näher, in dem er General Jermolow preist, der den Kaukasus erzittern lässt (siehe hier >>> ) ?
Silvia Stöber von tagesschau.de (
Georgien im Wahlkampf / Konflikt im Südkaukasus / Wackelt Saakashvilis Suhl? ) pflichtete Kaufmann bei, indem auch sie die Schwierigkeiten andeutete, die Problematik adäquat medial darzustellen. Schon Zeit- und Platzprobleme tun da ihr übriges.
Weglassen hat auch Effekte. Minimalismus nennt man das in der Kunst, wobei die Öffentlichkeit eigensinnig reagiert, was die Angebote betrifft.
Und Tamuna Gurchiani beschrieb anfangs die emotionale Befindlichkeit mit Ausbruch des Krieges und danach. Sie lebt seit 2006 wieder in Georgien, organisierte in Südossetien vor Ausbruch des Krieges zusammen mit Martina Tichov das Film Festival "Nationality: human" - (South Caucasian Documentary Film Festival). Natürlich lebte sie immer mit diesen "frozen conflicts", aber letztendlich kam der Krieg im letzten Sommer auch für sie unerwartet. Sie schilderte knapp, die Müdigkeit und Ohnmacht der Georgier. Auf die Frage, wie es um die Integrität des georgischen Territoriums bestellt sei, antwortete sie, dass die Georgier, so hörte man es im Land, wohl an die 50 Jahre ohne diese Gebiete auskommen müssen, aber grundsätzlich werden sie das nie in aller Konsequenz dulden. Sie werden das nicht vergessen. Zur politischen Lage hinsichtlich der kommenden Wahlen führte sie auch die emotionale Lage vieler Georgier ins Feld, das man wohl gegenwärtig zu müde für Experimente sei. Alasania genieße als ehemaliger UN-Botschafter Georgiens ein gewisses Ansehen im Land und auch im Westen. Nur stellte man sich die Frage, wie es um seine Mannschaft bestellt sei. Gurchani führte auch an, dass aufgrund der angefangenen Projekte in den letzten Jahren auch Saakashvili eine gewisse Chance habe, wiedergewählt zu werden, da niemand in Georgien will, dass das Land um Jahre zurückgeworfen wird. Unter diesem Blickwinkel wird es wohl wieder interessant werden, welche Versprechungen die Akteure von außerhalb der Konfliktzone hier einbringen.
In der Summe war es eine gelungene Einführung in die Problematik für die Messebesucher in Halle 3. In einer halben Stunde kann natürlich kaum eine ausgiebige Analyse erfolgen. Wer will kann ab 23. März in der Beilage Aus Politik und Zeitgeschichte von unterschiedlichen Autoren mehr erfahren. Der Blickwinkel ist dabei ein wissenschaftlicher und publizistischer Einstieg. Weltpolitik, die Zivilgesellschaft, Konfliktdarstellung, Minderheiten- und Machtpolitik, die Geschichte Kaukasiens und der Auslandsjournalismus werden vordergründig beleuchtet. Mentalitäten, lokale Identitäten, künstlerische Reflexe, ethnographische Beschreibungen kommen zu kurz, um die Eigenarten und Konflikte der kulturellen Selbstvergewisserung darzulegen. Der Südkaukasus ist eben auch ein fremdes Land - mit einem eigenen Koordinatensystem zur Orientierung und anderen Verkehrsregeln, um diese etwas nüchteren Metaphern zu bemühen, die die Menschen in dieser Region wohl kaum etwas angehen.

Jedoch ist das Heft mit solchen profunden Kennern und Autoren ihres Faches, wie Uwe Halbach, Walter Kaufmann, Manfred Quiring, Maximilian Opitz, Eva-Maria Auch und Gemma Pörzgen sehr zu empfehlen.
Ein ethnopsychologischer Blick fehlt mir irgendwie - doch das wäre dann wohl zu literarisch oder verschwobelt geworden und tut einer kompetenten Darstellung Abruch, wie man es landläufig unterstützt. Aber man könnte präziser Minderwertigkeitskomplexe und Defizite beschreiben, man kann aber auch einen Spiegel hervorholen und sich über seine eigenen Unfähigkeiten, Grenzen und Kompensationen im klaren werden, indem man die Herausforderungen der kaukasischen Mentalität annimmt und zusieht wie weit man damit kommt. Das gilt nicht nur für den Kaukasus, auch für den Balkan und die russische Weite, um das mal auf den eurasischen Kontinent zu beschränken - was bei weitem nicht ausreicht. (Ralph Hälbig)

ab dem 23. März auch online hier >>>

Tamuna Gurchani und Johannes Piepenbrink

Johannes Piepenbrink, Silvia Stöber und Walter Kaufmann