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Wednesday, March 12, 2014

PRESSEFREIHEIT: "Jetzt ist die Angst weg". Medien in Georgien nach Saakaschwili. Von Jana Demnitz (deutschlandradiokultur.de)


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(deutschlandradiokultur.de) Micheil Saakaschwili war ein Hoffnungsträger in Georgien, aber er hat seine Landsleute, auch die Journalisten bitter enttäuscht. Heute, nach dem Abtritt Saakaschwilis, gibt es in Georgien zwar keine Zensur mehr, trotzdem bleibt eine ausgewogene Berichterstattung die Ausnahme.


Ein Blick in die Magazin-Redaktion "Liberali" in der Hauptstadt Tiflis.
Ein Blick in die Magazin-Redaktion "Liberali" in der Hauptstadt Tiflis. (Jana Demnitz)
Es ist Punkt 20 Uhr - soeben beginnen die Hauptnachrichten des georgischen Fernsehsenders "Imedi". Der Journalist und Moderator Levan Javakhishvili begrüßt die Zuschauer und stellt die Themen des Abends vor - georgische Innenpolitik, etwas Außenpolitik, Kultur und das Wetter. Der Privatsender bietet den Menschen vor den Fernsehgeräten auch heute wieder einen bunten Themenmix.

Levan ist ein großgewachsener, stattlicher Mann mit braunen Haaren und grünen Augen, der, sobald das rote Studiolämpchen angeht, sein smartestes Moderatoren-Gesicht anknipsen kann. Manchmal kann er es selbst kaum glauben, dass er wieder hier im Studio sitzt, in die Kamera schaut und die Zuschauer über die wichtigsten Geschehnisse in Georgien und in der Welt informiert:

"Wieder hier zu sein, ist für mich ein ganz besonderes Gefühl. Ich war ja seit der ersten Nachrichtensendung im Jahr 2003 dabei. Dieser Sender ist mein Zuhause. Es fühlt sich einfach so an, wie nach Hause zu kommen. Allerdings bin ich nur zurück gekommen, weil mich die Besitzer von ´Imedi` persönlich darum gebeten haben."

2001 wurde die Mediengesellschaft "Imedi" vom georgischen Oligarchen Badri Patarkazischwili gegründet, 2003 ging TV-"Imedi" auf Sendung - kurz vor dem Amtsantritt des westlich orientierten georgischen Politikers und damaligen Hoffnungsträgers Micheil Saakaschwili. Der junge und charismatische Politiker wurde im Januar 2004 Nachfolger des zuvor durch die Rosenrevolution gestürzten Präsidenten Eduard Schewardnadse.

Nach der korrupten und politisch instabilen Schewardnadse-Ära hofften die Georgier und mit ihnen die Journalisten auf eine neue Epoche der Freiheit, Demokratie und des wirtschaftlichen Aufschwungs. Wie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre konnten sie auch jetzt wieder kritisch und unabhängig über die Missstände im Land berichten. Es fegte damals ein "Wind of Change" durch Georgien, sagt Levan Javakhishvili. Seine Augen leuchten und man sieht ihm an, dass es eine befreite Zeit gewesen sein muss - nach all den Jahren der Repression.

"Nach Schewardnadse und der Rosenrevolution dachten viele Menschen, wir werden endlich ein normales Leben hier haben. Aber zwischen 2003 und 2004 wurde wieder ein TV-Sender geschlossen. Das war das erste Signal." 

Sondereinheit stürmte 2007 den Sender "Imedi"

2007 hatte die Offenheit dann auch bei "Imedi" ein Ende: Der TV-Sender hatte über den Missbrauch von öffentlichen Geldern verschiedener Ministerien berichtet, die Menschen in Georgien gingen auf die Straße, um gegen die Korruption zu protestieren. Der Druck auf den Präsidenten wuchs täglich.

Als sich der Oligarch Patarkazischwili dann auch noch auf die Seite der Opposition schlug, fiel sein Sender gänzlich in Ungnade bei Saakaschwili und dessen regierender Partei "Vereinte Nationale Bewegung". Am 7. November 2007 stürmte schließlich eine vermummte Sondereinheit während einer Livesendung das Fernsehstudio am Rande der Stadt und zwang die Journalisten vor laufenden Kameras, den Sendebetrieb einzustellen.

Levan Javakhishvili geht über die Flure des heute mit meterhohen Zäunen und Kameras gesicherten Medienhauses. In dem Studio, in dem er damals mit einer Kollegin die Abendnachrichten moderierte, ist es heute dunkel, verkramt, vereinzelt stehen alte Kulissen herum. Mit versteinerter Miene zeigt er hinauf zu einer verglasten Wand, durch die man direkt in das Studio schauen kann. Dort standen damals die vermummten Männer mit ihren Gewehren und starrten zu ihnen hinab.

"Wir wurden über die Kopfhörer informiert, dass eine Spezialeinheit in den Sender eingedrungen war. Als ich realisierte hatte, was passiert ist, sagte ich zu den Zuschauern: ´Bewaffnete Männer haben gerade unseren Sender "Imedi" besetzt.` Dann kamen zwölf Maskierte in das Studio, richteten ihre Kalaschnikows auf uns und sagten, wir sollen mit der Sendung aufhören."

Sie hatten damals Todesangst, sagt Levan Javakhishvili. Keiner von den Redakteuren, Kameraleuten und Technikern wusste, ob sie jemals lebend wieder hinaus kommen würden. Ihre Telefone klingelten unaufhörlich, jeder sah ja live im Fernsehen, was gerade bei "Imedi" passierte. In einer kurzen Ansprache erklärte der Chefredakteur dem Fernsehpublikum die Situation und bat um internationale Hilfe. Der Bildschirm wurde schwarz, das Programm war beendet.

Stunden später wurden die Mitarbeiter frei gelassen, wenige Wochen darauf wurde der Besitzer enteignet. Investigativer und unabhängiger Journalismus wurde in den Folgejahren immer schwieriger. Hintergrundrecherchen waren fast unmöglich, weil keiner Auskunft geben konnte oder wollte. Wenn Kritik irgendwo vorkam, konnten wegen der begrenzten Sendereichweiten nur wenige Menschen diese hören oder sehen.

Drohungen müssen Journalisten in Georgien nicht mehr fürchten

Erst mit dem politischen Machtwechsel in Georgien im Herbst 2012, als bei der Parlamentswahl die Saakaschwili-Partei unterlag, wurde der Oligarchen-Familie Patarkazischwili die "Imedi"-Mediengesellschaft wieder übertragen. Heute regiert in Georgien das Parteienbündnis "Georgischer Traum" des Milliardärs und Ex- PremierministersBidsina Iwanischwili. Unter dieser neuen Regierung und dem alten Arbeitgeber kehrte auch Moderator Levan Javakhishvili zurück ins Scheinwerferlicht. Drohungen, Einschüchterungen und Enteignung müssen Journalisten und Medienunternehmen im heutigen Georgien nicht mehr fürchten.

"Heute gibt es in Georgien zwar keine Zensur mehr oder andere Beschränkungen, aber dafür haben wir private Sender, die entweder für oder gegen die Regierung, oder für oder gegen die Opposition berichten. Viele Journalisten haben keine eigene Meinung. Sie sind nicht frei in ihrem Denken. Obwohl sie gar keine Angst vor irgendeinem Druck haben müssen. Viele sehen ihre Aufgabe nicht darin, über etwas nur zu berichten, sondern sie wollen selbst mit Einfluss auf die Politik nehmen. Sie sind einfach nicht unabhängig in ihrer Berichterstattung."

In der Liberali-Redaktion wird fleißig in die Tasten gehauen. In dem modernen Großraumbüro in Zentrum von Tiflis sitzen junge und stylisch gekleidete Frauen und Männer vor ihren riesigen Monitoren, an den Wänden hängen großflächige Fotografien von Demonstrationen für Demokratie und Menschenrechte. In wenigen Stunden muss die nächste Ausgabe des unabhängigen und kritischen Politikmagazins fertig sein.

Politikchef Irakli Absandze, ein kleiner, runder und sympathischer Mann mit Nickelbrille und Spitzbart, bespricht mit allen noch einmal die letzten Details. Ein Thema des nächsten Hefts ist der Widerstand der Orthodoxen Kirche gegen ein Obdachlosenheim für Homosexuelle in Tiflis. Das sei genau ein Thema für das "Liberali" steht, sagt Irakli Absandze, der in Deutschland Politikwissenschaft studiert hat.

"Wir schreiben sehr gerne über marginalisierte Schichten in der Gesellschaft, oder die solche Gefahr haben zum Beispiel ethnische Minderheiten, soziale Minderheiten. Wir schreiben gerne über Werte, was uns mit der westlichen Welt vereint, was die sind und woher die kommen. Und wir versuchen möglichst kritisch zu sein. Damit wir unsere Watcher-Funktion wirklich wahrnehmen können. Wir wollen nicht nur eine Informationsquelle für unsere Leserschaft sein, sondern wir wollen auch, dass georgische Politiker uns als Handwerk benutzen."

Investigative Journalisten publizieren im Internet

"Liberali" - das Magazin mit dem rot-weißen Logo und einem großflächigen Foto auf dem Cover wird in den Augen der sieben Festangestellten und der Handvoll freien Mitarbeiter vor allem auch für die so genannten Entscheider in Georgien gemacht. Für diejenigen, die die Geschicke des Landes mitbestimmen. Irakli Absandze selbst kam erst 2012 zu dem Magazin, das 2009 zum ersten Mal erschien. Vorher war er jahrelang bei einem privaten Fernsehsender in der Stadt Poti im Westen des Landes angestellt. Wegen seiner kritischen Berichterstattung wurde er zu Michail Saakaschwilis Zeiten abgehört, bedroht und verhört. Heute sagt er über die Arbeitsbedingungen von Journalisten in Georgien:

"Es ist deutlich besser geworden. Wir haben Luft zum Atmen. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr beobachtet werde, wie zu Michas Zeiten. Das Handy wird nicht mehr abgehört. Alles, was ich schreibe, auch kritische Sachen, sorgt nicht über meine berufliche Zukunft. Ich bekomme keine komischen Anrufe."

Das Privatfernsehen ist der Goliath, gegen den ein monatliches Magazin wie "Liberali" nur verlieren kann. Und so hoffen die investigativen Journalisten hier im Büro mit ihren Kopfhörern im Ohr und ihren Kaffebechern vor der Nase vor allem auf die Wirkung ihrer gut recherchierten Geschichten über korrupte Beamte und homophobe Kirchenvertreter und vor allem auf ihre Leser im Internet. Denn die sind, glaubt man den Analysen, gebildet, gut informiert und vor allem jung - zwischen 18 und 45 Jahre. "Uns liest man im Web", fasst Irakli Absandze kurz und knapp zusammen. Monatlich würden 30.000 bis 40.000 Menschen die "Liberali"-Artikel im Netz anklicken, sagt er. Genau das sei die Hoffnung für den georgischen Journalismus.

Nur wenige Kilometer entfernt von der Imedi-Redaktion steht die Journalistin Edita Badasyan am Rustaweli Prospekt, der zentralen Hauptstraße von Tiflis, vor der glänzenden Fassade des Radison Hotels. Für die russische Internetzeitung "Kaukasischer Knoten" berichtet sie als Korrespondentin aus Georgien und der gesamten Kaukasusregion. Edita kritisiert das Selbstverständnis und die Arbeit vieler Journalisten im heutigen Georgien. Sorgfältige Recherche, Trennung von Meinung und Information sowie eine ausgewogene Berichterstattung seien vielen ihrer Kollegen fremd, sagt die Frau, die auch schon in Deutschland und Russland gearbeitet hat.

"Das Problem, das wir hier noch haben in unserer Medienlandschaft, ist, dass wir kaum objektive Medien haben. Wir haben pro Regierung oder ganz anti Regierung. Etwas Balanciertes haben wir kaum. Wir haben sehr viele Zeitungen, die xenophobe Aussagen haben, gegen Minderheiten, nationale, sexuelle, religiöse Minderheiten. Und diese Zeitungen werden nicht bestraft. Es wird kritisiert, aber das macht nichts. Die können weiter drucken und verkaufen. Es gibt keine Strafen für diejenigen."

Niedriges Gehalt und Blockaden in Behörden

Im Durchschnitt verdient ein Journalist in Georgien 250 bis 400 Euro im Monat, beim Fernsehen kann es bis zu 500 Euro sein - insgesamt liegt das durchschnittliche georgische Monatseinkommen bei 250 Euro. Viele ihrer Kollegen würden für mehrere Redaktionen gleichzeitig arbeiten, erzählt sie, oder nebenher etwas ganz anderes machen, um ihre Familie ernähren zu können. Und neben diesen Alltagssorgen kommen dann auch noch die täglichen Hürden der Recherche dazu. Im Vergleich zu früher seien die Behörden zwar auskunftsfreudiger, aber wenn es um die reine Faktenbeschaffung geht, stoße sie immer noch oft an Grenzen:

"Was wir jetzt brauchen, das ist wirklich noch schwer. Nur so Presseerklärungen und so. Aber jetzt mit Archiven und das alles, das ist noch zu für uns. Man kann über alles schreiben, es ist nur darum, wie man die Fakten kriegt. Natürlich, man kann sich wie ein Schriftsteller etwas ausdenken, aber wenn Du Fakten kriegen willst, das ist ein wenig schwer. Georgien ist nicht so ein großes Land, deswegen bekommen wir sehr viele Informationen von den Leuten. Das Problem ist, das alles nachzuweisen mit Unterlagen."

Dennoch scheint Georgien nach Jahren der politischen Spannungen, der wirtschaftlichen Misere und der Medienrepression auf einem guten Weg zu sein. Nur ein Beispiel dafür ist die Möglichkeit für Journalisten an Informationen über die Zustände in den Gefängnissen heranzukommen. War dies unter Präsident Saakaschwili ein selten gelingendes investigatives Kunststück - damals wurde in den Gefängnissen geschlagen und gefoltert - so ist mit dem heute regierenden Parteienbündnis "Georgischer Traum", dem neuen Präsidenten Georgi Margwelaschwili und dem neuen Regierungschef Irakli Garibaschwili ein Neustart auch im Umgang mit den Medien spürbar. Über den zuständigen ebenfalls neuen Minister sagt Edita:

"Er ist immer offen, er gibt alle Informationen ... Also, was wir brauchen, über Häftlinge. Es wird immer in Gefängnissen protestiert, manche nähen sich den Mund zu, weil sie protestieren. Und trotzdem dieser unangenehmen Sachen, was Ministerium vielleicht nicht so offen zeigen wollte für unsere Gesellschaft. Und wir können wirklich durch PR-Arbeit das bekommen. In welches Gefängnis das passiert ist, warum und wer sind diese Leute. Und früher wir konnten gar nichts wissen. Also, das ist schon ein großer Unterschied. Und ich kann das fühlen, dass sich manche, bestimmte Sachen haben sich wirklich verbessert."

Wednesday, December 18, 2013

INTERVIEW: Stalin-Kult in Georgien: "Wir müssen uns trauen, auch unangenehme Fragen zu stellen" (Lasha Bakradze) (tagesspiegel.de)

(tagesspiegel.de) Das Gespräch führte Jana Demnitz 

Bildergalerie: Stalin-Verehrung in Georgien


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Lasha Bakradze, Historiker und Leiter des georgischen Literaturmuseums in TiflisFoto Jana Demnitz


 
In der Ukraine wurde eine Lenin-Statur erst kürzlich vom Sockel gerissen. In Georgien soll nach nur drei Jahren eine Stalin-Statur wieder aufgestellt werden. Ein Interview über die Stalin-Verehrung mit dem georgischen Historiker Lasha Bakradze.

In Stalins Geburtsstadt Gori erlebt der Besucher ein bizarres Schauspiel. Stalin-Büsten, Stalin-Portraits, Stalin-Fotos. In diesem "Erinnerungsmuseum" werden weder Stalins Verbrechen noch die der kommunistischen Herrschaft ausführlich aufgearbeitet und thematisiert. Dabei wurden allein zwischen 1921 und 1941 72.000 Georgier erschossen und 200.000 deportiert. Wie beurteilen Sie als Historiker das aktuelle Verhältnis der Georgier zu der 70-jährigen sowjetischen Okkupation und Stalin selbst?

Ich glaube, zunächst muss man die kommunistische Ideologie bis zur georgischen Unabhängigkeit 1991 und die Stalin-Ära bis 1953 von einander trennen.

Meiner Meinung nach hat die in Georgien sehr verbreitete Stalin-Verehrung weniger etwas mit einem nostalgischen Rückblick auf die Sowjetzeit und der kommunistischen Herrschaft zu tun als vielmehr mit der Tatsache, dass Stalin ein Georgier war. Das sind ganz primitive Gründe und Verhaltensweisen. Da müssen wir uns gar nichts vormachen. Er war ein starker Georgier, der über ein großes Reich herrschte. Für viele Georgier ist das immer noch ein Grund, stolz zu sein. Sogar die Georgier, die antikommunistisch und antisowjetisch eingestellt waren, haben Sympathien für ihn. Ich habe oft Georgier sagen hören, wir wurden von Stalin unterdrückt und geknechtet, aber zumindest hat er auch das restliche Imperium geknechtet. Das ist einer dieser idiotischen Gründe, warum die Menschen ihn heute immer noch verehren.

Können Sie konkrete Zahlen über die Stalin-Verehrung in Georgien nennen?

Im vergangenen Jahr wurde von der Carnegie Stiftung für internationalen Frieden eine soziologische Umfrage in Russland, Armenien, Aserbaidschan und in Georgien zur Einstellung gegenüber Stalin durchgeführt. In Georgien war das bisher die erste wissenschaftliche Untersuchung dieser Art überhaupt. Demnach haben 45 Prozent der Georgier eine positive Einstellung gegenüber Stalin, 69 Prozent bezeichnen ihn sogar als einen "weisen Anführer". Ich hatte erwartet, dass viele Menschen ihn immer noch sympathisch finden, aber ich hatte nicht erwartet, dass es mehr Georgier als Russen sind. Die Stalin-Verehrung in Russland von rund 28 Prozent hat aber andere Gründe, die zudem vom Putin-Regime sehr gefördert wird. Putin betrachtet Stalin als Hauptfigur der alten Sowjetunion, um den Mythos des starken Führers aufrecht zu erhalten. Für ihn ist das ein Mittel des eigenen Machterhalts.

Wie erklären Sie sich diese mehrheitlich positive Einstellung gegenüber Stalin in Georgien?

Die Georgier haben sich bisher nicht ernsthaft mit Stalins Verbrechen auseinandergesetzt. Es gibt so gut wie keine Bücher auf Georgisch, die Stalin als Massenmörder und seine Verbrechen behandeln. In der Schule lernen die Kinder nicht, was detailliert das Totalitäre an dem Stalin-System war. Dabei forcierte Stalin gerade hier in Georgien auf brutalste Weise die Sowjetisierung. Er wollte Moskau beweisen, er ist kein georgischer Patriot.

In Deutschland begann gleich nach dem Fall des Hitler-Regimes mit den Nürnberger Prozessen die Aufarbeitung des Naziregimes. In den 1960er Jahren fragten die Jungen die Alten, was habt ihr damals eigentlich getan. So etwas gab es weder in der Sowjetunion noch in Georgien nicht. In den 1990er Jahren hatten wir hier fundamentale Probleme. Für diese kritische Aufarbeitung war keine Zeit. Aber auch heute wollen sich immer noch nicht viele Menschen mit dieser traumatischen Stalin-Zeit auseinandersetzen. Es gibt viele Bücher darüber auf Russisch und in anderen Sprachen, aber eben nicht auf Georgisch. Es gibt dazu so wenig Literatur, dass es schon peinlich ist. Wenn an den Schulen, in den Universitäten und auch im Fernsehen ausführlicher über die Verbrechen informiert werden würde, wäre schon viel getan in diesem Land.

Direkt im Zentrum von Tiflis gibt es seit wenigen Jahren das "Museum der sowjetischen Okkupation". Ist dieses Museum, wenn es um eine kritische Auseinandersetzung mit der georgischen Geschichte geht, also nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Absolut! Zudem findet in diesem Museum der Okkupationsgeschichte eine komplette Schwarz-Weiß-Malerei statt. Dafür habe ich das Museum auch schon mehrfach kritisiert. Schon der Name sagt ja, wir sind nur okkupiert worden. Das stimmt auch. 1921 wurde Georgien okkupiert und annektiert. Aber alles was danach kam wie die Kollaboration – darüber wird geschwiegen. Aber man kann der Sowjetzeit in Georgien nicht gerecht werden, wenn man sagt, wir sind nur okkupiert worden und ich habe meine Hände in Unschuld gewaschen. Dieses Museum wird der Realität nicht gerecht. Hier in Georgien waren 70 Jahre die Kommunisten an der Macht. Mit Ausnahme von wenigen Menschen haben die meisten mit ihnen kollaboriert. Eine Aufarbeitung wird nicht glücken, wenn wir Georgier uns nicht selbst kritisch fragen, warum das so war.

Sehen Sie dennoch Tendenzen einer schrittweisen Annäherung an dieses Thema?

Es scheint langsam ein Interesse daran zu geben. Vor allem auch in diesem Jahr, wo in verschiedenen Dörfern und Städten Stalin-Denkmäler wieder aufgetaucht sind. Ich habe selbst an mehreren Diskussionen dazu teilgenommen. Solche Debatten und Gesprächsrunden erlebe ich in dieser Form zum ersten Mal in Georgien. Ende der 1980er Jahre während der Perestroika wurde kurzzeitig schon einmal viel darüber geschrieben. Für viele waren das schockierende Geschichten. Mehr als zwanzig Jahre sind seit dem Zerfall der Sowjetunion vergangenen, vielen Menschen geht es langsam wirtschaftlich besser. Jetzt könnte die Zeit für die Aufarbeitung gekommen sein. Wir haben aber auch viel Zeit verloren. Heute leben nur noch sehr wenige Opfer und Täter, die über die Verbrechen in der Stalin-Ära sprechen können. Zusammen mit ein paar Mitstreitern habe ich deshalb die Gruppe "Topographie des Terrors" gegründet. Wir bieten Führungen zu Häusern hier in der Altstadt von Tiflis an, wo wir den Menschen erzählen, was unter der kommunistischen Herrschaft hinter diesen Fassaden passiert ist.

Wie zu besten Sowjetzeiten wird im Stalin-Museum in Gori mit diversen Exponaten an den Diktator erinnert. Was denken Sie über diese Art der Erinnerung?

Es ist ein schockierender Ort. Man überlegt schon seit Jahren, was man mit diesem Museum machen soll. Meiner Meinung nach gibt es jetzt unter der neuen Regierung tatsächlich den politischen Willen, etwas in Gori zu verändern. Im Kulturministerium wurde eine kleine Gruppe von Historikern und Ministeriumsmitarbeitern gegründet, die ernsthaft überlegt, was mit dem Stalin-Museum passieren soll. So grotesk dieses Museum auch ist, in der seit Jahrzehnten nicht veränderten Ausstellungsform ist es auch einmalig. Und diese Einmaligkeit muss bewahrt werden. Aber neben dieser primitiven, geschichtsfälschenden Stalin-Darstellung muss es in Zukunft auch eine parallele Ausstellung dazu geben. Es muss gezeigt werden, wie Geschichte zu Propagandazwecken genutzt wird. Wenn wir das schaffen, dann wird dieses Museum wirklich einmalig sein. Die internationalen Besucher werden auch weiterhin dorthin kommen, aber vor allem wird es eine Bildungsstätte für die Georgier sein.

In wenigen Tagen soll direkt vor dem Museum eine Stalin-Statur aufgebaut werden, die erst vor drei Jahren entfernt wurde. Wird ein in Stein gemeißelter Stalin bald wieder auf die Menschen in Gori hinunter schauen?

Die Statur wurde vor drei Jahren in einer Nacht- und Nebelaktion beseitigt. Ich war damals dagegen, weil ich der Meinung war, die Menschen müssten erst über Stalins Verbrechen aufgeklärt werden, weil sonst genau das passieren könnte, was jetzt droht. Nach drei Jahren wird Stalin aus irgendeiner dunklen Ecke wieder vorgekramt. Der jetzige Wiederaufbau wäre noch peinlicher, als wenn die Statur bis heute dort stehen geblieben wäre.

Ich hoffe dennoch, dass mehr und mehr Menschen beginnen werden, über die Rolle von Stalin und die Rolle der Georgier im Kommunismus zu diskutieren. Vor allem die jungen Leute müssen verstehen, aus welcher Realität wir kommen. In der Bevölkerung sind immer noch sehr stark die sowjetischen Verhaltensmuster wie Obrigkeitsdenken und Kritiklosigkeit verankert. Über viele Themen wird nach wie vor nicht gesprochen. Daran merkt man, wie viel Sowjetisches in den Köpfen noch vorhanden ist. Wenn wir uns damit nicht auseinandersetzen, werden diese Verhaltensweisen immer weiter fortgesetzt. Man darf vor diesen zum Teil traumatischen Geschichten nicht die Augen verschließen. Wir Georgier müssen uns trauen, auch unangenehme Fragen zur unserer jüngeren Geschichte zu stellen. Wir können nicht in die Zukunft gehen, wenn wir uns dieser Zeit nicht stellen.

ARTIKEL: Homophobie in Georgien. "Wir verstecken uns nicht mehr". Von Jana Demnitz (tagesspiegel.de)

(tagesspiegel.de) Im Frühjahr 2012 demonstrierten in Tiflis zum ersten Mal eine Handvoll Aktivisten gegen Homophobie. Als sie dieses Jahr wieder auf die Straße gingen, stellten sich ihnen Zehntausende in den Weg - organisiert von der Orthodoxen Kirche.


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Informationsbroschüre der georgischen Organisation für Menschen- und LGBT-Rechte „Identoba“.

Krisensitzung im großen Besprechungsraum der LGBT-Aktivisten von der georgischen Organisation "Identoba" im Zentrum von Tiflis. Die Nachricht ist erst wenige Stunden alt, dennoch sind sie alle schnell hergekommen. Die Sozialarbeiter, Juristen und Menschenrechtsaktivisten von anderen georgischen NGOs wollen sich mit den Lesben und Schwulen solidarisieren und beratschlagen, wie es weitergehen soll. Der Patriarch, das Oberhaupt der Georgischen Orthodoxen Kirche, hat mal wieder gegen die Homosexuellen gewettert. Dieses Mal wirft er den Aktivisten vor, in einer geplanten Notunterkunft Kinder und Jugendliche zu Homosexuellen umerziehen zu wollen.

Bild schließen"Was soll ich auf solch einen Blödsinn antworten?", fragt Anna Rekhviashvili, Mitarbeiterin von "Identoba". Der Winter steht vor Tür, es gibt gerade unter Homosexuellen und Transgender in Georgien viele Obdachlose, daher hätten sie sich entschieden, für diese hilfsbedürftigen Menschen eine Notunterkunft zu eröffnen. Dort sollte es warme Kleidung, etwas zu Essen und ein paar Schlafplätze geben. Eine Frau hatte sich bereit erklärt, Räume zur Verfügung zu stellen. Seitdem ihre Nachbarn ihren Namen genannt haben, bekommt sie Drohanrufe. "Wir wollten erwachsenen Menschen ab 18 Jahren helfen", erklärt Anna Rekhviashvili. Von Kindern und Jugendlichen hätte als erstes die Kirche in der Öffentlichkeit gesprochen, und damit in der mehrheitlich konservativen und christlich orientierten georgischen Gesellschaft massiven Protest erzeugt. Für heute ist die Notunterkunft der Menschenrechtler erst einmal gescheitert.

Seit Monaten macht die Orthodoxe Kirche in Georgien öffentlich mobil gegen die Homo-Aktivisten. Am 17. Mai dieses Jahres, zum Internationalen Tag gegen Homophobie, organisierten sie sogar einen Massenprotest gegen eine angemeldete Demonstration von rund 100 LGBT-Aktivisten. Nach 2012 ging die kleine Gruppe erneut mit Plakaten am Freiheitsplatz im Zentrum von Tiflis auf die Straße, um für Menschenrechte und gegen Ausgrenzung zu protestieren. Homosexualität ist in Georgien immer noch ein großes Tabuthema. Viele haben Angst, von der Familie verstoßen oder am Arbeitsplatz gekündigt zu werden, wenn jemand von der Liebe zum gleichen Geschlecht erfährt.

Bild schließenDie Kirche hatte an diesem Tag mindestens 20.000 religiöse Gegendemonstranten geschickt. Die Aktivisten wurden angeschrien, bespuckt und bedroht. Die Polizei schritt zunächst gar nicht ein, später war sie mit der aufgebrachten, religiösen Masse völlig überfordert. Nur mit Mühe konnte sie die Menschenrechtsgruppe in Sicherheit bringen. Immer mit dabei Fernsehkamerateams, die live von der Hatz berichteten.

Die ehemalige Sowjetrepublik Georgien ist zwar laut Gesetz ein säkularer Staat, aber die Kirche füllt seit Anfang der 1990er Jahre, wie in vielen anderen Ex-Sowjetrepubliken auch, das mentale Vakuum aus, das nach dem Ende des Kommunismus bei vielen entstanden war. Die Menschen strömen wieder in die Kirchen. Vor allem die Jungen versuchen, Halt und Orientierung im christlichen Glauben zu finden.

Seit Jahren vermitteln die Kirchenleute auch zwischen den politischen Lagern im Land. Und wenn dem Patriarch und den Priestern etwas nicht passt, können sie, wie am 17. Mai geschehen, kurzerhand zehntausende Menschen oder auch mehr mobilisieren. Weil der georgische Klerus zudem finanzielle Zuwendungen vom Staat erhält und keine Steuer zahlen muss, sehen manche die Georgische Orthodoxe Kirche bereits als ein Staat im Staat.

Die Macht der Kirche sei in der Tat ein großes Problem, sagt Natia Gvianishvili. "Wir sind in den letzten Jahren sichtbar geworden und verstecken uns nicht mehr. Das macht einigen Angst und führt zu heftigen Reaktionen." Die 27-Jährige ist Programmdirektorin bei "WISG", einer Initiative, die sich speziell für die Rechte von Frauen und Lesben in Georgien engagiert. Mit Schrecken erinnert sich die junge Frau an den 17. Mai und vor allem auch daran, was danach passierte. Einem Freund wurden die Haare abgesenkt, weil er einen "schwulen" Haarschnitt hatte, eine Freundin wurde aus dem Bus geworfen, weil sie "androgyn" aussah.

"All das passiert am helllichten Tag in der gesamten Stadt und die Regierung guckt weg und ignoriert diese Übergriffe," empört sich Natia Gvianishvili. Sie seien auch nicht zur Polizei gegangen, die Community habe kein Vertrauen in die Beamten, erklärt sie. "Viele haben homophobe Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Oder sie haben Angst, dass sie von den Polizisten gegenüber der Familie geoutet werden." Jeder in der Community könnte solch eine Geschichte berichten.

Laut Gesetz ist in Georgien Homosexualität seit 2000 zwar entkriminalisiert, es gibt gesetzliche Regelungen zum Schutz vor Diskriminierung am Arbeitsplatz wegen der sexuellen Orientierung und seit 2012 stehen auch sogenannte Hass-Verbrechen gegen LGBTs (Lesbian, Gay, Bisexual und Trans) unter härterer Strafe. Aber das änderte bisher nichts daran, dass die georgische Bevölkerung weiterhin mehrheitlich homophob eingestellt ist. So sprechen sich seit Jahren in Umfragen des "Caucasus Research Resource Centers" mehr als 90 Prozent der Befragten gegen die Anerkennung von Homosexualität aus.

Neben dem immer stärker werdenden religiösen Einfluss der Kirche sieht die Gender-Forscherin Natia Gvianishvili noch zwei weitere Gründe für diese Ablehnung. Zum einen leben die Menschen in dem seit 25 Jahren wirtschaftlichen und politischen instabilen Georgien in einer permanenten Angst und Anspannung, das habe sie aggressiv gemacht. Zum anderen hätten viele einfach eine schlechte Bildung, sagt sie. „Kaum einer hat hier jemals etwas über sexuelle Orientierungen gehört oder gelernt, was das ist. Viele denken, Homosexualität kann wie ein Virus verbreitet werden.“

Von der Politik erhoffen sich die Aktivisten auch nicht viel Unterstützung. Zwar hatten sich im Vorfeld der Großdemonstration der bis vor kurzem amtierende Premierminister Bidsina Iwanischwili, die georgische Außenministerin sowie der Justizminister gegen die Diskriminierung von Homosexuellen ausgesprochen. Nach dem Aufmarsch der mehr als 20.000 Gegner waren von Mitgliedern der Regierungspartei aber gleich wieder homophobe Töne in den Medien zu hören, sagt Natia Gvianishvili.

Dennoch habe sich in den letzten Jahren in Georgien auch einiges zum Positiven entwickelt. Durch das Internet könnten sich die Menschen viel besser informieren und miteinander in Kontakt treten, zumindest in der Hauptstadt Tiflis gibt es einige homofreundliche Bars und Kneipen und zum aktuellen Zeitpunkt sei auch kein Gesetz gegen "Homosexuelle-Propaganda" wie in Russland zu erwarten.

Die Aktivisten können also auch weiterhin für ihre Rechte in der Öffentlichkeit demonstrieren und das werden sie im kommenden Frühjahr auch tun. Jetzt erst recht. "Jede Sichtbarkeit ist ein Schritt vorwärts und das treibt uns zurzeit an", sagt Natia Gvianishvili. Außerdem sei eine öffentliche Debatte in Gang gekommen. Das wäre vor vier Jahren noch undenkbar gewesen.

Mittlerweile haben sich auch die Gesichter der LGBT-Aktivisten von "Identoba" wieder entspannt. Das Krisentreffen war ein voller Erfolg. Mehr als 20 georgische Nichtregierungsorganisationen haben sich zusammengeschlossen. Sie werden jetzt alle gemeinsam die Notunterkunft für die Obdachlosen in Tiflis eröffnen.

Wednesday, October 30, 2013

DOK FILM FESTIVAL: Hungrig nach Geschichten. Das 1. Dokumentarfilmfestival in Tiflis. Von Jana Demnitz (dradio.de)

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(dradio.de) Die ersten Auswanderer kehren nach Georgien zurück und wollen etwas in ihrer Heimat bewegen. Ein Zeichen des Aufbruchs ist das kaukasische Dokumentarfilmfestival, das erste überhaupt in der Region. Auch ein deutscher Film war im Wettbewerb.


Das Plakat zum Dokumentarfilmfestival in Tiflis (Bild: Jana Demnitz)
Plakat zum Dokumentarfilmfestival (Bild: Jana Demnitz)
Verkündung des Siegers im voll besetzten Filmtheater an der Rustaveli Allee im Zentrum von Tiflis. Der erste kaukasische Dokumentarfilmpreis geht an "Igrushki" - ein Film über das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Kuscheltier-Verkäufern und Polizisten an einem Bahnhof in WeißrusslFilmand. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass es der litauischen Filmemacherin mit einer originellen Geschichte gelungen sei, das schwierige und zum Teil absurde Alltagsleben in dem diktatorischen System zu zeigen.

Festivaldirektor Artchil Khetagouri (Bild: Jana Demnitz)
Artchil Khetagouri (Bild: Jana Demnitz)
Tausende Besucher hätten sich die Filme aus Frankreich und Jamaika, aber auch aus der Kaukasusregion angesehen, sagt Festivaldirektor Artchil Khetagouri. Nach mehr als 20 Jahren im westlichen Ausland kam er vor eineinhalb Jahren nach Tiflis zurück und rief das Festival mit ins Leben.

Artchil Khetagouri: "Georgier, Armenier und Aserbaidschaner wissen mehr über Deutschland und Frankreich als über ihre eigenen und ihre Nachbarländer. Es kommen nun sehr viele Menschen, um sich die Filme aus diesen Ländern und auch aus Russland und der Türkei anzuschauen. Ich habe die Hoffnung, dass sie vielleicht ein wenig ihre Meinung ändern, wenn sie diese Filme über die jeweils anderen gesehen haben."


Der Kaukasus ist immer noch eine Konfliktregion. Das Verhältnis zwischen Georgien und Russland ist nach dem Fünftagekrieg im Sommer 2008 immer noch angespannt, und der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach ist auch nicht gelöst. Dokumentarfilme über soziale Probleme und das Alltagsleben seien deshalb enorm wichtig für die Menschen hier, sagt Artchil Khetagouri. Das Fernsehen sei für die meisten immer noch die Informationsquelle Nummer eins, sagt er, es zeige aber kaum kritische Dokumentationen.

Im internationalen Wettbewerb lief auch der deutsche Beitrag "Nach Wriezen" - ein Abschlussfilm von Studenten der Filmhochschule in Potsdam. Drei junge Männer werden darin nach ihrer Haftentlassung auf ihrem Weg in ein geordnetes Leben begleitet. Filmemacherin Jana Dugnus stellte den Film in Tiflis vor:

"Die Beschäftigung mit dem Leben von Häftlingen, was nach ihrer Entlassung passiert, das ist etwas, was dem normalen deutschen Bürger wahrscheinlich nicht so betrifft und wo er sich wahrscheinlich auch nicht die Frage stellt, was passiert mit denen eigentlich. Weil das ist in dem Sinne eine kleine Gruppe von Menschen. Und man denkt wahrscheinlich auch oft, das hat der Staat schon irgendwie im Griff, die machen das schon. Und das ist, glaube ich, jetzt ein Punkt, der den Festivalmachern wichtig war."

In Tiflis ist der Film leer ausgegangen. Dennoch seien die Menschen hier sehr interessiert an der Geschichte gewesen, sagt Jana Dugnus. In Georgien ist Resozialisierung bisher wenig bekannt, obwohl es ein sehr aktuelles Thema ist. Mit dem Machtwechsel im vergangenen Jahr wurden auf einen Schlag mehrere 10.000 Menschen aus den Gefängnissen entlassen - ohne soziale Betreuung oder staatliche Hilfe. Die Menschen hatten Angst, dass viele wieder straffällig werden könnten.

Unterstützt wurde das unabhängige Filmfestival vom Goethe-Institut in Tiflis. Für Institutsleiter Stephan Wackwitz ist es ein Zeichen dafür, dass sich das kulturelle Leben in Georgien wieder erholt und an alte Zeiten anknüpft:

"Ich meine eben auch vor allem dieses wahnsinnig interessante Leben der 20er-Jahre, der frühen 20er-Jahre. Aber auch nach der sowjetischen Invasion war ja Tbilisi eigentlich so eine Art Hot Spot fast weltweit, weil hier die ganzen geflüchteten Avantgardisten aus der Sowjetunion auf die symbolistischen Kollegen und Kolleginnen trafen. Und es ist überhaupt eines der kulturell aktivsten Länder, das ich bisher so kennengelernt habe."

Wie erhofft, kamen die meisten Besucher auch in die Sektion Kaukasus, in der Filme über den letzten Drahtseilkünstler in Armenien gezeigt wurden, über einen Flohmarkt in Tiflis, wo Menschen alles Mögliche verkaufen, um etwas Geld zum Überleben zu verdienen oder über ein kleines russisches Mädchen, das in Aserbaidschan zum ersten Mal einen Teil ihrer Familie kennenlernt. Die Menschen seien hungrig nach solchen Geschichten, hieß es am Rande des Festivals.

Homepage des Dokumentarfilmfestivals in Tiflis