(in-tiflis.de) Zwischen dem 19. März und 8. April 2014 in München
Fünf Veranstaltungen widmen sich in diesem Frühjahr im Münchner Gasteig der gegenwärtigen Kultur und Gesellschaft Georgiens. Ein eindrucksvolles Porträt des aufstrebenden Landes setzt sich wie ein Mosaik zusammen aus der Darstellung des Lebensalltags von Menschen in der Hauptstadt Tiflis und aus dem jüngsten Schaffenswerk von Künstlern und Literaten.
Das südkaukasische Land Georgien war in den gut 20 Jahren seit dem Zerfall der Sowjetunion zunächst von Not, fehlender Infrastruktur, Alltagskriminalität und Korruption geprägt, befindet sich jedoch nun in einer Phase wirtschaftlichen Aufschwungs, demokratische Aufbruchsstimmung macht sich breit. Wie spiegelt sich dies im Leben einzelner Menschen wider?
In einer Fotoausstellung samt begleitender Buchpublikation porträtiert die Münchnerin Lisa Fuhr
34 Menschen in Tiflis und spürt somit die heutige gesellschaftliche Realität Georgiens auf. Begleitend dazu finden eine Lesung mit bekannten Autoren des Landes, ein Chorkonzert mit georgischer Musik in ihrer typischen Polyphonie, die Vorführung eines jungen, vielfach international prämierten Dokumentarfilmes und ein Vortrag zur neueren Geschichte des Landes statt:
FOTOAUSSTELLUNG „Tiflis – Leben in einer neuen Zeit"
19. März bis 8. April 2014. Gasteig München, Glashalle 1. OG – Eintritt frei
Lisa Fuhr, Fotografin, Projektinitiatorin und Veranstalterin, begegnete 34 Menschen in Tiflis, die verschiedenen Generationen, sozialen Milieus und ethnischen oder religiösen Gemeinschaften angehören. Manche sind noch von der sowjetischen Zeit geprägt, andere haben kaum mehr Erinnerung daran. Für manche haben sich die Lebensperspektiven zum Positiven verändert, andere mussten sich von ihren ursprünglichen Lebensentwürfen verabschieden und sich völlig neu positionieren. Die Menschen werden in ihrem unmittelbaren Umfeld gezeigt, ob zu Hause oder am Arbeitsplatz, und sind als Porträts in Form von Bild und Text ausgestellt.
PUBLIKATION "Tiflis - Leben in einer neuen Zeit: 34 Porträts" von Lisa Fuhr
icon verlag, München. Erscheinungsdatum: Mitte März 2014
Parallel zur Ausstellung erscheint eine Publikation, die das Leben der 34 interviewten Personen ausführlich in Wort und Bild darstellt. Das Vorwort stammt von Dato Turaschwili, der sein eigenes literarisches Werk im Rahmen des weiteren Veranstaltungsprogramms in München vorstellen wird.
LESUNG „Postsowjetische Literatur aus Georgien“
20. März 2014, 20 Uhr. Gasteig München, Raum 0.131 – Eintritt frei
Zu Gast sind zwei renommierte, mehrfach prämierte georgische Gegenwartsautoren, die Umbruch und Transformation in ihrer Gesellschaft miterlebt haben und in ihrer Literatur auf unterschiedliche Art darstellen.
Beso Khvedelidze gilt als Meister der georgischen ‚short story‘. Seine Texte überraschen durch surreale Wendungen, die von der absurden Lebenswirklichkeit in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs inspiriert sind.
Dato Turaschwili schreibt Prosatexte, Theaterstücke, Reiseberichte und Drehbücher. Als sozial und politisch engagierter Autor verfasste er den Roman „Die Jeans-Generation“, der von spätsowjetischen Jugendlichen in ihrem Streben nach Freiheit handelt. Die deutsche Ausgabe erscheint im Herbst 2014 im Wagenbach Verlag.
Der Frankfurter Literatursalon EUTERPE lädt zu dieser Lesung ein. Sie wird moderiert von Manana Tandaschwili, Professorin für kaukasische Sprachwissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität. Es übersetzt Anastasia Kamarauli.
CHORKONZERT „Iberisi“
23. März 2014, 11 Uhr. Gasteig München, Black Box – Eintritt 12 Euro, erm. 8 Euro
Der einzigartige Klang Georgiens beruht auf sieben Polyphonien aus den verschiedenen Regionen des Landes und wurde über Jahrhunderte weitergegeben. Manche Lieder gelten als die ältesten überlieferten Melodien der Welt und wurden in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen. Der gemischte Chor Iberisi unter der Leitung von Davit Kintsurashvili ist im Münchner Raum angesiedelt und wird bei diesem besonderen Konzert Lieder mit christlich-orthodoxer wie auch weltlicher Tradition darbieten.
FILMVORFÜHRUNG „The Machine which Makes Everything Disappear“ von Tinatin Gurchiani
(Dokumentarfilm Georgien / Deutschland, 2012) 97 Minuten. Georgisch mit englischen Untertiteln.
3. April 2014, 20 Uhr. Gasteig München, Vortragssaal der Bibliothek – Eintritt 7 Euro, erm. 5 Euro
Wie leben, fühlen, träumen junge Menschen in Georgien? Die unter anderem auf dem Sundance Festival 2013 mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnete Filmemacherin Tinatin Gurchiani begab sich für ihr Debüt auf ein Experiment und lud mehrere 15- bis 23-Jährige zu einem Filmcasting ein. Aus den Begegnungen mit der Kamera entfalteten sich berührende Lebensgeschichten. Die Regisseurin wird bei der Filmvorführung anwesend sein.
VORTRAG von Lasha Bakradze „Sowjetgeorgien – ein Rückblick“
6. April 2014, 20 Uhr. Gasteig München, Vortragssaal der Bibliothek – Eintritt frei
Der Germanist und Historiker Lasha Bakradze, der heute in vielen Bereichen des Kulturlebens von Tiflis tätig ist, blickt in seinem Vortrag auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten hundert Jahre in seiner Heimat zurück: von der kurzzeitigen Unabhängigkeit des Landes am Ende des ersten Weltkrieges, über die Sowjetherrschaft und dem ambivalenten Verhältnis zum Nachbarn Russland nach der Unabhängigkeit 1990 bis hin zur Hoffnung der Menschen auf eine bessere Zukunft, die nun seit den Regierungswahlen 2012 im Land zu verspüren ist. Um zu verstehen, was es mit dem „Leben in einer neuen Zeit“ auf sich hat, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit.
HINTERGRUND
Das Projekt „Tiflis – Leben in einer neuen Zeit“ entstammt der Privatinitiative von Lisa Fuhr. Die Münchner Fotografin und Autorin hielt sich im Laufe der letzten drei Jahre mehrmals in Tiflis auf und drang voller Neugier immer tiefer in Kultur und Gesellschaft des Landes ein. Die studierte Anglistin, die zuvor jahrelang für das Goethe-Institut tätig war und später als Übersetzerin für Film und Fernsehen arbeitete, erklärt selbst: „Schon immer habe ich mich dafür interessiert, in anderen Ländern hinter die Kulissen zu schauen, immer hat mich der Blick ins Leben einzelner Menschen mehr interessiert als die leichter zugänglichen Schönheiten eines Landes. Mit Georgien weckte nun zum ersten Mal eine Region der ehemaligen Sowjetunion mein Interesse. Der Faszination des Südkaukasus mit seiner bewegten Geschichte des Vielvölkerstaates konnte ich mich nicht entziehen.“
Das Projekt wird gefördert vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München, der Münchner Stadtbibliothek, der Robert-Bosch-Stiftung sowie dem Georgischen Verein in Deutschland e.V.
Veranstaltungsort:
Gasteig Kulturzentrum München, Rosenheimer Straße 5, 81667 München, www.gasteig.de
Kontakt für weitere Informationen:
Lisa Fuhr
Telefon +49 (0)89 34 44 14
presse@in-tiflis.de
www.in-tiflis.de
Bildauswahl:
Pressebilder in hoher Auflösung und Bildmaterial zu den einzelnen Veranstaltungen finden Sie unter http://www.lisa-fuhr.de/pressematerial/
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Sunday, February 09, 2014
KULTUR: Georgien zu Gast im Gasteig - Veranstaltungsreihe "Tiflis - Leben in einer neuen Zeit" (in-tiflis.de)
Thursday, January 02, 2014
REZENSION: Beso Chwedelidze: Die nicht ganz surrealen Geschichten eines Erzählers aus Georgien. Von Ralf Julke (l-iz.de)
(l-iz.de) Das Jahr 2013 war ja wieder voller Berichte über Revolutionen und Proteste überall in der Welt. Fast hat man ja schon das Gefühl, seit jenem Herbst 1989 wären alle Völker in der Welt nur noch bemüht, durch allerlei bunte Revolutionen die finsteren Mächte der Vergangenheit zu stürzen. Aber wer entscheidet eigentlich darüber, was eine Revolution ist? Die Medien? - Beispiel Georgien.
Man hätte hier auch die Ukraine nehmen können oder irgendein anderes Land der einstigen GUS. Unabhängigkeitserklärung 1991. Sessionskrieg oder Georgien-Konflikt 1992. Militärputsch 1992. "Rosenrevolution" 2003, neuer Ministerpräsident mit 96 Prozent der Stimmen. Massenproteste 2007. Neuwahlen. Kaukasus-Konflikt alias Georgien-Krieg 2008. Immer wieder Zündstoff: die beiden Regionen Südossetien und Abchasien.
Und da wird dieses neue Buch aus dem Leipziger Literaturverlag ganz aktuell. Denn wer Abchasien auf der Landkarte sucht, findet es nicht nur am Schwarzen Meer - bis zum Austragungsort der Olympischen Winterspiele im Februar, Sotschi, ist es nur ein Katzensprung. Hinter dieser ganz speziellen Olympiabewerbung steckt auch ein bisschen Muskelspiel der russischen Republik, die in Georgien ihren Einfluss wahren will. Da treffen sich schon mal die Russische Schwarzmeerflotte und die Georgische Marine vor der Küste Abchasiens und lassen ein paar Böller los. Und in so einer Region veranstaltet man, als sei gar nichts los, Olympische Spiele?
Aber einer wie der georgische Schriftsteller und Journalist Beso Chwedelidze weiß natürlich, wie desinformiert die westliche Welt über fast alles ist, was im Osten Europas passiert, im Kaukasus sowieso, wo nicht nur diverse Pop-Sternchen gern vor regionalen Potentaten tanzen, sondern auch das legendär schwanenfedrige Fernsehballett. Georgien gehört dabei zu jenen Ländern, in denen die beiden Großmächte Russland und USA seit Jahren um Einfluss ringen. Seit Mitte der 1990er Jahren knistert es, denn seitdem hat Georgien eine Partnerschaft zum westlichen Militärbündnis NATO. Und als George W. Bush 2001 seine "Freunde" für den Krieg im Irak zusammentrommelte, war Georgien dabei.
An dieser Risslinie zwischen den Machtsphären hat es keine Regierung leicht. Erst recht nicht, wenn die über Jahre geschürten Konflikte auch die Wirtschaft des Landes beeinträchtigen.
Chwedelidze gehört zur jüngeren Autorengeneration des Landes, 1972 geboren, hat er schon zehn Bücher veröffentlicht und sich in Georgien vor allem einen Namen als Short-Story-Autor gemacht. Vier Erzählungen bietet dieser Band, den der Leipziger Literaturverlag wieder mit einem Subskriptionsmodell finanziert. Gleich in der ersten Geschichte entführt Chwedelidze den Leser in jenes ferne Georgien der Jahre 1992/1993, in der ein junger Journalist aus Warschau, der bislang nur eifrig die Kulturkolumne seines Magazins gefüllt hat, kurzerhand nach Moskau beordert wird, um schnell mal ein Interview mit dem georgischen Präsidenten zu machen. Den er verfehlt und dem er dann nach Tbilissi nachreist, um dann in einer schon kriegsverdunkelten Landeshauptstadt zu erfahren, dass ihm der Präsident wieder vor der Nase abgereist ist, also hinterher, der junge Mann ist ja abenteuerlustig und will seinen Auftrag erfüllen. Er landet mitten im Kriegsgebiet. Und gerade ist der letzte Flieger mit den letzten westlichen Journalisten abgeflogen.
Es ist eine kleine, beklemmende Geschichte auch über das Irrationale des Krieges. Blitzschnell ändern sich alle Maßstäbe, Recht und Gesetz gelten nicht mehr, nun gilt nur noch das Kriegsgesetz, verlaufen unsichtbare Fronten mitten durch die Dörfer, deren Einwohner niedergemetzelt werden bei jeder neuen Eroberung. Und Emotionen dürfen sich auch die Soldaten nicht leisten, denn Militärgerichte werden schnell zu Standgerichten. Und der junge Journalist aus Polen lernt, wie schnell sich jeder vertraute Zustand auflöst, wie selbst ein Baum voller roter Äpfel zum Schrecken werden kann - und eine Flucht nur noch im Flugzeug mit den getöteten Soldaten möglich ist. Nur die toten Helden werden noch ausgeflogen ...
Am Ende ist nicht wirklich klar, ob es dem jungen Mann gelingt, dem Chaos zu entfliehen.
Auch in seinen anderen Geschichten spielt Chwedelidze mit der Ungewissheit der Wirklichkeit. In "Schwalben" ist es ein kleines ironisches Spiel mit der Frage: Was macht eigentlich der Autor, wenn seine Figuren so lebendig sind, dass sie nicht nur den Gang der Handlung übernehmen, sondern auch beginnen, dem Autor auf die Pelle zu rücken? Und was macht er, wenn er merkt, dass sein erfundener Held als Taschendieb so geschickt ist, dass er ihm sogar das Dope aus der Tasche klaut? Erleben dann seine erfundenen Figuren einfach ein ewiges tolles Leben auf quietschender Couch - oder könnte die Verzweiflung des aufs Trockene gesetzten Autors zum Problem werden?
Auch "Wiesenblumen" ist ein lustvolles Spiel mit den poetischen Möglichkeiten, die in einer einzigen Szene stecken - in diesem Fall der Begegnung des Helden mit einem alten Angler am Fluss, der ihn beim Gehen zur Vorsicht mahnt. Doch zu welcher Vorsicht? Was kann geschehen? - Eine Menge, wie man dann liest, jeder Monat des Jahres hält auch im fernen Georgien überraschende Begegnungen bereit. Und da der Held jung ist, sind es immer wieder Frauen, die ihm begegnen, solche, die ihn nur für Momente zum Handeln zwingen - doch im Moment steckt tatsächlich eine wichtige Entscheidung, solche, mit denen er Träume von einem gemeinsamen Leben träumt, die sich aber auch von Monat zu Monat verwandeln, aber auch Frauen, mit denen ihn alte Geschichten verbinden - und alte Verletzungen.
In poetischen Bildern spult sich dieses Jahr mit all seinen Jahreszeiten ab - und am Ende schließt sich der Kreis. War es wirklich nur ein Moment voller überschäumender Phantasie? Oder ist es wirklich passiert? Wer weiß das schon. Selbst wenn man das alles erlebt hat, wirken solche Begegnungen nicht weniger verstörend, einmalig, wunderbar oder verletzend.
In "Dorf Erdungen" erweist sich Chwedelidze dann auch als Meister der Parabel - hier landet der Held in einem abgeschiedenen Bergdorf, wo augenscheinlich seit ein paar Jahren ein seltsames Experiment abläuft, in dem ein Sendemast und die völlige Abhängigkeit der Dorfbewohner von ihren Mobiltelefonen eine wesentliche Rolle spielen. Doch irgendetwas hat auch die menschliche Gesellschaft und ihre Maßstäbe verändert - der junge Arzt fühlt sich wie in einem Irrenhaus - doch die permanente Überwachung hindert ihn an der Flucht.
Das moderne Georgien ist - mit all seinen politischen Bruchkanten - ein durchaus vertraut wirkendes Land. Es ist wie mit den vielen Autoren, deren Stimmen der Leipziger Literaturverlag aus dem einstigen Jugoslawien ins Deutsche übersetzen lässt: Das Fremde, Befremdende entpuppt sich beim näheren Betrachten als Teil einer sehr vertrauten Befremdung, die moderne Zeit als Kulisse für uralte Ängste und Leidenschaften. Und die Fragen, die sich auch die jungen Autoren Georgiens stellen, sind ebenso vertraut: Wie kommt immer wieder das Irrationale in eine doch scheinbar auf Ratio aufgebaute Gesellschaft?
Wird die Wirklichkeit nur absurd, weil eine Gesellschaft sich im Umbruch befindet? Oder sind tatsächlich die Irrationalitäten nicht das Unveränderliche, das gerade dann hervorbricht, wenn die Mehrheit schon wieder glaubt, man habe es geschafft, man habe das friedliche Ufer einer rational organisierten Gesellschaft erreicht? - Lauert das Surreale aus Chwedelidzes Geschichten nicht tatsächlich genau so in der scheinbar so friedfertig wirkenden Moderne? Verdrängen es die Meisten nicht nur und gehen über die frappierenden Momente lieber kommentarlos hinweg, eben das, was Chwedelidze in "Wiesenblumen" in den Augen all seiner geschilderten Frauen aufglimmen lässt, faszinierende Bilder, die auf den Punkt bringen, was eigentlich alles in den Gedanken der Menschen vor sich geht in all den scheinbar so banalen Begegnungen des Alltags.
Zur Kostprobe für alle, die Lust auf diese unverhofften Begegnungen haben, kann man sich ja vorstellen, wie es aussieht, wenn in ihren Augen "ein afrikanischer Skifahrer niest", "Gauchos in der Pampa Tango" tanzen oder "wilde Mustangs" reiten? Vorgestellt? - Für Frauenliebhaber gibt es auch die anderen Bilder, wenn in ihren Augen "eine mannsgroße Heuschrecke ein Maisfeld" vernichtet oder "die Außenbezirke von Sarajevo" bombardiert werden.
Womit sich ja der Kreis schließt. Der Krieg beginnt nicht an Kabinettstischen, sondern ganz unten - in den Begegnungen (oder Nicht-Begegnungen) der Menschen. Oben wird dann nur noch - ganz rational - auf den Knopf gedrückt. Und ein friedliches Land verwandelt sich in die Hölle.
Beso Chwedelidze "Der Geschmack von Asche", Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2014, Subskriptionspreis 16,95 Euro.
| Beso Chwedelidze: Der Geschmack von Asche. |
Und da wird dieses neue Buch aus dem Leipziger Literaturverlag ganz aktuell. Denn wer Abchasien auf der Landkarte sucht, findet es nicht nur am Schwarzen Meer - bis zum Austragungsort der Olympischen Winterspiele im Februar, Sotschi, ist es nur ein Katzensprung. Hinter dieser ganz speziellen Olympiabewerbung steckt auch ein bisschen Muskelspiel der russischen Republik, die in Georgien ihren Einfluss wahren will. Da treffen sich schon mal die Russische Schwarzmeerflotte und die Georgische Marine vor der Küste Abchasiens und lassen ein paar Böller los. Und in so einer Region veranstaltet man, als sei gar nichts los, Olympische Spiele?
Aber einer wie der georgische Schriftsteller und Journalist Beso Chwedelidze weiß natürlich, wie desinformiert die westliche Welt über fast alles ist, was im Osten Europas passiert, im Kaukasus sowieso, wo nicht nur diverse Pop-Sternchen gern vor regionalen Potentaten tanzen, sondern auch das legendär schwanenfedrige Fernsehballett. Georgien gehört dabei zu jenen Ländern, in denen die beiden Großmächte Russland und USA seit Jahren um Einfluss ringen. Seit Mitte der 1990er Jahren knistert es, denn seitdem hat Georgien eine Partnerschaft zum westlichen Militärbündnis NATO. Und als George W. Bush 2001 seine "Freunde" für den Krieg im Irak zusammentrommelte, war Georgien dabei.
An dieser Risslinie zwischen den Machtsphären hat es keine Regierung leicht. Erst recht nicht, wenn die über Jahre geschürten Konflikte auch die Wirtschaft des Landes beeinträchtigen.
Chwedelidze gehört zur jüngeren Autorengeneration des Landes, 1972 geboren, hat er schon zehn Bücher veröffentlicht und sich in Georgien vor allem einen Namen als Short-Story-Autor gemacht. Vier Erzählungen bietet dieser Band, den der Leipziger Literaturverlag wieder mit einem Subskriptionsmodell finanziert. Gleich in der ersten Geschichte entführt Chwedelidze den Leser in jenes ferne Georgien der Jahre 1992/1993, in der ein junger Journalist aus Warschau, der bislang nur eifrig die Kulturkolumne seines Magazins gefüllt hat, kurzerhand nach Moskau beordert wird, um schnell mal ein Interview mit dem georgischen Präsidenten zu machen. Den er verfehlt und dem er dann nach Tbilissi nachreist, um dann in einer schon kriegsverdunkelten Landeshauptstadt zu erfahren, dass ihm der Präsident wieder vor der Nase abgereist ist, also hinterher, der junge Mann ist ja abenteuerlustig und will seinen Auftrag erfüllen. Er landet mitten im Kriegsgebiet. Und gerade ist der letzte Flieger mit den letzten westlichen Journalisten abgeflogen.
Es ist eine kleine, beklemmende Geschichte auch über das Irrationale des Krieges. Blitzschnell ändern sich alle Maßstäbe, Recht und Gesetz gelten nicht mehr, nun gilt nur noch das Kriegsgesetz, verlaufen unsichtbare Fronten mitten durch die Dörfer, deren Einwohner niedergemetzelt werden bei jeder neuen Eroberung. Und Emotionen dürfen sich auch die Soldaten nicht leisten, denn Militärgerichte werden schnell zu Standgerichten. Und der junge Journalist aus Polen lernt, wie schnell sich jeder vertraute Zustand auflöst, wie selbst ein Baum voller roter Äpfel zum Schrecken werden kann - und eine Flucht nur noch im Flugzeug mit den getöteten Soldaten möglich ist. Nur die toten Helden werden noch ausgeflogen ...
Am Ende ist nicht wirklich klar, ob es dem jungen Mann gelingt, dem Chaos zu entfliehen.
Auch in seinen anderen Geschichten spielt Chwedelidze mit der Ungewissheit der Wirklichkeit. In "Schwalben" ist es ein kleines ironisches Spiel mit der Frage: Was macht eigentlich der Autor, wenn seine Figuren so lebendig sind, dass sie nicht nur den Gang der Handlung übernehmen, sondern auch beginnen, dem Autor auf die Pelle zu rücken? Und was macht er, wenn er merkt, dass sein erfundener Held als Taschendieb so geschickt ist, dass er ihm sogar das Dope aus der Tasche klaut? Erleben dann seine erfundenen Figuren einfach ein ewiges tolles Leben auf quietschender Couch - oder könnte die Verzweiflung des aufs Trockene gesetzten Autors zum Problem werden?
Auch "Wiesenblumen" ist ein lustvolles Spiel mit den poetischen Möglichkeiten, die in einer einzigen Szene stecken - in diesem Fall der Begegnung des Helden mit einem alten Angler am Fluss, der ihn beim Gehen zur Vorsicht mahnt. Doch zu welcher Vorsicht? Was kann geschehen? - Eine Menge, wie man dann liest, jeder Monat des Jahres hält auch im fernen Georgien überraschende Begegnungen bereit. Und da der Held jung ist, sind es immer wieder Frauen, die ihm begegnen, solche, die ihn nur für Momente zum Handeln zwingen - doch im Moment steckt tatsächlich eine wichtige Entscheidung, solche, mit denen er Träume von einem gemeinsamen Leben träumt, die sich aber auch von Monat zu Monat verwandeln, aber auch Frauen, mit denen ihn alte Geschichten verbinden - und alte Verletzungen.
In poetischen Bildern spult sich dieses Jahr mit all seinen Jahreszeiten ab - und am Ende schließt sich der Kreis. War es wirklich nur ein Moment voller überschäumender Phantasie? Oder ist es wirklich passiert? Wer weiß das schon. Selbst wenn man das alles erlebt hat, wirken solche Begegnungen nicht weniger verstörend, einmalig, wunderbar oder verletzend.
In "Dorf Erdungen" erweist sich Chwedelidze dann auch als Meister der Parabel - hier landet der Held in einem abgeschiedenen Bergdorf, wo augenscheinlich seit ein paar Jahren ein seltsames Experiment abläuft, in dem ein Sendemast und die völlige Abhängigkeit der Dorfbewohner von ihren Mobiltelefonen eine wesentliche Rolle spielen. Doch irgendetwas hat auch die menschliche Gesellschaft und ihre Maßstäbe verändert - der junge Arzt fühlt sich wie in einem Irrenhaus - doch die permanente Überwachung hindert ihn an der Flucht.
Das moderne Georgien ist - mit all seinen politischen Bruchkanten - ein durchaus vertraut wirkendes Land. Es ist wie mit den vielen Autoren, deren Stimmen der Leipziger Literaturverlag aus dem einstigen Jugoslawien ins Deutsche übersetzen lässt: Das Fremde, Befremdende entpuppt sich beim näheren Betrachten als Teil einer sehr vertrauten Befremdung, die moderne Zeit als Kulisse für uralte Ängste und Leidenschaften. Und die Fragen, die sich auch die jungen Autoren Georgiens stellen, sind ebenso vertraut: Wie kommt immer wieder das Irrationale in eine doch scheinbar auf Ratio aufgebaute Gesellschaft?
Wird die Wirklichkeit nur absurd, weil eine Gesellschaft sich im Umbruch befindet? Oder sind tatsächlich die Irrationalitäten nicht das Unveränderliche, das gerade dann hervorbricht, wenn die Mehrheit schon wieder glaubt, man habe es geschafft, man habe das friedliche Ufer einer rational organisierten Gesellschaft erreicht? - Lauert das Surreale aus Chwedelidzes Geschichten nicht tatsächlich genau so in der scheinbar so friedfertig wirkenden Moderne? Verdrängen es die Meisten nicht nur und gehen über die frappierenden Momente lieber kommentarlos hinweg, eben das, was Chwedelidze in "Wiesenblumen" in den Augen all seiner geschilderten Frauen aufglimmen lässt, faszinierende Bilder, die auf den Punkt bringen, was eigentlich alles in den Gedanken der Menschen vor sich geht in all den scheinbar so banalen Begegnungen des Alltags.
Zur Kostprobe für alle, die Lust auf diese unverhofften Begegnungen haben, kann man sich ja vorstellen, wie es aussieht, wenn in ihren Augen "ein afrikanischer Skifahrer niest", "Gauchos in der Pampa Tango" tanzen oder "wilde Mustangs" reiten? Vorgestellt? - Für Frauenliebhaber gibt es auch die anderen Bilder, wenn in ihren Augen "eine mannsgroße Heuschrecke ein Maisfeld" vernichtet oder "die Außenbezirke von Sarajevo" bombardiert werden.
Womit sich ja der Kreis schließt. Der Krieg beginnt nicht an Kabinettstischen, sondern ganz unten - in den Begegnungen (oder Nicht-Begegnungen) der Menschen. Oben wird dann nur noch - ganz rational - auf den Knopf gedrückt. Und ein friedliches Land verwandelt sich in die Hölle.
Beso Chwedelidze "Der Geschmack von Asche", Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2014, Subskriptionspreis 16,95 Euro.
Labels:
Amazon,
Author,
Beso Khvedelidze,
Book,
Georgia,
L-IZ,
Leipzig,
Literatur,
Literature,
Ralf Julke,
Writer
Wednesday, December 18, 2013
NEU: Chwedelidze, Beso: Der Geschmack von Asche. Vier Erzählungen (l-lv.de)
Vier Erzählungen
Aus dem Georgischen von Anastasia und Luka Kamarauli
150 S., Festeinband
Der Subskriptionspreis von 16.95 Euro bis 30. 4. 2014, danach gilt der Listenpreis von 19.95 Euro.
JETZT BESTELLEN !!
(l-lv.de) Zum ersten Mal liegt hiermit in deutscher Sprache eine Auswahl von Erzählungen dieses Meisters der georgischen short story vor. Chwedelidzes Texte überraschen durch ihre surrealen Wendungen, die von der absurden Wirklichkeit eines Lebens im gesellschaftlichen Umbruch inspiriert sind. So nehmen in der Erzählung Schwalben die namenlosen Figuren ER und SIE ihr Leben selbst in die Hand und lassen sich nichts mehr vorschreiben. In Der Geschmack von Asche wird wird aus einem High-Society-Journalisten ungewollt ein Kriegsreporter, dessen Notizbücher nun Interviews mit Soldaten, Verletzten und Geiseln sowie die Briefe an seine Mutter füllen. Ob eine Rückkehr in das zivile Leben noch möglich ist, bleibt ungewiß, denn – so die unerwartete Schlußpointe – nur den Toten gelingt es, diesem Inferno zu entfliehen.
„Ich will mich einfach hinlegen, einschlafen, und das Ganze soll aufhören. Wenn ich aufwache, will ich an einem anderen Ort sein, ganz woanders, wo die Dinge nicht so sind wie hier. Ich habe hier nichts mehr verloren. Mutter, wo ist Gott?“
In dialogreicher Sprache, die eine nahezu soghafte Unmittelbarkeit des Erzählten bewirkt, spannt Beso Chwedelidze den Bogen vom Politischen zu den Begebenheiten des Alltags und Zwischenmenschlichen. Große Erzählkunst im kleinen Format!
Beso Chwedelidze: geb. 1972 in Tbilissi, studierte Journalistik, Kulturmanagement und Drehbuch, arbeitete als Redakteur der Literaturzeitschrift Literaturuli palitra, veröffentlichte Erzähl- und Gedichtbände sowie Romane, mehrfach mit literarischen Preisen geehrt u.a. 2003 mit dem Saba-Nationalpreis für Literatur, zählt zu den erfolgreichsten Autoren des heutigen Georgiens.
Aus dem Georgischen von Anastasia und Luka Kamarauli
150 S., Festeinband
Der Subskriptionspreis von 16.95 Euro bis 30. 4. 2014, danach gilt der Listenpreis von 19.95 Euro.
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„Ich will mich einfach hinlegen, einschlafen, und das Ganze soll aufhören. Wenn ich aufwache, will ich an einem anderen Ort sein, ganz woanders, wo die Dinge nicht so sind wie hier. Ich habe hier nichts mehr verloren. Mutter, wo ist Gott?“
In dialogreicher Sprache, die eine nahezu soghafte Unmittelbarkeit des Erzählten bewirkt, spannt Beso Chwedelidze den Bogen vom Politischen zu den Begebenheiten des Alltags und Zwischenmenschlichen. Große Erzählkunst im kleinen Format!
Beso Chwedelidze: geb. 1972 in Tbilissi, studierte Journalistik, Kulturmanagement und Drehbuch, arbeitete als Redakteur der Literaturzeitschrift Literaturuli palitra, veröffentlichte Erzähl- und Gedichtbände sowie Romane, mehrfach mit literarischen Preisen geehrt u.a. 2003 mit dem Saba-Nationalpreis für Literatur, zählt zu den erfolgreichsten Autoren des heutigen Georgiens.
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Author,
Beso Khvedelidze,
Book,
Literature,
Writer
Tuesday, January 10, 2012
LITERATUR: Beso Khvedelidze Suche nach Wahrheit
Beso Khvedelidze |
Ort: Romanfabrik e. V., Hanauer Landstraße 186, 60314 Frankfurt (Straßenbahnhaltestelle Schwedlerstraße / Linie 11)
Eine Gastveranstaltung des Georgischen Kulturforums e. V. | TEXT | 20:00 Uhr | Eintritt 10 Euro (ermäßigt: 5 Euro)
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