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Friday, July 10, 2020

GEORGIAN WINE: Georgischer Wein. Natürlich aus der Amphore. Von Ulrich Amling. via @tagesspiegel

[tagesspiegel.de] Seit 8000 Jahren werden im Südkaukasus Trauben gekeltert. Die Methode gilt als Weltkulturerbe – und ist Vorbild für die angesagte Naturwein-Bewegung 




Es gibt kein Land auf der Welt, in dem Identität und Weinkultur sich enger umschlingen als Georgien. Die heilige Nino, ein Mädchen aus Kappadokien, brachte im vierten Jahrhundert das Christentum im Zeichen des Weinrebenkreuzes dorthin. Je nach mythologischer Sichtweise war es ihr von der Jungfrau Maria in die Hand gedrückt worden oder Nino schuf es selbst aus zwei Weinreben, verbunden mit dem eigenen Haar. Wein als Basis des Glaubens – diese Botschaft verstanden die Georgier, die, wie archäologische Funde bestätigen, seit 8000 Jahren Wein keltern.

Paradiesische Gärten

Der Dokumentarfilm "Our Blood is Wine", der 2018 auf der Berlinale lief (aktuell auf Amazon Prime Video), begibt sich auf die Spuren der traditionellen Weinbereitung und ihrer Renaissance. Darin wird auch diese Begebenheit erzählt: Fremde kommen erstmals nach Georgien und sind fasziniert von den paradiesischen Weingärten. Sie wollen wissen, wie diese Pracht gedüngt wird. Der Winzer gießt ein und schweigt, selbst auf Nachfrage. Als die Fremden ein drittes Mal fragen, antwortet der Mann: "Es gibt um mein Dorf herum nicht einen Weinberg, der nicht mit dem Blut, den Tränen und den Gebeten meiner Vorfahren getränkt ist."

2000 Liter pro Amphore

Den Georgiern gelang es, ihre Weinkultur durch Zeiten der Fremdherrschaft zu retten, sie trotzten osmanischer und russischer Übernahmeversuchen – vielleicht auch deshalb, weil die Weinbereitung eine Arbeit im Untergrund war. Der Ausbau erfolgt in vergrabenen Tonamphoren, den sogenannten Qvevri.

Sie werden noch heute Ring für Ring per Hand getöpfert und eine Woche lang gebrannt. Qvevri können bis zu 2000 Liter fassen. Da sie ins Erdreich eingelassen werden, verläuft die Gärung bei natürlicher Temperatursteuerung langsam. Die Form der Amphore sorgt für eine feine Zirkulation der Maische – ein Phänomen, das biodynamisch arbeitende Winzer mit pflegeleichten, einfach zu produzierenden Betoneiern erreichen.


Winzer Giorgi Natenadze entdeckte in Bäumen uralte Wildweinreben. Er vermehrt die Stöcke und bepflanzt verlassene Terrassen neu. 


Die georgische Methode der Weinbereitung ist seit 2012 Weltkulturerbe, sie wurde zum Vorbild für die Naturwein-Bewegung, weil sie von jeher haltbare Weine ohne chemische Zusätze hervorbringt. Die Nachfrage nach Tonamphoren übersteigt längst die Produktionskapazitäten der fünf verbliebenen Meister dieses Fachs. Dabei machen Qvevri-Weine gerade mal zwei Prozent aller in Georgien erzeugten Flaschen aus, für die Identität des Landes aber stehen sie hundertprozentig.

400 Jahre alte Rebenbäume

Zoltan Kovacs-Gokieli
So wie die Weine von Giorgi Natenadze, der in Bäumen uralte Reben entdeckte, die die Zerstörung der Weinberge unweit der Grenze zur Türkei überdauert hatten. Bis zu 400 Jahre sind diese Rebenbäume alt, Giorgi sammelt Wildwein von ihnen, vermehrt die Stöcke und bepflanzt verlassene Terrassen neu. 525 einheimische Rebsorten gibt es in Georgien, ein Schatz, der nach der Massenproduktion zur Sowjetzeit erst langsam wieder ins Bewusstsein dringt. Der meiste Wein wird in der Region Kachetien östlich von Tiflis angebaut. Hier fallen die Qvevri-Weine kräftig aus, weil Schalen, Kerne und oft auch Stängel für lange Zeit mit dem Saft vergären. Dabei werden viel Farbe, Aromen aber auch Gerbstoffe extrahiert. Die Weißweine funkeln wie Bernstein, weil auch sie mit ihrer Maische vergären – Urbild der „Orange Wines“, die heute von Naturweinwinzern in vielen Ländern erzeugt werden. Würziger Meskhuri, zarter Rosé 

Wie vielfältig die Welt der Qvevri-Weine ist, kann man bei einer Probe mit Zoltan Kovacs-Gokieli erleben. Der Musiker ist mit einer Georgierin verheiratet und nebenher zum wichtigsten Importeur der raren georgischen Naturweine geworden. Kovacs-Gokieli bringt den würzigen Meskhuri von Giorgi Natenadze zu Berliner Endkunden und in die Spitzengastronomie, aber auch den zarten Rosé, den die Winzerin Keto Ninidze aus der Rebsorte Ojaleshi keltert. Sie benutzt dabei lediglich einen Hauch Maische. Der Wein hat nicht mehr als elf Prozent Alkohol, es gibt nur 150 Flaschen (23,50 Euro).


Aus der Rebsorte Ojaleshi keltert die georgische Winzerin Keto Ninidze zarten Rosé. © Khatia-Juda Psuturi  / PROMO


Dass georgische Weine bei aller Amphorenharmonie auch vibrierende Säure haben können, beweist die Cuvée aus den weißen Rebsorten Tsitska und Tsolikouri der Kellerei Gotsa aus Westgeorgien (21,90 Euro). Für diese Weine muss es nicht erst Herbst werden.

- Shop und Infos unter naturwein-georgien.de. Die Weine werden u.a. in den Restaurants Cordo, Cookies Cream und Bandol sur Mer ausgeschenkt. Der Blaue Fuchs hat die größte Auswahl auf seiner Karte.

- Mehr über Georgische Küche und die besten Restaurants in Berlin lesen Sie hier.(Tagesspiegel Plus-Angebot)

Saturday, July 19, 2014

KUNST: Georgische Malerei in Berlin - Herzblut in Öl. Von Anna Pataczek (tagesspiegel.de)

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(tagesspiegel.de) Zaza Tuschmalischvili kam vor 20 Jahren in die Stadt. Die Liebe bescherte dem Maler eine Muse – und seinen georgischen Landsleuten eine Galerie. 

Zaza Tuschmalischvili ist ein optimistischer Mensch. Sein Glaube an eine gute Zukunft hat ihm schon in der Vergangenheit viel geholfen. 200 Dollar hatte er eingesteckt, eine Palette und 25 Bilder im Koffer, als er Berliner Boden betrat. 1991 war das. Der Eiserne Vorhang war gefallen. Nach dem Ende der Sowjetunion war Georgien in einen blutigen Bürgerkrieg getaumelt, Zaza Tuschmalischvili wollte wie viele andere Landsleute nicht bleiben. So packte er seine Leinwände auf der Straße Unter den Linden aus, gleich neben den Bücherständen an der Humboldt Universität. Das kannte er von Tiflis, auch dort gibt es einen Kunstmarkt auf der Straße.

„Schon am ersten Tag habe ich drei Bilder verkauft“, erinnert sich der 54-jährige Künstler, und den Stolz darüber sieht man ihm heute noch an, jetzt, wo er auf dem Sofa seiner Wohnung sitzt, mal eben den Pinsel aus der Hand gelegt hat und sich erinnern soll, wie das damals alles so war. „Ich habe auf der Straße sehr nette Leute kennengelernt.“

Zum Beispiel Annelie Hillmer. Sie ist eine Passantin, sieht das Gemälde „Rendezvous“ und verkuckt sich in das Bild. Ein Mann überreicht einer Frau eine Blume. „Ich war tief berührt“, sagt Annelie Hillmer. Doch es war schon verkauft. Zaza Tuschmalischvili lädt die junge Frau zu sich ins Atelier ein. Dort geht Annelie Hillmer, Psychologin und Autorin, mit drei Werken heraus. Und bietet ihm an, bei ihr zu arbeiten. Platz hat sie genug, in ihrer 200-Quadratmeter-Wohnung in Wilmersdorf. Zaza Tuschmalischvili sagt zu. Und von da an wird Annelie Hillmer seine Managerin und Muse.

Hotel Tbilisi nennt Annelie Hillmer ihr Zuhause

20 Jahre ist das her. Und das feiert das ungleiche Paar – die große resolute blonde Westfälin und der zierliche, dunkle zurückhaltende Georgier – mit einem Buch, das sie zusammen herausgebracht haben. „Einsichten Georgien–Berlin“ heißt es und gibt einen Überblick über das gesamte Schaffen des georgischen Künstlers. Noch immer arbeitet Zaza in Annelies Wohnung, hat sich eine Ecke am Balkon eingerichtet, mit Staffelei und der Sammlung bunter Tuben. Durch die Wohnung zieht der beißende Geruch von Ölfarbe. Hotel Tbilisi nennt Annelie Hillmer ihr Heim. Dank Zaza Tuschmalischvili und vielen Reisen in seine Heimat hat sie viele weitere Künstler aus Georgien kennengelernt. Immer wieder beziehen Stipendiaten und Berlin-Besucher bei ihnen für einige Zeit Quartier. Das Hotel Tbilisi, diese aus der Zeit gefallene Pracht mit den vielen Zimmern, hat es in Georgien zu einer kleinen Berühmtheit gebracht.

Es ist auch der Ort, an dem die beiden jahrelang ihren Kunstsalon veranstaltet haben. Die hohen Wände der herrschaftlichen Wohnung mit Zazas Bildern vollgehängt und die Flügeltüren weit aufgerissen, damit die Kunstinteressierten hindurchschlendern konnten. Es gab Lesungen und Konzerte. Erst später, 2007, eröffnete Annelie Hillmer ihre Galerie Georgia Berlin. Sie vertritt Zaza Tuschmalischvili, zum Jubiläum hängt eine kleine Retrospektive in den Räumen an der Bleibtreustraße. „Ohne ihn wäre ich keine Galeristin geworden“, sagt Annelie Hillmer. Sie hat ihre Charlottenburger Adresse inzwischen zu einem Zentrum für georgische Kunst ausgebaut, in der sie verschiedene Künstler zeigt und Veranstaltungen organisiert.

Ein Triptychon von Tuschmalischvili hing im U-Bahnhof Alexanderplatz

Und Zaza Tuschmalischvili? Er ist ein etablierter Maler geworden, ist ein wichtiger Vertreter georgischer Kunst, seine Bilder sind auf Messen vertreten und finden Sammler, verkauft werden sie für 1400 bis 19 000 Euro. Vielen Berlinern dürfte ein Bild vertraut sein, ein fast vier Meter langes Triptychon, „Harmonie für die Liebe“. 1997 hatte der Maler eine Ausschreibung um die Gestaltung des U-Bahnhofs Alexanderplatz gewonnen. Das Bild war ein Jahr lang ausgestellt. Was, wenn er nicht auf diese Frau getroffen wäre? Solche Fragen stellt sich der Maler nicht. Das Leben ist ein Spiel, findet er. Und noch deutlicher sieht man das in seinen Bildern.

Gerade sitzt er an einem großen Format. Es lehnt auf einer Staffelei. Noch ist es nicht fertig. Aber den Titel weiß Zaza schon: „Puppentheater“. Der Künstler hat die Fläche in verschiedene geometrische Formen aufgeteilt. Köpfe sind zu erahnen. Für Tuschmalischvili ist das Motiv des Puppentheaters zentral, für ihn ist das ganze Leben ein solches. Er meint damit das Schöne, Verzauberte, Schicksalhafte. Nicht etwa, dass wir alle wie an Strippen hängend unfrei agieren.

Und so ist es fast logisch, dass er sein Herz ein bisschen ans Glücksspiel verloren hat, seit er das erste Mal ein Kasino betrat. Spieler tauchen immer wieder in seinen Bildern auf, Ass, Pik, Kreuz und kopflose Menschen. Den Schlüssel zu seiner symbolhaften, farbkräftigen Malerei zwischen Surrealismus, Kubismus und Volkskunst findet man immer bei ihm selbst. Oft in seiner Herkunft. Vielleicht hat ihn die Ferne, hat das Leben in Berlin ihn noch näher an den Kaukasus herangerückt. Die Ockerfarben, die er gerne verwendet, tauchen auch in georgischen Ikonen auf. Genauso wie das tiefblaue Lapislazuli. Seine Bilder sind flächig wie sakrale Kunst, ornamental, manchmal trägt er Blattgold auf. Und oft unterteilt er die Leinwand in Fächer, die er mit kleinen Geschichten füllt, in denen Liebespaare und Cherubine die Hauptrolle spielen. Bevor er nach Berlin kam, hat Zaza Tuschmalischvili an der Kunstakademie in Tiflis Freskenrestaurierung studiert und mittelalterliche Wandmalereien in georgischen Kirchen wiederhergestellt.

Und dann ist da noch seine Kindheit. „Schön war sie“, sagt Zaza Tuschmalischvili. Bei den Großeltern ist er aufgewachsen, auf dem Dorf, umgeben von Obstplantagen und einem Fluss, am Fuße des Kaukasus. Der Junge, der erst mit vier Jahren anfing zu sprechen, hatte Tiere, Hunde, Tauben, Kätzchen, Esel. Im Fluss hat er Fische gefangen. All das sieht man in seinen Bildern. Der Fisch ist profane Kindheitserinnerung und christliches Symbol gleichzeitig. Kreise mit Kreuzen sind bei ihm Aureolen, aber auch jene Räder, die er als Kind unter Boote schraubte. Fußballprofi wollte er werden, spielte auch gut. „Aber mir fehlten die Fürsprecher in den Sportkadern“, sagt er. Seine Eltern waren Fabrikarbeiter. Sie wünschten sich, dass der Sohn Chirurg wird. Es ist anders gekommen. Heute unterstützt Zaza Tuschmalischvili seine Familie mit dem Geld, das er mit seinen Bildern verdient. Einmal im Jahr fährt er nach Hause. Er braucht die Heimat, auch wenn er sich in Berlin sehr wohl fühlt. „Georgien ist mein Blut.“ Tragisch, dass der Maler seine Kunst dort bisher noch nicht gezeigt hat. Er und seine Galeristin fürchten die instabile Rechtsstaatlichkeit und den Zoll. Vielleicht kämen die Bilder nicht mehr zurück.

Georgia Berlin Galerie, Beibtreustraße 17, Charlottenburg, bis 30. Juli, Mo–Sa 11–19 Uhr, Katalog 49,50 Euro

Sunday, February 02, 2014

ARTIKEL: Region rund um Sotschi. Totentanz auf der Roten Lichtung. Von Elke Windisch (tagesspiegel.de)

Berittenes Bergvolk. Über die Geschichte der Tscherkessen ist mangels Literatur wenig bekannt. Der Schlachtenmaler Franz Roubaud hat immerhin visuelle Eindrücke auf seinen Gemälden... 
(tagesspiegel.de) Die Kaukasusregion rund um Sotschi war einst die Heimat der Tscherkessen. Die Russen brannten ihre Dörfer nieder und vertrieben sie. Nun wollen die Ureinwohner zumindest bei der Olympia-Eröffnungsfeier Würdigung erfahren. Stattdessen werden sie weiter verfolgt.

Krasnaja Poljana braucht Vergleiche mit Kitzbühel oder Courchevel in den französischen Alpen, wo russische Oligarchen gern Koma-Saufen mit Champagner veranstalten, nicht zu scheuen. Harmonisch fügen sich Nobelherbergen in die grandiose Berglandschaft des Nordwestkaukasus, der Anblick der Pisten und Loipen verzückt sogar ehemalige Skiweltmeister. „Magnifique“, sagte im September bei der Abnahme Jean-Claude Killy: Der Franzose sackte in den Siebzigern im Fließbandtakt olympisches Gold ein und koordiniert jetzt im Auftrag des Internationalen Olympischen Komitees IOC die Vorbereitungen für die Spiele in Sotschi.

„Magnifique“ – wundervoll –, sagt auch Fatimat Schemuchowa. Sie haucht das Wort nicht in den Hörer, sie brüllt es. Und das liegt nicht nur daran, dass die Telefonverbindung von Moskau in die Olympiastadt noch immer lausig ist. Schemuchowa, 23, gehört zu den Aktivisten von „No Sotchi“, einer Organisation, die den Widerstand gegen die Spiele organisiert. Weil sie auf den Leichen eines ganzen Volks ausgetragen werden. Im Wortsinn. Dort, wo im Februar die Wettkämpfe in den alpinen Disziplinen stattfinden, watete vor genau 150 Jahren die Zarenarmee im Blut von Fatimats Volk: den Tscherkessen. Damit und nicht mit der Vorliebe kommunistischer Machthaber für die Farbe Rot erklärt sie auch den Ortsnamen. Krasnaja Poljana bedeutet: Rote Lichtung.

Zur Tragödie der Tscherkessen, sagt Fatimat, habe die Ski-Legende Killy keine Silbe verloren. Verhindern, glaubt sie, könnten die Spiele nicht einmal die Boykottaufrufe von Schwulen und Lesben, die international besser vernetzt sind als die Tscherkessen und eine bessere Lobbyarbeit betreiben. Aber wenigsten aufklären wollen Fatimat und ihre Mitstreiter die Welt. Über Völkermord, Landraub und Diskriminierung der Tscherkessen, die in Russland bis heute andauert.

Die Tscherkessen sind die Ureinwohner des nordwestlichen Kaukasus und der kaukasischen Schwarzmeerküste. Sie selbst nennen sich Adyg, was Krieger bedeutet. Vom benachbarten Georgien im frühen Mittelalter zum Christentum bekehrt, riefen sie im 16. Jahrhundert die Glaubensbrüder in Russland als Schutzmacht gegen das Osmanische Reich, das den Kaukasus damals kontrollierte.

Es hätte eine Sicherheitspartnerschaft werden können, die das Großfürstentum Moskau an seiner damals weitgehend ungeschützten Südflanke entlastet hätte. Zar Iwan der Schreckliche war daher bereit, sie als Ebenbürtige anzuerkennen und ehelichte, um die Allianz zu besiegeln, sogar eine Tscherkessenprinzessin. Doch seine Nachfolger versuchten, den Bündnispartner zum Vasallen zu degradieren. Die Tscherkessen traten daraufhin zum Islam über und verbündeten sich mit dem einstigen Gegner: dem Osmanischen Reich, Moskaus Erzrivalen beim Kampf um Kontrolle von Kaukasus und Schwarzem Meer. Über hundert Jahre, von 1763 bis 1864, brauchte Russland, um den Aufruhr niederzuschlagen.

Die Führer der zwölf Tscherkessenstämme erklärten sich 1861 zwar bereit, die Oberhoheit des Zaren anzuerkennen. Gegen eine Umsiedlung aus den Bergen in die sumpfige, von Malariamücken verseuchte Küstenebene wehrten sie sich jedoch. Doch die war beschlossene Sache. In der Ebene – so das Kalkül der Generäle des Zaren – könne man neuen Aufruhr leichter niederschlagen. Ab Frühjahr 1862 setzte die russische Armee die Vertreibung daher mit Gewalt durch, brannte die Dörfer der Tscherkessen nieder und die Ernte auf dem Halm. Zehntausende starben dabei. Wer überlebte, wurde an die Schwarzmeerküste gebracht. Dort warteten schon Boote für die kollektive Deportation in die Türkei. Um ihr zu entgehen, stürzten sich bei Krasnaja Poljana hunderte Tscherkessen in die Schlucht. Darunter Frauen mit Babys im Arm.

„Sie waren gleich tot und haben daher weniger gelitten“, glaubt Fatimat von „No Sotchi“. Viele der Vertriebenen ertranken schon während der Überfahrt, als die hoffnungslos überfüllten Boote kenterten. Andere starben nach der Ankunft durch Hunger und Seuchen.

Die Masse der Überlebenden siedelte der Sultan an den Grenzen seines bröckelnden Reiches als Wehrbauern an. Vor allem im Nahen Osten. Allein in Syrien leben noch heute über 100 000 Tscherkessen. Mehrere Tausend verschlug es bis ins Kosovo. Während des Krieges 1999 flog Russland sie kollektiv in die historische Heimat zurück. In ein fremdes Land. Händeringend suchte man in Maikop, der Hauptstadt der nordkaukasischen Teilrepublik Adygeja, wo die Flüchtlinge vorübergehend in einem Ferienlager untergebracht waren, nach jemandem, der die Begrüßungsansprache vom Russischen ins Tscherkessische dolmetscht. Die Frau, die sich schließlich dazu überreden ließ, war 87 Jahre alt.

Denn die rund 700 000 Tscherkessen, die heute noch in Russland leben, sprechen im Alltag längst die Sprache der Eroberer. Ihre eigene gilt nach Erkenntnissen der Unesco als akut bedroht. Aus Furcht vor neuen Aufständen sperrte Stalin die Tscherkessen in den Zwanzigerjahren mit Turkvölkern und Russen in drei Teilrepubliken so zusammen, dass sie in keiner über die Bevölkerungsmehrheit verfügten. Um den letzten Widerstand der Kaukasusvölker zu brechen, setzte KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew ab 1970 auf eine aggressive Russifizierung aller ethnischen Minderheiten. Und selbst Michail Gorbatschow verhinderte noch 1989 – auf dem Höhepunkt der Perestroika – das Anbringen einer Gedenktafel zum 125. Jahrestag der Deportation. Obwohl Vertreter der Tscherkessen die Aktion mit der Administration der Stadt Sotschi abgestimmt hatten.

Zwar verabschiedete das postkommunistische Russland schon 1992 ein Gesetz zur Rehabilitierung verfolgter Völker. Auf eine offizielle Entschuldigung oder gar Entschädigungen warten die Tscherkessen bis heute vergeblich. Ebenso auf die Rücknahme der stalinschen Verwaltungsreform, die den Weg zu einer tscherkessischen Teilrepublik freimachen würde.

Die Kultur der Tscherkessen friste nach wie vor ein Schattendasein, es mangele sogar an Büchern, klagt Fatimat Schemuchowa, die selbst in Russisch schreibt und eigentlich anders heißt. Doch für kritische Journalisten ist der russische Nordkaukasus ein heißes Pflaster. Vor allem dann, wenn sie sich an staatstragenden Ideen wie den Spielen in Sotschi vergreifen. „Kräfte, die vorhaben, sich der Durchführung von Olympia 2014 entgegenzustellen, müssen von uns identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden, wenn es sich um Bürger unseres Landes handelt“, drohte ausgerechnet der als liberal geltende ehemalige Präsident und heutige Regierungschef Dmitri Medwedew.

Worten folgten bereits Taten: Mitte Dezember fanden Razzien bei „No Sotchi“ und anderen regimekritischen Tscherkessenorganisationen statt. Fahnder der Untersuchungsbehörde bei der Staatsanwaltschaft in Krasnodar, der Hauptstadt der Region, zu der Sotschi gehört, beschlagnahmten Dokumente, CDs, Notebooks und Smartphones, die den Besitzern bis heute nicht zurückgegeben wurden. Sie nahmen ein Dutzend Mitarbeiter vorübergehend fest und vernahmen sie mehrere Stunden lang. Offiziell ging es um die Aufklärung von Verbrechen mit terroristischem Hintergrund. Doch die Fahnder interessierten sich auch für die Einstellung der Aktivisten zu den Spielen in Sotschi und für deren Kontakte zu Tscherkessenorganisationen in Georgien. Zwar wurden sie bislang nur als Zeugen gehört. Doch aus Zeugen wurden in Russland bei politisch aufgeladenen Prozessen schon des Öfteren Angeklagte.

Eigentlicher Adressat von Medwedews Drohung waren indes nicht Regimekritiker wie „No Sotchi“, sondern die Verwaltungschefs der nordkaukasischen Teilrepubliken, wo die Tscherkessen kompakt siedeln. Bisher weitgehend loyal, haben sie Moskau nicht verziehen, dass sie bei den Winterspielen nicht mit der Symbolik der tscherkessischen Urbevölkerung werben dürfen.

Zurückgepfiffen wurde auch die Ethnologin Naima Nefljaschewa, eine Forscherin mit tscherkessischen Wurzeln an der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau. Sie hatte auf die Eröffnungsfeier bei den Winterspielen 2010 in Vancouver verwiesen, wo vier indianische Stämme als „Gastgebernationen“ eine zentrale Rolle spielten. Damit nicht genug: Sportfunktionäre wie Vertreter von Tscherkessenorganisationen wurden Medien gegenüber zum Schweigen über den Streit verdonnert.

Doch nicht alle lassen sich den Mund verbieten. „Das Land, in dem die Olympischen Spiele 2014 stattfinden sollen, gehörte seit alters her den Tscherkessen. Wir möchten, dass diese Tatsache im Eröffnungsprogramm der Spiele nicht ausgelassen wird“, fordert Tschatib Chunagow – Mitglied des Vorstands der Organisation „Adyge Chasse“ in der Teilrepublik Adygeja. „Wir wollen“, so auch der Vizepräsident der Internationalen Assoziation der Tscherkessen, Muhammed Hafiz, „dass an allen Veranstaltungen mit Bezug zu Olympia 2014 die Vertreter aus tscherkessischen Republiken zusammen mit den tapferen Kosaken teilnehmen.“

Kosaken, das ist belegt, haben im Großen Kaukasuskrieg noch mehr geplündert und gemordet als die regulären Truppen. Dennoch weht ihr Banner heute auf dem Gebäude von Sotschis Stadtverwaltung. Es steht auf den Trümmern des Parlaments, wo Mitte des vorvorigen Jahrhunderts die tscherkessische Nationalversammlung tagte. Zar Alexander II, so heißt es, habe mit den Tscherkessenfürsten Frieden machen wollen, dann aber vor seinen kriegslüsternen Generälen und den Kosaken kapituliert.

Waren Wladimir Putin und Medwedew womöglich ähnlichen Zwängen ausgesetzt? Die Vermutung liegt nahe. Während der Spiele in Sotschi ist in Krasnaja Poljana eine Wiederholung der Siegesparade von 1864 geplant. Den Part der Guten sollen dabei russische Soldaten und die „tapferen Kosaken“ in historischen Uniformen und mit den Waffen der damaligen Zeit übernehmen.

Auch deshalb rief Georgien 2010 zum Boykott der Spiele auf und erkannte die Tragödie der Tscherkessen offiziell als Völkermord an. Als erster und bisher einziger Staat weltweit. Eine diesbezügliche Petition von Tscherkessenorganisationen liegt auch im Europaparlament. Unbeantwortet.

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Wednesday, December 18, 2013

INTERVIEW: Stalin-Kult in Georgien: "Wir müssen uns trauen, auch unangenehme Fragen zu stellen" (Lasha Bakradze) (tagesspiegel.de)

(tagesspiegel.de) Das Gespräch führte Jana Demnitz 

Bildergalerie: Stalin-Verehrung in Georgien


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Lasha Bakradze, Historiker und Leiter des georgischen Literaturmuseums in TiflisFoto Jana Demnitz


 
In der Ukraine wurde eine Lenin-Statur erst kürzlich vom Sockel gerissen. In Georgien soll nach nur drei Jahren eine Stalin-Statur wieder aufgestellt werden. Ein Interview über die Stalin-Verehrung mit dem georgischen Historiker Lasha Bakradze.

In Stalins Geburtsstadt Gori erlebt der Besucher ein bizarres Schauspiel. Stalin-Büsten, Stalin-Portraits, Stalin-Fotos. In diesem "Erinnerungsmuseum" werden weder Stalins Verbrechen noch die der kommunistischen Herrschaft ausführlich aufgearbeitet und thematisiert. Dabei wurden allein zwischen 1921 und 1941 72.000 Georgier erschossen und 200.000 deportiert. Wie beurteilen Sie als Historiker das aktuelle Verhältnis der Georgier zu der 70-jährigen sowjetischen Okkupation und Stalin selbst?

Ich glaube, zunächst muss man die kommunistische Ideologie bis zur georgischen Unabhängigkeit 1991 und die Stalin-Ära bis 1953 von einander trennen.

Meiner Meinung nach hat die in Georgien sehr verbreitete Stalin-Verehrung weniger etwas mit einem nostalgischen Rückblick auf die Sowjetzeit und der kommunistischen Herrschaft zu tun als vielmehr mit der Tatsache, dass Stalin ein Georgier war. Das sind ganz primitive Gründe und Verhaltensweisen. Da müssen wir uns gar nichts vormachen. Er war ein starker Georgier, der über ein großes Reich herrschte. Für viele Georgier ist das immer noch ein Grund, stolz zu sein. Sogar die Georgier, die antikommunistisch und antisowjetisch eingestellt waren, haben Sympathien für ihn. Ich habe oft Georgier sagen hören, wir wurden von Stalin unterdrückt und geknechtet, aber zumindest hat er auch das restliche Imperium geknechtet. Das ist einer dieser idiotischen Gründe, warum die Menschen ihn heute immer noch verehren.

Können Sie konkrete Zahlen über die Stalin-Verehrung in Georgien nennen?

Im vergangenen Jahr wurde von der Carnegie Stiftung für internationalen Frieden eine soziologische Umfrage in Russland, Armenien, Aserbaidschan und in Georgien zur Einstellung gegenüber Stalin durchgeführt. In Georgien war das bisher die erste wissenschaftliche Untersuchung dieser Art überhaupt. Demnach haben 45 Prozent der Georgier eine positive Einstellung gegenüber Stalin, 69 Prozent bezeichnen ihn sogar als einen "weisen Anführer". Ich hatte erwartet, dass viele Menschen ihn immer noch sympathisch finden, aber ich hatte nicht erwartet, dass es mehr Georgier als Russen sind. Die Stalin-Verehrung in Russland von rund 28 Prozent hat aber andere Gründe, die zudem vom Putin-Regime sehr gefördert wird. Putin betrachtet Stalin als Hauptfigur der alten Sowjetunion, um den Mythos des starken Führers aufrecht zu erhalten. Für ihn ist das ein Mittel des eigenen Machterhalts.

Wie erklären Sie sich diese mehrheitlich positive Einstellung gegenüber Stalin in Georgien?

Die Georgier haben sich bisher nicht ernsthaft mit Stalins Verbrechen auseinandergesetzt. Es gibt so gut wie keine Bücher auf Georgisch, die Stalin als Massenmörder und seine Verbrechen behandeln. In der Schule lernen die Kinder nicht, was detailliert das Totalitäre an dem Stalin-System war. Dabei forcierte Stalin gerade hier in Georgien auf brutalste Weise die Sowjetisierung. Er wollte Moskau beweisen, er ist kein georgischer Patriot.

In Deutschland begann gleich nach dem Fall des Hitler-Regimes mit den Nürnberger Prozessen die Aufarbeitung des Naziregimes. In den 1960er Jahren fragten die Jungen die Alten, was habt ihr damals eigentlich getan. So etwas gab es weder in der Sowjetunion noch in Georgien nicht. In den 1990er Jahren hatten wir hier fundamentale Probleme. Für diese kritische Aufarbeitung war keine Zeit. Aber auch heute wollen sich immer noch nicht viele Menschen mit dieser traumatischen Stalin-Zeit auseinandersetzen. Es gibt viele Bücher darüber auf Russisch und in anderen Sprachen, aber eben nicht auf Georgisch. Es gibt dazu so wenig Literatur, dass es schon peinlich ist. Wenn an den Schulen, in den Universitäten und auch im Fernsehen ausführlicher über die Verbrechen informiert werden würde, wäre schon viel getan in diesem Land.

Direkt im Zentrum von Tiflis gibt es seit wenigen Jahren das "Museum der sowjetischen Okkupation". Ist dieses Museum, wenn es um eine kritische Auseinandersetzung mit der georgischen Geschichte geht, also nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Absolut! Zudem findet in diesem Museum der Okkupationsgeschichte eine komplette Schwarz-Weiß-Malerei statt. Dafür habe ich das Museum auch schon mehrfach kritisiert. Schon der Name sagt ja, wir sind nur okkupiert worden. Das stimmt auch. 1921 wurde Georgien okkupiert und annektiert. Aber alles was danach kam wie die Kollaboration – darüber wird geschwiegen. Aber man kann der Sowjetzeit in Georgien nicht gerecht werden, wenn man sagt, wir sind nur okkupiert worden und ich habe meine Hände in Unschuld gewaschen. Dieses Museum wird der Realität nicht gerecht. Hier in Georgien waren 70 Jahre die Kommunisten an der Macht. Mit Ausnahme von wenigen Menschen haben die meisten mit ihnen kollaboriert. Eine Aufarbeitung wird nicht glücken, wenn wir Georgier uns nicht selbst kritisch fragen, warum das so war.

Sehen Sie dennoch Tendenzen einer schrittweisen Annäherung an dieses Thema?

Es scheint langsam ein Interesse daran zu geben. Vor allem auch in diesem Jahr, wo in verschiedenen Dörfern und Städten Stalin-Denkmäler wieder aufgetaucht sind. Ich habe selbst an mehreren Diskussionen dazu teilgenommen. Solche Debatten und Gesprächsrunden erlebe ich in dieser Form zum ersten Mal in Georgien. Ende der 1980er Jahre während der Perestroika wurde kurzzeitig schon einmal viel darüber geschrieben. Für viele waren das schockierende Geschichten. Mehr als zwanzig Jahre sind seit dem Zerfall der Sowjetunion vergangenen, vielen Menschen geht es langsam wirtschaftlich besser. Jetzt könnte die Zeit für die Aufarbeitung gekommen sein. Wir haben aber auch viel Zeit verloren. Heute leben nur noch sehr wenige Opfer und Täter, die über die Verbrechen in der Stalin-Ära sprechen können. Zusammen mit ein paar Mitstreitern habe ich deshalb die Gruppe "Topographie des Terrors" gegründet. Wir bieten Führungen zu Häusern hier in der Altstadt von Tiflis an, wo wir den Menschen erzählen, was unter der kommunistischen Herrschaft hinter diesen Fassaden passiert ist.

Wie zu besten Sowjetzeiten wird im Stalin-Museum in Gori mit diversen Exponaten an den Diktator erinnert. Was denken Sie über diese Art der Erinnerung?

Es ist ein schockierender Ort. Man überlegt schon seit Jahren, was man mit diesem Museum machen soll. Meiner Meinung nach gibt es jetzt unter der neuen Regierung tatsächlich den politischen Willen, etwas in Gori zu verändern. Im Kulturministerium wurde eine kleine Gruppe von Historikern und Ministeriumsmitarbeitern gegründet, die ernsthaft überlegt, was mit dem Stalin-Museum passieren soll. So grotesk dieses Museum auch ist, in der seit Jahrzehnten nicht veränderten Ausstellungsform ist es auch einmalig. Und diese Einmaligkeit muss bewahrt werden. Aber neben dieser primitiven, geschichtsfälschenden Stalin-Darstellung muss es in Zukunft auch eine parallele Ausstellung dazu geben. Es muss gezeigt werden, wie Geschichte zu Propagandazwecken genutzt wird. Wenn wir das schaffen, dann wird dieses Museum wirklich einmalig sein. Die internationalen Besucher werden auch weiterhin dorthin kommen, aber vor allem wird es eine Bildungsstätte für die Georgier sein.

In wenigen Tagen soll direkt vor dem Museum eine Stalin-Statur aufgebaut werden, die erst vor drei Jahren entfernt wurde. Wird ein in Stein gemeißelter Stalin bald wieder auf die Menschen in Gori hinunter schauen?

Die Statur wurde vor drei Jahren in einer Nacht- und Nebelaktion beseitigt. Ich war damals dagegen, weil ich der Meinung war, die Menschen müssten erst über Stalins Verbrechen aufgeklärt werden, weil sonst genau das passieren könnte, was jetzt droht. Nach drei Jahren wird Stalin aus irgendeiner dunklen Ecke wieder vorgekramt. Der jetzige Wiederaufbau wäre noch peinlicher, als wenn die Statur bis heute dort stehen geblieben wäre.

Ich hoffe dennoch, dass mehr und mehr Menschen beginnen werden, über die Rolle von Stalin und die Rolle der Georgier im Kommunismus zu diskutieren. Vor allem die jungen Leute müssen verstehen, aus welcher Realität wir kommen. In der Bevölkerung sind immer noch sehr stark die sowjetischen Verhaltensmuster wie Obrigkeitsdenken und Kritiklosigkeit verankert. Über viele Themen wird nach wie vor nicht gesprochen. Daran merkt man, wie viel Sowjetisches in den Köpfen noch vorhanden ist. Wenn wir uns damit nicht auseinandersetzen, werden diese Verhaltensweisen immer weiter fortgesetzt. Man darf vor diesen zum Teil traumatischen Geschichten nicht die Augen verschließen. Wir Georgier müssen uns trauen, auch unangenehme Fragen zur unserer jüngeren Geschichte zu stellen. Wir können nicht in die Zukunft gehen, wenn wir uns dieser Zeit nicht stellen.

ARTIKEL: Homophobie in Georgien. "Wir verstecken uns nicht mehr". Von Jana Demnitz (tagesspiegel.de)

(tagesspiegel.de) Im Frühjahr 2012 demonstrierten in Tiflis zum ersten Mal eine Handvoll Aktivisten gegen Homophobie. Als sie dieses Jahr wieder auf die Straße gingen, stellten sich ihnen Zehntausende in den Weg - organisiert von der Orthodoxen Kirche.


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Informationsbroschüre der georgischen Organisation für Menschen- und LGBT-Rechte „Identoba“.

Krisensitzung im großen Besprechungsraum der LGBT-Aktivisten von der georgischen Organisation "Identoba" im Zentrum von Tiflis. Die Nachricht ist erst wenige Stunden alt, dennoch sind sie alle schnell hergekommen. Die Sozialarbeiter, Juristen und Menschenrechtsaktivisten von anderen georgischen NGOs wollen sich mit den Lesben und Schwulen solidarisieren und beratschlagen, wie es weitergehen soll. Der Patriarch, das Oberhaupt der Georgischen Orthodoxen Kirche, hat mal wieder gegen die Homosexuellen gewettert. Dieses Mal wirft er den Aktivisten vor, in einer geplanten Notunterkunft Kinder und Jugendliche zu Homosexuellen umerziehen zu wollen.

Bild schließen"Was soll ich auf solch einen Blödsinn antworten?", fragt Anna Rekhviashvili, Mitarbeiterin von "Identoba". Der Winter steht vor Tür, es gibt gerade unter Homosexuellen und Transgender in Georgien viele Obdachlose, daher hätten sie sich entschieden, für diese hilfsbedürftigen Menschen eine Notunterkunft zu eröffnen. Dort sollte es warme Kleidung, etwas zu Essen und ein paar Schlafplätze geben. Eine Frau hatte sich bereit erklärt, Räume zur Verfügung zu stellen. Seitdem ihre Nachbarn ihren Namen genannt haben, bekommt sie Drohanrufe. "Wir wollten erwachsenen Menschen ab 18 Jahren helfen", erklärt Anna Rekhviashvili. Von Kindern und Jugendlichen hätte als erstes die Kirche in der Öffentlichkeit gesprochen, und damit in der mehrheitlich konservativen und christlich orientierten georgischen Gesellschaft massiven Protest erzeugt. Für heute ist die Notunterkunft der Menschenrechtler erst einmal gescheitert.

Seit Monaten macht die Orthodoxe Kirche in Georgien öffentlich mobil gegen die Homo-Aktivisten. Am 17. Mai dieses Jahres, zum Internationalen Tag gegen Homophobie, organisierten sie sogar einen Massenprotest gegen eine angemeldete Demonstration von rund 100 LGBT-Aktivisten. Nach 2012 ging die kleine Gruppe erneut mit Plakaten am Freiheitsplatz im Zentrum von Tiflis auf die Straße, um für Menschenrechte und gegen Ausgrenzung zu protestieren. Homosexualität ist in Georgien immer noch ein großes Tabuthema. Viele haben Angst, von der Familie verstoßen oder am Arbeitsplatz gekündigt zu werden, wenn jemand von der Liebe zum gleichen Geschlecht erfährt.

Bild schließenDie Kirche hatte an diesem Tag mindestens 20.000 religiöse Gegendemonstranten geschickt. Die Aktivisten wurden angeschrien, bespuckt und bedroht. Die Polizei schritt zunächst gar nicht ein, später war sie mit der aufgebrachten, religiösen Masse völlig überfordert. Nur mit Mühe konnte sie die Menschenrechtsgruppe in Sicherheit bringen. Immer mit dabei Fernsehkamerateams, die live von der Hatz berichteten.

Die ehemalige Sowjetrepublik Georgien ist zwar laut Gesetz ein säkularer Staat, aber die Kirche füllt seit Anfang der 1990er Jahre, wie in vielen anderen Ex-Sowjetrepubliken auch, das mentale Vakuum aus, das nach dem Ende des Kommunismus bei vielen entstanden war. Die Menschen strömen wieder in die Kirchen. Vor allem die Jungen versuchen, Halt und Orientierung im christlichen Glauben zu finden.

Seit Jahren vermitteln die Kirchenleute auch zwischen den politischen Lagern im Land. Und wenn dem Patriarch und den Priestern etwas nicht passt, können sie, wie am 17. Mai geschehen, kurzerhand zehntausende Menschen oder auch mehr mobilisieren. Weil der georgische Klerus zudem finanzielle Zuwendungen vom Staat erhält und keine Steuer zahlen muss, sehen manche die Georgische Orthodoxe Kirche bereits als ein Staat im Staat.

Die Macht der Kirche sei in der Tat ein großes Problem, sagt Natia Gvianishvili. "Wir sind in den letzten Jahren sichtbar geworden und verstecken uns nicht mehr. Das macht einigen Angst und führt zu heftigen Reaktionen." Die 27-Jährige ist Programmdirektorin bei "WISG", einer Initiative, die sich speziell für die Rechte von Frauen und Lesben in Georgien engagiert. Mit Schrecken erinnert sich die junge Frau an den 17. Mai und vor allem auch daran, was danach passierte. Einem Freund wurden die Haare abgesenkt, weil er einen "schwulen" Haarschnitt hatte, eine Freundin wurde aus dem Bus geworfen, weil sie "androgyn" aussah.

"All das passiert am helllichten Tag in der gesamten Stadt und die Regierung guckt weg und ignoriert diese Übergriffe," empört sich Natia Gvianishvili. Sie seien auch nicht zur Polizei gegangen, die Community habe kein Vertrauen in die Beamten, erklärt sie. "Viele haben homophobe Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Oder sie haben Angst, dass sie von den Polizisten gegenüber der Familie geoutet werden." Jeder in der Community könnte solch eine Geschichte berichten.

Laut Gesetz ist in Georgien Homosexualität seit 2000 zwar entkriminalisiert, es gibt gesetzliche Regelungen zum Schutz vor Diskriminierung am Arbeitsplatz wegen der sexuellen Orientierung und seit 2012 stehen auch sogenannte Hass-Verbrechen gegen LGBTs (Lesbian, Gay, Bisexual und Trans) unter härterer Strafe. Aber das änderte bisher nichts daran, dass die georgische Bevölkerung weiterhin mehrheitlich homophob eingestellt ist. So sprechen sich seit Jahren in Umfragen des "Caucasus Research Resource Centers" mehr als 90 Prozent der Befragten gegen die Anerkennung von Homosexualität aus.

Neben dem immer stärker werdenden religiösen Einfluss der Kirche sieht die Gender-Forscherin Natia Gvianishvili noch zwei weitere Gründe für diese Ablehnung. Zum einen leben die Menschen in dem seit 25 Jahren wirtschaftlichen und politischen instabilen Georgien in einer permanenten Angst und Anspannung, das habe sie aggressiv gemacht. Zum anderen hätten viele einfach eine schlechte Bildung, sagt sie. „Kaum einer hat hier jemals etwas über sexuelle Orientierungen gehört oder gelernt, was das ist. Viele denken, Homosexualität kann wie ein Virus verbreitet werden.“

Von der Politik erhoffen sich die Aktivisten auch nicht viel Unterstützung. Zwar hatten sich im Vorfeld der Großdemonstration der bis vor kurzem amtierende Premierminister Bidsina Iwanischwili, die georgische Außenministerin sowie der Justizminister gegen die Diskriminierung von Homosexuellen ausgesprochen. Nach dem Aufmarsch der mehr als 20.000 Gegner waren von Mitgliedern der Regierungspartei aber gleich wieder homophobe Töne in den Medien zu hören, sagt Natia Gvianishvili.

Dennoch habe sich in den letzten Jahren in Georgien auch einiges zum Positiven entwickelt. Durch das Internet könnten sich die Menschen viel besser informieren und miteinander in Kontakt treten, zumindest in der Hauptstadt Tiflis gibt es einige homofreundliche Bars und Kneipen und zum aktuellen Zeitpunkt sei auch kein Gesetz gegen "Homosexuelle-Propaganda" wie in Russland zu erwarten.

Die Aktivisten können also auch weiterhin für ihre Rechte in der Öffentlichkeit demonstrieren und das werden sie im kommenden Frühjahr auch tun. Jetzt erst recht. "Jede Sichtbarkeit ist ein Schritt vorwärts und das treibt uns zurzeit an", sagt Natia Gvianishvili. Außerdem sei eine öffentliche Debatte in Gang gekommen. Das wäre vor vier Jahren noch undenkbar gewesen.

Mittlerweile haben sich auch die Gesichter der LGBT-Aktivisten von "Identoba" wieder entspannt. Das Krisentreffen war ein voller Erfolg. Mehr als 20 georgische Nichtregierungsorganisationen haben sich zusammengeschlossen. Sie werden jetzt alle gemeinsam die Notunterkunft für die Obdachlosen in Tiflis eröffnen.

Thursday, August 15, 2013

RÜCKBLICK: Nur ein kleiner Krieg am Rande Europas? Krieg zwischen Georgien und Russland. Von Silvia Stöber (tagesspiegel.de)

(tagesspiegel.de) Vor fünf Jahren begann der Krieg zwischen Georgien und Russland. Es ging um das kleine Gebiet Südossetien - aber in den USA fühlten sich Beobachter an die Lage vor dem Ersten Weltkrieg erinnert. Und Georgiens Präsident verschärfte mit falschen Behauptungen über die US-Unterstützung für sein Land die Spannungen.

Vor fünf Jahren begann der Krieg zwischen Georgien und Russland. Hier zu sehen: Panzer der russischen Armee, die am 22.August 008 aus Südossetien abziehen. Foto: dpa
Foto: dpa
"Die georgischen Häfen und Flughäfen werden unter Kontrolle des Verteidigungsministeriums der USA gestellt, um humanitäre und andere Missionen auszuführen. Das ist eine sehr wichtige Aussage, um die Spannungen zu verringern", verkündete Georgiens Präsident Michail Saakaschwili am 13. August 2008 in einer Fernsehansprache. Doch Saakaschwilis Worte waren alles andere als hilfreich, um die Lage zu beruhigen.

Fünf Tage zuvor war der eskalierende Konflikt um das abtrünnige Gebiet Südossetien in einen Krieg zwischen Georgien und Russland umgeschlagen. Die russischen Truppen brachten nicht nur Südossetien und das zweite abtrünnige Gebiet Abchasien unter ihre Kontrolle, sondern auch die Stadt Gori, die Ost-West-Route Georgiens sowie den Schwarzmeer-Hafen in Poti.

Die verbliebenen georgischen Streitkräfte hatten sich an den Rand der Hauptstadt Tiflis zurückgezogen. Die Informationslage war diffus. Trotz Erklärung eines Waffenstillstandes gab es Meldungen, die russischen Truppen würden in Richtung Tiflis vorrücken. Dies versetzte viele Menschen in der georgischen Hauptstadt in panische Angst.

Die Führung um Saakaschwili war in Endzeitstimmung. Der damalige Reintegrationsminister Temuri Jakobaschwili erinnert sich: "Es gab das Angebot, die Regierung in Sicherheit zu bringen. Wir lehnten ab. Wir entschieden: Wenn wir sterben, dann sterben wir in unseren Büros. Wir weichen nicht zurück." Saakaschwili glaubte, die Russen seien nur durch ein militärisches Eingreifen der Amerikaner zu stoppen. Als dies aber nicht geschah, behauptete er einfach, die US-Armee werde Häfen und Flughäfen Georgiens unter Kontrolle nehmen. USA wollten Konfrontation mit Russland vermeiden

Denn Saakaschwilis Behauptung war gelinde gesagt übertrieben. US-Präsident George W. Bush hatte lediglich humanitäre Hilfe an Bord von Schiffen und Flugzeugen der US-Armee angekündigt. Dies war geplant als fein austariertes Signal an die russische Regierung. Zwar hatte Bush mit einigen Kabinettsmitgliedern über die Option militärischer Hilfe für Georgien beraten. Doch war klar, dass dies auf eine direkte Konfrontation mit Russland hinauslaufen konnte. Dies wollte die US-Regierung verhindern. So beschrieb es der inzwischen verstorbene US-Diplomat Ron Asmus. Der damalige Chefberater für Europa im Nationalen Sicherheitsrat, Damon Wilson, bestätigt diese Version. Wilson zufolge hatten die US-Fregatten im Schwarzen Meer nur die übliche Bewaffnung an Bord. Saakaschwili behauptet bis heute, es hätten sich darauf auch schwere Raketenwerfer befunden.

Auf die Widersprüche in den Aussagen Saakaschwilis und der US-Regierung angesprochen, antwortet Jakobaschwili: "Details machen manchmal einen großen Unterschied." So habe zu der Zeit auf dem Flughafen von Tiflis ein amerikanisches Militärtransportflugzeug vom Typ C-17 gestanden. Die Russen hätten gefordert, es von dort zu entfernen, weil sie zwar den Flughafen angreifen, aber kein US-Flugzeug treffen wollten. Mit anderen Worten: Jakobaschwili sieht Saakaschwilis Behauptungen als legitim an, weil sie die Russen von einem weiteren Vormarsch abhalten sollten.

Doch dies hätte die Lage weiter eskalieren können, die nach Einschätzung von Fiona Hill bereits brandgefährlich war. Hill war von 2006 bis 2009 Russland-Beraterin des obersten US-Geheimdienstchefs. "Als ich die Ereignisse von Washington aus verfolgte, dachte ich an die Lage vor dem Ersten Weltkrieg. Als Studentin habe ich mich immer gefragt, wie eine solche Situation entstehen kann. In diesem Moment dachte ich: So passiert es."

Entstanden war die Situation aus einer schrittweisen Eskalation, die nicht Tage und Monate, sondern bereits Jahre zuvor begonnen hatte. Zu den eigentlichen Konflikten der Georgier mit den nach Unabhängigkeit strebenden Südosseten und Abchasen kamen wachsende Spannungen zwischen Tiflis und Moskau, bedingt durch sich widersprechende Einfluss- und Sicherheitsinteressen. Ein weiteres Element ist die tiefe persönliche Abneigung zwischen Wladimir Putin und Saakaschwili. Verschärft durch internationale Entwicklungen wie die Anerkennung des Kosovo und den NATO-Gipfel in Bukarest nahm die Eskalation Anfang 2008 ihren Lauf.

Bereits im Mai 2008 drohte ein Ausbruch offener Kampfhandlungen um die georgische Teilrepublik Abchasien. Direkte Verhandlungen zwischen Abchasen und Georgiern, teils unter Vermittlung Schwedens und der USA halfen, die Lage zu beruhigen, aber nicht zu klären. Auch der damalige deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier schaltete sich in Absprache mit den Amerikanern ein. Doch gab es Abstimmungsschwierigkeiten mit Washington. Die US-Regierung drängte auf ein Engagement der EU mit Beobachtern und Polizeiausbildern. Darauf ließ Brüssel sich aber nicht ein. Die Georgier misstrauten Steinmeier

Auch war das Misstrauen der Georgier gegenüber Steinmeier enorm. Jakobaschwili erzählt, Steinmeier habe bereits im Juli bei einem Treffen in Batumi das Szenario beschrieben, das sich Wochen später in Südossetien abspielen würde. Was als Warnung gemeint war, interpretierte die georgische Führung als Hinweis auf verdächtig enge Beziehungen Steinmeiers zu Moskau.

Auch Warnungen der US-Regierung kamen nicht an. US-Diplomaten wie Matthew Bryza beschwören, sie hätten Saakaschwili einerseits gewarnt, nicht in die russische Falle zu tappen. Andererseits hätten sie wiederholt in aller Deutlichkeit erklärt, dass die USA keine militärische Unterstützung leisten würden. Fiona Hill bestätigt indes, dass manche Personen Saakaschwili ermutigten, Namen und Herkunft will sie aber nicht nennen. So gab der georgische Präsident am 7. August den Befehl zum Angriff auf Südossetien, die russische Kriegsmaschinerie setzte sich in Gang.

Am 11. August forderte Russlands Außenminister Sergej Lawrow in einem Telefongespräch mit US-Außenministerin Condoleezza Rice nicht nur, dass die georgischen Truppen in die Kasernen zurückkehren und die Regierung in Tiflis einen Gewaltverzicht erklärt. Er verlangte auch, dass Saakaschwili zurücktritt. Rice beschreibt dies in ihren Memoiren als einen schweren Affront. In Washington rechnete man auch damit, dass die russische Armee in Tiflis einmarschieren und womöglich auch auf der ukrainischen Halbinsel Krim aktiv werden könnte. So fiel die Entscheidung für ein deutliches, aber begrenztes Signal an Russland: humanitäre Hilfe für Georgien an Bord von US-Militärschiffen und -flugzeugen.

Hill erzählt, dass es zu der Zeit praktisch nur noch einen Kommunikationskanal nach Moskau gegeben habe. Missverständnisse, widersprüchliche Informationen über die Lage im Konfliktgebiet und Fehlkalkulationen hätten die Lage erschwert. Dass aus dem kleinen Krieg am Rande Europas kein Flächenbrand wurde, sei letztlich einigen wenigen Personen mit klarem und nüchternen Kopf zu verdanken, sagt Hill. Frankreichs Präsident Nicholas Sarkozy habe mit seinem beherzten Eingreifen die Lage gerettet, auch wenn er für seine Vorgehensweise und die Vereinbarungen im ausgehandelten Waffenstillstand viel kritisiert worden sei. Am Ende führte Sarkozy herbei, was die EU zuvor immer abgelehnt hatte: Seit Oktober 2008 ist sie mit einer Beobachtersituation vor Ort. Die Beobachter tragen seither dazu bei, dass die Lage relativ ruhig geblieben ist.

Saturday, April 13, 2013

JOURNALISMUS: Ein bisschen Freiheit. Aserbaidschanischer Fernsehsender in Berlin. Von Claudia von Salzen (tagesspiegel.de)

In Berlin gründet der aserbaidschanische Blogger Emin Milli derzeit einen Fernsehsender. Dieser soll im autoritär regierten Aserbaidschan Raum für offene Diskussionen bieten.

Von

Der aserbaidschanische Blogger und Dissident Emin Milli. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Emin Milli. - Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Emin Milli, Blogger und Dissident aus Aserbaidschan, wandte sich vor kurzem in einem offenen Brief an den Präsidenten seines Landes. „Sie verfügen über eine große Armee und eine machtvolle Polizei. Ich habe nur Worte und das Internet“, schrieb er. Das Internet gilt in dem von Staatschef Ilham Alijew autoritär regierten Land als einer der letzten Freiräume. Bald wird Emin Milli auch einen Fernsehsender haben.

Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe aserbaidschanischer Aktivisten gründet der 33-Jährige derzeit in Berlin den unabhängigen Sender Meydan TV.

In seiner Heimat sei so etwas nicht möglich, sagt Milli. „Wenn man in Baku ist, schränkt man sich automatisch ein und zwingt sich, vorsichtiger zu reden – egal, wie mutig man ist.“ Milli selbst saß bereits zwei Mal im Gefängnis. Weltweit bekannt wurde er durch ein satirisches Video über einen Esel und seine Verurteilung wegen „Rowdytums“ 2009, das ihm 16 Monate Haft einbrachte. Im Januar wurde er wegen der Teilnahme an einer Demonstration in Baku erneut für 15 Tage eingesperrt.


Alijew will sich im Oktober nach zehn Jahren als Präsident ein weiteres Mal zum Staatschef wählen lassen. Die Führung in Baku wird zusehends nervös; Journalisten, Mitglieder von Jugendorganisationen und Oppositionelle sitzen im Gefängnis, Demonstrationen werden gewaltsam aufgelöst. „Aserbaidschan hat sich im vergangenen Jahr verändert, der Staat ist noch autoritärer geworden, und die Gesellschaft verschlossener“, sagt Milli.


Der neue Sender soll daher viele verschiedene Stimmen zu Wort kommen lassen. „Meydan“ bedeutet „Platz“ oder „Raum“ – der Sender werde ein „Raum für demokratische Meinungsbildung“ sein, heißt es im Konzept. Im März ist das Projekt gestartet, die erste Sendung soll schon im Mai ausgestrahlt werden – online und auch über Satellit, um ein größeres Publikum zu erreichen. In den letzten Wochen ist Milli durch Deutschland, die Niederlande, Schweden und die Türkei gereist und hat bei im Exil lebenden Aserbaidschanern Geld für den Sender gesammelt. So kamen fast 14 000 Euro zusammen – genug für die Anschaffung der nötigen Technik. Noch ist unklar, wie später die laufenden Kosten gedeckt werden, die Fernsehmacher hoffen auf Förderung etwa durch Stiftungen.

Das Kernteam von sechs Leuten besteht nicht aus Journalisten. Neben Milli soll der Videoblogger Hebib Müntezir moderieren, auch der Musiker Jamal Ali ist Teil des Teams. Auf ihrer Bekanntheit baut der Sender auf. Allein Müntezirs Videoblog sei auf Youtube 24 Millionen Mal angesehen worden, sagt Milli. Zunächst soll Meydan TV einmal pro Woche eine Stunde lang senden, Gesprächspartner aus Aserbaidschan werden über Skype zugeschaltet.


Unabhängig wollen die Fernsehmacher auch von den Oppositionsparteien bleiben. „Unsere Arbeit ist es, Fragen zu stellen“, sagt Milli. Eines aber sei klar: „Jedes freie Fernsehen ist die größte Gefahr für eine Diktatur.“



Sunday, March 31, 2013

POLITIK: "Propaganda im Sowjetstil". Von Silvia Stöber (tagesspiegel.de)

(tagesspiegel.de) EU-Konservative feuern gegen Georgiens Premier. 

Berlin - Die Vorwürfe wiegen schwer: Georgien verlasse den Weg der Demokratie, die Annäherung an Europa stehe infrage. So steht es in einem offenen Brief von Abgeordneten der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) im Europa-Parlament, unter ihnen Elmar Brok und Joachim Zeller. Adressat ist Georgiens Premier Bidsina Iwanischwili.

Foto: David Mzinarischwili/rtr Foto: REUTERS
Foto: David Mzinarischwili/rtr - Foto: REUTERS
Der Milliardär gewann mit seiner Koalition „Georgischer Traum“ im Herbst die Parlamentswahl und führt seither die Regierung. Doch einfach durchregieren kann er nicht. Sein erbitterter politischer Gegner Michail Saakaschwili ist noch bis zum Herbst Präsident. Dessen Partei UNM stellt die Oppositionsfraktion im Parlament, aber auch Bürgermeister, Gouverneure und Chefs wichtiger Institutionen.
Für die Ex-Sowjetrepublik ist eine solche Kohabitation gänzlich neu: Noch nie mussten sich zwei Parteien die Macht teilen. Es geht hoch her, beide Seiten überhäufen sich mit Vorwürfen. Auch internationale Akteure sind involviert.

Elmar Brok, Chef des Auswärtigen Ausschusses im Europa-Parlament, kritisiert die neue Regierung: „Dort findet eine totale Machtübernahme statt.“ Es werde versucht, Bürgermeister der UNM aus den Ämtern zu drängen, ebenso unliebsame Mitarbeiter aus dem öffentlichen Rundfunk. Auch die Justiz handle selektiv: „Seltsamerweise findet man Böses immer nur bei den Leuten, die heute in der Opposition sind.“ Der Christdemokrat Joachim Zeller, einst Stadtpolitiker in Berlin und seit 2009 in der EVP-Fraktion, sagt, es werde Druck auf die Abgeordneten der UNM im Parlament ausgeübt. Die EVP hat gedroht, die Unterzeichnung eines EU-Assoziierungsabkommens mit Georgien zu verweigern.

Ähnlich äußern sich seit Wochen auch Präsident Saakaschwili und seine Mitstreiter. Seine UNM ist Mitglied der EVP. Heftigen Widerspruch lösen die Anschuldigungen jedoch nicht nur beim Gegner Iwanischwili aus. Der Schweizer Botschafter in Georgien, Günther Bächler, vergleicht die Vorwürfe in einem offenen Brief an Premier Iwanischwili mit Propaganda im Sowjetstil.

Tatsächlich ist die Lage vor Ort recht komplex. Dazu tragen missverständliche Äußerungen des Neupolitikers Iwanischwili bei. Auch verliert Saakaschwilis Partei Mitglieder. Viele gehen jedoch, weil sie nicht in der Opposition sein wollen. Eka Tkeschelaschwili, Ex-Ministerin und Mitstreiterin Saakaschwilis, spricht von Opportunisten, die der UNM den Rücken kehrten. Der Druck auf UNM-Politiker resultiert jedoch aus der Wut der Bürger auf Saakaschwilis Partei, die in den vergangenen Jahren zunehmend rigoroser gegen Regierungskritiker vorging. Bei der Staatsanwaltschaft gingen inzwischen tausende Klagen ein. Viele Georgier ärgern sich, dass Iwanischwili so hart kritisiert wird, Saakaschwili in der Vergangenheit jedoch kaum.

Bei all dem geht beinahe unter, dass viele Minister im Kabinett Iwanischwilis inzwischen die Versäumnisse der Saakaschwili-Jahre aufarbeiten. Es geht um Unabhängigkeit der Behörden und der Justiz von der Politik, Transparenz und die Bekämpfung der Elitenkorruption. EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle zeigt sich denn auch zufrieden mit den Reformen und den Verhandlungen der Regierung mit der EU. „Bei einigen Themen kommen wir sogar schneller voran.“

Auf Nachfrage gesteht CDU-Politiker Zeller ein, dass Saakaschwili in den vergangenen Jahren die Gewaltenteilung schneller hätte voranbringen können. Und aus Georgien selbst gibt es inzwischen Hinweise auf Zusammenarbeit: Gerade beschloss das Parlament mit den Stimmen aller Parteien eine Verfassungsänderung. Der Präsident darf die Regierung künftig nicht mehr ohne das Ja des Parlaments ablösen. Silvia Stöber

Thursday, January 03, 2013

VIDEO: Ein 5000 Jahre altes Goldbergwerk in Georgien (საყდრისი) (youtube.com)


Georgien: Goldrausch im Kaukasus
31.07.2008
Von Heiko Schwarzburger 

(tagesspiegel.de) Deutsche Forscher suchen in Georgien nach dem Goldenen Vlies – und finden ein 5000 Jahre altes Bergwerk.

Bild schließenEs war eine Sensation: Im Jahr 2004 entdeckte ein deutsch-georgisches Forscherteam bei Grabungen im Vorkaukasus ein 5000 Jahre altes Goldbergwerk. „Wir wussten, dass die Kupferverarbeitung in dieser Gegend bis ins fünfte Jahrtausend vor der Zeitenwende zurückreicht“, sagt Thomas Stöllner, Forscher am Bergbaumuseum in Bochum und zugleich Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Ruhr-Universität. „Aber dass wir eine so alte Goldmine finden würden, das hat uns alle überrascht.“

Vor wenigen Tagen sind die Wissenschaftler zu einer neuen Grabungskampagne aufgebrochen, um die unterirdischen Stollen und die oberirdischen Anlagen miteinander zu verbinden.

„Das ist ein wichtiger Schritt, um das Bergwerk als Ganzes zu präsentieren“, sagt Stöllner. Außerdem will er mit seinem Team ein Bergarbeiterdorf in der Nähe der Grube ans Licht holen. Die Siedlung ist ungefähr einen Kilometer von der Mine entfernt und rund 60 Hektar groß.

Im vergangenen Jahr hatten die Forscher im georgischen Sand ein Haus entdeckt, in dem sich große Mahlsteine befanden – offenbar Werkzeuge, mit denen die einstigen Bewohner des Kaukasus Gold aus dem Gestein herauslösten. Und in den Ruinen stießen sie auf große Mengen goldhaltigen Sand, die den Zweck der Siedlung eindeutig offenbarten. „Allerdings fanden wir in älteren Gräbern keine Beigaben aus Gold“, berichtet der Archäologe. „3000 vor Christus war das Edelmetall offenbar nur für herausragende Anlässe oder in anderen Regionen als Schmuck von Bedeutung.“ Schon seit 2003 sind die Wissenschaftler auf den Spuren des Sagen umwobenen Goldenen Vlieses unterwegs. In der griechischen Mythologie wird damit das Fell des goldenen Widders Chrysomeles bezeichnet, der fliegen und sprechen konnte. Als die Bewohner der Region Kolchis am unteren Rioni-Fluss im heutigen Georgien den Widder bei einem Tempelritual opferten, zogen sie ihm das goldene Fell ab. Das Vlies wurde später von den Argonauten geraubt. Ganz in der Nähe, in Sakdrissi, rund 50 Kilometer südwestlich der georgischen Hauptstadt Tiflis, fanden die Forscher um Stöllner das Goldbergwerk aus der Bronzezeit. Sie untersuchten organisches Material aus den Stollen auf bestimmte Isotope, deren Zerfallsgeschwindigkeit bekannt ist. Anhand des Mengenverhältnisses dieser Atomsorten datierten sie die Erzgrube auf 5000 Jahre. Somit dürfte sie das älteste Goldbergwerk im festen Gestein in der Alten Welt sein.

„Die alten Erzgänge sind leer“, sagt Stöllner. Er habe jedoch Spuren gefunden, die vermuten lassen, dass erst kürzlich Menschen dort waren, um das Edelmetall zu suchen. Gold ist derzeit auf dem Weltmarkt so teuer wie nie zuvor, es wird mit gut 900 US-Dollar je Feinunze gehandelt. „In Sakdrissi muss man aber sehr genau wissen, wo man suchen muss“, sagt Stöllner und schmunzelt. „Laien werden dort nichts finden.“

Den Bochumer Forscher zieht es aber nicht des Goldes wegen in den Kaukasus. Sein Interesse gilt der Archäometallurgie, die sich mit der Erforschung uralter Bergbaugebiete und Verarbeitungstechniken beschäftigt. Um etwa die Herkunft von Metallen zu bestimmen, untersucht Stöllner Schmuckstücke oder Waffen mit modernen Methoden der Ingenieurwissenschaften und der Werkstoffforschung.

Manchmal dauert es lange, bis sich der Erfolg einstellt. Der Weg nach Georgien führte die Wissenschaftler zunächst über den Nahen Osten. „Wir hatten jahrelang in Israel und in Jordanien nach Kupfervorkommen gesucht, die schon im vierten Jahrtausend vor Christus ausgebeutet wurden“, sagt Andreas Hauptmann vom Bergbaumuseum Bochum. „Für unsere Forschungen haben wir unter anderem den Jüdischen Nationalschatz analysiert – rund 400 wunderbare Metallobjekte.“ Dabei stießen sie auf Legierungen aus Kupfer, Antimon und Arsen, bei denen nicht klar war, woher die Metalle kamen. Aus den nächst gelegenen Bergwerken jedenfalls nicht. Die Überlegungen der Experten richteten sich bald auf den Kaukasus. Mitte der neunziger Jahre machte sich Hauptmann auf nach Tiflis.

Es begann ein Wettrennen gegen die Zeit. Denn infolge der rasanten Veränderungen nach dem Zerfall der Sowjetunion gelangten auch in Georgien weite Landstriche unter die Kontrolle großer Bergbaukonzerne, die verschiedene Erze in großflächigen Tagebauen abbauen. Spuren früheren Lebens drohten unwiederbringlich zerstört zu werden. Auch das alte Goldbergwerk in Sakdrissi befand sich auf dem Gelände einer Minengesellschaft und war von den Baggern bedroht. „Es ist uns gelungen, das Bergwerk unter Denkmalschutz zu stellen“, sagt Irina Gambaschidse vom Otar-Lordkipanidse-Institut, die die Grabungen von georgischer Seite aus leitet. Bei der Bergarbeitersiedlung aus dem vierten Jahrtausend vor Christus kämpfen die Wissenschaftler noch um diesen Status. „Es würde uns schon helfen, wenn wenigstens ein Teil der Anlage geschützt würde“, sagt sie.

Ergänzt werden die Arbeiten in Sakdrissi durch Studien zu frühbronzezeitlichen Siedlungen in der Region. Zudem untersuchen Mitarbeiter des georgischen Nationalmuseums die Land- und Viehwirtschaft des dritten Jahrtausends vor Christus in der Region, um ein umfassendes Bild der Lebensweise der Kaukasier in jener Zeit zu erhalten. Parallel dazu sammeln deutsche und georgische Wissenschaftler Erzproben und goldene Artefakte unmittelbar aus den Goldvorkommen sowie aus den Beständen der georgischen Museen. Auch deren Herkunft wird in Deutschland analysiert.

Dabei stehen die Wissenschaftler vor einigen Herausforderungen. Denn anders als bei Kupfer lässt sich die Herkunft des Goldes nur schwer ermitteln. Kupferkelche und kupferne Schüsseln bestehen meist aus metallischen Legierungen, dessen Kupferanteil aus einer einzigen Lagerstätte stammt. Je nachdem, wo sich diese befindet, weist die Kupferlegierung ganz bestimmte geochemische Eigenschaften auf. Dadurch lassen sich Rückschlüsse auf den Ursprungsort ziehen.

Bei Gold ist es komplizierter. Auch wenn das Edelmetall in Sakdrissi aus festem Gestein gelöst wurde, die größten Mengen wurden seinerzeit aus Flüssen gewaschen, die sich wiederum aus etlichen Zuläufen, wie Nebenflüssen, Bächen und Rinnsalen speisten. Auf diese Weise wurden die Edelmetalle aus teilweise entfernten Lagerstätten miteinander vermischt. „Dadurch verwischt der geochemische Fingerabdruck, und das erschwert die regionale Zuordnung des Goldes“, sagt Andreas Hauptmann.

Erst seit wenigen Jahren ist es möglich, die chemische Zusammensetzung von Gold genau zu erfassen und damit eine Herkunftsanalyse zu wagen. Dazu wollen Mineralogen von der Universität Frankfurt am Main noch weitere Elemente analysieren, die in winzigen Mengen an dem Gold haften. Mit den Ergebnissen, so hoffen Stöllner und seine Kollegen, können sie die dunklen Pfade des kaukasischen Goldes weiter erhellen. 

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Mehr Infos:

Monday, October 22, 2012

POLITIK: Machtwechsel in Tiflis. Die Furcht in Georgien lässt nach. Von Silvia Stöber (tagesspiegel.de)

(tagesspiegel.de) Georgiens neues Parlament trifft sich in Kutaissi zu seiner konstituierenden Sitzung. Zuvor hatte Präsident Saakaschwili recht zügig die Niederlage seiner Partei eingestanden.

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Präsident Saakaschwili am Sonntag auf dem Weg zur Sitzung des neuen Parlaments.

Es war einige Abende nach der Parlamentswahl in Georgien. In den angesagten Kneipen und Cafés in der Altstadt von Tiflis waren die Lichter angegangen. Plötzlich fiel der Strom aus. Im "Literatur-Café" wurde es für einige Minuten stockduster. Als kurz darauf der Strom bereits ein drittes Mal wegblieb, rief ein junger Mann in das verärgerte Murmeln der Gäste hinein: "Anarchie!" Es wurde still. Dann setzte an den Tischen ringsherum ein befreites Lachen ein. Stromausfälle und ganze Abende bei Kerzenlicht beherrschen die Erinnerungen der Georgier an die chaotischen neunziger Jahre in ihrem Land. Diese Zustände änderten sich erst nach der Rosenrevolution 2003. Die Regierung unter Michail Saakaschwili konsolidierte und modernisierte den Staat.

Doch die Angst vor unruhigen Zeiten kehrte mit der Parlamentswahl am 1. Oktober zurück. Denn Saakaschwilis Nationale Bewegung verlor die Parlamentsmehrheit an das Bündnis Georgischer Traum des Milliardärs Bidsina Iwanischwili und noch nie hatte es in Georgien eine reguläre Machtübergabe gegeben.

In den vergangenen Tagen ließ die Furcht jedoch nach. Für viele unerwartet und von der internationalen Gemeinschaft aufmerksam beobachtet, gestand Saakaschwili recht zügig die Niederlage seiner Partei ein und gab sich kompromissbereit. Im bevorstehenden letzten Jahr seiner Amtszeit als Präsident steht Saakaschwili nun eine Kohabitation mit seinem Gegner Iwanischwili bevor, der bereits als Premier nominiert ist. Dessen Bündnis gewann 85 Sitze im Parlament, die Nationale Bewegung 65. Am Sonntag kamen die neuen Abgeordneten zu ihrer konstituierenden Sitzung im neuen Parlament in der zweitgrößten Stadt Georgiens, in Kutaissi, zusammen.

Photo: Guram Muradov
Ein geradezu historischer Moment war das Treffen beider politischer Gegner und ihrer Teams einige Tage zuvor. Den anschließend vor den Medien zelebrierten Handschlag absolvierten die Beteiligten mit verschlossenen Minen, was ein schwieriges Gespräch vermuten lässt. Der künftige Vizepremier und Verteidigungsminister Irakli Alasania war dabei: "Iwanischwili hat klargestellt, dass wir jetzt an der Macht sind und dass Saakaschwili die Regierungsarbeit nicht sabotieren soll. Er hat aber auch gesagt, dass wir uns auf die Zukunft des Landes konzentrieren und nicht zu tief in der Vergangenheit graben werden."

Alasania und sein Team nahmen in den vergangenen Tagen ihr künftiges Ministerium in Augenschein, ohne allerdings eine Übergabe durch den Amtsvorgänger bekommen zu haben. Der Verteidigungsminister hatte georgischen Medienberichten zufolge wie andere hochrangige Regierungsmitglieder das Land nach der Wahl verlassen. "Als erste gingen der Justizminister und der Generalstaatsanwalt. Das zeigt, wie sehr ihnen selbst klar ist, wie viel Unrecht sie begangen haben", sagt Alasania. Sein künftiges Ministerium habe sein Team in einem katastrophalen Zustand vorgefunden. Erste Nachforschungen hätten ergeben, dass Millionen Gelder ohne jeglichen Nachweis über ihre Verwendung ausgegeben wurden. Vorherige Minister hätten das Verteidigungsressort offenbar wie ein kriminelles Privatunternehmen geführt. Doch dies müsse durch eine unabhängige Untersuchung geklärt werden.

Alasania selbst will erstmals eine parlamentarische Kontrolle über das Militär einführen, ebenso wie einen Militär-Ombudsmann. Ja, es sei eine große Verantwortung für die bisherige Opposition, jetzt die Regierung zu übernehmen. "Aber wir sind vorbereitet. Jahrelang haben Strategien ausgearbeitet. Jetzt ist die Zeit gekommen, sie umzusetzen."

Doch nicht alle künftigen Verantwortlichen scheinen gut vorbereitet oder auch geeignet zu sein. Für Kopfschütteln vor allem bei den Skeptikern sorgten missverständliche Äußerungen des künftigen Premiers Iwanischwili. Er reagierte jedoch schnell, als mehrere NGOs Kritik am künftigen Flüchtlingsminister Davit Darachwelidse übten. Dieser war im Wahlkampf bei fremdenfeindlichen Äußerungen gefilmt worden. Iwanischwili lud die NGOs und Darachwelidse zu einem klärenden Gespräch ein.

Der Multimilliardär wird schnell zeigen müssen, wie ernst er es mit seinen Versprechen meint, demokratischer zu regieren als Saakaschwilis Partei. So ist die Frage, ob er als Premier all seine Einkünfte und Unternehmen sowie Firmenbeteiligungen in Georgien offenlegen wird. Auch ist fraglich, ob die Regierung einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen kann und zugleich die versprochenen Sozialmaßnahmen umsetzen wird.