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Thursday, July 12, 2018

VORTRAG: Hundert Jahre Aufnahme deutsch-georgischer diplomatischer Beziehungen. Zwei Vorträge zum Zentennium von Philipp Ammon. via @TabulaRasaJena

Philipp Ammon
(tabularasamagazin.de) Am 9. Juni stellte Dr. Dieter Boden, ehemaliger Leiter der OSZE-Mission und UNOMIG in Georgien, im Potsdamer Lepsiushaus sein im Ch. Links Verlag erschienenes Buch über Georgien vor: weder ein Memoirenbuch noch ein Reiseführer – ein Länderporträt, das sich aus langjähriger Erfahrung und Begegnungen mit Kunst, Natur und Persönlichkeiten des Landes speist.

Spätestens seit dem am 7./8. August 2008 einsetzenden Olympiakrieg, als Präsident Saakaschwili den Rat von Condoleeza Rice vom 10. Juli mißachtete, "die Finger von der Kanone" zu lassen und die im Tagliavinibericht der EU etwas dezenter umschriebene "grenzenlose Dummheit" beging, die russische Garnison in Zchinwali zu beschießen und den Russen so, wie erhofft, ins Messer lief, sei Georgien den meisten ein Begriff. Nach der Rosenrevolution 2003 hatte der Mittdreißiger das Land euphorisiert, indem er die kleine Korruption bekämpfte und auf einen Schlag 18000 Milizionäre entließ. Doch er lieferte nicht, wozu jeder Politiker verpflichtet sei: Stabilität. Seit 2012 regiert nun der Georgische Traum des Oligarchen Iwanischwili, der in Rußland ein Milliardenvermögen erwarb. Seit dieser im November 2013 als Premier zurücktritt, bekleidet der Landesherrscher kein Regierungsamt mehr, doch sei seit seiner Übernahme des Vorsitzes des Georgischen Traums im Mai eine Rückkehr ins Amt nicht ausgeschlossen. Der bis zum 13. Juni amtierende Premierminister Kwirikaschwili diente zuvor als Direktor von Iwanischwilis Kartubank, aus der sich auch andere Regierungsmitglieder rekrutieren. Der populärste Mann Georgiens sei heute Patriarch Elias II., der in der Bevölkerung eine Zustimmungsrate von 90% genieße. Als Saakaschwili in seiner späten Amtszeit zum Neujahrstag nicht mehr in der Sameba-Kathedrale erschien, wozu er protokollarisch verpflichtet gewesen wäre, und seinen Präsidentenpalast in die Sichtachse des Patriarchen auf die Kathedrale baute – gegenüber Boden nannte der Patriarch dies eine "naglost" (Unverschämtheit) – bereitete dies nicht unwesentlich sein politisches Ende vor. Art. 9 der Verfassung betont die tragende Rolle der Kirche für das Land, welche neben der Sprache stets Träger der Identität gewesen ist. Auf Initiative Elias II. begehen die Georgier den 17. Mai als Tag der Reinheit der Familie. Während des Augustkrieges hielt der auch in Rußland hochgeschätzte Patriarch die Tür für Gespräche offen. Obwohl Georgien und Rußland heute keine diplomatische Verbindungen unterhalten, sei die religiöse Verbindung stark.

Die Stabilität Georgiens hänge nicht zuletzt von der Stabilität der kaukasisch-nahöstlichen Region ab, welche auch angesichts des Trends der internationalen Politik, Konflikte einzufrieren, statt sie ausgleichend zu lösen, prekär bleibe. Um ein kriegerisches Wiederaufflammen von Konflikten zu vermeiden, versuche man heute, an diesen möglichst nicht zu rühren und betrachte Friedensverträge nicht mehr als primäres Ziel. Man versuche vielmehr, Konflikte durch wirtschaftliche Beziehungsnetze entschärfend einzubetten. Mit einer Million russischer Touristen, die Georgien jährlich besuchen, verbänden die Georgier die Hoffnung, daß der Konflikt von 2008 nicht wieder ausbreche. Die Verhandlungsbemühungen um die Sezessionsgebiete des Landes seien zwar gegenwärtig nicht sehr aussichtsvoll, doch anders als an der armenisch-aserbaidschanischen Demarkationslinie des Waffenstillstandes, wo monatlich auf beiden Seiten etwa zehn Tote zu beklagen sind, ruhen in Georgien die Waffen. Trotz der Besatzung großer Landesteile bestünden im georgischen Volk jedoch keine Ressentiments gegen Russen, man trenne scharf zwischen Kultur und Politik, und es sei ein Elend, daß die selbstverständliche Kenntnis des Russischen nicht mehr als Geschenk wahrgenommen werde. 2010 erklärte ein Erlaß Saakaschwilis das Englische an allen Schulen zur ersten Fremdsprache, das Russische zur Fakultativsprache. Dies beschneide die Möglichkeit der Verständigung nicht nur mit den nördlichen Nachbarn, sondern auch mit den kaukasischen Nachbarvölkern in der russica lingua franca caucasica, in der sich die von der Hauptstadt ernannten Gouverneure des südgeorgischen Samzche-Dschawachetien mit der Viertelmillion Armenier, welche die Russen im 19. Jh. an der dschawachischen Militärgrenze ansiedelten, bis heute noch verständigen können.

Daß die Armenier in Abchasien nicht nach Tbilissi orientiert seien und der russische Außenminister Lawrow mütterlicherseits Armenier sei, dürfe für die georgisch-armenischen Beziehungen nicht unterschätzt werden. Seit die Eisenbahnverbindung von Erewan nach Sotscha im Sezessionsbürgerkrieg von 1993 unterbrochen wurde, sei Armenien auf georgische Unterstützung angewiesen. Die Verbindung sei zwar nicht herzlich, doch partnerschaftlich.

Angesichts seiner militärischen Ohnmacht wirke Georgien heute durch die von Joseph Nye als soft power bezeichnete kulturelle Ausstrahlung, durch Renommée gleich Frankreich oder Italien. Die Geigerin Batiaschwili und die Pianistin Buniatischwili bespielten weltweit Konzertsäle, in denen die Kompositionen Kantschelis ebenso wie die atemberaubenden georgischen polyphonen Gesänge erklängen, die die Unesco zum Weltkulturerbe erklärte. Solche Strahlkraft übte Georgien schon zu russischen Zeiten aus, als Sowjetmenschen auf ein georgisches Jenseits hofften und Tifliser KP-Chefs versuchten, das für sowjetische Verhältnisse großen Freiraum genießende Land durch die Geschichte zu manövrieren. Als 1978 ein Moskauer Kritiker das georgische Kino als unsowjetisch verriß, sorgte Schewardnadse, seit 1965 Innenminister und 1972 Parteichef Georgiens, für dessen Entlassung. Auch widersetzte er sich der Abschaffung des Georgischen als konstitutionelle Landessprache. Durch Gespräche mit dem Politbüro erreichte er die Erlaubnis, in Georgien den die Glasnost einleitenden Film Monanieba (Reue) zeigen zu dürfen, der auf einer deutschen Montagsdemonstration im Oktober 1989 die Forderung "Reue zeigen" inspirierte. Außerhalb Georgiens befinde sich die größte Sammlung georgischer Filme im Arsenal zu Berlin.

1981 feierten die Georgier den europäischen Fußballpokalsieg Dynamo Tbilissis über CS Jena als nationalen Triumph und verfrühte Bekundung des Unabhängigkeitswunsches. Bekannter als Dynamo ist heute der von Inter Mailand für 16 Mio. € erworbene Kacha Kalandadse, dem seine Vertrautheit mit Iwanischwili einen Wechsel vom Fußball in die Politik erlaubte, zunächst als Energie- und Vizepremierminister, heute als Bürgermeister der Hauptstadt, die unlängst traurige Bekanntschaft erlangte. Als in der vorausgegangenen Woche in einem Club fünf Gäste an einer Überdosis den Drogentod starben, kam es am 15. Mai zu einer Razzia. East meets West in techno beats.

David der Erbauer
Die Schnittstelle Europas und Asiens bestimme seit jeher die georgische Geschichte, welche sich seit der Annahme des Christentums 327 als Martyrium gestalte. Die Georgier träumten von ihrer Glanzzeit, welche in der Erinnerung als Goldenes Zeitalter lebt, das König David der Erbauer (1089-1125) 1121 eröffnete, indem er als Schwert des Messias einen wundersamen Sieg über eine fünffache Seldschukenübermacht errang und Land und Hauptstadt befreite. Seine Urenkelin Königin Thamar die Große (1184-1213) schaffte die Todesstrafe ab und führte Berufungsgerichte ein. Im sie preisenden Recken im Tigerfell erlangte die europäische Literatur ihren damaligen Höhepunkt, Wissenschaft und Gelehrsamkeit erblühten in beiden Akademien und fünfzig Landesklöstern. Als sich die Königin vom ausschweifenden Intriganten Juri Bogoljubski geschieden hatte, warb 1188 Barbarossa für seinen Sohn Friedrich von Schwaben erfolgos um ihre Hand und eine Verbindung zum Heiligen Römischen Reich. Das Goldene Zeitalter beendeten die Mongolen. 1126 färbte das Blut von 100 000 Georgiern die Tifliser Mtkwari rot, als sie sich dem Befehl des Choresmierschahs Dschalal ad-Din verweigerten, auf der Flußbrücke aufgestellte Ikonen zu bespeien.

Durch den Fall Ostroms 1453 vom Westen abgeschnitten, belieferte das Land nun den Orient mit Kriegssklaven und Odalisken. Nachdem Petersburg 1795 beim Einfall Agha Mohammad Khans die im Schutzvertrag von Georgiewsk 1783 zugesicherte Militärhilfe verweigert hatte, zählte das Land zum Zeitpunkt der russischen Annexion 1801 nur noch eine halbe Million Einwohner. Von nun an sollte der georgische Leib der russischen Seele dienen, wie man den General Katharinas der Großen Totleben instruiert hatte. Zu diesem Zweck wurde 1811 die Georgische der Russischen Kirche eingegliedert und 1871 das Georgische an den Schulen abgeschafft. Seit dem 19. Jh. prägte der deutsche Idealismus Generationen von Georgiern, so auch die Väter der 1918 unter deutschem Schirm begründeten, auf die Humboldtsche Idee verpflichteten Universität Tbilissi.

Lawrenti Beria 
Der sowjetischen Anerkennung des unabhängigen Georgiens im Januar 1920 folgte im Februar 1921 der Einmarsch der Roten Armee. Als Kremlchef führte Joseph Dschugaschwili-Stalin zwar die imperiale Politik der Zaren fort und griff vergeblich nach den Dardanellen, doch fand er nach Auskunft seiner Tochter Swjetlana Allilujewa dabei Zeit, die Werke russischer Historiker über seine Heimat zu korrigieren. Seine georgische Herkunft hinderte auch den in Abchasien geborenen Geheimdienstchef Beria nicht daran, im Zuge der Säuberungen von 1937 Zigtausende Georgier zu liquidieren. Im Zweiten Weltkrieg zahlten seine Landsleute mit 350 000 Toten den anteilmäßig höchsten Blutzoll aller Sowjetrepubliken. Der georgischen Erinnerung an Stalin sei Selbstgerechtigkeit nicht fremd. Zwar wolle man mit seiner Hilfe kein Reich restaurieren, doch betrachte man ihn als einen in schlechte Gesellschaft geratenen verlorenen Sohn des Landes, der einen Weltkrieg gewonnen habe.

1991-92 spaltete der von Rudolf Steiner bewegte sprunghafte erste Präsident Georgiens Swiad Gamsachurdia sein Land. Der gerade erschienene Film Vor dem Frühling zeigt seine Flucht in die Berge. Die im damaligen Bürgerkrieg verlorenen Sezessionsgebiete konnten bis heute nicht reintegriert werden. Mittlerweile habe sich das Land, welches das Leben des Vortragenden "bereichert hat", zwar stabilisiert. Doch bange er um die Kulinarik, welcher ein EU-Beitritt schaden könne. Von der legendären georgischen Gastfreundschaft behaupteten böse Zungen, sie diene dem Zweck, Feinde durch Völlerei außer Gefecht zu setzen. Die Tafel der Georgier sei aber ein Gesamtkunstwerk, bei der auch der Fremde vor Trunkenheit nicht die Selbstbeherrschung verlieren sollte. Dieter Boden habe dieses "Fest des Lebens" stets "seelisch und metaphysisch inspiriert".

+++

Einen Vortrag über die deutsch-georgischen Beziehungen während des Ersten Weltkrieges hielt am 17. Mai im Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung der an der Tschawtschawadse-Universiät lehrende Leiter des Georgischen Literaturmuseums Lascha Bakradse, der in Zusammenarbeit mit Memorial das der Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit verpflichtete SovLab mitbegründete. Seine Forschung, welche die Deutsche Botschaft in Tbilissi zum deutsch-georgischen Jahr 2017/18 ins Deutsche zu übersetzen beabsichtigt, beschäftigt sich mit dem Georgischen Nationalkomitee, das von der Schweiz über das Genfer Konsulat und die Berner Botschaft zu Beginn des Weltkrieges Tuchfühlung mit Berlin aufnahm, um bei einem Sieg der Mittelmächte Unterstützung georgischer Unabhängigkeit zu finden. Anders als die Finnen, die vor 1917 nur die Ende des 19. Jhs. aufgehobene verfassungsmäßige innere Selbständigkeit wiederherzustellen trachteten – die Zar Alexander I. 1809 anerkannte, als ihm der georgischstämmige General Bagration durch eine handstreichartige Überquerung des zugefrorenen Finnischen Meerbusens das Großfürstentum gewonnen hatte – visierten die Genfer Exilgeorgier bereits seit 1913 mit ihrer Zeitschrift Thawisuphali Sakarthwelo (Freies Georgien) ein unabhängiges Land an. Die Neutralität der Eidgenossenschaft und Belgiens boten ihrer Arbeit die besten Voraussetzungen. Die Exilanten nahmen in der Schweiz während des Krieges auch an gegen die Mittelmächte gerichteten Konferenzen teil, welche auf nationale Unabhängigkeit ihrer Völker hoffende Parteigänger der Entente ausrichteten.

An Berlin richteten die Georgier ein Memorandum zur Neutralisierung des Kaukasus, in welchem sie einen Plan eines Bundesstaates vorlegten: ein an das Deutsche Reich angelehntes georgisches Königreich mit einem Monarchen aus europäischem Fürstengeschlecht im Verbund mit armenisch-tatarischen Kantonen im Osten und einer Föderation der Bergvölker im Norden. Der Plan des Fürsten Matschabeli, Aufstände im Kaukasus zu organisieren, entsprach zwar durchaus dem deutschen Wunsch, die Ententemächte durch Fremdvölker zu schwächen. Doch dachte man in Berlin dabei vor allem an einen Dschihad der Muslime. Der Weltkriegsausbruch traf Berlin unvorbereitet. Weder für den Kaukasus noch für andere Weltgegenden waren strategische Planungen ausgearbeitet worden. Selbst die Begründung der Kriegsrohstoffabteilung erfolgte erst auf Initiative Rathenaus am 13. August. Die Vorstellungen von einer gänzlichen globalen Wirtschaftsverflechtung, welche zum Gedeihen aller Länder ihre Gegensätze weltfriedlich entschärfe und Kriege zwangsläufig technisch verunmögliche, wie sie der englische Publizist Norman Angell im vorletzten Jahr der Belle Époque der deutschen Studentenschaft in einem offenen Brief darlegte, entsprachen zumindest den praktischen Vorkehrungen Berlins.

Graf von der Schulenburg
Erst nach dem Kriegseintritt der Pforte sammelten sich im Osmanischen Reich ukrainische u.a. gegen Petersburg und die Entente gerichtete Gruppen. In Anatolien bildeten deutsche Militärs eine Georgische Legion aus, in die autochthone Lasen und Tschweneburebi ("Unsrige"), deren Siedlungsgebiete im osmanischen Herrschaftsbereich lagen, aufgenommen wurden, wofür die Exilanten dem späteren Verschwörer von 1944 Graf von der Schulenburg den Orden der Hl. Thamar verliehen. 1915 brachten deutsche U-Boote Exilgeorgier von Stambul an die kolchische Schwarzmeerküste, darunter den Sumerologen Micheil Zereteli, der Absprachen mit den georgischen Sozialdemokraten traf.


Die Petrograder Februar- und Oktoberrevolutionen beschleunigten die Ereignisse. Sie lösten die georgischen Militärs von ihrem Eid auf den Zaren und führten zum Zusammenbruch der russischen Frontstellungen. Das Deutsche Reich löste sein 1915 geleistetes Versprechen einer Unterstützung georgischer Unabhängigkeit Ende 1917 in einer Garantieerklärung an Georgien ein, welche 1918 in militärischer und diplomatischer Unterstützung des Landes mündete. Im März 1917 bildete sich in Tiflis aus Mitgliedern der Vierten Duma ein Transkaukasisches Sonderkomitee der Petrograder Provisorischen Regierung, das im November durch ein Transkaukasisches Kommissariat ersetzt wurde.
General Kreß von Kressensteins
Dieses untergrub den völkerrechtlichen Status Transkaukasiens gravierend, als es der Einladung Vehib Paschas vom 14. Februar 1918, eine Delegation zu den Verhandlungen von Brest-Litowsk zu entsenden, nicht rechtzeitig nachkam. Stattdessen folgte das Kommissariat der türkischen Einladung zu separaten Friedensverhandlungen nach Trapezunt, welche die meisten kaukasischen Deligierten am 22. März unter Ablehnung der türkischen Bedingung, den Vertrag von Brest-Litowsk anzuerkennen, verließen. Als die Kaukasier das Ultimatum Rauf Beys vom 6. April, den Vertrag binnen 48 Stunden anzuerkennen, verstreichen ließen, überschritten die Türken die einstigen Staatsgrenzen von 1914 und besetzten Batumi.


Der am 10./23. Februar einberufene Transkaukasische Sejm erklärte nun am 22. April die Unabhängigkeit der Transkaukasischen Föderation, welche auf der Basis von Brest-Litowsk um neue Verhandlungen mit der Türkei bat, die am 11./24. Mai in Batumi wiederaufgenommen wurden. Der aserbaidschanische Teil der Delegation erwies sich dabei als vollkommen protürkisch. Am 12. Mai schrieb der Delegationsvorsitzende Akaki Tschenkeli nach Tiflis, Georgien solle seine Unabhängigkeit erklären, um die eigenen Interesssen mit deutscher Unterstützung besser vertreten zu können. Die Georgier erklärten darauf am 26. im Palais des russischen Statthalters die Unabhängigkeit, worauf Aserbaidschaner und Armenier zwei Tage später jeweilige Erklärungen folgen ließen. Das Deutsche Reich erkannte den Staat unverzüglich an. Der bereits vor dem Krieg als Konsul in Tiflis wirkende von der Schulenburg wurde zum deutschen Botschafter ernannt und General von Lossows diplomatische Dienste erwirkten ein Zusatzabkommen zu Brest-Litowsk, in welchem Rußland die deutsche Anerkennung der georgischen Souveränität akzeptierte. Das im Juni 1918 eingetroffene bayerische Jägerbataillon schlug unter Befehl General Kreß von Kressensteins im Verein mit noch schwachen georgischen Kräften die von türkischen Offizieren befehligten Freischärler, die ungeachtet des am 4. Juni in Batumi unterzeichneten Friedensvertrages vorrückten, in Südgeorgien zurück.

Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 beendete dieses Kapitel. In Tbilissi zogen die Engländer ein. Churchill lehnte eine georgische Unabhängigkeit jedoch aus strategischen und finanziellen Gründen ab. Als sich die Engländer 1920 in Batumi einschifften und der Union Jack eingeholt wurde, empfand der Nationaldemokrat Rewas Gabaschwili beim Hissen der georgischen Flagge einerseits Freude. Andererseits wußte er, daß er sich nicht lange an ihrem Anblick erfreuen werde. Bald würden die Russen einrücken. Ähnlich zwiespältig empfinde Lascha Bakradse die deutsch-georgischen Hundertjahrfeiern: Die Anteilnahme der Deutschen an der Geschichte seines Landes nehme ab, auf die Übersetzung seines Werkes warte er bis jetzt vergeblich. Eine Erfahrung, die er mit dem Verfasser des Artikels teilt.

Dieter Boden, Georgien: Ein Länderporträt, Ch. Links Verlag 2018.

Lascha Bakradse, Deutsch-Georgische Beziehungen während des Ersten Weltkrieges, Pegasi 2010

Der Historiker Philipp Ammon lebt in Berlin und Tbilissi. 2015 erschien im Kitab-Verlag «Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation: Die Wurzeln des russisch-georgischen Konflikts vom 18. Jahrhundert bis zum Ende der ersten georgischen Republik».

Friday, June 22, 2018

INTERVIEW: Lisa Batiashvili @lisabatiashvili im Gespräch mit Tina Gerhäusser / via @DeutscheWelle

Lisa Batiashvili zu Gast bei der Sendung "Der Tag" mit Tina Gerhäusser auf DW / Deutsche Welle. (19. Juni 2018)




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Friday, October 03, 2014

RADIO: Klassik à la carte - Gast: Lisa Batiashvili. Von Margarete Zander (ndr.de)

(ndr.de) NDR Kultur - 15.09.2014 13:00 Uhr Autor/in: Margarete Zander

Lisa Batiashvili und das NDR Sinfonieorchester gehen eine ganz besondere Beziehung ein: In der neuen Saison ist die georgische Star-Violinistin "Artist in residence."

Lisa Batiashvili ist eine Meisterin der Klangfarben. Es ist ihr besonderer Geigenton, der die Kritiker beeindruckt - sowohl live auf der Bühne, als auch in Aufnahmen. Aktuell wird ihre neue CD mit Werken von Bach begeistert besprochen. Das NDR Sinfonieorchester startet mit der Ausnahmekünstlerin ein vielversprechendes Konzept: Mit Batiashvili gibt es zum ersten Mal eine "Artist in Residence". In drei Programmen wird die Solistin zu hören sein. Am 18. September spielen Batiashvili und das NDR Sinfonieorchester in der Hamburger Laeiszhalle unter der Leitung von Thomas Hengelbrock Brahms und Dvořák.

mehr: CD-Tipp: Berührende Momente mit Lisa Batiashvili (ndr.de) 

podcast: media.ndr.de

Friday, September 12, 2014

MUSIK: Lisa Batiashvili: "Ich fühle mich verantwortlich für Georgien". Von Verena Fischer-Zernin (abendblatt.de)

(abendblatt.de) Die aus Georgien stammende Geigerin Lisa ist "Artist in Residence" beim NDR Sinfonieorchester. Ein Gespräch über Musik und die Lage in der Ukraine. Ihre Jugendjahre hat sie in Wellingsbüttel verbracht.

Foto: © Anja Frers / DG


Hamburg. So geht das moderne Künstlerleben: Lisa Batiashvili kommt gerade vom Flughafen und muss gleich wieder los. In den Vormittag dazwischen passen gerade eine Pressekonferenz, ein paar Fotos und Interviews. Aber wenn man der weltweit gefeierten Geigerin dann gegenübersitzt, ist sie die Ruhe und Aufmerksamkeit in Person. Von Müdigkeit keine Spur, stattdessen antwortet Batiashvili so spontan und ungekünstelt, wie auch ihr Geigenspiel wirkt.

In dieser Saison ist Lisa Batiashvili, geboren 1979 in Georgiens Hauptstadt Tiflis, Artist in Residence beim NDR Sinfonieorchester. Und das nicht einfach nur deshalb, weil sie so toll spielt. Das sowieso. Sondern wegen der berühmten Chemie. Die hat bei dem gemeinsamen Beethoven-Violinkonzert vor zwei Jahren, am Pult stand Thomas Hengelbrock, bei allem Respekt vor den stilistischen Unterschieden eine unvergessliche Dichte und Innigkeit entstehen lassen. Los geht Batiashvilis Konzertreigen am 18. September mit Brahms' Violinkonzert; außerdem steht Dvoráks Sinfonie "Aus der Neuen Welt" auf dem Programm. Wer diese Kombination jetzt für bieder hält, der sollte sich schleunigst von den Künstlern belehren lassen: Es kommt immer drauf an, wie man etwas macht.

Batiashvili ist 1991 mit ihren Eltern aus Georgien emigriert, kurz bevor dort der Bürgerkrieg ausbrach. Heute lebt sie mit ihrem Mann, dem Oboisten François Leleux, und zwei Kindern in München. Ganz nebenbei ist ihre Residenz auch ein Heimkehren für sie – denn ihre Jugendjahre hat die berühmte Geigerin in Wellingsbüttel verbracht.

Hamburger Abendblatt: Frau Batiashvili, was ist Ihr Lieblingsort in Hamburg?

Lisa Batiashvili: (lacht) Das ist jetzt nicht sehr originell: der Jungfernstieg! Das Wasser, das ist es, glaube ich. Ich liebe diese Weite, die Eleganz. Der Umzug hierher war der wichtigste Moment meines Lebens! Ich bin immer so glücklich, nach Hamburg zu kommen. Ich habe auch wunderbare Erinnerungen an die Hamburger Musikhochschule.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem damaligen Lehrer Mark Lubotsky?

Batiashvili: Natürlich! Er ist ein guter Freund meines Vaters. Ich war nur bei ihm, bis ich 14 war. Das war russische Schule, die ist fantastisch. Er hat einen ganz direkten Zugang zum russischen Repertoire.

Studiert haben Sie, wie viele Ihrer Solistenkolleginnen, bei Ana Chumachenco in München.

Batiashvili: Ja, sie hat mich stilistisch geprägt. Sie kann Persönlichkeiten erkennen. Sie will die Menschen fördern, so wie sie sind. Ich spiele ihr ein- bis zweimal im Jahr etwas vor und lerne immer noch. Sie bleibt eine meiner wichtigsten Bezugspersonen.

Sie sind diese Saison nicht nur beim NDR Sinfonieorchester Residenzkünstlerin, sondern auch beim New York Philharmonic Orchestra. Warum müssen es denn gleich zwei Orchester sein?

Batiashvili: Die beiden Orchester haben ganz verschiedene Traditionen. Die New Yorker sind für ein ganz bestimmtes Repertoire fantastisch, für Bartók zum Beispiel. An das Orchester bindet mich die Zusammenarbeit mit Alan Gilbert, der ist auch europäisch geprägt. Die Musiker brauchen das, denn die amerikanische Spielart ist sehr anders.

Was ist so anders daran?

Batiashvili: Sie sind sehr präzise und effizient. Und sie haben eine andere Klangqualität, eine spezifische Brillanz. Gott sei Dank haben sie trotz der Globalisierung ihren Klang behalten.

Und was finden Sie in Hamburg vor?

Batiashvili: Das Orchester und ich kennen uns schon mehr als zehn Jahre. Aber wenn Thomas Hengelbrock mit ihm arbeitet, geschieht etwas sehr Besonderes. Da geht es darum, einander zuzuhören, nicht nur einander zu folgen. Sich bewusst zu machen, warum man was tut. Das ist wie Kammermusik. Das hat mich sehr inspiriert, da mitzumachen. Ich mag Beethoven nicht mehr mit Orchestern spielen, die seine Musik eher fett und langsam spielen. Das habe ich früher oft erlebt.

Was reizt Sie denn an einer Residenz?

Batiashvili: Die Nähe zum Orchester. Ich will die Musiker besser kennenlernen. Als Solist hat man ein sehr einsames Leben! Bei der Residenz können wir Projekte realisieren, die man sonst nicht machen kann. Wir werden Kammermusik machen. Ich hatte auch Lust, selbst Programme zu gestalten.

Auf das Programm Ihres Kammerkonzerts haben Sie "Miniaturen für Violine und Streicher" von Sulkhan Tsintsadze gesetzt. Ein bei uns weithin unbekannter Name. Wer ist das?

Batiashvili: Ein georgischer Volksmusikkomponist. Es gibt eine starke Volksmusiktradition in Georgien. Die darf man nicht mit russischer Musik in einen Topf werfen. Unsere Volksmusik ist eine Kindheitserinnerung für mich! Ich habe sie vom Quartett meines Vaters gehört. Tsintsadze hat die Miniaturen meinem Vater gewidmet, und der hat sie für mich arrangiert.

Sie reisen viel, konzertieren in aller Welt, kommen Sie noch manchmal nach Georgien?

Batiashvili: Ich fühle mich verantwortlich, Georgien bekannter zu machen. Deshalb versuche ich, regelmäßig hinzufahren. In zwei Wochen bringe ich fünf Geigen hin. Ich würde meinen Kindern auch gerne einmal Abchasien zeigen, wo ich früher jedes Jahr meine Sommerferien verbracht habe, aber man kommt nicht hinein.

Südossetien und Abchasien sind seit dem Kaukasuskrieg vor sechs Jahren russisch besetzt. Wie geht es Ihnen, wenn Sie an die aktuellen Ereignisse in der Ukraine denken? Haben Sie ein Déjà-vu?

Batiashvili: Ja. Ich glaube, das geht allen Georgiern so. Die Georgier haben sich immer verteidigen müssen, auch gegen Mongolen und Perser. Als es in Südossetien losging, haben die Deutschen nicht geglaubt, dass Russland der Aggressor war. Jetzt haben wir eine identische Situation in der Ukraine. Es ist die gleiche Art, einzumarschieren unter dem Vorwand, das eigene Volk zu beschützen. Aber es gibt viel mehr Medien- und Facebook-Präsenz. Ich hoffe, dass diese neue Öffentlichkeit auch für Georgien Konsequenzen haben wird.

Residenz Lisa Batiashvili:

"Alte und Neue Welt" 18.9., 20.00, und 21.9., 11.00, Laeiszhalle. Karten zu 11,- bis 51,-

"Kammermusik mit Batiashvili" 18.11., 20.00, Rolf-Liebermann-Studio. Karten zu20,-

"La France fantastique" 4.12., 20.00, und 7.12., 11.00, Laeiszhalle. Karten zu 11,- bis 51,-

Internet: www.lisabatiashvili.com

Friday, September 05, 2014

CLASSIC: Lisa Batiashvili plays Bach in Tbilisi


Watch Lisa Batiashvili perform Bach's Cantata BWV 156 from her new album "Bach", to be released on Deutsche Grammophon.

Lisa Batiashvili presents a fine selection of chamber and orchestral music, including both popular, but also newly recorded Bach pieces - among the latter is for instance the first ever recording of Bach's famous aria "Erbarme Dich, mein Gott" in a transcription for violin, oboe and orchestra on Deutsche Grammophon.

Friday, May 30, 2014

FERNSEHEN: Tbilissi - Georgiens multikulturelle Hauptstadt findet zu sich selbst - Sonntag, 01. Juni um 16:50 Uhr (arte.tv/metropolis)

(arte.tv/metropolis) Tbilissi - Georgiens multikulturelle Hauptstadt findet zu sich selbst. Sie ist kreativ, geistreich und schön: die sich entlang der Kura in Terrassen an die weinbelaubten Hänge schmiegende 1,4-Millionen-Metropole.



Sie ist kreativ, geistreich, schön: die sich entlang der Kura in Terrassen an die weinbelaubten Hänge schmiegende 1,4 Millionen-Metropole Tbilissi, gegründet 485 durch König Wachtang I. Gorgassali. Die heutige Hauptstadt des Kaukasusstaates Georgien, der sich gerne als „Balkon Europas“ versteht und dessen Regierung derzeit die Annäherung an Europa betreibt, hat eine bewegte Geschichte. Einst an der Kreuzung der Karawanenstraßen vom Schwarzen Meer nach Persien, Indien und China gelegen, wurde Tbilissi oft von fremden Herrschern regiert, war oströmische Provinz, wurde im 7.Jht.arabisch, dann persisch, byzantinisch, seldschukisch und türkisch. 1801 annektierte der russische Zar die Stadt und machte sie zur Verwaltungszentrale für den Kaukasus, 1918 wurde Georgien Teil der Sowjetunion. Nach der Unabhängigkeit 1991 und dem Militärputsch gegen Swiad Gamsachurdia geriet das Land an den Rand des Bürgerkriegs, versank in Korruption, Kriminalität und Hoffnungslosigkeit, bis 2003 die Rosenrevolution eine reformerische Wende in Georgien brachte.

Tbilissi ist eine charmante Stadt, mit ihrer kopfsteinbepflasterten Altstadt, durch die einst die Seidenstraße führte, mit den geschnitzten Holzbalkonen und Vestibülen, ihrem 700 Jahre alten Bäderviertel, der mittelalterlichen Burgfestung, den Prachtbauten des 19.Jhts. mit dem Rustaveli- Boulevard als Flaniermeile sowie einer Vielzahl alter Gotteshäuser. Die meisten Intellektuellen und Künstler verließen in den 1990-er Jahren ihre Heimatstadt Tbilissi, wie die Eltern der heute international renommierten Geigenvirtuosin Lisa Batiashvili. Regelmäßig besucht sie ihre Familie und engagiert sich in der Musikförderung. Vor einigen Jahren zurückgekehrt nach Tbilissi ist die Filmemacherin und Drehbuchautorin Nana Ekvtimishvili, die mit ihrem deutschen Mann Simon Groß nicht nur den 0scar-nominierten Film „Die langen hellen Tage“ über die Entführung und Zwangsverheiratung eines Mädchens im Georgien der 1990-er Jahre gedreht hat, sondern auch gemeinsam mit ihm die erste Eisdiele in Tbilissi betreibt.

Tbilissi, was übersetzt „warme Quelle“ heißt, ist eine Stadt des Wandels, deren rasante Veränderung sich nicht nur im Straßenbild, sondern auch in einer quirligen Kulturszene manifestiert, in der sowohl traditionelle Folklore und die Wiederentdeckung des Jahrhunderte alten Liedguts (UNESCO-Weltkulturerbe) angesagt ist, wie hippe Experimente, moderne Kunst und zeitgenössisches Design. Da gibt es etwa das „Open Window-Projekt“ zur Förderung der neuen visuellen Kultur, das die Galeristin Irena Popiashvili leitet und Künstlern in Fenstern von leerstehenden Gebäuden Ausstellungsflächen bietet. Dokumentiert hat den Wandel auch der Fotograf Guram Tsibakhashvili. Sein besonderes Interesse gilt den Friedhöfen der Stadt, die Zeugnis ablegen von ihrer Geschichte, den unterschiedlichen Ethnien und den Gewohnheiten der Tbilisser im Wandel der Zeit.

Saturday, January 18, 2014

MUSIC: Saakashvili secretly captures Georgian violinist’s performance (Liza Batiashvili) in New York with his cell phone (georgianews.ge)



(georgianews.ge) Former President Mikheil Saakashvili posted a short smartphone video recording on his Facebook page of violinist Liza Batiashvili’s concert at the Lincoln Center in New York. The former president commented on the video by saying: “Recently probably the most famous conductor Daniel Barenboim told me the Georgians should be proud to have the world’s number one violinist - Liza Batiashvili. The phenomenal Liza performed at the United States’ greatest performing venue, the Lincoln Center, over a number of days, met by sold out audiences offering a standing ovation to her performance, while The New York Times published a delighted piece.

I attended the final performance, and even though recording is strictly prohibited at the Center, I did capture a moment of her triumph on my cell phone.

It is a great feeling when your compatriot enjoys so much appreciation. Especially with Liza, who always stresses her roots, this also helps her country, which should be the most important thing for us. I could not resist sharing this impression with you.”

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Saakashvili at Chris Botti’s show in New York

Tuesday, March 12, 2013

INTERVIEW LISA BATIASHVILI: "Jetzt möchte ich Georgien etwas zurückgeben“ Von Teresa Pieschacón Raphael (concerti.de)

(concerti.de) Die Geigerin Lisa Batiashvili über ihre Kindheit im Kommunismus, Musizieren mit dem Ehemann und ihren Kulturschock in Bayern 
 
Im Gespräch wirkt Lisa Batiashvili unprätentiös, uneitel und pragmatisch. Auf der Bühne aber kann sie zum „Teufelsweib“ mutieren, wie es ein Kritiker der „Welt“ formulierte. Und auch der große Alfred Brendel schrieb eine Eloge auf sie. Gerade hat die Geigerin und zweifache Mutter Brahms’ Violinkonzert mit der Staatskapelle Dresden eingespielt, das sie im März auch mit der Berliner Staatskapelle spielen wird.


Frau Batiashvili, lieben Sie Brahms?

Aber ja! Mit zwölf, kurz bevor ich endgültig nach Deutschland kam, spielte mein Vater schon ein paar Mucken in Hamburg mit einem Laienorchester und Brahms’ Vierter. Ich habe bei den Proben zugehört. Bis heute erinnere ich mich, wie sehr ich mich in diese Musik verliebt habe. Es ist für mich eine leidenschaftliche Musik. Als Kind braucht man zugegeben etwas Zeit, um sich daran zugewöhnen. Doch wenn man das einmal getan hat, dann kommt man nicht mehr davon los. Brahms’ Musik ist so menschlich. Sptäer habe ich seine Kammermusik entdeckt.
  
Nun haben Sie Brahms’ Violinkonzert eingespielt. Pablo Sarasate lehnte das Werk ab mit der Begründung, er lasse sich die einzige Melodie des Konzerts – gemeint war der Anfang des Adagios – nicht von der Oboe vorblasen… 

(lacht) Ja. Aber was soll ich bloß dazu sagen? Mein Mann (François Leleux) ist Oboist!

Gut also, dass der Oboist der Sächsischen Staatskapelle nicht Ihr Ehemann ist…

Ja. Ich habe wohl noch mal Glück gehabt! Aber im Ernst: Warum Brahms ausgerechnet der Oboe dieses Thema zuordnete, weiß ich nicht. Ich träume allerdings auch davon, dass ich das Konzert einmal mit François spiele.  

Brahms Freund Joseph Joachim spielte das Werk bei der Uraufführung. Sie spielen es auf einer Stradivarius „ex Joachim“ von 1715. Gibt es so etwas wie eine Geigenseele? 

Wenn man daran glaubt, vielleicht. Joachim hatte übrigens fünf Stradivari aus dem gleichen Jahr und deshalb ist es schwierig zu sagen, auf welcher er das Konzert gespielt hat. Ich weiß gar nicht, warum er die alle aus dem gleichen Jahr gekauft hat.


Vielleicht waren sie billiger…


(lacht) Ja. Sale! Das kann gut sein. Als ich Brahms spielte, hatte ich das Gefühl, dass die Musik zu diesem Instrument passt. Die Geige ist sehr klar, hat keinen bombastischen Klang, ist eher zierlich, von warmem durchdringendem Ton, aber nicht zu voluminös. Eine eher weibliche Geige, die trotzdem zu dem männlichen Werk passt. Auf meinen Reisen denke ich immer nur an drei Dinge, meine beiden Kinder und meine Geige. 


Mit 12 kamen Sie 1991 nach Deutschland. Welche Erinnerungen haben Sie an Tiflis?

Sehr viele und sehr starke. Meine Mutter ist Pianistin und Lehrerin, mein Vater Geiger und spielt seit über vierzig Jahren im Georgischen Streichquartett – in der gleichen Besetzung. Die haben sehr oft bei uns geprobt. Er hat mich bis zum elften Lebensjahr unterrichtet. Mit vier stand ich bereits auf der Bühne, all dies war für mich sehr natürlich, mit zwei hatte ich bereits angefangen, mich mit der Geige zu beschäftigen.


Die Musikerausbildung in der damaligen Sowjetunion galt seinerzeit als sehr intensiv und sehr gut.

Ja, doch dann änderten sich die Dinge, die Mentalität. Früher stand die Musikschule neben der normalen Schule. Beide Systeme ergänzten sich und waren aufeinander eingespielt; man wurde bereits als Kind schon zum Musiker erzogen, und nicht wie hier, wo man erst nach dem Abitur entscheidet, ob man auf die Musikhochschule geht. Es war viel einfacher, man wusste, wir sind Musikerkinder und wurden unterstützt. Das Problem war vielmehr der geringe Kontakt zur Außenwelt. Für mich war es immer wichtig, was in Europa los war.

Inwiefern hat die kommunistische Politik eine Rolle in Ihrer Kindheit gespielt?

Kaum ein Mensch, den ich kannte, hat nicht unter dem System gelitten. Als Kind musste ich diese Pionieruniformen tragen mit diesem roten Tüchlein (lacht), an Paraden teilnehmen und Kommunistensprüche nachplappern. Kein Mensch hat daran geglaubt. Das Verhältnis von Georgien zu Russland war immer sehr angespannt und das hat man gespürt. Andererseits, wenn man als Kind nichts anderes kennt, dann stellt man auch vieles nicht in Frage und kommt irgendwie zurecht.

Was war der Anlass, dann das Land zu verlassen?

Mein Vater wusste durch seine vielen Konzertreisen, wie es im Westen zuging. Dennoch war es ein jahrelanger innerer Prozess. Schließlich wollten meine Eltern auch für uns Kinder mehr Chancen. Für meinen Vater war es eine unglaublich harte Entscheidung, weil er das Quartett und seine Arbeit an der Musikhochschule verlassen musste. Er ist bis heute eine sehr wichtige und bekannte Figur im georgischen Musikleben. In Deutschland musste er dann an einer Musikschule Anfänger unterrichten. Das war sehr hart für ihn und auch der Grund, weshalb er sich früh pensionieren ließ und zurück nach Georgien ging. Ich verstehe sehr gut, dass er zurück wollte. Meine Mutter lebt heute in Ingolstadt und unterrichtet dort. 

Was haben Sie aus Georgien damals mitgenommen?

(lacht) Mich selbst. Anfangs war es sehr schwierig für mich. Es war alles so anders, ich könnte gar nicht mal sagen, ob positiv oder negativ. Ich kam direkt auf ein deutsches Gymnasium nach Hamburg und habe sehr gute Erfahrungen gemacht, obwohl ich zunächst nichts verstanden habe. Der größte Schock aber war eigentlich der Wechsel drei Jahre später von Norddeutschland nach Bayern an ein naturwissenschaftliches Gymnasium in Ingolstadt. (lacht) Ich hätte nie gedacht, dass man hier wesentlich konservativer ist als im Norden. Ich habe dann meinen Schulabschluss an einer georgischen Schule extern gemacht, um ein Diplom für die Hochschule zu haben. Dann hatte ich das große Glück, zu Ana Chumachenco zu kommen und ihr vorzuspielen zu dürfen.

Sie kamen in die berühmte Chumachenco-Talentschmiede, aus der ja Stargeiger…

…Stargeigerinnen…

…wie am laufenden Band herauskommen…

(lacht) Ja. Julia Fischer, Arabella Steinbacher, Susanna Yoko Henkel.  

Was ist das Besondere an ihrem Unterricht?

Sie hat eine klare Einstellung zu den Dingen, ist weise und großzügig und sehr menschlich. Sie ist natürlich dadurch bekannt geworden, weil innerhalb von zehn Jahren viele ihrer Schülerinnen berühmt wurden. 

Sie wie auch Ana Chumachenco wurden in der „Russischen Schule“ unterwiesen. Ich habe viele Geiger gefragt, doch keiner konnte mir wirklich erklären, was diese Geigerschule wirklich bedeutet.

Ich habe viel mit Frau Chumachenco darüber gesprochen. Es handelt sich hier um ein bestimmtes Übungssystem, dem man folgen muss, um auf eine bestimmte Art und Weise spielen zu können. Ich muss dabei an bestimmte Stücke denken; für deren Vorbereitung wird eine feste Zeit vorgeschrieben, um etwa Tonleitern oder andere Techniken zu üben. Es ist ein sehr klares System, aber mittlerweile hat man auch festgestellt, dass jeder sich selbst einschätzen lernen muss, um das richtige effiziente System zu finden. Man muss sich selbst vertrauen und eigene Verantwortung übernehmen. Wenn man älter ist und noch andere Prioritäten als die Geige hat, dann muss man lernen, mit der Zeit hauszuhalten.

2011 waren Sie in Tiflis an Ihrer alten Musikschule, was haben Sie empfunden?

Ich war zum ersten Mal jetzt dort. Mein Vater unterrichtet dort und die Kinder haben für uns ein kleines Konzert gemacht. Das hat mich sehr berührt. Die Ernsthaftigkeit der Kinder brachte mich fast zum Weinen.

Sie waren damals auch ein solches Kind?

Ja. Aber ich will nichts verklären. Auch damals war alles nicht wunderbar und trotzdem sind phantastische Künstler aus diesen Schulen gekommen. Sie sehen Musik als etwas ganz Wertvolles an. Es ist, bei allen politischen Veränderungen, das einzige, was konstant geblieben ist. 

Wie sieht man Sie, der es im Westen zum Star gebracht hat, in Georgien?

Ich versuche mich, etwas zurückzuhalten, reise immer als Touristin ein. Ich will nicht auffallen, wenn ich meine Familie besuche. Georgien ist jetzt ein Ort geworden, dem ich etwas zurückgeben möchte. Ich will da kein Star sein, wichtig ist das, was ich dort erlebt habe als Kind. Das ist eben nicht jedem passiert.

Wednesday, February 06, 2013

MUSIC: Lisa Batiashvili plays Brahms & Schumann: Trailer (Engl.)

What does Lisa Batiashvili and Clara Schumann have in common? - Watch the trailer, discover the music and listen to Lisa Batiashvili explaining her new album.

Brahms' Violin Concerto in D, Op.77 Brahms and Clara Schumann's 3 Romances For Violin And Piano, Op.22

Following her critically hailed Deutsche Grammophon debut, Echoes of Time -- and growing acclaim for her concert appearances -- violin virtuosa Lisa Batiashvili meets every challenge of Brahms's monumental Violin Concerto

More information here: Batiashvili & Brahms

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07.02.2013 & 08.02.2013
PROKOFIEV: Violin Concerto No. 1 in D major, Op.19
Gewandhaus in Leipzig