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Tuesday, October 25, 2011

INTERVIEW: Texten im totalitären System. Giwi Margwelaschwili - Gespräch mit Dominik Irtenkauf (poetenladen.de)

Giwi Margwelaschwili (* 1927) veröffent­licht in regel­mäßiger Folge im Berliner Ver­brecher Verlag seine Romane und Essays. Viele der Manu­skripte stammen noch aus der Zeit der Schubladenproduktion, nachdem Margwelaschwili Mitte der 1940er Jahre nach Georgien verschleppt und sein Vater vom NKWD exekutiert wurde.
Dieses Frühjahr erschien sein auto­bio­graphi­scher Roman „Kapitän Wakusch“ in 2 Bänden neu. In diesem schildert er seine Zeit in zwei totali­tären Systemen (dem Dritten Reich und der Sowjet­republik Georgien). Der Roman fällt vor allem durch eine eigens entwickelte Termi­no­logie auf, mit der sich der Sohn georgischer Emi­granten metathe­matisch mit der eigenen Vita beschäftigt.
Margwela­schwili entwickelte aufgrund seiner eigenen verwickelten Lebens­geschichte eine philosophische Herme­neutik, die sich vor allem an der Text­lektüre kano­nisierter Werke versucht. Mit dem Ziel, Freiräume zu schaffen.
Auf diese Weise wird inner­halb von Systemen die Möglichkeit eröffnet, eine Gegenwelt zu entwerfen. Besonders in Hinblick auf ideo­logisierte Texte und Vorschriften, die Einfluß auf das Bewußt­sein der dort lebenden Menschen nehmen.
In einem Telefonat konturierte Margwelaschwili die Koordinaten seiner Onto­texto­logie.

Dominik Irtenkauf: Im zweiten Band Ihres Romans „Kapitän Wakusch“ gehen Sie darauf ein, wie man unfreiwilligerweise von einem Sprechzimmer ins andere verpflanzt wird. Wie sind denn Ihre eigenen Erfahrungen bezüglich dieses abrupten Über­gangs von einem ins andere Sprechzimmer und basiert Ihr eigenes Interesse an der Onto­texto­logie auf diesen Erfahrungen?

Giwi Margwelaschwili: Das kann man durchaus so sagen. Stellen Sie sich vor, ich war zu jener Zeit ein absolutes Sprachbaby. Erst mit 22 Jahren bekam ich 1949 meine Geburts­urkunde. Allein diese Tatsache ist ein Kuriosum. Ich war als Wa­kusch-Sprach­baby dort in Tbilissi bekannt, das seine ersten Schritte in Georgisch und Russisch machen mußte. Ich konnte ja nicht reden. Das ist natürlich ein großer Einschnitt gewesen. Dann wurde eine sowjetische Geburts­tags­party für das 22 Jahre alte Sprachbaby veranstaltet. Das wurde ausgiebig gefeiert. Diesen Geburtstag habe ich das Trauer­feier­freuden­fest genannt, in einem der Wakusch-Bände. Es war einerseits eine traurige Sache, auf die Art, wie ich in die Sowjetunion hinüber­gezogen wurde, verbunden mit dem Verlust meiner Familien­mit­glieder. Es wurde mir anderer­seits jedoch auch leicht gemacht, durch die famosen Leute, die ich in Georgien kennen­lernte und die meine Situation richtig einschätzten.

D. Irtenkauf: Sie hatten in den ersten Jahren Probleme in der Sowjetunion, aufgrund ihres Vaters Titus von Margwelaschwili, der vom Stalinismus in Georgien weggezogen ist und in der georgi­schen Diaspora in Berlin zu einer wichtigen Person der Exilanten wurde.

G. Margwelaschwili: Ich war sozusagen der Emigrantenhundesohn. Sie haben sich irgendwie die Hoffnung gemacht, daß ich diese ganze Ideologie annehmen würde. Aber das ist nicht erfolgt und dann zeigten sie sich gleich bürstig. Ich wurde überall zurückgestellt, zum Beispiel als die Rede von einer Promotion war. Bis zur Chruschtschow-Zeit hatte ich Probleme. Chruschtschow hatte nach innen Samt­hand­schuhe an. Es entstanden Leerräume für Anders­denkende. Das muss man ihm lassen. Wir sind da herumspaziert wie im Traum, denn wir konnten nicht glauben, daß es nun möglich war, etwas zu schreiben, etwas zu dichten, etwas zu sagen, das eben ein bißchen anders klang als das, was bekannt war.

D. Irtenkauf: Während der Sowjetzeit haben Sie aber keine literarischen Texte veröffentlicht?

G. Margwelaschwili: Nein, erst viel später ist da etwas gekommen: die „Zuschauerräume“. (Das inzwischen auch beim Verbrecher Verlag aus Berlin neuverlegt worden ist. – Anmerkung des Autors) Das war alles zu abstrakt und viel zu verdächtig. Das war kein sozialis­tischer Realismus. Was nicht so aussah wie Lenin, das wurde sofort mit großem Verdacht aufgenommen und das wurde gestoppt. Man sollte auch nicht riskieren, etwas herauszubringen und dann noch Schwierigkeiten zu bekommen. Das wollte man nicht. Da war ich auf Eis gelegt und habe immer für die Schublade schreiben müssen.

D. Irtenkauf: Besonders Ihre „Kapitän Wakusch“-Romane fallen durch eine eigene Terminologie für diese ganzen Erfahrungen mit einer totalitären Ideologie auf.

Giwi Margwelaschwili: Die ersten beiden Bände sind eigentlich nur das Vorspiel, nicht der eigentliche Roman. Den dritten Band gibt es bislang leider nur in Tbilissi, verlegt beim Kaukasischen Haus. Wenn man einen Text in meiner Situation schreibt, dann gibt es hierfür so klischeeartige Umschreibungen wie „sich die Sache von der Seele runterschreiben“. Das ist alles richtig, das fließt auch mit ein. Doch ist ein anderer Punkt noch wichtiger, und zwar wenn wir von Heidegger ausgehen, ist das Dasein ganz intrinsisch mit der Welt verbunden. Deleuze hat den Heidegger gut gelesen und sagt: ein Text ist weniger Spiegel und vielmehr die Verringerung von Welt. In einem Text spaziert man herum wie in einer Welt. Wenn es ein politischer Text ist, handelt es sich natürlich um ein Gegenspiegel. Dann sind Sie weltlich verspiegelt. Das Schreiben eines solchen Textes ist die intensivste Form des Spazierengehens. Die Welt entdeckt sich Ihnen beim Schreiben, sie ist ja schon vorhanden. Sie schlagen dann neue Streifen an, begehen dies und jenes. Das ist eine richtige Bestands­aufnahme. Das ist eine weltliche Befindlichkeit innerhalb des Textes. Man will eine Ersatzwelt zu der Welt, in der man nicht mehr leben, die man nicht mehr ausstehen kann. Man möchte in eine andere Welt ausweichen, und diese andere Welt ist dann eben dieser Text. In diesem Text geht man spazieren, atmet man, denkt man nach, spricht man mit seines Gleichen oder man kritisiert dasjenige in dem reellen Text, mit dem man sonst leben muß. Eine ganz andere mondane Realität findet man in einem solchen Text. Man geht in einer riesigen Biosphäre spazieren. Es ist nicht nur Leben, es ist ein weltlicher Aufenthalt, ein Gegenweltaufenthalt. Das gibt auch viel zu denken: Wie ist denn eine solche Welt bestellt? Was geht da vor sich? Das habe ich dann ausgiebig in meinen philo­sophischen Essays zu beleuchten versucht. Jedoch ist auch in meiner Literatur davon die Rede. Diese meta­thematische Literatur wird häufig von Lesern, die das Thematische gewöhnt sind, als Belehrung aufgefaßt. Dem muß ich aber widersprechen.

D. Irtenkauf: Gerade durch die Metathematik ergibt sich eine kritische Wahrnehmung dieser Modalität. Mittlerweile ist möglicherweise die (sowjetische) Ideologie durch Marktmechanismen abgelöst worden.

G. Margwelaschwili: Es gibt nichts Unangenehmeres für solche Vertreter thematischer Welten als zu wissen, daß da irgendeiner sitzt, der ihrer Monothematizität oder anders gesagt: ihrem eisernen Stil, nicht folgt. Deswegen waren die auch immer stark hinterher, von den Leuten diese Sache sofort auf dem Tisch zu beschlagnahmen, in Moskau besonders häufig, in Tbilissi weniger, aber das hat es dort meines Wissens auch gegeben. Das hat sich erst gelegt, als die Perestrojka anfing und Gorbatschow kam.

D. Irtenkauf: Im 3. Band des Wakuschs beschreiben Sie die Probleme, die es selbst im Freundeskreis gab, wenn man sich zu euphorisch zum westlichen Lebensstil oder zur Jazzmusik bekannt hat.

G. Margwelaschwili: Es ist ja bekannt, daß die Sowjets den Jazz (Margwelaschwili spricht das Wort deutsch aus. – Anmerkung des Autors) nur sehr zögerlich bei sich reingelassen haben. Es geht auch eine Mär um, daß sich Stalin den ersten Jazzmann in der Sowjet­union (Eddie Rosner) zu sich rufen ließ. Er ließ ihn vorspielen und hat ihn gleich im Anschluß verhaften lassen. Er kam ins Lager und musizierte dort weiter (Margwelasch­wili lacht.). In den 1970er Jahren ist er in Deutschland gestorben, er liegt hier in Berlin begraben. Diese marmorisierte Kultur hat man in seinen gegenweltlichen Texten auch ausgiebig kritisiert und war auch stolz, so zu schreiben.

D. Irtenkauf: Die Offenheit des Bewusstseins wurde in solcherart Systemen stets auf die Eindeutigkeit des Textes und der Überlieferung eingegrenzt. Das ist mitunter ein Thema Ihrer Onto­texto­logie, wie es von der Poly- zur Monophonie kommen kann.

G. Margwelaschwili: In der Sowjetunion machte man den großen Fehler, daß man seinem Gesinnungsgegner bei sich keinen Platz einräumte. Der Gesinnungsgegner war der Anti-Thematische, weil er anders dachte. Deshalb war es das Einfachste, ihn zu degradieren, wovon die Sowjets auch ausgiebig Gebrauch gemacht haben. Man kann ja auf seiner Meinung beharren, aber auch dem Anderen das Wort lassen. Dann wird die Mehrheit entscheiden, was besser ist. So hat es in allen normalen Verfassungen und Gesetzen immer funktioniert. Diese ideologische Einseitigkeit, wenn sie so knallhart durchgesetzt wird, das ist dann der Abgrund. Mit der Onto­texto­logie gesprochen: das Anti-Thema­tische sollte hetero-onto-thematisch geduldet werden. In einem normalen Text hat das auch eine Stimme. Man liest das bereits bei Michail Bachtin: der Text ist polyphonisch. Die thematische Polyphonie muß erhalten bleiben. Bitte such dir aus, welche Stimme dir am meisten gefällt. Das ist ein Grundgesetz jeder Demokratie. Aber im 20. Jahrhundert haben wir zweimal erlebt, wie dieses Prinzip über Bord geworfen wurde. Man vermeinte eben, durch diese thema­tologische Einseitigkeit direkt in den Himmel zu kommen. Fehlanzeige!

D. Irtenkauf: Interessant war sicher auch, dass Sie in zwei dieser Regimes aufgewachsen sind beziehungsweise gelebt haben. Sie wurden 1927 in Berlin geboren und erlebten das Dritte Reich mit. Im „Kapitän Wakusch“, Band 1 beschreiben Sie auch Spiel­räume während der dreißiger Jahre. Besonders, was Jazzmusik angeht.

G. Margwelaschwili: Also, wir wurden nur geduldet. In den Vorkriegsjahren gab es im Ver­gnügungs­viertel rund um die Gedächtniskirche ausreichend Klubs. Da wurden sogar Amerikaner eingeladen, die dort Konzerte gaben. Das klappte ganz gut, unter Hitler. Als der Krieg anfing (1941-42) wurde es noch irgendwie toleriert. Man hatte wohl anderes zu tun. Die Musik erhielt sich in den Bars, diesmal mehr in den Neben­straßen, sie tauchten ab vom Haupt­ver­gnügungs­viertel. Da wurde kräftig musiziert, zum Beispiel in der Roswitha-Bar, die ich im „Kapitän Wakusch“ beschreibe. Ich nenne sie Kakadu, weil der Kakadu ein Begriff ist, der literarisch etwas hergibt. Ich wollte die Metapher eines Vogels, der klettern kann, ausnutzen. In Wirklichkeit war es die Roswitha-Bar am Nürnberger Platz. Das ist von der Gedächtnis­kirche weit entfernt, das liegt im Bayerischen Viertel. So gab es immer andere Bars und andere Vergnü­gungs­stät­ten, die bis ins Jahr 1942 hinein funktioniert haben. In der Kriegszeit wurde das dann zunehmend nicht toleriert, weil es Musik aus Übersee war.

D. Irtenkauf: Auch in diesen stark ideologisierten Regimen ist also eine Gegenwelt des Bewusstseins möglich. Um nochmals auf die Onto­texto­logie zurückzukommen: sie untersucht eben diese Potentiale, die in den Texten schlummern.

G. Margwelaschwili: Natürlich. Die Aufgabe der Onto­texto­logie ist, zu erfahren, in welchen Bevöl­kerungs­schichten sich diese Texte bilden. Das ist ein weites Feld. Ich habe wahrgenommen, daß besonders die Jugend Probleme mit dieser Art Textverständnis hat. Das hängt meines Erachtens noch mit den Auswirkungen der 1968er zusammen, als die Univer­sitäten mit Leuten bevölkert wurden, die zwar wußten, daß sie etwas wollten, aber nicht was. Die jungen Leute wollten mit der Paternalisierung, der Vormundschaft, diesem autoritären Quatsch nichts mehr am Hut haben. Und riefen: Weg mit euch! Wir wollen nicht mehr! Das ist ein ganz reiner Protest, von dem sich übrigens alle ideologischen Revolutionen nähren. Sie versuchen, diese jungen Kräfte in ihre Richtung abzuhängen. Diese sprühende Fontäne wollte mit den Ismen nichts zu tun haben, sie wollten frei sein von allen Ein­schrän­kungen, besonders den geistigen. Das ist purer Idealismus, der immer wiederkommt. Dieser Protest setzt an der Achilles­ferse eines bürokratischen Systems an. Das kann aufrühren und zu Protesten führen, die das ganze Gebäude in Frage stellen. Das hält sich nicht lange, denn sie wollen etwas, wissen aber nicht, was genau, wie ich bereits sagte. Später werden sie von Ideo­logien, von den Bürokratien, von den Ismen aufgesogen, von denen auch die demokra­tischste Verfassung, die demokratischste Gesellschaft förmlich durchsetzt ist.

D. Irtenkauf: Die Rolle des Lesers ist bei einer onto­texto­logi­schen Lektüre stets von herausragender Bedeutung. Wird dadurch der Leser auf eine kritische Sichtweise eingeübt?

G. Margwelaschwili: Es geht schließlich darum, diese Flut in ihrer Reinheit zu beschreiben, was da emporkommt. Diese ganzen vorgegebenen Ismen und Bürokratien existieren, um gerade solche Flut zu drosseln und Platz zu machen. Die Onto­textologie möchte die absolute Vielfalt toleriert haben. Aus dieser Vielfalt möchte sie heraus­destil­lieren, was für das allgemeine Wohlsein, den Gemeinnutzen der Gesellschaft förderlich ist. Das steckt alles in den Kinderschuhen. Das ist alles noch ein breites Tätigkeits­feld für die Philosophen und vor allem Soziologen.

D. Irtenkauf: Manche Bücher können eine sehr einschränkende Wirkung ausüben, wenn sie stets nach denselben Leitlinien gelesen werden. In mehreren Ihrer Bücher, wie „Das böse Kapitel“ oder „Officer Pembry“, versuchen Sie, diese Einengung auf nur eine Plotline aufzusprengen.

G. Margwelaschwili: Das ist richtig. Ich habe mir die Aufgabe gesetzt gehabt, an die Texte, die die Höhen der europäischen Kultur ausmachen, die Lupe anzulegen, zu suchen, wo sie in ihrem Verlauf sinnig sind. Ich habe nach Stellen gesucht, wo sich die Texte Einschrän­kungen auferlegen, daß es wirklich verwunderlich ist. Dabei stieß ich auf Stellen in der Bibel und bei Homer zum Beispiel. Ich habe ein großes Textgebilde beschrieben, unter dem Titel: Die Mumifizierung. Da zeige ich dann, wie diese thematolo­gischen Einschränkungen variieren, wie sie auch bei Homer funktionieren. Habe erst kürzlich ein neues Manuskript fertiggeschrieben. Das nennt sich Parzival I und II. Es behandelt Wolfram von Eschenbachs Parzival. Auch dort wird gegen thematologisch überflüssige Barrieren angekämpft.

D. Irtenkauf: Diese wichtigen Texte der europäischen Literatur weisen eine lange Auslegungs- und Bearbeitungsgeschichte vor. Gerade deswegen wird das onto­texto­logische Verfahren interessant.

G. Margwelaschwili: Nehmen wir mal diesen Kindsmord zu Bethlehem. Dieser hat mit Christologie überhaupt nichts zu tun. Der Engel warnt nur Maria und Josef, die Anderen warnt er nicht. Woher das gekommen ist, weiß kein Mensch. Es gehört vollständig zur Tradition und es ist immer weiter­gelesen worden undsoweiter undsofort. Da habe ich mir gedacht: das kann nur eine Fälschung sein. Man muss davon ausgehen, daß Texte auch verfälscht, auch verändert werden. Da wird etwas reingeschmuggelt, was nicht da hineingehört. In diesen alten Texten muß man jeden Schritt, den man macht, vorsichtig machen, alles unter die Lupe nehmen. Auf der anderen Seite hilft es jedoch auch nicht, wenn man sich da bei weitem hingebungsvoll herumbewegt und vertrauenswürdig sein möchte. Hier ist der Cartesianische Zweifel sehr angebracht. Je älter der Text, desto würdiger der Text. Einen würdigeren Text als die Bibel gibt es ja gar nicht. Und dann findet man diesen komischen Textteil eines Inhalts, der erschreckt. Was ist da los? Wie kommt das her? Woher kommt das?

D. Irtenkauf: Das könnte auf eine Interessenslage deuten. Man möchte durch den Schmuggel die eigene Interessen durchsetzen.

G. Margwelaschwili: In den Texten möchte man nur das sehen, was einem paßt. Ein echter Text hat die Vielfalt. Versuche, dahinter zu kommen, was die Vielfalt eigentlich sei. Aber nein, wie schon gesagt, seit es Texte gibt, gibt es Verfälscher. Ich kann mir vorstellen, daß die Christo­logie viele Feinde hatte, von Anfang an, die da ver­suchten, alles mögliche reinzuschreiben und zu verändern. Das wußten bereits die ersten Häretiker des 1. Jahrhunderts. Marcion schreibt bereits darüber, daß die Bibel rein zusammen­geschrieben ist. Das ist alles Fälschung, in einem Maße, daß ich gezwungen bin, das richtige Evangelium heraus­zudestil­lieren. Dann legt er seine Version des richtigen Evangeliums vor. Wenn es schon so anfängt, was wird es dann nicht alles gegeben haben? Es gibt nichts Komplizierteres und Zweideutigeres als die textliche Tradition.

D. Irtenkauf: Dann muß man selbstverständlich auch damit rechnen, daß die eigene Interpretation von Anderen wieder anders gedeutet und gelesen wird.

G. Margwelaschwili: Prinzipiell liegt darin nichts Schlimmes. Wenn da eine andere Inter­pretation hervorgeht, spricht das ja für den Reichtum des eigenen Textes. Das weist darauf hin, daß er ein reiches Potential hat.

D. Irtenkauf: Die Selbstreflexion in Ihren Texten sieht ja nichtdestotrotz eine Behörde vor. Im „Officer Pembry“ zum Beispiel schaltet sich eine krimina­listi­sche Buch­welt­verwaltung ein. Diese Verwaltung ist dafür zuständig, die Unge­rech­tig­keiten in der Lektüre aus dem Weg zu räumen. Dies scheint ja dann doch eine Ordnungsmacht zu sein.

G. Margwelaschwili: Das ist dann eine Korrektur. Die Korrek­tionen müssen am Ende aller onto­texto­logi­schen Bemühungen stehen. Wenn wirklich ein solch grober Huscher stattgefunden hat, muß man das wieder einrenken. Das ver­suchen meine Helden, das sind eben Beamte der Lese­lebens­hilfe, die in den Texten auftreten. Sie bestreiten in der Hauptsache die Unterhaltsamkeit meiner Texte.

D. Irtenkauf: Es findet jedoch Widerstand in der Handlung selbst statt. Das könnte man als ein polyphones Moment bezeichnen, weil Widerstand gegen diese Verwaltungsakte geschieht.

G. Margwelaschwili: Es hat sich alles eingelaufen und anders laufen möchte man nicht gerne. Das ist mit großen Schwierig­keiten und Umgewöhnung verbunden. Buch­personen können ebenso träge sein wie Realpersonen. Das ist klar. Wenn sie auf der meta­thematischen Höhe wären, müssten sie erkennen, daß diese Verbes­serungs­vor­schläge nur Gutes und den Menschen, der in ihnen steckt, besser herauskehren wollen. Die Buchfiguren sollten dahinter kommen, daß diese mono­thematische Einseitigkeit zu nichts weiter führt: sondern immer zu demselben Kram. Wenn der Kram noch falsch ist, dann ist es ganz furchtbar. Da muß man schon energisch vorgehen.

D. Irtenkauf: Bei den Figuren der althergebrachten Texte untersucht die Onto­texto­logie ja auch, wie lebendig diese Figuren noch im Bewußtsein sind, ob sie von Menschen beachtet werden, indem die Texte gelesen werden, in denen diese Figuren vorkommen.

G. Margwelaschwili: Sie brauchen die Lese­lebens­energie. Wenn die ausgeht, sind die Buch­personen an Lese­schwindsucht gestorben und das sollte man vermeiden. Mit verschiedenen Mitteln sollte man das verhindern, mit Lese­sauer­stoff­flaschen zum Beispiel die Hauptperson erstmal über Wasser halten. Dann gibt es noch andere verschiedene Mittel, wie zum Beispiel die Selbstlektüre, wenn Buchpersonen sich selber lesen, dann können sie sich irgendwie über Wasser halten. Es ist nicht dasselbe, wie wenn ein realer Leser sie liest, denn es ist eine künstliche Sache. Nur ein realer Leser kann eine Buchperson richtig beleben. Doch irgendwie schafft es die Buchperson, sich am Leben zu halten, bis die Flut der Leser wieder anfängt und sich die Texte wieder von dieser Ebbe erholen. Dann hat diese Buch­person überleselebt. Dies ist ein Herzstück meiner Literatur.

D. Irtenkauf: In Ihrer theoretischen Schrift „Leben im Onto­text“ gehen Sie auf verschiedene Möglichkeiten ein und exemplifizieren das auch an Romanen von Heinrich Böll und Robert Musil. Ist Ihre Literatur dann immer auch eine Art von Literaturwissenschaft?

G. Margwelaschwili: Ich bin in den großen klassischen Urtexten auf der Suche nach philosophischen Widersprüchen, die ich aufdecken möchte. Das entwickelt sich bei mir zu einer Literatur. Wenn ein literarischer Text als eine literarische Biosphäre aufgefaßt wird, muß man das mehr tragisch als etwas Anderes nennen: die Personen leben mit jedem neuen Leser neu auf und reden denselben Quatsch daher. Das ist furchtbar, denn das verkommt zu einem Ritornell. Ganz gemein ist dabei, daß sie mit dieser neuen Frage eintreten, aber vergessen haben, was vorher war. Die Lektüre reaktualisiert stets den Text, er ist praktisch ständig neu. Die Buch­personen sind vollkommen blind gegen ihr eigenes Sein, gegen ihr Sein als ewige Wiederkehr des Gleichen, was ich hier ausspinne als die Furchtbarkeit selbst. Auf solche Kontradiktion lege ich großen Wert, und diese richtig heraus­zukehren, ihren ganzen biobibliologischen Gehalt auf die Waage zu legen – das ist ein Hauptanliegen meiner Literatur.

D. Irtenkauf: Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: www.poetenladen.de

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Dominik Irtenkauf, *1979, freischaffender Journalist für Legacy, Multimania, satt.org und textem.de; berichtet über und trägt zur Musik­forschung vor; mehrere Buch­ver­öffent­li­chungen, u.a. auch in der Belle­tristik; Schwer­punkt in der Forschung: Ästhetik, Mytho­logie, Hermetik, Avant­garde-Bewe­gungen, Subkultur, Medien und inter­kultu­reller Dialog, mit beson­derem Fokus auf Georgien und die Kaukasus­region. Derzeit in Arbeit: Essayband zum Extreme Metal, der mitt­ler­weile auch 25 Jahre alt gewor­den ist.

Saturday, July 30, 2011

INTERVIEW: Zur Rolle der Religion & Mythologie in Georgien. Ein Gespräch mit Dominik Irtenkauf (remid.de)

Zwischen Prometheus, Kreuz und Amirani – Kunst, Mythos und Religion in Georgien

Dominik Irtenkauf studierte Deutsche Philologie, Philosophie und Komparatistik in Münster und ist freischaffender Autor von Prosa- und Sachtexten. Er beschäftigt sich vorwiegend mit Kunst- und Kulturphilosophie, Medientheorie, Hermetik und Avantgarde sowie Musik jeder Richtung. Die Grenzen zwischen Wissenschaft und Literatur gestalten sich bei ihm fließend. In seinen Texten macht sich eine besondere Vorliebe für artistische und mythologische Sujets bemerkbar. Er verfasste Literatur sowie journalistische Beiträge in diversen Zeitungen, neben Black Metal Theory ist ein wichtiges Thema für ihn das Land Georgien. Zu seinen Reiseerfahrungen interviewte REMID den Autoren.

Herr Irtenkauf, Sie kommen gerade erst wieder aus Georgien?
Ja, das stimmt. Die Eindrücke sind noch brandfrisch. Vor einer Woche landete ich wieder in Deutschland. Ich war nun zum dritten Mal in dem kaukasischen Land und diesmal für knapp 6 Wochen. Vor allem recherchierte ich zu lokalen Musikszenen und untersuchte die Verbindung der einmaligen Landschaft dort mit einem möglichen Inspirationspotenzial. Mich bewegt das Interesse nach einer fortwirkenden Befruchtung der Künste, aber auch der Diskurse Georgiens durch das eigene kulturelle Erbe. Das interessiert insbesondere auch in Hinblick auf 70 Jahre Fremdherrschaft durch das Sowjetsystem.
Ursprünglich war es ja ein Kurzstipendium, das Sie nach Georgien führte. Wie kam es dazu und welche Rolle spielte dabei die georgische Mythologie?
Also, das MUSA-Stipendium war vom georgischen Ministerium für Bildung und Wissenschaft ausgeschrieben, und ich wurde von einem sehr guten Studienfreund darauf hingewiesen. Da mich die Mythologie zu dieser Zeit (Sommer 2006) und auch heute noch fasziniert, habe ich mich mit Georgien als einem mir bis dato unbekannten Land beschäftigt. Im Lauf meiner Recherchen stieß ich auf den Prometheus-Mythos, der im kaukasischen Gebirge seinen göttlichen Abschluss erfuhr. Bekanntlich wurde der Halbgott laut mancher Quellen an einen Felsen im Kaukasus angeschmiedet, um seiner ewigen Strafe zugeführt zu werden. Das Gremium hat mein Konzept, die Spuren dieser Mythologie in der sogenannten „Krisenregion“ Kaukasus aufzuspüren, überzeugt und ich wurde eingeladen, 2007 drei Monate im Land zu verbringen.


Aber es geht nicht nur um einen mythischen Anschluss an den europäischen Prometheus-Mythos, sondern auch um spezifische Besonderheiten des georgischen Kulturerbes?
Ja und nein. Meine Arbeit zu Georgien ist keine ausschließlich wissenschaftliche, vielmehr essayistische, d.h. ich suche nach Anknüpfungspunkten, die es mir ermöglichen, das je Spezifische der beiden Kulturen, der deutschen und georgischen, zu vergleichen. Dabei geschieht die Amalgamisierung längst. Das Konstrukt einer chirurgisch trennbaren Mythologie in diesem speziellen Fall meiner Recherchen ist nicht aufrecht zu erhalten. Vor allem das Beispiel der Argonautensage und die Suche nach dem Goldenen Vlies beweist die enge Kollaboration zwischen Georgien und Griechenland. Ob erzwungen oder freiwillig, das ist (noch) nicht endgültig bewiesen.Prometheus‘ georgischer Doppelgänger namens Amirani taucht seit dem 19. Jahrhundert vor allem in Sagen und Märchen auf, d.h. er hat bereits den Abstieg vom Mythos in die Folklore hinter sich gebracht. Es existieren eigentlich keine Textzeugnisse, die das mythische Milieu Amiranis zur Sprache bringen. Doch muss ich an dieser Stelle einräumen, dass meine Georgischkenntnisse nach wie vor zu dürftig sind, um den ganzen Textbestand erfassen und verstehen zu können. Ich bin kein ausgebildeter Kaukasiologe, sondern Komparatist. Die Übersetzungsproblematik betrifft nicht nur die mythischen Zeugnisse der georgischen Literatur, sondern vor allem auch zeitgenössische Autoren, doch dazu später mehr.Ich stehe am Ufer des Tergi (ein georgischer Fluss, der für die Literatur des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle spielte und nicht unweit des Berges liegt, an den angeblich Prometheus verbannt wurde) und warte auf die Übersetzer. Dabei kann ich wenigstens den passierenden Georgiern mein Dilemma verständlich machen: Me mtschirdeba tardshemani.

Welche Rolle spielt Religion / spielen Religionen im heutigen Georgien? Bzw. wie lässt sich diese Arbeit am Mythos mit aktuellen (auch säkularen) Identitätsdiskursen bzgl. Georgien erläutern?
Eine sehr wichtige, und das seit dem 4. Jahrhundert nach Christus, mit einigen – systembedingten – Unterbrechungen. Georgien definiert sich durch seine Zugehörigkeit zum orthodoxen Christentum und das Martyrium der Heiligen Schuschanik nimmt im literarischen Bewusstsein der Bevölkerung eine wichtige Rolle ein. Dieser Text ist in der Tat der älteste überlieferte Text in georgischer Sprache. Momentan werden an den Grenzen Georgiens (nach Russland und zur Türkei) große orthodoxe Kirchen gebaut, ganze Komplexe, um – so könnte man es kultursymbolisch interpretieren – das Land nach außen hin nicht nur militärisch oder zollamtlich, sondern vor allem auch spirituell zu verteidigen. Doch diese Sicht ignoriert den Toleranzgedanken Georgiens: die Region Adscharien mit dem Zentrum Batumi am Schwarzen Meer ist vornehmlich muslimisch und liegt an der Grenze zur Türkei. Die Adscharier betrachten sich jedoch als Georgien zugehörig und sprechen auch diese Sprache. Vielmehr dienen die Kirchen an der Grenze als eine Respektsbezeugung, die auch von den anderen Nationen geachtet werden sollte. Ich habe von Georgiern gehört, dass Russland die Grenze zum Nordkaukasus immer weiter ins georgische Grenzland hineinverschiebt und so sein eigenes Territorium Stück für Stück vergrößert. Um dem Einhalt zu gebieten, wird nun eine Kirche an die Grenze gebaut. Russland teilt ja nicht vieles mit Georgien, aufgrund des letzten kriegerischen Konflikts im Jahr 2008, aber zumindest den Glauben.Akaki Zereteli, ein Poet des 19. Jahrhunderts, hatte ein Prometheus-Gedicht geschrieben, das ein wenig an Goethes Werk erinnert. Genau wie Amirani, der georgische „Prometheus“, sieht sich Georgien von einem übermächtigen Gegner eingeschlossen. Im Amirani-Mythologem wird die überbordende Kraft eines Mannes angesprochen, der nicht so recht weiß, wohin mit seinen Kräften. Dies führt dann zu scheinbar sinnlosen Scharmützeln, aber auch zur Tötung eines Drachen. Amirani ist ein Held, dem erst seine Heldenhaftigkeit eingebläut werden muss. Er lernt, Verantwortung zu übernehmen.Russland fällt immer noch häufig in den Gesprächen mit Georgiern. Die Identität sehnt sich nach Europa und überspannt die Kluft nicht so sehr durch Mythologie, als durch Teilnahme an der globalen Popkultur. Der Anteil der wirklich Literatur lesenden Leute in Georgien ist auch nicht proportional größer als in Deutschland oder anders ausgedrückt: wer sich mit mythologischen Konzepten auseinandersetzt, macht das, weil er oder sie ein akademisches und/oder künstlerisches Interesse besitzt. Ob aber eine bewusste Arbeit am Mythos in weiten Teilen der Bevölkerung geschieht, bezweifle ich. Georgische Identität wird aktuell durch die Geschichte des eigenen Landes und die Traditionen gebildet, wobei in manchen Teilen auch die orthodoxe Religion eine Rolle spielt. Ein großer Teil des künstlerischen und akademischen Milieus hat diese Traditionen in ein weitgehend säkulares Weltbild integriert.

Ein besonderes Interesse Ihrerseits betrifft ja auch die aktuelle Kunst in Georgien bzw. den kulturellen Austausch.
Da sieht es frostig aus, denn ohne Geld lässt sich nicht mal eine ernstzunehmende literarische Zeitschrift verlegen. Der Durchschnittslohn erlaubt es nicht, einen beträchtlichen Teil des Geldes für künstlerische Werke auszugeben. Auch Musikgruppen haben meist nur die Möglichkeit, bezahlte Konzerte zu spielen, wenn sie folkloristischen Pop spielen, zu dem man beruhigt essen und trinken kann, und der auch auf die Pauschaltouristen einen genuin georgischen Eindruck macht.Dennoch sind die Poesie und auch Malerei sehr lebendig in Georgien und verfügen über eine eindrückliche Geschichte. Mein sehr guter Freund Dato Barbakadse, der auch im mischwesen verlag aus München letztes Jahr seinen neuesten Band „Wesentliche Züge“ veröffentlichte, hat mich seit 2007 immer wieder mit neuen Kontakten zur Kunstszene Georgiens versorgt und seitdem haben sich vielfältige Beziehungen ergeben. Bei meinem letzten Aufenthalt fiel mir Esma Oniani auf, die leider 1999 bereits verstarb, jedoch mit ihrer Poesie hoffentlich bald auch in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Zudem sind ihre Gemälde bereits im europäischen Ausland zu sehen gewesen. Auch Koba Arabulis Arbeit mit georgischer Mythologie verdient größere Aufmerksamkeit. Hier stellt sich eben nur das altbekannte Problem: die mangelnde Verbreitung der georgischen Sprache. Die Lage ist angesichts fähiger Übersetzer jedoch nicht hoffnunglos. Besonders Herr Barbakadse beweist mit seinem Projekt „Österreichische Lyrik des 20. Jahrhunderts in georgischer Übersetzung“, dass eine Verständigung trotz finanzieller Engpässe möglich ist. Das andere Problem der georgischen Kunstszene ist, dass jeder jeden kennt und persönliche Animositäten zuweilen die professionelle Arbeit verunmöglichen. Das sage ich jetzt auch bewusst denjenigen, die mich eventuell der fortwährenden Kontakte zu bestimmten Personen bezichtigen. Es ist klar, dass die journalistische Aufarbeitung meiner Georgienaufenthalte selektiv ist. Wie sollte sie auch anders sein? Es gibt immer was Neues zu entdecken: meine neueste Entdeckung sind zum Beispiel die Alternative Rock-Bands Rema und Z For Zulu aus Tbilissi.

Können Sie – aufgrund der fortdauernden Beziehung zu diesem Land – Dynamiken, Tendenzen ausmachen? Wohin bewegen sich die Diskurse dieses Landes?
Bislang fehlt in Georgien ein selbstkritischer Diskurs. Solange sich dieser nicht etablieren kann, um dann selbstreflexiv subversiv zu werden, sehe ich das Land im ständigen Kreiseln um sich selbst verfangen. In Gesprächen mit kritischen Leuten wird der Wunsch geäußert, nicht nur Peripherie Europas oder Asiens zu sein, doch werden beinahe alle Medien von Regierungsseite finanziert und kontrolliert.
Wie bereits erwähnt, fehlt das Geld für unabhängige Publikationen. Zur Finanzierung ist man von sogenannten Businessmen (dieser Begriff wird auch in der georgischen Sprache benutzt) abhängig. Über die Dynamiken und Tendenzen des Landes habe ich in einem Manuskript zu georgischen Bildenden Künstlern geschrieben, das momentan von Verlagen geprüft wird. Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Künstler, die sich für das Ausland öffnen, an Perspektiven dazu gewinnen, weil der Kaukasus selbst dringend einen kulturellen Austausch mit Europa und auch anderen Kontinenten benötigt. Bedingt durch die Sowjetunion blieb bis 1991 der Kontakt immer nur sporadisch. Giwi Margwelaschwili schrieb in seinem Buch „Kapitän Wakusch“ eindrücklich von den Problemen in diesem „Sprechzimmer“, wie er die verschiedenen kulturellen Milieus nennt.
Es stellt sich die Frage, wie sich Georgien aus der Isolation befreit. TV-Werbung spricht von Millionen Touristen, die im Sommer 2011 in das kleine Land kommen sollen, doch bislang sieht man nur vereinzelt Grüppchen von Sandalenträgern, um deren Hälse Fotokameras baumeln. Der große Flow steht also noch aus. Spaziert man durch die Hauptstadt, sieht man abbröckelnden Putz, denn der ökonomische Schaden ist auch nach 20 Jahren Unabhängigkeit noch deutlich zu sehen. Andererseits werden die Gelder zuweilen für nicht nachvollziehbare Aktionen ausgegeben. Manchmal scheinen mir die Diskurse ein wenig zerfahren: es wird auf die georgische Eigenheit gepocht, und zugleich der Schulterschluss mit Europa gewünscht. Ein Kompromiss muss dann aber eingegangen werden, weil sonst das Land und dessen Kultur in einer anstrengenden Zerreißprobe endet. Ohne eine unabhängige Presse und eine selbstkritische Infrastruktur der Medien fehlt die nötige Freiheit, sich von überkommenen Traditionen zu lösen und einen Neuaufbruch zu wagen. Es wäre schlimm für das Ansehen georgischer Kultur im Ausland, wenn sich der Eindruck einschliche, Georgien produziere alle Kunst nur für den Eigengebrauch. Manche Musikgruppen spielen sehr nahe am europäischen Vorbild, in einer Galerie hing eine 1:1-Kopie zu Georg Klimt. Das sollte nicht Standard werden! Georgien befindet sich um Umbruch und deshalb ist ein Besuch des Landes jedes weitere Mal sehr spannend. Vielleicht hilft es, aus echter Freundschaft zu den Menschen sehr kritisch zu werden, denn eine georgische Eigenart ist es, nur im Pathos über die eigene Geschichte und die Freunde zu sprechen, also Kritik häufig nicht auszusprechen, sondern stattdessen den diplomatischen Weg zu wählen. In einer Kultur führt das jedoch, meiner Meinung nach, zu (harmonischem) Stillstand.


Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

Quelle: remid.de