(zeit.de) Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan. S. Fischer Verlag; 248 S., 19,99 €, als E-Book 17,99 €
Für das neue Buch von Stephan Wackwitz, Die vergessene Mitte der Welt – Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan, habe ich meinen alten Schulatlas hervorgekramt und festgestellt: Kaum etwas entfaltet eine stärkere Sogkraft als eine Landkarte. Der Finger auf der Landkarte kann dem Feldherrn gehören, der sich ein Weltreich erobern will, dem Entdecker, der neue Räume gangbar macht, dem Kaufmann, der nach der sichersten Handelsroute sucht, dem Investor, der von neuen Märkten träumt, oder dem Kulturtopografen, der in den vergessenen Winkeln des Raumes die Überdauerungen vergangener Zeiten entdeckt.
Darin ist Stephan Wackwitz, einer unserer glänzendsten Essayisten, ganz groß. Als Leiter verschiedener Goethe-Institute kennt er die Welt. Er war unter anderem in Krakau, Bratislava und New York. Doch sein Herz hat er erst jetzt in Tbilissi verloren. Seine Liebe springt auf den Leser über, der sich verwundert die Augen reibt, wie ihm eine Gegend, die ihm bis dahin noch weniger als Hekuba war, zum Sehnsuchtsort wird. Zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer entdeckt Wackwitz einen Raum, der das genaue Gegenteil der Welt ist, in die wir mit unserer Miles-&-More-Karte ohne Reibungsverluste einchecken können. Als Mitte der Welt bezeichnet Wackwitz den Kaukasus, weil er geostrategisch eine Drehscheibenfunktion hatte zwischen Europa, Asien und Afrika. Keine Weltmachtfantasie, in der er nicht vorkommt. Gleichzeitig ist Georgien eine arkadische Landschaft, von den Russen gern als ihr Italien umschwärmt (und erobert). Wie in einem frühen Fellini-Film fühlt sich Wackwitz hier, weil sich die schockartige Modernisierung mit dem geschichtsfatalistischen Verfall, der Renitenz des Überkommenen, verbindet und so Dumpfheit in Poesie verwandelt. Die elementare Kraft der Dinge schlägt Wackwitz in ihren Bann. Ein bisschen ist er in diesem Buch der Peter Handke der Seidenstraße. Nur Dummköpfe können das für eine abschätzige Bemerkung halten.
Ijoma Mangold
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Monday, July 28, 2014
LESETIPP: Noch ein Land, in dem Orangen blüh’n - Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der Welt. Von Ijoma Mangold (zeit.de)
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Sunday, May 04, 2014
ARTE: Gérard Depardieu: Lieben, essen, vögeln - im Kaukasus. Von Katja Nicodemus (zeit.de)
(zeit.de) Eine Arte-Dokumentation schickt den Schauspieler Gérard Depardieu auf den Spuren von Alexandre Dumas in den Kaukasus.
"Schöner Text. Ich glaub das wird eine Katastrophefilm fürs Gemüt oder ein unbeabsichtigtes Meisterstück. Aber was sich da wieder unseren kulturellen Fernseheliten ausgedacht haben? Sie kungeln auch mit jedem ... Der Obelix soll uns den Braten vor die Füße werfen. Es geht wohl nur um die Quote, da sicher am Ende des Films einfach nichts ... aber auch gar nichts relevantes herauskommt!!!
Im Zeitartikel wird der wohl treffliche Satz formuliert: "Man könnte sagen, dass hier ein Promi-Konzept zu etwas Tragikomischem implodiert" - worauf mir einfiel, dass das wohl beinahe schon eine universelle Aussage ist ... ich bin gespannt, wie das abgeht ... heute abend. Ich vermute, da es äußerst selten in unseren spröden Zeiten vorkommt, sich selbstironisch in Szene zu setzen und sich dabei auch selbst nicht zu ernst zu nehmen. Ich vermute, dass das ganze mehr als peinlich wird. Depardieu hat sich ja ernsthaft in merkwürdige Situationen begeben. Ich sage nur Busenfreundschaften mit den richtigen Kerlen aus einer anderen Welt, weil er sich zu Hause gelangweilt hat. Und das meint er auch so ... Wenn das heute abend nicht funzt, dann muss ich schon mal die Redaktion in Frage stellen, die das veranlasst hat. Dann ist das eine ganz billige Nummer, und ich muss teils den Spartenkanal in Frage stellen oder fragen, wer hat denn da schon wieder seine Hände im Spiel gehabt hat ... und sein Gehirn nicht eingeschaltet." (Ralph Hälbig)
Der Zeitartikel hier >>>
In einer Suite des Pariser "Hôtel des Trois Empereurs" entschließt
sich Alexandre Dumas 1858 aus einer plötzlichen Anwandlung heraus,
zusammen mit dem Maler Jean-Pierre Moynet in den Kaukasus zu reisen.
Festgehalten haben sie dieses Abenteuer im Buch "Gefährliche Reise durch
den wilden Kaukasus (1858-59)“. Der französische Schauspieler Gérard
Depardieu ist sowohl ein begeisterter Leser von Dumas als auch ein
Kenner und Liebhaber des Kaukasus. Es entstand die Idee, dem Text zu
folgen und eine Reise auf den Spuren des berühmten Autors zu unternehmen
- begleitet wurde er dabei vom Zeichner Mathieu Sapin.
Im Zwiegespräch zwischen den beiden erfährt der Zuschauer mehr über die Person und den Künstler Gérard Depardieu, dessen Stimme zuweilen eins wird mit der des Autors. Während der Reise liest der Schauspieler immer wieder aus Dumas‘ Originaltexten. Die grandiosen Landschaftsbilder und die Entdeckung des heutigen Kaukasus schlagen Brücken zu den damaligen Erlebnissen und geben dem vor rund 150 Jahren verfassten Reisebericht eine neue, aktuelle Dimension.
Unter anderem besuchen Depardieu und Sapin die aserbaidschanische Hauptstadt Baku. Dort gesellt sich der lokale Journalist und Historiker Fuad Akhundov zu ihnen. Natürlich hat sich die Gegend seit Dumas‘ Besuch 1858 stark verändert. Baku ist eine hochmoderne Großstadt geworden – eingebettet in die aserbaidschanische Tradition mit all ihren Widersprüchen.
Gérard Depardieu führt auf eine abwechslungsreiche und humorvolle Exkursion in eine wenig bekannte Region. Es geht um deren Geschichte, die Menschen und Kulturen, aber auch um Dumas und Depardieu, die beide - im Leben wie in der Kunst - ständig auf der Suche geblieben sind.
TV-Kritik: "Reise durch den Kaukasus" - Abenteuer und Unvernunft, das gefällt ihm [faz.net]
"Schöner Text. Ich glaub das wird eine Katastrophefilm fürs Gemüt oder ein unbeabsichtigtes Meisterstück. Aber was sich da wieder unseren kulturellen Fernseheliten ausgedacht haben? Sie kungeln auch mit jedem ... Der Obelix soll uns den Braten vor die Füße werfen. Es geht wohl nur um die Quote, da sicher am Ende des Films einfach nichts ... aber auch gar nichts relevantes herauskommt!!!
Im Zeitartikel wird der wohl treffliche Satz formuliert: "Man könnte sagen, dass hier ein Promi-Konzept zu etwas Tragikomischem implodiert" - worauf mir einfiel, dass das wohl beinahe schon eine universelle Aussage ist ... ich bin gespannt, wie das abgeht ... heute abend. Ich vermute, da es äußerst selten in unseren spröden Zeiten vorkommt, sich selbstironisch in Szene zu setzen und sich dabei auch selbst nicht zu ernst zu nehmen. Ich vermute, dass das ganze mehr als peinlich wird. Depardieu hat sich ja ernsthaft in merkwürdige Situationen begeben. Ich sage nur Busenfreundschaften mit den richtigen Kerlen aus einer anderen Welt, weil er sich zu Hause gelangweilt hat. Und das meint er auch so ... Wenn das heute abend nicht funzt, dann muss ich schon mal die Redaktion in Frage stellen, die das veranlasst hat. Dann ist das eine ganz billige Nummer, und ich muss teils den Spartenkanal in Frage stellen oder fragen, wer hat denn da schon wieder seine Hände im Spiel gehabt hat ... und sein Gehirn nicht eingeschaltet." (Ralph Hälbig)
Der Zeitartikel hier >>>
Reise durch den Kaukasus. Gérard Depardieu auf den Spuren von Alexandre Dumas
Sonntag, 04. Mai um 21:55 Uhr (54 Min.)
link: arte.tv
Im Buch "Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus" hielt Alexandre
Dumas seine persönlichen Reiseabenteuer des Jahres 1858 fest. Seine
Intuition, Leidenschaft und seine Unvernunft inspirierten Gérard
Depardieu rund 150 Jahre später, einen Teil der Reise auf Dumas‘ Spuren
nachzuerleben. Ähnlich wie sein Vorgänger wird er von einem Zeichner
begleitet ...
Im Zwiegespräch zwischen den beiden erfährt der Zuschauer mehr über die Person und den Künstler Gérard Depardieu, dessen Stimme zuweilen eins wird mit der des Autors. Während der Reise liest der Schauspieler immer wieder aus Dumas‘ Originaltexten. Die grandiosen Landschaftsbilder und die Entdeckung des heutigen Kaukasus schlagen Brücken zu den damaligen Erlebnissen und geben dem vor rund 150 Jahren verfassten Reisebericht eine neue, aktuelle Dimension.
Unter anderem besuchen Depardieu und Sapin die aserbaidschanische Hauptstadt Baku. Dort gesellt sich der lokale Journalist und Historiker Fuad Akhundov zu ihnen. Natürlich hat sich die Gegend seit Dumas‘ Besuch 1858 stark verändert. Baku ist eine hochmoderne Großstadt geworden – eingebettet in die aserbaidschanische Tradition mit all ihren Widersprüchen.
Gérard Depardieu führt auf eine abwechslungsreiche und humorvolle Exkursion in eine wenig bekannte Region. Es geht um deren Geschichte, die Menschen und Kulturen, aber auch um Dumas und Depardieu, die beide - im Leben wie in der Kunst - ständig auf der Suche geblieben sind.
Saturday, December 28, 2013
NORDMANNTANNEN: Der Zapfenstreit. Von Paula Scheidt (zeit.de)
(zeit.de) Er duftet, er glänzt – und er hat eine Vorgeschichte: Bevor alle Jahre wieder ein Weihnachtsbaum in unserem Wohnzimmer steht, klettern Zapfenpflücker in Georgien auf 50 Meter hohe Tannen, streiten sich Deutsche und Dänen im Kaukasus um das beste Saatgut, fallen viele böse Worte und fliegen manchmal die Fäuste ...
Nach einem langen Aufstieg durch Farne, Brombeerdickicht und kniehohes Gras stemmt Karl Moser seine klobigen Schuhe in den Waldboden und legt seine Arme um die schönste Tanne, die er je gesehen hat. Ein Traum von einem Baum. Pyramidenförmig, dichte Äste, buschige Nadeln. Nahezu vollkommen. So eine Tanne existiert kein zweites Mal. Weder hier in Georgien noch sonst wo. "Das ist die Granate, die wir brauchen!", ruft Moser schnaufend.
Er kann den Stamm mit beiden Armen umfassen. "200 bis 300 Jahre alt, 30 Meter hoch", schätzt Moser. Neben Moser steht ein Mann und nickt: sein Geschäftspartner Henning Pein. "Perfekte Weihnachtsbaum-Gene", sagt Pein. Und das größte Glück: Die Baumkrone hängt voller rötlich schimmernder Zapfen, mit Zehntausenden winziger Tannenbaumsamen.
Fast 3000 Kilometer entfernt von ihrer Heimat stehen zwei Deutsche im August 2013 in einem Wald im Kaukasus und umarmen eine Tanne wie eine Chance, die es zu ergreifen gilt. Karl Moser und Henning Pein, beide Mitte fünfzig, Moser kahl, mit Stirnfalten, Pein mit rotblondem Haar. Zwei Handlungsreisende in Förstergrün, die sich in den tiefsten Osten Europas begeben haben, an den Anfang einer Geschichte, die jedes Jahr zu Weihnachten ihr Ende in den Wohnzimmern Westeuropas findet.
Gemeinsam mit Pein betreibt Moser die PlusBaum Samen GmbH. Sie sind die Zulieferer einer Zulieferindustrie: Sie verkaufen Samen an deutsche Baumschulen für alle Bäume, die in Wäldern, Parks und Gärten gepflanzt werden – Eiche, Buche, Douglasie, Weißtanne, Ahorn.
Am meisten Geld verdienen Moser und Pein mit den Samen der Nordmanntanne. "Sie ist der einzige Baum, den die Deutschen konsumieren wie ein Wegwerfprodukt", hatte Moser im Auto gesagt. Jedes Jahr zu Weihnachten, 24 Millionen Mal. Was kaum ein Kunde weiß: Die Samen des Weihnachtsbaums wachsen dort, wo sich Europa in den Weiten Asiens verläuft. Deshalb diese Reise.
Im Transitbereich des Flughafens Istanbul-Atatürk hatte Moser Pein in der Menge gesichtet. Pein, dem auch eine Baumschule in Norddeutschland gehört, war in Hamburg ins Flugzeug gestiegen. Nun schlug ihm Moser auf die Schulter: "Dann woll’n wir mal." Sie tranken ein überteuertes Heineken und stiegen in eine Maschine in die georgische Hauptstadt Tbilissi.
Die schönsten Nordmanntannen wachsen im Kaukasus ab etwa 1.000 Meter Höhe, in der Region Ambrolauri, nahe der Grenze zu Russland. Die Bergrücken fallen zu einem Stausee ab, dem Schaori-See. Tagsüber spiegelt sich die Sonne auf dem Wasser, nachts der Mond. Aus den Tälern steigen Rauchsäulen. Die Menschen heizen ihre Häuser mit Holz, ihre Straßen sind aus nacktem Lehm. Armut und Idylle sehen sich in Ambrolauri zum Verwechseln ähnlich.
1841 hat der finnische Biologe Alexander von Nordmann hier eine Tannenart mit kräftigen Zweigen und tiefgrünen Nadeln entdeckt und sie Abies nordmanniana getauft. Lange interessierte dieser Fund nur Botaniker. Bis vor zwanzig, dreißig Jahren stellten die Deutschen an Weihnachten eher einheimische Blaufichten in ihre Wohnzimmer. Doch die Anspruchshaltung im Westen stieg: Weihnachtsbäume sollten tiefgrün leuchten und weder piksen noch nadeln.
Als im Osten der Kommunismus zusammenbrach, wurde der Blick auf die Nordmanntanne frei. Moser – wie Pein gelernter Gärtnermeister, dazu Außenhandelskaufmann – flog nach Georgien, vermaß Bäume, tüftelte Transportwege aus und wurde gemeinsam mit Pein zum größten deutschen Importeur für georgisches Saatgut.
Drei von vier in Deutschland verkauften Weihnachtsbäumen sind heute Nordmanntannen. Moser und Pein haben aus einer botanischen Rarität ein ökonomisches Massenprodukt gemacht.
Die Samen für neue Bäume ließen sich auch in Deutschland ernten, theoretisch. Aber es gibt hier kaum Nordmanntannen, man müsste sie erst anpflanzen. Und bis sie Zapfen tragen, dauert es Jahrzehnte. So lange wollen die Weihnachtsbaumproduzenten nicht warten. Also holen sie die Samen für die nächsten Tannen wieder aus Georgien.
Pro Jahr verkaufen Moser und Pein rund zwei Tonnen Samen aus dem Kaukasus an deutsche Baumschulen. Seit einiger Zeit aber stoßen sie auf Konkurrenz, wenn sie nach Ambrolauri kommen.
Früher waren Girci, Tannenzapfen, in Georgien so wertlos wie Laub. Sie fielen von den Bäumen und verfaulten. Seit in Europa die Nordmanntanne zum weihnachtlichen Sinnbild avancierte, ist aus den Zapfen ein wertvoller Rohstoff geworden. Sie sind Georgiens Gold. Und um Gold wird gekämpft.
Importeure wie Moser und Pein wollen die Zapfen haben. Aber auch die Einheimischen. Der Staat. Eine Mafia, angeführt von einem georgischen Maiglöckchenhändler. Und noch eine Mafia hinter der Mafia, von Russen geführt.
In den Wäldern von Ambrolauri ist schwer zu erkennen, wer gut und wer böse ist in diesem Kampf.
Am Flughafen Tbilissi wurden Moser und Pein von drei Georgiern empfangen, die so wenig Englisch sprachen wie Moser und Pein Georgisch. Die Verständigung beschränkte sich auf Händeschütteln und schiefes Lächeln, bis eine Dolmetscherin in den gemieteten Geländewagen zustieg.
Fünf Stunden dauerte die Fahrt über kurvige Bergstraßen nach Ambrolauri, es folgte eine Nacht auf harten Matratzen, Zähneputzen am Brunnen und nun der Aufstieg durch den Wald. "Wir sollten zusammenbleiben, ich habe hier schon mal die Orientierung verloren", sagt Moser zu Pein.
Am Stamm des perfekten Weihnachtsbaumes hängt ein kleines Metallschild. Darauf steht mit schwarzer Farbe eine Zahl gekritzelt: 4.
Bei ihrem Besuch vor einem Jahr hatten Moser und Pein 33 Bäume markiert, die besonders schön gewachsen waren, deren Zapfen besonders gute Samen versprachen. An die Stämme hatten sie Schilder genagelt. Die meisten sind verschwunden. Moser massiert sich die Schläfen. "Jemand muss die Schilder abgerissen haben", sagt er langsam.
Dabei ist das hier ihr Erntegebiet, offiziell verbrieft. In diesem Wald passieren seltsame Dinge.
Moser überlegt. "Besser, wir entfernen auch dieses Schild", sagt er. "Wir sollten nicht unnötig auf unsere Prachttanne hinweisen."
Ein nasser Sommer kann alles zunichtemachen
Bis heute ist Georgien für Moser und Pein ein Land voller Rätsel. Die verlassenen Städte, die schwarzen Fabrikruinen. "Ich frag mich, was die Menschen hier machen, ich sehe keine einzige Firma, die funktioniert", flüsterte Moser im Geländewagen. Und Pein sagte, er wünsche sich von den Georgiern mehr Elan: "Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden. Es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun. Das ist von Goethe."
In vier Wochen, Ende September, soll die Ernte beginnen. Moser und Pein sind nach Ambrolauri gekommen, um die Zapfen zu prüfen, Erntemengen zu berechnen und Verträge mit vertrauenswürdigen Pflückern aufzusetzen. Die vergangenen beiden Jahre waren miserabel: Es gab wenige Zapfen, und die waren auch noch von Insekten zerfressen.
Die Abhängigkeit vom Wetter macht den Kampf um Georgiens Tannenzapfen unberechenbarer als den um andere Rohstoffe. Öl fließt, sobald die Quelle angebohrt ist, Diamanten vertrocknen nicht in wochenlanger Dürre. Doch selbst wenn ein Samensammler an alles gedacht, den besten Wald gefunden, eine Erntelizenz gekauft, Pflücker eingestellt hat – ein nasser Sommer kann alles zunichtemachen. Noch eine schlechte Ernte, und Moser und Pein können kein Saatgut mehr liefern. Dann fehlen in ein paar Jahren in Europa die Weihnachtsbäume.
Moser zückt sein Taschenmesser, legt einen unreifen Zapfen vor sich auf einen Baumstumpf und schneidet ihn der Länge nach auf. Die beiden Hälften kippen rechts und links der Klinge auseinander.
Moser hält die Luft an, dann atmet er langsam aus. Pein, der eine Ansammlung fremdartiger Pilze studiert hat, dreht sich um. "Das wird eine Wahnsinnsernte", sagt Moser. Die Samen liegen gleichmäßig und unversehrt im Inneren des Zapfens. Hunderte kleiner Körner, nicht größer als Sonnenblumenkerne. In einem Monat, wenn kein Harz mehr aus den Zapfen tritt, werden sie reif sein. Dann müssen sie aus bis zu 50 Meter hohen Baumkronen gepflückt werden. Es muss schnell gehen – bevor die Zapfen sich öffnen und der Wind die Samen verteilt.
"So etwas habe ich seit Jahren nicht gesehen", sagt Moser. Seine Stirnfalten haben sich geglättet.
In der Stube von Gia Momzemlidse ist der Tisch für das Abendessen gedeckt. Schüsseln und Teller, gefüllt mit Tomaten, Ziegenkäse, Huhn, Krautsalat, Bohnenbrot, gebackener Paprika, Pflaumensoße. Momzemlidse ist 38 Jahre alt, Vater von zwei Kindern und Förster, angestellt beim Ministerium für regionale Entwicklung und Infrastruktur, gesegnet mit dem Bauchansatz eines Bessergestellten. Im Herbst soll er als Chefpflücker für Moser und Pein arbeiten. Weil es in den Tälern um den Schaori-See keine Hotels gibt, übernachten die beiden Deutschen in seinem Haus.
Es ist nicht aus Holz wie die anderen im Dorf, sondern aus rotem Ziegel. Momzemlidse hat einen Internetanschluss und eine Toilette mit Spülung. Aber die Wände sind dünn, im Winter heult der Wind durch die Fensterritzen.
Er stellt Moser ein randvolles Glas hin. Der mag nicht schon wieder trinken. Der süße Wein bekommt ihm nicht. Nach jeder Georgien-Reise schreibt er in sein Notizbuch: "zu viel gelabert".
Aber was soll er machen? Es geht jetzt darum, sich gegenseitig Vertrauen anzutrinken.
Moser nimmt einen Schluck. Dann fängt er an, über die Arbeit zu sprechen. "Wir haben in Deutschland ein Problem", sagt er. "Billiges Saatgut überschwemmt den Markt. Es steht Ambrolauri als Herkunftsort drauf, aber es muss illegal geerntet worden sein, sonst wäre es nicht so billig. Diese Mafiosi machen uns das Geschäft kaputt."
Momzemlidse nickt und schweigt.
Moser und Pein haben von Jahr zu Jahr weniger Kundenanfragen. Immer mehr Konkurrenten bieten Samen aus Georgien an, immer weniger Baumschulen kaufen bei der PlusBaum Samen GmbH.
2009 hat das georgische Wirtschaftsministerium die 80.000 Hektar Wald um den Schaori-See aufgeteilt und Erntelizenzen versteigert. Moser und Pein haben eine fünfstellige Summe bezahlt, damit sie in ihrem Waldabschnitt zwölf Jahre lang jede Saison 17,5 Tonnen Zapfen ernten dürfen, aus denen sich ihre knapp zwei Tonnen Samen kratzen lassen.
Doch die Ordnung hat Risse bekommen. Einem skandinavischen Unternehmen wurde die Lizenz geschenkt, heißt es. Und die Regierung hat angefangen, für weitere Waldgebiete einjährige Zusatzlizenzen herauszugeben. Mehr Wald heißt: mehr Samen. Das macht den Preis kaputt.
Moser und Pein stellten auch fest, dass im Herbst während der Ernte oft gar nicht kontrolliert wird, wer eine Lizenz besitzt. "Das ist eine Riesensauerei", schimpft Moser. "Unsere teure Lizenz ist für die Katz."
Vor einigen Jahren wollten Unbekannte die beiden Deutschen erpressen: Sie verlangten Schutzgeld. Als Moser und Pein nicht zahlten, wurden ihre Pflücker von bewaffneten Männern überfallen. Danach trugen die Pflücker eine Zeit lang Maschinenpistolen bei sich. Wie Nebel liegt jetzt das Misstrauen über den Wäldern und Dörfern rund um den Schaori-See. Wer Freund ist und wer Feind, ist oft spät zu erkennen. Manchmal gar nicht.
Gia Momzemlidse arbeitet seit zehn Jahren für Moser und Pein. Er hält die beiden Deutschen für ein wenig steif. Sie trinken nicht und lassen die Samen jedes Jahr von einem Institut für Forstgenetik untersuchen. Aber sie haben auch ihre gute Seite. Sie zahlen pünktlich und meist mehr als die Konkurrenz.
Im vergangenen Jahr, als die Ernte schlecht war, versuchte ein Georgier im Auftrag des dänischen Großunternehmens Levinsen & Abies, Momzemlidses Pflückern die Zapfen für Moser und Pein zu einem noch höheren Preis abzukaufen. Momzemlidse verprügelte ihn. Seitdem gilt er als eine Art ständige Vertretung der PlusBaum Samen GmbH in Georgien.
Drei Tage lang bereiten Moser und Pein in Ambrolauri ihr Weihnachtsbaumgeschäft vor. Sie gehen mit Momzemlidse Wachteln schießen. Sie spähen mit einem Feldstecher die Zapfen im Waldabschnitt ihres dänischen Rivalen aus. Sie messen mithilfe eines elektronischen Chips, den sie voriges Jahr im Unterholz versteckt haben, die Temperatur im Wald, begutachten die Maschine, mit der die Samen aus den Zapfen getrennt werden, und müssen mit Momzemlidse dauernd einen trinken. Einmal flüstert Moser zu Pein: "Zum Glück sind die nicht in der EU."
Es gibt neuerdings noch einen Konkurrenten, der Moser und Pein Ärger macht: Fair Trees, auch aus Dänemark. Die Marke wirbt damit, ihre Weihnachtsbäume seien fair gehandelt. Die Pflücker tragen Schutzhelme, ein Teil des Erlöses geht an die lokale Bevölkerung. Kommt gut an bei deutschen Käufern.
Moser und Pein haben sich eine Gegenstrategie überlegt: Bio-Bäume. Beim Frühstück am Tag ihrer Abreise legen sie Momzemlidse einen Arbeitsvertrag für alle seine 15 Pflücker vor. Ein ordentlicher, schriftlicher Kontrakt zwischen deutschen Auftraggebern und georgischen Pflückern ist erste Voraussetzung für eine Bio-Zertifizierung.
Auf dem DIN-A4-Papier stehen einige Verhaltensregeln für die Ernte: keine Steigeisen an die Füße schnallen, weil die den Stamm verletzen. Nie die ganze Baumkrone abernten. Keine Äste abbrechen. Und: Alle Arbeiter tragen Sicherheitsausrüstung.
"Warum steht das da?", fragt Momzemlidse. "Einen Helm will ich nicht, der ist zu schwer. Und Schutzkleidung? So etwas besitzen wir nicht. Zu teuer. Das unterschreibe ich nicht."
Moser zieht die Augenbraue hoch. "Helme bringen wirklich nichts", sagt er. "Wenn man runterfällt, ist eh Ende."
Momzemlidse rennt raus und kommt mit einer rot-blau geringelten Kindermütze wieder, die er sich tief in die Stirn zieht. "So etwas brauchen wir, damit das Harz die Haare nicht verklebt", sagt er.
Mützen? Moser und Pein schauen sich an.
Helmverschlüsse, sagt Momzemlidse, verhakten sich dauernd in den Zweigen. Aber Mützen sind nicht bio. Tief im Kaukasus trifft europäische Ethik auf georgischen Pragmatismus. Es geht hin und her.
Irgendwann sagt Pein mit einem Seufzer: "So viel Streit dafür, dass der Weihnachtsbaum später Ruhe und Frieden verbreiten soll."
Man weiß nie, wer von der Mafia bezahlt wird
Bevor er mit Pein zurück nach Tbilissi fährt, besucht Moser den Provinzgouverneur. Vielleicht kann er helfen, das Chaos im Wald einzudämmen. In Ambrolauri, der regionalen Hauptstadt, leben 2.400 Einwohner, acht von zehn Erwerbsfähigen hier haben keinen festen Job. Im Rathaus – außer der Polizeistation das einzige Gebäude im Ort, das nicht aussieht, als könne es jeden Augenblick einstürzen – sitzt der Gouverneur hinter einem dunklen Konferenztisch und schaut Moser an. In seinem Gesicht regt sich nichts. Im Regal stehen Spirituosen.
"Sie möchten etwas für die Bevölkerung tun?", fragt der Gouverneur. "Gute Idee! Uns fehlt es an allem. Wenn Sie eine Straße bauen oder eine Schule sanieren, helfen wir gerne." Für Moser läuft das Gespräch in die falsche Richtung. Das liegt an Momzemlidse. Er hatte das Treffen vereinbart und Moser anvertraut: "Für einen Termin beim Gouverneur braucht man einen guten Grund. Ich habe gesagt, ihr wollt euch sozial engagieren."
"Wir überlegen uns das", sagt Moser zum Gouverneur. "Aber Sie müssen sich zuerst darum kümmern, dass nicht weiter illegal Saatgut geerntet wird. Das ruiniert uns das Geschäft."
"Ein großes Problem!", stimmt der Gouverneur zu, wirkt aber nicht besonders besorgt. Die Dolmetscherin hatte Moser empfohlen, keine Visitenkarte herauszugeben. Er solle sagen, er habe sie vergessen. Man wisse nie, wer alles von der Mafia bezahlt werde.
Moser und Pein reden wenig auf dem Rückflug nach Europa. Moser blättert im Nadel-Journal, dem Branchenmagazin. Pein liest in einem Buch namens Der Mönch, der seinen Ferrari verkaufte, eine Empfehlung seiner Yogalehrerin.
Anfang September, Moser und Pein sind seit zehn Tagen aus Georgien zurück, findet im sauerländischen Eslohe die Internationale Weihnachtsbaumbörse statt. Im Sauerland liegt das größte zusammenhängende Weihnachtsbaum-Anbaugebiet Europas, 11.000 Hektar groß. Hier werden aus Samen Bäume, wachsen Tannen und Profit. Als der Orkan Kyrill 2007 ganze Wälder fällte, nutzten die Baumproduzenten die Gelegenheit, um auf noch mehr Flächen kleine Nordmanntannen anzupflanzen.
Die Branche trifft sich in einer Schützenhalle außerhalb des Ortes. Hier hält am Wochenende nicht einmal ein Bus. 1.500 Besucher reisen an, aus Bayern, dem Schwarzwald, auch aus Dänemark, Besitzer von Baumschulen, Samenhändler, Weihnachtsbaumverkäufer. Maschinenbauer kommen mit Anhängern, auf die riesige Apparate zum Düngen, Fällen oder Verpacken von Weihnachtsbäumen geschnallt sind. Schweres Gerät, fast wie für einen Krieg. Es regnet. In der Halle gibt es belegte Brote.
Der Vorsitzende des Bundesverbandes der Weihnachtsbaumerzeuger hält eine Begrüßungsrede. "450 Millionen Euro stehen nicht für irgendwas, sondern für den Umsatz im Weihnachtsbaumgeschäft", ruft er. "450 Millionen Euro stehen auch für Arbeitsplatzsicherheit. Das verstehen die da oben in der Politik langsam. Trotzdem bekommen wir Weihnachtsbaumproduzenten keine Subventionen wie andere Landwirte, wir kämpfen auf dem freien Markt."
Moser nickt zustimmend. Um ihn herum sitzen Männer in Gummistiefeln, karierten Hemden und bunten Funktionsjacken. Männer, die wenig Worte machen. Man braucht gute Nerven, wenn es im November regnet, stürmt und schneit, die Maschinen im Matsch versinken oder einfrieren und 80 Millionen Deutsche trotzdem erwarten, dass der Baum pünktlich zu den Feiertagen in ihrem Wohnzimmer steht.
Moser tritt in den Regen hinaus. Er sieht den Messestand von Levinsen & Abies, dem Konkurrenten aus Dänemark, auf dessen Unterhändler Mosers Chefpflücker Momzemlidse im vergangenen Jahr wütend einschlug. Einer der Geschäftsführer sitzt unter dem Dach des Stands.
"Und, wie läuft es bei euch dieses Jahr?", fragt Moser. Er schildert das Problem mit dem illegalen Saatgut. "Es wäre schön, wenn ihr da auch mal was unternehmen würdet", sagt Moser.
Der Däne reagiert kaum. "Ja, das ist schon ein Problem", sagt er dann. Die Schlägerei erwähnen beide mit keinem Wort. Was in Georgien passiert, bleibt in Georgien.
Mit dem Herbst kommt der Regen nach Ambrolauri. Im Haus des Chefpflückers Momzemlidse stapeln sich Etiketten, die bald auf prall gefüllten Säcken kleben sollen. Vor ein paar Tagen holten die Männer einen Zapfen vom Baum und pressten ihn mit den Händen zusammen. Es tropfte Harz heraus, für die Ernte ist es noch zu früh. Ab und zu ruft Moser an, dieser gewissenhafte Deutsche, und sagt, die Georgier sollten sich gedulden. Von Tag zu Tag würden die Samen besser. Also liegt Gia Momzemlidse im Wohnzimmer auf dem Sofa und schläft.
Auch sein Nachbar, 20 Jahre alt, wartet und spielt mit einem Cousin Backgammon. Jeden Herbst kommt er für die Zapfenernte hinauf in die Berge, um für Momzemlidse auf die Bäume zu klettern. Das übrige Jahr schuftet er in einer Kohlenmine. "Lieber würde ich das ganze Jahr über Zapfen pflücken", sagt er. Aber die Erntezeit dauert nur zwei Wochen. Seine Frau trägt ein Baby auf dem Arm. Die Hälfte der 60 Familien im Dorf haben Zapfenpflücker im Haus. In den umliegenden Dörfern ist es dasselbe. Alle sitzen und warten und belauern den Nachbarn.
Wer zu früh pflückt, kommt mit unreifen Zapfen nach Hause. Aber wer zu spät in die Bäume steigt, verdient womöglich gar nichts – sogar in einem guten Jahr wie diesem. Weil dann schon die Schwarzpflücker in den Wäldern waren und ihre Beute illegal, am Zoll vorbei, nach Europa verkauft haben.
Die Manager von Fair Trees schätzen, dass mittlerweile 70 bis 90 Prozent der Nordmannsamen, die in den Westen kommen, illegal geerntet sind. Dass diese Hehlerware, zu früh gepflückt und schlecht gelagert, manchmal nichts taugt, wird in den Baumschulen erst ein paar Jahre später deutlich. Bis aus einem weit gereisten Samen ein Weihnachtsbaum wird, vergehen etwa acht Jahre.
Hinter Momzemlidses Haus stehen sieben Pflücker mit verschränkten Armen. Momzemlidse hat sie zusammengerufen. "Die Tannenzapfen sind für uns Milch, Honig und Brot", sagt er. "Besser wäre natürlich, wenn direkt das Geld oben hinge." Die Männer lachen. Auf Anweisung der Deutschen soll Momzemlidse ihnen zeigen, wie man einen Klettergurt anzieht. Moser und Pein haben auch Öljacken und Gummihosen geschickt, Schutzkleidung. "Wenn die gut ist, ziehe ich die auch sonst an", sagt einer.
Die Winter sind hart in Georgiens Bergen, die Temperaturen fallen weit unter null, die Brunnen frieren zu. Mit dem Schnee kommen Bären und Wölfe in die Dörfer, auf der Suche nach Nahrung.
Die meisten Menschen gehen dann ins Tal hinunter, in die Städte. Sie erzählen sich wilde Geschichten von Betrug, Verrat und unermesslichem Reichtum. In ihren Wäldern wachsen die Verschwörungstheorien mittlerweile schneller als die Bäume.
Ein reicher Jude, heißt es, habe 25 Dollar pro Kilo Zapfen bezahlt, bis er auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen sei. Und der russische Präsident Putin höchstpersönlich besitze einen Wald mit Nordmanntannen nördlich des Schwarzen Meeres.
Trotz der Gerüchte wissen viele Männer nach wie vor nicht, was mit den Zapfen geschieht, für die sie in die Bäume klettern. Daraus werde in einem fernen Land Parfüm hergestellt, vermuten manche. Von deutschen Weihnachtsbaumplantagen haben sie nie gehört. Weihnachtsbäume kauft in Georgien niemand, abgesehen von ein paar Reichen in Tbilissi.
Auch die Pflücker von Fair Trees warten, auf 1.800 Meter Höhe, mitten im Wald. Seit drei Tagen und zwei Nächten hoffen sie, dass der Regen aufhört. Er macht die Stämme glitschig und das Klettern noch gefährlicher. Die Chefs haben verboten, bei Regen zu klettern. Sie haben auch verboten, ohne Sicherheitsausrüstung in die Bäume zu steigen.
Schweigend hocken die Männer um ein kleines Feuer und rauchen. Ab und zu verschwindet einer mit der Axt im Wald und kommt mit ein paar feuchten Holzscheiten zurück. Mit einer Plastikplane und Ästen haben sie ein Dach über ihrer Schlafstätte gebaut, dort liegen Schlafsäcke und zwei Gewehre.
Bio, öko, fair gepflückt – der Regen von Ambrolauri verwäscht alle Labels. Mosers und Peins Pflücker unten im Dorf haben zwar keine Helme, warten aber im Warmen. Die Erntehelfer der sozial engagierten Dänen sind ausgerüstet wie Bergsteiger, hausen aber im Wald wie in einem Slum. Dafür gewährt Fair Trees den Kindern der Pflücker kostenlose Arztbesuche.
Er springt ab und greift nach der Spitze der Nachbartanne
Weiter unten ruckelt ein grauer Pick-up durch den Wald. Das hier ist offiziell das Erntegebiet der Dänen von Levinsen & Abies. Der Wald von Moser und Pein ist nicht weit. Drei kräftige Männer mit grimmigem Blick, dunklen Bärten und verdreckter Arbeitskleidung springen aus dem Auto. Dann ein dünner Junge, keine zwanzig Jahre alt. Es sind Schwarzpflücker.
Die vier Männer stammen aus dem Nachbardorf. Der Wald ist ihnen vertraut, sie sind hier aufgewachsen. Dieses Jahr soll der Schwarzmarktpreis hoch sein, haben sie gehört, zwei Lari pro Kilo Zapfen, umgerechnet 85 Cent. Sonst gab es manchmal nur 20 Cent.
In einer guten Baumkrone hängen bis zu 100 Kilo. Zwei Baumkronen bringen dieses Jahr also rund 170 Euro, das entspricht fast dem monatlichen Durchschnittseinkommen in Georgien.
Der Jüngste zieht sich eine harzverschmierte Wollmütze mit Augenschlitz über den Kopf, wie ein Bankräuber steht er im Wald. Er streift sich rote Handschuhe über und geht mit hochgezogenen Schultern und federndem Gang auf eine schmale Tanne zu. Seit er acht Jahre alt ist, steigt er in die Bäume.
Wie eine Katze zieht er sich am ersten Ast hoch, greift nach dem nächsten, immer dicht am Stamm. Er klettert schnell und still, immer höher, die Äste sind jetzt dünner als seine Handgelenke. Je höher er klettert, desto mehr schwankt der Baum.
Dann steht er oben in der Krone, die Baumspitze dicht neben seinem Gesicht. Mit einer Hand hält er sich am obersten Ast fest, der dünn ist wie ein Finger, dafür voll buschiger Nadeln. Mit der anderen Hand bricht er die Zapfen ab und wirft sie herunter. Durch die Äste rauschen sie bis auf den Waldboden.
Als keine Zapfen mehr in der Krone hängen, beugt er sich mit dem Oberkörper nach hinten wie ein Weitspringer beim Anlauf, schnellt dann nach vorne, sodass der Baum zu schwanken beginnt. Ein paar Mal schwingt er hin und her, dann springt er ab und greift nach der Spitze der Nachbartanne. So hat er sich einen Ab- und einen Aufstieg gespart.
Unten lehnt der Anführer der Gruppe an einem Baum. Sein Name sei Bekia Kemoklidse, sagt er. Er hat tiefe Augenringe, seine Lippe ist aufgeplatzt. "Manche von uns können zwölf Baumkronen hintereinander abernten", sagt Kemoklidse, "ohne den Boden zu berühren."
Einer seiner Komplizen sammelt die Zapfen auf. "Früher ist auch er in die Tannen gestiegen", sagt Kemoklidse, "aber vor fünf Jahren hatte er einen Unfall." Er war den Stamm bis zur Hälfte hochgeklettert, da brach ein Ast. Ein gebrochener Arm, gebrochene Rippen, die sich in die Lunge bohrten. Wäre er von oben abgestürzt, wäre er jetzt tot.
Fast jedes Jahr stirbt ein Pflücker. Viele verletzen sich. "Ich würde trotzdem keinen Klettergurt anlegen", sagt Kemoklidse. "Wenn man 30 Meter hoch- und 30 Meter runtersteigt, und das mehr als zehnmal am Tag, zählt jedes Gramm. Und wenn der Ast bricht, an dem das Seil hängt, schützt auch ein Gurt nicht."
Zapfen fallen auf den Waldboden. Der Junge hat auch den zweiten Baum abgeerntet. Er hangelt sich von Ast zu Ast hinunter, nicht am Stamm entlang, sondern außen an den Zweigen, das geht schneller. Er rutscht ein Stück auf einem Zweig, greift nach dem nächstunteren, rutscht weiter, bis er unten auf dem Boden steht, heftig atmend.
Es dämmert. Die vier Männer machen ein Feuer, holen Wein in Plastikflaschen aus dem Auto, Wurst, Brot, Thunfisch aus der Dose. Sie stellen die Konserven an die Flamme, spießen Käse auf Holzspieße. Kemoklidse hebt das Glas. "Auf alle Menschen, egal, aus welchem Land sie kommen. Auf unsere Kinder, denn Kinder bedeuten Fortschritt." Die Männer stehen in der Dunkelheit, unbeeindruckt vom Regen, der ihre Pullover und Anoraks durchnässt.
Von dem System der Erntelizenzen haben die Schwarzpflücker gehört. Es stört sie nicht, dass Männer wie Moser und Pein sie Zapfendiebe nennen. "Mein Großvater, mein Urgroßvater und sein Vater haben diese Bäume gepflegt", sagt Kemoklidse. Als Kinder haben sie in diesem Wald gespielt, warum sollten sie keine Zapfen pflücken? "Der Wald gehört den Menschen, die hier leben", sagt Kemoklidse.
Es ist dunkel geworden. Vom Tal steigt Gebrumm herauf. Voll beladene Pick-ups rollen auf die Dörfer zu. Wer nicht direkt für eine Saatgutfirma arbeitet, wie die von Moser und Pein, muss seine Zapfen schnell anderswo loswerden. In den Gärten der umliegenden Weiler stapeln sich Säcke auf Holzgestellen, hinter vorgehaltener Hand werden Namen von Schleusern und Zwischenhändlern gezischelt.
Nur noch ein paar Wochen bis Weihnachten, in den deutschen Supermärkten liegen längst Lichterketten und Lametta. In den Wäldern von Ambrolauri ist vom Fest der Liebe nichts zu spüren: Der dänische Chef der Firma Levinsen & Abies wird von seinen eigenen Pflückern verprügelt, weil er nicht den Preis zahlen will, den sie ihm mit einem Streik abgerungen haben. Ein gutes Jahr ist manchmal schlecht – plötzlich sind da mehr Samen, als sich verkaufen lassen.
Auch Moser und Pein scheinen zu pokern: Sie richten Momzemlidse aus, mit der Ernte weiter zu warten. Es ist nicht mehr klar, ob es den Deutschen um die Reife der Zapfen geht. Oder ob sie auf fallende Preise spekulieren. Oder einfach nur ratlos sind.
Eines Nachts steigt Momzemlidse in seinen Jeep. Der Nebel liegt über dem Weihnachtsbaumwald wie in einem alten kaukasischen Märchen. Moser und Pein haben noch immer kein Signal zur Ernte gegeben. Die Scheinwerfer von Momzemlidses Wagen schneiden einen gelben Kegel in die Dunkelheit. Im Labyrinth der Bäume sieht er ein paar Gestalten. Sie füllen Tannenzapfen in große Säcke.
Das hier ist der Waldabschnitt der PlusBaum Samen GmbH. Aber es sind nicht Momzemlidses Pflücker.
Momzemlidse stößt einen Fluch aus.
Nach einem langen Aufstieg durch Farne, Brombeerdickicht und kniehohes Gras stemmt Karl Moser seine klobigen Schuhe in den Waldboden und legt seine Arme um die schönste Tanne, die er je gesehen hat. Ein Traum von einem Baum. Pyramidenförmig, dichte Äste, buschige Nadeln. Nahezu vollkommen. So eine Tanne existiert kein zweites Mal. Weder hier in Georgien noch sonst wo. "Das ist die Granate, die wir brauchen!", ruft Moser schnaufend.
Er kann den Stamm mit beiden Armen umfassen. "200 bis 300 Jahre alt, 30 Meter hoch", schätzt Moser. Neben Moser steht ein Mann und nickt: sein Geschäftspartner Henning Pein. "Perfekte Weihnachtsbaum-Gene", sagt Pein. Und das größte Glück: Die Baumkrone hängt voller rötlich schimmernder Zapfen, mit Zehntausenden winziger Tannenbaumsamen.
Fast 3000 Kilometer entfernt von ihrer Heimat stehen zwei Deutsche im August 2013 in einem Wald im Kaukasus und umarmen eine Tanne wie eine Chance, die es zu ergreifen gilt. Karl Moser und Henning Pein, beide Mitte fünfzig, Moser kahl, mit Stirnfalten, Pein mit rotblondem Haar. Zwei Handlungsreisende in Förstergrün, die sich in den tiefsten Osten Europas begeben haben, an den Anfang einer Geschichte, die jedes Jahr zu Weihnachten ihr Ende in den Wohnzimmern Westeuropas findet.
Vor zwei Tagen ist Moser morgens um halb sechs in seinen Passat gestiegen und die 50 Kilometer zum Stuttgarter Flughafen gefahren, vorbei am Spalier der Straßenlaternen, durch seine Heimatstadt Nagold mit ihren Brunnen, Parks und Fachwerkhäusern.24 MillionenNordmanntannen kaufen die Deutschen zu Weihnachten. Aus einer botanischen Rarität ist ein ökonomisches Massenprodukt geworden
Gemeinsam mit Pein betreibt Moser die PlusBaum Samen GmbH. Sie sind die Zulieferer einer Zulieferindustrie: Sie verkaufen Samen an deutsche Baumschulen für alle Bäume, die in Wäldern, Parks und Gärten gepflanzt werden – Eiche, Buche, Douglasie, Weißtanne, Ahorn.
Am meisten Geld verdienen Moser und Pein mit den Samen der Nordmanntanne. "Sie ist der einzige Baum, den die Deutschen konsumieren wie ein Wegwerfprodukt", hatte Moser im Auto gesagt. Jedes Jahr zu Weihnachten, 24 Millionen Mal. Was kaum ein Kunde weiß: Die Samen des Weihnachtsbaums wachsen dort, wo sich Europa in den Weiten Asiens verläuft. Deshalb diese Reise.
Im Transitbereich des Flughafens Istanbul-Atatürk hatte Moser Pein in der Menge gesichtet. Pein, dem auch eine Baumschule in Norddeutschland gehört, war in Hamburg ins Flugzeug gestiegen. Nun schlug ihm Moser auf die Schulter: "Dann woll’n wir mal." Sie tranken ein überteuertes Heineken und stiegen in eine Maschine in die georgische Hauptstadt Tbilissi.
Die schönsten Nordmanntannen wachsen im Kaukasus ab etwa 1.000 Meter Höhe, in der Region Ambrolauri, nahe der Grenze zu Russland. Die Bergrücken fallen zu einem Stausee ab, dem Schaori-See. Tagsüber spiegelt sich die Sonne auf dem Wasser, nachts der Mond. Aus den Tälern steigen Rauchsäulen. Die Menschen heizen ihre Häuser mit Holz, ihre Straßen sind aus nacktem Lehm. Armut und Idylle sehen sich in Ambrolauri zum Verwechseln ähnlich.
1841 hat der finnische Biologe Alexander von Nordmann hier eine Tannenart mit kräftigen Zweigen und tiefgrünen Nadeln entdeckt und sie Abies nordmanniana getauft. Lange interessierte dieser Fund nur Botaniker. Bis vor zwanzig, dreißig Jahren stellten die Deutschen an Weihnachten eher einheimische Blaufichten in ihre Wohnzimmer. Doch die Anspruchshaltung im Westen stieg: Weihnachtsbäume sollten tiefgrün leuchten und weder piksen noch nadeln.
Als im Osten der Kommunismus zusammenbrach, wurde der Blick auf die Nordmanntanne frei. Moser – wie Pein gelernter Gärtnermeister, dazu Außenhandelskaufmann – flog nach Georgien, vermaß Bäume, tüftelte Transportwege aus und wurde gemeinsam mit Pein zum größten deutschen Importeur für georgisches Saatgut.
Drei von vier in Deutschland verkauften Weihnachtsbäumen sind heute Nordmanntannen. Moser und Pein haben aus einer botanischen Rarität ein ökonomisches Massenprodukt gemacht.
Die Samen für neue Bäume ließen sich auch in Deutschland ernten, theoretisch. Aber es gibt hier kaum Nordmanntannen, man müsste sie erst anpflanzen. Und bis sie Zapfen tragen, dauert es Jahrzehnte. So lange wollen die Weihnachtsbaumproduzenten nicht warten. Also holen sie die Samen für die nächsten Tannen wieder aus Georgien.
Pro Jahr verkaufen Moser und Pein rund zwei Tonnen Samen aus dem Kaukasus an deutsche Baumschulen. Seit einiger Zeit aber stoßen sie auf Konkurrenz, wenn sie nach Ambrolauri kommen.
Früher waren Girci, Tannenzapfen, in Georgien so wertlos wie Laub. Sie fielen von den Bäumen und verfaulten. Seit in Europa die Nordmanntanne zum weihnachtlichen Sinnbild avancierte, ist aus den Zapfen ein wertvoller Rohstoff geworden. Sie sind Georgiens Gold. Und um Gold wird gekämpft.
Importeure wie Moser und Pein wollen die Zapfen haben. Aber auch die Einheimischen. Der Staat. Eine Mafia, angeführt von einem georgischen Maiglöckchenhändler. Und noch eine Mafia hinter der Mafia, von Russen geführt.
In den Wäldern von Ambrolauri ist schwer zu erkennen, wer gut und wer böse ist in diesem Kampf.
Am Flughafen Tbilissi wurden Moser und Pein von drei Georgiern empfangen, die so wenig Englisch sprachen wie Moser und Pein Georgisch. Die Verständigung beschränkte sich auf Händeschütteln und schiefes Lächeln, bis eine Dolmetscherin in den gemieteten Geländewagen zustieg.
Fünf Stunden dauerte die Fahrt über kurvige Bergstraßen nach Ambrolauri, es folgte eine Nacht auf harten Matratzen, Zähneputzen am Brunnen und nun der Aufstieg durch den Wald. "Wir sollten zusammenbleiben, ich habe hier schon mal die Orientierung verloren", sagt Moser zu Pein.
Am Stamm des perfekten Weihnachtsbaumes hängt ein kleines Metallschild. Darauf steht mit schwarzer Farbe eine Zahl gekritzelt: 4.
Bei ihrem Besuch vor einem Jahr hatten Moser und Pein 33 Bäume markiert, die besonders schön gewachsen waren, deren Zapfen besonders gute Samen versprachen. An die Stämme hatten sie Schilder genagelt. Die meisten sind verschwunden. Moser massiert sich die Schläfen. "Jemand muss die Schilder abgerissen haben", sagt er langsam.
Dabei ist das hier ihr Erntegebiet, offiziell verbrieft. In diesem Wald passieren seltsame Dinge.
Moser überlegt. "Besser, wir entfernen auch dieses Schild", sagt er. "Wir sollten nicht unnötig auf unsere Prachttanne hinweisen."
Ein nasser Sommer kann alles zunichtemachen
Bis heute ist Georgien für Moser und Pein ein Land voller Rätsel. Die verlassenen Städte, die schwarzen Fabrikruinen. "Ich frag mich, was die Menschen hier machen, ich sehe keine einzige Firma, die funktioniert", flüsterte Moser im Geländewagen. Und Pein sagte, er wünsche sich von den Georgiern mehr Elan: "Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden. Es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun. Das ist von Goethe."
In vier Wochen, Ende September, soll die Ernte beginnen. Moser und Pein sind nach Ambrolauri gekommen, um die Zapfen zu prüfen, Erntemengen zu berechnen und Verträge mit vertrauenswürdigen Pflückern aufzusetzen. Die vergangenen beiden Jahre waren miserabel: Es gab wenige Zapfen, und die waren auch noch von Insekten zerfressen.
Die Abhängigkeit vom Wetter macht den Kampf um Georgiens Tannenzapfen unberechenbarer als den um andere Rohstoffe. Öl fließt, sobald die Quelle angebohrt ist, Diamanten vertrocknen nicht in wochenlanger Dürre. Doch selbst wenn ein Samensammler an alles gedacht, den besten Wald gefunden, eine Erntelizenz gekauft, Pflücker eingestellt hat – ein nasser Sommer kann alles zunichtemachen. Noch eine schlechte Ernte, und Moser und Pein können kein Saatgut mehr liefern. Dann fehlen in ein paar Jahren in Europa die Weihnachtsbäume.
Moser zückt sein Taschenmesser, legt einen unreifen Zapfen vor sich auf einen Baumstumpf und schneidet ihn der Länge nach auf. Die beiden Hälften kippen rechts und links der Klinge auseinander.
Moser hält die Luft an, dann atmet er langsam aus. Pein, der eine Ansammlung fremdartiger Pilze studiert hat, dreht sich um. "Das wird eine Wahnsinnsernte", sagt Moser. Die Samen liegen gleichmäßig und unversehrt im Inneren des Zapfens. Hunderte kleiner Körner, nicht größer als Sonnenblumenkerne. In einem Monat, wenn kein Harz mehr aus den Zapfen tritt, werden sie reif sein. Dann müssen sie aus bis zu 50 Meter hohen Baumkronen gepflückt werden. Es muss schnell gehen – bevor die Zapfen sich öffnen und der Wind die Samen verteilt.
"So etwas habe ich seit Jahren nicht gesehen", sagt Moser. Seine Stirnfalten haben sich geglättet.
In der Stube von Gia Momzemlidse ist der Tisch für das Abendessen gedeckt. Schüsseln und Teller, gefüllt mit Tomaten, Ziegenkäse, Huhn, Krautsalat, Bohnenbrot, gebackener Paprika, Pflaumensoße. Momzemlidse ist 38 Jahre alt, Vater von zwei Kindern und Förster, angestellt beim Ministerium für regionale Entwicklung und Infrastruktur, gesegnet mit dem Bauchansatz eines Bessergestellten. Im Herbst soll er als Chefpflücker für Moser und Pein arbeiten. Weil es in den Tälern um den Schaori-See keine Hotels gibt, übernachten die beiden Deutschen in seinem Haus.
Es ist nicht aus Holz wie die anderen im Dorf, sondern aus rotem Ziegel. Momzemlidse hat einen Internetanschluss und eine Toilette mit Spülung. Aber die Wände sind dünn, im Winter heult der Wind durch die Fensterritzen.
Momzemlidse hebt das Weinglas. "Auf die Freundschaft zwischen Deutschland und Georgien", sagt er. Er trinkt das Glas in einem Zug aus, dreht es um, lässt den letzten Tropfen auf seinen Daumennagel rinnen und leckt ihn ab. "So macht man das bei uns, es muss völlig leer sein."2 Lariumgerechnet 85 Cent, bekommen die Schwarzpflücker für ein Kilo Zapfen. Läuft es gut, verdienen sie mit den Zapfen aus zwei Baumkronen 170 Euro
Er stellt Moser ein randvolles Glas hin. Der mag nicht schon wieder trinken. Der süße Wein bekommt ihm nicht. Nach jeder Georgien-Reise schreibt er in sein Notizbuch: "zu viel gelabert".
Aber was soll er machen? Es geht jetzt darum, sich gegenseitig Vertrauen anzutrinken.
Moser nimmt einen Schluck. Dann fängt er an, über die Arbeit zu sprechen. "Wir haben in Deutschland ein Problem", sagt er. "Billiges Saatgut überschwemmt den Markt. Es steht Ambrolauri als Herkunftsort drauf, aber es muss illegal geerntet worden sein, sonst wäre es nicht so billig. Diese Mafiosi machen uns das Geschäft kaputt."
Momzemlidse nickt und schweigt.
Moser und Pein haben von Jahr zu Jahr weniger Kundenanfragen. Immer mehr Konkurrenten bieten Samen aus Georgien an, immer weniger Baumschulen kaufen bei der PlusBaum Samen GmbH.
2009 hat das georgische Wirtschaftsministerium die 80.000 Hektar Wald um den Schaori-See aufgeteilt und Erntelizenzen versteigert. Moser und Pein haben eine fünfstellige Summe bezahlt, damit sie in ihrem Waldabschnitt zwölf Jahre lang jede Saison 17,5 Tonnen Zapfen ernten dürfen, aus denen sich ihre knapp zwei Tonnen Samen kratzen lassen.
Doch die Ordnung hat Risse bekommen. Einem skandinavischen Unternehmen wurde die Lizenz geschenkt, heißt es. Und die Regierung hat angefangen, für weitere Waldgebiete einjährige Zusatzlizenzen herauszugeben. Mehr Wald heißt: mehr Samen. Das macht den Preis kaputt.
Moser und Pein stellten auch fest, dass im Herbst während der Ernte oft gar nicht kontrolliert wird, wer eine Lizenz besitzt. "Das ist eine Riesensauerei", schimpft Moser. "Unsere teure Lizenz ist für die Katz."
Vor einigen Jahren wollten Unbekannte die beiden Deutschen erpressen: Sie verlangten Schutzgeld. Als Moser und Pein nicht zahlten, wurden ihre Pflücker von bewaffneten Männern überfallen. Danach trugen die Pflücker eine Zeit lang Maschinenpistolen bei sich. Wie Nebel liegt jetzt das Misstrauen über den Wäldern und Dörfern rund um den Schaori-See. Wer Freund ist und wer Feind, ist oft spät zu erkennen. Manchmal gar nicht.
Gia Momzemlidse arbeitet seit zehn Jahren für Moser und Pein. Er hält die beiden Deutschen für ein wenig steif. Sie trinken nicht und lassen die Samen jedes Jahr von einem Institut für Forstgenetik untersuchen. Aber sie haben auch ihre gute Seite. Sie zahlen pünktlich und meist mehr als die Konkurrenz.
Im vergangenen Jahr, als die Ernte schlecht war, versuchte ein Georgier im Auftrag des dänischen Großunternehmens Levinsen & Abies, Momzemlidses Pflückern die Zapfen für Moser und Pein zu einem noch höheren Preis abzukaufen. Momzemlidse verprügelte ihn. Seitdem gilt er als eine Art ständige Vertretung der PlusBaum Samen GmbH in Georgien.
Drei Tage lang bereiten Moser und Pein in Ambrolauri ihr Weihnachtsbaumgeschäft vor. Sie gehen mit Momzemlidse Wachteln schießen. Sie spähen mit einem Feldstecher die Zapfen im Waldabschnitt ihres dänischen Rivalen aus. Sie messen mithilfe eines elektronischen Chips, den sie voriges Jahr im Unterholz versteckt haben, die Temperatur im Wald, begutachten die Maschine, mit der die Samen aus den Zapfen getrennt werden, und müssen mit Momzemlidse dauernd einen trinken. Einmal flüstert Moser zu Pein: "Zum Glück sind die nicht in der EU."
Es gibt neuerdings noch einen Konkurrenten, der Moser und Pein Ärger macht: Fair Trees, auch aus Dänemark. Die Marke wirbt damit, ihre Weihnachtsbäume seien fair gehandelt. Die Pflücker tragen Schutzhelme, ein Teil des Erlöses geht an die lokale Bevölkerung. Kommt gut an bei deutschen Käufern.
Moser und Pein haben sich eine Gegenstrategie überlegt: Bio-Bäume. Beim Frühstück am Tag ihrer Abreise legen sie Momzemlidse einen Arbeitsvertrag für alle seine 15 Pflücker vor. Ein ordentlicher, schriftlicher Kontrakt zwischen deutschen Auftraggebern und georgischen Pflückern ist erste Voraussetzung für eine Bio-Zertifizierung.
Auf dem DIN-A4-Papier stehen einige Verhaltensregeln für die Ernte: keine Steigeisen an die Füße schnallen, weil die den Stamm verletzen. Nie die ganze Baumkrone abernten. Keine Äste abbrechen. Und: Alle Arbeiter tragen Sicherheitsausrüstung.
"Warum steht das da?", fragt Momzemlidse. "Einen Helm will ich nicht, der ist zu schwer. Und Schutzkleidung? So etwas besitzen wir nicht. Zu teuer. Das unterschreibe ich nicht."
Moser zieht die Augenbraue hoch. "Helme bringen wirklich nichts", sagt er. "Wenn man runterfällt, ist eh Ende."
Momzemlidse rennt raus und kommt mit einer rot-blau geringelten Kindermütze wieder, die er sich tief in die Stirn zieht. "So etwas brauchen wir, damit das Harz die Haare nicht verklebt", sagt er.
Mützen? Moser und Pein schauen sich an.
Helmverschlüsse, sagt Momzemlidse, verhakten sich dauernd in den Zweigen. Aber Mützen sind nicht bio. Tief im Kaukasus trifft europäische Ethik auf georgischen Pragmatismus. Es geht hin und her.
Irgendwann sagt Pein mit einem Seufzer: "So viel Streit dafür, dass der Weihnachtsbaum später Ruhe und Frieden verbreiten soll."
Man weiß nie, wer von der Mafia bezahlt wird
Bevor er mit Pein zurück nach Tbilissi fährt, besucht Moser den Provinzgouverneur. Vielleicht kann er helfen, das Chaos im Wald einzudämmen. In Ambrolauri, der regionalen Hauptstadt, leben 2.400 Einwohner, acht von zehn Erwerbsfähigen hier haben keinen festen Job. Im Rathaus – außer der Polizeistation das einzige Gebäude im Ort, das nicht aussieht, als könne es jeden Augenblick einstürzen – sitzt der Gouverneur hinter einem dunklen Konferenztisch und schaut Moser an. In seinem Gesicht regt sich nichts. Im Regal stehen Spirituosen.
"Sie möchten etwas für die Bevölkerung tun?", fragt der Gouverneur. "Gute Idee! Uns fehlt es an allem. Wenn Sie eine Straße bauen oder eine Schule sanieren, helfen wir gerne." Für Moser läuft das Gespräch in die falsche Richtung. Das liegt an Momzemlidse. Er hatte das Treffen vereinbart und Moser anvertraut: "Für einen Termin beim Gouverneur braucht man einen guten Grund. Ich habe gesagt, ihr wollt euch sozial engagieren."
"Wir überlegen uns das", sagt Moser zum Gouverneur. "Aber Sie müssen sich zuerst darum kümmern, dass nicht weiter illegal Saatgut geerntet wird. Das ruiniert uns das Geschäft."
"Ein großes Problem!", stimmt der Gouverneur zu, wirkt aber nicht besonders besorgt. Die Dolmetscherin hatte Moser empfohlen, keine Visitenkarte herauszugeben. Er solle sagen, er habe sie vergessen. Man wisse nie, wer alles von der Mafia bezahlt werde.
Moser und Pein reden wenig auf dem Rückflug nach Europa. Moser blättert im Nadel-Journal, dem Branchenmagazin. Pein liest in einem Buch namens Der Mönch, der seinen Ferrari verkaufte, eine Empfehlung seiner Yogalehrerin.
Anfang September, Moser und Pein sind seit zehn Tagen aus Georgien zurück, findet im sauerländischen Eslohe die Internationale Weihnachtsbaumbörse statt. Im Sauerland liegt das größte zusammenhängende Weihnachtsbaum-Anbaugebiet Europas, 11.000 Hektar groß. Hier werden aus Samen Bäume, wachsen Tannen und Profit. Als der Orkan Kyrill 2007 ganze Wälder fällte, nutzten die Baumproduzenten die Gelegenheit, um auf noch mehr Flächen kleine Nordmanntannen anzupflanzen.
Die Branche trifft sich in einer Schützenhalle außerhalb des Ortes. Hier hält am Wochenende nicht einmal ein Bus. 1.500 Besucher reisen an, aus Bayern, dem Schwarzwald, auch aus Dänemark, Besitzer von Baumschulen, Samenhändler, Weihnachtsbaumverkäufer. Maschinenbauer kommen mit Anhängern, auf die riesige Apparate zum Düngen, Fällen oder Verpacken von Weihnachtsbäumen geschnallt sind. Schweres Gerät, fast wie für einen Krieg. Es regnet. In der Halle gibt es belegte Brote.
Der Vorsitzende des Bundesverbandes der Weihnachtsbaumerzeuger hält eine Begrüßungsrede. "450 Millionen Euro stehen nicht für irgendwas, sondern für den Umsatz im Weihnachtsbaumgeschäft", ruft er. "450 Millionen Euro stehen auch für Arbeitsplatzsicherheit. Das verstehen die da oben in der Politik langsam. Trotzdem bekommen wir Weihnachtsbaumproduzenten keine Subventionen wie andere Landwirte, wir kämpfen auf dem freien Markt."
Moser nickt zustimmend. Um ihn herum sitzen Männer in Gummistiefeln, karierten Hemden und bunten Funktionsjacken. Männer, die wenig Worte machen. Man braucht gute Nerven, wenn es im November regnet, stürmt und schneit, die Maschinen im Matsch versinken oder einfrieren und 80 Millionen Deutsche trotzdem erwarten, dass der Baum pünktlich zu den Feiertagen in ihrem Wohnzimmer steht.
Moser tritt in den Regen hinaus. Er sieht den Messestand von Levinsen & Abies, dem Konkurrenten aus Dänemark, auf dessen Unterhändler Mosers Chefpflücker Momzemlidse im vergangenen Jahr wütend einschlug. Einer der Geschäftsführer sitzt unter dem Dach des Stands.
"Und, wie läuft es bei euch dieses Jahr?", fragt Moser. Er schildert das Problem mit dem illegalen Saatgut. "Es wäre schön, wenn ihr da auch mal was unternehmen würdet", sagt Moser.
Der Däne reagiert kaum. "Ja, das ist schon ein Problem", sagt er dann. Die Schlägerei erwähnen beide mit keinem Wort. Was in Georgien passiert, bleibt in Georgien.
Mit dem Herbst kommt der Regen nach Ambrolauri. Im Haus des Chefpflückers Momzemlidse stapeln sich Etiketten, die bald auf prall gefüllten Säcken kleben sollen. Vor ein paar Tagen holten die Männer einen Zapfen vom Baum und pressten ihn mit den Händen zusammen. Es tropfte Harz heraus, für die Ernte ist es noch zu früh. Ab und zu ruft Moser an, dieser gewissenhafte Deutsche, und sagt, die Georgier sollten sich gedulden. Von Tag zu Tag würden die Samen besser. Also liegt Gia Momzemlidse im Wohnzimmer auf dem Sofa und schläft.
Auch sein Nachbar, 20 Jahre alt, wartet und spielt mit einem Cousin Backgammon. Jeden Herbst kommt er für die Zapfenernte hinauf in die Berge, um für Momzemlidse auf die Bäume zu klettern. Das übrige Jahr schuftet er in einer Kohlenmine. "Lieber würde ich das ganze Jahr über Zapfen pflücken", sagt er. Aber die Erntezeit dauert nur zwei Wochen. Seine Frau trägt ein Baby auf dem Arm. Die Hälfte der 60 Familien im Dorf haben Zapfenpflücker im Haus. In den umliegenden Dörfern ist es dasselbe. Alle sitzen und warten und belauern den Nachbarn.
Wer zu früh pflückt, kommt mit unreifen Zapfen nach Hause. Aber wer zu spät in die Bäume steigt, verdient womöglich gar nichts – sogar in einem guten Jahr wie diesem. Weil dann schon die Schwarzpflücker in den Wäldern waren und ihre Beute illegal, am Zoll vorbei, nach Europa verkauft haben.
Die Manager von Fair Trees schätzen, dass mittlerweile 70 bis 90 Prozent der Nordmannsamen, die in den Westen kommen, illegal geerntet sind. Dass diese Hehlerware, zu früh gepflückt und schlecht gelagert, manchmal nichts taugt, wird in den Baumschulen erst ein paar Jahre später deutlich. Bis aus einem weit gereisten Samen ein Weihnachtsbaum wird, vergehen etwa acht Jahre.
Hinter Momzemlidses Haus stehen sieben Pflücker mit verschränkten Armen. Momzemlidse hat sie zusammengerufen. "Die Tannenzapfen sind für uns Milch, Honig und Brot", sagt er. "Besser wäre natürlich, wenn direkt das Geld oben hinge." Die Männer lachen. Auf Anweisung der Deutschen soll Momzemlidse ihnen zeigen, wie man einen Klettergurt anzieht. Moser und Pein haben auch Öljacken und Gummihosen geschickt, Schutzkleidung. "Wenn die gut ist, ziehe ich die auch sonst an", sagt einer.
Die Winter sind hart in Georgiens Bergen, die Temperaturen fallen weit unter null, die Brunnen frieren zu. Mit dem Schnee kommen Bären und Wölfe in die Dörfer, auf der Suche nach Nahrung.
Die meisten Menschen gehen dann ins Tal hinunter, in die Städte. Sie erzählen sich wilde Geschichten von Betrug, Verrat und unermesslichem Reichtum. In ihren Wäldern wachsen die Verschwörungstheorien mittlerweile schneller als die Bäume.
Ein reicher Jude, heißt es, habe 25 Dollar pro Kilo Zapfen bezahlt, bis er auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen sei. Und der russische Präsident Putin höchstpersönlich besitze einen Wald mit Nordmanntannen nördlich des Schwarzen Meeres.
Trotz der Gerüchte wissen viele Männer nach wie vor nicht, was mit den Zapfen geschieht, für die sie in die Bäume klettern. Daraus werde in einem fernen Land Parfüm hergestellt, vermuten manche. Von deutschen Weihnachtsbaumplantagen haben sie nie gehört. Weihnachtsbäume kauft in Georgien niemand, abgesehen von ein paar Reichen in Tbilissi.
Auch die Pflücker von Fair Trees warten, auf 1.800 Meter Höhe, mitten im Wald. Seit drei Tagen und zwei Nächten hoffen sie, dass der Regen aufhört. Er macht die Stämme glitschig und das Klettern noch gefährlicher. Die Chefs haben verboten, bei Regen zu klettern. Sie haben auch verboten, ohne Sicherheitsausrüstung in die Bäume zu steigen.
Schweigend hocken die Männer um ein kleines Feuer und rauchen. Ab und zu verschwindet einer mit der Axt im Wald und kommt mit ein paar feuchten Holzscheiten zurück. Mit einer Plastikplane und Ästen haben sie ein Dach über ihrer Schlafstätte gebaut, dort liegen Schlafsäcke und zwei Gewehre.
Bio, öko, fair gepflückt – der Regen von Ambrolauri verwäscht alle Labels. Mosers und Peins Pflücker unten im Dorf haben zwar keine Helme, warten aber im Warmen. Die Erntehelfer der sozial engagierten Dänen sind ausgerüstet wie Bergsteiger, hausen aber im Wald wie in einem Slum. Dafür gewährt Fair Trees den Kindern der Pflücker kostenlose Arztbesuche.
Er springt ab und greift nach der Spitze der Nachbartanne
Weiter unten ruckelt ein grauer Pick-up durch den Wald. Das hier ist offiziell das Erntegebiet der Dänen von Levinsen & Abies. Der Wald von Moser und Pein ist nicht weit. Drei kräftige Männer mit grimmigem Blick, dunklen Bärten und verdreckter Arbeitskleidung springen aus dem Auto. Dann ein dünner Junge, keine zwanzig Jahre alt. Es sind Schwarzpflücker.
Die vier Männer stammen aus dem Nachbardorf. Der Wald ist ihnen vertraut, sie sind hier aufgewachsen. Dieses Jahr soll der Schwarzmarktpreis hoch sein, haben sie gehört, zwei Lari pro Kilo Zapfen, umgerechnet 85 Cent. Sonst gab es manchmal nur 20 Cent.
In einer guten Baumkrone hängen bis zu 100 Kilo. Zwei Baumkronen bringen dieses Jahr also rund 170 Euro, das entspricht fast dem monatlichen Durchschnittseinkommen in Georgien.
Der Jüngste zieht sich eine harzverschmierte Wollmütze mit Augenschlitz über den Kopf, wie ein Bankräuber steht er im Wald. Er streift sich rote Handschuhe über und geht mit hochgezogenen Schultern und federndem Gang auf eine schmale Tanne zu. Seit er acht Jahre alt ist, steigt er in die Bäume.
Wie eine Katze zieht er sich am ersten Ast hoch, greift nach dem nächsten, immer dicht am Stamm. Er klettert schnell und still, immer höher, die Äste sind jetzt dünner als seine Handgelenke. Je höher er klettert, desto mehr schwankt der Baum.
Dann steht er oben in der Krone, die Baumspitze dicht neben seinem Gesicht. Mit einer Hand hält er sich am obersten Ast fest, der dünn ist wie ein Finger, dafür voll buschiger Nadeln. Mit der anderen Hand bricht er die Zapfen ab und wirft sie herunter. Durch die Äste rauschen sie bis auf den Waldboden.
Als keine Zapfen mehr in der Krone hängen, beugt er sich mit dem Oberkörper nach hinten wie ein Weitspringer beim Anlauf, schnellt dann nach vorne, sodass der Baum zu schwanken beginnt. Ein paar Mal schwingt er hin und her, dann springt er ab und greift nach der Spitze der Nachbartanne. So hat er sich einen Ab- und einen Aufstieg gespart.
Unten lehnt der Anführer der Gruppe an einem Baum. Sein Name sei Bekia Kemoklidse, sagt er. Er hat tiefe Augenringe, seine Lippe ist aufgeplatzt. "Manche von uns können zwölf Baumkronen hintereinander abernten", sagt Kemoklidse, "ohne den Boden zu berühren."
Einer seiner Komplizen sammelt die Zapfen auf. "Früher ist auch er in die Tannen gestiegen", sagt Kemoklidse, "aber vor fünf Jahren hatte er einen Unfall." Er war den Stamm bis zur Hälfte hochgeklettert, da brach ein Ast. Ein gebrochener Arm, gebrochene Rippen, die sich in die Lunge bohrten. Wäre er von oben abgestürzt, wäre er jetzt tot.
Fast jedes Jahr stirbt ein Pflücker. Viele verletzen sich. "Ich würde trotzdem keinen Klettergurt anlegen", sagt Kemoklidse. "Wenn man 30 Meter hoch- und 30 Meter runtersteigt, und das mehr als zehnmal am Tag, zählt jedes Gramm. Und wenn der Ast bricht, an dem das Seil hängt, schützt auch ein Gurt nicht."
Zapfen fallen auf den Waldboden. Der Junge hat auch den zweiten Baum abgeerntet. Er hangelt sich von Ast zu Ast hinunter, nicht am Stamm entlang, sondern außen an den Zweigen, das geht schneller. Er rutscht ein Stück auf einem Zweig, greift nach dem nächstunteren, rutscht weiter, bis er unten auf dem Boden steht, heftig atmend.
Es dämmert. Die vier Männer machen ein Feuer, holen Wein in Plastikflaschen aus dem Auto, Wurst, Brot, Thunfisch aus der Dose. Sie stellen die Konserven an die Flamme, spießen Käse auf Holzspieße. Kemoklidse hebt das Glas. "Auf alle Menschen, egal, aus welchem Land sie kommen. Auf unsere Kinder, denn Kinder bedeuten Fortschritt." Die Männer stehen in der Dunkelheit, unbeeindruckt vom Regen, der ihre Pullover und Anoraks durchnässt.
Von dem System der Erntelizenzen haben die Schwarzpflücker gehört. Es stört sie nicht, dass Männer wie Moser und Pein sie Zapfendiebe nennen. "Mein Großvater, mein Urgroßvater und sein Vater haben diese Bäume gepflegt", sagt Kemoklidse. Als Kinder haben sie in diesem Wald gespielt, warum sollten sie keine Zapfen pflücken? "Der Wald gehört den Menschen, die hier leben", sagt Kemoklidse.
Es ist dunkel geworden. Vom Tal steigt Gebrumm herauf. Voll beladene Pick-ups rollen auf die Dörfer zu. Wer nicht direkt für eine Saatgutfirma arbeitet, wie die von Moser und Pein, muss seine Zapfen schnell anderswo loswerden. In den Gärten der umliegenden Weiler stapeln sich Säcke auf Holzgestellen, hinter vorgehaltener Hand werden Namen von Schleusern und Zwischenhändlern gezischelt.
Nur noch ein paar Wochen bis Weihnachten, in den deutschen Supermärkten liegen längst Lichterketten und Lametta. In den Wäldern von Ambrolauri ist vom Fest der Liebe nichts zu spüren: Der dänische Chef der Firma Levinsen & Abies wird von seinen eigenen Pflückern verprügelt, weil er nicht den Preis zahlen will, den sie ihm mit einem Streik abgerungen haben. Ein gutes Jahr ist manchmal schlecht – plötzlich sind da mehr Samen, als sich verkaufen lassen.
Auch Moser und Pein scheinen zu pokern: Sie richten Momzemlidse aus, mit der Ernte weiter zu warten. Es ist nicht mehr klar, ob es den Deutschen um die Reife der Zapfen geht. Oder ob sie auf fallende Preise spekulieren. Oder einfach nur ratlos sind.
Eines Nachts steigt Momzemlidse in seinen Jeep. Der Nebel liegt über dem Weihnachtsbaumwald wie in einem alten kaukasischen Märchen. Moser und Pein haben noch immer kein Signal zur Ernte gegeben. Die Scheinwerfer von Momzemlidses Wagen schneiden einen gelben Kegel in die Dunkelheit. Im Labyrinth der Bäume sieht er ein paar Gestalten. Sie füllen Tannenzapfen in große Säcke.
Das hier ist der Waldabschnitt der PlusBaum Samen GmbH. Aber es sind nicht Momzemlidses Pflücker.
Momzemlidse stößt einen Fluch aus.
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Monday, September 23, 2013
PALÄONTOLOGIE: Das Ei des Brontosaurus. Von Diana Laarz (zeit.de)
(zeit.de) Tschetschenische Forscher glauben, Dinosaurier-Eier entdeckt zu haben. Der Fund ist zu groß, um wahr zu sein.
Das Abenteuer beginnt in Grosny. Es hat nicht viel Mühe gekostet, die Männer ausfindig zu machen, die im Frühjahr 2012 mit der Meldung Aufsehen erregten, sie hätten im Kaukasus versteinerte Dinosaurier-Eier gefunden, die größten je entdeckten Exemplare. Das russische Fernsehen zeigte ein paar aufgeregte Männer, die um einen Haufen Steine standen und wild gestikulierten. Das größte Ei: 102 Zentimeter. Es sah alles nach einer Sensation aus.
Ein Anruf bei einem Freund, der ab und zu an der tschetschenischen Staatsuni eine Vorlesung hält. Ja, die Herren Entdecker sind wohlbekannt. Der Freund fährt mit dem Auto vor. Wir lesen den Geologen Said-Emin Dschabrailow am Straßenrand auf. Der schüttelt einem so schwungvoll die Hand, dass man meint, die Erschütterungen im Körper noch Sekunden später zu spüren. Das Auto ist zu klein für das tosende Lachen dieses Mannes.
Im geografischen Institut, in einem Büro mit zusammengeklaubten Sowjet-Möbeln, wartet sein Kollege Ramsan Wogapow auf uns. Die beiden Männer fallen einander in die Arme, zwei mächtige Brustkörbe krachen aufeinander. "A salam alaikum, mein Bruder." Ruck, zuck stehen Waffeln, Tee, Apfelschnitze und Konfekt auf dem Tisch. Jetzt sollen die beiden mal erzählen, wie das ist mit den Dinosaurier-Eiern in Tschetschenien.
Mit dem Erzählen wird es dann erst einmal doch nichts. Jedenfalls reden wir nicht über fossile Funde, sondern bewundern stattdessen die alpinen Leistungen von Said-Emin Dschabrailow. Er ist der erste Tschetschene, der mit über 50 Jahren den Kaukasusgipfel Kasbek bestiegen hat, wofür ihn die größte Schautafel auf dem Flur des Instituts in allen Einzelheiten feiert. Und die Dino-Eier? "Besser ist, wir zeigen sie dir", sagt Ramsan Wogapow. Bald darauf sitzen wir in seinem Lada Niva, dessen ursprüngliche Farbe kaum zu identifizieren ist, vermutlich Weiß, jetzt schlammfarben. Grosny verabschiedet uns mit einem letzten Lichtflackern aus den Fenstern der Wolkenkratzer. Vor uns liegt eine braune Landschaft, der ein heißer Sommer schon alle anderen Farben ausgebrannt hat. Wir rumpeln mitten hindurch.
Um es gleich vorweg zu sagen: Es handelt sich bei den 46 kugelförmigen Versteinerungen, die im April in einer Felswand im Kaukasus entdeckt wurden, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht um Dinosaurier-Eier. Martin Sander, Paläontologe am Steinmann-Institut der Universität Bonn, genügt ein Blick auf eines der Bilder aus Tschetschenien, um festzustellen: Keine Eier. Er erkenne vielmehr eine sogenannte Konkretion, ein Mineralaggregat, das sich manchmal um einen organischen Stoff, also zum Beispiel ein modriges Stück Holz, bildet.
Martin Sander kennt sich aus. Seit Beginn der Dino-Manie, also seit etwa 20 Jahren, kommen Menschen in sein Institut, legen kugelige Steine auf seinen Schreibtisch und sagen: "Ich habe ein Dinosaurier-Ei gefunden." Sander sagt dann immer: "Keine Schale, kein Ei." Die äußerste Mineralienschicht müsste bei einem fossilen Ei deutlich zu erkennen sein. Und so sagt Martin Sander auch zu den Bildern aus Tschetschenien: "Keine Schalen, keine Eier."
Nach dem Sprengen der Wand lugten plötzlich Kugeln aus dem Fels
Was heißt das jetzt für die beiden tschetschenischen Geologen, die mit röhrendem Motor den Kaukasus erklimmen? Eine Wolke Staub hinter sich herziehend, auf dem Weg zu ihren berühmten Dinosaurier-Eiern. Es heißt vor allem, dass sie es leid sind, in einem Landstrich zu leben, bei dessen Erwähnung alle außerhalb der Grenzen an Krieg, Terroristen und den Präsidenten Ramsan Kadirow denken, in beliebiger Reihenfolge. Beide verziehen ihre buschigen Augenbrauen zu Weltschmerzbögen, wenn sie beklagen, dass kaum jemand weiß, wie viel mehr dieses Tschetschenien doch zu bieten habe. Wenn sich der Rest der Welt nur einmal dafür interessieren würde. 100 Millionen Jahre alte Eier eines Brontosaurus wären ein guter Anfang.
Ramsan Wogapow war mal Studentenmeister im Ringen. Seine Fingerknöchel sind von den vielen Kämpfen vernarbt. Von der Entdeckung der runden Steine im April 2012 berichtet er etwa so: Während einer Expedition zu den Wasserfällen des Kaukasus übernachteten eine Gruppe der Universität und ein Kamerateam des lokalen Fernsehens in einer Jägerhütte. Ein guter Bekannter aus der Verwaltung eines nahen Dorfes kam vorbei und berichtete von seltsamen Steinen in einer Felswand. Man hatte die Wand gesprengt, um Platz für eine breitere Straße zu machen. Nun lugten Kugeln aus dem Felsen. Kurze Zeit später stand der bekennende Dinosaurier-Fan Wogapow eine Weile vor der Wand, überlegte hin und her, erinnerte sich an die Fachbücher in seinem Regal, in denen steht, dass Dinosaurier erwiesenermaßen Eier gelegt haben, und sagte schließlich: "Mir fällt keine andere Erklärung ein, das sind wohl Dinosaurier-Eier." Und alle drumherum stimmten zu. Das Kamerateam hielt drauf.
Versuch eines Fachgesprächs über Dinosaurier-Eier
Der Kaukasus ist erdig und schwer wie seine Menschen. Bis zum Horizont falten sich die Gebirgsketten in fast parallelen Linien. An den Hängen ringsherum kleben steinerne Dörfer, tausend Jahre alte Wehrtürme ragen daraus empor. "Als die Amis vor hundert Jahren anfingen, hohe Häuser zu bauen, haben wir schon seit tausend Jahren in unseren Türmen gewohnt", sagt Dschabrailow. Sein Haar ist so weiß wie die schneebedeckten Gipfel. Wogapow bremst. Wir sind auf 1.500 Meter Höhe angekommen, die Sonne hat sich hinter den Bergen verkrochen. Über den Pass und zu den Dino-Eiern schaffen wir es an diesem Tag nicht mehr, wir übernachten im Dorf.
"Ich habe nachgedacht. Große Dinos müssen sehr große Eier gelegt haben"
Vor dem Schlafengehen wirft Said-Emin Dschabrailow noch seine Angel in einen Gebirgsfluss. Als er nichts fängt, schärft er an einem Stein das Messer, das er am Gürtel trägt, so lange, bis er sich die Härchen vom Handrücken säbeln kann. Dschabrailow sammelt Messer. "Kennst du einen Tschetschenen, der keine Messer liebt?", fragt er. Soll heißen: So einen Tschetschenen gibt es nicht.
Die Tour am nächsten Tag führt uns immer tiefer hinein ins Gebirge. Wir stoßen auf Straßensperren, an denen große Männer in Uniformen ihre Maschinengewehre präsentieren. "Klappe halten und Fotoapparat runter", zischt Ramsan Wogapow vom Fahrersitz nach hinten. Dann sehen sie, dass die Männer Freunde eines Freundes eines Freundes sind, "tschetschenische Brüder". Wogapow umarmt alle reihum, Dschabrailow schnorrt ein paar Zigaretten, auf der Rückbank hält jemand trotzdem lieber die Klappe.
Auf den letzten Kilometern vor dem Ziel dann der Versuch eines Fachgesprächs über Dinosaurier-Eier mit – nun ja – den Ei-Experten:
"Wissenschaftler sagen, die theoretische Obergrenze für die Größe eines Eis liegt bei maximal 50 Zentimetern, wahrscheinlich drunter. Andernfalls müsste die Eierschale viel zu dick sein, um die Stabilität zu gewährleisten. Ihre Funde sind bis zu einem Meter groß. Macht Sie das nicht stutzig?"
Ramsan Wogapow: "Ich habe darüber nachgedacht. Große Dinosaurier müssen wohl sehr große Eier gelegt haben."
"Experten aus Moskau werden mit dem Satz zitiert, selbst Erstsemester eines beliebigen geologischen Instituts würden auf den ersten Blick erkennen, dass es sich um Konkretionen handelt. Kränkt Sie diese Meinung?"
Said-Emin Dschabrailow: "Die in Moskau haben Anweisung, unsere Entdeckung nicht anzuerkennen. Wenn wir recht hätten, müsste die gesamte Geschichte umgeschrieben werden.
"Warum?"
Wogapow: "Weil man bislang davon ausgeht, dass es im Kaukasus gar keine Dinosaurier gegeben hat."
"Wenn jetzt die Geschichte umgeschrieben werden müsste, das wäre gut?"
Wogapow: "Ja, das wäre toll."
Hinter einer Kurve zwischen den Dörfern Scharoj und Chimoj hält der Lada knirschend an. Wir steigen aus. "Unsere tschetschenische Regierung möchte doch auch so gerne, dass es Dinosaurier-Eier sind", raunt Said-Emin Dschabrailow, so leise, dass es sein alter Freund Ramsan nicht hören kann.
Zunächst sieht man die vermeintlichen Eier gar nicht. Sie liegen im Schatten der grellen Mittagssonne. Es sind Steine, die aus einer glatten Wand ragen. Sie sind perfekt oval geformt, ihre Oberfläche schimmert samtig. Said-Emin Dschabrailow und Ramsan Wogapow sind schon ein paar Meter in die Höhe geklettert. Sie wirken sehr stolz, sie tätscheln die Steine, ihre "Dinosaurier-Eier". Es ist ein beinahe zärtliches Bild. Und ein sehr schönes. Auf jeden Fall ist es eine Reise wert.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
Video: zeit.de
Vor eineinhalb Jahren haben Wissenschaftler im Kaukasus vermeintlich riesige Dinosaurier-Eier entdeckt. Experten aus dem Ausland zweifeln die Echtheit der Funde an. Doch die russischen Geologen halten daran fest.
| Entdecker: Ramsan Wogapow (rechts) und Said-Emin Dschabrailow © Diana Laarz |
Ein Anruf bei einem Freund, der ab und zu an der tschetschenischen Staatsuni eine Vorlesung hält. Ja, die Herren Entdecker sind wohlbekannt. Der Freund fährt mit dem Auto vor. Wir lesen den Geologen Said-Emin Dschabrailow am Straßenrand auf. Der schüttelt einem so schwungvoll die Hand, dass man meint, die Erschütterungen im Körper noch Sekunden später zu spüren. Das Auto ist zu klein für das tosende Lachen dieses Mannes.
Im geografischen Institut, in einem Büro mit zusammengeklaubten Sowjet-Möbeln, wartet sein Kollege Ramsan Wogapow auf uns. Die beiden Männer fallen einander in die Arme, zwei mächtige Brustkörbe krachen aufeinander. "A salam alaikum, mein Bruder." Ruck, zuck stehen Waffeln, Tee, Apfelschnitze und Konfekt auf dem Tisch. Jetzt sollen die beiden mal erzählen, wie das ist mit den Dinosaurier-Eiern in Tschetschenien.
Mit dem Erzählen wird es dann erst einmal doch nichts. Jedenfalls reden wir nicht über fossile Funde, sondern bewundern stattdessen die alpinen Leistungen von Said-Emin Dschabrailow. Er ist der erste Tschetschene, der mit über 50 Jahren den Kaukasusgipfel Kasbek bestiegen hat, wofür ihn die größte Schautafel auf dem Flur des Instituts in allen Einzelheiten feiert. Und die Dino-Eier? "Besser ist, wir zeigen sie dir", sagt Ramsan Wogapow. Bald darauf sitzen wir in seinem Lada Niva, dessen ursprüngliche Farbe kaum zu identifizieren ist, vermutlich Weiß, jetzt schlammfarben. Grosny verabschiedet uns mit einem letzten Lichtflackern aus den Fenstern der Wolkenkratzer. Vor uns liegt eine braune Landschaft, der ein heißer Sommer schon alle anderen Farben ausgebrannt hat. Wir rumpeln mitten hindurch.
Um es gleich vorweg zu sagen: Es handelt sich bei den 46 kugelförmigen Versteinerungen, die im April in einer Felswand im Kaukasus entdeckt wurden, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht um Dinosaurier-Eier. Martin Sander, Paläontologe am Steinmann-Institut der Universität Bonn, genügt ein Blick auf eines der Bilder aus Tschetschenien, um festzustellen: Keine Eier. Er erkenne vielmehr eine sogenannte Konkretion, ein Mineralaggregat, das sich manchmal um einen organischen Stoff, also zum Beispiel ein modriges Stück Holz, bildet.
Martin Sander kennt sich aus. Seit Beginn der Dino-Manie, also seit etwa 20 Jahren, kommen Menschen in sein Institut, legen kugelige Steine auf seinen Schreibtisch und sagen: "Ich habe ein Dinosaurier-Ei gefunden." Sander sagt dann immer: "Keine Schale, kein Ei." Die äußerste Mineralienschicht müsste bei einem fossilen Ei deutlich zu erkennen sein. Und so sagt Martin Sander auch zu den Bildern aus Tschetschenien: "Keine Schalen, keine Eier."
Nach dem Sprengen der Wand lugten plötzlich Kugeln aus dem Fels
Was heißt das jetzt für die beiden tschetschenischen Geologen, die mit röhrendem Motor den Kaukasus erklimmen? Eine Wolke Staub hinter sich herziehend, auf dem Weg zu ihren berühmten Dinosaurier-Eiern. Es heißt vor allem, dass sie es leid sind, in einem Landstrich zu leben, bei dessen Erwähnung alle außerhalb der Grenzen an Krieg, Terroristen und den Präsidenten Ramsan Kadirow denken, in beliebiger Reihenfolge. Beide verziehen ihre buschigen Augenbrauen zu Weltschmerzbögen, wenn sie beklagen, dass kaum jemand weiß, wie viel mehr dieses Tschetschenien doch zu bieten habe. Wenn sich der Rest der Welt nur einmal dafür interessieren würde. 100 Millionen Jahre alte Eier eines Brontosaurus wären ein guter Anfang.
Ramsan Wogapow war mal Studentenmeister im Ringen. Seine Fingerknöchel sind von den vielen Kämpfen vernarbt. Von der Entdeckung der runden Steine im April 2012 berichtet er etwa so: Während einer Expedition zu den Wasserfällen des Kaukasus übernachteten eine Gruppe der Universität und ein Kamerateam des lokalen Fernsehens in einer Jägerhütte. Ein guter Bekannter aus der Verwaltung eines nahen Dorfes kam vorbei und berichtete von seltsamen Steinen in einer Felswand. Man hatte die Wand gesprengt, um Platz für eine breitere Straße zu machen. Nun lugten Kugeln aus dem Felsen. Kurze Zeit später stand der bekennende Dinosaurier-Fan Wogapow eine Weile vor der Wand, überlegte hin und her, erinnerte sich an die Fachbücher in seinem Regal, in denen steht, dass Dinosaurier erwiesenermaßen Eier gelegt haben, und sagte schließlich: "Mir fällt keine andere Erklärung ein, das sind wohl Dinosaurier-Eier." Und alle drumherum stimmten zu. Das Kamerateam hielt drauf.
Versuch eines Fachgesprächs über Dinosaurier-Eier
| Auffällige Konkretionen: Die größten sind einen Meter groß © Tino Künzel |
"Ich habe nachgedacht. Große Dinos müssen sehr große Eier gelegt haben"
Vor dem Schlafengehen wirft Said-Emin Dschabrailow noch seine Angel in einen Gebirgsfluss. Als er nichts fängt, schärft er an einem Stein das Messer, das er am Gürtel trägt, so lange, bis er sich die Härchen vom Handrücken säbeln kann. Dschabrailow sammelt Messer. "Kennst du einen Tschetschenen, der keine Messer liebt?", fragt er. Soll heißen: So einen Tschetschenen gibt es nicht.
Die Tour am nächsten Tag führt uns immer tiefer hinein ins Gebirge. Wir stoßen auf Straßensperren, an denen große Männer in Uniformen ihre Maschinengewehre präsentieren. "Klappe halten und Fotoapparat runter", zischt Ramsan Wogapow vom Fahrersitz nach hinten. Dann sehen sie, dass die Männer Freunde eines Freundes eines Freundes sind, "tschetschenische Brüder". Wogapow umarmt alle reihum, Dschabrailow schnorrt ein paar Zigaretten, auf der Rückbank hält jemand trotzdem lieber die Klappe.
Auf den letzten Kilometern vor dem Ziel dann der Versuch eines Fachgesprächs über Dinosaurier-Eier mit – nun ja – den Ei-Experten:
"Wissenschaftler sagen, die theoretische Obergrenze für die Größe eines Eis liegt bei maximal 50 Zentimetern, wahrscheinlich drunter. Andernfalls müsste die Eierschale viel zu dick sein, um die Stabilität zu gewährleisten. Ihre Funde sind bis zu einem Meter groß. Macht Sie das nicht stutzig?"
Ramsan Wogapow: "Ich habe darüber nachgedacht. Große Dinosaurier müssen wohl sehr große Eier gelegt haben."
"Experten aus Moskau werden mit dem Satz zitiert, selbst Erstsemester eines beliebigen geologischen Instituts würden auf den ersten Blick erkennen, dass es sich um Konkretionen handelt. Kränkt Sie diese Meinung?"
Said-Emin Dschabrailow: "Die in Moskau haben Anweisung, unsere Entdeckung nicht anzuerkennen. Wenn wir recht hätten, müsste die gesamte Geschichte umgeschrieben werden.
"Warum?"
Wogapow: "Weil man bislang davon ausgeht, dass es im Kaukasus gar keine Dinosaurier gegeben hat."
"Wenn jetzt die Geschichte umgeschrieben werden müsste, das wäre gut?"
Wogapow: "Ja, das wäre toll."
Hinter einer Kurve zwischen den Dörfern Scharoj und Chimoj hält der Lada knirschend an. Wir steigen aus. "Unsere tschetschenische Regierung möchte doch auch so gerne, dass es Dinosaurier-Eier sind", raunt Said-Emin Dschabrailow, so leise, dass es sein alter Freund Ramsan nicht hören kann.
Zunächst sieht man die vermeintlichen Eier gar nicht. Sie liegen im Schatten der grellen Mittagssonne. Es sind Steine, die aus einer glatten Wand ragen. Sie sind perfekt oval geformt, ihre Oberfläche schimmert samtig. Said-Emin Dschabrailow und Ramsan Wogapow sind schon ein paar Meter in die Höhe geklettert. Sie wirken sehr stolz, sie tätscheln die Steine, ihre "Dinosaurier-Eier". Es ist ein beinahe zärtliches Bild. Und ein sehr schönes. Auf jeden Fall ist es eine Reise wert.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
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Vor eineinhalb Jahren haben Wissenschaftler im Kaukasus vermeintlich riesige Dinosaurier-Eier entdeckt. Experten aus dem Ausland zweifeln die Echtheit der Funde an. Doch die russischen Geologen halten daran fest.
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Thursday, February 21, 2013
BILDER AUS ASERBAIDSCHAN: Die Ölarbeiter von Baku. Von David Mdzinarishvili (zeit.de)
(zeit.de) Ohne seine Ölvorräte wäre Aserbaidschan ein anderes Land. Seit dem 19. Jahrhundert wird um die Hauptstadt Baku Erdöl gefördert. Bis heute steuern die Erlöse aus dem Ölexport – auch nach Europa – mehr als die Hälfte zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei. Doch statt der weiteren Wirtschaftsentwicklung zu dienen, fließt viel Geld in Prunkbauten und die Armee des autokratischen Präsidenten Ilham Alijew. Zugleich hält der Boom der Ölindustrie andere Branchen klein. Aserbaidschaner, die nicht im Ölgeschäft arbeiten, haben wenig vom Reichtum ihres Landes.
12 Bilder hier >>>
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Sunday, February 03, 2013
AUFRUF: Deutsch-Osteuropäisches Journalistenstipendium - Marion-Gräfin-Dönhoff-Journalistenstipendium (ijp.org)
(ijp.org) Programmbeschreibung
Insgesamt fünf deutsche
Journalisten erhalten die Möglichkeit, in den Monaten September-Oktober
bei einem Medium in einem russisch- bzw. polnischsprachigen Medium als
Gastredakteur zu arbeiten. Zeitgleich wird das Stipendienprogramm für
Journalisten aus den GUS-Ländern und Polen ausgeschrieben, die sich für
einen zweimonatigen Arbeitsaufenthalt in Deutschland bewerben können.
Mit Hilfe des
Deutsch-Osteuropäischen Stipendiums sollen junge Journalisten einen
persönlichen Eindruck von Politik, Wirtschaft, Kultur sowie vom
gesellschaftlichen Alltag in GUS-Ländern oder Polen bekommen. Es bietet
die einmalige Gelegenheit, in einem fremden journalistischen
Arbeitsumfeld zu arbeiten und dabei neue Erfahrungen zu sammeln.
Das Stipendium beginnt Anfang Oktober 2013 mit einer viertägigen
Einführungstagung in Tiflis. Daran schließt sich in der Regel der
achtwöchige Aufenthalt bei dem osteuropäischen bzw. deutschen Medium
unmittelbar an. Das Gastmedium suchen die IJP in Absprache mit den
Stipendiaten aus.
Stipendienzahlung
Das Stipendium
besteht aus einer einmaligen Zahlung von 3.900 Euro. Dieser Betrag soll
Reisekosten, Verpflegung und der Unterkunft während des
Auslandsaufenthaltes, Visa-Gebühren und Krankenversicherung decken. Eine
Vergütung der journalistischen Tätigkeit vor Ort erfolgt nicht. Eine
Verschiebung des Gastaufenthaltes ist nicht möglich.
Bewerbung
Bewerben kann sich jeder Journalist zwischen 23
und 35 Jahren, der als freier Mitarbeiter, Volontär oder Redakteur bei
deutschen Medien tätig ist.
Bewerbungen müssen bis zum 15. April 2013 eingegangen sein (Datum des Poststempels; bitte kein Einschreiben, keine Päckchen, keine Kurierdienste).
Der Bewerbung beizufügen sind:
- ein tabellarischer Lebenslauf mit Passbild
- ein Motivationsschreiben
- ein journalistisches Gutachten des Ressortleiters oder Chefredakteurs (das zugleich die Bewerbung unterstützt, ggf. die Beurlaubung für die Zeit des Stipendiums sicherstellt und als journalistischer Tätigkeitsnachweis dient)
- maximal drei schriftliche Arbeitsproben; Fernseh- und Rundfunkjournalisten werden gebeten, als Arbeitsnachweis keine Kassetten einzusenden, sondern eine Liste herausragender Beiträge
- eine Präferenzangabe für bestimmte Länder und Medien sowie die Angabe, ob die Bewerbung für alle oder nur für die benannten Länder gelten soll.
Die Auswahl erfolgt unter Ausschluss des Rechtswegs durch eine Jury anhand der Bewerbungsunterlagen bis zum 1. Juni.
Bewerbungsadresse
IJP e.V.
Deutsch-Osteuropäisches Journalistenstipendium
Postfach 310746
10637 Berlin
Postfach 310746
10637 Berlin
Alumni
Die IJP fördern den Kontakt der ehemaligen
Programm-Teilnehmer untereinander durch regelmäßige Rundschreiben und
Veranstaltungen. Wir veranstalten Alumni-Dinner, jährliche Treffen etc.
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Partnermedien
Eine Auswahl von Partnermedien in Osteuropa seit 2001:
Nowaja Gazeta (Moskau), Ztg. Podrobnosti (Ekaterinburg), Ztg. Echo (Baku), TV Kamtschatka, Ztg. 24 Saati (Tiflis), Radio Puls (Ulan Ude), INTER-TV und Novy Kanal (Kiew), Ztg. Korrespondent und Zerkalo nedeli (Kiew), Polskie Radio (Warschau), TVP3 (Szczecin ), Gazeta Wyborcza (Warschau) u.a.
Eine Auswahl bisheriger deutsche Partnermedien:
DIE ZEIT, Der Spiegel, Deutsche Welle, Rheinischer Merkur, Tagesspiegel, shz Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag, General-Anzeiger Bonn, Hamburger Abendblatt, Flensburger Tageblatt, ZDF, WDR Fernsehen, Bayerischer Rundfunk, Deutschlandradio u.a.
Nowaja Gazeta (Moskau), Ztg. Podrobnosti (Ekaterinburg), Ztg. Echo (Baku), TV Kamtschatka, Ztg. 24 Saati (Tiflis), Radio Puls (Ulan Ude), INTER-TV und Novy Kanal (Kiew), Ztg. Korrespondent und Zerkalo nedeli (Kiew), Polskie Radio (Warschau), TVP3 (Szczecin ), Gazeta Wyborcza (Warschau) u.a.
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Förderer
Wie jedes der IJP-Programme wird auch das
Deutsch-Osteuropäische Stipendienprogramm Jahr für Jahr durch staatliche
und private Partner in ideeller und finanzieller Form unterstützt.
Hauptsponsoren sind die ZEIT-Stiftung, die Stiftung Mercator, das Auswärtige Amt, die Commerzbank und die Deutsche Bank.
Die IJP danken allen Förderern für ihre Unterstützung und ihr Vertrauen in das Stipendienprogramm.
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Sunday, September 30, 2012
PARLAMENTSWAHL IN GEORGIEN: Saakaschwili, ein Milliardär und der Kampf um die Wahrheit. Von Silvia Stöber (zeit.de)
| © Vano Shlamov/AFP/GettyImages |
Auch wenn der Himmel über Tiflis in hellem Blau strahlt und die
Septembersonne mild scheint, ist die Atmosphäre in der georgischen
Hauptstadt aufgewühlt wie bei einem gewaltigen Herbststurm.
Verunsichert, angespannt, aber auch wütend und ermutigt trifft man die
Menschen derzeit in Georgien an.
Denn der Ausgang der Parlamentswahl am Montag ist offen. Erstmals
seit der Rosenrevolution 2003 kann die Regierungspartei Vereinigte
Nationale Bewegung von Präsident Michail Saakaschwili nicht mit einem
sicheren Sieg rechnen. Gestern kamen mehr als 100.000 Menschen zur Abschlusskundgebung seines politischen Gegners, des Multi-Milliardärs Bidsina Iwanischwili. Es war die größte Demonstration seit der Rosenrevolution.
Iwanischwili vereinigt in seinem Bündnis "Georgischer Traum" sechs
Oppositionsparteien, darunter sehr verschiedene gesellschaftliche
Gruppen. Zu ihnen zählen westlich orientierte Politiker wie Irakli
Alasania, der die Regierung 2008 verließ. Sie wollen eine ausgewogenere
Machtbalance im Staat, den derzeit die Regierungspartei dominiert. Zudem
wollen Politiker wieder mitbestimmen, die wichtige Positionen unter
Saakaschwilis Vorgänger Eduard Schewardnadse innehatten. Viele ältere
Menschen in den Städten und die Bauern auf dem Land erhoffen sich
soziale Unterstützung vom Staat. Sie hoffen, der Milliardär werde sein
Geld weiter zum Wohle Georgiens einsetzen. Dies hatte er in den
vergangenen acht Jahren im Verborgenen getan, bis er im Herbst 2011
offen mit der Regierung brach und ihr den Kampf ansagte.
Doch Iwanischwilis plötzliches Auftauchen und seine ersten,
ungeschickten Schritte als Neu-Politiker sorgten auch für Skepsis. Sein
Vermögen hatte er in den neunziger Jahren in Russland gemacht. So lag es
nahe, dass die Regierung den Multi-Milliardär als Handlanger des
verfeindeten Nachbarn darstellte. Sie wirft ihm und seinen Getreuen
zudem vor, rückwärts gewandt zu sein und Stimmung gegen die religiösen
und nationalen Minderheiten im Staat zu machen. Tatsächlich sprach sich
Iwanischwilis Kandidat für die Region Adscharien, Murman Dumbadze,
zuletzt gegen den Bau von Moscheen aus.
Die Aussichten für Iwanischwilis Bündnis wären nicht so gut, hätte
die Regierung nicht selbst für Unzufriedenheit und am Ende für offene
Wut gesorgt. Viele fanden es überzogen, Iwanischwili den georgischen
Pass zu entziehen und mit enorm hohen Geldstrafen zu belegen. Zahlreiche
Berichte belegen, dass Staatsbedienstete mit Sympathien für die
Opposition unter Druck gesetzt und entlassen wurden.
Der gärende Unmut bahnte sich einen Weg in die Öffentlichkeit, als
die oppositionellen Fernsehsender TV9 und Maestro vor fast zwei Wochen Videos über Misshandlungen von Gefängnisinsassen zeigten.
Zwar reagierte die Regierung schnell. Sie gestand ein grundlegendes
Gewaltproblem in den Haftanstalten ein und setzte den Ombudsmann Giorgi
Tugushi als Gefängnisminister ein. Er hatte die Probleme seit Langem
thematisiert, war aber nicht gehört worden.
Doch zugleich setzte eine regelrechte Schlacht mit kompromittierenden
Videos auf beiden Seiten ein. Saakaschwili warf der Opposition vor, sie
habe Wärter geschmiert, damit sie Gewaltvideos anfertigten. Weitere
Filme und Audioaufnahmen sollen belegen, dass auch Polizisten und
Offiziere bestochen werden sollten. Auch würde die Regierung der
Opposition gerne nachweisen, dass sie mit den berüchtigten "Dieben im
Gesetz" paktiert, und gemeinsam mit dem kriminellen Netzwerk aus
Sowjetzeiten die Destabilisierung des Landes plant.
Andere Videos zeigen wiederum Regierungsmitglieder mit einst
einflussreichen Persönlichkeiten, wie sie ihre Machtbereiche abstecken.
Über all dem gerieten die eigentlichen Wahlthemen in Vergessenheit.
Gleichsam redet niemand über den Modernisierungsfortschritt, den das
Land seit 2004 zu verzeichnen hat.
Die Stimmung schlug stattdessen in den vergangenen Tagen um. Immer
offener zeigten die Menschen bei täglichen Demonstrationen Unmut.
Zumeist schlossen sie sich den Protesten der Studentenbewegung
"Laboratorium 1918" an, die sich ausdrücklich als unabhängig bezeichnet
und sozialdemokratische Ideen vertritt.
Khatia Nadaraia, eine der Organisatorinnen, sagt: "Es gibt in
Georgien große soziale Ungerechtigkeit, die wollen wir bekämpfen." Mit
ihrem Mitstreiter Tornike Chumburidze stimmt sie darin überein, dass
Gewalt ein Teil des Regierungssystems sei. "Es ist der politische Wille
unserer Regierung, nicht nur Gewalt gegen Häftlinge einzusetzen, sondern
auch Kritiker unter Druck zu setzen."
Als Beispiel führen sie an, dass regierungskritische Studenten
geschlagen wurden von Kommilitonen, die der Regierungspartei nahe
stehen. Unabhängig davon, ob bei der Wahl Saakaschwilis Partei oder
Iwanischwilis Bündnis gewinnt, wollen sie weiter für soziale
Gerechtigkeit und gegen repressiven Druck der Staatsführung
protestieren.
Von Saakaschwili erwarten sie nichts Gutes mehr. Sie sind sich aber auch nicht sicher, ob Iwanischwili es besser machen wird.
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Vano Shlamov
Location:
Tiflis, Georgien
Monday, August 27, 2012
MEDIZIN: Meister der Bakterienfresser. Der Georgische Arzt Nodar Danelia benutzt Viren, um Wunden von gefährlichen Keimen zu heilen. Von Thomas Häusler (zeit.de)
(zeit.de) Wenn Nodar Danelia auf der Krankenstation in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) auftaucht, herrscht der Notfall. Dann haben wieder die Bakterien das Zepter übernommen. Oftmals ist ihre Herrschaft sogar zu riechen. „Proteus-Bakterien stinken richtig“, sagt der Arzt, der nach 30 Jahren an der mikrobiologischen Front mit den gefräßigen Gesellen auf Du und Du ist. Dann erzählt Danelia von einem ehemaligen Patienten. Der verströmte einen wahren Pesthauch, weil er gleich mit einer Vielzahl an Bakterienarten zu kämpfen hatte. Der 27Jährige hatte sich den Oberkörper verbrannt. Danelia zeigt ein Foto: ausgedehnte, rote Wundinseln und eitrige Beläge in vernarbter Haut. Ein Anblick, den Laien schwer ertragen können, für den Arzt aber ist das alltäglich.
Sechs Jahre war der Unfall her, als Danelia den Patienten zum ersten Mal sah und das Foto aufnahm. „Sechs Jahre lang verließ er aus Scham sein Zimmer kaum. Keiner konnte ihm helfen.“ Danelias Stimme verrät, dass für ihn zwar die Mikroben längst Routine sind, seine Patienten aber keineswegs. „Die Patienten sind das Wichtigste“, sagt er immer wieder. Kein Antibiotikum wirkte bei dem Brandopfer. So ergeht es in Deutschland Tausenden. Der häufige Kontakt mit Antibiotika lässt die Bakterien zunehmend resistent werden. Ausgerechnet in Krankenhäusern lauern besonders viele dieser Keime und befallen eifrig die Wunden, welche Verbrennungen, der Diabetes oder die Skalpelle der Chirurgen hinterlassen haben. Schätzungsweise 20000 Menschen sterben jährlich nach einer Infektion, die sie sich im Krankenhaus geholt haben. Viele davon waren mit resistenten Keimen angesteckt.
Nodar Danelia ist angetreten, diesen Menschen zu helfen. Er besitzt, so ist er fest überzeugt, ein Mittel gegen die Antibiotika-Krise: ein recht exotisches Arzneimittel. Denn der 55-jährige Georgier hat es nicht in einem Gentechniklabor entwickelt, sondern aus dem untergegangenen Sowjetreich mitgebracht. Notorisch knapp an Antibiotika, kultivierten die Sowjets eine Methode aus der Frühzeit der Bakteriologie, die im Westen längst vergessen war: Sie behandelten Infekte mit besonderen Viren, die zwar Bakterien attackieren, nicht aber Menschen. Weil die Wissenschaft die Bakterienfresser Bakteriophagen nennt, heißt die urtümliche Methode Phagentherapie.
Auf seinem Laptop hat Danelia eine Präsentation mit Tabellen, Grafiken und Fotos gespeichert, die die Wirksamkeit der Phagentherapie darlegt. Sie berichtet von neun Fällen, die er im Jahr 1999 an der MHH behandelt hat. Da die Phagen hierzulande nicht als Arzneimittel zugelassen sind, dürfen sie nur in Notsituationen und mit Zustimmung des Patienten eingesetzt werden. Stolz vermerkt Danelia, dass die Phagen sieben von neun Kranken heilen konnten. Einer davon war der 27-Jährige mit dem verbrannten Oberkörper. „Drei Tage nach Beginn der Behandlung verzog sich der Gestank, weil die Bakterienzahl drastisch abnahm“, sagt Danelia. Das Bild von dem geheilten Körper seines Patienten zeigt er sichtlich gern.
Sein Lieblingsbild aber ist eine Elektronenmikroskop-Aufnahme, die die Schlagkraft seiner Phagen dokumentiert. Aus einem geborstenen Bakterium quellen Dutzende eigenartiger Gesellen mit kugeligem Kopf und den Tentakeln eines Kraken: neugeborene Phagen, die in nur 30 Minuten im Opfer herangewachsen sind. „Jeder Phage heftet sich mit den Tentakeln sofort an das nächstbeste Bakterium und injiziert das Erbgut aus seinem Kopf in dessen ,Körper‘. Das eingedrungene Phagenerbgut programmiert den Stoffwechsel seines Opfers um. Statt Bakterieneiweiße werden nun Phageneiweiße produziert. Zum Schluss gruppieren sich diese Bausteine zu fertigen Phagen, und das Bakterium platzt“, redet sich Danelia in Hitze. Auch 30 Jahre Bekanntschaft mit den Phagen hat seine Begeisterung für ihre eiskalte Effizienz nicht geschmälert.
Doch die meisten westlichen Ärzte beäugen die Phagenmedizin skeptisch: Was kann vom Osten denn schon Gutes kommen? Danelia, der seit 1997 versucht, die Phagentherapie in Deutschland anzuwenden, bekommt das zu spüren. Abschrecken lässt er sich davon nicht. Beharrlich verfolgt er sein Ziel, redet mit Ärzten, sucht Geld für seine neue Firma. „Widerstand gegen Neues ist bei Ärzten normal“, sagt er, und: „Die müssen nur mal mit mir zusammenarbeiten.“ Und tatsächlich sagt etwa Alfred Berger, der emeritierte Leiter der Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie der MHH: „Die Phagentherapie funktionierte überraschend gut bei den Patienten, bei denen wir sonst keine Lösung hatten. Angesichts der Resistenzprobleme ist das ein interessanter Ansatz.“ Langsam sieht Danelia Land: „Bei Kongressen werde ich immer öfter von Ärzten angesprochen.“ Und mit dem Chirurgen Maximilian Pichlmaier von der MHH arbeitet er seit einiger Zeit fest zusammen. Vom Erfinderzentrum Norddeutschland des Landes Niedersachsen hat er eine erste Finanzierung erhalten. Bestätigung bekommt er von Instituten und Firmen in den USA, Kanada oder Israel, die nun auch an der Phagentherapie forschen.
„Das Leben begann bei null“
Die Quellen dieser Beharrlichkeit liegen wohl in seiner Geschichte. Bevor Danelia sich aufmachen konnte, die Phagentherapie in Deutschland zu etablieren, musste er sich erst ein neues Leben aufbauen. Seine erste Existenz in Georgien wurde 1992 in den Wirren nach dem Zusammenbruch der UdSSR zerstört. Getreu dem russischen Sprichwort, wonach ein Mann für ein erfülltes Leben drei Dinge tun müsse, hatte er im Schwarzmeerbadeort Gagra ein Haus gebaut, zwei Söhne gezeugt und einen Baum gepflanzt. Danelia war Chefarzt. Sobald Michail Gorbatschow es erlaubte, machte er sich selbstständig. Dann kam der August 1992. „Ich machte Urlaub bei Verwandten meiner deutschstämmigen Frau in Bad Pyrmont, als in Georgien der blutige Krieg um Abchasien ausbrach“, erzählt er. Zwei Wochen hörte er nichts von seiner Familie, die dort geblieben war. „Es war die schlimmste Zeit meines Lebens.“ Nach vier Monaten bangen Wartens schaffte die Familie es nach Deutschland. Alle waren sicher. „Aber das Leben begann wieder bei null.“ Der erfahrene Chirurg musste darum kämpfen, dass sein Examen anerkannt wurde, arbeitete als Gastarzt ohne Gehalt in Bad Pyrmont, dann an der MHH. „Da dachte ich das erste Mal wieder an die Phagen“, erinnert er sich. „Wir hatten oft Patienten mit Infekten, bei denen nichts mehr half. Als gleichzeitig sechs Kranke mit resistenten Staphylokokken auf der Station lagen, besorgte ich Phagen in Georgien, und wir legten los.“
Ein Jahr lang hatte er seinen Kollegen von den Talenten der Phagen erzählt, bis sie zu den Versuchen bereit waren. Ihre anfängliche Skepsis ist verständlich. In der Sowjetunion wurden zwar Millionen von Menschen mit Phagen behandelt, aber es gab kaum Untersuchungen, die die Wirksamkeit der Methode einwandfrei belegt hätten. Die meisten Studien existieren nur auf Russisch und entsprechen nicht den westlichen Standards.
Die Medikamente, die alsbald aus der georgischen Hauptstadt Tiflis eintrafen, entsprachen auch nicht dem, was ein hiesiger Mediziner von einem Arzneimittel erwartet. Die Konzentration an Wirkstoff – den Phagen – variierte von Charge zu Charge. Dazu enthielt die braune Brühe eine Menge Bakterienreste, die in zu hoher Konzentration das Immunsystem zu gefährlichen Überreaktionen reizen.
Die Bakterientrümmer künden von den kümmerlichen Verhältnissen, in denen die georgischen Forscher heute arbeiten. In den guten Zeiten wurden die Phagen nach der Vermehrung in der Bakterienkultur sorgfältig gereinigt. „Heute sind die Forscher froh, wenn sie überhaupt arbeiten können“, sagt Danelia. Auf seiner Stirn wölben sich Zornesfalten: Zorn auf die Politiker, die seine Heimat durch Korruption zugrunde richten. Die Menschen sind arm, Hunderttausende haben das Land verlassen. Im zerfallenden Tifliser Phageninstitut arbeiten noch 70 Menschen, früher waren es 1200.
Phagen nach deutscher Vorschrift
Seit den kruden Anfängen 1997 hat sich einiges verändert. Zweimal hat Danelia die Freunde aus Tiflis für einige Monate nach Hannover eingeladen, um neue Phagen zu suchen. Denn anders als Antibiotika, die meist eine breite Palette an Keimen abtöten, attackiert ein bestimmter Phage nur eine Bakterienart oder gar nur eine Untergruppe. So kann es sein, dass Phagen, die die Staphylokokken eines Patienten in Tiflis verputzen, jene eines Kranken in Hannover völlig in Ruhe lassen. Manchmal werden Bakterien auch resistent gegen einzelne Phagen. Darum muss Danelia vor der Behandlung testen, ob einer oder eine Kombination seiner Phagen die fraglichen Bakterien angreifen. „Ist das nicht der Fall, isolieren wir neue“, sagt er. „Am einfachsten findet man die richtigen Phagen im Abwasser des Krankenhauses, in dem die Patienten liegen.“
Mittlerweile kommen die Phagen, die Danelia verwendet, nicht mehr aus Georgien, sondern aus einer deutschen Pharmafabrik, die sie nach hiesigen Vorschriften in Kleinserie produziert. Und nun peilt der Arzt den nächsten Schritt an: die Zulassung als reguläres Medikament. Eine teure Hürde: Denn dafür muss er bei einer bestimmten Infektart die Wirksamkeit und Sicherheit der Therapie an vielen Patienten beweisen. Er weiß natürlich, dass das Gesetz diesen Beweis verlangt. Doch manchmal bricht der Praktiker in ihm durch, der mehr auf lange Erfahrung setzt als auf trockene Statistiken. Haben die Phagen in Georgien nicht unzählige Male unter seinen Händen ihre Magie entfaltet? Eitrige Rippenfelle, Lungenentzündungen, Ohrenentzündungen – alles geheilt. Oder die Stichverletzung eines Mannes, der nach einer Messerstecherei eingeliefert wurde. „Ich nahm Magen und Gedärme heraus und spülte sie mit Phagenlösung, um eine Infektion zu verhindern“, sagt Danelia, die Hände in der Luft. Die eine hält einen imaginären Dickdarm, die andere wäscht ihn mit Virenlösung ab. Der Verletzte hatte natürlich keine Infektion nach der Phagenwäsche? „Ja, was meinen Sie denn?“
Eine Minute später gewinnt der Wissenschaftler in ihm die Oberhand. Wieder in ruhigem Ton skizziert er den Versuch, den er in wenigen Monaten als ersten Schritt zum Zulassungsprozedere starten will. Als Partner dabei ist Chirurg Pichlmaier. Noch fehlt die endgültige Finanzierungszusage einer Partnerfirma, die Bewilligung der Ethikkommission und eine letzte genetische Analyse der Phagen, die sie verwenden werden. Behandeln wollen Danelia und Pichlmaier zuckerkranke Menschen, die wegen ihrer Krankheit an offenen und infizierten Füßen leiden. Jährlich wird deswegen 28000 Kranken in Deutschland ein Fuß amputiert. Doch diese Studie soll nur „das Eis für die Phagentherapie brechen“. Nach dieser Pflicht wartet auf die beiden die Kür, jene Einsatzgebiete, die sie wirklich reizen. So möchte Pichlmaier die Therapie für jene schweren Fälle etablieren, mit denen er es als Gefäßchirurg tagtäglich zu tun hat: Patienten, die wegen verstopfter Gefäße neue Arterien brauchen. „Wenn da nach dem Einpflanzen der Prothese eine resistente Infektion auftritt, haben wir massive Probleme“, sagt er. Oft muss das künstliche Gefäß in weiteren Operationen ausgewechselt werden. Das überleben manche geschwächte Patienten nicht. „Wenn wir infizierte Prothesen im Körper des Patienten mit Phagen sterilisieren könnten, müssten wir sie nicht auswechseln“, sagt Pichlmaier. „Damit würden wir die Lehrbücher der Chirurgie neu schreiben.“
Buchhinweis: Am 10. September erscheint von Thomas Häusler das Buch „Gesund durch Viren“ (Piper Verlag). Es zeichnet die wechselvolle Geschichte der Phagentherapie nach und beleuchtet die Anstrengungen westlicher Forscher, die Methode wieder einzusetzen
Nodar Danelia hat in der ehemaligen UdSSR eine besondere Methode der Bakterienbekämpfung gelernt: Statt Antibiotika setzt er spezielle Viren ein, so genannte Phagen. Diese attackieren Bakterien, indem sie ihre DNA einschleusen (siehe oben). Jetzt will Danelia von diesem Verfahren auch seine deutschen Kollegen überzeugen
Mehr: swr.de (pdf)
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