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Saturday, May 06, 2023

Interview mit Kaukasus-Reisen. Hans Heiner Buhr über seinen Traum vom grenzenlosen Reisen in dieser atemberaubenden Region.

Interview von Ralph Hälbig

Hans Heiner Buhr, ehemaliger Deutsch-Lehrer, jetzt Reiseunternehmer und Künstler in Georgien, gehört zu den Pionieren, die deutschsprachige Reisende mit kleinen Abenteuer-Reisen in diese Region gelockt haben. Anfangs begann er als Ein-Mann-Unternehmer zusammen mit lokalen Freunden und Familie in den späten Neunziger Jahren mit Kaukasus-Reisen ein feines, schmales Programm anzubieten. Sein Renner waren in dieser Zeit die Begleitung beim Viehabtrieb aus den hohen Bergen in Tuschetien hinunter in das Winterquartier der Schafherden. BjØrn Erik Sass schrieb darüber 2010 eine große Reportage in DIE ZEIT - Heute ist das Familienunternehmen mit knapp 10 Angestellten und freien Guides auf Reisen in Georgien und in die Nachbarländern im Kaukasus spezialisiert. Kaukasus-Reisen hat sein Programm wohlüberlegt erweitert und bietet maßgeschneiderte Touren und Rundreisen für Einzelpersonen, Paare und Gruppen an und legt dabei besonderen Wert auf Inhalte und Qualität statt Quantität.

Die Touren von Kaukasus-Reisen führen durch malerische Landschaften und bieten den Reisenden die Möglichkeit, die Kultur und Geschichte Georgiens, Armeniens und Aserbaidschans kennenzulernen. Zusätzlich zur Erkundung der Sehenswürdigkeiten werden traditionelle Gerichte und lokale Weine angeboten. Das Unternehmen arbeitet eng mit örtlichen Reiseführern und Hotels zusammen, um den Reisenden ein authentisches Erlebnis zu bieten und ihnen die Kultur und Mentalität der Kaukasier näherzubringen. Für alle, die neugierig sind und nach den schwierigen Corona-Jahren vorhaben, bald in diese Weltgegend zu reisen, dazu hier ein paar Antworten auf meine Fragen. Kaukasus-Reisen heißt euch willkommen!

Ralph Hälbig: Wie hat sich die Reisesituation in Georgien seit dem Ausbruch von Corona verändert und wie beeinflusst dies das Reiseverhalten? Sind bereits Anzeichen erkennbar, dass sich die Reiseaktivitäten trotz Inflation im Jahr 2023 wieder erholen werden?

Hans Heiner Buhr: Im Jahr 2018 sah es für deutsche Reisende in Georgien besonders vielversprechend aus: es gab zahlreiche günstige Flüge, die Buchmesse in Frankfurt und Leipzig mit ihrem Georgien-Spezial lockte viele Besucher an, der Euro war stark und es gab Visafreiheit. Auch das Interesse an dem neuen Reiseland Georgien war groß und es gab keinerlei Restriktionen.



Jedoch hat sich seit 2020 alles drastisch geändert. Die Einreiseregeln waren unklar und änderten sich ständig, Flüge wurden gecancelt, verlegt oder abgesagt. Es war ungewiss, ob der Flug überhaupt stattfinden würde. Der Gesundheitsstatus wurde reiseentscheidend und es war fraglich, ob man in einem Monat überhaupt gesund und mit den nötigen Dokumenten einreisen konnte. Was passiert, wenn man in Georgien auf einmal positiv getestet wird oder krank wird? Muss man dann in Quarantäne? Für unsere Gäste und uns Reiseveranstalter war diese Zeit sehr schwierig und absurd.

Mittlerweile hat sich das Reiseverhalten der Deutschen jedoch geändert. Viele planen nicht mehr langfristig, sondern spontan und kurzfristig. In den deutschen Medien wird viel über Georgien berichtet, jedoch auch oft besonders abschreckend über normale gesellschaftliche Konflikte, was potenzielle Reisende abschrecken könnte. Die Europäer richten ihren Fokus eher auf vermeintlich sichere Reiseziele wie Paris, Rom oder das Umland. Zudem sind die Flugpreise stark gestiegen und der Euro hat gegenüber dem Lari rund 30 bis 35% verloren, was die Kosten für die Reisenden und uns als Veranstalter erhöht.

Als Reiseveranstalter haben wir mit diesen Herausforderungen zu kämpfen. Wir müssen die Preise erhöhen, um unsere Kosten zu decken und dabei noch Gewinn zu machen. Manche Kunden in Deutschland empfinden dies als unangemessen, da sie im Supermarkt sehen, dass alles teurer wird.

Für uns ist die Situation schwierig, denn wir benötigen Planbarkeit. Unsere Reisen sind nur dann rentabel, wenn sie gut gebucht sind. Wenn wir beispielsweise nur zu 70% ausgebucht sind, dann verdienen wir kein Geld. Im schlimmsten Fall machen wir sogar Verlust. Wir befinden uns jetzt im vierten Jahr, in dem die Situation schwierig ist. 2020 war ein schlechtes Reisejahr, 2021 war ebenfalls schlecht, 2022 war schlecht und auch 2023 wird schlecht sein. Nur diejenigen, die es irgendwie geschafft haben, haben überlebt. In der Zwischenzeit haben sich viele kleine, spezialisierte Reiseunternehmen in Georgien neu gegründet, die uns Marktanteile streitig machen und uns zwingen, uns ständig weiterzuentwickeln und uns neu anzupassen. Durch den Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien tauchen negative Nachrichten in den deutschen Medien auf, was die Lage unsicher erscheinen lässt und viele Leute davon abschreckt, in diese Region zu reisen. Das ist momentan unser Dilemma, mit dem wir kämpfen, mit vielen verschiedenen Faktoren, die das Reisen erschweren oder unsicher erscheinen lassen. In Georgien sagt man, dass nach sieben guten Jahren, sieben schlechte Jahre folgen.

Andererseits haben wir auch Gäste, die uns Reiseangebote aus 2020, 2021 oder 2022 vorlegen, die damals nicht kommen konnten und jetzt sagen: "Wir haben hier ein Angebot von Ihnen vorliegen, können Sie das bitte aktualisieren, denn wir möchten jetzt in 2023 endlich unsere lang geplante Reise nachholen?" Solche Gäste gibt es natürlich auch, die das damals nur aufgeschoben haben und jetzt mit uns reisen möchten.

Ralph Hälbig: Wie denkst du, wird sich das Reiseverhalten in Zukunft verändern? Möchten die Reisenden vermehrt eine Reiseagentur als Berater und Unterstützer oder eher ein Komplettpaket mit Rundum-Betreuung? Welche Wünsche äußern die Reisenden bezüglich ihrer Reise nach Georgien?

Hans Heiner Buhr: Bezüglich des Reiseverhaltens der Georgiengäste möchte ich sagen, dass sich dieses stetig ändert und in Bewegung bleibt. Insgesamt werden die Wünsche und Anforderungen der Menschen immer individueller, da niemand mehr eine standardisierte Reise möchte. Jeder möchte das Besondere erleben und es selbst entdecken, anstatt es vorgesetzt zu bekommen. Daher passen wir unsere Reiseangebote stark an die individuellen Wünsche unserer Gäste an. Wir haben auch festgestellt, dass Gäste sich spontaner entscheiden, jedoch trotzdem intensiv durch Reiseliteratur und das Internet recherchieren, um sich auf ihre Reise vorzubereiten.

Die Ansprüche unserer Gäste werden immer höher, insbesondere was die Qualität der Unterkünfte und des Services betrifft. In Georgien möchte man keinerlei Abstriche mehr machen und erwartet den besten Service und die beste Qualität in Bezug auf Betten, Zimmer und Frühstück.

Was suchen die Gäste in Georgien? Viele suchen nach unberührter Natur und sind von der Vielfalt, die Georgien zu bieten hat, überrascht. Aber auch das pulsierende Stadtleben, insbesondere in der Hauptstadt Tiflis, Kutaissi und Batumi, zieht die Gäste an. Die Gastronomie, Cafés und das Nachtleben sind ebenfalls von großem Interesse.

Viele Gäste möchten im Urlaub auch Luxus genießen und suchen nach 4- oder 5-Sterne-Hotels mit Pool.

Wir stellen auch fest, dass es Reisende gibt, die in ihrem Urlaub weniger Stationen aufsuchen möchten, dafür aber die Gegend besser und intensiver erkunden möchten. Die Weinregion Kachetien bietet sich beispielsweise für sternförmige Tagesausflüge sehr gut an, ebenso wie Tuschetien und Swanetien.

Andererseits gibt es vor allem auch jüngere Gäste, die ihren Urlaub möglichst intensiv erleben möchten und viel in einen kürzeren Zeitraum packen möchten. Es gibt sogar Gäste, die die drei Länder Aserbaidschan, Georgien und Armenien in 10 oder 12 Tagen sehen möchten, obwohl wir für die drei Länder eher mindestens 14 bis 16 Tage empfehlen.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass Gruppenreisen an Popularität verlieren und dass unsere Gäste lieber in kleinen Gruppen oder mit Freunden und Familie unterwegs sind. Oft fragen unsere Gäste beispielsweise nach dem Alter und Geschlecht der anderen Reisenden, obwohl wir das zum Teil gar nicht wissen und auch nicht mitteilen möchten.

Ralph Hälbig: Wie lautet das Feedback deiner Gäste und welche Eindrücke von Georgien nehmen sie mit nach Hause?

Hans Heiner Buhr: Wir beobachten auch, dass sich immer mehr Singles bei uns melden, die auf der Suche nach interessanten Gruppenaktivitäten sind. Dabei werden auch immer ausgefallenere Wünsche geäußert, wie zum Beispiel themenorientierte Reisen wie Eisenbahntouren, Pilzsammeltouren, Eselwanderungen oder Arbeit auf einer Farm oder Ranch. Hier hat Georgien noch viel Potenzial, um neue Produkte und Reisen anzubieten. Allerdings stellt sich auch immer die Frage nach der Wirtschaftlichkeit solcher Angebote.

In Bezug auf das Feedback unserer Gäste können wir sagen, dass es oft positiv ausfällt. Viele Gäste kommen immer wieder nach Georgien oder in den Kaukasus und möchten dann andere Facetten des Landes erleben. Sie können dabei schon viel besser einschätzen, was sie gerne möchten, weil sie das Land nun schon gut kennen.

Natürlich gibt es auch kritische Rückmeldungen und wenn etwas fehlt, melden sich die Gäste häufig schnell über WhatsApp oder einen Anruf bei uns. Wir helfen dann gerne dabei, den Kritikpunkt aufzuheben und den Service zu verbessern, zum Beispiel im Hotel oder an anderen Orten.

Ralph Hälbig: Hast du eine besondere Anekdote von einem Reisenden im Gedächtnis, die du gerne mitteilen möchtest?

Hans Heiner Buhr: Wir erzählen immer wieder gerne die Anekdote von zwei Gästen, die sich während unseres Reiseklassikers "Frühstück im Kaukasus" kennengelernt und ineinander verliebt haben. Nach zwei oder drei Jahren haben sie die Reise gemeinsam als Ehepaar wieder mit uns durchgeführt und waren auch beim zweiten Mal total begeistert von unseren Reiseleitern David und Eka. Eine andere Geschichte: "Ein Ehepaar hatte eine Autopanne in Vashlovani, an einem der wenigen entlegenen Orte ohne Netzempfang. Der Mann kletterte auf einen Berg in der Nähe und konnte uns dann am Abend endlich erreichen. Wir sendeten einen Abschleppwagen in die Gegend, der dann natürlich prompt auch keinen Netzempfang mehr hatte und so war untereinander und mit uns keine Kommunikation mehr möglich. Doch wie durch ein georgisches Wunder trafen sie sich plötzlich und wurden glücklich abgeschleppt, es war dann mittlerweile gegen 0.00 Uhr nachts. Alle waren glücklich."

Ralph Hälbig: Deine ersten Reisen - Ende der 90iger Jahre - hast du ja in deiner Ferienzeit (du warst Deutsch-Lehrer in einer Schule in Tbilisi) nebenher organisiert. Dabei hast du vor allem bewusst die Unwägbarkeiten einer Abenteuerreise gesucht und Reisende quasi eingesackt. Meinst du, dass man so etwas auch heute noch anbieten kann, und dass man den Menschen vermitteln kann, sich auf diese spontane und ungewisse Art auf eine andere Kultur einzulassen? Gibt es Bedürfnisse in diese Richtung, oder ist das für die Reisenden eher zu vage, sich darauf einzulassen? In den 90er Jahren und Anfang der 2000er Jahre war alles in Georgien noch sehr wild! Eine überbordende und überraschende Gastfreundschaft konnte manchmal jeden Reiseplan über den Haufen werfen, oder die Wetter- und/oder damaligen Straßenverhältnisse hatten einen festgesetzt! Wie siehst du das heute mit der Gastfreundschaft in Georgien? Hat sich da etwas geändert?

Hans Heiner Buhr: Die wilden Zeiten sind leider vorbei. Georgien ist heute stabil und die Sicherheit der Gäste im Land hat höchste staatliche Priorität, was sich in neuen Standards, in Ausbildungskursen für touristische Berufe und auch in einer stärkeren Regulierung der Tourismusbranche zeigt. Jedoch laden die fantastischen Berge des Großen und Kleinen Kaukasus, entlegene Täler in Chewsuretien, Tuschetien, Ratscha und Adscharien wie eh und je zu abenteuerlichen Treckingtouren ein.

Das Bedürfnis nach individuell geführten, themenorientierten Kleingruppenreisen ist sicherlich noch vorhanden. Jedoch sind solche Reisen sehr aufwendig und müssen sowohl inhaltlich, programmatisch, als auch von der Dauer und dem Service her stimmig sein, um zu überzeugen. Folglich sind sie dementsprechend teuer und aufwendig zu organisieren, zu konzipieren und erfolgreich durchzuführen. Diese Reisen zu gestalten halte ich für die hohe Kunst des Tourismus. Zum Beispiel habe ich im Jahr 2013 eine sehr individuelle Kunstreise mit dem Kunstverein Schweinfurt erfolgreich durchgeführt und hätte durchaus Interesse, eine ähnliche Reise in neuer Form durchzuführen oder eine Reise in Georgien mit einem architektonischen Schwerpunkt aufzubauen und anzubieten.

Georgien hat in Bezug auf Gastfreundschaft und Tourismus in den letzten Jahren eine Professionalisierung erfahren. Dennoch ist es nach wie vor möglich, die herzliche Gastfreundschaft der Georgier zu erleben, jedoch abseits der touristischen Hotspots in den abgelegeneren Regionen des Landes. Besonders erfreulich ist, dass immer mehr junge Georgier sehr gut Englisch und auch Deutsch sprechen und somit ihre Heimat authentisch und leidenschaftlich präsentieren können. In manchen Fällen machen sie dies sogar besser als zugereiste Deutsche.

Ralph Hälbig: Wo siehst du den Tourismus in Georgien in den nächsten zehn Jahren? Was wünschst du dir für die Zukunft des Tourismus in Georgien?

Hans Heiner Buhr: Ich denke, dass der Tourismus in Georgien in den kommenden Jahren sehr interessante Entwicklungen erfahren wird. Viele junge Georgier kehren aus dem Ausland zurück und bringen neue und frische Konzepte in Gastronomie, Hotel und Reisebranche mit, auf die wir "alten Tourismus-Haudegen" unter Umständen gar nicht kommen. Es gibt noch viele Ideen, die man umsetzen könnte.

Insbesondere möchten wir die drei Länder Georgien, Armenien und Aserbaidschan stärker miteinander verknüpfen und bieten unsere Reisen länderübergreifend an. Besonders unsere Selbstfahrerreisen können gut kombiniert werden, z.B. von Baku nach Batumi oder von Tiflis nach Jerewan, um die verschiedenen Kulturen kennenzulernen und zu vergleichen.


Längere Reisen sind auch gefragt. Ich kann mir gut vorstellen, dass man eine Wanderung von Lagodekhi nach Batumi anbieten könnte, abseits von belebten Straßen durch die Berge, oder auch Reittouren, die das Außergewöhnliche bieten. Außerdem möchte ich unsere Radreisen empfehlen sowie unseren Klassiker "Frühstück im Kaukasus", der bis heute zu unserer besten und schönsten Kleingruppenreise in Georgien gehört.

Ralph Hälbig: Wie willst du eigentlich demnächst deine touristischen Konzepte verändern und weiter entwickeln? Was sind deine nächsten Pläne?

Hans Heiner Buhr: Ich habe schon vor drei bis vier Jahren eine Reise konzipiert, die den Kaukasus einmal komplett umrundet. Von Tiflis über die georgische Heerstraße nach Stepantsminda, von dort nach Wladikawkas, weiter nach Grosny, quer durch Dagestan bis nach Machatschkala und schließlich nach Süden über die aserbaidschanische Grenze nach Baku. Von dort aus geht es nordwestlich entlang der alten aserbaidschanischen Seidenstraße, durch Scheki nach Lagodechi und schließlich zurück nach Tiflis. Diese Reise könnte man gut als geführte Tour mit Geländewagen oder als Selbstfahrerreise machen - sobald das nach dem Krieg wieder möglich ist.

Mein Traum bleibt das grenzenlose Reisen im Kaukasus. Ich wünsche mir, dass man eines Tages alle Gebiete der kaukasischen Länder ohne schwierige politische Grenzen bereisen kann.

Mehr zu Kaukasus-Reisen:

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Wednesday, November 18, 2020

VIDEO: Der Historiker Philipp Ammon wurde von Dr. Klaus Ther vom Österreichischer Rundfunk zu den historischen Hintergründen des Karabachkonfliktes interviewt.



Philipp Ammon wurde von Dr. Klaus Ther vom Österreichischer Rundfunk zu den historischen Hintergründen des Karabachkonfliktes interviewt. Auszüge des Interviews erschienen in der Sendung "ORF Orientierung". Mit der "Abstimmung" (1:33) ist die Abstimmung des Kawbjuros (Кавказское Бюро Центрального Комитета РКП(б), Kaukasisches Büro des ZK der RKP(B)) gemeint. Am 3. Juni 1921 sprach es Karabach Armenien, am 5. Juli 1921 Aserbaidschan zu. Die Niederschlagung der armenischen antibolschewikischen Erhebung in Sangesur enthob die Bolschewiki der Notwendigkeit, auf die Armenier Rücksicht zu nehmen. Strategisch entscheidender war für die Bolschewiki nun die Beziehung zur kemalistischen Türkei, mit der Sowjetrußland am 16. März 1921 einen Freundschaftsvertrag unterzeichnet hatte. Die ab Minute 14:31 geäußerte Vermutung, Rußland werde erst nach einer Schwächung Armeniens eingreifen, scheint sich mittlerweile bestätigt zu haben.

Philipp Ammon was interviewed by Dr. Klaus Ther from the Austrian Broadcasting Corporation about the historical background of the Karabakh conflict. Excerpts from the interview were shown in the program "ORF Orientation". The "vote" (1:33) means the vote of the Kavbyuro (Кавказское Бюро Центрального Комитета РКП (б), Caucasian bureau of the RCP(b) Central Committee). On June 3, 1921, the Kavbyuro awarded Karabakh to Armenia, and on July 5, 1921 to Azerbaijan. The suppression of the Armenian anti-Bolshevik uprising in Sangesur relieved the Bolsheviks of the need to show consideration for the Armenians. Having already signed a friendship treaty with Turkey on March 16, 1921, the Bolsheviks now decided to send thus a positive signal to their Kemalist allies. The assumption made from 14:31 onwards that Russia would only intervene after Armenia has been weakened seems to have been confirmed in the meantime.

Friday, October 16, 2020

INTERVIEW: Historiker Philipp Ammon zu Bergkarabach-Konflikt: "Ohne Großmächte kein Frieden". Von André Ballin via derStandard.at

[derstandard.deDer Streit um die Kaukasusregion ist nicht neu. Philipp Ammon spricht über Hintergründe und Geschichte eines in Europa weitgehend unbekannten Konflikts

INTERVIEW André Ballin 15. Oktober 2020

Philipp Ammon
Der am Wochenende geschlossene Waffenstillstand hat die Kriegshandlungen im Kaukasus bislang nicht stoppen können. Immer noch kämpfen Eriwan und Baku verbissen um jeden Meter in der umstrittenen Region, die mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird, völkerrechtlich aber zu Aserbaidschan gehört. Warum das so ist und warum die Region bei der Lösung des Problems in Richtung Schweiz schauen sollte, erklärt der Kaukasus-Experte Philipp Ammon.

STANDARD: Tschetschenien-Krieg, Abchasien-Krieg, Südossetien-Konflikt, Bergkarabach-Krise: Das Wort Kaukasus löst oft Kriegsassoziationen aus. Ist der Kaukasus historisch tatsächlich eine besonders umkämpfte Region?

Philipp Ammon: Durch den Kaukasus laufen seit jeher viele Handelsrouten. Neben der bekannten Seidenstraße ist der Kaukasus auch im Nord-Süd-Verkehr ein Knotenpunkt. Die strategisch wichtige Lage weckte einst das Interesse gleich dreier Machtzentren, die dort um die Vorherrschaft stritten: im Südosten die Perser, im Südwesten zunächst das Römische, dann das Byzantinische und später das Osmanische Reich und im Norden dann auch das Russische Reich. So mussten sich die Bewohner stets nach außen militärisch schützen. Dadurch ist eine wehrhafte Mentalität entstanden.

STANDARD: Warum liegt das von Armeniern bewohnte Bergkarabach überhaupt in Aserbaidschan?

Ammon: Bis zum Vertrag von Turkmantschai 1828 gab es das ethnisch sehr durchmischte Khanat Karabach. Später nahm der Anteil der Armenier deutlich zu, weil sie vor Verfolgungen im Perserreich und dem Osmanischen Reich nach Russland flüchteten. Diese Homogenisierung setzte sich zu Sowjetzeiten fort.

STANDARD: Trotzdem wurde die Region Aserbaidschan zugeschlagen. Warum?

Ammon: Damit sollte der Kaukasus insgesamt fester an die Sowjetunion gebunden werden. Das Matrjoschka-Prinzip, in der jede Republik noch einmal in autonome Gebiete unterteilt wurde, sollte nationale Sezessionsbewegungen erschweren. Diese bewusste Verknäuelung diente dem Prinzip "Teile und herrsche".

STANDARD: Wo liegen die Ursachen des Bergkarabach-Konflikts?

Ammon: Erste Massaker zwischen Armeniern und Aserbaidschanern gab es schon zu Zarenzeiten. Sie waren religiös, aber auch sozial bedingt, weil Armenier aufgrund ihres Bildungsdrangs schneller aufstiegen als ihre Nachbarn. Das weckte Neid.

Aber Ursache des aktuellen Konflikts ist eben die sowjetische administrative Verschachtelung, die Ende der 1980er-Jahre in vielen Republiken zu ethnischen Konflikten führte. Die Armenier baten in Moskau um die Übergabe Bergkarabachs, was in Aserbaidschan natürlich nicht gut ankam. Es folgten die Pogrome in Sumgait 1988 und in Baku 1990 an der armenischen Minderheit. Auf der Gegenseite verübten Armenier 1992 in Chodschali ein Massaker an Aserbaidschanern. Seither sehen sich beide Völker als Todfeinde. Ohne Willen der Großmächte ist kein Frieden möglich.

STANDARD: Welche Rolle spielen Moskau, Ankara und Teheran?

Ammon: Die Türkei unterstützt Aserbaidschan seit Jahren unter der Losung "Ein Volk, zwei Staaten". Jetzt ist die Hilfe offener denn je, wohl auch, um von eigenen inneren Problemen abzulenken und die sinkende Popularität von Tayyip Erdoğan zu festigen. So liefert Ankara die Bayraktar-Drohnen, wohl einige Militärberater und lässt syrische Kämpfer in das Konfliktgebiet passieren.

Russland wiederum versteht sich als traditionelle Schutzmacht Armeniens, wird aber nicht automatisch militärisch auf Eriwans Seite eingreifen. Moskau will vor allem den Südkaukasus als Einflusssphäre nicht verlieren. Dazu setzt der Kreml auf gute Beziehungen zu Eriwan und Baku. Zum Konflikt beigetragen hat Russland durch den eifrigen Waffenverkauf in die Region – an Aserbaidschan zum Weltmarktpreis, an Armenien zum Selbstkostenpreis. Der Iran hat historisch enge Bindungen zu Aserbaidschan, hilft aber im Konflikt eher Armenien, weil Teheran bei einem Erstarken Aserbaidschans Abspaltungsbestrebungen der aserbaidschanischen Minderheit im eigenen Land fürchtet.

STANDARD: Ist noch jemand involviert?

Ammon: Die USA und Israel wollen in den Iran hineinhorchen und haben daher in Aserbaidschan Interessen. Auch darum hat Israel die Harop-Drohnen an Baku geliefert. Die Drohnen sind die technologische Basis für den aserbaidschanischen Vorstoß in Bergkarabach, denn die Kampfkraft der aserbaidschanischen Armee schätze ich schwächer als die der armenischen ein, weil die Staatsbindung der Aserbaidschaner geringer ist und ihre Motivation zu kämpfen auch.

STANDARD: Gibt es denn eine Lösung für den Konflikt?

Ammon: Das beste Modell für den gesamten Kaukasus, nicht nur für Bergkarabach, wäre wohl eine Kantonslösung à la Schweiz, wonach jedes Sprachgebiet sich möglichst weit selbst verwaltet und der Kaukasus insgesamt eine Föderation bildet. Das erfordert aber viel guten Willen und Druck von außen, denn untereinander sind Armenier und Aserbaidschaner derzeit nicht kompromissfähig. Derzeit ist so etwas sehr unwahrscheinlich, auch weil Russland und die Türkei keine langfristige Strategie haben, sondern eher situationsgebunden reagieren. (André Ballin, 15.10.2020)

Saturday, June 27, 2020

VIDEO: Die Übersetzerin Natia Mikeladse-Bachsoliani über das Buch "Abzählen" von Tamta Melashvili


Die 'Hobbyübersetzerin' Natia Mikeladze mit ganz aufschlussreichen Einblicken über das "Übersetzergeschäft". Derzeit ist sie im Goethe-Zentrum in Armenien (Jerewan) beschäftigt.

Youtube-Kanal: Goethe-Institut Georgien


Tamta Melaschwili:Abzählen
Roman - Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani
Ein aufsehenerregendes Debut: drei Tage in der Konfliktzone.


Der Aufbruch ist literarisch – und weiblich [literaturkritik]
Zur Gegenwartsliteratur georgischer Schriftstellerinnen
Von Rosa EidelpesRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rosa Eidelpes

Thursday, February 06, 2020

GEORGIAN ART: Nina Gomarteli interviewed her mother Maka Batiashvili: I Try to Show not Just a Particular Figure I am Drawing, but My Attitude Towards that Figure. via ⁦‪@cbwge‬⁩

(cbw.geMaka Batiashili is a Georgian artist who works in painting, book illustration, and video art. Her inspiration comes from the moments of mundane reality that frequently turn into important visual images. The artist grasps moments from ordinary situations, which find participants on the verge, where keeping a balance is required. The key concept for Maka is a person surrounded by an emotional environment and things that constantly balances the situation, and never cross the lines. CBW had an interview with Maka Batiashvili:


Maka Batiashvili and her daughter Nini Gomarteli. Photo: Ralph Hälbig


Your exhibition "Moment of Narcissism" has recently opened. Where did the idea for the title come from?

Narcissism is a slowed down or rigid moment when we focus on ourselves, observe our sights or our senses, and at the same time, get very close to our identity, and start controlling it. At this time, everything is distorted, and there is only "me," and nothing else around it. This is one of the pleasures that our brains and bodies constantly seek. These works have been created with this idea underpinning it, which was displayed at the Project Art Beat Gallery.

What was the work process like, and how did you decide to put it together, or when the time for the exhibition was?

I worked until I had something to say; it's easy to just feel like it’s good enough, completed. At the time, I was completely engrossed in this, and not just during the process of drawing, but also in different situations, observing people, how they behaved, how they looked, how they posed for a photo, and so on. The mind fixes the image, and then some part is realized, from the thoughtful state to the material level. At this point, this topic is over for me, and I chose a new theme to work on after a month-long interval, it’s a good feeling for a fresh start.


Maka Batiashvili. Photo: Ralph Hälbig


The process of working, in general, depends on different attributes. It is like being a child, who constantly needs to be amazed and impressed. At this time, I don't think I am trying anything special, I just prefer to convey everything as simply as possible. I try to show not just a particular figure I am drawing, but my attitude towards that figure.

What makes you the most comfortable at this time?

Everything, good lighting, tranquility, a deliberate pace, sounds coming from the street, the sound of the wind, dogs barking, neighbors shouting, kids shouting in the yard. But by no means music, this time it holds my power because the focus is on it.

What was your education like?

I chose to go to the Academy of Arts, without any fuss. I told my family about my decision, and he immediately received my support. We chose a teacher and started to work with him as a student. My painting teacher was Bezhan Shvelidze, who had 20 students like me. It was a workshop near Nutsubidze Street, now called Pablo Picasso Street. Along the way, I realized that this is how I want to spend my entire life. There were no special restrictions here, there was a sense of freedom and a desire to become an extraordinary artist. Here, I could see so many students painting the same exact still life, yet these paintings would have come out entirely different from one another.

My teacher didn't give me a lot of notes, telling me: ‘’you know the most important thing - how to enjoy drawing, and there’s nothing more important... go on and have fun, darling! I’m always observing you, and you seem to be ecstatic; loving what you do, is the case, can’t be taught by a teacher, although one can create an atmosphere, where a student will study for pleasure, rather than obligation.

I was enrolled in the Academy of Arts in 1992, and it is easy to imagine what the situation there was like at the time. There was chaos in every sense, the first shock was that some of my students were not too keen on drawing. And whoever enjoyed it, would look crazy. It's still unclear to me why they chose this university. For a painting I dedicated my entire life to, the teacher didn't show up to the lecture for an entire year, and many other frustrating stories, but it was still so mysterious and appealing. I remember I arrived there hanging on a trolleybus, only to get there somehow…..because it was a meeting place, a strange and unexpected world that allowed for freedom.

Have you met any famous artist that affected your work?

I participated in a group exhibition recently where one of Natela Iankoshvili's paintings was presented. When I stopped by her drawing, fragments of memories would come out. I was 14 years old when I met her at her at the workshop, perhaps a relative of mine had invited me as a guest. Natela and her husband hosted us. For the first time there, I came across huge, distinct drawings in the artist's workplace. I remember how attentive they were to me, to treat me as an adult, and not as a child, they talked to me, showed me around and explained each painting. At some point, Natela and I were left alone, and she said to me: I haven't seen your paintings, but you have such a deep look your eyes, I believe you can be a good artist. Remember, the most important thing is to have your own distinctive style, for people to recognize it’s you. I tried it, and I think it worked. This is the power of words. As for the visual impact, I think all the artists I’ve ever seen contributed, even a bit.

What role do you think your artworks have, or will have in the future?

I'm bringing colors and lines to this, superficially speaking. I'm just looking for something, constantly. In today' s technological era, we have a continuous stream of information that causes information intoxication, from time to time. The righteous and fictional are intertwined, at such times, and I have a desire to find something very simple and frivolous in the world of these skyscrapers. What role it may play in the future will be decided by time, and by the people.

When did you feel like a success?

A sense of success helps people to keep going in all professions. It is an extraordinary feeling of power and motivation, but I felt successful when I stopped caring about it, and as boring as it may sound, I just go with the flow, I draw in this flow, and everything else comes on its own, with no pressure…

In what profession would you imagine yourself, if you weren’t an artist?

I would be an ecologist, I’m very interested in this field. I love and it hurts. It hurts because most of this world consists of air, and we don't have it in our city. Breathing is a symbol of life and it lacks that aspect here, it brings a sense of helplessness, and I have no power to abandon my socially active life and escape from the centre of the city to live in the village.

Project ArtBeat appeared in the art arena just a few years ago, and it’s always in the spotlight. What is it like collaborating with a contemporary art gallery?

I already knew Natia Bukia when it opened, she bought some of my artwork, then I met Salome Vakhania, and was told about their idea; then, many galleries opened up, but it was a bold move on their part. Because it is a complex and financially unsustainable business. I liked this decision a lot, it was very bold, and thoughtlessly joined them. During these 4 years, they’ve implemented many important projects, and Georgian art has been brought to numerous important art markets, worldwide.

Can you share what the subject of your upcoming series is?

It's a fog driven by two contrasting, masses of warm and cold air, the most mysterious grey quilt in atmospheric events.





More in flickr: Art of Maka Batiashvili

Last Exhibition: Project ArtBeat is pleased to present Maka Batiashvili’s solo exhibition, The Moment of Narcissism.

“It is a moment in which we focus at ourselves, which is illusory and instant, where on the one hand we are represented and on the other our idealized self. Posing and fixing our appearance is what we call our daily life. This is a moment when human approaches his or her inner, non-material world most closely or oppositely getting farer, runs away and puts a mask temporary.

It happens when we look at the mirror, when we are at the street and looking at vitrine of shops while we are glancing our reflections on it and especially when we pose at photo shootings.

Today when we live in digital world and own social networks, we have an amazing possibility to represent the best version of ourselves. Here is place where imaginary and real life meets each other and after all everything becomes as information chaos. Represented works are created by observing and speculating with these moods... and narcissism is considered not as a human flaw but as logical expression of personal identity and controlling of own state”. - Maka Batiashvili

Maka Batiashili works in painting, book illustration, video art, documentary film. Her inspiration is derived from the moments of mundane reality that usually turn into important visual images. The artist grasps moments from the ordinary situations, which find participants on the verge, where keeping balance is required. Key concept for Maka is a person surrounded with the emotional environment and things, who constantly balances the situation and never crosses the limits.

Colored spots on a neutral background are clearly readable. Processing of simple shapes of the drawings is easily observable. Works are dominated by bright colors and simple compositions. The pictures created with tusche on paper are charged with energy.

13 December, 2019 - 26 January, 2020
P. Ingorokva street 14, Tbilisi
You can see additional information about our gallery on our website: www.projectartbeat.com

Thursday, October 03, 2019

INTERVIEW: "Der Geschmack von georgischem Wein erzählt seine eigene Geschichte" - Zoltán Kovács-Gokieli

Hier das Interview in deutscher Sprache, erschienen in Georgien bei "Kviris palitra [kvirispalitra.ge]".


Erzählen Sie über sich selbst, wie war ihre erste Begegnung mit Georgien? Ich weiß, dass ihre Frau Georgierin ist, erzählen Sie über ihre Familie.

Mein Name ist Zoltan Kovacs-Gokieli. Ich bin in Rumänien geboren und habe ungarische Wurzeln. In Deutschland lebe ich seit meinem 11. Lebensjahr. Ich stamme aus einer Musikerfamilie ab. Über die Musik bin ich meiner Frau Anano Gokieli begegnet. Sie ist eine erfolgreiche georgische Pianistin. Mittlerweile haben wir zwei gemeinsame Töchter, leben und arbeiten in Berlin/Deutschland. 2005 bin ich mit meiner Frau zum ersten Mal nach Georgien gereist. Im familiären Kreise sind wir damals gleich in die Berge von Racha gereist und haben in Georgien über die folgenden Jahre viele Bergregionen und Kulturstätte besucht. Von Anfang an habe ich Georgien aus mehreren Gründen in mein Herz geschlossen: die traumhafte Landschaft, die Gastfreundlichkeit der Georgier, die polyphonischen Gesänge und Tanzkultur, die Kulinarik und die dazugehörige Zeremonie einer georgischen Tafel, und ganz wesentlich, der georgische Wein.


Foto: Zoltán Kovács-Gokieli mit seiner Familie


Sie sind Musiker und haben Jahre lang versucht, die georgische Kultur zu popularisieren. Warum haben Sie sich für georgische Weine interessiert?

Ja, natürlich. Durch meine Frau bin ich in die georgische Musikkultur eingeführt worden. Ihre Vorfahren sind berühmte Musiker und Komponisten in Georgien gewesen.
Als Musiker war ich viel in der Welt unterwegs und bin Begegnungen mit unterschiedlichen Kulturen und Menschen gewöhnt. Und hier kommen wir zum Wein.
Meine erste Begegnung mit dem georgischen Wein war, wie es sich einige Jahre später rausstellte, sehr fundamental. Den ersten georgischen Wein, den ich trank, war von Soliko Tsaishvili, der beste Freund meines Schwiegervaters Gia Gokieli. Was für ein Einstieg! Damals fiel es mir schwer, diesen kachetischen Wein gleich zu verstehen, denn er schmeckte ganz anders als alles was ich bisher kannte. Einige Jahre später lernte ich die Vielfalt der georgischen Naturweine kennen und zu schätzen. Ebenso entwickelte ich eine große Liebe zum Chacha.

Foto: Soliko Tsaishvili
Und hier spiegelt sich für mich meine Erfahrung, die ich weltweit über die Musik sammeln durfte. Über den Wein begegne ich auf der einen Seite den Winzern. Jede und jeder von ihnen eine eigene Persönlichkeit! Auf der anderen Seite, die Beratung und der Verkauf. Wenn wir die Weine bei Tastings, Märkten oder Messen vorstellen, lernen wir neue Menschen kennen und schätzen. Auf beiden Seiten eine intensive und tiefgründige Kommunikation mit außergewöhnlichen Menschen. Es geht sowohl bei der Musik als auch beim Geschäft mit dem Wein um Kommunikation und Begegnung. Im Jahre 2006 fragte uns Soliko Tsaishvili ob unsere georgische Familie bereit wäre, einen Weinberg in Kardenakhi zu kaufen. Wir kauften das Land und Soliko machte den Wein. Und wie! 2006 kam Luca Gargano (Slow food Bewegung in Italien) nach Georgien, um die traditionelle Qvevri Weine kennen zu lernen. Er lernte Soliko kennen und importierte im gleichen Jahr den gesamten Bestand seiner Weine nach Italien. Damit war Soliko der erste Naturwinzer, der seine Weine aus Georgien exportierte. Und hier begann eine Wiederbelebung der alten Tradition der Weinherstellung auf internationalem Niveau.
Diese tiefe Prägung brachte uns auf die Idee, in Deutschland eine Firma zu gründen und Chacha und Naturweine zu importieren. Mein Schwager Raphael Gokieli und ich haben 2017 mit einer Palette Chacha von Solikos Firma Chveni Vino unseren ersten Import realisiert. Kurze Zeit später brachten wir die erste Palette Naturwein nach Deutschland.
Leider ist Soliko an Krebs erkrankt und im letzten Jahr von uns gegangen. Das schmerzt uns sehr und wir vermissen ihn. Aber es ist ein Grund mehr, seinen Geist in der Popularisierung der Naturwein Szene Georgiens fortzuführen.

Was weiß man in Deutschland über georgische Weine und welche Schwierigkeiten gibt es, diese Weine auf den Markt zu bringen? Welche Perspektive haben georgische Weine auf dem europäischen Markt?


Zoltán Kovács-Gokieli
Am Anfang hatten wir im privaten Bereich viele verwunderte Gesichter. Die Menschen wussten nicht, dass Georgien den Ursprung des Weins darstellt. Auch ist die Weinherstellung im Qvevri nach wie vor für viele Menschen unbekannt. Doch der Geschmack des Weines überzeugt! Wir sehen das als unsere Aufgabe, diese Weinkultur hier den Menschen näher zu bringen. Dabei geht es gar nicht nur um das Geschäftliche, sondern vielmehr um das Persönliche. Unsere Beziehung zu den Winzern steht im Vordergrund und das tragen wir an unsere Kunden weiter. In Berlin hat sich in den letzten Jahren eine breite Naturweinszene entwickelt. Viele Weinbars haben eröffnet und bieten Naturweine aus verschiedenen Ländern an.
Die georgischen Weine sind sehr hochpreisig, das liegt daran, dass im kompletten Prozess von Hand gearbeitet wird und die Bestände der Winzer sehr gering sind. Ebenso ist die internationale Nachfrage enorm gewachsen. Länder wie Japan und USA, aber auch Australien, Kanada, Dänemark, Italien und viele andere Länder importieren mittlerweile große Mengen an Naturweinen aus Georgien.
In Deutschland ist die Naturweinszene dagegen verhältnismäßig spät gestartet.
Georgische Naturweine sind nach wie vor eine Randerscheinung im Bewusstsein der Weinwelt, trotzdem bin ich davon überzeugt, dass der georgische Qvevri Wein eine große Zukunft hat.

Sie sind konkret an Naturweinen interessiert, was denken Sie über die georgische Naturwein Produktion? Das ist ja nicht die breite Masse.

Für uns kommt tatsächlich ausschließlich der Import und Vertrieb von Naturweinen aus Georgien in Frage. Meiner Meinung nach ist das der einzige Weg mit unserer Umwelt im Einklang zu leben, indem wir die Natur respektieren und sorgsam mit unseren Ressourcen umgehen.
Leider trifft dies tatsächlich nicht auf die breite Masse der Produktion zu. Jedoch haben georgische Familien schon immer ihren Wein für den eigenen Bedarf auf diese Weise hergestellt. Meiner Meinung nach ist genau diese Art der Weinherstellung die große Chance, den georgischen Wein weltweit populär zu machen. Ich denke nicht, dass der industrielle Wein aus Georgien sich auf dem europäischen Markt durchsetzen wird, da er mit riesigen Weinproduzenten aus Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Australien, Chile und anderen Ländern konkurriert.
Ich bin stolz, die Winzer zu präsentieren und zu unterstützen, die gerade in der heutigen Zeit, in der wir massive Umweltprobleme haben, bereit sind ohne Pestizide, im Einklang mit Mutter Natur zu arbeiten. Auch wenn die Preise für diese Weine hoch sind, entsprechen sie meiner Meinung nach dem realen Aufwand, die ein gutes und sauberes Produkt heute wert zu sein hat.

Gibt es in Europa eine wachsende Nachfrage an Bioprodukten und hat es eine Zukunft?

Ich denke ja. Gerade in Deutschland gibt es ein wachsendes Bewusstsein für gesunde Ernährung. Noch sind nicht alle Menschen bereit, einen höheren Preis für Bio Lebensmittel zu bezahlen, aber es bewegt sich einiges.
Wir arbeiten zurzeit mit 23 Winzern aus Georgien zusammen und versuchen die Weinkultur in unseren Produkten breit darzustellen. Wir haben Weine aus fast allen Regionen Georgiens nach Deutschland importiert.
Mittlerweile beliefern wir Michelin Sterne Restaurants, Natural Wine Bars und einige andere edle Restaurants in Berlin. Besonders stolz sind wir, dass die georgischen Restaurants in Berlin zunehmend auch unsere Produkte in ihre Weinkarten aufgenommen haben.
In Zukunft wollen wir auch in ganz Deutschland in der Spitzen-Gastronomie vertreten sein.

Foto: Zoltán Kovács-Gokieli mit Rafael Zaitz-Gokieli

Wir haben auch einen Online Shop (www.naturwein-georgien.de bzw. www.chachaspirit.de), über den Privatkunden den Weg zu uns finden können, um online zu bestellen oder sich über die spannende Welt der Naturweine zu informieren.

Was würdest du georgischen Winzern empfehlen: soll die Naturweinproduktion wachsen?

Absolut! Ich beobachte mit großer Freude, dass die Naturweinherstellung in Georgien stetig wächst. Wir arbeiten sehr eng mit der „Natural wine association of Georgia“ zusammen. In den letzten Jahren sind die Mitglieder auf ca. 100 Winzer gewachsen. Das ist ein gutes Zeichen. Es zeigt, wie wichtig es den Georgiern ist, ihre Kultur zu pflegen und mit der Natur respektvoll umzugehen. Ich wünsche den Georgiern, dass immer mehr Menschen die Bedeutung ihrer Weinkultur im Einklang mit der Natur beleben. Wir tun unseren Teil dazu.