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Monday, September 24, 2018

#PODCAST: Die Schriftstellerin Ana Kordsaia-Samadashvili - In ihren Romanen spiegelt sich das alte Tiflis. Von Mirko Schwanitz @dlfkultur

Ana Kordzaia-Samadaschwili (Foto: Ralph Hälbig)
[deutschlandfunkkultur.de] Georgien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse. Eine der prominentesten aktuellen literarischen Stimmen des Landes ist die Schriftstellerin Ana Kordsaia-Samadashvili. Sie hat mit einem Roman das Land ziemlich durcheinandergewirbelt.

Ein Morgen in der Tifliser Barnowstraße. Die Autorin, Übersetzerin und Kulturjournalistin Ana Kordsaia-Samadischvili wohnt Tiefparterre. Die Fenster gehen hinaus auf's leicht ansteigende staubige Trottoir. Drinnen im Halbdunkel ein Tisch, ein Bett, an der Wand ein Selbstporträt und Bilder aus Swanetien, einer Bergregion im Kaukasus.

"Mein Großvater war der letzte Priester von Swanetien in der sowjetischen Zeit. Und als Priester in der Sowjetunion war man das Letzte. Und wirklich alle Repressionen, die es in Georgien gab, liefen über den Kopf der armen Samadaschwilis."

Viele deutsche Worte in der alten Kommunalka der Familie

Ana Kordsaia-Samadishvili ist überzeugt, dass ihre Liebe zur Literatur aus der Familie dieses Großvaters stammt. Ihr Urgroßvater hatte die erste Grammatik für die Sprache des Bergvolks der Swanen verfasst, sein Sohn das erste Wörterbuch. In Ana Kordsaias Regalen befinden sich die Reste der Bibliothek des Großvaters, die die Familie über alle Wirren der Zeit retten konnte.

"In den Dreißigern hat man meinen Großvater öfter verschleppt. Und meine Großmutter hat ihr ganzes Leben niemandem erzählt, wessen Tochter sie war. Sie ist als Waisenkind aufgewachsen. Also: die Mutter erschossen, der Vater zweimal verhaftet. Also man erträgt manche Sachen nicht mehr. Na, wie soll ich sagen, so war das Jahrhundert, das 20. Jahrhundert."

Ana Kordsaia-Samadishvili wurde 1968 geboren. Sie wuchs in einem Tiflis auf, das es heute so nicht mehr gibt. In ihrer Kindheit wurde in der Familie swanisch, auf dem Hof hinter ihrem Haus kurdisch, armenisch, georgisch und russisch gesprochen.

Kommunalka nannte man die Wohnungen, in denen mehrere Familien lebten und sich Bad und Küche teilten. Dort hörte und erlernte sie auch ihre ersten deutschen Worte.

"Ja, das war eine klassische Kommunalka. Nur in meiner Wohnung - wir waren tausende dort, wie mein Vater sagte 'Legionen'. Sehr viele waren dort. Wir hatten dort einen Herrn Kuppel, einen Deutschen, der mir immer sehr streng sagte, 'Nicht georgisch! Nur deutsch!', sagte er. Seltsames Deutsch sprach der Mann. Es war sehr lustig."


Erst die Unabhängigkeit, aber dann der Nationalismus

Heute, mehr als 35 Jahre später ist das alles Geschichte.

"Dann passierte das, wovon eigentlich alle träumten: Alle träumten davon, dass Georgien unabhängig wird. Das Wort Nationalismus ist wahrscheinlich das Schlimmste, was die Menschheit sich ausgedacht hat. Und meine besten und liebsten Einwohner der Stadt Tiflis waren erschrocken und gingen weg, die Deutschen, die Griechen, die Kurden usw. usf. Für mich ist diese Stadt, die man auch heute so sehr multikulturell nennt, absolut monoethnisch geworden und uninteressant."

Vielleicht spiegelt sich deshalb in ihren Romanen und Erzählungen stets auch das alte Tiflis. Aber nur als Hintergrund und Spiegelbild ihrer Frauenfiguren, die allesamt aufbegehren gegen das in Georgien noch immer weit verbreitete Patriarchat. Auch deshalb gibt es Leute in der Stadt, die Ana Kordsaia für verrückt halten: Mein Gott, eine georgische Frau! Die schminkt sich, macht sich fein, wenn Besuch kommt. Aber sie!? Schert sich nicht um Konventionen. Empfängt im Morgenmantel, übersetzt Elfriede Jelinek, kritisiert ihr Land und geht noch immer gern in die von nackten Frauen bevölkerten alten Tifliser Bäder.

"Also es ist schon eine Schande, wissen Sie, in jedem Roman oder jeder Erzählung eine Frau aus dem Bad zu haben. Ich gehe dorthin, seitdem ich 16 geworden bin. Es gibt zwei konkrete Tabus: Ein Tabu ist die Sexualität und das andere Tabu ist komischerweise im 21. Jahrhundert das Christentum."

Ein Sturm der Entrüstung in der orthodoxen Männerwelt

Ana Kordsaias erster Roman "Ich, Margarita" gilt heute als Meilenstein in der georgischen Gegenwartsliteratur. Zum ersten Mal schrieb da eine in provozierender Schnoddrigkeit über weibliche Bedürfnisse. Und rief in Georgiens patriarchaler und orthodoxer Männerwelt einen Sturm der Entrüstung hervor. Bis heute ist Nichts vor dem derben und dennoch feinen Spott dieser Autorin sicher...

"Warum schreibt eine Frau? Warum muss eine Frau Schriftstellerin werden? Ja, warum? Ist sie hässlich, oder was? Hat sie keinen Mann? Ja, soll sie mit jemanden ficken! Was macht sie da überhaupt?"

Nun - sie schreibt, übersetzt auch Franz Kafka oder Cornelia Funke ins Georgische und unterrichtet an der Staatlichen Ilia-Universität eine neue erfolgreiche Generation von Autorinnen. Vielen ihrer einstigen Studentinnen wird sie in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse wiederbegegnen.

Ana Kordsaja Samadisvili: "Ich, Margarita"
Ins Deutsche übersetzt von Sybilla Heinze
Hans Schiler-Verlag, Berlin 2013
204 Seiten, 18,80 Euro

Ana Kordsaja Samadisvili: "Wer hat die Tschaika getötet"
Ins Deutsche übersetzt von Sybilla Heinze
Hans Schiler-Verlag, Berlin 2016
170 Seiten, 16,80 Euro


Mehr zum Thema
Eine Lange Nacht über Georgien - Das verunsicherte Paradies
(Deutschlandfunk, Lange Nacht, 06.10.2018)
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(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 31.08.2018)

Monday, August 04, 2014

POLITIK: Georgien - Mythos Eduard Schewardnadse. Von Edita Badasyan und Mirko Schwanitz (deutschlandfunk.de)

Podcast >>>

(deutschlandfunk.de) Nach dem Tod Eduard Schewardnadses kritisieren Kulturschaffende in Georgien eine Verklärung ihres ehemaligen Präsidenten. Zwar habe dieser die Meinungsfreiheit gefördert und sich als sowjetischer Außenminister verdient gemacht. Doch ein Demokrat sei er nicht gewesen.

"Ich bin 1977 geboren. Schewardnadse war Chef der Kommunistischen Partei in Georgien, dann sowjetischer Außenminister, dann Präsident. Mein Leben, meine Kindheit und meine Jugend sind mit dem Lächeln von Schewardnadse verbunden."

Erinnert sich Lasha Bugadse, einer der bekanntesten Schriftsteller Georgiens. Zu beurteilen, was Eduard Schewardnadse für die Kulturlandschaft der kleinen Kaukasusrepublik bedeutet hat, falle ihm aber schwer. Zu widersprüchlich sei dessen Verhalten gewesen. Tatsache sei, dass er sich immer wieder für Künstler eingesetzt habe, deren Werke von der Zensur verboten werden sollten.

Ohne seine Hilfe wären Filme wie Tengiz Abuladzes "Die Reue", der kompromisslos mit dem Stalinismus abrechnete, nie möglich gewesen. Ohne ihn hätte es kritische Theaterinszenierungen, etwa von dem bei uns sehr bekannten Robert Sturua nicht gegeben. Und kein einziger Kulturschaffender wird vergessen, dass er es war, der 1978 das in Moskau geplante Verbot unserer Sprache verhinderte und dafür sorgte, dass das Georgische als Staatsprache in der sowjetischen Verfassung blieb.

Schewardnadse als Sprachrohr für die Meinungsfreiheit

20 Jahre später musste Schewardnadse im georgischen Parlament immer noch klar machen, dass die Zeiten der Bevormundung von Kunst und Kultur endgültig vorbei sind. Diesmal ging es um Lascha Bugadse. Ein Roman, in dem er satirisch über eine in Georgien verehrte Königin schrieb, hatte dazu geführt, dass Parlamentsabgeordnete und Orthodoxe Kirche verlangten, der Autor solle sich öffentlich entschuldigen.

"Das war der Höhepunkt. Aber Schewardnadse machte klar, dass wir in einem demokratischen Land leben und jeder schreiben könne, was er will und wie er will. Zu entscheiden, was gut und was schlecht ist, sei Sache der Leser und nicht die von Politikern, geschweige denn der Kirche. In diesem Moment begriff ich urplötzlich, warum ihn in der sowjetischen Zeit so viele Kulturschaffende mochten. Nämlich, weil er wusste wie man die Kunst beschützt. Und in diesem Moment war ich ihm sehr dankbar."

Mythos eines demokratischen Politikers?

Was Schewardnadse jedoch bis heute nicht verziehen wird, ist die Bestätigung von Todesurteilen an acht Studenten, darunter auch Kinder von Künstlern, die 1983 versuchten, ein Flugzeug in die Türkei zu entführen. Dato Turaschwili hat darüber einen im Land kontrovers diskutierten Bestseller geschrieben.

"Für mich war Schewardnadse nicht mehr als ein typischer sowjetischer Politiker. Es ist ein Mythos, dass er ein demokratischer Politiker war. Viele sagen, dass er beim Fall der Berliner Mauer eine große Rolle gespielt habe. Ich finde das lächerlich. Ich glaube dass etwa die westliche Rockmusik, zum Beispiel David Bowie eine viel größere Rolle dabei gespielt hat, als Schewardnadse."

Ambivalente 1990er-Jahre

Es sei doch absurd, einen Politiker als Demokraten zu bezeichnen, der Todesurteile bestätigt, wenn er auch eine Begnadigung hätte aussprechen können, meint Turaschwili. Schewardnadse hätte schließlich die Macht dazu gehabt. Absurd seien auch die Jahre seiner späteren Präsidentschaft gewesen, meint die Schriftstellerin Ana Kordsaia-Samadischwili. Auf der einen Seite habe unter ihm die Korruption ein unerträgliches Ausmaß erreicht, mussten auch Künstler ihr Hab und Gut verkaufen, um zu überleben. Auf der anderen Seite aber gab es in diesen verrückten 90er-Jahren...

"Eine große Renaissance von georgischer Kunst. Die besten Ausstellungen in Georgien, die ich erlebt habe, waren in den Neunzigern, die beste Musik, unsere Künstler machten Performances, die man jetzt mit nichts vergleichen kann. So etwas könnte heutzutage in dem hoch orthodoxen Georgien niemals passieren. Etwas explodierte. ... Irgendwie dieses Volle, Absurde, ist für mich mit der Zeit von Eduard Schewardnadse verbunden."

Auch der Direktor der Georgischen Nationalbibliothek, der Dichter Giorgi Kekelidse spricht von sehr ambivalenten Gefühlen, wenn er an die Zeit der Präsidentschaft des von den Deutschen so verehrten Staatsmannes zurückdenkt."

"Ich wohnte damals in der Provinz und erinnere mich an diese Zeit nur als eine einzige große Depression und unbeschreibliche Not. Zum Dichter bin ich erst damals, also gewissermaßen unter den Händen von Schewardnadse geworden. Dennoch: Was er außenpolitisch geleistet hat, der Beginn unserer Gespräche mit der Europäischen Union, der NATO, das bleibt als sein großer Verdienst. Sicher wird er in die Geschichte als ein großer Politiker eingehen, für uns Georgier aber wird er nur als eines im Gedächtnis bleiben – als negative Figur."

Von Edita Badasyan und Mirko Schwanitz
ic-mn.de 

Weiterführende Information

Schewardnadse - Der weiße Fuchs des Kaukasus (Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 10.03.2012)
Korruptionsvorwürfe - ''Schewardnadse bekommt keine Sonderbehandlung in Sachen Asyl'' (Deutschlandfunk, Interview mit Claudia Roth, 25.11.2003)
Genscher würdigt Verdienste Schewardnadses (Deutschlandfunk, Interview, 24.11.2003)

Wednesday, August 14, 2013

PODCAST: Eine Literaturszene im Aufbruch - Georgien und seine Schriftsteller. Von Mirko Schwanitz (dradio.de)

Podcast hören: Eine Literaturszene im Aufbruch
Georgien und seine Schriftsteller
Von Mirko Schwanitz

(dradio.de) Der Kulturhunger in Georgien ist groß. Seit mehreren Jahren gibt der Staat viel Geld für die Förderung der heimischen Literatur aus. Zugute kommt das Schriftstellerinnen wie Tamta Melaschwili, deren Roman "Abzählen" in diesem Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert ist.

Blick auf die georgische Hauptstadt Tiflis:  Fünf Kriege hat Georgien seit 1990 durchlitten (Bild: AP)"Das hier ist der Eliawa-Markt in Tiflis. Hier bekommt man alles, was man für den Alltag braucht. Ich wollte ihn Euch zeigen, weil es ein eigenartiger Ort ist, ein Ort, der sich sehr schnell transformieren kann."

Die Schriftstellerin Tamta Melaschwili führt durch Gänge, voll mit Lebensmitteln, Werkzeugen, dem Geruch geölten Metalls. Für die Autorin ist der Eliawa so etwas wie ein Sinnbild für Georgien - ein sich langsam ordnendes Chaos. Melaschwili erinnert sich, dass dieses Chaos sie zwang, ihre ersten Geschichten in die Lücken zwischen die Zeilen eines gebrauchten Schulheftes zu schreiben.

"Das war eine reine ökonomische Notwendigkeit; denn es gab kein Papier. Aufgrund der Armut, in die uns die Kriege gestürzt hatten, besaß ich nur drei Hefte, die ich für die Schule brauchte. Ich konnte sie nicht für mein kreatives Schreiben nutzen. Das waren meine größten Probleme für mich als Kind."

Fünf Kriege hat Georgien seit 1990 durchlitten. Den letzten 2008, als Präsident Saakaschvili meinte, die abtrünnige Provinz Südossetien mit Waffengewalt zurückholen zu müssen. Doch nun will das Land mit aller Macht zurück zur Normalität. .

"Herzlich willkommen im Haus der Schriftsteller. Es gehörte einst einem Magnaten, der es von dem deutschen Architekten errichten ließ und es schon Anfang des 19. Jahrhunderts zu einem Zentrum von Kunst und Kultur machte. Zur Sowjetzeit gehörte es dem Schriftstellerverband, doch nach der Wende verfiel es. 2011 befand sich das Haus in seinem sehr kritischen Zustand. Im letzten Jahr haben wir mit der Rekonstruktion begonnen."

Natascha Lomouri, die junge Leiterin des Schriftstellerhauses, führt durch Räume, die schon bald in altem Glanz erstrahlen werden. Das Gebäude im Art-Nouveau-Stil mit seinen uralten Villeroy & Boch-Mosaiken, den Glasziegeln aus Marseille und geschnitzten Treppengeländern könnte schon bald Georgiens schönstes Kunstzentrum werden.

"Hier wird es eine Bibliothek geben, ein Literaturcafé, Ausstellungen, ein Museum. Und hier oben im ersten Stock werden wir fünf Wohnungen für Writers-in-Residence bauen. Als Vorbild für alles dienen uns deutsche Literaturhäuser wie das in der Berliner Fasanenstraße."

Vor Jahren wäre es angesichts der nach wie vor angespannten Haushaltslage noch undenkbar gewesen, für solche Projekte Geld zu bekommen. Und auch die Nominierung der Schriftstellerin Tamta Melaschwili und ihres Romans "Abzählen" für den deutschen Jugendliteraturpreis, zeigt, dass die Bemühungen um eine Wiederbelebung des kulturellen Lebens Früchte tragen. Die Übertragung des Buches ins Deutsche wurde nämlich erst durch ein spezielles Übersetzungsförderprogramm des georgischen Kulturministeriums möglich. Guram Odischaria, ist selbst Schriftsteller und heute Kulturminister Georgiens.

"Es ist eine unserer Prioritäten, dass wir unsere Literatur intensiver in der Welt bekannt machen wollen. Deshalb bereiten wir uns darauf vor, Gastland der Frankfurter Buchmesse zu werden. Das bedeutet aber, dass wir noch sehr viele Bücher übersetzen müssen. Wir Georgier sind ein Volk, in dem Literatur einen sehr hohen Stellenwert hat. Wir nennen uns selbst ein "Büchervolk". Tatsächlich sind wir eines der wenigen Völker mit einem eigenen Alphabet und umso mehr möchten wir unsere Literatur in der Welt bekannt machen."

Guram Odischarias setzt fort, was sein Amtsvorgänger bereits begonnen hatte. Sein Ministerium fördert aus einem schmalen Budget von gerade einmal 40 Millionen Euro, die Übersetzung georgischer Literatur jährlich mit einer halben Million Euro. Eine Summe, die trotz knapper Kassen noch einmal aufgestockt werden soll. Das ist dringend auch notwendig, denn bisher gibt es weltweit nur sehr wenige Übersetzer, die in der Lage sind, aus dem Georgischen, einer Sprache die von kaum mehr als 4,5 Millionen Menschen weltweit gesprochen wird, zu übersetzen. Dass es sich lohnt, davon sind die Georgier überzeugt. Wie sagte Tamta Melaschwili? Es ist besser mit Literatur, als mit Kriegen bekannt zu werden.

Friday, June 14, 2013

MAGAZIN: Georgien - Mit Büchern die Welt erobern. Von Mirko Schwanitz (eurasischesmagazin.de)

(eurasischesmagazin.de) Guram Odischaria ist neuer Kulturminister Georgiens. Der Lyriker soll der Regierung des kunstsinnigen Multimilliardärs Bidsina Iwanischwili bei den Kulturschaffenden Akzeptanz verschaffen und abgerissene Kulturkontakte zu Süd-Ossetien und Abchasien wiederbeleben. Georgien möchte zudem 2015 zum Schwerpunktland der Leipziger und Frankfurter Buchmesse werden.

Es ist noch nicht lange her, da saß Guram Odischaria im Tifliser Café Diwan. Gehüllt in blauen Zigarettenqualm hörte der breitschultrige Mann still zu, was seine Freunde, allesamt Schriftsteller, Theatermacher und Musiker von ihm erwarteten, sollte er der neue Kulturminister Georgiens werden. 

Die einstige Direktorin des „Internationalen Kunstfestivals Tiflis“, Ketevan Dolidze, beschwor Odischaria, endlich die unter Präsident Saakaschwili herrschende „totale Kontrolle über die Kultur“ zu beenden: „Ich hoffe, dass unter dir die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit angehören und wir endlich wieder eine freie Kultur haben werden.“ Und Gaga Cheidze, Organisator des Tifliser Filmfestivals, sagte, er erhoffe sich von Odischaria sogar eine „große Wende“ für die georgische Kultur.

Schon damals versuchte Guram Odischaria die Euphorie zu dämpfen. Der Lyriker und Romancier ist nun seit Dezember im Amt – seit dem spektakulären Wahlsieg des Milliardärs Bidzina Iwanischwili, der nach knapp zehn Jahren den langjährigen Präsidenten Micheil Saakaschwili ablöste. 


Odischaria weiß, dass man mit 38 Millionen Euro, 0,8 Prozent des georgischen Staatsbudgets, nur kleine Brötchen backen kann. Dabei sind die Herausforderungen riesig: Seit seinem Amtsantritt reist Odischaria durchs Land und begutachtet das Erbe, das ihm die Vorgängerregierung hinterlassen hat. „Vor einiger Zeit habe ich die alte Residenz von König Irakli II in der Stadt Telavi besucht. Zwei Gebäude sind komplett zerstört, bei den Häusern der Hauptstraße wurden einfach die Fassaden angemalt“, sagt er.

Wenn die Decken einstürzen

Doch nicht nur der Zustand historischer Baudenkmäler bereitet dem neuen Mann im georgischen Kulturministerium Kopfschmerzen. Etwa, wenn er Schulen besucht, bei denen jeden Moment die Decken einstürzen können. „Diese Beispiele erzählen etwas über die Korruption unter der Vorgängerregierung. Schon mein erster Blick in die Unterlagen des Ministeriums zeigte, das alle öffentlichen Aufträge ohne Ausschreibung vergeben wurden.“

Die vielen historischen Denkmäler aber sind nicht die einzige Baustelle, auf der Odischaria aufräumen muss. Das politisch-kritische Theater Georgiens liegt in Agonie, seit viele Direktorenposten mit Parteifreunden des ehemaligen Präsidenten Saakaschwili besetzt wurden. Auch das unter Odischarias Vorgänger aufgegebene „Internationale Kunst Festival“ soll wieder zum Leben erweckt werden.


„Wenn es in Georgien dunkel wird, erstirbt das Leben“

Für die georgische Kulturförderung sollen in Zukunft nur noch ästhetische Kriterien den Ausschlag geben. Wie aber all das umsetzen bei derart knappen Kassen? Der Kulturminister sieht nur einen Weg: „Das Volk muss mitreden können, welche Prioritäten in der Kulturpolitik gesetzt werden sollen. Nur dann wird es auch schmerzliche Entscheidungen mittragen.“ Dazu aber müssten erst einmal Orte für einen solchen Dialog geschaffen werden. „Wenn es in Georgien dunkel wird, erstirbt in den meisten Orten das Leben. In unserem Land gibt es gerade einmal zwei Kinos. Es gibt auch keine Kulturzentren mehr, an denen sich die Menschen treffen können. Deshalb wollen wir als erstes alte Kulturhäuser neu beleben. Die Idee ist, dass die Leute sich dort treffen, diskutieren, Ideen entwickeln.“ 

Eigentlich sollten Künstler sich von der Politik fernhalten und sie eher kritisch begleiten, ist Guram Odischaria überzeugt. Dass man ihn bat, das Amt dennoch zu übernehmen, hat auch mit dem festen Willen der neuen Regierung zu tun, die Kontakte zu den abtrünnigen Provinzen Süd-Ossetien und Abchasien neu zu knüpfen, die seit dem Krieg im Jahr 2008 völlig abgerissen sind.

Neue Dialog-Möglichkeiten mit den Osseten

Eine gemeinsame Anthologie mit süd-ossetischen und abchasischen Autoren begründete Odischarias Ruf als Vermittler. Er ist deshalb einer der wenigen georgischen Politiker, die frei in der Region reisen können. „Mein Freund Daur Nachkebia ist jetzt Bildungsminister in Abchasien. Meine Freundin Marina Chibirova ist in Süd-Ossetien Bildungsministerin. Es ist wie ein Schicksal, das wir drei an dieser Anthologie zusammengearbeitet haben. Das eröffnet natürlich ganz neue Möglichkeiten für einen Dialog.“ 

Auch international soll und will Odischaria die Kultur seines Landes bekannter machen. Sein Ziel: Georgien soll keine Kriege mehr führen, sondern mit Büchern die Welt erobern. 2015 möchte Georgien Gastland der wichtigsten europäischen Buchmessen in Leipzig und Frankfurt werden. Keine leichte Aufgabe. „Die Frankfurter Buchmesse ist für die Literatur das, was für den Film der Oscar ist. Um Gastland werden zu können, müssen wir schon heute beginnen, die georgische Literatur im deutschen Sprachraum bekannt zu machen: Bücher zu übersetzen, Verlage zu überzeugen, aber auch unsere Kultur vorzustellen. Dazu gehört unsere in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommene Musik ebenso wie der georgische Film und natürlich – unser hervorragender Wein.“
*
Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

Monday, May 27, 2013

PODCAST: Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft? Das Forum deutschsprachiger Verleger in Tiflis. Von Mirko Schwanitz (dradio.de)

Podcast >>>

(dradio.de) Georgien kann als letzter weißer Fleck auf dem europäischen Buchmarkt gelten. Also haben sich die Kulturpolitiker in Tiflis ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Die kleine Kaukasusrepublik soll 2016 Gastland der Frankfurter Buchmesse werden.
 
Für Europas Buchbranche bislang Terra Incognita: Die georgische Hauptstadt Tiflis. (Bild: AP)
Gedränge herrschte dieser Tage auf dem Tifliser Expo-Gelände. Die georgische Buchmesse kann zwar nicht mit der Größe einer Leipziger Buchmesse mithalten, noch reicht für alle Aussteller eine Halle von der Größe eines Fußballfeldes. Doch wie in Leipzig ist es vor allem eine von den Lesern geliebte Messe. Die kommen und kaufen und sind neugierig auf die Neuerscheinungen des Jahres. Kein Stuhl ist mehr frei, als die Schriftstellerin Ana Kordsaia aus dem von ihr ins Georgische übersetzten Roman "Stadt der Diebe" von Cornelia Funke vorträgt. Besucht wurde die Messe auch von den Teilnehmern eines internationalen Verlegerforums, das gerade in Tiflis zu Ende ging und dessen Ziel Medea Metreveli so beschreibt:
Zum dritten Mal bereits habe ein solches Forum in Tiflis stattgefunden, erklärt die engagierte, im georgischen Kulturministerium für die Förderung der Literatur zuständigen Abteilungsleiterin. Es solle vor allem georgische und ausländische Verleger zusammenbringen, denn ihr kleines Land habe das ambitionierte Ziel, 2016 Gastland der Frankfurter Buchmesse zu werden. Doch sei es nicht nur darum gegangen, dafür frühzeitig Kontakte zu knüpfen, sondern auch darum, konkrete Projekte zu planen, an denen nun gemeinsam mit ausländischen Verlegern gearbeitet werden soll.

So sollen vor allem die Zahl von literarischen Übersetzungen aus dem Georgischen erhöht und Übersetzer qualifiziert werden. Ein Vorhaben, an dem das georgische Kulturministerium seit geraumer Zeit intensiv arbeitet und für das trotz angespanntem Staatshaushalt sehr viel. Geld investiert werden soll. Das ist auch zwingend notwendig, will Georgien seiner Literatur auf den hart umkämpften europäischen Buchmärkten endlich international Geltung verschaffen. Auf denen, konstatiert Joachim Unseld von der Frankfurter Verlagsanstalt, als eine der letzten noch zu entdeckenden "terra incognita"

"Für mich ist es das erste Mal, dass ich in Georgien bin. Das hat natürlich einen Grund, weil ich gerade in Leipzig einen Band mit jungen georgischen Erzählerinnen herausgebracht habe und nun natürlich wissen wollte, was es mit georgischer Literatur insgesamt auf sich hat. Und so gesehen war das ein voller Erfolg, diese zwei Tage des Forums mit internationalen und georgischen Verlegern zusammen zu sein, zu sprechen, sich kennenzulernen."

Es ist eine Sisyphos-Aufgabe, die das Land zur Umsetzung des ambitionierten Ziels zu leisten haben wird. Auch, weil das Land gerade einmal 4,5 Millionen Einwohner. Nur wenig mehr sprechen die Sprache, die auf einem eigenen Alphabet beruht und über eine sehr schöne und an Spitzenklöppelei erinnernde Schrift verfügt und die Zahl guter Übersetzer aus dieser kleinen Sprache verschwindend gering ist. Umso mehr überraschte die aus England, Frankreich, Italien, China und Deutschland angereisten Verleger die Vielfalt und Qualität der vorgestellten Programme georgischer Verlage. Das Treffen sei für ihn aber auch noch aus einem anderen Grund interessant gewesen, meint Tom Müller vom Aufbau-Verlag.

"Es war sehr spannend auch, weil ja nicht nur deutsche Verleger hier waren, sondern auch aus England, aus Frankreich, eine türkische Agentin, dass man gleichzeitig noch so einen europäischen Blick auf die Manuskripte mit bekommen konnte. Wir sind sehr vielen Autoren begegnet, haben sehr viele Texte vorgestellt bekommen."

In denen spiegeln sich längst all die Umbrüche wieder, die sich derzeit auch in der georgischen Gesellschaft vollziehen. Sie reflektieren die fünf Kriege, die das Land seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion durchleben musste und junge Autoren beginnen bisher geltende Tabus zu brechen, etwa, wenn sie über den Umgang mit Behinderten in der georgischen Gesellschaft schreiben. Gleichzeitig strahlt die georgische Verlegerszene eine Vitalität aus, der alle Anwesenden beeindruckte. Das habe sicher jeder Teilnehmer des Forums ebenso deutlich gespürt wie er selbst, meint der Verleger Joachim Unseld.

"Das Ganze ist natürlich politisch sozial ein Land im Aufbruch. Man sieht hier überall, dass etwas am Wachsen ist, dass Änderungen dort sind, die Demokratisierung ist hier doch wirklich angekommen, die Öffnung zum Ausland hin, die Internationalisierung und das sieht man bei den Verlagen sehr deutlich, das sehr große Interesse auch an internationaler Literatur und auch der Wille, ich mit uns in Verbindung zu setzen - also eine gute Kooperation denke ich."

Der Erfahrungsaustausch machte den georgischen Teilnehmern aber auch sehr deutlich, wie viel noch zu tun bleibt, um der Aufgabe eines Gastlandes des weltgrößten Buchmesse gewachsen zu sein. Mit Spannung erwartet Georgiens nun den in wenigen Tagen bevorstehenden Besuch der Chefs der Frankfurter Buchmesse.

Wednesday, August 08, 2012

RADIO: Journal-Panorama - Berg Karabach: Angst vor einem neuen Krieg Gestaltung: Mirko Schwanitz und Ani Matevosyan (oe1.orf.at)

Kleiner Kaukasus

(oe1.orf.at) Dienstag 07. August 2012

Bako Saakyan - so heißt der Mann, der Mitte Juli erneut zum Präsidenten von Berg-Karabach gewählt worden ist. In einer Wahl, die von keinem Staat der Welt anerkannt wurde, weil auch die Republik Berg-Karabach selbst international nicht anerkannt ist. Völkerrechtlich gehört das Gebiet zu Aserbaidschan, doch in einem blutigen Konflikt 1992-1994 hat Armenien die mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region erobert und hält sie seitdem besetzt.

Die Bewohner der armenischen Enklave blicken mit Sorge in die Zukunft. Die wirtschaftliche Lage ist schwierig, die politische prekär: Seit dem blutigen Konflikt mit zehntausenden Toten warten mehr als eine Million Flüchtlinge - Armenier wie Aseris - auf die Rückkehr in ihre Heimatgebiete. Doch Armenien hält trotz Verurteilung durch die UNO nach wie vor eine breite „Pufferzone“ besetzt - insgesamt 20 Prozent des aserbaidschanischen Territoriums.

Sowohl Armenien als auch Aserbaidschan haben in letzter Zeit massiv aufgerüstet. Die Kriegsrhetorik wird immer lauter. Während die Verhandlungen der Minsker Gruppe auf der Stelle treten, befürchten internationale Beobachter einen Ausbruch eines neuen bewaffneten Konflikts.


Nver Hambarzumyan: "Wir mussten ihre Städte damals zerstören, damit wir leben können." Ein ehemaliger Soldat über den Konflikt zwischen Nagorny Karabach und Aserbaidschan. Externer Player
 

Monday, April 25, 2011

PODCAST: Künstler und Intellektuelle in Georgien. Von Mirko Schwanitz (dradio.de)

dradio.de

Podcast >>>

Vor ziemlich genau 20 Jahren errang Georgien seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Aber seither wird das kleine Kaukasusland die Kriege und Krisen nicht los. Die Lebensverhältnisse sind nicht gut, es herrscht Korruption und die Intellektuellen des Landes verhalten sich ruhig.

Vor 20 Jahren im April erklärte Georgien seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Seitdem kämpft das kleine Kaukasus-Land um innere Stabilität. Doch seit dem Krieg gegen die abtrünnige Teilrepublik Süd-Ossetien ist das Land fast vollends in die internationale Isolation geraten.

"Die Schriftsteller haben natürlich den Ausbruch des Krieges kritisiert. Aber in den Tagen des Krieges wäre das Verrat gewesen und könnte als Unterstützung für Russland verstanden werden. Deswegen haben die Künstler in den wenigen Tagen des Krieges geschwiegen."

Alexander Kartozia, einstiger Direktor der georgischen Nationalbibliothek, verfolgt aufmerksam die Kulturszene seines Landes. Die Stimmen der georgischen Intellektuellen, meint er, werden international nur weniger wahrgenommen, als die ihrer ukrainischen und weißrussischen Kollegen. Auch ließe sich die Situation der Autoren in seiner Heimat in keiner Weise mit der von Schriftstellern in der Ukraine oder Weißrussland vergleichen.

"Sie werden vom Staat nicht kontrolliert. Es wird weniger gelesen als früher und für den Staat sind die Literaten, die schreiben, aber nicht sichtbar sind im Fernsehen, wenig gefährlich. Nur in seltenen Fällen, wenn die Schriftsteller sich im Fernsehen zeigen und zu kritisch werden, dann könnte es gefährlich werden für das Regime und dann gibt es auch Eingriffe."

So geschehen, als eine Gruppe junger Autoren die Umbenennung einer Straße erzwingen wollte, die von den neuen Machthabern den Namen George Bushs erhalten hatte. Die Demonstration wurde mit Gewalt aufgelöst. Der Widerstand gegen eine Politik, die das Land immer mehr in die Isolation führt, formiert sich vor allem in der georgischen Hauptstadt Tbilissi, wo in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre eine lebendige Szene aus Kellertheatern, kleinen Galerien und literarischen Salons entwickelte. Heute findet vor allem hier der Kampf gegen die von der neuen politischen Elite zum Teil mit beleidigenden Vergleichen betriebene Spaltung der georgischen Gesellschaft statt.

"Die Schriftsteller haben ein sehr hohes Ansehen genossen. Die neue Generation, und das ist interessant, möchten ganz bewusst diese Position aufgeben. Sie behaupten von sich, sie wären Schriftsteller und keine Autoritäten. Der Präsident von Georgien sagt, es gebe Menschen, die 'runtergespült' werden. Es gibt also die 'Runtergespülten', die Alten, die nichts mehr taugen und es gibt die Anderen. Die 'runtergespülten' Schriftsteller bedauern das sehr. Sie werden nicht mehr gehört. Sie gelten als veraltet."

So versucht Präsident Saakaschwili, auch die Kunst- und Kulturszene zu polarisieren und zu entzweien. Doch weil sich die georgischen Intellektuellen dagegen wehren, verengt das Regime auf subtile Weise die Räume für die öffentliche Darstellung ihrer Positionen. Es verwehrt ihnen vor allem den Zugang zum staatlichen Fernsehen, nachdem der einzige oppositionelle Sender schon kurz nach der Machtergreifung besetzt und abgeschaltet wurde.

"Man kann nicht von einem Konformismus der georgischen Literatur sprechen. Die Künstler, die Schriftsteller sind kritisch. Sie protestieren durch das gedruckte Wort. Aber das gedruckte Wort ist nicht gefährlich. Es könnte mit der Zeit eine Situation entstehen, wo die Regierung den verbalen Protest als einen Widerstand wahrnehmen würde. Nämlich, wenn eines Tages Internet genauso intensiv wahrgenommen wird wie das Fernsehen. Aber augenblicklich sieht es nicht so aus."

Serie: Regime in Osteuropa:
Teil 1: Künstler und Intellektuelle in Weißrußland
Teil 2: Künstler und Intellektuelle in der Ukraine