Tuesday, April 10, 2012

ARTIKEL Aserbeidschanische Juden etablieren sich als Immobilienkönige in Russland. By Gerald Hosp (nzz.ch)

(nzz.ch) Moskauer Milliardäre aus der «Roten Siedlung»

http://www.nzz.ch/images/russland_fullSize_1.16362490.1334035053.jpg
Das im stalinistischen Zuckerbäckerstil erbaute Hotel «Ukraine» befindet sich in aserisch-bergjüdischen Händen. (Bild: Keystone/EPA)
Die ungekrönten Immobilienkönige Russlands stammen aus einer kleinen jüdischen Siedlung in Aserbeidschan. In der Moskauer Diaspora gibt es einige Millionäre und Milliardäre aus der bergjüdischen Gemeinde.
Von Gerald Hosp, Moskau

Ungeduldig winkt Akif Gilalow im Moskauer Nobelrestaurant «Wanil» einen seiner sieben Leibwächter herbei. Er solle ihm Visitenkarten bringen, sagt der 34-jährige Gilalow. Aus einem Bündel von unterschiedlichen Karten sucht er schliesslich eine Variante mit Schnörkelschrift in Goldfarbe aus. Warum es genau diese sein soll – die Visitenkarte ist schwer zu lesen –, bleibt sein Geheimnis. Der untersetzte, völlig in Schwarz gekleidete Gilalow liebt wohl Glamour. Nebenbei fällt die Bemerkung, er habe Michail Gorbatschew in der Schönheitsklinik La Prairie am Genfersee kennengelernt.

Marktwirtschaft am Anfang
Der Geschäftsmann Gilalow spricht nicht gerne übers Geschäft. Seine Zar Group ist vor allem in der Immobilienbranche tätig und betreibt unter anderem Einkaufszentren. Gilalow interessiert sich zudem für das Geschäft mit Metallen wie seltenen Erden. Nach seiner Angabe ist er milliardenschwer. Er ist aber auch der Präsident des Weltkongresses der Bergjuden. Die Organisation ist eine von vielen ähnlichen Vereinigungen, die mitunter auch in Konkurrenz stehen. Als Bergjuden bezeichnet man die einheimische jüdische Bevölkerung in der russischen Republik Dagestan und in Aserbeidschan. Die Vorfahren der Bergjuden sollen aus dem alten Persien stammen, die Sprache ist an Farsi angelehnt.

Anzeige:Gilalow, dessen Vater der Leiter des Rechnungshofes in der Sowjetunion war, wurde im jüdischen Viertel Krasnaja Sloboda («Rote Siedlung») der Stadt Quba im Norden Aserbeidschans geboren. Krasnaja Sloboda gilt als eine der geschlossensten jüdischen Siedlungen ausserhalb Israels. Die Bevölkerungszahl ist über die Jahre auf nun rund 3000 Einwohner gesunken; Russland, Israel, Europa und die Vereinigten Staaten lockten mit Arbeit. Das aserische Städtchen scheint aber ein gutes Pflaster für Unternehmer zu sein: Die russische Ausgabe von «Forbes» kürte vor kurzem Sarach Iliew und God Nisanow zu den Immobilienkönigen Russlands. Ihre Unternehmen sollen jährlich Mieteinnahmen von 780 Mio. $ erhalten. Beide Unternehmer sind in Krasnaja Sloboda aufgewachsen. Zu ihren Objekten in Moskau gehören das prunkvolle Hotel Ukraine und das riesige Einkaufszentrum Ewropeiski. Der ebenso reiche Telman Ismailow stammt zwar nicht aus Quba, er ist aber auch Bergjude aus Aserbeidschan und unterstützt Krasnaja Sloboda finanziell. Jakow Jakubow, die Nummer 21 in der «Forbes»-Liste der grössten Immobilienunternehmer in Russland, ist ebenso Mitglied der bergjüdischen Diaspora in Moskau. Iliew, Nisanow und Ismailow sind dabei die bekanntesten aserisch-bergjüdischen Geschäftsmänner, ihre Schicksale sind eng miteinander verknüpft.

Die Grundlage des Reichtums von Ismailow, Iliew, Nisanow, Gilalow und einigen anderen liegt in den grossen Märkten, die in Moskau nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gegründet worden waren. Der bekannteste darunter war der Tscherkisowo-Markt, einst Osteuropas grösster Handelsplatz. Der Markt galt als Stadt in der Stadt. Auf einer Fläche von bis zu 300 Hektaren gab es in der zweistöckigen Markthalle neben Verkaufsständen auch illegale Wohnheime, Nähstuben, Cafés, Massagesalons, Übersetzungsbüros, Arztpraxen und vieles mehr. Im Jahr 2009 wurde der Markt von der Polizei offiziell wegen Verstössen gegen Gesundheitsvorschriften und Brandschutzbestimmungen geschlossen. Gründer und Betreiber des Marktes war Ismailow, der bereits den Luschniki-Markt eröffnet hatte. Iliew war auch am Tscherkisowo tätig, aber nicht als Partner von Ismailow, wie dieser in einem seiner seltenen Interviews der Zeitung «Wedomosti» sagte. Iliew hatte Containerplätze, um diese weiterzuvermieten. Nisanow soll zunächst für Ismailow gearbeitet haben, und er spannte danach mit Iliew zusammen. Laut Akif Gilalow war auch sein Vater bei der Entwicklung des Marktes dabei.

Nichts für zarte Gemüter
Das Geschäftsmodell wandelte sich von offenen Märkten und Handelsplätzen hin zu Einkaufszentren. Die Immobilienimperien entstanden. Es kamen Restaurants, Hotels, Handelsketten und andere Beteiligungen hinzu. Das Geschäftsgebaren in Russland ist mitunter rau. Die wenig zugängliche Welt der «ethnischen Unternehmer» und deren Aufstieg in den turbulenten 1990er Jahren laden zu Spekulationen ein, mit welchen Methoden das Geld gescheffelt wurde. Gilalow hat nicht ohne Grund Leibwächter: Sein älterer Bruder Saur wurde im Jahr 2004 in Moskau erschossen, sein Vater war bereits sieben Jahre früher einem Anschlag zum Opfer gefallen. Ob es sich dabei um eine Vendetta mit einem feindlichen Clan oder um Auftragsmorde im Zusammenhang mit den Geschäften der Familie handelte, ist unklar. Akif Gilalow spricht aber von sich als von einer Generation mit einer neuen Mentalität. Er meint den Übergang zu zivilisierten Methoden, ohne es zu sagen. Grundsätzlich seien Bergjuden arbeitsam, stur, prinzipientreu und gute Händler, meint Gilalow. Bereits zu Sowjetzeiten sei Krasnaja Sloboda ein reiches Dorf gewesen, es wurde rege mit Produkten gehandelt, an denen es im kommunistischen System mangelte. In den 1980er Jahren sei es im Ort modisch gewesen, im Adidas-Trainingsanzug als Zeichen von Exklusivität zu heiraten, erinnert sich Gilalow. Der Geschäftssinn von God Nisanow war wohl auch dadurch geschärft worden, dass sein Vater zu Sowjetzeiten der Direktor der Konservenfabrik in Quba war.

Von einem quirligen Geschäftszentrum ist Krasnaja Sloboda derzeit weit entfernt. «Es gibt nicht mehr viele Leute, die hier arbeiten. Die Jungen gehen weg, nach England, nach Amerika, nach Russland», sagt Boris Simandujew, der betagte Obmann der jüdischen Gemeinde von Krasnaja Sloboda, den Zustand bedauernd. Auch seine fünf Kinder sind weggezogen und leben jetzt in Baku, Moskau, Riga und in der Ukraine; ein Enkel studiert in Israel. Simandujews Blick ist melancholisch, Traurigkeit und eine würdevolle Distanz liegen eng beisammen. Er schätzt es, dass die zu Reichtum gekommenen Geschäftsmänner der bergjüdischen Diaspora in Moskau Krasnaja Sloboda nicht vergessen haben. Für die kleine Gemeinde stehen zwei prächtig renovierte Synagogen zur Verfügung, in der Zarenzeit hatte es noch deren 13 gegeben.

Das jüdische Viertel wird nicht nur geografisch vom Rest der muslimischen Stadt Quba durch den Fluss Kudyal getrennt, auch optisch liegen Welten dazwischen. Das Strassenbild von Krasnaja Sloboda wird von Kindern und älteren Männer geprägt, die Frauen seien zu Hause, heisst es. Männer im arbeitsfähigen Alter sind selten zu sehen. Es gibt drei Teestuben, kein Restaurant. Die Strassen sind sauber asphaltiert, zweistöckige, meist leerstehende Prachtbauten reicher Auswanderer unterbrechen die monotonen Häuserreihen, der Friedhof ist herausgeputzt, die letzte Ruhestätte für jene, die sich in der Ferne nach der alten Heimat gesehnt haben. Auch der Vater von Gilalow liegt hier begraben. Der Rest der Stadt hat keine reichen Gönner.

Abschottung bringt Vertrauen
Der muslimische Teil von Quba ist eine normale aserische Kleinstadt mit Schlaglöchern in den Strassen, mit einem hektischen und bunten Treiben, die Häuser sind niedrig. Simandujew erzählt, dass es zwischen Muslimen und Juden im schiitisch geprägten Aserbeidschan keine Probleme gebe. Der aserische Präsident Ilham Alijew spricht von den Juden als seinen Freunden, von den Bergjuden als seinen Brüdern. Die Wertschätzung wird mit Loyalität gegenüber dem Präsidenten bezahlt. Die Bedrohung für das jüdische Leben in Krasnaja Sloboda liegt eher in der ökonomischen Perspektivenlosigkeit, trotz den Geldern der Milliardäre aus Moskau und aus anderen Weltgegenden.

Akif Gilalow setzt ein entwaffnendes Lächeln auf. Wenn er das Geheimnis für den Erfolg der Bergjuden aus Krasnaja Sloboda kennen würde, würde er es verkaufen, meint er. Die Lösung des Rätsels liege möglicherweise in der Abschottung und der Kleinheit der bergjüdischen Gemeinde. Die engen Verwandtschaftsverhältnisse halfen ein Grundproblem in postsowjetischen Gesellschaften zu überwinden: den Mangel an Vertrauen. Man lieh sich gegenseitig Geld, in der Fremde konnte man auf vertraute Gesichter setzen. Ein erfolgreicher Geschäftsmann kann dabei mehrere andere mitziehen. Die Bekanntschaft Ismailows und anderer Exponenten aus sowjetischer Zeit mit dem früheren Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow wirkte wohl zusätzlich unterstützend. Gilalow geht, wie er kam: mit grosser Geste. Das iPad unter den Arm geklemmt, gestikuliert er in Richtung seiner Leibwächter und verschwindet.

FERNSEHEN: Bakhmaro heißt Paradies. Eine Dokumentation von Salomè Jashi (video.arte.tv)


(video.arte.tv) Ein dreistöckiger Ziegelbau in der georgischen Stadt Chokhatauri. Fenster sind zerbrochen, Farbe blättert von den Wänden, die Reste von Plakatierungen, schmutzige Gardinen.

Im Zentrum des Gebäudes befindet sich ein Restaurant, dessen Wände mit knallgrünen und orangen Schaumplatten verkleidet sind und wo Tische mit Deckchen auf Gäste warten, die selten kommen.
 
Dieses Gebäude scheint wie ein Modell des gesamten Landes im Kleinen - mit seinen endlosen politischen Demonstrationen und Versammlungen und der gleichzeitigen Starre und Hoffnungslosigkeit. Es ist, als ob vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse sich das Leben in Georgien irgendwie an diesem Ort abbildet.

(Deutschland, Georgien, 2011, 59mn) MDR

Erstausstrahlungstermin: Dienstag, 10. April 2012, 00:35

Weitere Ausstrahlungstermine:  Donnerstag, 19. April 2012, 05:00

Monday, April 09, 2012

GESCHICHTE: Georgien verwandelt Stalin-Museum in Museum des Stalinismus (de.ria.ru)

Georgien verwandelt Stalin-Museum in Museum des Stalinismus
Georgien verwandelt Stalin-Museum in Museum des Stalinismus / © RIA Novosti. Besik Pipiya
(de.ria.ru) Das Stalin-Museum in Gori, der Geburtsstadt des einstigen sowjetischen Machtpolitikers, soll in ein Museum des Stalinismus verwandelt werden, meldet die Agentur Novosti-Grusia am Montag unter Berufung auf das georgische Ministerium für Kultur und Denkmalschutz.
 
Der zuständige Fachminister Nikolos Rurua soll noch am selben Tag führende Staatsbeamte, Diplomaten, Hochschulleiter, Studenten und andere Bürger, die sich im Stalin-Museum versammeln, über das Vorhaben informieren.

„Mit Unterstützung des Kulturministeriums sowie von Nachkommen der Opfer der Stalinschen Repressionen und von Erforschern des sowjetischen Totalitarismus wird das Stalin-Museum in ein Museum des Stalinismus umgewandelt, das den Besuchern ein vollständiges und unvoreingenommenes Bild von der stalinistischen Zeitperiode vermitteln soll“, so die Mitteilung.

Es ist geplant, dass ein zukünftiger Rat internationaler Experten das Vorhaben unter verschiedenen Aspekten konzipiert und die Aufsicht über seine Umsetzung übernimmt. Die Finanzierungskosten sollen sowohl von georgischen als auch von internationalen Institutionen getragen werden.   

Das staatliche Stalin-Museum war im Jahr 1937, noch zu Lebzeiten Josef Stalins, auf Initiative seines Geheimpolizeichefs Lawrenti Berija gegründet worden. Die Sammlung beherbergt mehr als 47 000 Exponate, darunter persönliche Gegenstände des „Führers der Völker“. Zum Museumskomplex gehören das Geburtshaus von Josef Stalin (Dschugaschwili), das Ausstellungsgebäude und der Bahnwaggon, in dem Stalin zu seinen Konferenzen mit den Alliierten im Krieg gegen Hitlerdeutschland nach Teheran, Jalta und Potsdam gefahren war.

mehr zum Thema

PHOTOGRAPHY: The Georgian Levan Kherkheulidze.




Sunday, April 08, 2012

CALL FOR PAPERS: Chechnya: rationales of violence and war experiences. Paris, 22-23 October 2012

Chechnya: rationales of violence and war experiences

Link: russiaviolence.hypotheses.org

Since 1994, the Chechen war has been qualified in diverse ways by actors and observers - colonial war, counter-terrorist operation, restoration of constitutional order, war of extermination. This profusion - or perhaps confusion of qualifiers reveals a multitude of explanations for the causes, aims and consequences of the war, and often hints at the exceptionality of the conflict. The aim of this conference will be not only to sum up, renew and enrich existing research on the Chechen war, but also to put the phenomena of violence at work there in a comparative perspective that takes into account the renewal of the historiography of 20th century wars.

The Chechen war, which broke out in 1994 and began again in 1999 after a 3-year cease-fire, played a central role in Russia's political evolution. Several studies (Tishkov, Hughes, Dunlop, Lieven, Evangelista) have shown how the Chechen war was linked with the collapse of the USSR and the reconfiguration of the political system and Russian federalism, but also the role played by that war in certain important Russian political events (Yeltsin's re-election in 1996, his resignation in 1999 in favour of Prime Minister Putin,whose popularity was on the rise thanks to the war).

Although estimates of the number of victims of the first (1994-96) and second wars (since 1999) remain a subject of debate (Cherkassov, Maksudov), as do the periodisations of these wars, studies by NGOs suggest tens of thousands of deaths in the two wars. Since 1999, those missing number in the thousands - testimony to the repressive system put in place to "fight against terrorism". The policy of systematic filtering of the population aimed particularly at men (Le Huérou, Regamey) was accompanied by numerous acts of violence (torture, rape, summary executions). The coming to power of Akhmad Kadyrov, succeeded on his death in May 2004 by his son Ramzan, meant a change in the rationales of violence and a "Chechenisation" of the conflict, which leads to the use of the notion of "civil war".

At the present time, the violence taking place in the whole of North Caucasus is analysed as a combination of a spread of war violence from Chechnya and of rationales proper to the Republics of North Caucasus (Merlin). The question of the spread of rationales of war violence into the whole of Russian society is also raised, there being so many Russian soldiers and officers today having gone through Chechnya, but policemen especially (Le Huérou, Sieca-Kozlowski). Bombings and hostage-takings linked to the Chechen conflict also aise the issue of Moscow's handling of terrorist acts (Dunlop).

Because Kadyrov was installed by Moscow in order for Chechnya to re-enter into Russia's fold, his power paradoxically raises the question of the degree of autonomy of a Republic whose leader claims to govern while not adhering to Russian laws (on women's rights in general), and Chechnya's place in today's Russia's political game (Malashenko, Lokshina). Another important element in Moscow-Grozny relations is the memory of the deportation of Chechens in 1944, the aim of an official mobilisation policy by pro-Russian Chechen authorities. Lastly, even if relative and truncated, the policy of amnesty for combatants suggests an "end of war" policy in which the issue of justice is not broached at any moment whatsoever.

It is the whole of these tendencies and rationales of violence at work that the conference will re-examine, drawing on deeply renewed research in war studies done in the past twenty years from the perspective of history, political science, anthropology, international relations, philosophy and law. Occasionally borrowing from anthropology (Audoin-Rouzeau, Ingrao), recent historical research has built up the concept of the culture of war (Becker, Horne), studying the war experience of combatants (Duclos, Reno, Debos) and suggesting several explanations for war violence. Putting forward the notion of trivialisation and brutalisation (Mosse, Bartov), examining issues such as consent (Audouin-Rouzeau, Becker, Browning) or the extent of constraint (Rousseau, Cazals), they also emphasize specific acts of violence, particularly torture and sexual violence (Branche, Virgili). Other research points to a need to pay particular attention to post-war moments (Cabanes, Capdevilia, Duclos, Jardin, Picketty), to the situation of former combatants (Delaporte, Edele, Prost, Oushakine) and to forms of transitional justice (Saada, Lefranc, Nadeau, Delpla, Rousso). Finally, we will address questions such as how conflicts fit into an international dimension and discuss the role of international actors and issues of labelling and qualifying a conflict (Lindemann).

Our objective in this conference - which will mainly focus on the history of Chechnya since the end of the Soviet period and the collapse of the USSR - is therefore not only to examine political, economic and social trends having marked the Republic, but to reflect on conditions determining the production of knowledge on this war from a comparative perspective, thanks to  specialists on other conflicts who will participate as discussants.

We will be interested in the most relevant tools, methods, questionings for furthering understanding and analysis of this conflict, and will pay particular attention to the various existing sources, to the way they are used by  different actors, as well as historians. We will pay attention to a precise chronology of the last twenty years, attempting to replace events in the context of the era, so as to avoid any anachronism or temptation to re-interpret the past in light of the present. Finally, though many research works emphasize the consequences of the conflict on how Russia has evolved, we will emphasize the consequences of this conflict on Chechnya and Chechen society.

The questions we wish to address can be grouped under four main themes:

How to work on this war?


This question, unavoidable for a conflict as contemporary as that of Chechnya, is in fact a dual one. As an ethical and political question, it is actual for all researchers in the domain of extreme violence (Sémelin, Zawadzki, Le Pape, Siméant, Vidal). If it is necessary that we discuss this war, which took place right in front of us, is it possible to produce knowledge which is purely academic and involves neither taking a stand nor action? How can we work without endangering, worsening the condition of persons who are the
object of extreme acts of violence, at the very time when these acts of violence are taking place?

Then there is the question of sources. The war in post-Soviet Chechnya began less than twenty years ago, and has given rise to a profusion of journalistic sources, humanitarian or human rights NGO reports, testimonies gathered by the latter which are extremely valuable sources (Lokshina, Sokirianskaia); numerous actors and witnesses can be questioned. At the same time, Chechnya was and has to a great extent remained inaccessible: in addition to the dangers inherent in any armed conflict were those of the chaotic period between the two wars marked by hostage-taking and assassinations, besides the entry prohibitions put in place by the Russian authorities as of 1999. Still today, Chechnya remains a dangerous region where the foreign visitor or researcher is under strict control. In this context, what do existing sources tell us and what sources are used by and are usable by researchers?

Political rationales of violence

Our aim here is to analyse acts of violence committed against civilians as well as their perpetrators, from the point of view of the military and police rationales at work in the conflict. In this case, two problems arise- the qualification and labelling of the conflict (war, anti-terrorism) and the consequences of this naming on the war terrain; what relationship is there between the naming of the enemy by the political power and the practice of acts of violence on the terrain?  Are there borrowings of anti-terrorist practices from other countries, as well as from Soviet counter-insurrection practices? In what way does the conduct of the war reflect the situation in the military, but also, in what way does it bring about reforms and  reorganisations? How to evaluate the role played by R. Kadyrov's armed forces in this violence? What are the relations between the boeviki, independentist and/or Islamist combatants and the civilian population? How to analyse the recourse to terrorism and its evolution during the war years? From the legal perspective, what links are there between the various stages of the conflict (jus ad bellum/ in bello/ post bellum) that enable us to speak of its breaking out, taking place, and of issues of after-war justice/reconciliation. Finally, how to record the Chechen war in the long history of wars and characterise it with the tools of "war studies"? Is the distinction between "old" and "new" war (Kaldor) operational in the case of this conflict?

War experiences and socio-cultural consequences of the war

We would like to examine the existing sources, testimonies, memoires, narrations and fictions to try to understand what was lived by those who went through the war. First of all by the civilian populations, whether they remained in Chechnya or fled the conflict. Whereas the Russian population living in Chechnya-Ingushetia during the Soviet era left the territory gradually, beginning in 1991, what were the effects of the war on Chechen society, and on the different peoples/persons living in Chechnya before the war? What were the economic consequences and issues brought on by the war? How to analyse the evolution of religion and religious practice, as well as the political mobilisations of religion? How did social cohesion evolve in its various forms and what role in these upheavals is played by the teïp, traditional organisation in clans (Sokiranskaia)? What specific forms of violence were women exposed to, how did their role evolve and, more generally, how did gender relations evolve during the war? Can we speak of a "re-traditionalisation" today, and if so, how can it be explained? What about the formation of a diaspora and of Chechen communities in exile, what type of social links connect those who left - and sometimes returned to Chechnya?

We will also examine the war experience of combatants, particularly in terms of "war trauma", but also in the translation of these reactions into resistance and disobedience movements. How the rationales of violence proper to police and military institutions play themselves out on the terrain, and how,  inversely, violence and the war experience influence the behaviour of policemen and the military once back in Russia, outside of Chechnya.

Phases of "non-war" and ends-of-war

Contrary to the temptation to see the history of Russian-Chechen relations only structured by war and confrontation, we will also examine times of "non war". First of all, the years between 1970-1980, a peaceful period, though not without tensions which remains to be re-explored. Second, the events of the beginning of the 1990s, after the fall of the USSR, the nature of the political relations between Moscow and Grozny and the modalities of negotiations or non-negotiations, as well as the role of the various actors involved. Finally, how to qualify the period between 1996-1999 ("interwar", "end-of-war") and the present period?

For all these periods, we will ask what legal relations were set up between Grozny and Moscow, how the status of Chechnya evolved and how the issue of recognition intervened in the process. What were the forms of political management of Chechnya by Moscow and what forms of government in Chechnya itself were given priority? How is Chechnya managed by Moscow from the viewpoint of the whole North Caucasus? How to analyse relations between Chechen and Russian elites, whether before and during the wars, and today, under Ramzan Kadyrov? How were economic relations with Moscow and the rest of Russia established, how did Chechnya fit into the networks and what role did it play in the circulation of various flows - economic and financial, legal and illegal? Finally, we will ask how, during these 20 years, issues of justice and impunity were addressed, in particular, the importance of internal justice mechanisms in comparison with the possibilities and limits of international justice; notably in the absence of Russia's ratification of the Rome statute founding the CPI.

The inter-disciplinary conference is open to the contributions of historians, sociologists, researchers in political science and international relations, cultural studies, literature and the cinema, as well as specialists in military questions. Although the conference will focus mainly on Chechnya since the fall of the USSR,
contributions on earlier periods are also welcome, as are proposals involving a comparison between the Chechen case and other conflicts.


Schedule

Persons wishing to participate should send to
chechnyaviolence@gmail.com a resume of 300 to500 words along with a short biographical note (no CV) for May 4th 2012.

Participants accepted will be informed by June 1st 2012.

Participants will be requested to provide an abstract of approximately 5-7 pages (3000-5000 words) for September 15th 2012.

Working languages: French, English, Russian (presentations are possible in these three languages, French-Russian and Russian-French translation only will be available).

Information:
http://russiaviolence.hypotheses.org
chechnyaviolence@gmail.com

This conference is organised by the research project Understanding Violence in Russia: War, Institutions, Society thanks to the support of the "Emergence(s)" Programme of the City Hall of Paris.

Organising Institutions: Centre d'étude des mondes russe, caucasien et centre-européen (CERCEC) (CNRS/EHESS); Fondation Maison des Sciences de l'Homme, Paris; Université Libre de Bruxelles-; Centre d'études franco-russe, Moscow.

Organisation Committee: Françoise Daucé (University Blaise Pascal Clermont-Ferrand/ CERCEC(EHESS/CNRS)), Anne Le Huérou (CERCEC(EHESS/CNRS)), Aude Merlin (ULB-CEVIPOL, Brussels), Amandine Regamey (University Paris I/CERCEC(EHESS/CNRS)), Elisabeth
Sieca-Kozlowski (CERCEC (EHESS/CNRS), PIPSS.ORG)

Scientific Committee Alain Blum (CERCEC (EHESS/CNRS)), Raphaëlle Branche (University Paris-1, CHS, IUF), Marielle Debos (University Paris Ouest, ISP), Jean-Vincent Holeindre (Panthéon-Assas University (Paris 2), Centre Raymond-Aron (EHESS)), Mary Kaldor (London School of Economics), Julie Saada (Artois University), Aglaya Snetkova (Centre for Security Studies, ETH, Zurich), Katia Sokirianskaia (International Crisis Group, Moscow), Maïrbek Vachagaev (Association for Caucasian Studies, Paris), Vanessa Voisin (CEFR-IRICE)

ESC 2012: Zwangsräumungen in Baku. "Betonklotz ins Schlafzimmer geschleudert". Von Annette Langer (spiegel.de)

Aus berichtet Annette Langer


(spiegel.de) Großreinemachen vor der Schlagersause: Zum Eurovision Song Contest will sich Aserbaidschans Hauptstadt Baku modern und aufgeräumt präsentieren. Deshalb müssen alte Häuser und ihre Besitzer weichen. Wer nicht freiwillig geht, wird mit perfiden Methoden dazu gezwungen.

Brachial gehen die Behörden in Baku gegen Hausbesitzer vor, die ihre vier Wände...Am 17. März, kurz vor Mitternacht, schreckte Großmutter Schirinbadschi mit Herzrasen aus dem Schlaf hoch: Ein ohrenbetäubendes Krachen hatte sie geweckt. Sie rannte zum Zimmer, in dem ihr zweijähriger Enkel und dessen Mutter schliefen. "Ich habe meinen Augen nicht getraut - jemand hatte mit einem Schaufelbagger durch das Dach einen riesigen Betonklotz ins Zimmer geschleudert." In der Decke klafft jetzt ein fünf Quadratmeter großes Loch.

Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Für die sieben Menschen in der etwa 50 Quadratmeter großen Wohnung in der Agamirsa-Alijew-Straße war klar: Dies war ein Anschlag - auf die Unversehrtheit, den Stolz und den bescheidenen Besitz der Familie Rsajew.

"Wir haben die Feuerwehr angerufen, aber die haben nur gefragt, warum wir nicht endlich an die Stadt verkaufen." Die Rentnerin atmet schwer, ihre Augen funkeln vor Zorn. Seit 2009 werden Immobilienbesitzer in Baku verstärkt genötigt, ihre zum Teil noch aus der Zeit des ersten Öl-Booms im 19. Jahrhundert stammenden Häuser und Grundstücke unter Preis zu verkaufen - um Platz für moderne Neubauten zu schaffen. "Der Präsident will auf meine Kosten sein neues Baku aufbauen, da mach ich nicht mit", schimpft Rsajewa.
Im Februar kam ein Behördenvertreter auf die Familie zu und drängte sie, doch bitte endlich ihr Haus zu verkaufen. "Die wollten mir Angst machen, so etwas mag ich gar nicht", empört sich Rsajewa. Das Angebot, das ihr unterbreitet wurde, lag weit unter dem Wert der Immobilie im Zentrum der Stadt und galt für nur 41 der eigentlich 50 Quadratmeter - man hatte Küche und Bad abgezogen.

Rsajewa weigerte sich und ging vor Gericht. Ein regierungstreuer Gutachter erklärte, das Haus müsse verkauft werden, weil es baufällig sei und eine Gefahr darstelle. "Na klar, mein Dach ist aus Versehen ins Schlafzimmer geplumpst", ärgert sich die Besitzerin.

Noch während die alte Dame ihr Schicksal beklagt, reißen für einen Hungerlohn angeworbene Hilfsarbeiter in der Nachbarschaft ein Haus ab - obwohl im Nebengebäude noch Kinder spielen. Schnell hat sich eine Traube von Anwohnern gebildet, wütend beschimpfen sie den Abreißtrupp, der in einer Wolke von Staub stur seinem Auftrag nachgeht.

+++

Foto (1) Elmar, 43, Elektriker: "Ich bin hier in der Schamsi-Badalbeili-Straße geboren. Mein Großvater hat das Haus noch mit Goldmünzen bezahlt. Jetzt lebe ich 40 Kilometer von Baku entfernt, bin arbeitslos. Die Stadt hat mir 1500 Manat (etwa 1400 Euro) pro Quadratmeter geboten. Doch das reicht nicht, um sich in der Innenstadt eine neue Wohnung zu kaufen. Die Preise liegen bei 5000 Euro pro Quadratmeter. Ich habe mich ein halbes Jahr lang geweigert, den Kaufvertrag zu unterschreiben. Dann bin ich eingeknickt. Inzwischen ist alles verwüstet. Nicht nur das Haus und die Straße - unser ganzes Leben haben sie uns weggenommen. Sie behandeln uns wie Indianer, die man in ein Reservat steckt."

+++

"In Aserbaidschan herrscht Anarchie", schnaubt Rsajewa. "Unser Präsident ist unfähig, wir sind praktisch führungslos." Tatsächlich garantiert die aserbaidschanische Verfassung in Artikel 13 die Unantastbarkeit von Eigentum - "es wird durch den Staat geschützt", steht darin. Doch seit die Stadt Baku im Namen von Präsident Ilham Alijew im Februar 2011 ein Dekret erließ, wonach Staatsinteressen in diesem Fall vor Privatinteressen gehen, sieht es schlecht aus für die Hausbesitzer.

Die Methoden der Behörden, günstig an Grundstücke im Zentrum zu kommen, sind perfide: Mal reißen sie ein Dach auf, damit die Feuchtigkeit die Bausubstanz zerstört, dann lassen sie ihre Schergen Müll in die Treppenhäuser werfen, damit die Bewohner freiwillig vor dem Gestank und den Ratten flüchten. Immer wieder werden Gas oder Strom abgestellt. Dennoch harren viele unter lebensgefährlichen Bedingungen in den instabilen Häusern aus.

Nicht alle Bewohner verfügen über gültige Dokumente, auch weil die Besitzverhältnisse in den Gemeinschaftswohnungen der Sowjetunion nicht immer klar waren. Larisa Mammadli hat Papiere, steht aber dennoch vor den Trümmern des Hauses, in dem sie mit drei Kindern und drei Enkeln auf 18 Quadratmetern lebte. Heute ist sie obdachlos. "Ich lebe mal hier mal da, die Kinder habe ich bei Freunden auf dem Land gelassen. Ich werde bis in die letzte Instanz um meine Rechte kämpfen." Dazu fehlt es den Flüchtlingen aus Bergkarabach, die hier vom Staat einquartiert wurden, an Mut. Sie werden über ihre Zukunft völlig im Ungewissen gelassen.

+++

Foto (2) Ilgar, 52, Invalide: "Ich hatte 2000 einen Schlaganfall, fünf Jahre später eine schwere Thrombose. Ich wurde an der Aorta operiert, ein Bein musste amputiert werden. Arbeiten werde ich nie wieder können. Dies ist mein Zuhause, alles was mir geblieben ist. Mein Großvater war Juwelier, ihm gehörte früher das ganze Haus. Ich wohne hier mit meiner Frau, die Tochter haben wir zur Großmutter gegeben. Sie haben mir das Gas abgestellt, die Antenne geklaut. Die Stadt bietet 40.000 Manat (rund 38.500 Euro) - sie haben nur 33 Quadratmeter von insgesamt 56 veranschlagt. Das ist vollkommen indiskutabel. Deshalb habe ich Klage eingereicht. Ich habe keine Alternativen. Wenn ich nicht hier bleiben kann, springe ich aus dem Fenster.."

+++

Das gesamte Areal rund um den geplanten Winterpark nahe der Schamsi-Badalbaili-Straße sieht aus wie nach einem Bombenangriff. In der Mitte tut sich eine riesige Baugrube auf, ringsherum türmen sich Schuttberge und Müll. Im Haus Nummer 38 hatte ein Räumtrupp im August 2011 das Büro des "Instituts für Frieden und Demokratie" abgerissen. "Ich wollte noch Möbel, Computer und vor allem unser Archiv retten, aber es ist alles in den Trümmern geblieben", erinnert sich Azat Isazade, Psychologe und Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisation. Das angegliederte Zentrum für Frauen in Krisensituationen musste lange geschlossen bleiben.

Seit 2009 verschärfte sich die Situation zunehmend. Dem Institut zufolge haben mindestens 20.000 Menschen ihre Wohnungen durch staatliche Intervention verloren. "Teilweise waren die Objekte zehnmal mehr wert als der Kaufpreis", sagt Leyla Yunus, Direktorin der Menschenrechtsorganisation, die sich seit Jahren um die Hausbesitzer kümmert. Man kann sich ausrechnen, welche Gewinne bereits erzielt wurden.

+++

Foto (3) Jasaman, 50, Unternehmerin:"Ich hatte in diesem Haus 150 Quadratmeter Bürofläche auf zwei Etagen. Anfangs wollten die Behörden mir gar kein Geld geben, sondern boten mir eine 60-Quadratmeter-Wohnung am Stadtrand zum Tausch an. Ich bin vor Gericht gegangen. Nach zwei Monaten boten sie mir 1500 Manat (rund 1400 Euro) pro Quadratmeter, allerdings nur für den Wohnraum, ohne Küche, Bad und Flur. Nachdem ich in einer Fernsehsendung unsere verzweifelte Situation beschrieben hatte, kamen die Bulldozer und rissen mein Haus nieder - obwohl das per Gerichtsbeschluss untersagt worden war. Bürgermeister Hajibala Abutalibow macht einfach Obdachlose aus uns!

+++

Vordergründig geht es auch um den Eurovision Song Contest. Der wird Ende Mai in Baku ausgetragen. Und soll eine ganz heiße Sache werden. "Light your fire" lautet das Motto - als ob es in Baku nicht ohnehin schon überall züngelte, loderte und flackerte. Flammen, wohin man auch schaut - aus Glas und Beton, Pappmaché und Glitzersteinen oder ganz real auf den Ölfeldern vor der Stadt.

90 Prozent der Exportleistung Aserbaidschans werden allein durch Öllieferungen erbracht. Weil selbst enorme Reserven endlich sind, setzt der autoritär regierende Präsident Ilham Alijew zunehmend auf Erdgas und prahlt, dass er Europa "die kommenden 100 Jahre" damit versorgen könne. Da will man mit Symbolen und Superlativen Zeichen setzen.

Auf einem Hügel nahe dem Kaspischen Meer thronen die drei "Flammentürme", ein riesiger Wohn- und Bürokomplex in Form eines "ewigen Feuers". 235 Meter ragt der höchste Tower in den Himmel - nicht hoch genug. Der aserbaidschanische Konzern Avesta soll jetzt südlich der Hauptstadt ein 1050 Meter hohes Business Center aus dem Boden stampfen und damit den bisherigen Weltrekordhalter Burj Khalifa in Dubai ablösen.

Wo Neues entsteht, muss Altes weichen. Um das Veranstaltungszentrum für den "Eurovision Song Contest" hochzuziehen - die "Kristallhalle" am Ende der Bucht von Baku, unweit des höchsten Fahnenmasts der Welt - wurden blockweise Wohnhäuser niedergerissen. Auf einem Video ist zu sehen, wie brutal die Behörden bei der Evakuierung vorgehen. Der Bau ist noch nicht fertig, und viele bezweifeln, dass er es bis Mitte Mai sein wird.

"Der Eurovision Song Contest ist nur ein Vorwand für unsere Regierung, sich noch mehr auf Kosten der Bürger zu bereichern", sagt Menschenrechtsaktivistin Leyla Yunus. "In Aserbaidschan hat sich ein mafiöses System etabliert. Das heißt, man kann Menschen ungestraft schlagen, foltern, ins Gefängnis werfen, ihre Häuser zerstören und ihren Besitz vernichten."

Aserbaidschan ist eines der korruptesten Länder der Welt, rangiert auf Platz 143 von 183 Staaten auf dem Index von Transparency International. In nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens werden inzwischen Bestechungsgelder gezahlt.

"Die Menschen in Aserbaidschan haben nur eine einzige Waffe im Kampf gegen die mächtigen Behörden - das Wort. Wenn sie davon Gebrauch machen, werden sie erbittert verfolgt", sagt Yunus.

+++

Foto (4) Adil, 50, Kinderärztin: "Die Polizei wollte uns evakuieren, sie kamen mit neun Leuten, mein Mann ist übers Dach geflüchtet, weil er eine Festnahme fürchtete. Die Kinder waren vollkommen verschreckt. 'Wir stecken dir Rauschgift in die Tasche', hat ein Polizist mich gewarnt. 'Dann bist du geliefert.' Wir haben es mit Menschen ohne Moral zu tun. Die Trupps, die hier die Häuser abreißen, bestehen aus Billiglöhnern und Kriminellen - normale Leute würden es ablehnen, diesen Job zu erledigen. Sie benehmen sich wie Piraten auf dem Kaspischen Meer. Das alles ist möglich, weil es bei uns nur sehr arme oder extrem reiche Leute gibt. Ich verdiene als Kinderärztin 150 Manat (rund 140 Euro) im Monat. Für jede Geburt gibt es einen Zuschlag von 2 Manat, pro Nachtschicht 1 Manat. Ich habe zwei Töchter, die ich durchbringen muss. Seit Mai 2011 ist unser Fall vor Gericht, wir halten die Stellung."

Quelle: spiegel.de

INTERVIEW: Oppositionsführer Ali Karimli in Baku. "Wir können das Regime besiegen"

Oppositionsführer Ali Karimli: "Der Welt zeigen, dass wir einen Wechsel wollen."
Oppositionsführer Ali Karimli: "Der Welt zeigen, dass wir einen Wechsel wollen."
Oppositionelle leben gefährlich in Aserbaidschan: Ali Karimli von der Volksfront-Partei sitzt ohne Pass in Baku fest, er wird überwacht. Dennoch arbeitet er an einer sanften Revolution. Im Interview sagt er, was ihm Hoffnung macht - und was er von einem Boykott des Eurovision Song Contest hält. 

Ein Café im aufgemotzten Zentrum von Baku. Wenn Ende Mai Tausende Musikfans zum Finale des Eurovision Song Contest anreisen, werden sie historisierende Fassaden bestaunen können, sie werden über kunstvoll gestaltetes Pflaster schreiten und Haute-Couture-Läden bevölkern, die heute noch menschenleer sind.

Im Café wartet Ali Karimli, Vorsitzender der aserbaidschanischen Volksfront-Partei. Seit 18 Jahren kämpft der Politiker für mehr Demokratie und Reformen im Land. Unter Albufas Elchibei, dem ersten gewählten Präsidenten nach dem Ende der Sowjetunion, war er Staatssekretär. Heute sitzt Karimli ohne Reisepass und Parteibüro in Baku fest und wird auf Schritt und Tritt verfolgt. Dennoch glaubt er fest an das Ende des Regimes.
 
SPIEGEL ONLINE: Aserbaidschan ächzt unter dem autoritären und korrupten System von Ilham Alijew, der das Präsidentenamt sozusagen von seinem Vater geerbt hat. Gibt es Hoffnung auf einen politischen Frühling in Baku?
Karimli: Die Regierung Alijew hat alles getan, um den jungen Leuten die Politik auszutreiben. Sie erleben überall nur Begrenzung: Sie können sich nicht frei bewegen, ihre Meinung sagen oder sich in unabhängigen Medien informieren. Das einzige, das ihnen als erstrebenswert vorgegaukelt wird, ist eine Karriere im Sport oder im Showbusiness. Aber die Zeit arbeitet für uns.
SPIEGEL ONLINE: Genau wie die jungen Regimekritiker, die derzeit für ihre Überzeugung demonstrieren, ins Gefängnis gehen oder sich von der Polizei verprügeln lassen.
Karimli: Ja, das Internet und die sozialen Netzwerke haben das Informationsmonopol der Regierung empfindlich gestört. Deshalb gibt es diese jungen und gebildeten Aktivisten, die genau verfolgen, was im Land vor sich geht und für die Demokratie auf die Straße gehen. Die Zahl der Polit-Blogger steigt täglich, es gibt immer mehr ernstzunehmende eigenständige Jugendorganisationen, die sich engagieren.
SPIEGEL ONLINE: Wird es in Aserbaidschan eine Revolution nach arabischem Vorbild geben?
Karimli: Wir sind nicht Ägypten oder Syrien. Aber die Menschen haben erkannt, dass Widerstand möglich ist, dass man ein autoritäres Regime besiegen kann. Das ist eine unglaublich wichtige Erkenntnis. Von 1918 bis zur Eroberung durch die Bolschewiki 1920 war Aserbaidschan eine demokratische und pro-westliche Republik. Wir haben Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre lang und verlustreich für die Unabhängigkeit von der Sowjetunion gekämpft. Es mangelt uns also nicht an Erfahrung. Aber letztlich gilt: Wir können eine Revolution nicht organisieren. Sie geht vom Volk aus.
SPIEGEL ONLINE: Könnte ein Umschwung ohne Blutvergießen ablaufen?
Karimli: Ich glaube, dass die Regierung klug genug ist, nicht mit Gewalt gegen das eigene Volk vorzugehen. Alijew kann nicht gleichzeitig östlicher Tyrann und moderner Europäer sein, das sollte er wissen. Aserbaidschan ist im EU-Rat, wir hoffen langfristig auf eine Integration in die Europäische Union. Deshalb kann es nur einen gewaltfreien Weg geben. Wir wollen unser Land verändern, aber wir wollen es auf eine zivilisierte Weise tun.
SPIEGEL ONLINE: In welchem Zustand ist die Opposition in Aserbaidschan?
Karimli: Wir werden von allen Seiten unter Druck gesetzt. Die Behörden haben mir meinen Pass weggenommen, ich darf das Land nicht verlassen. Vor Jahren stürmten Spezialeinsatzkräfte das Parteibüro der Volksfront und warfen uns hinaus. Seitdem haben wir kein Hauptquartier mehr. Wer sich bereit erklärt, uns Räume zu vermieten, wird noch am selben Tag festgenommen. Wir haben keinen Zugang zum Fernsehen, dürfen nirgendwo auftreten und keine öffentlichen Versammlungen abhalten.
SPIEGEL ONLINE: Klingt desolat. Sind sie müde?
Karimli: Nein, im Gegenteil. Wir erleben gerade ein Zusammenfließen der Kräfte. Gestandene Idealisten und Polit-Profis treffen auf junge Pragmatiker. Wir sind in der Lage, Wahlen zu gewinnen, Mitstreiter in großer Menge zusammenzubringen und Demonstrationen zu organisieren. Ab dem 8. April wird es eine neue Welle von Meetings geben. Das Zentrum wird uns dafür verwehrt bleiben, aber wir tun das auch 20 oder 30 Kilometer vor der Stadt - ein Kompromiss, den wir in Kauf nehmen. Wir müssen der Welt zeigen, dass wir einen Wechsel wollen.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch tun Sie sich schwer, die oppositionellen Kräfte zu bündeln.
Karimli: Wir haben ein breitgefächertes Bündnis gebildet aus Volksfront und der national-demokratischen Partei Musawat, kleineren Parteien, Vertretern von Nichtregierungsorganisationen und der Intelligenz. Es sollen so viele Reformer wie möglich zusammenkommen. Die Volksfront selbst ist eine Massenpartei, wir können auf Zehntausende Unterstützer im ganzen Land zählen.
SPIEGEL ONLINE: Obwohl ihnen Repressionen drohen?
Karimli: Ja. Seit der Alijew-Clan herrscht, wurden mindestens 1000 Menschen wegen ihrer politischen Überzeugung verhaftet. Allein aus unserer Partei sind noch immer acht Leute in Haft. Vor wenigen Tagen wurde mein Schwager Elnur Sejidow, Aufsichtsrat-Mitglied der Technika-Bank, wegen angeblicher Unterschlagung zu drei Monaten Haft verurteilt. Ohne Beweise, einfach weil er mit mir verwandt ist.
SPIEGEL ONLINE: Sollte Deutschland den Eurovision Song Contest angesichts dieser Zustände boykottieren?
Karimli: Auf keinen Fall. Je mehr Menschen nach Aserbaidschan kommen und mit eigenen Augen sehen, was hier vor sich geht, desto besser.
Vor der Tür hat ein bulliger Mann in hellbrauner Lederjacke Stellung bezogen. Am Nebentisch sitzt ein Paar in inniger Umarmung, und lauscht aufmerksam jedem Wort der Unterhaltung. Karimli quittiert die offensichtliche Überwachung mit einer wegwischenden Handbewegung.
SPIEGEL ONLINE: Immer wieder kam es bei Wahlen in Aserbaidschan zu schweren Verstößen. Werden Sie trotzdem bei den Präsidentschaftswahlen 2013 kandidieren?
Karimli: Wir werden sehen.
SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie gegen Korruption und Vetternwirtschaft im Land vorgehen?
Karimli: Das ist eine gigantische Aufgabe: Bei uns sind nicht nur der Zoll oder die Steuerbehörde zu 100 Prozent korrupt. Auch im Gesundheits- und Bildungswesen, die beide komplett daniederliegen, werden Bestechungsgelder gezahlt. Unsere Wirtschaft nennt sich liberal, aber das ist ein Witz. Es gibt keinen freien Wettbewerb, weil nicht jeder teilnehmen kann. Die Oligarchen der Alijew-Familie bilden den innersten Kern des Systems. Deshalb setzt ein Wandel kardinale Umwälzungen voraus.
SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie konkret unternehmen?
Karimli: Das gesamte Personal in maßgeblichen Positionen muss ausgewechselt und durch glaubwürdige Kandidaten ersetzt werden. Die Monopole müssen aufgebrochen, die Wirtschaft nach innen und außen geöffnet und endlich diversifiziert werden. Wir müssen eine unabhängige Justiz und freie Medien zulassen, freie Wahlen garantieren. Ein Anti-Korruptionsprogramm soll für Transparenz sorgen, vor allem bei den öffentlichen Ausschreibungen.
SPIEGEL ONLINE: Präsident Alijew soll seinem Waffenlieferanten Israel Zugang zum aserbaidschanischen Luftwaffenstützpunkt Sitalcay verschafft haben. Damit würde ein Angriff auf Iran aus logistischer und strategischer Sicht einfacher. Glauben Sie, dass Alijew die geschätzt 15 Millionen in Iran lebenden Aserbaidschaner mutwillig gefährden würde?
Karimli: Ich weiß nur, dass entsprechende Berichte von den aserbaidschanischen Behörden offiziell zurückgewiesen wurden. Unser Volk reagiert sehr empfindlich auf die geopolitischen Entwicklungen in der Region. Nicht nur, weil wir Irans Nachbarn sind und seit Jahrhunderten enge Beziehungen pflegen, sondern weil ein großer Teil der Bevölkerung aserbaidschanische Wurzeln hat. Deshalb wollen die Bürger unseres Landes auf keinen Fall eine militärische Lösung, sondern eine diplomatische. Ich bin der Meinung, dass wir uns um jeden Preis aus diesem Konflikt heraushalten sollten.
SPIEGEL ONLINE: Wir verlässlich ist Alijew als strategischer Partner?
Karimli: Aserbaidschan positioniert sich irgendwo zwischen Iran, Russland und Europa. Während der ersten Jahre seiner Herrschaft machte Ilham Alijew vielen Ländern Versprechungen, die miteinander kollidierten und gar nicht zu erfüllen waren. Mit den Jahren wurde klar, dass das Regime unberechenbar ist. Seitdem sind die internationalen Beziehungen abgekühlt, die Stellung Aserbaidschans ist geschwächt. Für uns liegt die Zukunft eindeutig in Europa.

Das Interview führte Annette Langer

REISE: Hochprozentige Tourismusoffensive. Georgien lockt Besucher mit Alkoholbrunnen.

(spiegel.de) Bizarre Schnapsidee: Die georgische Stadt Batumi möchte demnächst Touristen mit Hochprozentigem aus einem Springbrunnen verwöhnen. Der traditionelle Tresterbrand Tschatscha soll dann in Strömen fließen - und trinkfreudige Besucher aus aller Welt anziehen.

Batumi - Freibier ist gut, Gratis-Schnaps noch besser: Um den Tourismus in Schwung zu bringen, haben sich die georgischen Behörden anscheinend von der Geschichte vom Schlaraffenland inspirieren lassen. Einmal die Woche soll in Batumi, der "Perle am Schwarzen Meer", zehn bis 15 Minuten lang aus einem Springbrunnen nicht gewöhnliches Wasser sprudeln, sondern Alkohol. Damit bekämen Touristen Gelegenheit, den traditionellen georgischen Tresterbrand Tschatscha zu kosten, sagte Batumis Bürgermeister Robert Tschchaidse.
Der Alkoholgehalt des Tschatscha liegt ungefähr bei 45 Prozent. Traditionell trinkt man den Tresterbrand pur und eiskalt. Der Schnaps wird häufig mit einem Stück Zitrone serviert. 
 

Der Springbrunnen gehört zu einem 25 Meter hohen Gebäude im maurischen Stil mit Geschäften und Fremdenverkehrsamt, das bis Ende des Sommers fertiggestellt sein soll. Die Regierung der verarmten ehemaligen Sowjetrepublik will künftig mehr Touristen an die Strände und Skipisten des landschaftlich reizvollen Landes locken.


dkr/afp

+++ 

Komentar der (taz.de)

was fehlt ...

... die Attraktion

Die georgische Tourismusbehörde scheint ganz schön Not zu haben. Einmal die Woche soll in Batumi am Schwarzen Meer demnächst zehn bis 15 Minuten lang aus einem Springbrunnen nicht gewöhnliches Wasser sprudeln, sondern Alkohol. Damit bekämen Touristen Gelegenheit, den traditionellen georgischen Tresterbrand Tschatscha zu kosten, sagte Batumis Bürgermeister Robert Tschchaidse. Da hat wohl einer zuviel Tschatscha getrunken.
Aber: „Das Zeug ist geil, haut dich sofort um“, sagt eine Osteuropa-Expertin der taz, die es wissen muss. Gute Sache also. Allein, 15 Minuten, einmal die Woche – das ist dann doch zu wenig. Liebes Georgien, so wird das nix. (bö/afp)

CULTURE: Caucasian Music Awards - Phoenix (phoenix.org.ge)




Hi Friends.

Caucasian Music Awards "Phoenix" This is New Caucasus.This is Big Chance to Help Caucasian Music, Build New & Stabile Stage/Infrastructure & Development for Caucasian Contemporary Music. This is Your Space. Take Part in this Event. Upload Your Video & Tell your Fans to Support you Here
+++

Dear Fiends

C
ongratulations to musicians and their fans! This week marks the launching of the website for the Phoenix - Caucasian Music Awards. At the end of 2012, Phoenix will reveal the winners in 6 nominations + FaceBook (among musicians of Azerbaijan, Armenia and Georgia).

The Phoenix is a logical continuation of our Caucasus Rock Festival, which has been taking place since 1995 and had already exhausted its function. Creation of a stable stage for development of the Caucasian music asked for a new vision and approach.

The winners of the 6 nominations + FaceBook will be determined by the panel of judges selected from all three Caucasian countries. These judges will be famous musicians and celebrated artists. At the end of the year the number of ‘likes’ received by each nominee will be counted and the judges will vote to determine the winners of the following nominations:

This is an experimental project, because an event of such caliber and genre is held in our region for the first time. We are only starting now. Initially, this idea/website will be constantly updated and transformed, to ensure that it is reflects reality, is in tune with the current events, satisfies modern needs and precisely reflects objective reality of the modern music in the region.

At the same time, we are making an effort to get the coverage of our event by the western TV channels and mass media, in order for the Caucasian music not to stay isolated as it is now, for it to adapt, and to partake and become an active participant in the processes of the world music.

Best of luck!

Phoenix organizing committee.

Caucasian Factory of Contemporary Art

NGO Caucasian Factory of Contemporary Art (CFCA). Organization was established in 2009 in Tbilisi, Georgia by Lado Burduli. Main goal of the CFCA is to create a stable platform of contemporary and experimental art in the South Caucasus (Azerbaijan, Armenia and Georgia) and promote new trends and forms in visual and performing arts. It aims at support of young talents in the realm of contemporary arts, promotion of new art movements and their development in the region. CFCA provides aid to contemporary experimental independent art from Caucasus in order to make it more popular and better known within and beyond the region. Among other activities it supports integration and active participation of Caucasian culture in global cultural processes, establishment of tolerant and liberal society, finding alternate ways of conflict resolution through cultural dialogue between different sides. NGO cooperates with legal as well as physical persons and international organizations for carrying out of creative projects and raising funds for different activities. CFCA has a long record of organizing cultural exchange projects, educational and charity events, local, regional and international concerts, festivals, awards, exhibitions, workshops and shows.


Caucasian Music Awards Phoenix
Tbilisi/Georgia
Email: info@phoenix.ge

For Organizational Matter
Email: info@phoenix.ge

For Technical Matter
B
ato Ostaev
Email: info@phoenix.ge
Web.: B.O.APP

MUSIK: Ein Operntheater am Rande Europas - Tbilisi. Von Marika Lapauri-Burk (dradio.de/dkultur)

Montag, 09. April 2012, 22.00 Uhr -

Deutschlandradio Kultur

Player>>>

Musikfeuilleton - "Dass in Tiflis eine solche Sängertruppe existiert, überrascht mich sehr". Ein Operntheater am Rande Europas

RESEARCH: The Chaos of Humanitarian Aid: Adhocracy in the Republic of Georgia. By Elizabeth Cullen Dunn. (humanityjournal.org)

Humanitarianism presents itself as an altruistic enterprise. The growth of humanitarian agencies in the last fifty years, both intragovernmental and nongovernmental, has advanced an agenda for improving the world to protect human rights and human dignity in the aftermath of conflict or disaster.1 As international agencies penetrate, override, or work in concert with nation-states, they increasingly seek not only to preserve human life by providing food, medical care, and short-term shelter but to help victims reestablish themselves socially and economically with everything from psychosocial assistance and peace-building seminars to microcredit and business development courses. Humanitarianism thus presents itself as an apolitical regime of care, one concerned with not only keeping people from dying but making them live. Recently, humanitarianism has been portrayed as not altruistic but nefarious. Critics such as Barnett and Calhoun argue that aid is not a charitable gift but the continuation of politics by other means.2 Fassin and Pandolfi, for example, argue that the pretext of protecting individual human rights allows first-world states to override the principle of national sovereignty which undergirded the international system from World War II until the end of the Cold War and to involve themselves in the politics of third-world states.3 Here is humanitarianism as what Agier calls ‘‘the left hand of empire,’’ the use of NGOs and intragovernmental agencies as what Colin Powell famously called ‘‘force multipliers’’ for neo-imperialist military action.4 Even as humanitarians seek to preserve victims’ lives, humanitarian aid supposedly reduces socalled beneficiaries to ‘‘bare life,’’ stripping them of their individuality, their social statuses, and their capacities for political action.5 Humanitarianism is thus presented as a regime of violence as well as care, seeking not just to keep people from dying but to make them live in particular ways as dominated political subjects.6

Michel Agier presents this argument in its strongest form when he calls humanitarianism ‘‘totalitarianism.’’7 Alleging that humanitarianism is ‘‘in secret solidarity with the police order,’’ Agier calls it a ‘‘powerful and enduring apparatus’’ that embodies theWestern world’s ‘‘desire to control’’ the ThirdWorld.8 He writes, ‘‘In this moment of lurching toward the limit of power over life, the humanitarian world becomes a totalitarianism, which has the power of life (to make live or survive) and the power of death (to let die) over the individual it considers the absolute victim.’’9 It seems ironic that humanitarianism, as a paradigm of post–Cold War politics, should be couched in the same terms as the critique of Communism, one of the central paradigms of the Cold War. (Indeed, it is not just the phraseology of totalitarianism that underlies the critique of both Cold War and post–Cold War politics; the two depend on the same Humanity Spring 2012 text, Hannah Arendt’s The Origins of Totalitarianism.)10 Yet if there is one thing that the anthropology of Cold War Eastern Europe has shown clearly, it is that totalitarian Communist regimes were far less total than their Western critics ever realized. In taking Communist officials at their word about their practices of rule, rather than paying attention to the problems of everyday life caused by how officials really did exercise power, Western analysts grossly overestimated Soviet regimes’ ability to control all of social life and thereby completely missed the forces that undermined supposedly ‘‘totalitarian’’ state socialist power. Whatever the impulses of the Communist system were, totalitarianism was not total. It was the interrelationship between attempts at repression and domination and the way that people responded to lapses of power in everyday life that formed the dynamics of the system and, eventually, undermined it.11

In this essay, I would like to suggest that like Cold War–era Communist regimes, new regimes based on humanitarianism are much more limited in their reach than their ambitions might suggest. Incapable of doing all the good they claim to do, they are also not as capable of establishing sovereignty as the term ‘‘totalitarian’’ might suggest. By making the same error that Western analysts of Communism did—that is, dramatically overstating the degree to which bureaucratic practices can create order—critics of humanitarianism fail to fully understand the ways displaced people are, in fact, dominated and so underestimate their scope of action within humanitarian regimes. This leads to a failure to understand not only why beneficiaries remain subject to protracted poverty and violence but also why neo-imperialist humanitarian projects so often fail to have the desired geopolitical effects.

To begin to explore the limits of the humanitarian project, I turn my attention to the case of internally displaced people (IDPs) in the Republic of Georgia to show how, from the viewpoint of these newly displaced people, the ‘‘international humanitarian order,’’ as Barnett calls it, is far weaker and more disorganized than accusations of totalitarianism imply.12 Although humanitarian actors claim to govern by applying rationalizing techniques of seeing, counting, and managing, in fact humanitarian aid is a process based as much on guesswork, rules of thumb, and ‘‘satisficing’’ as it is on rational planning. This, I argue, transforms bureaucracy into what I call adhocracy, a form of power that creates chaos and vulnerability as much as it creates order.

Whatever aspirations humanitarian agents and their funders have to power, adhocracy transforms the humanitarian ideal of social reintegration into a partial project, fosters instability, and sharply limits the reach of domination. If new humanitarian social integration projects are to be faulted, it is not for being the totalitarian ‘‘left hand of empire,’’ as Agier asserts, but for creating such disorder that displaced people cannot make reasonable plans for their own futures. 

Full Article: humanityjournal.org

ARTICLE: The high church: Chapel that really IS that little bit closer to God. (dailymail.co.uk)


This incredible church really does take you one step closer to heaven. The house of God offers an altar-native place to pray but only if you have a head for heights - because it lies on the edge of an amazingly steep 130 foot cliff. 
Experts believe the building - near the city of Chiatura in the former Soviet republic of Georgia - was constructed on the mountain between the sixth and eight centuries.

(dailymail.co.uk) This is the church where religious leaders really are preaching from on high - perched 130ft on top of a pillar of rock.
The tiny church sits precariously on a jagged cliff which has been eroded by weather over almost 14 centuries.
It is believed that pagans built the temple in the bizarre location as the pillar was thought to symbolise their god of fertility.

Konstantin Murtkhveladze, 25, braved the perilous ascent up the pillar using a rusty ladder to take some pictures.
'The old ladder on the side of the pillar looks like it could snap at any time', he told the Daily Mirror.
Konstantin, from Tbilisi in Georgia, added: 'But once you get up there it sends a chill down your spine. It feels like a very special place.
'You can see the church poking above the landscape from far away as you approach. It’s an unbelievable sight.'

 This incredible church really does take you one step closer to heaven. The house of God offers an altar-native place to pray but only if you have a head for heights - because it lies on the edge of an amazingly steep 130 foot cliff. 

It is not known how the pagans who built the temple carried the materials up the steep pillar without large cranes that are used today.
The church is currently being restored with the help of brave volunteers who carry vital materials up the steep ladder.
Father Maxim, 55, who has lived in the church for 18 years, says he dreamed of living there as a child.
'Since I was a child I dreamed of settling on the top of this pillar as other hermits did in ancient times,' he said.
'When I came here with my friends I envied the monk who had lived there long ago – now I am here too I am happy.'

ARTIKEL: Aserbaidschan. Unsere Stars aus Baku. Von Fabian von Poser (faz.net)

(faz.net) Aserbaidschan veranstaltet Ende Mai den Eurovision Song Contest. Die Musik spielt hier schon lange. Und Musik ist in Aserbaidschan immer auch Politik.

Nouruz-Fest in Baku
Baku tanzt, und das nicht erst seit bekannt wurde, dass der Eurovison Song Contest im Mai zu Gast sein wird

Der Direktor der Philharmonie ist unruhig. Er zupft an seiner Jacke, zieht die Hände aus den Taschen, steckt sie wieder hinein. Dann dreht er eine Runde zwischen den Sitzreihen und kehrt zurück. „Du kommst aus Deutschland, und wir bieten dir nichts als dieses Trauerkonzert?“ 
 
Afet Mikayilow steht auf der mit Stuck verzierten Balustrade der Philharmonie in Baku. Durch die Türen weht ein eisiger Wind. Es ist kalt an diesem Tag, der im grauen Monat liegt, wie die Bakuer den Februar nennen; im Konzerthaus haben sie nicht einmal die Heizung angeschaltet, an diesem Tag, an dem es in der ganzen Stadt nur ein einziges Konzert gibt. Das ganze Orchester ist in Schwarz gekleidet. Die Musik, die sie spielen, ist getragen. Nach den Liedern gibt es keinen schallenden Applaus, keine Standing-Ovations, nur verhaltenes Klatschen. 

Kaum Musik, kein Tanz, nicht einmal Karaoke 

Am Trauertag Chodschali ist alles anders in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans: kaum Musik, kein Tanz, nicht einmal Karaoke. Die Aserbaidschaner gedenken der mehr als 600 Landsleute, die bei einem Massaker im Jahre 1992 während des armenisch-aserbaidschanischen Krieges im Dorf Chodschali in Nagornyi Karabach getötet wurden. Die Clubs, in denen sonst bis in die frühen Morgenstunden die Bässe wummern, sind still. Vor den Türen bilden sich keine Menschentrauben, die Bühnen bleiben leer. „We open tomorrow“, steht an einer Karaoke-Bar in der Altstadt - wir machen morgen wieder auf. Ein ungewöhnliches Bild für Baku, die Hauptstadt Aserbaidschans, die Musikmetropole am Kaspischen Meer. 

Es ist viel geschrieben worden über den totalitären Staat, der seit 1993 vom Alijew-Clan regiert wird, über mangelnde Pressefreiheit und Unterdrückung, aber selten über das blühende Kulturleben, selten über Baku als eine der Kulturhauptstädte der Welt. Siebzig Jahre lang fristete die Musikkultur unter dem Joch der Sowjetunion ein bescheidenes Dasein, derzeit erlebt sie eine Renaissance. 

Wer durch Baku schlendert, der stößt an jeder Ecke auf Musik. Die Philharmonie, 1912 im Stil der italienischen Renaissance gebaut und 1936 zum Konzerthaus umfunktioniert, wird in diesem Jahr hundert Jahre alt. An der Hafenpromenade wurde vor vier Jahren das nach der traditionellen aserbaidschanischen Volksmusik benannte International Mugham Center eröffnet. Wie ein Raumschiff erhebt es sich über die Gestade des Kaspischen Meeres. Dort finden die besten Konzerte der Volksmusik statt. Gespielt wird mit dem Zupfinstrument Tar, der Trommel Gaval und dem Streichinstrument Kamandscha. Hinzu kommen jede Menge Clubs: das Green Theatre unter freiem Himmel, in dem immer wieder türkische Ensembles gastieren, oder der Face Club, in dem sich gerne russische Hiphop-Bands und DJs zeigen. Im Sommer jagt ein Festival das nächste. Es gibt das Mstislav Rostropovich International Music Festival, das Baku Jazz Fest, das Space of Mugham und das Music Festival in der Ortschaft Gabala in den Höhen des Kaukasus. 
 
Dass Baku zur Musikmetropole wurde, sei kein Zufall, sagt Jahangir Selimkhanow, Musikwissenschaftler, Mitglied des Europäischen Kulturparlaments und Mitbegründer von Yeni Musiqi, der Gesellschaft für zeitgenössische Musik in Aserbaidschan. „Der Ölboom Ende des 19. Jahrhunderts zog viele Künstler aus der ganzen Welt an. Zuerst kam der Jazz nach Baku, später dann die klassische Musik.“ 

Den Musikern stehen alle Türen offen 

Schon früh mischte der Komponist Usejir Hadschibejow traditionelle Musik mit westlichem Kompositionsstil. 1908 wurde seine Oper „Leila und Madschnun“ uraufgeführt - es war die erste im islamischen Orient. Noch zur Sowjetzeit erlangten dann Künstler wie Fikret Amirow und Kara Karajew Weltruhm. Heute stehen Musikern aus Aserbaidschan alle Türen offen. Auch, weil die Studenten hier westliche und östliche Instrumente lernen. „Viele junge Musiker studieren in Deutschland, Österreich, Frankreich und auch in der Türkei“, sagt Selimkhanow. Namen, die in der Musikwelt bekannt sind, lauten: Faraj Karajew, Alim Gasymow und Aziza Mustafa Zadeh, eine junge Jazz-Pianistin, die in Deutschland lebt. 
 
Baku schmiegt sich wie ein Amphitheater um die Bucht am Kaspischen Meer. In der Altstadt, seit dem Jahr 2000 Welterbe der Unesco, reihen sich Jugendstilfassaden aneinander, viele sind renoviert. An allen Ecken wird hastig geschweißt, gemauert, zementiert. Das Regime will der Welt zum Eurovision Song Contest eine strahlende Stadt zeigen. Auf den Boulevards rollen so viele Mercedes-Limousinen, dass man keine große Vorstellungskraft benötigt, um zu erkennen, wo die deutsche Automobilindustrie ihr Geld verdient. In Baku gibt es keine Bettler, keine Rosenverkäufer. Obwohl 85 Prozent der aserbaidschanischen Muslime Schiiten sind, sieht man kaum Kopftücher - die, die man sieht, sind von Prada und Armani. Überall entstehen neue Hotels wie das „Fairmont Hotel“ in einer der „three flames“, den drei verspiegelten Hochhaustürmen. Wie Haifischzähne ragen sie in den Himmel Kaukasiens. Seit 2006 fließt Öl durch die Pipeline von Baku nach Ceyhan in der Türkei und spült jede Menge Devisen zurück. 

Baku gilt als eine der teuersten Städte der Welt, doch hinter den glänzenden Fassaden gibt es eine Realwelt - und Menschen, die nicht vom Boom profitieren. Die Schattenseiten sind kaum zu übersehen, je näher man der Crystal Hall kommt, in der sich am 26.Mai 25000 Menschen für den Eurovision Song Contest versammeln werden. Der gesamte Stadtteil Bajil soll abgerissen, Tausende zwangsumgesiedelt werden. Das bringt viele Bakuer in Rage. 

Mehrere Menschenrechtsorganisationen haben sich deshalb zum Bündnis „Sing for Democracy“ zusammengeschlossen und laden zu einem alternativen Song Contest mit Liedern über Demokratie und Freiheit. Einige Tage vor dem Grand Prix soll der Wettbewerb stattfinden. „Wir erhoffen uns davon, dass die Welt aufmerksam darauf wird, was bei uns passiert“, sagt einer der Organisatoren. Musik ist in Aserbaidschan auch Politik. 

„Jetzt wissen die Leute: Es gibt Öl und Eurovision“ 

Die schönste Stunde des Tages in Baku ist die, in der die Altstadt wie ein riesiger Juwelierladen beleuchtet wird und im letzten Tageslicht funkelt. Wie Strasssteine flackern die Lichter von Bars wie dem „Chinar“ oder der „Azza Bar“ im 17. Stock. Nur einen Steinwurf entfernt, in einer alten Karawanserei, spielt eine Mugham-Band. Seit 2003 gehört die traditionelle Musik zum Weltkulturerbe der Unesco. Leid, Freude, Liebe, Entsagung schmettern die Musiker ins Rund. 

Für viele in Baku hat der Eurovision Song Contest etwas Gutes: „Alle kennen Georgien und Armenien, aber kaum einer kennt Aserbaidschan“, sagt Afet Mikayilow, der Direktor der Philharmonie. „Bislang wussten die Leute nur, dass es hier Öl gibt. Jetzt wissen sie: Es gibt Öl und Eurovision.“

Quelle: www.faz.net