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Thursday, April 24, 2014

KUNST: Taus Makhacheva: „A Walk, A Dance, A Ritual“ - in der GfZK Leipzig (gfzk-leipzig.de)

(gfzk-leipzig.de) Kunstpreis "Europas Zukunft" 2014
kuratiert von Ilina Koralova
12. April – 29. Juni 2014, Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig


Taus Makhacheva, Gamsutl, HD video, 16.01 min, colour, sound, Dagestan, 2012


Die Ausstellung "A Walk, A Dance, A Ritual" zeigt zum ersten Mal in Deutschland eine umfangreiche Auswahl von Arbeiten Taus Makhachevas, der Preisträgerin des Kunstpreises "Europas Zukunft" 2014.

Taus Makhacheva stammt aus der russischen Republik Dagestan im Kaukasus. Ihr Interesse für die komplexe Beziehung zwischen Geschichte, Gegenwart und Erinnerungspolitik hängt mit der Geschichte des Landes zusammen und bildet den Ausgangspunkt der meisten ihrer in der GfZK präsentierten Werke. Mittels ihres bevorzugten Mediums Video, aber auch in Fotografien, Installationen und Objekten, untersucht und reflektiert sie Motive und Begriffe der Kunstgeschichte, der Anthropologie und Kulturwissenschaften. Die Aufmerksamkeit der Künstlerin richtet sich immer wieder auf Traditionen, wie sie vor der Sowjetisierung der multi-ethnischen Regionen des Kaukasus existierten. Sie beschäftigt sich mit den Fragen: Was ist von dieser Vergangenheit übrig geblieben? In welcher Weise werden die Überbleibsel dieser Zeit und ihrer Traditionen in den heutigen Alltag integriert? – wo sie den Zweck erfüllen sollen, zur Konsolidierung der postsowjetischen Gesellschaft Dagestans beizutragen.

Die Perspektive der Künstlerin ist keineswegs eine nostalgische, vielmehr erfasst sie den Prozess des Verschmelzens, der Aneignung und Einverleibung und der Interaktion zwischen dem Altvertrauten und dem Fremden. In diesem Sinne setzt Makhacheva mit ihrer Arbeit der offiziellen ideologischen Behauptung einer authentischen kulturellen Identität etwas entgegen. Sie nimmt die „wiedererfundenen“ Traditionen, etwa die inzwischen durch und durch kommerzialisierten und überaus üppigen Hochzeitsfeiern (in „A Space of Celebration“, 2009) oder das neue Initiationsritual illegaler Autorennen (in „The Fast and The Furious“, 2011) gleichsam unter die Lupe.

Der Titel der Ausstellung „A Walk, A Dance, A Ritual“ verweist auf die Handlungen und Motive, die in Makhachevas Werk immer wieder eine Rolle spielen. In der Neubelebung vergessener Rituale und Gesten erkundet der Mensch mit seinem Körper – in vielen Fällen agiert die Künstlerin selbst in ihren Videos – sein unmittelbares (soziales) Umfeld in dem Bestreben, seine Umgebung zu erfassen, eine Verbindung zu ihr herzustellen und von ihr akzeptiert zu werden. So lotet Makhachevas künstlerische Praxis eine soziale Erfahrung aus, wie man sie nicht nur in den Gesellschaften des Kaukasus machen kann: den scheinbar unauflöslichen Widerspruch, zu einer bestimmten Gesellschaft oder Gemeinschaft zu gehören und sie gleichzeitig wie ein Außenstehender zu beobachten.

Taus Makhacheva wurde 1983 in Moskau geboren. 2012 erhielt sie den "Innovation Prize", den russischen Staatspreis für zeitgenössische Kunst, in der Kategorie "New Generation", (mit dem Projekt "The Fast and The Furious"), 2011 wurde sie für den Kandinsky-Preis, Kategorie "Media Project of the Year", nominiert. Ihren Bachelor der bildenden Künste hat sie am Goldsmiths College, London, gemacht und ihren Master of Arts am Royal College of Art, London.

Ausstellungen (Auswahl): Story Demands to be Continued (2013, Ausstellungshalle der Künstlervereinigung der Republik Dagestan, Makhachkala), Love me, Love me not (2013, 55. Biennale von Venedig, Collateral Event), Re: emerge – Towards a New Cultural Cartography (2013, 11 Sharjah Biennial), Liverpool Biennial 2012: City States – Makhachkala, Topography of Masculinity (LJMU Copperas Hill Building), Rewriting Worlds (2011, The Fourth Moscow Biennale of Contemporary Art, Main Project, ArtPlay Сentre), Greater Caucasus (2011, PERMM Museum of Contemporary Art, Perm); Affirmative Action (Mimesis) (2011, Laura Bulian Gallery, Mailand), Practice for Everyday Life (2011, Calvert 22, London), History of Russian Video Art, Volume 3 (2010, Moscow Museum of Modern Art)

Der Kunstpreis >Europas Zukunft< wurde 2003 von Matthias Brühl und Dietmar Schulz in Zusammenarbeit mit der GfZK aus dem Wunsch heraus ins Leben gerufen, europäische Künstler und Künstlerinnen für ihre Arbeit auszuzeichnen. Der mit 5000 Euro dotierte Preis ist inzwischen eine wichtige Auszeichnung im Bereich der gegenwärtigen Kunst. Er ist nicht an ein konkretes künstlerisches Projekt gebunden und beinhaltet nicht den Ankauf eines Werkes, sondern ist als eine Ermutigung für Künstlerinnen und Künstler gedacht, ihren Weg fortzusetzen. Dank seiner Stifter ist der Preis zu einem Beispiel für die langfristige Verbindung zwischen Kunst und privatem Engagement geworden.

"Heute gibt es viele Konzepte darüber, was Europa ist oder sein sollte. Deutschland könnte im besten Fall eine wichtige Mittlerrolle spielen und ein friedliches Miteinander fördern. Es ist wichtig, den Austausch zu unterstützen, und in der Kunst sehen wir ein geeignetes Mittel, um sich miteinander zu beschäftigen, ohne sich gleich politisch oder wirtschaftlich zu binden." Matthias Brühl, Dietmar Schulz, Preisstifter

Mit der freundlichen Unterstützung von peri foundation.


E n d e a v o u r HD video / 9.00 min., colour, sound / Tsada mountain village, Dagestan, 2010 from Taus Makhacheva on Vimeo.


more: vimeo.com/tausmakhacheva

more links:
Her Dagestan Taus Makhacheva Profiles BY Stephanie Baile [artasiapacific.com]
Taus Makhacheva Hall of the Artists’ Union, Makhachkala, Russia [frieze.com] 

At the Crossroads: Conversation with Taus Makhacheva

Tuesday, February 11, 2014

INTERVIEW: Friedliche Spiele im Kaukasus - Interview mit Uwe Halbach. Von Armin Siebert (german.ruvr.ru)

Dr. phil. Uwe Halbach(german.ruvr.ru) STIMME RUSSLANDS Der Kaukasus ist die Heimat vieler Völker und seit Jahrhunderten eine Gegend friedlichen Miteinanders, aber auch Brennpunkt vieler Konflikte. Die Tschetschenienkriege, der Konfrontation zwischen Russland und Georgien, die Unabhängigkeitsbestrebungen von Abchasien und Süd-Ossetien und der verbissene Kampf um die Region Bergkarabach sorgen seit dem Zerfall der Sowjetunion für Spannungen. In unmittelbarer Nachbarschaft finden nun die Olympischen Winterspiele statt. Kaukasus-Experte Uwe Halbach von der Stiftung Wissenschaft und Politik hofft auf friedliche Spiele.

Podcast hier >>>

Saturday, December 28, 2013

REZENSION: Der vergessene Völkermord. Von Katja Tichomirowa (berliner-zeitung.de)

(berliner-zeitung.de) Wladimir Putin inszeniert sich nach Kräften für ein Gelingen der Olympischen Winterspiele von Sotschi. Die Geschichte der Tscherkessen sollte darüber nicht vergessen werden.

Manfred Quiring: Der vergessene Völkermord.Sie sind eine Minderheit im eigenen Land. Knapp 720.000 Tscherkessen leben heute noch im Land ihrer Vorväter, verstreut auf drei russischen Kaukasus-Republiken. Sotschi, die Stadt der Olympischen Winterspiele 2014, war einmal ihre Hauptstadt, bis der lange, blutige Krieg gegen die russischen Eroberer 1864 die letzten überlebenden Tscherkessen aus ihrer Heimat vertrieb. Die Tscherkessen mussten sich der russischen Übermacht geschlagen geben und wurden schließlich zu Hunderttausenden zwangsdeportiert, verschifft ins Osmanische Reich. Mindestens 100.000 Tscherkessen kamen dabei ums Leben.

An diesen „vergessenen Völkermord“, der stattfand noch bevor das 20. Jahrhundert den Begriff Genozid in die Geschichtsbücher einschrieb, erinnert das jüngste Buch von Manfred Quiring. Die Geschichte der Tscherkessen und ihrer Vertreibung begegnete ihm, der lange Redakteur und Moskau-Korrespondent der Berliner Zeitung und der Welt war, auf seinen Reisen durch den Kaukasus immer wieder und blieb immer wieder unbeachtet, wie Quiring schreibt, weil aktuelle Kriege und Konflikte im Kaukasus seine Aufmerksamkeit forderten. 

Dass die Geschichte der Tscherkessen nun doch zu ihrem Recht kommt, verdankt sie dem russischen Präsidenten und seiner Begeisterung für die Idee, Sotschi zum Austragungsort der Olympischen Winterspiele zu machen. Das Internationale Komitee der Tscherkessen war dagegen wenig begeistert. Sotschi war 150 Jahre zuvor bereits Austragungsort der letzten verlustreichen Entscheidungsschlacht des Kaukasus-Krieges. Die Rodel-, Bob- und Ski -Wettbewerbe in Krasnaja Poljana finden sozusagen auf den Gebeinen ihrer Vorväter statt.

Der Umgang des offiziellen Russland mit der Geschichte der Tscherkessen bestehe vorwiegend im Verschweigen derselben, bemerkt Quiring. Je näher die Eröffnung der Spiele rückt, desto nachdrücklicher wird es. Erst am Donnerstag wurden Computer, Telefone und Unterlagen von Aktivisten der tscherkessischen Minderheit in der Region Krasnodar von den Behörden beschlagnahmt. Sie hatten offen Kritik an der Austragung der Spiele in Sotschi geübt.

Manfred Quring gelingt es, den Bogen über mehr als ein Jahrhundert zu schlagen, er führt ein in die Geschichte der Tscherkessen, gibt einen Überblick über ihre weit verstreute Diaspora und er erzählt in den stärksten Kapiteln des Buches von den wenigen Zurückgebliebenen, die heute um den Erhalt der einzigartigen Natur des Nordkaukasus kämpfen. So steht die einzigartige Volksgruppe immer wieder auch exemplarisch für das mühsame Ringen um Bürgerrechte in Russland. Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, selbst Sohn eines Tscherkessen, lobt das Buch in seinem Vorwort deshalb zurecht als ebenso anspruchs- wie verdienstvoll.

Manfred Quiring: Der vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen Ch. Links Verlag, 224 S., 16,90 Euro

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FERNSEHEN: Sotschi vor den Olympischen Spielen: ZDF-Korrespondentin Anne Gellinek unterwegs "Durch den wilden Kaukasus" (prestigecars.de)

(prestigecars.de) Mainz (ots) – Zu den Olympischen Spielen in Sotschi will Wladimir Putin der Welt eine seiner Lieblingsregionen zeigen und Russland als weltoffene, moderne Sport-Großmacht präsentieren. Mit Macht und sehr viel Geld wird die mediterrane Region am Schwarzen Meer zu einem der modernsten Wintersportorte der Welt umgebaut. In der Dokumentation “Durch den wilden Kaukasus” begleitet ZDF-Korrespondentin Anne Gellinek am Montag, 30. Dezember 2013, 19.25 Uhr, die “Nachbarn” von Olympia: die Skiverleiher, die als letzte Einheimische der neuen Großbaustelle trotzen. Die Lawinenwächter, die in Blechwaggons hoch über den Wettkampfstätten die Lawinengefahr beobachten und dabei über die Umweltzerstörung durch die Winterspiele nachdenken. Oder die Kosaken, die schon immer an den Grenzen Russlands gelebt haben und ihre eigenen “olympischen” Reiterspiele in der Region abhalten.

“Es ist ein Mittelding zwischen Dubai und Disneyland, nur mit Schnee”, sagt die beste deutsche Snowboarderin Amelie Kober, als sie aus der Seilbahn zum ersten Mal die olympischen Anlagen in den kaukasischen Bergen sieht. Für ausreichend Schnee sorgt die Slowenin Mojca. An den Hängen des Kaukasus legt sie riesige Schneelager an, falls der echte Schnee für die olympischen Wettkämpfe nicht ausreichen sollte. Als Skilehrerin im Schweizer Skiort Gstaad hat Mojca die russische Politik-Elite kennengelernt. Nun ist sie verantwortlich für den Pistenzustand bei den Olympischen Spielen. Unten im Tal, am Schwarzen Meer, kämpft Galina um den Erhalt ihres Campingplatzes direkt am Strand. Weil ein Politiker ihr Filetgrundstück haben will, wird sie von den Behörden schikaniert.

In der atemberaubend schönen Landschaft des wilden Kaukasus verbinden die Menschen Hoffnung und Angst mit den bevorstehenden Olympischen Spielen: Hoffnung, dass ihre Region endlich Aufmerksamkeit und Entwicklung erfährt, Angst, dass die Schönheit der kaukasischen Berge für immer verloren gehen könnte. Und sie am Ende vielleicht wirklich nicht mehr wären als Disneyland im Kaukasus.

http://twitter.com/ZDF

Fotos sind erhältlich über die ZDF-Pressestelle, Telefon: 06131 – 70-16100, und über http://bilderdienst.zdf.de/presse/durchdenwildenkaukasus

Pressekontakt:
ZDF-Pressestelle
Telefon: +49-6131-70-12121

Friday, November 29, 2013

ARTIKEL: Die Tscherkessen – ein unbekanntes Volk erwacht. Von Hans-Joachim Hoppe (eurasischesmagazin.de)

(eurasischesmagazin.de) Die Tscherkessen sind ursprünglich im Nordkaukasus beheimatet. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts besiedelten sie das Gebiet zwischen Schwarzem Meer, Asowschen Meer, Kuban und Terek, den Rayon Krasnodar bis nach Nordossetien (Mosdok). Sie rühmen sich des Elbrus-Gebirges, ihres „heiligen Bergs“ und zugleich der höchsten Erhebung Europas und des Kaukasus, die sich mitten in ihrem Siedlungsraum befindet.


Tscherkessen - Siedlungsgebiet 1830
Tscherkessen - Siedlungsgebiet 1830
Quelle: www.circassianworld.com
Nach den Tscherkessen (engl.: „Circassians“) und ihren Stämmen Kabarden und Adyghen wurden drei kleine Teilrepubliken der Russischen Föderation benannt: Kabardino-Balkarien, Karatschai-Tscherkessien und Adygeya. Sprachlich und historisch sind die Tscherkessen mit den Abchasen verbunden, für deren Unabhängigkeit sie sich einsetzen - in der Hoffnung auf einen Präzedenzfall für ihren eigenes Selbständigkeitsstreben.

Das Tscherkessische gehört zur Adyge-abchasischen Sprachfamilie. Die Tscherkessen besitzen keine eigene Schrift. Mit der Islamisierung wurde ihre Schriftsprache Arabisch. Anfang des 20. Jahrhunderts bediente man sich des lateinischen Alphabets. Seit 1937/38 wird das kyrillische Alphabet mit einigen Ergänzungen benutzt.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts befinden sich die Nordkaukasier unter russischer Herrschaft. Nach hartnäckigem Widerstand des Nationalhelden Imam Schamil, der 1839 die kaukasischen Völker vereinigt hatte, gelang russischen Truppen die Unterwerfung der Region. Der 21. Mai 1864 gilt offiziell als Ende der russisch-kaukasischen Kriege. Der Tag wird aber auch als „Tag des Genozids“ begangen.

Vertreibung und Tod

Nach dem Krieg wurden die Tscherkessen aus ihrer Heimat vertrieben. Etwa 500.000 bis 1.000.000 Tscherkessen und Abchasen wurden über das Schwarze Meer ins Osmanische Reich zwangsverschifft. Dabei kamen nach Schätzungen über 100.000 Vertriebene um. Andere Schätzungen gehen weitaus höher: Nach der Zwangsvertreibung würden etwa eine Million Tscherkessen vermisst, die nur im Laufe der Geschehnisse umgekommen sein können.

In das Gebiet der Tscherkessen rückten zumeist christliche russische Bauern aus dem Landesinneren des Russischen Reiches nach, die zusammen mit dort ansässigen Turkvölkern die Tscherkessen zu einer Minderheit im angestammten Land machten. In der Sowjetära hatten die Tscherkessen einige Jahrzehnte eine eigene Autonome Sowjetrepublik.

In neuerer Zeit (1957) wurden sie bewusst mit anderen Nationalitäten wie den turkstämmigen Kalbaren und Karachaiern sowie Russen in mehreren Teilrepubliken zusammengebracht. Um gemeinsamen Interessen Nachdruck zu verleihen, bildeten Tscherkessen Kooperationen von Parlamentariern und Verbänden der verschiedenen Regionen.

Diese Kooperation wurde durch die Neuordnung im Kaukasus durch Bildung eines zusätzlichen Föderalen Großbezirks erschwert: gehörten bisher alle drei Teilrepubliken dem Südlichen Föderationsbezirk an, so wurden 2010 auf Anordnung von Präsident Medwedjew die Teilrepubliken Karatschai-Tscherkessien und Kabardino-Balkarien einem neuen „Nordkaukasischen Föderationsbezirk“ zugeschlagen, während die nördliche Teilrepublik Adygeya mit dem Bezirk Krasnodar beim Südlichen Föderationsbezirk verblieb. Die noch autonome Republik Adygea ist durch Pläne gefährdet, sie im Krasnodar Krai aufgehen lassen zu wollen.

In Russland benachteiligt

Insgesamt fühlen sich die Tscherkessen in Russland politisch und wirtschaftlich benachteiligt und träumen von einer eigenen zusammenhängenden Region. Auch die anderen türkischstämmigen Nationalitäten sind mit der zwangsweisen Symbiose mit ihnen fremden Stämmen nicht glücklich. Eigentlich sollen die Spitzenposten nach ethnischem Proporz besetzt werden, doch wird diese Regel immer wieder aufgrund anderer Prioritäten durchbrochen. Streit zwischen den verschiedenen Nationalitäten gibt es insbesondere bei der Postenbesetzung, bei der Land- und Hausvergabe sowie bei der Zuteilung von Budgetmitteln.

Immerhin sind in zwei der drei russischen Teilrepubliken Tscherkessen an der Macht: in der Republik Adygea ist seit 2007 der Tscherkesse Aslan Tchakuschinow Präsident und in Kabardino-Balkaria seit 2005 Arsen Kanokow. In Abchasien war der Tscherkesse Sultan Sosnaliyew in den Jahren 2005-2007 Verteidigungsminister und Vizepremier (gestorben 2008). In der Teilrepublik Karatschai-Tscherkessien ist der Karatschane Rashid Temresow seit Februar 2011 an der Macht. In erster Linie sind die Republikoberhäupter dem Kreml verpflichtet und den Kremlstatthaltern der Großkreise, denen ihre Republiken zugeordnet sind. In ihren Republiken wollen sie die verschiedenen Nationalitäten ruhig halten.

In alle Winde zerstreut

Heute lebt die Mehrheit der Tscherkessen außerhalb des Kaukasus: in der Türkei etwa zwei Millionen, in Syrien 100.000, in Jordanien 65.000, in Israel 4.000 sowie in der EU vornehmlich in Deutschland und Holland 40.000 und in den USA 9.000. Es gab und gibt teilweise noch Tscherkessen-Siedlungen im Kosovo (bei Kosovo-Polje und Obiliq nicht weit der Hauptstadt Pristina), in Südserbien, in Bulgarien und Moldova. Im Nahen Osten waren sie als treue Gardisten bei den Herrschern beliebt, auf dem Balkan waren sie als ehemalige Söldner eher verhasst. 1998 auf dem Höhepunkt des Kosovo-Konflikts wurden die Tscherkessen in einer Blitzaktion ausgeflogen und in den Kaukasus zurückgeschafft, wo sie in der Republik Adygien angesiedelt wurden.

Es gibt Schätzungen, wonach weit mehr Tscherkessen über den Globus verstreut leben: Zehn Miollionen Tscherkessen (Adygen, Kabardiner u.a.) sollen es demnach insgesamt sein. Davon würden allein acht Millionen in der Türkei leben, 850.000 in Russland, 180.000 in Jordanien, 60.000 in Syrien, 35.000 in Libyen, 12.000 in Israel, 3.500 im Irak, 80.000 in der EU, vor allem in Deutschland und15.000 in den USA.

Identität verloren

Es heißt, die Tscherkessen in der Diaspora seien weitgehend assimiliert und sprechen kaum noch ihre eigene Sprache. Die meisten Tscherkessen seien in der türkischen Bevölkerung aufgegangen und erscheinen in der Diaspora in der EU und insbesondere in Deutschland als Türken.

Im Kaukasus ist eine Minderheit der Tscherkessen verblieben, die in drei autonomen Republiken lebt: In der Republik Adygeja (RA, Hauptstadt Maykop) sind von 443.000 Einwohnern etwa 108.000 Tscherkessen, in Karatschai-Tscherkessien (KChR, Hauptstadt Tscherkessk) von etwa 427.000 Einwohnern rund 50.000 Tscherkessen und in Kabardino-Balkarien (KBR, Hauptstadt Naltschik) von 893.000 Einwohnern etwa 498.000 Tscherkessen. Weitere 10.000 Tscherkessen leben in der Umgebung der Stadt Tuapse an der Schwarzmeerküste. Wenige Tausend leben im Stavropol Kray, in Nordossetien und in Moskau.

Bis auf Kabardino-Balkarien sind die Tscherkessen in ihrer heutigen Heimat Minderheiten. Karatschaner und Balkaren sind Turkstämme, die 1944 nach Zentralasien deportiert wurden und 1957 zurückkehrten. Die Russen machen in Adygeja 65 Prozent aus, in Kabardino-Balkarien 32 Prozent und in Karatschai-Tscherkessien 42 Prozent. Russische Bestrebungen, die zum Gebiet Krasnodar gehörende Republik Adygeja aufzulösen, führten 2005 zu Unruhen. Die Tscherkessischen Siedlungsgebiete reichen heute nicht bis zur Olympiastadt Sotschi, liegen aber nahe der Schwarzmeerküste.

Die große Mehrheit der Tscherkessen sind sunnitische Muslime (wie auch die in der Türkei). Lediglich die kabardinischen Tscherkessen in der Umgebung der Stadt Mosdok sind orthodoxe Christen.

Die Tscherkessen gelten als die Ureinwohner des Kaukasus und haben sich vor allem in den Bergregionen einen archaischen, aus Gastfreundschaft, Sittsamkeit und Blutrache bestehenden Sittenkodex – vergleichbar den Stämmen in Albanien und im Hindukusch - bewahrt. Umso mehr halten sie die schmerzliche Erinnerung ihrer Deportation durch das zaristische Russland im 19. Jahrhundert bis heute wach.

Völkermord an den Tscherkessen unvergessen

Der 21. Mai 1864 ist den Russen ein „Tag des Sieges“ über die Völker des nördlichen Kaukasus, den Tscherkessen ein Anlass zur Besinnung, zum Protest und zu gemeinsamen Engagement angesichts vergangener Gewalttaten der Russen gegenüber den Völkern des Kaukasus.

So gedachten die Tscherkessen in Berlin am 21. Mai 2009 des 145. Jahrestags des Genozids durch das zaristische Russland. Dazu kamen Emigranten aus Deutschland, Italien, den USA, Israel, der Türkei, den Niederlanden und anderen Staaten angereist. Die Genozidtragödie hat für die Tscherkessen einen ähnlichen Stellenwert wie der Genozid der Türken für die Armenier. Die Gedenkfeier gab vor allem jungen Menschen aus Europa und Übersee die Gelegenheit, Kontakt aufzunehmen und sich der eigenen Identität zu versichern, tscherkessische Lieder zu hören und sich zu politisch zu engagieren. Die Feier stand unter der Schirmherrschaft der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV).

Die GfBV-Referentin erinnerte damals daran, dass die unterschiedlichen Stämme der Tscherkessen fast 100 Jahre lang Widerstand gegen die russische Kolonisation des Kaukasus geleistet hatten. Schließlich unterlagen sie der Übermacht des russischen Militärs. Dieses ging mit größter Brutalität gegen die Menschen im Nordkaukasus vor. Dörfer wurden systematisch niedergebrannt, Männer, Frauen und Kinder ermordet.

Am 28. Mai 1864 begann die Deportation der Überlebenden ins Osmanische Reich. Über das Schwarze Meer schickte man die Menschen in offenen Barkassen, kleinen überfüllten Booten, viele sanken und die Menschen ertranken. Dann wurden die Tscherkessen von Hunger und Krankheiten heimgesucht. Die genaue Zahl, wie viele Menschen durch das russische Verbrechen umkamen, lässt sich nicht mehr feststellen.

Der US-Historiker Stephen Shenfield (The Circassians - A Forgotten Genocide?, Oxford/New York 1999-2006) rechnet auf der Basis von Willis Brooks (‚Russia‘s Conquest and Pacification of Caucasus, 1995) folgendermaßen: Vor der russischen Kolonisierung gab es rund zwei Millionen Tscherkessen. 1864 war der nordwestliche Kaukasus, das Herzland der Tscherkessen, fast vollständig „gesäubert“. Zwischen 120.000 und 150.000 Tscherkessen wurden in andere Regionen des Russischen Reiches umgesiedelt. Rund 500.000 wurden ins osmanische Reich zwangsdeportiert. Zuvor im Jahr 1858 waren rund 30.000 Familien bzw. etwa 200.000 Personen ausgewandert. Das bedeutet, dass es keine Angaben zu rund einer Million Tscherkessen gibt, und wenn man noch die Opfer der Vertreibung hinzuzählt, gab es wohl fast 1,5 Millionen Opfer.

Als Volk trotz allem überlebt

Immerhin haben die Tscherkessen trotz des Assimilationsdrucks in der Diaspora als Volk überlebt. Es ist ihnen gelungen, ihre Kultur und Sprache in die Gegenwart herüberzuretten. Es gibt eine breite tscherkessische Bewegung im Nordkaukasus, in der Diaspora in der Türkei, dem Mittleren Osten und Europa und den USA, die erst seit kurzem aktiver wird.

Die Tscherkessen fordern von der Türkei, in der sie die größte Diaspora-Gruppe haben, die Anerkennung ihrer eigenständigen Sprache, Geschichte und Kultur sowie Berücksichtigung ihrer Anliegen durch die türkische Außenpolitik in Bezug auf den Kaukasus.

Sie fordern von der russischen Regierung die Anerkennung des Völkermords durch das zaristische Russland, eine Entschuldigung und letztlich auch Kompensation. Der Kreml zeigte sich bisher ablehnend und desinteressiert. Vielmehr brandmarken die russischen Behörden die Tscherkessen als „Separatisten“, wobei sie versuchen, deren Eigenständigkeitsstreben wie auch das der anderen Nationalitäten des Nordkaukasus zu torpedieren. Die Enttäuschung über die Haltung der Russen könnte, so meinen Experten, zu einer Radikalisierung der jungen Generation der Tscherkessen führen.

Das runde Jubiläum – der 150. Jahrestag des Genozids im Jahre 2014 soll bewusst in der Olympiastadt Sotschi vor einer breiten Öffentlichkeit begangen werden. Viele tscherkessische Aktivisten beklagen, die Olympiade finde „auf blutbeflecktem Boden“, dem Terrain des Genozids statt. Sie verweisen auf die typischen Begleiterscheinungen derartiger Projekte wie die Olympiade von Sotschi: Korruption, Gaunereien, ja sogar Menschenrechtsverletzungen und eine zerstörte Umwelt. Bedächtigere Stimmen preisen die Chance der Selbstdarstellung und die Aussicht auf Umsätze und Gewinn für die Bewohner der Region - auch für die Tscherkessen.

Die Tscherkessen der Diaspora organisieren sich

Tscherkessen - heutige SiedlungsgebieteEnde der 60er Jahre emigrierten Tscherkessen aus der Türkei in Länder der europäischen Union. Über die Gesamtzahl der in Europa lebenden Tscherkessen gibt es keine genauen Angaben, man geht davon aus, dass in Europa etwa 10.000 Tscherkessen leben. Vorwiegend in Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich, der Schweiz und Österreich

Der erste in Europa gegründete „kaukasische Kulturverein“ wurde am 22.09.1968 von tscherkessischen Emigranten in München ins Leben gerufen. Weitere Kulturvereine in Deutschland und den Nachbarländern folgten. Erst mehrere Jahrzehnte später - im Jahre 2004 - schlossen sich die inzwischen gewachsenen Kulturvereine in Deutschland, Holland und Belgien zu einer „Föderation der Tscherkessischen Kulturvereine in Europa“ zusammen.

Am 19.-21. Mai 1990 fand in Holland eine konstituierende Versammlung für einen „Weltkongress der Tscherkessen“ statt, an der Delegationen aus Europa, der Türkei, Syrien, Jordanien, den USA und aus dem Kaukasus teilnahmen. Dieser benannte sich später in „Internationale Tscherkessische Assoziation“ (engl. Abk.: ICA) um, die von Naltschik, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Kabardino-Balkarien aus gesteuert wird.

Trotzdem sind die Tscherkessen auch weiterhin im Kaukasus und in der Diaspora stark zersplittert. Die Struktur ihrer Vereine bleibt oft unübersichtlich. Sie divergieren nicht nur nach Regionen, sondern auch in ihrer Mission und ihren politischen Zielen. Da gibt es unpolitische, kulturelle Verbände, politisch gemäßigte und radikal-nationalistische. Es heißt, einige Verbände seien von russischen Agenten unterwandert, die dem Kreml die Möglichkeit zur Steuerung geben sollen.

Die großen tscherkessischen Diaspora-Verbände

Die „Internationale Tscherkessische Assoziation“ ICA (oft mit dem Zusatz „Adyge-Khase“), ist wohl der wichtigste Dachverband tscherkessischer Organisationen aus aller Welt. Ihm gehören die ethnisch-tscherkessischen Organisationen der drei Teilrepubliken der RF, des Krasnodar Gebietes sowie der Diaspora, der Türkei, Syriens, Jordaniens, Israels, der USA (New Jersey und Kalifornien) und Deutschlands (der FKTV unter Leitung Tamzoks). Sitz des Weltverbandes ist Naltschik, die Hauptstadt der Republik Kabardino-Balkarien, Vorsitzender ist der Bankier Kanshoby Azhakhov aus Naltschik (KBR).

Die Föderation der Tscherkessischen Kulturvereine in Europa (FTKV) ist die Dachorganisation der acht größeren tscherkessischen Kulturvereine in Deutschland. Vorsitzender der FTK ist Umar Faruk Tamzok, Hannover, Vorgänger und Ehrenvorsitzender ist der rührige Dr. Ehsan Saleh, der auch den Weltverband mit aus der Taufe hob.

Außerdem gibt es die Föderation der Europäischen Tscherkessen (engl. Kürzel FEC). Präsident ist Admiral Daşdemir , Generalsekretär Levent Sürer. Die Unterschiede zwischen FEC und FTK sind nicht ganz transparent, zumal sie teilweise in den gleichen Orten präsent sind. Auf jeden Fall handelt es sich um zwei rivalisierende Organisationen.

Prominentester Tscherkesse in Deutschland ist Cem Özdemir

Im Frühjahr 2009 wurde in Köln das „Circassian Network“ (CN), (Webseite www.circassian-network.com) gegründet, das sich als Lobbyverband junger Tscherkessen und als unabhängiges Diskussionsforum sieht. Es wird vom Jungunternehmer Bilal Edis Misiroka und einem jungen agilen Team gemanagt. Sitz ist Köln. Misiroka kommt aus Kayseri/Türkei, er ist vom Stamm Kabarday, wie er selbst angibt.

Am 28.04.2010 besuchte Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, zusammen mit dem Landtagsabgeordnete Arif Ünal, ebenfalls tscherkessischer Herkunft, die junge Mannschaft. Befragt nach dem Motiv seines Besuchs gestand Özdemir: „Mein Vater ist Tscherkesse. Zusammen waren wir in der Urheimat der Tscherkessen in der Adygea Republik im Kaukasus. Ich will meinen Beitrag dazu leisten, dass diese faszinierende Kultur nicht vom Erdboden verschwindet, sondern wie andere vom Aussterben bedrohte Zivilisationen eine Zukunft hat.“

Auf der Kölner Konferenz wurde über das Leben der Tscherkessen in Deutschland, Fragen der Integration und auch über die Idee eines „Tscherkessien“ diskutiert, die Wiederherstellung einer einheitlichen Tscherkessen-Republik im Nordkaukasus „in den historischen Grenzen“ (Siehe Karte).

Die Mobilisierung der Tscherkessen war bislang schwierig wegen der Zersplitterung in eine Vielzahl von Stämmen und Verbänden, der unterschiedlichen Dialekte, der nicht abgeschlossenen Nationswerdung und Uneinigkeit selbst über einen einheitlichen Volksnamen, Tscherkessen oder Adyghen anstelle der vielen Stammesnamen.

NRW-Landtagsabgeordneter Arif Ünal erklärte, dass es kontraproduktiv sei, wenn eine so kleine Volksgruppe zwei rivalisierende Dachverbände in Europa habe. Er empfahl, dass sich die Diaspora-Tscherkessen mit anderen unterdrückten Volksgruppen koordinieren, was ihren Forderungen mehr Gewicht verleihen würde. Auch sollte das Genozid-Thema einer breiteren Öffentlichkeit, insbesondere am Sitz der Europäischen Union in Brüssel, vorgetragen werden. (www.cherkessia.net/, Bericht vom 21.12.2010).

In München gibt es sogar ein tscherkessisches Institut

Neben Brüssel, Berlin, Hamburg und Köln war München schon immer ein wichtiges Zentrum der Emigration, denken wir nur an die Ukrainer. In München residierte bis zur Wende der von den USA gesponserte Sender Radio Freies Europa, dessen Stimme der Freiheit weit über den Eisernen Vorhang hinweg bis in den Kaukasus reichte. Kaum einer weiß, dass es in München sogar ein Tscherkessisches Institut gibt, das neben Tscherkessenkunde auch Lobbyismus und etwas Politik betreibt. Auf der Basis von Materialsammlungen, Analysen und Stellungnahmen bringt es die Belange der Tscherkessen an die Öffentlichkeit und ruft aus unterschiedlichen Anlässen (Genozidgedenken, Olympische Spiele in Sotschi 2014) zu Demonstrationen auf. Das Institut wird vom Nordkaukasischen Tscherkessischen Kulturverein München e.V. gefördert.

Tscherkessen in aller Welt

Die Tscherkessen in der Türkei stellen mit etwa zwei Millionen Menschen (2,8 Prozent der türkischen Gesamtbevölkerung) nach den Kurden eine der größten ethnischen Minderheiten dar. Nach anderen Schätzungen leben sogar fünf bis acht Millionen Tscherkessen in der Türkei. Am Bosporus lebt jedenfalls die größte tscherkessische Gemeinschaft überhaupt, sie ist größer als die in ihrer Ursprungsheimat, dem Kaukasus.

Die große Mehrheit der aus dem Kaukasus eingewanderten Tscherkessen wurde in der Türkei assimiliert. Nur knapp die Hälfte beherrscht noch eine der tscherkessischen Sprachen. Die Tscherkessen in der Türkei sind nahezu ausschließlich sunnitische Moslems. In Deutschland und Westeuropa sind die Tscherkessen meist nicht zu erkennen, es sei denn sie bekennen sich offen zu ihrer Nationalität. Da sie meist die türkische Staatsangehörigkeit haben und nur türkisch sprechen, gelten sie hierzulande als „Türken“.

Entsprechend dem Gewicht, das die Tscherkessen in der Türkei haben, ist die dortige „Föderation Kaukasischer Vereine“ (KAFFED) - abgesehen von dem oben beschriebenen Weltverband - die größte und mächtigste tscherkessische Organisation in der Diaspora. Die KAFFED ist der Dachverband von 58 tscherkessischen Verbänden in der Türkei. Präsident der KAFFED ist Cihan Candemir. Hinter KAFFED stehen mächtige Unternehmer, Politiker und Personen aus der Kultur und Bildung.

Dennoch klagen die Tscherkessen über ihre Situation in der Türkei. In Petitionen an das türkische Parlament und die Regierung forderten sie nach dem Vorbild der Kurden wiederholt Tscherkessisch-Unterricht an Hochschulen und Schulen sowie Radio- und TV-Sendungen in der tscherkessischen Sprache. Dabei verweisen sie auf die günstigere Situation in Russland in ihren drei Republiken. Mehrere tscherkessische Verbände riefen die Türkei auf, ihren Integrationsprozess mit der EU fortzusetzen und mit einer standardgemäßen Minderheitenpolitik zu verbinden. Experten sagen, die Lage der Tscherkessen hänge mit dem Grad der „Europäisierung“ der Türkei zusammen. Inzwischen müssen sich die Tscherkessen gegen konkurrierende Lobbygruppen der Tschetschenen, Georgier, Armenier und Aserbaidschaner, die in der Türkei immer aktiver werden, durchsetzen.

Zwei Staatspräsidenten tscherkessischer Herkunft

Historisch gibt es eine Vielzahl Tscherkessen, die sich als Staatsoberhäupter, Militärs, Politiker, Sportler oder Kulturschaffenden hervorgetan haben. Schon in osmanischer Zeit waren sie als Offiziere, Polizisten und Wächter beliebt. Wegen ihrer kämpferischen und künstlerischen Traditionen (Tanz) haben die Tscherkessen kaum reine Unternehmer hervorgebracht. Einige haben schon in osmanischer Zeit hohe militärische und politische Positionen erreicht. In der neueren Türkei gab es immerhin zwei Staatspräsidenten tscherkessischer Herkunft Fahri Korotürk (1973-1980) und Ahmet Sezer (2000-2007), ein weiterer Abdüllatif Şener war Vizepremier und Finanzminister unter dem gegenwärtigen Premier Recep Tayyib Erdogan. Über die Grenzen der Türkei hinaus bekannt ist auch der Schriftsteller und Nobelpreisträger (für Literatur 2006), Orhan Pamuk, der zur Hälfte tscherkessischer Herkunft sein soll.

In Jordanien genießen die Tscherkessen eine bevorzugte Stellung. König Abdullah schätzt die Loyalität tscherkessischer Militärs, Polizisten, Unternehmer und Parlamentarier. In Amman befindet sich ein für die Diaspora bedeutender Sender, NART-TV, der von der Leiterin Janti Naghaway und ihrem jungen Team gemanagt wird. In Naltschik/Kabardino-Balkarien betreibt der Sender einen weiteren Satellitenkanal. NART-TV will informieren und mit seinen Sendungen zur Wahrung der tscherkessischen Sprache und Kultur beitragen. Seine Nachrichten, Bildungs-, Unterhaltungs- und Kulturprogramme erreichen Hörer in Südrussland, im Nahen Osten und in Nordafrika.

Im Norden Israels gibt es zwei tscherkessische Dörfer, Rihanya und Kfar-Kama, die bereits um 1880 herum entstanden. Es handelt sich um Tscherkessen, die vom Balkan in den Nahen Osten umgesiedelt wurden. In Rihanya leben etwa 1000 Abadsechen, in Kfar-Kama 2000 Schapsughen. Das größere Dorf Kfar-Kama liegt in der Nachbarschaft jüdischer Siedlungen, Rihanya in der Nähe arabischer Siedlungen. In ihren „Siedlungsoasen“ hatten die Tscherkessen seit jeher die Möglichkeit, ihre Sprache, Kultur und Traditionen zu pflegen. Durch die unterschiedliche Religion und Kultur gegenüber den Juden kam es zu keiner nennenswerten Assimilierung. Dabei sind die Beziehungen der Israelis (im Unterschied etwa zu den Palästinensern) zu den Tscherkessen unproblematisch. Die Tscherkessen sind im öffentlichen Leben Israels integriert: sie verrichten ihren Wehrdienst in der israelischen Armee. Man findet sie auch im Polizeidienst wieder.

In den USA gibt es zwei Regionen, in den Tscherkessen leben – Kalifornien und New Jersey. Dort wird in den beiden Regionalverbänden, der „Circassian Association of California” und einer Organisation für New Jersey in relativ kleinen Gemeinschaften die tscherkessische Kultur gepflegt. Waren die Tscherkessen in Übersee ursprünglich eher unpolitisch, so zeigen sie - inspiriert durch das humanitäre Selbstverständnis und den missionarischen Eifer amerikanischer Organisationen - in den letzten Jahren zunehmend politisches Engagement. Eine herausragende amerikanische Aktivistin für die tscherkessischen Anliegen ist Çiçek Şık, die auch in Moskau beim Treffen mit der Duma auftrat und an die fortwirkenden Auswirkungen des Genozids bis in die Gegenwart erinnerte.

Die Tscherkessen in Russland begehren auf

Am 21. November 2010 fand in Tscherkessk, der Hauptstadt der Republik Karatschai-Tscherkessiens (KTschR), eine Versammlung der Vertreter mehrerer tscherkessischer Verbände statt, darunter die Vorsitzenden der „Adyge Khase“ der drei Teilrepubliken KTschR, der KBR und der Adygeya sowie des Rayons Krasnodar und des von Georgien abtrünnigen Abchasien. Um ihren gemeinsamen Bestrebungen (Landverteilung, Repatriierung, eigene Region) innerhalb Russlands mehr Nachdruck zu verschaffen, gründeten sie einen „Koordinationsrat der tscherkessischen Assoziationen in Russland“ unter Leitung von Muhamed Cherkesov.

Ein wichtiges Mittel zur Überwindung der Zerstrittenheit und Zersplitterung sowie zur Selbstfindung der Tscherkessen sei das Internet geworden. So soll das Projekt „Virtuelles Tscherkessien“ als Plattform der tscherkessischen Community zur Diskussion ihrer Probleme und schneller Reaktion auf aktuelle Vorgänge.

Ermuntert durch die Diaspora-Verbände wagte es der tscherkessische Weltverband ICA, sich auch an den Kreml zu wenden, um diesem regionale Fragen wie auch Probleme vorzutragen, die nur auf Föderationsebene gelöst werden können.

Ein erstes geradezu historisches Treffen fand am 16. Mai 2011 in Moskau statt, auch wenn dieses unter fast schikanösen Umständen verlief. Vorgesehen war eine Begegnung zweier paritätisch besetzter Delegationen von je acht Vertretern der ICA und einer entsprechenden Zahl von Abgeordneten der russischen Staatsduma und des Föderationsrats. Für den Vortrag der tscherkessischen Anliegen einschließlich Diskussion waren „aus Zeitmangel der Abgeordneten“ gerade mal eineinhalb Stunden reserviert. Die Sitzung leitete der stellvertretende Vorsitzende des auswärtigen Komitees, Andrey Klimow.

Tscherkessen wollen zur Entwicklung des Kaukasus beitragen

Die tscherkessische Delegation führte der Präsident des ICA Kanşobi Ajaxho an. Klimow eröffnete die Anhörung mit den Worten zum Reglement, nach dem jedem Diskutanten nur fünf bis sieben Minuten Redezeit zur Verfügung stehe. Schwerpunkt der Diskussion sollten die internationalen Aspekte der tscherkessischen Thematik sein. Ajaxho sprach mit seiner Delegation dann den Wunsch vieler Diaspora-Tscherkessen nach Repatriierung an, den nur der Kreml erfüllen könne, die Rückkehrmöglichkeit der Tscherkessen und Ansiedlung in ihrer Heimat.

Er wies auf die verheerenden Auswirkungen des Genozids vor 150 Jahren hin, die bis heute andauern, forderte die Anerkennung des Genozids durch Russland, Kompensationsforderungen habe Russland nicht zu erwarten. Terroristen habe er unter den Tscherkessen (im Unterschied zu den Tschetschenen) nicht zu befürchten. Die Diaspora wolle dabei zur Entwicklung des Kaukasus beitragen.

Spiele in Sotschi „auf den Gebeinen der Opfer“

Auch müsse der Kreml das Streben der Tscherkessen nach Vereinigung innerhalb der russischen Grenzen und ggf. auch nach Unabhängigkeit innerhalb der Russischen Föderation respektieren. Dann könnten auch freundschaftliche Beziehungen weiter bestehen. Sie wiesen auch auf die Problematik der Olympischen Spiele in Sotschi hin, die auf den „Gebeinen tscherkessischer Opfer“ stattfänden. Der Vertreter der Tscherkessen in Deutschland Omar Tamzok (Hannover) hob das Beispiel Deutschlands hervor, Rückkehrwillige aus der Diaspora zu unterstützen.

Immerhin bewirkten Initiativen dieser Art, dass sich russische Politiker und Politikforscher mit den Tscherkessen befassten. So hatte das Zentrum für Zivilisation und Regionalforschungen der Russischen Akademie der Wissenschaften Ende März 2011 in Moskau eine Konferenz zur „Tscherkessischen Frage“ veranstaltet. Dabei ging es um die Vergangenheit wie auch um Zukunftsstrategien.

Für ein autonomes Tscherkessien

Um es deutlich zu sagen, die Tscherkessen fordern auf der Basis ihrer historischen und der gegenwärtigen übrig gebliebenen Siedlungsgebiete ein autonomes Tscherkessien im Rahmen der Russischen Föderation.

So hatten bereits auf der Konferenz in Cherkessk am 5. Juni 2010 Vertreter der tscherkessischen Adyghe eine Teilung der Karatschai-Tscherkessischen Republik und die Wiederherstellung eines Tscherkessischen Autonomen Oblast, wie er bereits 1928-1957 bestanden habe, gefordert. Ihren Antrag richteten sie an Präsident Dmitri Medwedew, an Premierminister Wladimir Putin und an den Präsidentenbevollmächtigten des Nordkaukasus-Großkreises Alexandr Chloponin. Dies war der dritte derartige Antrag nach Autonomie in den letzten 17 Jahren.

Die Tscherkessen erhielten für ihre Wünsche nicht zuletzt durch die von Moskau betriebene Loslösung Abchasiens und Südossetiens nach dem August-Krieg 2008 Russlands mit Georgien Auftrieb. Ermuntert wurden sie auch durch Gewährung eine autonomen Status für die Noghaier und Abasen innerhalb der Teilrepublik Kabardino-Tscherkessien, die Moskaus Prinzip, eine weitere Zersplitterung des Kaukasus zu vermeiden, eigentlich widerspricht. Bei ihren Forderungen können die Tscherkessen auch auf die Kalmyken verweisen, die ebenfalls - bereits 1992 im Kaukasus eine eigene Republik haben.

Die Unruhe unter den Tscherkessen wurde durch die Planungen für die Olympischen Spiele von 2014 in Sotschi, ohne sie in irgendeiner Form zu beteiligen, noch gesteigert. Ihre Lage sehen sie schließlich durch die kürzlich – im Januar 2010 - erfolgte Neuordnung des Kaukasus-Raums durch den Kreml und die dadurch bewirkte administrative Spaltung erschwert.

Der Kreml sieht in den Forderungen der Tscherkessen eine Bedrohung der territorialen Integrität der Russischen Föderation, was tscherkessische Aktivisten bestreiten. Ihrer Ansicht wird nicht eine Neuordnung, sondern ein Fortbestehen der unbefriedigenden Situation im Kaukasus Anlass zu ständiger Unruhe sein.

Doch generell ist man im Kreml der Überzeugung, dass jeglicher Schritt in Richtung Autonomie ähnliche Bestrebungen in den Nachbarregionen auslösen und den Radikalen im Nordkaukasus Auftrieb geben würde. Eine Vereinigung der Tscherkessen in einer zusammenhängenden Verwaltungseinheit würde zur Zersplitterung der Region führen, ähnliche Wünsche der anderen Nationalitäten hervorrufen und damit die Integrität Russlands als solches bedrohen.

SONDERAUSSTELLUNG: Bekämpft, bedrängt, bescheiden - das Volk der Tscherkessen in Hamburg (welt.de)

(welt.de) Das Völkerkundemuseum stellt das Volk der Tscherkessen vor. Die Schau dokumentiert deren Geschichte von Verfolgung und Unterdrückung


Bescheidenheit und Zurückhaltung sind als soziale Normen in der Kultur der Tscherkessen fest verankert. Trotzdem wagen sich jetzt Angehörige des 5000 Jahre alten kaukasischen Volkes ins Licht der Öffentlichkeit. An der Verwirklichung der Ausstellung "Tscherkessen – Vom Kaukasus in alle Welt verweht" im Völkerkundemuseum beteiligen sich rund 100 Tscherkessen aus verschiedenen Ländern. Ein solches Projekt habe es noch nie gegeben, sagt Museumsdirektor Wulf Köpke.

Die Schau will das weitgehend unbekannte Volk der einstigen Krieger, Reiter und Landwirte vorstellen und dabei auch über sein Schicksal aufklären. Vor 150 Jahren wurden die Tscherkessen aus ihrer Heimat am Schwarzen Meer vertrieben. Am 21. Mai 1864 endete der Kaukasuskrieg mit der Unterwerfung durch die Armee des russischen Zaren.

Mehr als 80 Prozent der Tscherkessen wurden in das damalige Osmanische Reich zwangsumgesiedelt. Allein bei der Flucht über das Schwarze Meer kamen mehr als 100.000 Menschen ums Leben, viele starben in der Folge an Hunger und Krankheiten. Dieser Völkermord, von dem die Welt heute erschreckend wenig weiß, sei "ein unglaubliches Trauma", so Köpke.

Den Anlass für die Ausstellung gab somit eine Entwicklung, die für viele Tscherkessen alte Wunden aufreißt. Just in der Heimatregion der Vertriebenen lädt Russland zu den Olympischen Winterspielen 2014. Die subtropische Stadt Sotschi ist nicht nur der Austragungsort der teuersten Winterspiele aller Zeiten: In Sotschis neuem Wintersport-Resort Krasnaja Poljana fand die letzte blutige Schlacht gegen die Russen statt.

"Jeder Sportler muss wissen, dass unter den Skipisten die Gebeine unserer Ahnen liegen", sagte Iyad Youghar, Vorsitzender des Internationalen Komitees der Tscherkessen. Die Verzweiflung über die Entweihung des Ortes sei groß, erklärt Köpke. Die Demütigung schlägt vor allem bei den jungen Leuten in Aggression um, zumal sie spüren, wie ihnen die eigene Kultur außerhalb der Heimat langsam entgleitet.

Die meisten Tscherkessen, etwa zwei Millionen, leben heute in der Türkei. Doch das muslimische Volk ist über die ganze Welt verstreut, fand in Syrien, Israel, den USA und in Europa ein Zuhause – in Deutschland gibt es rund 50.000 Tscherkessen. Im Nordkaukasus sind in drei autonomen Republiken noch etwa 700.000 heimisch, viele wohnen auf dem Land, "weil sie dort noch ungestört als Tscherkessen leben können", berichtet Köpke, der die Region jüngst bereist hat. Aufgrund der langen Migrationsgeschichte war es nicht leicht, Exponate für die Ausstellung zu finden, vieles ist für immer verloren. Dennoch gelang es, mit Hilfe von Sammlern und Familien, eindrucksvolle Stücke zusammenzutragen. Dazu gehören kostbare Waffen wie Säbel und Schwerter, mit denen viele Tscherkessen auch heute noch geschickt umzugehen wissen, denn die traditionelle Selbstdefinition als Krieger bedeutet ihnen viel.

Zu sehen sind auch Hausratsgegenstände des gastfreundlichen Volkes, ferner Gerätschaften aus der Landwirtschaft. "Die Tscherkessen hatten den grünen Daumen", sagt Köpke. Außerdem waren sie fähige Reiter: Ein kostbarer, dem Bescheidenheitscredo entsprechend unscheinbarer, nur mit Silber verzierter Sattel wird ebenfalls gezeigt. Einst betrug der Wert dieses Sattels 15 bis 20 Ochsen. Schlicht und schön wie Nutzgegenstände, Schmuck und Waffen war auch die Kleidung der Tscherkessen. Zum Beispiel ist ein Männergewand von 1850 ausgestellt, eines der wenigen Objekte aus der Zeit vor der Vertreibung. Besonderes Merkmal: ein Einschussloch. Neben den Exponaten, die auf die ethnische Identität verweisen, sind viele Fotos zu sehen. Karten erzählen von den Wanderbewegungen, Texte klären unter anderem über die schwierige Sprache auf, die acht Vokale und 74 Konsonanten besitzt.

Im Zentrum der tscherkessischen Kultur steht der Verhaltenskodex Adyghe Xabze, der alle Lebensbereiche durchdringt und auch in der Diaspora bewahrt wurde. Bescheidenheit ist danach die größte Zier, Protz und Prunk verpönt, Respekt vor Älteren und Frauen selbstverständlich. Das Moralgebäude beeindruckte einst die Nachbarvölker so sehr, dass sie ihre Kinder von den Tscherkessen erziehen ließen.

Angesichts der eindrucksvollen Kultur sei bei den Vorbereitungen das Olympia-Thema mehr und mehr an den Rand gerückt, erklärt Köpke. Schließlich sei ein Volk zu präsentieren, das derzeit neues Selbstbewusstsein erlangt. Es sei nicht das Anliegen der Ausstellung, die Vergangenheit zu beklagen, sondern gehe darum, die Tscherkessen bekannt zu machen. Und: "Man soll sie bewundern. Wegen ihrer Stärke, ihrer Integrität, ihrer Schläue, ihrer Bescheidenheit."

Tscherkessen-Ausstellung vom 24. November bis 25. Mai, Völkerkundemuseum


So 24. November 2013 – 25. Mai 2014
Tscherkessen – Vom Kaukasus in alle Welt verweht
Ein legendäres Volk neu entdecken


Die Tscherkessen sind eines der ältesten Völker Europas, seit Jahrtausenden leben sie im Nordwesten des Kaukasusgebirges. Im 19. Jahrhundert gehörten die Tscherkessen zu den bekanntesten Völkern in ganz Europa und wurden als Krieger und Reiter bewundert sowie für ihre Schönheit, Eleganz und Tapferkeit gerühmt.

Nach ihrer Vertreibung 1864 durch die Armee des russischen Zaren geriet das einstmals legendäre Volk immer mehr in Vergessenheit. In ihrer einstigen Hauptstadt Sotschi finden 2014 die olympischen Winterspiele statt. Für viele ist der beliebte Badeort im Kaukasus ein Urlaubsparadies, für Tscherkessen jedoch ein Ort großer Trauer. Genau 150 Jahre vor der Olympiade endete dort die letzte Schlacht gegen Russland. Die olympischen Spiele rücken die Heimatregion der Tscherkessen erneut ins Licht der Öffentlichkeit – Anlass genug, um dieses berühmte Volk für uns neu zu entdecken.

Die Ausstellung spürt seinem Schicksal nach und porträtiert ein in alle Welt verstreutes Volk, das seine Kultur und Sprache am Leben erhalten hat. Was verbindet die Tscherkessen heute und welche Themen bewegen sie? Um Fragen nach Identität und Erinnerungen zu stellen, hat das Museum Kontakt zu zahlreichen tscherkessischen Verbänden und Privatpersonen aus aller Welt aufgenommen, die an der Ausstellungskonzeption mitgewirkt haben.

Ein Ausstellungsprojekt des Museums für Völkerkunde Hamburg in Kooperation mit vielen tscherkessischen Vereinen und Privatpersonen.

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(dtj-online.de) Sotschi: Das Schicksal der Tscherkessen

Sotschi wird Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014 sein. Das Museum für Völkerkunde will das Ereignis zum Anlass nehmen, um in Kooperation mit den Tscherkessen selbst an das Schicksal des fast vergessenen Volkes zu erinnern.

Das Museum für Völkerkunde Hamburg will in Kooperation mit Vertretern der Volksgruppe der Tscherkessen die bevorstehenden Winterspiele in Sotschi zum Anlass nehmen, um an ein historisches Ereignis in Sotschi zu erinnern, dem in der Vergangenheit kaum Beachtung geschenkt wurde: die gewaltsame Vertreibung von bis zu 1 Millionen Tscherkessen aus ihrer Heimat im Kaukasus. Genau 150 Jahre vor den Olympischen Spielen endete dort die letzte Schlacht gegen das russische Kaiserreich und die Vertreibung eines der ältesten Völker Europas begann. Das Museum für Völkerkunde Hamburg hat den Tscherkessen nun eine Sonderausstellung gewidmet. Der Direktor des Museums, Herr Prof. Dr. Köpke, sprach mit dem DTJ über das Volk der Tscherkessen und Sotschi.

Herr Prof. Dr. Köpke, wer genau sind die Tscherkessen, woher kommen sie und warum richtet Ihr Museum eine Sonderausstellung für dieses Volk aus?

Das ist eine längere Geschichte. Ich selbst habe mich bereits sehr früh für die Völker des Kaukasus interessiert. Im Rahmen meiner Recherchen zu den Grundlagen der europäischen Kultur, die ich seit den 1980er-Jahren betrieben hatte, als ich Leiter der Abt. Europa im Berliner Völkerkundemuseum war, habe ich mich dann intensiver mit den Tscherkessen und ihren Nachbarvölkern auseinandergesetzt. Die Tscherkessen gelten als eines der „Urvölker“ Europas. Unstrittig ist wohl, dass einige der grundlegenden Kulturtechniken unseres Kontinents, wie der Weinbau, aus dem Nordwestkaukasus stammen. Im Museum für Völkerkunde Hamburg beschäftigen wir uns seit 1993 mit dem Nordwestkaukasus, ausgelöst durch den Unabhängigkeitskrieg Abchasiens von Georgien. Wir wollten damals einfach sachlich über diese nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sehr bedeutende geostrategische Region und über ihre Menschen und Kulturen berichten. Daraus entstanden zahlreiche Veranstaltungen mit Abchasen, Tscherkessen, aber auch mit Georgiern und Armeniern. Dies wiederum führte auch zu zahlreichen persönlichen Bindungen und Freundschaften. Von tscherkessischen Freunden wurden wir bereits vor 3 Jahren auf das Problem „Sotschi“ und das Zusammenfallen der Olympischen Winterspiele mit dem 150. Jahrestag des „Sürgün“ aufmerksam gemacht. Wir haben die Wut und das Ohnmachtsgefühl vieler junger Tscherkessen in der Diaspora mitbekommen. Wir haben dann diese Gefühle gemeinsam mit vielen Vertretern der tscherkessischen Vereine analysiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass das wichtigste Problem der Tscherkessen ist, dass zu wenig Menschen überhaupt wissen, dass es sie gibt. Daher besteht auch die Gefahr, dass alle Proteste gegen Sotschi einfach verpuffen, weil kaum jemand begreift, wer da eigentlich weswegen protestiert.

Daher haben wir uns als Museum zum Ziel gesetzt, durch eine Ausstellung die wunderbare Kultur der Tscherkessen bekannter zu machen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Aus unserer Sicht ist es das wichtigste Ziel, dass tscherkessische Sprache und Kultur weiterhin überleben und blühen. Das ist die ungeheure, viel zu wenig gewürdigte Leistung der Tscherkessen in der Diaspora, dass immer noch Millionen Menschen außerhalb des Mutterlandes die schwierige tscherkessische Sprache beherrschen. In der jungen Generation ist dieses Können aktiv bedroht. Wir wollen die großartige Arbeit der Vereine ergänzen und dazu beitragen, dass junge Tscherkessen wieder stolz auf ihre Kultur sind und weiterhin die Mühe auf sich nehmen, sie zu pflegen. Wenn wir damit ein wenig Erfolg haben, dürfen wir vielleicht die Tscherkessen bei der Pflege ihrer Kultur weiterhin begleiten.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für die geringe Beachtung der Geschehnisse von 1864?

Die Gründe sind vielfältig. Natürlich hatte die russische Regierung im 19. Jahrhundert alle Gründe, das Thema nicht mehr zu berühren. Die enge Nationalitätenpolitik der Türkei unter Atatürk und seinen Nachfolgern hat ein Übriges dazu getan. Auch durch die Abschottung der Sowjetunion nach 1945 hat das Interesse an den Völkern im Kaukasus nachgelassen. Und ein wenig scheint die geringe Beachtung auch mit dem tscherkessischen Nationalcharakter zu tun zu haben: Meiner Erfahrung nach sind Tscherkessen eher bescheiden und zurückhaltend, es liegt ihnen, glaube ich, nicht, andere sehr stark auf sich aufmerksam zu machen. Hinzu kommt die starke Traumatisierung eigentlich aller Tscherkessen durch die Ereignisse von 1864 und auch durch die bei vielen darauf folgenden erneuten Vertreibungen. Einige Familien wurden in den letzten 150 Jahren vier Mal vertrieben. Ich glaube, dann verstummt man eher, als dass man lauthals klagt und versucht einfach nur, zu überleben.

Welche historische bzw. emotionale Bedeutung hat Sotschi für die Tscherkessen?

Sotschi und die damit verbundenen Ereignisse des Krieges und der Vertreibung hat für alle Tscherkessen eine hohe emotionale Bedeutung. Allerdings gehen erfahrungsgemäß verschiedene tscherkessische Gruppen damit unterschiedlich um. Gerade in der Türkei, insbesondere unter der jungen tscherkessischen Bevölkerung, scheint mir der Widerstand gegen die Olympischen Winterspiele besonders groß zu sein. Zusammen mit einigen amerikanischen Tscherkessen wurde in diesem Sinne die No-Sotschi-Bewegung initiiert, die Protestkundgebungen und Informationsveranstaltungen in der Türkei, aber auch weltweit organisiert. In den tscherkessischen Republiken im Kaukasus habe ich vor einigen Wochen viele Menschen erlebt, die die Zähne zusammenbeißen, aber sagen, wir können nichts daran ändern. Andere wiederum und gar nicht wenige, meinten, man müsse sich mit den Russen und eben auch mit Sotschi arrangieren, im Übrigen aber daran arbeiten, die eigene Kultur selbstbewusst weiter zu stärken. Auch bei vielen syrischen und jordanischen Tscherkessen habe ich diese Haltung gefunden. Die russische Regierung scheint auf beide Haltungen reagieren zu wollen und verspricht, wie zuletzt der russische Vizepremier Dimitri Nikolajewitsch Kosak am 16. Oktober in Sotschi, vor Vertretern der tscherkessischen Diaspora und der tscherkessischen Republiken eine Stärkung der tscherkessischen Kultur in Russland, ein aktives Gedenken an die Vertreibung 1864 und eine angemessene Vertretung der tscherkessischen Kultur während der olympischen Feierlichkeiten. Was sich davon erfüllt, wird sich im Februar 2014 zeigen und entsprechend werden sicherlich auch die tscherkessischen Reaktionen ausfallen.

Welche Forderungen und Hoffnungen gibt es vonseiten der Tscherkessen in Bezug auf die Winterspiele 2014 in Sotschi?

Es gibt Gruppen, die eine öffentliche Entschuldigung der heutigen russischen Regierung für die Verbrechen Russlands in den Kaukasuskriegen bis 1864 und die sich daran anschließenden Vertreibungen verlangen. Andere sind moderater. Ich zitiere einen Teilnehmer eines unserer Workshops: „Ich möchte, dass bei der olympischen Eröffnungsfeier vor allen anderen Teilnehmern ein Tscherkesse in tscherkessischer Tracht marschiert, der eine tscherkessische Fahne schwenkt und damit deutlich macht, dass das Land von Sotschi eigentlich unser Land ist. Mehr will ich gar nicht.“ Andere Gruppen, vor allem im Land selber, versprechen sich eben das, was die russische Regierung ihnen jetzt angeboten hat: eine Stärkung ihrer kulturellen und ökonomischen Lage im Rahmen der jetzigen politischen Situation. Aber alle wünschen sich, dass die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit für die Region auch dazu führt, dass möglichst viele Tscherkessen sich wieder in der alten Heimat ansiedeln mögen.

Wo leben die Tscherkessen heute? Wie viele leben in Deutschland, wie viele in der Türkei?

Es ist schwer, Zahlen zu nennen. Regierungen tendieren dazu, diese Zahlen möglichst niedrig anzusetzen, tscherkessische Organisationen neigen gelegentlich dazu, sie sehr hoch anzusetzen. Wirklich verlässliche Zahlen gibt es eigentlich nicht. Es ist auch die Frage, ob man alle mit ein bisschen tscherkessischem Blut in den Adern als Tscherkessen zählt oder nur die, die sich auch selber als Tscherkessen fühlen und bekennen. Andere wiederum möchten nur die anerkennen, die auch die tscherkessische Sprache beherrschen.

Ich denke, wenn man von einem mittleren Standpunkt ausgeht, also davon, wer sich selbst als tscherkessisch fühlt, kann man insgesamt weltweit von etwa 4 Millionen Menschen ausgehen. Das ist mehr als eine ganze Reihe etablierter europäischer Staaten an Einwohnern hat. Von diesen 4 Millionen leben schätzungsweise knapp 900 000 in Russland, etwa 50 000 in Deutschland, den Niederlanden, Belgien und Frankreich, je etwa 100 000 in Syrien und in Jordanien, kleinere Gruppen im Irak, in Libyen, in Israel und in den Vereinigten Arabischen Emiraten, 10 000 in Australien, etwa 15 000 in den USA. Weit über 2 Millionen Tscherkessen leben also in der Türkei.

Mehr: voelkerkundemuseum.wordpress.com

Saturday, December 08, 2012

ARTIKEL: Die Schwarzmeerregion als europäische Kernaufgabe. Von Hans-Joachim Hoppe (eurasischesmagazin.de)

(eurasischesmagazin.de) Das Schwarze Meer ist eine der Urregionen der Menschheit. Vor 15.000 Jahren kam es tatsächlich, wie schon in der Bibel steht, zu einer großen Schmelze in den Bergen und einer Sintflut in den Tälern, die das Schwarze Meer entstehen ließ. Im Kaukasus erhoben sich der Elbrus als höchster Berg und der Ararat, wo die Arche Noah nach der Legende gestrandet sein soll. Am 9.November 2012 fand in Graz in der österreichischen Steiermark eine Schwarzmeer-Konferenz statt, auf der die modernen Bedürfnisse und Kernprobleme der Schwarzmeerregion erörtert wurden.

Für Europa stellt die Schwarzmeerregion einen wichtigen Wirtschaftsraum dar. Diese Weltregion enthält reiche Gas- und Erdölvorkommen im Kaukasus, wichtige Erze auf dem Balkan und im Kaukasus, Industrieagglomerationen und Kohlevorkommen sowie riesige Agrarflächen in Russland und der Ukraine und schließlich ein Pipeline-Netzwerk, das Mittelasien wahlweise über den Kaukasus und Russland durch die Türkei nach Süd- und Mitteleuropa führt.

Nicht zu vergessen sind die beliebten Tourismusgebiete rund ums Schwarze Meer: die Schwarzmeerküsten Bulgariens (Burgas, Varna), Rumäniens (Constanza) und der Ukraine, die Krim, die östliche Küste um Sotschi, Abchasien (Suchumi) und Georgien (Batumi) sowie die im Süden der Türkei. Am äußersten Ende des Schwarzmeerterrains stand Aserbaidschans Hauptstadt Baku beim 57. Eurovision Song Contest 22.-26. Mai 2012 im Mittelpunkt des Weltinteresses.

Europas Hauptinteresse gilt den Energiereserven

Ein globales Großereignis am Schwarzen Meer, für das der Kreml alle Kräfte aufwendet, sind die prestigereichen Olympischen Winterspiele in Sotschi vom 07. –23. Februar 2014. (XXII Olympic Winter Games). Das Hauptinteresse Europas gilt jedoch den Energiereserven in der Schwarzmeerregion. Dabei steht die Kaukasusregion, speziell Aserbaidschan, als Produzent und als Transit für die Vorkommen in Mittelasien, im Mittelpunkt. Der Transfer verläuft über Aserbaidschan, Georgien, die Türkei in Richtung Balkan nach Mittel- und Südosteuropa. Angesichts der politischen, wirtschaftlichen und strategischen Bedeutung der Schwarzmeerregion sind dort auf allen Ebenen die USA, die EU, Russland und viele andere Staaten und Organisationen engagiert. Zusammen mit Deutschland sind auch andere große und kleine EU-Mitglieder mit Förder- und Modernisierungsmaßnahmen, Investitionen und politischen Friedensbemühungen vertreten. Politische Konfliktlage

Bei einem Rundblick auf die Anrainerstaaten des Schwarzen Meeres fallen zunächst einige typische Merkmale ihrer Entwicklung auf: alle (fast alle) Länder sind gekennzeichnet von Demokratiedefiziten mit verbreiteter Repression und Rechtlosigkeit, endemischer Korruption, organisierter Kriminalität, Geldwäsche und Drogenhandel, wirtschaftlicher Rückständigkeit und ethnischen Konflikten.

Selbst die EU-Mitgliedsländer Rumänien und Bulgarien haben die kommunistische Vergangenheit noch immer nicht bewältigt und weisen Demokratiedefizite auf, wie der Konflikt zwischen Präsidenten und Regierung vor einigen Monaten zeigte. In der Ukraine hat nach den Präsidentenwahlen von 2010 und den Parlamentswahlen Ende Oktober 2012 die Orange Revolution einen schweren Rückschlag erlitten. In Moldawien begann dagegen überraschend eine politische Konsolidierung. Die ethnischen und regionalen Konflikte, insbesondere mit Transnistrien, sucht das Land durch eine „Konföderalisierung“ zu lösen.

In einem so gesegneten Land wie Aserbaidschan gibt es noch immer ein Klanwesen verbunden mit Repressionen und wirtschaftlicher Rückständigkeit. In Armenien hat sich die innenpolitische Lage verbessert, jedoch leidet es nicht zuletzt aufgrund langsamer Wirtschaftsfortschritte unter einem extremen Bevölkerungsrückgang. In Georgien ist es trotz der Krieges vom August 2008 und Pressionen unter dem Druck der internationalen Gemeinschaft tatsächlich bei den Wahlen am 1. Oktober 2012 zu einem halbwegs friedlichen Machtwechsel gekommen. Inwieweit sich unter der neuen Regierung die Lage verbessert, bleibt abzuwarten. (Siehe „Georgien: Die Gefängnis-Revolution“, EM 10-2012).

Farbige Revolutionen und neue Konflikte

Rund ums Schwarze Meer fanden „farbige Revolutionen“ statt, in Bulgarien und Rumänien 1989/1990, im entfernteren Serbien 2000 mit dem Sturz Milosevics, in Georgien 2003 und in der Ukraine 2004. 1991 war es zum Zusammenbruch der Sowjetunion und deren Auflösung in selbständige Staaten gekommen, darunter den Anrainern Russlands, Ukraine und die drei Kaukasus-Staaten Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Zwei Jahrzehnte später erreichte eine neue Demokratiebewegung und Protestbewegung zwischen Dezember 2011 und Sommer 2012 auch die Schwarzmeerregion Russlands.

Alle Anrainer des Schwarzen Meeres sind multiethnische und multikonfessionelle Länder, wobei Ethnos und Religion oft miteinander kombiniert sind: Bulgarien mit einer starken türkischen Minderheit sowie Roma-Sinti, Rumänien mit ungarischen und deutschen Minoritäten und einer größeren Roma-Bevölkerungsgruppe. Moldawien mit Ukrainern, Russen und türkischen Gagausen sowie der abtrünnigen Region Transnistrien, die als Konfliktlösung eine Föderalisierung anstrebt.

Die Ukraine ist gespalten in einen von Ukrainern bewohnten Westteil und einen mehrheitlich russischen Ostteil. Die Krim mit mehrheitlich russischer Bevölkerung wird auch von den während des Zweiten Weltkrieges deportierten Tataren als Heimat beansprucht. Siehe „Krimtataren - der lange Schatten Stalins über den Stiefkindern Eurasiens“ in EM 08-2011). Die Halbinsel, die 1954 vom damaligen Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow an die Ukraine übergeben wurde, wird von einigen russischen Kreisen für Russland reklamiert.

Im Nordkaukasus lebt eine bunte Vielfalt von Völkerschaften: Tscherkessen, Karatschaier, Balkaren, Osseten, Tschetschenen, Inguschen, Dagestanis und Kalmyken, teils in eigenen monoethnischen Republiken, teils in bi-ethnischen wie Karatschai-Tscherkessien und Kabardino-Balkarien. In der Region ist abgesehen von den mehrheitlich russischen Gebieten überwiegend muslimisch. (Siehe „Kaukasus: Die Tscherkessen – ein unbekanntes Volk erwacht“ EM 10-2011).

Der Südkaukasus ist belastet von ethnischen Konflikten, die zu Kriegen und Sezessionen bestimmter Regionen führten (Bergkarabach, Abchasien und Südossetien). Georgien und Armenien sind überwiegend christlich, Aserbaidschan muslimisch, aber laizistisch - nach türkischem Vorbild laizistisch. Der zu Russland gehörige Nordkaukasus ist immer noch weitgehend unterentwickelt und von ethnischen und religiösen Konflikten belastet. Zur Befriedung und Entwicklung dieser Problemzone wurde mit Erlass von Präsident Dmitry Medwedjew vom 19. Januar 2010 aus dem Föderalen Großbezirk Süd, also Südrussland (mit der Hauptstadt Rostow am Don und der Olympiastadt Sotschi), ein spezieller Großkreis Nordkaukasus (Hauptstadt Pyatigorsk) herausgelöst. (Zur Teilung der Region in die Föderalen Großbezirke Süd- und Nordkaukasus im Januar 2010).

Außerdem soll bis 2025 ein Entwicklungsprogramm in Höhe von 1,7 Trillionen Rubel (sic!), umgerechnet in Höhe von 52,2 Milliarden Dollar, für die konfliktträchtige Nordkaukasus-Region aufgelegt werden. Hauptsorge des Kreml ist nicht zuletzt der reibungslose Ablauf der Olympischen Spiele in Sotschi im Jahre 2014. (Zur langfristigen Entwicklungsstrategie für den Nordkaukasus bis 2025).

Militärische Konflikte

Die Schwarzmeerregion war immer wieder von Konflikten und Kriegen betroffen. Während des Kalten Krieges war das Schwarze Meer zwischen den beiden Blöcken aufgeteilt. Die nördliche und östliche Küste beherrschte die Sowjetunion, im Westen lagen die Warschauer Pakt-Mitglieder Rumänien und Bulgarien: Im Süden erstreckte sich in voller Breite das NATO-Mitglied Türkei – insgesamt vier Staaten beherrschten die Region.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion differenzierte sich diese Struktur durch neue selbständige Staaten: von Westen nach Norden, Osten und Süden liegen am Schwarzen Meer die NATO- und EU-Mitglieder Bulgarien und Rumänien, das in Meeresnähe befindliche Moldawien, die Ukraine, Russland, das prowestliche Georgien und das NATO-Mitglied Türkei – insgesamt sieben Staaten.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion brachen innerethnische und nachbarliche Konflikte in der Schwarzmeer-Region aus, die unter den neuen Staaten zu Kriegen und bis heute andauernden Spannungen führten:

* Moldawien und das abtrünnige Transnistrien.
* Streit zwischen Rumänien und der Ukraine um die Schlangeninsel und das Donaudelta.
* Ansprüche Russlands auf die zur Ukraine gehörige Krim.
* Rückkehr der Tataren.
* mehrere Tschetschenienkriege.
* ethnische und religiöse Konflikte im Nordkaukasus.
* Fünftage-Krieg zwischen Russland und Georgien vom 8.-12. August 2008.
* Loslösung der abtrünnigen Gebiete Abchasien und Südossetien von Georgien.
* Krieg und Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach.

Russland unterhält weiterhin Stützpunkte in Transnistrien, auf der zur Ukraine gehörigen Krim in Sewastopol, Truppenmassierungen im Nordkaukasus, Stützpunkte in Armenien, Aserbaidschan (Radaranlage Gabala) und den von Georgien abtrünnigen Gebieten Abchasien und Südossetien.

Die Amerikaner unterhalten im Schwarzmeerraum Basen in Rumänien, Bulgarien, der Türkei und Georgien. Im Falle eines NATO-Beitritts Georgiens würde das Territorium des atlantischen Bündnisses im östlichen Teil des Schwarzen Meeres von der Türkei über Georgien bis an die Grenze Südrusslands reichen. Georgien wird außerdem durch den NATO-Schild vor russischen Übergriffen geschützt.

Gefürchtet wird letztlich sogar eine Verwicklung der Kaukasus-Staaten im Falle eines Krieges der Amerikaner (und Israel) gegen den Iran. Wenn zum Beispiel die Amerikaner den Kaukasus als Ausgangsbasis für eine Aktion gegen den Iran nutzen sollten, würden die Russen (wie schon in früheren Zeiten) eine solche Operation der USA als Vorwand für eine Besetzung der drei Kaukasusstaaten und des Nordiran ins Feld führen.

Für die NATO und die USA ist die Schwarzmeerregion von strategischer Bedeutung, nicht zuletzt als Transport- und Versorgungsweg über den Kaukasus zur Unterstützung der ISAF in Afghanistan. Mehrere Länder der Region sind selbst in Afghanistan mit Truppen vertreten.

Umweltbedrohungen verschärfen die Gefahren

Von Mittelasien, dem Iran, Saudiarabien und der arabischen Welt dringen starke fundamentalistische Strömungen in die Kaukasus-Region ein und breiten sich inzwischen auch ins Innere Russlands aus. Im Nordkaukasus macht sich die Aufstandsbewegung um Doku Umarov ständig durch Attentate und Scharmützel mit den Sicherheitsorganen bemerkbar. Am 19. Juli 2012, am Vorabend des Ramadan, erregte ein Attentat auf zwei hohe Geistliche in dem sonst für seine versöhnliche Politik bekannten Tatarstan Aufsehen. Das säkulare Aserbaidschan konnte wie auch die Türkei durch ihr laizistisches System den Islamismus bisher eindämmen. Jedoch droht auch hier ein Eindringen islamistischer Strömungen aus dem Nahen Osten.

Neben Krieg und militärischen Konflikten ist die Region, wie eine Vielzahl von Vorfällen in der Vergangenheit gezeigt hat, mannigfaltigen Gefahren vor allem die Umwelt betreffend ausgesetzt: Erdbeben, Überschwemmungen, Stürme, die Verseuchung der Luft, Smog und Schäden durch Bergwerke und Schwerindustrie, Verschmutzung der Gewässer, Deformation der Seen und Meere, Schmelze der Gletscher, Verstrahlung durch AKWs (ca. 15-20 an der Zahl); nukleare Katastrophen (Tschernobyl 1986); eine hohe Zahl von Krebserkrankungen und Leukämie durch AKW, Bergwerke, Stahl- und Kohleindustrie: Armenien ist geradezu ein „menschliches Biotop“ für die weltweite Krebsforschung.

Die Schwarzmeerkooperation

All diese Konflikte in der Schwarzmeerregion will die internationale Gemeinschaft einschließlich USA, Russland und EU durch politische und wirtschaftliche Förderung entschärfen.

Für den gesamten Raum wurde am 25. Juni 1992 auf türkische Initiative in Istanbul die Organisation der Schwarzmeer-Wirtschaftskooperation (Black Sea Economic Cooperation, abgekürzt BSEC) gegründet, der weitaus mehr Staaten angehören als die unmittelbaren Anrainer des Schwarzen Meeres.

Erst nach Einrichtung eines formellen Sitzes in Istanbul 1994 und Inkrafttreten der Charta 1999 begann die eigentliche Arbeit der Organisation, die mit dem Beitritt Serbiens 2004 auf 12 Mitglieder anwuchs. Im ersten Halbjahr 2012 hatte Serbien den Vorsitz, am 26. Juni 2012 fand ein Treffen des Ministerrats der BSEC in Belgrad statt. Am 1. Juli übernahm die Türkei wieder den Vorsitz der Organisation. Es folgte der 20. Jubiläumsgipfels der BSEC in Istanbul.

Die Schwarzmeer-Wirtschaftskooperation will Frieden, Stabilität und Wohlstand in der Region durch wirtschaftliche Zusammenarbeit fördern. Zölle und nichttarifäre Hindernisse zwischen den Mitgliederstaaten sollen reduziert, die Grenzformalitäten harmonisiert werden. Die Staaten verpflichten sich, Investitionen sowie gemeinsame Bank- und Finanzvereinigungen mit dem Ziel einer regionalen Wertpapier-Börse zu fördern. Sie kooperieren außerdem in den Bereichen Umweltschutz, Transport, Energieversorgung und Telekommunikation, Wissenschaft, Erziehung, Technologie und Landwirtschaft sowie in Fragen der inneren Sicherheit, der Bekämpfung von Terrorismus und organisierter Kriminalität. Neuerdings sucht die Organisation Strategien gegen die globale Finanzkrise (Förderung des kleinen und mittleren Unternehmertums), für den Kampf gegen Waldbrände und gegen Naturkatastrophen. Sie genießt die Förderung durch zahlreiche Partner in aller Welt.

Neben der BSEC gibt es noch viele regionale Zusammenschlüsse, die in die Region hineinreichen und sich teils überschneiden. So zum Beispiel die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ). Ein kurioses Bündnis stellt die „Gemeinschaft nicht anerkannter Staaten“ (GUS-2) dar, die sich analog zur großen „Gemeinschaft unabhängiger Staaten“ (GUS) benannt hat. Das Bündnis ist eher ein informeller Zusammenschluss der nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion entstandenen, aber international überwiegend nicht anerkannten De-fakto-Regime: Abchasien, Bergkarabach, Südossetien und Transnistrien.

Die vier Mini-Republiken haben 2001 in Stepanakert/Karabach die Gründung einer „Gemeinschaft für Demokratie und Völkerrechte“ angekündigt, die 2006 in Sokhumi / Abchasien gegründet wurde. Zwei der vier Staaten, Abchasien und Südossetien, wurden von Russland, Nikaragua, Venezuela und der Südseeinsel Nauru, Abchasien 2011 auch noch von Vanuatu und Tuvalu anerkannt.

Auch die zu Moldawien gehörende autonome Republik Gagausien hat Südossetien und Abchasien anerkannt. Die zu Aserbaidschan gehörige Exklave Nachitschewan könnte auch zu der Kleinstaatengruppe zählen, sie beansprucht aber keine Unabhängigkeit.(Siehe „Nachitschewan – Vorposten Aserbaidschans“, EM 08-2011).

Steiermark und Schwarzmeerregion

Die eingangs erwähnte Schwarzmeerkonferenz in Graz hat Chancen und Risiken der Entwicklung in den Anrainerstaaten und Nachbarländern des Schwarzen Meeres erörtert. Die Steiermark ist selbst im Rahmen von Regionalprogrammen, österreichischen und EU-Partnerschaften mit Fördermaßnahmen im Schwarzmeerraum vertreten. Bereits 2010 hieß es, Österreichs Wirtschaft soll in der Schwarzmeer-Region durchstarten.

Bemerkenswert sind die engen Kontakte der Steiermark zu Aserbaidschan und zu der kaum bekannten Region Nachitschewan, die sich schon seit 2006 entwickelten. Die Kontakte zu den Partnerregionen in aller Welt werden von der Abteilung 9, Internationales, der Landesregierung der Steiermark gepflegt. Die Steiermark trägt zur Entwicklung von Wirtschaft, Bildung, Tourismus und politischer Kultur in den Partnerländern am Schwarzen Meer bei. Die Veranstaltung kann bei Youtube und auf der Homepage der Landesregierung abgerufen werden.