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Wednesday, November 13, 2019

VIDEO: Lesung mit Givi Margvelashvili (გივი მარგველაშვილი) 2012


May 3, 2012, Givi Margelashvili, Goethe Institute in Tbilisi, Georgia

Tuesday, September 24, 2019

LITERATUR: Giwi Margwelaschwili - Grenzgänger in den Real- und Buchwelten im Literarischen Salon Ekke Maaß in Berlin

am 05. Oktober | 20 Uhr mit:

* Giwi live per skype und einem Interview aus dem Jahre 2017 (6 Minuten)
* Stephan Wackwitz: Eure Freiheit, Unsere Freiheit - Was wir von Osteuropa lernen können
* Prof. Carsten Gansel, Universität Gießen: Leben im Ontotext - Vorschlag Giwi Marwelschwilis für den Literaturnobelpreis
* Ekkehard Maaß: Muzal, Kapitän Wakusch, Der ungeworfene Handschuh, Die Medea von Kolchis in Kolchos - Werkschau und Lesung

Foto: Ralph Hälbig (2009)
Giwi ist ein waschechter Berliner und deutscher Autor. Er ist mit mehr als 40 dicken Bänden ein Mont Everest unter den Leuten seiner Zunft und der größte Denker, der mir begegnete. 1927 in Berlin-Wilmersdorf als Sohn georgischer Emigranten geboren, überlebte er Hitlerei und Krieg mit dem Swing. 1946 mit seinem Vater vom NKWD in den sowjetischen Sektor entführt, verbrachte er zwei Jahre in den sowjetischen Speziallagern Hohenschönhausen und Sachsenhausen, dann wurde er nach Georgien verschleppt. Von der Ermordung seines Vaters erfuhr er erst 1989.

Das Thema seiner Romane und Erzählungen ist die theoretische Verallgemeinerung seines Lebens in zwei totalitären Gesellschaften: dem Nationalsozialismus und der kommunistischen Diktatur in der Sowjetunion, die Ost-West-Konfrontation im Kalten Krieg und die Erforschung des textweltlichen Seins des Menschen. Seine Maxime „Stoppt den tödlichen Text!“ lehrt an den Schicksalen von Buchpersonen den Widerstand gegen die gefährlichen monothematischen Weltanschauungen und ist hoch aktuell.

Giwis Bücher erschienen nach seiner Rückkehr nach Deutschland u. a. im Suhrkamp Verlag und seit 2007 im Berliner Verbrecher Verlag.

Literarischer Salon Ekke Maaß | Deutsch-Kaukasische Gesellschaft
Schönfliesser Strasse 21 | 10439 Berlin | Tel: +49 30 4457006 | Mobil +49 171 1773543
Mail: d-k-g@gmx.net | Internet: www.d-k-g.de | www.giwi-margwelaschwili.de | www.ekkemaass.de

Wednesday, February 12, 2014

LESUNG: Begegnung mit dem deutsch-georgischen Schriftsteller und Philosophen Giwi Margwelaschwili am 13. Februar um 19:00 Uhr im Schriftstellerhaus in Tbilissi

Giwi Margwelaschwili
© Cordula Giese
Der Giwi-Margwelaschwili-Preis 2014 geht an Lascha Bakradse 

Preisverleihung
14.02.2014, 19:00 Uhr
Georgisches Schriftstellerhaus, Machabelistr. 13
Deutsch und Georgisch
Eintritt frei


Am Vorabend der Verleihung des Giwi-Margwelaschwili-Preises findet am 13. Februar um 19:00 Uhr im Schriftstellerhaus in Tbilissi (Machabeli Str. 13, Sololaki) eine Begegnung mit dem deutsch-georgischen Schriftsteller und Philosophen Giwi Margwelaschwili statt. Die Veranstaltung wird von Alexander Kartosia moderiert. Giwi Margwelaschwili liest auf Deutsch.

Giwi Margwelaschwili schuf in Georgien, weitgehend isoliert von seinem Geburtsland und von den internationalen kulturellen Diskursen, ein einmaliges und eigenwilliges philosophisch-literarisches Werk, das eine unverwechselbar originelle Position im Feld zwischen literarischer Postmoderne und philosophischer Phänomenologie behauptet. Die Verleihung des deutsch-georgischen Kulturpreises an ihn und die folgende Benennung dieser Auszeichnung nach Margwelaschwili ehrt am Beispiel eines exemplarischen Lebens und Werks die unbeirrte Hervorbringungskraft der deutsch-georgischen Kulturbeziehungen durch alle Totalitarismen und Gewaltexzesse des letzten Jahrhunderts hindurch. Nach 1989 ging Giwi Margwelaschwili zurück nach Berlin, seit 2011 lebt er wieder in Tbilissi. Die Stiftung eines deutsch-georgischen Kulturpreises ist eine gemeinsame Initiative des Regionalbüros des Deutschen Volkshochschulverbands (DVV International) und des Goethe-Institut Georgiens für Georgierinnen und Georgier, die sich um die kulturellen Beziehungen zu Deutschland besonders verdient gemacht haben.

Facebook-Veranstaltungsankündigung (Schriftstellerhaus)

Saturday, February 01, 2014

PREIS: Verleihung des Giwi-Margwelaschwili-Preises 2014 an Lasha Bakradze (goethe.de)

Preisverleihung an Lasha Bakradze
14.02.2014, 19:00 Uhr
Georgisches Schriftstellerhaus, Machabelistr. 13
Deutsch und Georgisch
Eintritt frei

(goethe.de) Der nach dem deutsch-georgischen Schriftsteller Giwi Margwelaschwili benannte Preis des Instituts für Internationale Zusammenarbeit des dvv und des Goethe-Instituts Georgien wird seit 2013 an Personen verliehen, die sich besondere Verdienste um die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Georgien erworben haben, 2014 zum ersten Mal unter der Schirmherrschaft der georgischen Außenministerin Maja Panjikidze.

In diesem Jahr hat die unabhängige Jury diese Auszeichnung dem georgischen Historiker, Germanisten, Übersetzer, Publizisten, Museumsdirektor und Schauspieler Lascha Bakradse zuerkannt, dessen Lebensleistung in vielfältiger Weise mit Deutschland und der deutschen Kultur verbunden ist.

Der Festakt am 14. Februar 2014 findet im Georgischen Schriftstellerhaus in der Machabelistraße statt und steht der Öffentlichkeit bewußt offen. Die Laudatio hält die Schriftstellerin und Übersetzerin Ana Kordsaia-Samadaschwili. Im Beiprogramm zur Verleihung zeigen wir den Film LOST KILLERS (Deutschland, 2000) von Dito Tsintsadze, dessen Hauptrolle vom diesjährigen Preisträger verkörpert wird.

Der Sponsor der diesjährigen Preisverleihung ist die ProCredit Bank in Georgien!

Wednesday, December 18, 2013

BUCH: Verfasser unser. Ein Lesebuch. Von Giwi Margwelaschwili (verbrecherverlag.de)


Verfasser unser. Ein Lesebuch
Giwi Margwelaschwili
Leinen mit Lesebändchen
 
Preis: 18,00 €  
ISBN: 9783943167689

Kaufen »
 


(verbrecherverlag.de) Giwi Margwelaschwili erzählt von Nashörnern, Kavalieren und dem Mond. Bei ihm wird der Seitenrand eines Buches zum Strand und Interpunktion kann tödlich sein. Er nimmt seine Leserinnen und Leser mit in die Welt der Buch- und Bildfiguren, entführt sie in die bedeutenden Werke der Weltliteratur von Goethe, Schiller, Heine und dem mittelalterlichen Dichter Neidhart, von Jorge Luis Borges, Zbigniew Herbert oder Georg Trakl und Emanuel Geibel. In deren Texten verändert die Buch- und Versweltverwaltung gemeinsam mit den Leserinnen und Lesern das gewohnte Geschehen zum Wohle der Buchfiguren: Mephisto erhält bei seinem Spaziergang im Garten ungewohnte Gesellschaft, der Taucher darf überleben und die „Wohnblume“ Arik Brauers wird als Transportmittel eingesetzt.
Die hier versammelten Geschichten und Gedichte präsentieren anlässlich der Verleihung des Italo-Svevo-Preises 2013 an Giwi Margwelaschwili „Sprachwitz und fantastische Ideenfülle“ (Insa Wilke) dieses bedeutenden deutsch-georgischen Autors und Philosophen.
 
 Dem Band beigefügt sind die Laudatio von Insa Wilke sowie Giwi Margwelaschwilis Dankesrede.

Leseprobe als PDF in neuem Fenster öffnen 

Giwi Margwelaschwilis Dankesrede für den Italo-Svevo-Preis 2013 (auch im Buch enthalten) findet sich hier.



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Tuesday, September 10, 2013

ESSAYFILM: Film trifft Literatur +++ Giwi Margwelaschwili - Italo-Svevo-Preisträger 2013 (harbour-front.org)

DIENSTAG 17.09.2013 — 19:00 UHR
Metropolis Kino

(harbour-front.org) Premiere des Essayfilmes „Zuschauerraäume“ von Marika Lapauri und Niko Tarielaschwili.
Eine filmische Lesung mit Giwi Margwelaschwili.

Zu Gast die Filmemacherin Marika Lapauri und Insa Wilke, Literaturkritikerin, Moderatorin, Publizistin und Kennerin des Werkes von Giwi Margwelaschwili.

Giwi Margwelschwili kann leider aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen.

Der Essayfilm „Zuschauerräume“ von Marika Lapauri und Niko Tarielaschwili zeigt den Versuch, die Verstrickung des Menschen in Geschichten und Geschichte aufzulösen. Er lässt die Zuschauer Teilnehmer eines transhistorischen Experiments werden. Mit Hilfe archivarischer Aufnahmen und inszenierter Spielfilmsequenzen arrangieren die beiden Regisseure um den legendären deutsch-georgischen Schriftsteller und Philosophen Giwi Margwelaschwili, Autor des gleichnamigen Theaterstücks und zugleich der konzeptionelle Hauptprotagonist des Films, kaleidoskopartige Einblicke in die Möglichkeiten und Grenzen einer Utopie. Im Mittelpunkt des konkreten Geschehens stehen die Orte des Verhängnisses, wie Theater, Parlamente, Konferenzräume, von denen Geschichte ihren Ausgang nimmt, und der Versuch, diese Topographie der dramatischen und narrativen Verstrickungen auszulöschen. Die dabei zutage tretenden Aporien dieses zugleich historischen als auch antihistorischen Tuns wirken nicht allein desillusionierend, sondern eröffnen einen reflexiven Zugang zu einem Sinnraum, der sich in der Vergeblichkeit der Geschichte über die historische Zeit erhebt.

Rezensionen und Pressezitate

Liebe Marika,
ich bin am Wochenende aus Belgrad zurückgekommen und habe gerade Ihren Film gesehen. Großartig! Ich finde ihn ganz toll. Ihnen und Niko Tarielaschwili ist gelungen, Bilder für die gewaltigen Vorstellungswelten zu finden, die dieser zarte, feine Herr zu entwerfen imstande ist. Ihr Film hat etwas Bezwingendes, man wird immer atemloser und das Ende ist ein Paukenschlag. Ich habe mich gefragt, wie Sie es schaffen wollen, diese philosophischen und zugleich so konkreten Texte filmisch umzusetzen und ihnen gerecht zu werden. Ich finde, es ist Ihnen großartig gelungen. Das Spiel mit den Überblendungen, den verschiedenen Materialien, die Kameraführung und die Anlehnung an den Stummfilm – das alles sind wirklich filmische Antworten und Fortschreibungen auf Giwi Margwelaschwilis Kunst. Und vor allem haben Sie es geschafft, zugleich ein Porträt von ihm zu entwerfen, das nicht vom Äußerlichen ausgeht, sondern vom Innersten Kern dessen, was ihn umtreibt. So wirkt es auf mich.
Ich freue mich schon sehr darauf, ihn noch einmal auf einer großen Leinwand sehen zu können.

Insa Wilke, Publizistin und Literaturkritikerin

Metropolis Kino
Kleine Theaterstraße 10, 20354 Hamburg

Preis: 7 €

Mitwirkende: Marika Lapauri und Insa Wilke

Wednesday, August 14, 2013

LITERATURFESTIVAL HAMBURG: Film trifft Literatur Giwi Margwelaschwili - Italo-Svevo-Preisträger 2013 (harbour-front.org)

Dienstag 17.09.2013 — 19:00 Uhr

Metropolis Kino

(harbour-front.org) Giwi Margwelaschwili, „verschrobener als Jorge Luis Borges und flapsiger als Italo Calvino“ (Die ZEIT) hat 2013 den Italo-Svevo-Preis für sein Werk gewonnen. In seinen Arbeiten geht es um die Literatur und ihr Verhältnis zum Leser. Mehr noch als aus Fleisch und Blut besteht der Mensch aus Text. Davon ist Giwi Margwelaschwili überzeugt.

1927 wurde er als Sohn georgischer Emigranten geboren, die Nazis brachten ihn erst ins KZ Sachsenhausen, verschleppten ihn dann nach Georgien. Dort musste er die fremde Sprache erst lernen. In seinen Büchern stellt er die Welt auf den Kopf und schüttelt sie kräftig durch. Erst 1987 konnte er nach Deutschland ausreisen. 2008 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

Giwi Margwelaschwili kommt nach Hamburg, um mit den Zuschauern über sein Werk und Leben zu sprechen und der Premiere des Filmes „Zuschauerräume“ von Marika Lapauri und Niko Tarielaschwili beizuwohnen. Eine Hommage an den großen Denker und Literaten.

Metropolis Kino
Kleine Theaterstraße 10, 20354 Hamburg

Preis: 14 €

Mitwirkende

Marika Lapauri
Giwi Margwelaschwili
Niko Tarielaschwili
Insa Wilke

Wednesday, April 10, 2013

LITERATUR: Die Rettung der Buchpersonen ist das große Projekt des deutsch-georgischen Autors Giwi Margwelaschwili. (taz.de)

(taz.de) Mindestens für drei Tage verreist

LESEGLÜCK Die Rettung der Buchpersonen ist das große Projekt des deutsch-georgischen Autors Giwi Margwelaschwili. Seine literarischen Zeitreisen verwandeln den Leser in einen Expeditionsteilnehmer

VON INSA WILKE

Kein anderer Autor der deutschsprachigen Literatur bemüht sich so unermüdlich um seine Leser wie Giwi Margwelaschwili. Dabei hat er nur eines im Sinn: die Rettung der Buchpersonen, wie er literarische Figuren nennt, und die Erforschung der Buchweltbezirke, also der Welten, die in Büchern entworfen werden. Denn so, wie sein eigenes Leben von einem fremden Text bestimmt war, so sind auch die Figuren der Literatur, die Buchpersonen, in ihren Büchern gefangen.

Geboren wurde Margwelaschwili 1927 in Berlin. Seine Eltern waren vor der Roten Armee aus Georgien geflohen. Die Mutter starb im Exil. Vater und Sohn wurden 1946 vom russischen Geheimdienst entführt und getrennt. Den Vater sah Margwelaschwili niemals wieder. Er selbst wurde nach Gefangenschaft und Lageraufenthalt - noch auf deutschem Boden - als Neunzehnjähriger nach Georgien verschleppt. Obwohl er als junger Mann kein Georgisch und Russisch sprach und in der Heimat der Eltern als Fremder, sogar als Spitzel wahrgenommen wurde, studierte er Philosophie und gehörte bald zu den wichtigen kritischen Intellektuellen in Tbilissi, der heutigen Hauptstadt Georgiens.

In seiner Muttersprache, auf Deutsch, schrieb er in den 40 Jahren bis zum Ende des Kalten Krieges ein literarisch-philosophisches Lebenswerk, das seinesgleichen sucht. Seinen eigenen Lebenstext konnte Margwelaschwili nicht ändern. Aber wenigstens das Schicksal der Buchpersonen lässt sich verbessern. Das klingt allerdings einfacher, als es ist, denn auch die Buchwelt hat ihre Regeln und man muss die Lücken dazwischen finden. Nach solchen Lücken hat Margwelaschwili auch in Saarbrücken gesucht, als er 1990 Stadtschreiber dort war. Entstanden ist der Roman "Das Lese-Liebeseheglück": Mit Persönlichkeiten des kulturellen Lebens der Stadt startet Margwelaschwili vom Frühstücksraum des Hotels Fuchs aus eine Expedition in die Geschichtsbuchwelt des Jahres 1786, um das Eheglück des Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken mit Katharina Kest zu verlängern.

Dafür gilt es, die Zeit anzuhalten und die Französische Revolution hinauszuzögern: "Es ist soweit. Lieber Leser, jetzt kommt alles auf Sie an. […] Sehen Sie den Wandbehang an der Hinterwand dieses Frühstücksraums? Der Wandteppich ist ziemlich groß und zeigt eine Jagdszene […]. Meine Damen und Herren, haben Sie zu Hause Bescheid gesagt, dass Sie mindestens drei Tage weg sein werden? Ja? Dann ist alles in Ordnung. Nun, lieber Leser, was zögern Sie noch?"

Eine Zeitreise! Wer hat nicht schon davon geträumt? Der Gobelin ist das Eintrittstor ins 18. Jahrhundert. Den Sprung hinein ermöglicht der Leser: Seine Phantasie lässt die Geschichtsbuchwelt lebendig werden. Man hat es bei diesem Buch nicht nur mit einer phantastischen Abenteuergeschichte und einem historischen Roman über die Traumatisierung der Saar-Region zu tun, wie Ralph Schock in seinem hilfreichen Nachwort erklärt. Margwelaschwili führt auch ein klassisches philosophisches Gespräch. Äußerst unterhaltsam ist das allein durch seine Liebe zum Sprachspiel. Mit Witz lernt man Grundsätzliches über Literatur. Und über das gute Leben im schlechten, denn darum geht es immer bei ihm.

Margwelaschwili verwandelt den Leser in einen der besten Sorte: in den aktiven, in der Buchwelt anwesenden Leser. Den braucht es wiederum dringend in seiner "Fluchtästhetischen Novelle", die soeben beim Verbrecher Verlag erschienen ist. Hier geht es um die vertrackte Tatsache, dass Buchpersonen gelesen werden müssen, sonst sterben sie an der "Leserschwindsucht".

Ein solchen Tod droht dem jungen Wakusch, Margwelaschwilis Alter ego, der Hauptfigur seines autobiografischen Riesenwerks "Kapitän Wakusch": "So musste unsere junge nachkriegsgefangene Buchperson Wakusch bald feststellen, dass ihr Geheimnis im deutschen Sprachraum kaum einen Leser interessierte. Was mit ihr in der Sowjetunion geschehen würde, war den meisten Realpersonen, die am Anfang ihrer Lese-Lebensgeschichte noch fleißige Leser waren, dann schon egal geworden. Einer nach dem anderen hatte sich langsam aus ihrem Buch verkrümelt."

Mit dem "Lese-Liebeseheglück" hat Margwelaschwili sich das Gespräch über seine Buchweltbezirke geschenkt, das in der Realwelt nur selten jemand mit ihm führen möchte. In der "Fluchtästhetischen Novelle" nimmt er ebenfalls selbst das Ruder in die Hand, um seinem Wakusch das Überleben zu sichern. Wakusch sitzt im Jahr 1947 auf dem Flughafen in Berlin-Schönefeld und soll nach Georgien verfrachtet werden. Das war das Ende vom zweiten Band der Autobiografie. Jetzt aber startet die Maschine nicht, denn die Leser-Energie fehlt. Erfreulich ist: Wakusch wird nicht verschleppt. Unerfreulich hingegen: Er wird vor lauter Lesermangel schon ganz löchrig.

Wakusch rätselt über die Gründe seines Nichtgelesenwerdens und des daraus resultierenden Nichtgewolltwerdens des dritten Teils seiner Autobiografie. Sein potenzieller Leser, dem er auf dem Pissoir begegnet, fragt: "Was meinen Sie, sind die unveröffentlichten Partien Ihrer Lese-Lebensgeschichte so, dass sie einen Verlag abschrecken könnten, sie zu drucken? Sind sie zum Lesen vielleicht zu abstrakt, zu spielerisch, zu surrealistisch-phantastisch? Solche Literatur steht bei uns in Deutschland zur Zeit nicht besonders hoch im Kurs." Wakusch versteht die Ignoranz nicht: Erzählt sein Leben nicht auch vom Homo fugiens und dem allgemeinen Phänomen der Migration, vom Leben in der Warteschlaufe, das doch heute in Deutschland interessieren muss? "Auf-der-Fluchtsein", die übliche Form der Migration, sei ja eine Lebenshaltung, die sich auf die Nachkommen übertrage. Seine Sprache mit ihren Neologismen und Einsprengseln aus dem Georgischen sei doch leicht zu erklären, nämlich als "sprachlich geformtes Fliehen".

Wakusch beginnt, sich selbst, ohne Leser weiterzudenken. Dadurch erfährt man schon in diesem literarischen, poetologischen Lehr- und Zwischenstück etwas von seinen subversiven Versuchen, die Sowjets am Schwarzen Meer durch "Zaubersound" und "Seelengrundveränderungstöne" zu Verstand zu bringen. Man möchte Wakusch und seinem Autor von heute und hier aus der Realwelt zurufen, er solle sich keine Sorgen machen: Die Leser werden nicht ausbleiben. Die alten nicht und nicht die neuen.

Giwi Margwelaschwili: "Das Lese-Liebeseheglück". Gollenstein, Merzig, 447 Seiten, 24,90 Euro

Giwi Margwelaschwili: "Fluchtästhetische Novelle". Verbrecher Verlag, Berlin, 140 Seiten, 18 Euro

Wakusch sitzt im Jahr 1947 auf dem Flughafen in Berlin-Schönefeld und soll nach Georgien verfrachtet werden. Das war das Ende vom zweiten Band der Autobiografie. Jetzt aber startet die Maschine nicht, denn die Leser-Energie fehlt

Sunday, January 27, 2013

EHRUNG: Deutsch-Georgischer Kulturpreis an Giwi Margwelaschwili (goethe.de)



Foto: Gia ChkhatarashviliPreisverleihung
1. Februar 2013, 17:00 Uhr
Tumanischwili-Theater, Aghmaschenebeli Prospekt 164, Tbilissi
Deutsch / Georgisch
Auf Einladung!
+995 32 2938945
info@tbilissi.goethe.org 

(goethe.de) Das Regionalbüro des Deutschen Volkshochschulverbands (/dvv international/) und das Goethe-Institut Georgien verleihen an Giwi Margwelaschwili für seine Verdienste um die deutsch-georgischen Kulturbeziehungen einen zukünftig nach ihm zu benennenden Kulturpreis.

Der Preis wird am 1.2. 2013, um 17:00 Uhr im Tumanischwili-Theater in Tiflis/Georgien im Rahmen eines Festakts verliehen werden. Die Laudatio wird Lothar Müller, Literaturkritiker der „Süddeutschen Zeitung“ halten. Anschließend hält Dr. Frank Tremmel einen Vortrag "Giwi Margwelaschwilis Lösung aus den Verstrickungen der Geschichte."


Das Programm wird durch eine theatralisierte Darstellung nach Giwi Margwelaschwilis historischem Märchen „Zuschauerräume“ umrahmt und durch die Filmvorführung von Marika Lapauri-Burks und Niko Tarielaschwilis experimentellen Dokumentarfilm „Zuschauerräume“ abgeschlossen.

Giwi Margwelaschwili ist durch sein Leben und sein Werk zu einer Symbolfigur für die deutsch-georgischen Kulturbeziehungen im letzten Jahrhundert geworden. Geboren und aufgewachsen ist er in Berlin zwischen den Weltkriegen als Sohn des georgischen Philosophen und Historikers Titus von Margwelaschwili, der nach der Okkupation Georgiens durch Sowjetrussland nach Deutschland emigriert war. 1945 wurden sein Vater und er durch den sowjetischen Geheimdienst nach Ostberlin und schließlich nach Georgien verschleppt, wo sein Vater in den Gefängnissen des NKWD ermordet wurde.

Giwi Margwelaschwili schuf in Georgien, weitgehend isoliert von seinem Geburtsland und von den internationalen kulturellen Diskursen ein einmaliges und eigenwilliges philosophisch-literarisches Werk, das eine unverwechselbar originelle Position im Feld zwischen literarischer Postmoderne und philosophischer Phänomenologie behauptet. Die Verleihung des deutsch-georgischen Literaturpreises an ihn und die folgende Benennung dieser Auszeichnung nach Margwelaschwili ehrt am Beispiel eines exemplarischen Lebens und Werks die unbeirrte Hervorbringungskraft der deutsch-georgischen Kulturbeziehungen durch alle Totalitarismen und Gewaltexzesse des letzten Jahrhunderts hindurch. Nach 1989 ging Giwi Margwelaschwili wieder nach Berlin, seit 2011 lebt er wieder in Tbilissi.

Die Stiftung eines Deutsch-Georgischen Kulturpreises ist eine gemeinsame Initiative des Regionalbüros des Deutschen Volkshochschulverbands (/dvv international/) und des Goethe-Institut Georgiens für Georgierinnen und Georgier, die sich um die kulturellen Beziehungen zu Deutschland besonders verdient gemacht haben.
Links zum Thema 
Literaturport: Eintrag Giwi Margwelaschwili 
Giwi Margwelaschwili  
dvv international: Projektbüro Georgien

Monday, December 17, 2012

LITERATUR: Brückenkopf packt sich beim Schopf. Rezension über Giwi Margwelaschwili - von Oliver Jungen in der FAZ vom 14. Dez. 2012, Seite 32

Giwi Margwelaschwilis "Fluchtästhetische Novelle" schließt an ein autobiografisches Projekt an, das der Autor Anfang der neunziger Jahre veröffentlicht hatte, das aber aufgrund eines notorischen Leser-Mangels schnell eingestellt wurde, erklärt Oliver Jungen. Margwelaschwili setze dieses Projekt nun aber nicht einfach fort, sondern bastele ein "Vexierspiel aus Leben und Literatur" daraus, in dem sein alter Ego Wakusch in einer Episode auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld festhängt. Es geht nicht mehr voran, die "Rezeptions-Energie" reicht dafür nicht aus, und Wakusch beginnt zu grübeln, woran das liegen könnte, fasst Jungen zusammen. Komplizierter wird es, weil ein Leser-Autor-Verschnitt aus der Zukunft ihm am Pissoir begegnet und die beiden sich über einen möglichen Figuren-Selbstmord austauschen: "das Verharren der Geschichte im Manuskript-Status", also nicht veröffentlicht werden, nicht gelesen werden, ergo aufhören zu sein. Jungen erinnern Margwelaschwilis selbstreflexive Überlegungen an die cartesischen "Meditationen" und der Autor an Borges.

+++

Giwi Margwelaschwili: Fluchtästhetische Novelle

KLAPPENTEXT
Kapitän Wakusch besteigt bang das Flugzeug, das ihn zu Verwandten in das ferne, unbekannte Georgien bringen soll. Doch die Maschine will nicht abheben: Wieder und wieder drehen sich die Propeller, wieder und wieder gehen die Fluggäste an Bord - das Flugzeug jedoch startet nie. Wie kann das sein? Kapitän Wakusch ist eine Buchfigur, deren Buch unter Leserschwund leidet. Ihm sind die Leserinnen und Leser abhanden gekommen. Und ohne sie kann bekanntlich keine Geschichte stattfinden, denn niemand füllt sie mehr mit seiner Leselebenskraft aus. Wie aber soll sich die Geschichte vom Kapitän Wakusch vollenden, wenn sie nicht weitergeht? Kapitän Wakusch muss einen Weg finden, sein Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können … Die Novelle stellt eine gute Einstiegslektüre in das vielfach preisgekrönte Werk Margwelaschwilis dar und erscheint zum 85. Geburtstag dieses großen deutsch-georgischen Autors.

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Monday, September 24, 2012

LESUNG: Givi Margelashvili, Goethe Institute in Tbilisi, Georgia - May 3, 2012

Wednesday, June 06, 2012

BUCH: Das Lese-Liebeseheglück. Giwi Margwelaschwili (Autor), Ralph Schock (Herausgeber) - (amazon.de)

Gebundene Ausgabe: 447 Seiten
Verlag: Gollenstein; Auflage: 1., Auflage (März 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3938823852
ISBN-13: 978-3938823859

Kurzbeschreibung
"Im Unterschied zu der an dieser Stelle gewöhnlich gegebenen Versicherung, daß die Personen in dem folgenden Buchtext nur ausgedachte sind und eine etwaige Ähnlichkeit mit irgendwelchen Realpersonen nur dem Zufall zuzuschreiben wären, haben wir hier das genaue Gegenteil davon zu melden: außer dem Leser sind alle Buchpersonen im Lese-Liebeseheglück Realpersonen, mit denen der Verfasser während seiner Stadtschreiberzeit in Saarbrücken zusammentraf. Das Buch ist als eine Hommage an alle diese Leute gedacht, die ihm nach langer Zeit wieder das Gefühl vermittelt haben, einer Muttersprachgemeinschaft anzugehören."

Dies stellt Giwi Margwelaschwili seinem Roman voran, der zurückgeht auf seine Zeit als Stadtschreiber in Saarbrücken, 1990, wenige Jahre vor seiner endgültigen Rückkehr nach Deutschland. Im Saarbrücker Hotel Fuchs lässt er eine fulminante Reise in die (saarländische) Geschichte des 18. Jahrhunderts beginnen, in der der Leser eine besondere Rolle übernimmt, als Mitgestalter des literarischen Geschehens:

"Lieber Leser, jetzt kommt alles auf Sie an. (...) Denken Sie sich und uns alle bitte in dieses Bild hinein und auf die Jäger zu! Das können Sie durchaus, denn der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. (...) Nun, lieber Leser, was zögern Sie noch? Bilden Sie uns dort endlich hinein!"

Über den Autor
Giwi Margwelaschwili wurde 1927 als Sohn georgischer Emigranten in Berlin geboren. Seine Mutter starb, als er vier Jahre alt war. Sein Vater lehrte Philosophie und Orientalistik. 1946 wurde er zusammen mit seinem Sohn vom sowjetischenGeheimdienst NKWD entführt. Der Vater wurde ermordet, Giwi Margwelaschwili in Sachsenhausen interniert, anschließend nach Georgien verschleppt. Dort lehrte er Deutsch. Erst 1987 konnte er nach Deutschland ausreisen. Ihn begleitete eineUnzahl von in der Emigration auf Deutsch geschriebenen Romanen und Erzählungen.1994 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft und ein Ehrenstipendium des Bundespräsidenten. 1995 erhielt er den "Brandenburgischen Literatur-Ehrenpreis" für sein Gesamtwerk, 2006 die Goethe-Medaille und 2008 wurde ihm das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Giwi Margwelaschwili ist Mitglied des P.E.N und lebt in Berlin. 

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Tuesday, June 05, 2012

LESUNG & GESPRÄCH: Giwi Margwelaschwili "Das Lese-Liebeseheglück“ - im Literaturforum im Brecht-Haus (lfbrecht.de)

Fr. 15.06. 20 Uhr

Moderation: Ralph Schock (Mitherausgeber)

Durch eine Expedition in die nassau-saarbrückische Fürstenzeit soll die Revolution von 1789 hinausgezögert werden, denn die historische Umwälzung bringt auch großes Leid und Not über die Menschen. Giwi Margwelaschwili hat einen ebenso ungewöhnlichen wie unterhaltsamen Roman entworfen, dessen Dialoge philosophische Grundprobleme berühren und durch funkelnden Esprit überraschen – als ob Platon mit Heidegger über das Sein diskutieren würde. Ein faszinierendes Spiel mit der Phantasie des Lesers in der Tradition von Italo Calvino und Jorge Luis Borges.

Wo?

Literaturforum im Brecht-Haus
Trägerverein Gesellschaft für Sinn und Form e.V.
Chausseestraße 125
D-10115 Berlin-Mitte


Telefon: 030. 28 22 003
Fax: 030. 28 23 417

Internet: www.lfbrecht.de

LESUNG: Giwi Margwelaschwili: "Das Lese-Liebeseheglück" (sr-online.de)


http://www.sr-online.de/servlet/de.blueorange.xred.util.GetFile?db=sronline&tbl=int_xredimage&imgcol=xred_file&mime=mime&doc=Img_1421703

Wann? 8. Juni 2012, 18.00 Uhr
Wo? Festsaal des Saarbrücker Rathauses

Programmtipp
SR 2 KulturRadio schneidet die Lesung mit und sendet sie am 12. Juni ab 20.04 Uhr in "Literatur im Gespräch". 
+++ Mitschnitt der Veranstaltung vom 8. Juni 2012 im Festsaal des Saarbrücker Rathauses +++

link: sr-online.de


"Im Unterschied zu der an dieser Stelle gewöhnlich gegebenen Versicherung, daß die Personen in dem folgenden Buchtext nur ausgedachte sind und eine etwaige Ähnlichkeit mit irgendwelchen Realpersonen nur dem Zufall zuzuschreiben wären, haben wir hier das genaue Gegenteil davon zu melden: außer dem Leser sind alle Buchpersonen im ‚Lese-Liebeseheglück’ Realpersonen, mit denen der Verfasser während seiner Stadtschreiberzeit in Saarbrücken zusammentraf.

Das Buch ist als eine Hommage an alle diese Leute gedacht, die ihm nach langer Zeit wieder das Gefühl vermittelt haben, einer Muttersprachgemeinschaft anzugehören."

Eine Reise ins 18. Jahrhundert

Diese Bemerkung stellt Giwi Margwelaschwili seinem Roman voran, der zurückgeht auf die Zeit als Stadtschreiber in Saarbrücken im Jahre 1990. Im Saarbrücker Hotel Fuchs lässt er eine fulminante Reise in die (saarländische) Geschichte des 18. Jahrhunderts beginnen, in der der Leser eine besondere Rolle übernimmt: als Mitgestalter des literarischen Geschehens.

Über den Autor

Giwi Margwelaschwili wurde 1927 als Sohn georgischer Emigranten in Berlin geboren. 1946 wurde er von der Roten Armee zunächst in das Internierungslager Sachsenhausen und später nach Georgien, in das Land seiner Vorfahren verschleppt, das er bis zum Fall des Eisernen Vorhangs nicht mehr verlassen durfte.

In der Verbannung entstand ein einzigartiges philosophisch-literarisches Werk, das bislang erst in Bruchteilen bekannt ist. "Verschrobener als Jorge Luis Borges, flapsiger als Italo Calvino und witziger als Alberto Manguel", urteilte DIE ZEIT.

Tuesday, October 25, 2011

INTERVIEW: Texten im totalitären System. Giwi Margwelaschwili - Gespräch mit Dominik Irtenkauf (poetenladen.de)

Giwi Margwelaschwili (* 1927) veröffent­licht in regel­mäßiger Folge im Berliner Ver­brecher Verlag seine Romane und Essays. Viele der Manu­skripte stammen noch aus der Zeit der Schubladenproduktion, nachdem Margwelaschwili Mitte der 1940er Jahre nach Georgien verschleppt und sein Vater vom NKWD exekutiert wurde.
Dieses Frühjahr erschien sein auto­bio­graphi­scher Roman „Kapitän Wakusch“ in 2 Bänden neu. In diesem schildert er seine Zeit in zwei totali­tären Systemen (dem Dritten Reich und der Sowjet­republik Georgien). Der Roman fällt vor allem durch eine eigens entwickelte Termi­no­logie auf, mit der sich der Sohn georgischer Emi­granten metathe­matisch mit der eigenen Vita beschäftigt.
Margwela­schwili entwickelte aufgrund seiner eigenen verwickelten Lebens­geschichte eine philosophische Herme­neutik, die sich vor allem an der Text­lektüre kano­nisierter Werke versucht. Mit dem Ziel, Freiräume zu schaffen.
Auf diese Weise wird inner­halb von Systemen die Möglichkeit eröffnet, eine Gegenwelt zu entwerfen. Besonders in Hinblick auf ideo­logisierte Texte und Vorschriften, die Einfluß auf das Bewußt­sein der dort lebenden Menschen nehmen.
In einem Telefonat konturierte Margwelaschwili die Koordinaten seiner Onto­texto­logie.

Dominik Irtenkauf: Im zweiten Band Ihres Romans „Kapitän Wakusch“ gehen Sie darauf ein, wie man unfreiwilligerweise von einem Sprechzimmer ins andere verpflanzt wird. Wie sind denn Ihre eigenen Erfahrungen bezüglich dieses abrupten Über­gangs von einem ins andere Sprechzimmer und basiert Ihr eigenes Interesse an der Onto­texto­logie auf diesen Erfahrungen?

Giwi Margwelaschwili: Das kann man durchaus so sagen. Stellen Sie sich vor, ich war zu jener Zeit ein absolutes Sprachbaby. Erst mit 22 Jahren bekam ich 1949 meine Geburts­urkunde. Allein diese Tatsache ist ein Kuriosum. Ich war als Wa­kusch-Sprach­baby dort in Tbilissi bekannt, das seine ersten Schritte in Georgisch und Russisch machen mußte. Ich konnte ja nicht reden. Das ist natürlich ein großer Einschnitt gewesen. Dann wurde eine sowjetische Geburts­tags­party für das 22 Jahre alte Sprachbaby veranstaltet. Das wurde ausgiebig gefeiert. Diesen Geburtstag habe ich das Trauer­feier­freuden­fest genannt, in einem der Wakusch-Bände. Es war einerseits eine traurige Sache, auf die Art, wie ich in die Sowjetunion hinüber­gezogen wurde, verbunden mit dem Verlust meiner Familien­mit­glieder. Es wurde mir anderer­seits jedoch auch leicht gemacht, durch die famosen Leute, die ich in Georgien kennen­lernte und die meine Situation richtig einschätzten.

D. Irtenkauf: Sie hatten in den ersten Jahren Probleme in der Sowjetunion, aufgrund ihres Vaters Titus von Margwelaschwili, der vom Stalinismus in Georgien weggezogen ist und in der georgi­schen Diaspora in Berlin zu einer wichtigen Person der Exilanten wurde.

G. Margwelaschwili: Ich war sozusagen der Emigrantenhundesohn. Sie haben sich irgendwie die Hoffnung gemacht, daß ich diese ganze Ideologie annehmen würde. Aber das ist nicht erfolgt und dann zeigten sie sich gleich bürstig. Ich wurde überall zurückgestellt, zum Beispiel als die Rede von einer Promotion war. Bis zur Chruschtschow-Zeit hatte ich Probleme. Chruschtschow hatte nach innen Samt­hand­schuhe an. Es entstanden Leerräume für Anders­denkende. Das muss man ihm lassen. Wir sind da herumspaziert wie im Traum, denn wir konnten nicht glauben, daß es nun möglich war, etwas zu schreiben, etwas zu dichten, etwas zu sagen, das eben ein bißchen anders klang als das, was bekannt war.

D. Irtenkauf: Während der Sowjetzeit haben Sie aber keine literarischen Texte veröffentlicht?

G. Margwelaschwili: Nein, erst viel später ist da etwas gekommen: die „Zuschauerräume“. (Das inzwischen auch beim Verbrecher Verlag aus Berlin neuverlegt worden ist. – Anmerkung des Autors) Das war alles zu abstrakt und viel zu verdächtig. Das war kein sozialis­tischer Realismus. Was nicht so aussah wie Lenin, das wurde sofort mit großem Verdacht aufgenommen und das wurde gestoppt. Man sollte auch nicht riskieren, etwas herauszubringen und dann noch Schwierigkeiten zu bekommen. Das wollte man nicht. Da war ich auf Eis gelegt und habe immer für die Schublade schreiben müssen.

D. Irtenkauf: Besonders Ihre „Kapitän Wakusch“-Romane fallen durch eine eigene Terminologie für diese ganzen Erfahrungen mit einer totalitären Ideologie auf.

Giwi Margwelaschwili: Die ersten beiden Bände sind eigentlich nur das Vorspiel, nicht der eigentliche Roman. Den dritten Band gibt es bislang leider nur in Tbilissi, verlegt beim Kaukasischen Haus. Wenn man einen Text in meiner Situation schreibt, dann gibt es hierfür so klischeeartige Umschreibungen wie „sich die Sache von der Seele runterschreiben“. Das ist alles richtig, das fließt auch mit ein. Doch ist ein anderer Punkt noch wichtiger, und zwar wenn wir von Heidegger ausgehen, ist das Dasein ganz intrinsisch mit der Welt verbunden. Deleuze hat den Heidegger gut gelesen und sagt: ein Text ist weniger Spiegel und vielmehr die Verringerung von Welt. In einem Text spaziert man herum wie in einer Welt. Wenn es ein politischer Text ist, handelt es sich natürlich um ein Gegenspiegel. Dann sind Sie weltlich verspiegelt. Das Schreiben eines solchen Textes ist die intensivste Form des Spazierengehens. Die Welt entdeckt sich Ihnen beim Schreiben, sie ist ja schon vorhanden. Sie schlagen dann neue Streifen an, begehen dies und jenes. Das ist eine richtige Bestands­aufnahme. Das ist eine weltliche Befindlichkeit innerhalb des Textes. Man will eine Ersatzwelt zu der Welt, in der man nicht mehr leben, die man nicht mehr ausstehen kann. Man möchte in eine andere Welt ausweichen, und diese andere Welt ist dann eben dieser Text. In diesem Text geht man spazieren, atmet man, denkt man nach, spricht man mit seines Gleichen oder man kritisiert dasjenige in dem reellen Text, mit dem man sonst leben muß. Eine ganz andere mondane Realität findet man in einem solchen Text. Man geht in einer riesigen Biosphäre spazieren. Es ist nicht nur Leben, es ist ein weltlicher Aufenthalt, ein Gegenweltaufenthalt. Das gibt auch viel zu denken: Wie ist denn eine solche Welt bestellt? Was geht da vor sich? Das habe ich dann ausgiebig in meinen philo­sophischen Essays zu beleuchten versucht. Jedoch ist auch in meiner Literatur davon die Rede. Diese meta­thematische Literatur wird häufig von Lesern, die das Thematische gewöhnt sind, als Belehrung aufgefaßt. Dem muß ich aber widersprechen.

D. Irtenkauf: Gerade durch die Metathematik ergibt sich eine kritische Wahrnehmung dieser Modalität. Mittlerweile ist möglicherweise die (sowjetische) Ideologie durch Marktmechanismen abgelöst worden.

G. Margwelaschwili: Es gibt nichts Unangenehmeres für solche Vertreter thematischer Welten als zu wissen, daß da irgendeiner sitzt, der ihrer Monothematizität oder anders gesagt: ihrem eisernen Stil, nicht folgt. Deswegen waren die auch immer stark hinterher, von den Leuten diese Sache sofort auf dem Tisch zu beschlagnahmen, in Moskau besonders häufig, in Tbilissi weniger, aber das hat es dort meines Wissens auch gegeben. Das hat sich erst gelegt, als die Perestrojka anfing und Gorbatschow kam.

D. Irtenkauf: Im 3. Band des Wakuschs beschreiben Sie die Probleme, die es selbst im Freundeskreis gab, wenn man sich zu euphorisch zum westlichen Lebensstil oder zur Jazzmusik bekannt hat.

G. Margwelaschwili: Es ist ja bekannt, daß die Sowjets den Jazz (Margwelaschwili spricht das Wort deutsch aus. – Anmerkung des Autors) nur sehr zögerlich bei sich reingelassen haben. Es geht auch eine Mär um, daß sich Stalin den ersten Jazzmann in der Sowjet­union (Eddie Rosner) zu sich rufen ließ. Er ließ ihn vorspielen und hat ihn gleich im Anschluß verhaften lassen. Er kam ins Lager und musizierte dort weiter (Margwelasch­wili lacht.). In den 1970er Jahren ist er in Deutschland gestorben, er liegt hier in Berlin begraben. Diese marmorisierte Kultur hat man in seinen gegenweltlichen Texten auch ausgiebig kritisiert und war auch stolz, so zu schreiben.

D. Irtenkauf: Die Offenheit des Bewusstseins wurde in solcherart Systemen stets auf die Eindeutigkeit des Textes und der Überlieferung eingegrenzt. Das ist mitunter ein Thema Ihrer Onto­texto­logie, wie es von der Poly- zur Monophonie kommen kann.

G. Margwelaschwili: In der Sowjetunion machte man den großen Fehler, daß man seinem Gesinnungsgegner bei sich keinen Platz einräumte. Der Gesinnungsgegner war der Anti-Thematische, weil er anders dachte. Deshalb war es das Einfachste, ihn zu degradieren, wovon die Sowjets auch ausgiebig Gebrauch gemacht haben. Man kann ja auf seiner Meinung beharren, aber auch dem Anderen das Wort lassen. Dann wird die Mehrheit entscheiden, was besser ist. So hat es in allen normalen Verfassungen und Gesetzen immer funktioniert. Diese ideologische Einseitigkeit, wenn sie so knallhart durchgesetzt wird, das ist dann der Abgrund. Mit der Onto­texto­logie gesprochen: das Anti-Thema­tische sollte hetero-onto-thematisch geduldet werden. In einem normalen Text hat das auch eine Stimme. Man liest das bereits bei Michail Bachtin: der Text ist polyphonisch. Die thematische Polyphonie muß erhalten bleiben. Bitte such dir aus, welche Stimme dir am meisten gefällt. Das ist ein Grundgesetz jeder Demokratie. Aber im 20. Jahrhundert haben wir zweimal erlebt, wie dieses Prinzip über Bord geworfen wurde. Man vermeinte eben, durch diese thema­tologische Einseitigkeit direkt in den Himmel zu kommen. Fehlanzeige!

D. Irtenkauf: Interessant war sicher auch, dass Sie in zwei dieser Regimes aufgewachsen sind beziehungsweise gelebt haben. Sie wurden 1927 in Berlin geboren und erlebten das Dritte Reich mit. Im „Kapitän Wakusch“, Band 1 beschreiben Sie auch Spiel­räume während der dreißiger Jahre. Besonders, was Jazzmusik angeht.

G. Margwelaschwili: Also, wir wurden nur geduldet. In den Vorkriegsjahren gab es im Ver­gnügungs­viertel rund um die Gedächtniskirche ausreichend Klubs. Da wurden sogar Amerikaner eingeladen, die dort Konzerte gaben. Das klappte ganz gut, unter Hitler. Als der Krieg anfing (1941-42) wurde es noch irgendwie toleriert. Man hatte wohl anderes zu tun. Die Musik erhielt sich in den Bars, diesmal mehr in den Neben­straßen, sie tauchten ab vom Haupt­ver­gnügungs­viertel. Da wurde kräftig musiziert, zum Beispiel in der Roswitha-Bar, die ich im „Kapitän Wakusch“ beschreibe. Ich nenne sie Kakadu, weil der Kakadu ein Begriff ist, der literarisch etwas hergibt. Ich wollte die Metapher eines Vogels, der klettern kann, ausnutzen. In Wirklichkeit war es die Roswitha-Bar am Nürnberger Platz. Das ist von der Gedächtnis­kirche weit entfernt, das liegt im Bayerischen Viertel. So gab es immer andere Bars und andere Vergnü­gungs­stät­ten, die bis ins Jahr 1942 hinein funktioniert haben. In der Kriegszeit wurde das dann zunehmend nicht toleriert, weil es Musik aus Übersee war.

D. Irtenkauf: Auch in diesen stark ideologisierten Regimen ist also eine Gegenwelt des Bewusstseins möglich. Um nochmals auf die Onto­texto­logie zurückzukommen: sie untersucht eben diese Potentiale, die in den Texten schlummern.

G. Margwelaschwili: Natürlich. Die Aufgabe der Onto­texto­logie ist, zu erfahren, in welchen Bevöl­kerungs­schichten sich diese Texte bilden. Das ist ein weites Feld. Ich habe wahrgenommen, daß besonders die Jugend Probleme mit dieser Art Textverständnis hat. Das hängt meines Erachtens noch mit den Auswirkungen der 1968er zusammen, als die Univer­sitäten mit Leuten bevölkert wurden, die zwar wußten, daß sie etwas wollten, aber nicht was. Die jungen Leute wollten mit der Paternalisierung, der Vormundschaft, diesem autoritären Quatsch nichts mehr am Hut haben. Und riefen: Weg mit euch! Wir wollen nicht mehr! Das ist ein ganz reiner Protest, von dem sich übrigens alle ideologischen Revolutionen nähren. Sie versuchen, diese jungen Kräfte in ihre Richtung abzuhängen. Diese sprühende Fontäne wollte mit den Ismen nichts zu tun haben, sie wollten frei sein von allen Ein­schrän­kungen, besonders den geistigen. Das ist purer Idealismus, der immer wiederkommt. Dieser Protest setzt an der Achilles­ferse eines bürokratischen Systems an. Das kann aufrühren und zu Protesten führen, die das ganze Gebäude in Frage stellen. Das hält sich nicht lange, denn sie wollen etwas, wissen aber nicht, was genau, wie ich bereits sagte. Später werden sie von Ideo­logien, von den Bürokratien, von den Ismen aufgesogen, von denen auch die demokra­tischste Verfassung, die demokratischste Gesellschaft förmlich durchsetzt ist.

D. Irtenkauf: Die Rolle des Lesers ist bei einer onto­texto­logi­schen Lektüre stets von herausragender Bedeutung. Wird dadurch der Leser auf eine kritische Sichtweise eingeübt?

G. Margwelaschwili: Es geht schließlich darum, diese Flut in ihrer Reinheit zu beschreiben, was da emporkommt. Diese ganzen vorgegebenen Ismen und Bürokratien existieren, um gerade solche Flut zu drosseln und Platz zu machen. Die Onto­textologie möchte die absolute Vielfalt toleriert haben. Aus dieser Vielfalt möchte sie heraus­destil­lieren, was für das allgemeine Wohlsein, den Gemeinnutzen der Gesellschaft förderlich ist. Das steckt alles in den Kinderschuhen. Das ist alles noch ein breites Tätigkeits­feld für die Philosophen und vor allem Soziologen.

D. Irtenkauf: Manche Bücher können eine sehr einschränkende Wirkung ausüben, wenn sie stets nach denselben Leitlinien gelesen werden. In mehreren Ihrer Bücher, wie „Das böse Kapitel“ oder „Officer Pembry“, versuchen Sie, diese Einengung auf nur eine Plotline aufzusprengen.

G. Margwelaschwili: Das ist richtig. Ich habe mir die Aufgabe gesetzt gehabt, an die Texte, die die Höhen der europäischen Kultur ausmachen, die Lupe anzulegen, zu suchen, wo sie in ihrem Verlauf sinnig sind. Ich habe nach Stellen gesucht, wo sich die Texte Einschrän­kungen auferlegen, daß es wirklich verwunderlich ist. Dabei stieß ich auf Stellen in der Bibel und bei Homer zum Beispiel. Ich habe ein großes Textgebilde beschrieben, unter dem Titel: Die Mumifizierung. Da zeige ich dann, wie diese thematolo­gischen Einschränkungen variieren, wie sie auch bei Homer funktionieren. Habe erst kürzlich ein neues Manuskript fertiggeschrieben. Das nennt sich Parzival I und II. Es behandelt Wolfram von Eschenbachs Parzival. Auch dort wird gegen thematologisch überflüssige Barrieren angekämpft.

D. Irtenkauf: Diese wichtigen Texte der europäischen Literatur weisen eine lange Auslegungs- und Bearbeitungsgeschichte vor. Gerade deswegen wird das onto­texto­logische Verfahren interessant.

G. Margwelaschwili: Nehmen wir mal diesen Kindsmord zu Bethlehem. Dieser hat mit Christologie überhaupt nichts zu tun. Der Engel warnt nur Maria und Josef, die Anderen warnt er nicht. Woher das gekommen ist, weiß kein Mensch. Es gehört vollständig zur Tradition und es ist immer weiter­gelesen worden undsoweiter undsofort. Da habe ich mir gedacht: das kann nur eine Fälschung sein. Man muss davon ausgehen, daß Texte auch verfälscht, auch verändert werden. Da wird etwas reingeschmuggelt, was nicht da hineingehört. In diesen alten Texten muß man jeden Schritt, den man macht, vorsichtig machen, alles unter die Lupe nehmen. Auf der anderen Seite hilft es jedoch auch nicht, wenn man sich da bei weitem hingebungsvoll herumbewegt und vertrauenswürdig sein möchte. Hier ist der Cartesianische Zweifel sehr angebracht. Je älter der Text, desto würdiger der Text. Einen würdigeren Text als die Bibel gibt es ja gar nicht. Und dann findet man diesen komischen Textteil eines Inhalts, der erschreckt. Was ist da los? Wie kommt das her? Woher kommt das?

D. Irtenkauf: Das könnte auf eine Interessenslage deuten. Man möchte durch den Schmuggel die eigene Interessen durchsetzen.

G. Margwelaschwili: In den Texten möchte man nur das sehen, was einem paßt. Ein echter Text hat die Vielfalt. Versuche, dahinter zu kommen, was die Vielfalt eigentlich sei. Aber nein, wie schon gesagt, seit es Texte gibt, gibt es Verfälscher. Ich kann mir vorstellen, daß die Christo­logie viele Feinde hatte, von Anfang an, die da ver­suchten, alles mögliche reinzuschreiben und zu verändern. Das wußten bereits die ersten Häretiker des 1. Jahrhunderts. Marcion schreibt bereits darüber, daß die Bibel rein zusammen­geschrieben ist. Das ist alles Fälschung, in einem Maße, daß ich gezwungen bin, das richtige Evangelium heraus­zudestil­lieren. Dann legt er seine Version des richtigen Evangeliums vor. Wenn es schon so anfängt, was wird es dann nicht alles gegeben haben? Es gibt nichts Komplizierteres und Zweideutigeres als die textliche Tradition.

D. Irtenkauf: Dann muß man selbstverständlich auch damit rechnen, daß die eigene Interpretation von Anderen wieder anders gedeutet und gelesen wird.

G. Margwelaschwili: Prinzipiell liegt darin nichts Schlimmes. Wenn da eine andere Inter­pretation hervorgeht, spricht das ja für den Reichtum des eigenen Textes. Das weist darauf hin, daß er ein reiches Potential hat.

D. Irtenkauf: Die Selbstreflexion in Ihren Texten sieht ja nichtdestotrotz eine Behörde vor. Im „Officer Pembry“ zum Beispiel schaltet sich eine krimina­listi­sche Buch­welt­verwaltung ein. Diese Verwaltung ist dafür zuständig, die Unge­rech­tig­keiten in der Lektüre aus dem Weg zu räumen. Dies scheint ja dann doch eine Ordnungsmacht zu sein.

G. Margwelaschwili: Das ist dann eine Korrektur. Die Korrek­tionen müssen am Ende aller onto­texto­logi­schen Bemühungen stehen. Wenn wirklich ein solch grober Huscher stattgefunden hat, muß man das wieder einrenken. Das ver­suchen meine Helden, das sind eben Beamte der Lese­lebens­hilfe, die in den Texten auftreten. Sie bestreiten in der Hauptsache die Unterhaltsamkeit meiner Texte.

D. Irtenkauf: Es findet jedoch Widerstand in der Handlung selbst statt. Das könnte man als ein polyphones Moment bezeichnen, weil Widerstand gegen diese Verwaltungsakte geschieht.

G. Margwelaschwili: Es hat sich alles eingelaufen und anders laufen möchte man nicht gerne. Das ist mit großen Schwierig­keiten und Umgewöhnung verbunden. Buch­personen können ebenso träge sein wie Realpersonen. Das ist klar. Wenn sie auf der meta­thematischen Höhe wären, müssten sie erkennen, daß diese Verbes­serungs­vor­schläge nur Gutes und den Menschen, der in ihnen steckt, besser herauskehren wollen. Die Buchfiguren sollten dahinter kommen, daß diese mono­thematische Einseitigkeit zu nichts weiter führt: sondern immer zu demselben Kram. Wenn der Kram noch falsch ist, dann ist es ganz furchtbar. Da muß man schon energisch vorgehen.

D. Irtenkauf: Bei den Figuren der althergebrachten Texte untersucht die Onto­texto­logie ja auch, wie lebendig diese Figuren noch im Bewußtsein sind, ob sie von Menschen beachtet werden, indem die Texte gelesen werden, in denen diese Figuren vorkommen.

G. Margwelaschwili: Sie brauchen die Lese­lebens­energie. Wenn die ausgeht, sind die Buch­personen an Lese­schwindsucht gestorben und das sollte man vermeiden. Mit verschiedenen Mitteln sollte man das verhindern, mit Lese­sauer­stoff­flaschen zum Beispiel die Hauptperson erstmal über Wasser halten. Dann gibt es noch andere verschiedene Mittel, wie zum Beispiel die Selbstlektüre, wenn Buchpersonen sich selber lesen, dann können sie sich irgendwie über Wasser halten. Es ist nicht dasselbe, wie wenn ein realer Leser sie liest, denn es ist eine künstliche Sache. Nur ein realer Leser kann eine Buchperson richtig beleben. Doch irgendwie schafft es die Buchperson, sich am Leben zu halten, bis die Flut der Leser wieder anfängt und sich die Texte wieder von dieser Ebbe erholen. Dann hat diese Buch­person überleselebt. Dies ist ein Herzstück meiner Literatur.

D. Irtenkauf: In Ihrer theoretischen Schrift „Leben im Onto­text“ gehen Sie auf verschiedene Möglichkeiten ein und exemplifizieren das auch an Romanen von Heinrich Böll und Robert Musil. Ist Ihre Literatur dann immer auch eine Art von Literaturwissenschaft?

G. Margwelaschwili: Ich bin in den großen klassischen Urtexten auf der Suche nach philosophischen Widersprüchen, die ich aufdecken möchte. Das entwickelt sich bei mir zu einer Literatur. Wenn ein literarischer Text als eine literarische Biosphäre aufgefaßt wird, muß man das mehr tragisch als etwas Anderes nennen: die Personen leben mit jedem neuen Leser neu auf und reden denselben Quatsch daher. Das ist furchtbar, denn das verkommt zu einem Ritornell. Ganz gemein ist dabei, daß sie mit dieser neuen Frage eintreten, aber vergessen haben, was vorher war. Die Lektüre reaktualisiert stets den Text, er ist praktisch ständig neu. Die Buch­personen sind vollkommen blind gegen ihr eigenes Sein, gegen ihr Sein als ewige Wiederkehr des Gleichen, was ich hier ausspinne als die Furchtbarkeit selbst. Auf solche Kontradiktion lege ich großen Wert, und diese richtig heraus­zukehren, ihren ganzen biobibliologischen Gehalt auf die Waage zu legen – das ist ein Hauptanliegen meiner Literatur.

D. Irtenkauf: Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: www.poetenladen.de

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Dominik Irtenkauf, *1979, freischaffender Journalist für Legacy, Multimania, satt.org und textem.de; berichtet über und trägt zur Musik­forschung vor; mehrere Buch­ver­öffent­li­chungen, u.a. auch in der Belle­tristik; Schwer­punkt in der Forschung: Ästhetik, Mytho­logie, Hermetik, Avant­garde-Bewe­gungen, Subkultur, Medien und inter­kultu­reller Dialog, mit beson­derem Fokus auf Georgien und die Kaukasus­region. Derzeit in Arbeit: Essayband zum Extreme Metal, der mitt­ler­weile auch 25 Jahre alt gewor­den ist.

Sunday, February 20, 2011

MUSIKFEUILLETON: "Sage nichts, singe für mich ... "Die vokale Tradition Georgiens und ihre europäischen Spuren. Von Marika Lapauri-Burk (dradio.de)

Gesendet am: 13.02.2011, 22:00 bis 22.30 Uhr (dradio.de)

Ein Beitrag von Marika Lapauri-Burk - hören: podcast >>>

აქ მოისმენთ ჩემს რადიო გადაცემას, რომელიც 13.02.2011 გავიდა რადიო კულტურის ეთერში გერმანიაში.

Ein sehr interesanter Beitrag. Unter anderen wird darüber berichtet, wie ein georgisches Lied ins All geschickt wurde. Auch ein paar wichtigen Reflexionen des Philosophen Merab Mamardaschwili finden Eingang, um das Besondere der Georgischen Musik zu verstehen. Übrigens äußerten sich schon früh Strabon und später Strawinski zu der georgischen Musik. Manana Menabde wird auch erwähnt - ein wunderbares poetisches Lied ist am Ende des Features zu hören - Von ihrer 2009 herausgegebenen CD!

Siegried Ferdinand Nagel ... Die Georgische Polyphonie ist der Ursprung der europäischen Musik.


Das Duduki (persisches Instrument) wird in die Polyphony integriert ...

Die starke Vokaltradition wurde eben nicht professionalisiert - im Gegensatz in der europäischen Entwicklung! Mit Beiträgen von David Malazonia.

Giwi Margwelaschwili schrieb über: Philosophie in Aktion. Über Merab Mamardaschwili. In: Sinn und Form, S. 598-602

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mehr:
Das Titellied stammt von der berühmten, leider so früh verstorbenen Liedermacherin Inola Gurgulia. Ihre Lieder leben weiter in ganz Georgien. Sie wird immer noch verehrt und liebevoll „Inola“ genannt. Ihr Sohn, der Musikwissenschaftler Dr. Davit Schugliaschwili, ist einer der Gründer des Antschischati Chors. Heute ist er einer der Solisten des Ensembles. Der oben genannte Titel ist eines der bekanntesten Lieder in Georgien. Inolas Lieder gehen auf eine lange Liedtradition in Georgien zurück. Heute werden Sie traditionelle Gesänge aus Georgien hören, aber die so genannte Stadtfolklore dient auch als Grundlage für die poetischen Lieder Inolas. Schon Strabon (64 v.Chr. – 26 n.Chr.) nannte die Georgier ein „singendes Volk“. In Georgien gibt es zu jedem Anlass ein Lied und daraus mehrere Versionen je nach Ort oder individuellem Sänger.


Der berühmte Philosoph des 20. Jhdts., Merab Mamardaschwili sagte: „Mag sein, dass viele nicht zustimmen werden, aber, sosehr ich mich als Georgier gefühlt habe, sosehr habe ich mich auch archaisch, also „ortlos“ in der heutigen Welt gefühlt. Georgier zu sein, - das ist eine schöne, abgehobene Legende, oder eine legendäre Ikone, die für mich wahrhaft und real ist [...]. Im wesentlichen ist das ein feudales, ritterliches [...] Bild. [...] wenn wir singen oder der georgischen Musik zuhören, wird in jedem von uns ein Georgier wiedergeboren. [...] Dieses Gefühl zu erwecken, bedarf es keiner rationalen Akte. Ich brauche nicht zu denken, die Reflexion auf die Natur der Musik oder des Georgierseins zu lenken. Wenn ich die traditionelle oder rituelle georgische Musik höre, bin ich in diesem Stoff und das Lied selbst formt meine Seele zu einer georgischen Seele. [...] Für mich hat die Struktur der traditionellen georgischen Musik eine enorme Bedeutung. Das ist meine innere Welt als Georgier, mein Seelenausdruck und die gedankliches Bild meiner Seele. [...]