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Monday, February 09, 2009

DOCUMENTARY: OSI Documentary Photography Project (soros.org)

The Open Society Institute (OPI) Documentary Photography Project based NY and Arts and Culture Network Program announce a grant opportunity for documentary photographers from Central Asia, the Caucasus, Afghanistan, Mongolia, and Pakistan. Approximately 20 grants in the amount of $3,500 each will be awarded to photographers to produce a discrete body of work on a current human rights or social justice issue in the region.

Following are some examples of the kind of problems that might be addressed: gender rights, ethnic minorities, migration, religious freedom, free speech, civil liberties, ecological or environmental challenges, urban renewal and transformation, public health, tuberculosis, AIDS, drug policy and narcotics, resource development and exploitation, forced and child labor, domestic violence, corruption and bribery, and restrictions on the freedom of movement. Other social problems, as defined by the applicant, may also be addressed.

We will need your help in distributing this information among the relevant contacts that you may know.

Deadline

The deadline for proposals is March 20, 2009, at 5:00 pm (Eastern Standard Time).

Additional Information

For more information on the grant, please review the grant guidelines.

Требования к подаче заявки на русском языке

Thank you in advance Sincerely
Laura Gevorgyan
Arts and Culture Program coordinator

Source: www.soros.org

Sunday, April 20, 2008

BLOG: Articles in Social Science in the Caucasus

Counting People Makes them Count Richard Rose
von Social Science in the Caucasus von HansG
Richard Rose, a renowned specialists in the field of Social Capital, is currently visiting Georgia to deliver trainings at CRRC. He offered a public lecture setting out the case for conducting surveys, and entitled "Counting People Helps Make People Count". Not that we needed convincing, but we still enjoyed the way the argument was set out.

Tourism: Structure and Cost-sharing
von Social Science in the Caucasus von HansG
A slightly specialized topic: what's the cost of tourism? Often suggested as a way of developing parts of the South Caucasus, especially Georgia, quickly, it's interesting to take a quick look, since in tourism many factors interact: business, environment, architecture, urban planning, societal habits, local versus national government, local and foreign expectations, and the challenge of reconciling all of those.

Social Science in the Caucasus: Georgian Borderlands Mathijs Pelkmans
von Social Science in the Caucasus von AaronE
Social Science in the Caucasus: Georgian Borderlands Mathijs Pelkmans

Philanthropy in Georgia
von Social Science in the Caucasus von Nana
Corporate Social Responsibility, a fashionable issue, is becoming a topic in the South Caucasus as well. CRRC research fellow, Giorgi Meladze, explored Georgian corporations’ generosity in his research undertaken in 2006.

Intravenous Drug Users in Tbilisi Survey Data
von Social Science in the Caucasus von AaronE
As part of a four part series, Save the Children in cooperation with a host of other organizations have released reports from survey data they have collected from Female Sex Workers (FSWs) and Intravenous Drug Users (IDUs). All of the surveys are funded by USAID. This entry reviews the Tbilisi report on IDUs. If you are interested in the other reports, please contact us.

Carnegie Research Fellowship Program!
von Social Science in the Caucasus von HansG
CRRC is happy to announce the Carnegie Research Fellowship Program. The program offers exceptional social science research opportunities in the United States for scholars from the Caucasus.

Book Review The Post-Soviet Wars: Rebellion, Ethnic Conflict and Nationhood in the Caucasus Christoph Zürcher
von Social Science in the Caucasus von AaronE
The earliest books that came out about the Caucasus after the collapse of the Soviet Union were firsthand accounts of events. Now, a second spate of books, which attempt to apply analytical frameworks to the turbulent events that occurred have the breakup of the Soviet Union are beginning to appear. Christoph Zürcher’s The Post-Soviet Wars: Rebellion, Ethnic Conflict and Nationhood in the Caucasus, published with New York University Press, falls into this category. The book examines where wars occurred in the Caucasus (Georgia, Nagorno-Karabakh and Chechnya) and where they didn’t (Dagestan and Ajara) and places those cases studies within the context of the international quantitative literature that attempts to explain why internal wars occur.

Georgian Borderlands Mathijs Pelkmans
von Social Science in the Caucasus von AaronE
Many social researchers working on the Caucasus bemoan the lack of good scholarly works on the region. However, one recent book, which is both excellent and readable, seems to have fallen under people's radars -- Mathijs Pelkmans' Defending the Border: Identity, Religion, and Modernity in the Republic of Georgia, which came out in 2006 with Cornell University Press.

Wednesday, October 31, 2007

REPORTAGE (18): Gut sein macht Diebe

Text und Photos von Patricia Scherer

Braune Augen hat der kleine Junge, der mir fordernd seine Hand entgegen streckt. Und ein klein wenig Angst habe ich auch vor ihm, denn hinter ihm läuft seine große Schwester mit einem Baby auf dem Arm und blickt mich mit gleicher Miene an. Schmutzig sind sie, und natürlich habe auch ich Vorurteile. Straßenkinder, Roma oder Sinti, flink und trickreich. Kleine Diebe in einem großen Netzwerk organisierter Kriminalität. Also, halte ich meine Tasche ganz fest, hier auf dem Rustaveli Prospekt, da wo die Touristen Trinkhörner und Kitsch kaufen. Klar, sie sind aufdringlich, die Kids mit den dunklen, flehenden Augen. Trotzdem scheinen sie Erfolg zu haben, denn sie kommen jeden Tag wieder um gute Gaben mitzunehmen.

Straßenkinder von dieser Sorte habe ich schon oft gesehen, in Wien, Berlin oder Rom, in Moskau oder Paris. Manchmal greift sie die Polizei hier in Tbilisi auf und bringt sie nach Gildani ins Heim für Straßenkinder, doch sie bleiben nicht lang. Denn: schon ein paar Stunden oder Tage später werden sie von ihren Eltern abgeholt, um wieder auf dem Rustaveli zu betteln.
Und dann gibt es in Gildani die anderen: Kinder, die keine Eltern haben, die geflohen sind vor der Gewalt und dem Elend zu Hause. Kinder, die nicht so waren, wie ihre Eltern sie wollten, und deshalb die Straße ihr Zuhause nennen. Kinder, die betteln, und vielleicht sogar ihren Körper verkaufen. Vielleicht nicht gleich, denn Kleber in Tüten ist preiswert. Doch Subotex lässt sich schon nicht mehr so leicht von ein paar erbettelten Lari bezahlen. Und das Leben ist trist, wenn man klein und verletzt ist, innen wie außen. Und noch viel trister, wenn man nicht weiß, was Zuhause ist.

Einige dieser Kinder haben zumindest vorläufig ein warmes Plätzchen gefunden - im Heim. Doch bis auf ein paar vereinzelte Unterrichtsstunden und den Bolzplatz, gibt es wenig zu tun in Gildani. Manche der Großen arbeiten tagsüber auf dem Bau. Die Kleinen spielen unter sich. Keti, die Sozialarbeiterin, meine Mutter und ich beschließen einen Nachmittag mit den kleinen und großen Kindern zu verbringen. Wir wollen Kartoffeldrucke und Collagen machen. Meine Mutter hat einmal Kunstpädagogik studiert und wird mich bald in Tbilisi besuchen, also trifft sich das gut. Sie hat eine Liste angefertigt, mit Dingen die sie für den Nachmittag braucht und Keti und ich machen uns auf den Weg in einem türkischen Laden im ehemaligen deutschen Viertel auf der Agmaschenebelistraße um Kleber, Papier und Farben zu kaufen. Kennen Sie dieses Phänonomen? Wenn man Gutes tut, fühlt man sich auch gut. Man fühlt sich geradezu unverletzbar. Und stark. Bei mir paart sich diese Gefühl mit einem tief verankerten Glauben an das Gute im Menschen. Ich bin überzeugter Philanthrop, auch wenn ich das manchmal nicht zugegeben kann, und die Menschen häufig sehr kritisch betrachte. Und deshalb schließe ich auch keine Türen ab, meine Handtaschen sind häufig offen und ich bin der festen Überzeugung, dass gerade das mich vor Unheil bewahrt. Gelegenheit macht Diebe, werden Sie sagen. Vielleicht trifft Offenheit aber auch auf Ehrlichkeit, und Misstrauen und Angst auf Feindseligkeit. Zumindest hoffe ich das Offenheit und Ehrlichkeit siegen, obwohl ich auch schon hin und wieder eines Besseren belehrt wurde. Allerdings hat mich diese Überzeugung nicht vor geklauten Geldbörsen, Kameras oder sonst was bewahrt. Oder doch? Vielleicht würde ich heute auf noch viel mehr Geldbörsen und Kameras verzichten, wenn ich immer alles abschließen und sichern würde. Und natürlich möchte ich auch nicht so gerne in einer völlig abgeschlossenen und sicheren Welt leben, die das Misstrauen wahrscheinlich noch weiter sät und fördert. Misstrauen ist wie ein Virus, er kriecht in Körper und Seele, und frisst einen von innen auf, wenn man ihm zu viel Raum gibt.


Nun gut, Keti und ich hatten also Gutes getan, nämlich Bastel- und Malsachen für die Straßenkinder im Heim gekauft, und ich hatte eine offene Tasche. Beste Voraussetzungen um ohne Misstrauen unbeschadet durch das Leben zu schlendern. Zumindest nach meiner Theorie. Mit einer dicken Papierrolle unterm Arm, frisch gewechselten Lari in der Tasche und einem angeregten Gespräch auf den Lippen machen Keti und ich uns also auf den Weg nach Hause mit Bus Nummer Zwei. Beim Aussteigen schreite ich über eine Melone in einem Waschzuber, der mitten auf dem Gang zwischen den Sitzen steht. Der Bus ist voll, bunt und laut, die Tüten und Papierrollen in meinen Händen unhandlich und schwer. Nachdem wir uns aus dem Bus gepresst haben, machen wir uns auf den Nebenstraßen auf den Weg nach Hause. Keine bettelnden Straßenkinder, keine Autos, ja eigentlich keine Menschen, und fast kein Lärm. Seitenstraßen können wirkliche Oasen in der Großstadt sein. Keti und ich haben nach einem langen Tag mehr als Hunger, beim Tone-Bäcker halten wir an um ein Hatschapuri zu kaufen. Und da merke ich es: sie ist weg, meine Geldbörse. Ich setze mich hin auf die Stufe des Tone-Bäckers, leere hektisch meine ganze Tasche aus, und weil ich gerade sowieso eine Wut im Bauch habe auf Georgien wegen ganz anderer Dinge, ist Georgien jetzt natürlich auch schuld. Wer sonst? So etwas passiert einem auch nirgendwo sonst auf der Welt. Und meine Theorie kann ja wohl kaum etwas dafür.

Auf dem Weg nach Hause wird mir klar, was gerade passiert ist. Ich sehe vor meinem inneren Auge viele deutsche Behörden, denen ich nach meiner Rückkehr einen Besuch abstatten darf, denn Führerschein, Presseausweis und Kreditkarten sind weg. Und wenn man beklaut wird, zahlt man meist noch drauf. Bearbeitungsgebühren nämlich. Aber das scheint überall auf der Welt so zu sein. Während ich also fluchend meine Bankkarten sperre, ruft Keti bei der Polizei an. Leise hoffe ich immer noch, dass offene Ehrlichkeit und Gutmenschentum mit dem Schreck davon kommen, und das meine Geldbörse wieder auftaucht, wenn auch ohne Geld. Behördengänge sind nicht nur kostspielig, sondern auch außerordentlich lästig, und mit einer der letzten Beschäftigungen, mit denen ich Zeit verbringen möchte.

Fünf Minuten später stehen meine hoffnungsvollen Ritter in blaugrauer Uniform vor mir, und versichern fast, dass die Geldbörse wieder gefunden wird. Ich sehe ihn schon vor mir: den großzügigen Trupp georgischer Polizisten die weiträumig das Zielgebiet durchsuchen. Polizisten sind in Georgien ausnahmsweise keine Mangelware. Sie sind jung, stark und gutaussehend, und es gibt wirklich sehr, sehr viele davon. Allerdings bedarf es dazu das Ausfüllen von zwei, drei Formularen...

Mit etwas Geduld mehr über gute Dinge auf dem Georgien Blogspot:
http://georgien.blogspot.com/

Teil 19: Auf nimmer wiedersehen

Teil 17: Hupkonzert

Patricia Scherer in Georgia (Caucasus) photos



--
Patricia Scherer
freie Journalistin
Mailto: patricia@patricia-scherer.de
Skype: patriciaworldwide
www.patricia-scherer.de

Friday, March 30, 2007

The International Journalist Network (IJNet)
Eastern Europe-Central Eurasia
Balkan journalists are invited to apply for a seven-month fellowship to research and report on transitional and reform issues in southeast Europe and the European Union at large. Application deadline: April 27. read more
Investigative journalists from Georgia and Azerbaijan can submit an article on the regional circulation of illegal narcotics to a contest organized by the Caucasus Media Investigations Center (CMIC). Application deadline: April 15. read more
Petition on European media affairs seeks signatures Eastern Europe-Central Eurasia
Media and civil society organizations in Europe are invited to sign an online petition that demands high standards in the regional media. read more

Monday, January 01, 2007

ARTIKEL: Die Illusion von Freiheit für 13 Euro


Kachas* Augen werden zusehens kleiner. Die gelbe Nylonschnur mit der Trillerpfeife an ihrem Ende, die er eben noch mit den Zähnen stramm um seinen Oberarm gezogen hatte, lässt er aus dem Mund in seinen Schoß fallen. Ganz ruhig sitzt er nun da, seine Atmung verlangsamt sich und wird zu einem leisen Hauchen. Unaufhaltsam beginnt es ihm den Boden unter den Füssen wegzuziehen. Ein leerer Blick auf die leere Spritze, dann gleitet das Besteck für einen sorgenfreien Freitagabend aus Kachas Hand auf den Glastisch vor ihm. Sein linker Arm liegt immer noch ausgestreckt auf seinem Knie, während er sich in Zeitlupe in die Sofalehne sinken lässt und die Augen schliesst.

„Kacha nimmt immer zu viel von allem“, meint einer seiner Freunde über den 17 Jährigen mit dem noch spärlichen Bartwuchs. Die weite Jeans kann sich kaum auf Kachas schmalen, jungenhaften Becken halten. Die Grenzen hat Kacha aber ohnehin schon vor langem überschritten. Dieser Freitagabend in irgendeiner Seitenstraße im Zentrum der georgischen Metropole Tiflis ändert daran nichts. Es ist ein Abend von vielen und Kacha ist nicht allein. David* setzt sich neben seinen Kumpel und holt seine Spritze aus der Tasche, die er für umgerechnet 13 Euro fertig mit dem berauschenden Stoff aufgezogen von einem weiteren Kumpel kaufte, den er nicht vorstellen wollte. Es war eine Kleinigkeit, den Stoff zu beschaffen. Auch er zieht die Schnur mit den Zähnen stramm um seinen Arm und bald darauf schiebt er mit der rechten Hand die Nadel in die Vene seines linken Arms. Er trifft nicht richtig und ein wenig Blut läuft aus der Wunde und bildet einen Fleck auf seiner blassen Haut.

Subutex, ein Wort das auf den Strassen von Tiflis jeder kennt, aber man nur leise ausspricht. Als synthetisches Opioid wird Subutex in Westeuropa und den USA von Medizinern zur Behandlung von Heroinabhängigen eingesetzt. Die Tablette wird im Kaukasus jedoch zur Jedermann-Droge, die sich dort unkontrolliert wie ein Buschfeuer ausbreitet. Von Schmugglern illegal ins Land gebracht, wird die Pille zunächst in mehre Teile geteilt und anschließend in Flüssigkeit gelöst, damit eine Spritze damit aufgezogen werden kann. Oft wird Subutex von den Dealern bereits so vorbereitet, dass der Käufer gleich eine fertig aufgezogene Spritze mitbekommt, die er sich nur noch selber setzen muss. Vertrauen in die Reinheit des Stoffes ist im Preis inbegriffen, denn letztlich möchten die Händler doch, dass die Kunden wiederkommen. Das Restrisiko aber bleibt bei den Konsumenten.

Längjährig und stark Abhängige sind meist in diverse kriminelle Machenschaften verwickelt, um die finanziellen Mittel für die Droge zu beschaffen. Die Jugendlichen, die sich einmal die Woche eine Spitze Subutex als etwas besonderes gönnen, bitten ihre Eltern unter einem Vorwand um Geld oder nehmen es heimlich sich aus deren Geldbörse. Aber letztlich bleibt es das Geheimnis eines jeden in diesem mittellosen Land, wo das Geld für die Drogen, wie auch für teure Kleidung oder nagelneue Mobiltelefone, herkommt.

Der von der UN gegründete International Narcotics Control Board (INCB) kommt zu einem negativen Bild der Entwicklung des Drogenhandels in Georgien. Nach Einschätzung der Organisation habe sich der südliche Kaukasus als ein wichtiger Transitkorridor für den internationalen Drogenhandel entwickelt. Zudem sei der Drogenkonsum in der Region deutlich angestiegen. Wie der INCB in seinem Jahresbericht 2006 schreibt, gebe es in Georgien geschätzte 275.000 Drogenkonsumenten. Dies sei gegenüber dem Jahr 2003 ein Anstieg von 80%. Dabei mache der größte Teil des Anstiegs die Droge Subutex aus, welche sich die Drogenkonsumenten in die Venen spritzen.

* Namen geändert

Der ganze Text: http://www.i-traxx.net/reportagen/Subutex/

Friday, October 06, 2006

ARTIKEL: Mit Zigarette im Waffenlager

Abchasien und die Spannungen zwischen Georgien und Russland
von Timo Vogt, info@randbild.de

Seit dieser Woche blockiert Russland die Verkehrswege nach Georgien. Dies ist der traurige Höhepunkt einer Reihe von Konflikten zwischen beiden Ländern in den Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion. Die durch Bürgerkriege Anfang der 1990er von Georgien losgelösten Regionen Süd-Ossetien und Abchasien sind bis heute Zankapfel zwischen Tiflis und Moskau. Russlands Interessen am Fortbestehen der abtrünnigen Regionen ist aus machtpolitischen Erwägungen groß. Unser Korrespondent Timo Vogt reiste in das abgeschotte Abchasien an der kaukasischen Schwarzmeerküste. Er traf dort abchasische Freischärler und den Präsidenten des Gebietes, dessen Unabhängigkeit von keinem Land der Welt anerkannt wird.

Suchumi (www.n-ost.de) - 30 Kilometer entfernt von der abchasischen Hauptstadt Suchumi befindet sich ein Tunnel, der durch ein senkrechtes Felsmassiv geschlagen wurde. Die strategische Bedeutung des Durchgangs lässt sich an den zahlreichen Granateinschlägen in den Wänden ablesen. Der Tunnel ist das Eingangstor in die Kodori-Schlucht, in der es seit Wochen Scharmützel zwischen georgischen und abchasischen Truppen gibt. 200 Meter unterhalb des ausgefahrenen Weges wirbelt das türkise Wasser des breiten Bergflusses ins Tal. Die atemberaubende Berglandschaft ist Schauplatz für einen der vielen ungelösten Völkerkonflikte im Kaukasus.
Als die Sowjetunion zerfiel, erklärten sich zunächst Georgien und dann die Region Abchasien für unabhängig. Doch die Georgier akzeptierten die Loslösung der kleinen Schwarzmeerprovinz nicht, da Abchasien unter dem Georgier Josef Stalin 1931 der Georgischen SSR angegliedert wurde. Es kam zu einem blutigen Bürgerkrieg, in dessen Folge Tausende starben und eine Viertelmillion Georgier aus Abchasien vertrieben wurden. Die Abchasen, die in der Regel mindestens ein Opfer pro Familie zu beklagen hatten, schlugen die Georgier mit Hilfe russischer Waffentechnik und freiwilligen Kämpfern aus dem Nordkaukasus zurück. Seit 1994 herrscht ein brüchiger Waffenstillstand, der von einer Friedenstruppe der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) durchgesetzt werden soll und von einer Beobachtermission der UNO unter deutscher Beteiligung überwacht wird.

"Wenn die Georgier kommen scheiden wir ihnen die Kehlen durch", sagt Dima cool und streicht dabei mit dem Daumen über seinen Hals. Die martialischen Worte des abchasischen Kommandeurs passen zu seinem Outfit. Die Augen hat er hinter einer Sonnenbrille versteckt und die Haare wie ein Pirat in ein Tarntuch gewickelt. Erst einen Tag zuvor haben seine Soldaten, die überwiegend noch Teenager sind, georgische Freischärler in die Flucht geschossen, die bis zum Camp dieser abchasischen Kampftruppe vorgedrungen waren. Jetzt sitzen die Männer in Badelatschen unter Bäumen, um sich gegen die unerbittlich heiße Mittagssonne zu schützen. Andere liegen auf Bettgestellen ohne Matratze im Freien, die Kalaschnikow an die Bettpfosten gelehnt und immer griffbereit. Unbewaffnet geht man hier nicht einmal zum Zähneputzen. Im Waffenlager der verwegenen Truppe stapeln sich kistenweise Handgranaten, Einwegpanzerfäuste und andere schultergestützte Granatwerfer. Einer der Soldaten zeigt all dies voller Stolz, während er in dem mit explosiven Stoffen vollgestopften Raum an seiner Zigarette zieht.
In den Schluchten des Kodori-Tals stehen sich Georgier und Abchasen bewaffnet und unversöhnlich gegenüber. Den oberen Abschnitt des Tals haben die Georgier seit dem Ende des Bürgerkriegs 1993 unter ihrer Kontrolle, obwohl das Gebiet auf abchasischem Territorium liegt. Im unteren Teil halten die Abchasen an jedem Meter fest, als sei es das Letzte was sie für ihr 8.600 Quadratkilometer großes Land tun könnten. Dazwischen hält sich die GUS-Friedenstruppe auf, die Blutvergießen verhindern soll und doch klar auf der Seite der Abchasen steht. Die Geschütze der nur aus Russen bestehenden Truppe zeigen meist nur in eine Richtung - die aus der die Georgier kommen könnten.
Eine offiziell als Polizeiaktion bezeichnete große Mobilmachung gegen einen aufrührerischen Milizenführer im oberen Kodori-Tal nutzte die georgische Regierung von Michail Saakaschwili Ende Juli, um 1.500 schwer bewaffnete Polizisten des Innenministeriums in die Region zu schaffen. Um die Provokation gegen Abchasien perfekt zu machen, wird Georgien in den nächsten Wochen die abchasische "Exilregierung" von Tiflis ins Kodori-Tal verlegen. Ein Schulgebäude im Bergdorf Tschchalta wird derzeit als deren künftigen Regierungssitz ausgebaut.
Die aktuelle russisch-georgische Krise um die Verhaftung von mutmaßlichen Spionen und die gerade begonnene Blockade Russlands gegen den kleinen Kaukasusstaat hängt maßgeblich mit dem ungelösten Konflikt um Abchasien zusammen. Russland möchte den Einfluss in die von Georgien abtrünnige Provinz Abchasien nicht verlieren. Russland hat dort einige Tausend Mann der Friedenstruppe stationiert, es investiert massiv in der Region und möchte auch weiterhin Hunderttausende russische Staatsbürger als Touristen an die früheren sowjetischen Traumstrände in Abchasien reisen lassen.

Die auf Abchasisch gestellte Frage nach dem zukünftigen Status Abchasiens beantwortet Sergej Bagapsch in fließendem Russisch und betont, dass Abchasien sehr genau den Verhandlungsprozess um das Kosovo beobachte und daraus seine Schlüsse ziehen werde. "Wir wollen ein selbständiger und unabhängiger Staat sein", erklärt er. Ein kleiner Globus, auf dem Abchasien bestenfalls einen Punkt ausmachen würde, steht er ihm auf dem Schreitisch. Einen Anschluss an die Russische Förderation, die Georgien dem "Separatistenpräsident" Bagapsch vorwirft, lehnt er ab. Bagapsch selber wird jedoch gleichzeitig von Teilen der Opposition im Land als zu georgienfreundlich abgelehnt. Vielleicht auch, weil der seit 2005 amtierende Präsident mit einer Georgierin verheiratet ist.
In Gagra, wo das Kaukasusgebirge das nördliche Abchasien förmlich in den Schwitzkasten nimmt und die Ausläufer der bewaldeten Berge bis ins Meer reichen, liegen Moskauer Touristen mit sonnenverbrannter Haut unter den Palmen der Küstenregion. Über eine halbe Million Touristen sollen es in diesem Jahr gewesen sein, die in der Konfliktregion Abchasien Urlaub machten. In Zeiten der Sowjetunion war Abchasien als die "die Riviera der UdSSR" bekannt. Berge, Strand und subtropisches Klima lockte die Menschen aus der sozialistischen Welt. Und auch heute sind es Russen, die in die kleine Republik kommen. Nur mit einem russischen Pass lässt sich die Grenze zwischen Russland und der international nicht anerkannten Republik Abchasien problemlos und ohne Schmiergeld überwinden. Einmal drüben lässt man es sich in Gagra und Pitsunda richtig gut gehen. Russen, die sich des Edelressort Sotschi an Russlands Schwarzmeerküste nicht leisten können, steigen hier in Abchasien ab. Man bleibt unter sich und muss sich nicht an eine neue Währung gewöhnen, denn die ist in Abchasien offiziell der russische Rubel. Wer es noch günstiger haben will geht ins kriegszerstörte Suchumi. Der morbide Charme eines rostigen georgischen Schiffswracks in der Nähe des Hafens, das mit einem Ende im steinigen Strand steckt, während der Bug schräg in die Luft ragt, als hätte es ein zorniger Riese in den Boden gerammt, ist offenbar entspannend für manche Russen.
Nur dass die Touristen auch fernab der Strände in Badekleidung shoppen oder Kaffeetrinken, sehen viele Abchasen nicht so gerne. Auch wenn die abchasische Gesellschaft sich in den letzten Jahren einer lockeren russischen Kleiderordnung und Mobiltelefonen geöffnet hat, so sind viele immer noch traditionell eingestellt. Treu ist Abchasien auch der sowjetischen Wirtschaftordnung geblieben.
Abchasien unterliegt eigentlich einer Blockadepolitik, doch mit Russland wird reger Handel getrieben, wenngleich der größte Teil der Güter von dort eingeführt wird. Valerie Dschanija, der Direktor der staatlichen Teeplantage nahe der südabchasischen Stadt Otschamtschira verkauft den größten Teil seiner Jahresproduktion nach Russland. Der Staatsbetrieb produziert nur noch ein Zehntel dessen, was vor dem Bürgerkrieg an Schwarztee in zahllose 20-Kilo Säcke verpackt wurde. Auf 300 Tonnen Jahresproduktion kommt die Plantage heute, deren Verarbeitungsgebäude marode und schimmelig in der Ebene Abchasiens daniederliegen. Warum er als Direktor noch nicht versucht hat seine Ware an den Russen vorbei auf den Weltmarkt zu bekommen, beantwortet Valerie Dschanija in typisch staatsbetrieblicher Mentalität: "Wir haben es noch nicht versucht".
Abchasien gleitet mehr und mehr nach Russland. Zu stark ist die Abhängigkeit vom großen Nachbarn und zu groß das Interesse Moskaus an der Region. Gleichzeitig fordert Georgien immer massiver eine Wiedervereinigung mit der Provinz. Die aktuelle Krise, die beide Länder and en Rand eines Waffengangs geführt hat, macht eine Lösung auf dem Verhandlungswege immer unwahrscheinlicher. So ist die Zukunft Abchasiens zwölf Jahre nach dem Waffenstillstandsabkommen ungewisser denn je und mit ihr die Zukunft des gesamten Kaukasus.

Die angefügten Bilder sind vom Fotografen Timo Vogt (www.bilderbeute.de)

Soldaten im Camp:
Soldaten der abchasischen Armee in einem Camp im zwischen Georgien und Abchasien umkämpften Kodorital. Fast täglich liefern sie sich Gefechte mit georgischen Freischärlern in der bewaldeten und schroffen Schlucht.

Präsident Bagapsch:
Sergej Bagapsch, Präsident der international nicht anerkannten Republik Abchasien in seinem Büro in Suchumi.


Mit freundlicher Genehmigung von Timo Vogt (www.randbild.de)

Mehr von Timo Vogt:

* http://georgien.blogspot.com/2006/09/der-photograph-und-journalist-timo.html

* http://georgien.blogspot.com/2006/07/explosive-lage-in-sdossetien-von-timo.html

* http://georgien.blogspot.com/2005/10/unterwegs-im-land-des-goldenen-vlies.html

Kodori Tal (Videoclips)
verschiedene Einstellungen14:37
camera Gerhard Ziegler / format DVCam PAL(4:3)
copyright Wendländische Filmkooperative
datum 2006-08-26
location asien/GEO/Georgien/Abchsien
Link: http://bilderbeute.de/?ID=1YRFEXEX5F