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Tuesday, September 10, 2013

KOMMENTAR: Salome Surabischwilis europäischer Anspruch. Von Frank Tremmel (einblickgeorgien.blogspot.de)

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(einblickgeorgien.blogspot.de) Am Vorabend eines neuen „Orientalischen Krieges“, mitten in den georgischen Badeferien, wird fast unbemerkt eine vermutlich folgenreiche Entscheidung getroffen. In dem einzigen postsowjetischen Land, in dem bislang eine Regierung durch demokratische Wahlen abgelöst wurde, lehnte die Zentrale Wahlkommission die Kandidatur der ehemaligen Außenministerin des Landes, Salome Surabischwili, für die anstehenden Präsidentschaftswahlen ab. Ihrem Widerspruch wurde in der ersten Instanz nicht nachgegeben. Unabhängig von den fadenscheinigen juristischen Begründung, die sich auf ihre doppelte Staatsbürgerschaft bezieht, handelt es sich dabei um einen Akt von enormer symbolischer Bedeutung. Wer ist Salome Surabischwili oder genauer, wofür steht sie?

Salome Surabischwili, eine „Frau für zwei Länder“, stammt aus einer Familie, deren Schicksal eng mit dem europäischen Weg Georgiens verwoben ist. Ihr Großvater, Niko Nikoladze, gehörte zu den wichtigen, an westlichen aufklärerischen Traditionen orientierten Intellektuellen und Politikern des kleinen Kaukasuslandes. Ihre Familie fand nach dem Ende der ersten unabhängigen Demokratischen Republik Georgien 1921 zusammen mit der Exilregierung Aufnahme in Frankreich. Levili (Leuville-sur-Orge), diese kleine Gemeinde, 25 Kilometer von Paris entfernt, wurde zur neuen Heimstatt der Exilierten und zum Symbol des nationalen Widerstandes.

Frankreich bewies seine europäische Solidarität mit dem Freiheitskampf des georgischen Volkes und ging damit kein geringes Risiko ein. Wenn Salome Surabischwili nun gerade ihre französische Staatsbürgerschaft zum Verhängnis werden sollte, haftet diesem Vorgang nicht nur das Hautgout der Undankbarkeit bzw. des mangelnden Geschichtsbewusstseins an. Es wäre auch eine Entscheidung gegen Europa. Damit wird nicht nur Salome Surabischwilis Ehrerbietung gegenüber der Erde, in der Ihre Vorfahren neben hunderten von georgischen Emigranten bestattet wurden, bestraft – es wird auch signalisiert, dass eine der wenigen georgischen Politikerinnen, die immer wieder deutlich europäisch votierte, in Georgien keinen Platz findet.

Die Klage über Europa ist nicht neu und wird in allen europäischen Nationen immer wieder erhoben. Diejenigen Georgier, die sich in ihren Hoffnungen enttäuscht sehen, reihen sich ein in die Vielzahl derjenigen, die aus den unterschiedlichsten Gründen meinen, Europa böte keine Heimat. In dieser Klage sind sie europäischer als sie annehmen. Europa ist weniger Ankunft als andauernder Aufbruch. Es bietet keine kompakte Identität, die uns andauernde Ruhe verspricht. Europa „ist und bleibt“, wie es der französische Philosoph und Soziologe Edgar Morin einmal formulierte, „...eine tumultartige und chaotische Baustelle, wo nichts nach einem schon vorgefertigten Plan oder Programm abläuft.“ Seine Grenzen sind fließend und müssen immer wieder neu definiert werden.

Salome Surabischwili hat dies immer wieder versucht und ihre georgischen Landsleute ermutigt, sich an diesem Prozess aktiv zu beteiligen. Sie verbindet den Enthusiasmus der wirklichen Europäerin mit dem nicht nur in Georgien nicht immer beliebten notwendigen Realismus und Differenzierungsvermögen. Wenn man ihr vorwirft, sie sei dort „ein Pinguin in der Wüste“, dann charakterisiert man damit unbeabsichtigt jeden Europäer. Als Europäer sind wir immer „Sancho Panza“ und „Don Quichotte“ zugleich. Salome Surabischwili hat aber zudem das Zeug zu einer Dulcinea. Sie strahlt sowohl als Französin als auch Georgierin eine mediterrane Würde und Klarheit aus, die man vielleicht nur als Nordeuropäer zu goutieren versteht.

Europa trägt an seinen Grenzen viele Narben und so manche Wunde hat sich nie geschlossen. Georgien, ein exemplarisches Grenzland, ist heute mehr denn je die Probe aufs Exempel unseres Europäertums. Grenzen leben von unserem Unterscheidungsvermögen und vom Bewusstheit des Ganzen. Politik ist immer die Kunst der klugen Grenzziehung, nicht im Sinne einer Freund-/Feind-Unterscheidung, wie sie Carl Schmitt und in seiner Folge so mancher Geopolitiker verstand, aber auch nicht im Sinne einer senilen Toleranz der Inklusion. Europa ist kein Imperium und keine Religionsgemeinschaft, aber auch kein Markt, auf dem jede Ware gehandelt werden darf. Unsere aus dem Orient übernommene Religion lehrt uns nicht die falsche Harmonie, sondern vor allem den Glauben an die Macht des Logos, d.h., des Wortes.

Salome Surabischwili hat dies nach der Ablehnung ihrer Kandidatur sehr schön zum Ausdruck gebracht. Ein großer Teil ihrer Verdienste liegt in diesem Bereich der klaren Unterscheidungen. Sie verkörpert zur Zeit als einzige Politikerin die georgische Bereitschaft zum Gespräch und zur Selbstbehauptung. Dialog und Distinktion, Logos und Leidenschaft verknüpft sie gerade über die Fähigkeit zur Differenzierung zu einem politischen Ethos, das für Georgien überlebensnotwendig ist. Das gilt nicht nur nach Außen, vor allem gegenüber Russland, sondern auch im Inneren. Gerade wenn sie die problematische Worthülse „Cohabitation“ kritisiert und stattdessen das in der georgischen Sprache vorhandene Wort თანაარსებობა (tanaarseboba, d.h. Mitexistenz) vorschlägt, verdeutlicht sie sprachlich die Idee der Staatlichkeit. Das gilt nicht weniger für ihren Hinweis auf die Unterscheidung von Recht und Gerechtigkeit, der in der georgischen Alltagssprache nicht geläufig ist – ein Mangel, der die Kontinuität und Funktionsfähigkeit der Institutionen dauernd gefährdet. Insofern wäre ihre Kandidatur allein schon in diesem Sinne ein wohltuendes Vademecum.

Gerade in der augenblicklichen Situation, in der der Architekt der im Oktober 2012 an die Macht gelangten Regierungskoalition, Bidsina Iwanischwili, sich offenbar politisch zurückziehen will, die innenpolitischen Verhältnisse zunehmend chaotischer werden und zugleich im Vorderen Orient der syrische Bürgerkrieg in einen neuen Orientalischen Krieg einmünden könnte, droht der einzigen klar akzentuierten europäischen Stimme, nicht gehört zu werden.

Es handelt sich zudem um eine Stimme, die durch ihre Arbeit in internationalen politischen Organisationen mit den Verhältnissen im Vorderen Orient sehr gut vertraut ist. In den Rankünen der georgischen Clanpolitik, in kleinlichen Ressentiments und opportunistischer Indifferenz verliert Georgien sein europäisches Gesicht.

Das Land ist nicht einmal imstande, sein Verhältnis zu den unmittelbaren Nachbarn zu bestimmen, auch ein Problemfeld, dem sich Salome Surabischwili immer wieder gewidmet hat. Die Indifferenz gegenüber den syrischen Ereignissen ist erschreckend. Während die letzten Jahre durch ein Politikmodell bestimmt waren, das Georgien mit Hilfe eines unrealistischen US-amerikanischen Unilateralismus und einer abstrakten Modernisierungsstrategie in eine westliche Trajektorie katapultieren sollte, wird heute – bislang nur durch sprachliche Ungenauigkeiten – Georgien in einen Orbit verschoben, in dem eine Vasallenexistenz vorausbestimmt ist.

In beiden Fällen unternimmt das Land keinerlei Anstrengungen, den Dialog auf selbstbestimmten Grundlagen zu führen, wie Salome Surabischwili es immer wieder fordert. Wer ohne Not – wie zuletzt in Vilnius – „eurasische“ Ambitionen in Erwägung zieht, stößt das Tor nach Europa zu. Ein differenzierter Dialog ist nur auf der Basis klarer Entscheidungen möglich. Salome Surabischwili hat diesen sehr konkreten Charakter jeder Politik deutlich zum Ausdruck gebracht. Die georgische intellektuelle Elite denkt allerdings nicht politisch. Sie gefällt sich in der vermeintlichen Machtferne, hegt diffuse Hoffnungen und unterwirft sich zugleich mit falschem Pathos den schlimmsten Partikularinteressen. Aus diesem Grund kann sie kein kohärentes politisches Projekt, keine Idee der Staatlichkeit formulieren.

Die „Mitexistenz“, von der Salome Surabischwili spricht, ist der sprachliche Schlüssel zur Schaffung einer solchen Idee. In diesem Wort sind auf differenzierte Weise zwei Komponenten der modernen politischen Existenzform, d.h. der Demokratie, verbunden, die auch im westlichen Liberalismus oftmals nicht genügend berücksichtigt werden, die Liebe und das Recht.

Nur wenn beide in ihren spezifischen Eigenschaften begriffen werden, können sie zusammengeführt werden. Die ehemalige Außenministerin Georgiens besitzt die nötigen Fähigkeiten, um im Amt des Präsidenten die Leidenschaften ihrer Landsleute im Sinne dieses Logos zu kultivieren.

Sie hat sich an verschiedenen Stellen, vor allen Dingen im Zusammenhang mit Regierungsverbrechen aus der Zeit der vor dem Oktober 2012, für konkrete Prozesse der Rechtsstaatlichkeit eingesetzt und dabei den Gedanken der Versöhnung nie beiseite geschoben.

Ob die Georgier diesen Schlüssel benutzten werden, um das Tor zu öffnen, wird allerdings nicht allein von ihr abhängen. Das Schweigen der intellektuellen und politische Elite Georgiens zu der bislang verweigerten Kandidatur ist kein gutes Zeichen.

Neben der immer zu veranschlagenden Indifferenz und dem verschlagenen Opportunismus sind es vor allem die allgemeinen Floskeln und bagatellisierenden Phrasen, die Salome Surabischwili in anderen Zusammenhängen mehr als einmal beklagt hat, die jedes konkrete Engagement für die Demokratie in Georgien unterminieren.

Es bleibt abzuwarten, ob in dieser Sache noch ein klärendes politisches Wort gesprochen wird oder ob man sich auf formaljuristische Prozeduren herausredet, wie immer diese auch ausgehen mögen. Auch hier ist das Schweigen vor der nächsten juristischen Instanz ein schwerer Schaden für die Würde der georgische Staatlichkeit. Das muss jedem klar sein.

Tuesday, May 22, 2012

GEORGIEN: Auf der Suche nach dem Ideal, das es nicht gibt … (einblickgeorgien.blogspot.de)

Eine Kultursoziologie aus der Erfahrung der „verspäteten Generation“


Für die junge Generation der georgischen Soziologen


Der folgende Essay entstand anlässlich des Vortrags „Die beiden Die zwei Körper des Nationalismus: Kirche und Palast im Formierungsprozess der politischen Elite in Georgien“, den der georgische Soziologe Emzar Jgerenai auf der Tagung „Politische Kultur und Kultur der politischen Eliten im östlichen Europa“, München, 10. – 13. November gehalten hat. Er versteht sich nicht als Replik, sondern als alternative Variation auf das dem Vortrag zugrundeliegende Motiv der Generationenerfahrung. Der Autor betrachtet die Soziologie nicht als gleichsam extramundane Wissenschaft, sondern als Ausdruck historisch-sozialer Intentionen, als wissenschaftliche Sondierung im Feld der projektiven Möglichkeiten. Das Chaos der Emirie wird durch existentielle Grunderfahrungen und die in ihr präsenten Willensakte thematisch geordnet. Insofern entstehen verschiedene - wenngleich nicht beliebig viele - Formen der soziologischen Erkenntnis. Die historische Konstellations-Soziologie ist keine Magd des modernen Zivilisationsprozesses, sondern das Organon der produktiven Antworten auf dieses Geschehen. Sie versteht sich als Instrument personaler schöpferischer Aktivität und insofern auch als Beitrag zur Beendigung des großen ideologischen Bürgerkriegs, der die Moderne entzweit.


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Thursday, February 24, 2011

ESSAY: Arbeit und Enthusiasmus. Der Kaukasus in der Geschichte des menschlichen Denkens. Non Dr. Frank Tremmel (einblickgeorgien.blogspot.com)

Quelle: einblickgeorgien.blogspot.com

„Alles, was wir mit Wärme und Enthusiasmus ergreifen, ist eine Art der Liebe.“

Wilhelm von Humboldt

Am 23. September 2010 hielt der georgische Staatspräsident Micheil Saakaschwili vor der 65. UN Vollversammlung in New York eine bemerkenswerte Rede. Darin skizzierte er den Scheideweg, an dem sich die Kaukasusregion befindet. In nuce handelt es sich um eine Beschreibung des Standorts Georgiens in der Geschichte des menschlichen Denkens. Für Micheil Saakaschwili ist die gegenwärtige historische Situation Georgiens durch eine „Revolution der Herzen und der Denkweisen“ charakterisiert. Bevor diese Einschätzung näher interpretiert werden kann, muss an dieser Stelle zunächst eine grundsätzliche Frage beantwortet werden: Was ist eine Geschichte des Denkens bzw. was hätte sie zu leisten? Der französische Ökonom Jean Fourastié gab darauf Mitte der 1960er Jahre folgende Antwort:

„Sie wäre einfach eine Registrierung der von größeren und kleineren und mehr oder weniger dynamischen Menschengruppen anerkannten und als wahr empfundenen Vorstellungen. Zunächst wäre der Zusammenhang zwischen den einzelnen Ideen festzustellen; danach der Zusammenhang zwischen den Ideen und den konkreten Situationen jener Menschen, von denen sie akzeptiert wurden, zum Schluss, und das wäre vielleicht das Wichtigste, die Auswirkung dieser Ideen auf das Alltagsgeschehen der Menschen und ihre Evolution“ (Fourastié 1966, 277).

Es sind wenige, oftmals unbewusste Vorstellungen, nach denen die Menschen ihr Handeln ausrichten. „Ideen werden oft empfunden, erfühlt und von vielen in einem diffusen, noch ungeformten Zustand vorweggenommen“ und sie „ entstehen […] in dieser noch unbestimmten Form keineswegs in der Wissenschaft, sondern zunächst in einzelnen Stimmungen, Neigungen, im Geschmack, in der Mode“ (Megrelidze 1973, 326). Durch diese eigentümlichen sozialen Legierungen aus Herz und Verstand lassen sich die Persönlichkeiten und Zivilisationen historisch differenziert erschließen.

„In einer solchen Geschichte“, so Fourastié, „wird die Zeit zwischen 1830 und 1985 (vielleicht auch zwischen 1750 und 1985) im Abendland als ökonomische Phase erscheinen“ (ebd. 278). Es handelt sich um eine Epoche, in der der Mensch, gerade dadurch, dass er seine Gedankenwelt auf den ökonomischen und technischen Fortschritt richtet, die nichtökonomischen Werte entdeckt. Es handelt sich vor allem um eine gewaltige mentale Revolution, in der sich die Menschheit über das Medium der Arbeit den vegetativen Bedürfnissen des Menschen zuwendet. Darin liegt der tiefere Sinn des Kapitalismus: „Er setzt zum ersten Mal die Produzenten an die Spitze der Gesellschaft“ (Jouvenel 1971, 71). In den antiken und orientalischen Hochkulturen, selbst noch im europäischen Feudalismus, galt die Idee der Arbeit als etwas Minderwertiges. In der Epoche der Ökonomie verschwindet dagegen der überlieferte Unterschied zwischen arbeitenden und nichtarbeitenden Menschen. Das Telos dieser Entwicklung manifestiert sich stattdessen schließlich im „Gegensatz zwischen Arbeitszeit und Nicht-Arbeitszeit“ (ebd. 72). Die Gesamtaktivität der Menschheit läuft offenbar darauf hinaus, den Widerspruch von Arbeit und Kultur zur Explosion zu bringen.

Es gehört zu den Paradoxien in der Weltgeschichte der Denkweisen, dass gerade in den sogenannten sozialistischen Gesellschaften des Ostens, die sich als Diktaturen der Arbeiterklasse verstanden, der Wert der Arbeit seine extremste Devastation erlebte. Wenn Fourastié das ökonomische Zeitalter für die westeuropäische Welt 1985 zu einem relativen Ende kommen sieht, so wird in Russland die Ökonomie als Zivilisationsaufgabe zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal ins Bewusstsein der Gesellschaft gerückt. Zwar gab es intellektuelle Debatten, die bereits vorher in diese Richtung wiesen, so nach der ersten Revolution von 1905 (Vechi 1909), nach dem Ende des Bürgerkriegs 1922 (Nikolai I. Bucharin, Nikolai D. Kondratjew, Isaak I. Rubin u.a.) und in der Tauwetterperiode ab 1956 (Evsej Liberman), aber die eigentümliche Dialektik von Gewalt und Arbeit, die die russische Geschichte kennzeichnet, wurde nicht durchbrochen. In Georgien dagegen hatten sich die Sozialdemokraten (Messame Dassi) unter Noe Schordania (1868-1953) bereits sehr früh gegen die ultralinke und asiatisch-despotische Außerkraftsetzung des „Wertgesetzes“ gewandt und waren davon ausgegangen, dass „wirtschaftlicher Fortschritt als wichtigste Bedingung für die Entwicklung der Gesellschaft“ (Guruli 1997, 45) zu betrachten wäre. Diese westeuropäische Grundorientierung kennzeichnet das kleine Land zwischen Asien, dem Vorderen Orient und Osteuropa bis heute. So wie bereits die georgischen Sozialdemokraten ein Modell für „ganz Osteuropa und den Orient“ (Kautsky 1920) schufen, so könnte eine mentale Revolution in Georgien tatsächlich von weitreichender Bedeutung sein.

In gewisser Hinsicht darf bezweifelt werden, ob mit der Perestroika eine Transformation der sozio-ökonomischen und kulturellen Praxis Russlands gelang. Die außerökonomische Gewalt, welche die redistributiven Ökonomien der asiatischen Imperien (Immanuel Wallerstein) seit jeher beherrschte, setzt sich offenbar immer wieder durch: Geopolitische Landnahme anstelle einer modernen Leistungsgesellschaft. Trotzdem zeichnete sich ab 1985 eine Trajektorie des Denkens ab, die nicht mehr zu unterbrechen ist und die sich in der georgischen Bewusstseinsrevolution fortsetzt. Dem georgischen Präsidenten ist daher beizupflichten, wenn er davon ausgeht, dass das georgische Laboratorium der politischen, ökonomischen und sozialen Reformen für die gesamte Kaukasusregion und darüber hinaus von entscheidender Bedeutung ist. Unter den Bedingungen einer „nachholenden Revolution“ (Habermas 1990) im exsowjetischen Raum wird die Ökonomie im Verbund mit Rechtsstaatlichkeit und Meritokratie zur zentralen Aufgabe. Die Zuwendung zu den elementaren Lebensbedürfnissen ist unter den Bedingungen einer Region, die wie keine zweite durch die ost-westlichen Weltgegensätzlichkeiten geprägt wurde, an sich schon eine kaum zu unterschätzende Neuerung. Effiziente Arbeit, Warenproduktion und moderne Verkehrsformen sind jedoch kein Selbstzweck, sondern Vehikel einer Transformation des Denkens. In der Ökonomie ist eine Logik des Zivilisationsprozesses angelegt, die allerdings kulturpolitisch zu entfalten wäre. Politik wird im 21. Jahrhundert vor allem eine Politik des Kulturellen, d.h. „eine Politik der Mentalitäten“ (Lepenies 1997, 38f.) sein.

Die Formierung der Völker und Nationen des Kaukasus als Region im Kontext einer solchen globalen Rationalität ist in der Tat eine anspruchsvolle kulturelle Aufgabe. Wie müssen nun die Bedingungen beschaffen sein, unter denen die Ökonomie tatsächlich eine zivilisatorische Aufgabe erfüllen kann? Wenn Präsident Saakaschwili in seiner Rede zu Recht darauf hinwies, dass Modernisierung ohne Freiheit keine nachhaltige Diversifikation und Entwicklung der Ökonomie ermöglicht, so wird damit eine Antwort zumindest angedeutet. Die konkreten Relationen von Kultur und Freiheit bleiben aber unbestimmt. Es stellt sich die Frage, ob Kultur überhaupt in konditionalen Bestimmungen aufgeht oder ob sie nicht vielmehr neben ihren funktionalen Aspekten ein spontanes Moment beinhaltet, das im zweckfreien Selbstausdruck der Individuen und Völker gipfelt. Kulturelle Phänomene sind nicht auf ihre technische und ökonomische Dimension reduzierbar. Sie sind zunächst Symbole, „einmalige, auf kein allgemeines Entwicklungsziel hinsteuernde, untereinander unvergleichliche und ausschließliche Ausdrucksgebilde von etwas Seelischem, der `Seele´ der jeweiligen Geschichtskörper, die sie in die Welt hineinsetzt.“ (Alfred Weber 1951, 90) Dieses Thema wurde in der deutschen Kultur- und Geschichtssoziologie intensiv diskutiert. Dabei ging es nicht lediglich um die „Wirtschaftsethik der Weltreligionen“ (Max Weber 1920, 1988), sondern um das „Kulturproblem im Zeitalter des Kapitalismus“ (Alfred Weber 1911/12, 2000). Sofern die Kultur als Voraussetzung des Zivilisationsprozesses betrachtet wird, ist es andererseits durchaus legitim, sie auf ihre Funktionalität hin zu überprüfen. Unter diesem Gesichtspunkt ist sie in der Pluralität ihrer konkreten Erscheinungsformen vor allem Tradition, deren Kompatibilität mit dem universalen Modernisierungsprozess zur Diskussion steht. Diese poietische (auf das Herstellen ausgerichtete) Sichtweise auf die Kultur zeichnet die Rede Micheil Saakaschwilis aus. In der Ansprache wird der Kultur zwar neben Bildung, Zivilgesellschaft und Energiewirtschaft eine zentrale Rolle für die regionale Formierung des Kaukasus eingeräumt – die Kultur taucht im Wesentlichen allerdings nur als historisches bzw. ethnologisches Phänomen auf. Micheil Saakaschwili ist vor allem liberaler Zivilisationsdenker. Das Mittel zur regionalen Integration ist die Ökonomie, zu deren Derivaten eben auch die Kultur gehört. Wirtschaft und Technik sind vermeintlich neutrale Medien, die weniger ethische und kommunikative Probleme aufzuwerfen scheinen. Das ist durchaus eine traditionsreiche Position, aber ist es ein ausreichendes Selbstverständnis in der globalen Ära?

Die „Rosenrevolution“ (2003) war, darin allen politischen Revolutionen verwandt, zunächst Teil der universellen Elitenzirkulation. Nachdem die alte Nomenklaturintelligentsia um den „weißen Fuchs“ auf dem „Friedhof der Aristokratien“ landete, hat die „Reserve-Elite“ (Vilfredo Pareto) die überfällige liberale Transformation eingeleitet und die georgischen Eitelkeiten vor den Richtstuhl der globalen Rationalität geschleppt. Die einmaligen Symbole wurden nun vergleichbar gemacht. Was bislang niemand vermochte, der jungen Garde um den neuen Präsidenten gelang es: Georgien unterwarf sich der internationalen Logik der ökonomischen Vernunft und bewegt sich seither in Richtung auf eine moderne Leistungsgesellschaft. Aber hat diese Revolution des Denkens tatsächlich auch die Herzen ergriffen wie es Micheil Saakaschwili in seiner Rede nahelegte? Der neue Liberalismus gehört zu den „Kältelehren des Verhaltens“ (Helmut Lethen 194). Er hält das menschliche Innenleben auf Distanz und ermöglicht so Leistungsfähigkeit. Diese „Geburt der Freiheit aus der Entfremdung“ (Arnold Gehlen 1983, 366ff.) könnte sich allerdings als Abortus der Bewusstseinsgeschichte erweisen, wenn es der Hebamme nicht gelingt, das Herz des Kindes zum Schlagen zu bringen. Was von den Massen als Wohlstandsmodell Unterstützung oder doch zumindest Duldung erfuhr, droht sich im „Pathos der Distanz“ (Nietzsche) zu erschöpfen. Kultur ist eben nicht lediglich Meritokratie, nicht nur zivilisatorische Differenzierung der individuellen Leistungsvermögen. Diese rationale oder instrumentelle Funktion gehört zur technologischen Peripherie der Kultur. Die imaginativen und kreativen Phänomene, die sich in den Symbolen ausdrücken, bleiben das Zentrum der Kultur, ihr Herz. „In dieser Hinsicht ist die Kultur eine kreative Reaktion auf Bedürfnisse, Emotionen und andere Probleme des Menschen, eine Reaktion, die diese anfängliche Motivation (mindestens teilweise) überwindet, um zu einer eigenwilligen Aktion, zu einer kreativen Tat zu werden, wobei sie einen Selbstwert erwirbt und den Menschen Selbsterfüllung stiftet, und zwar sowohl dem Schöpfer wie auch dem Rezipienten.“ (Bystřina 1992,260) Kultur ist in ihren konkreten historischen Ausprägungen immer ein Integral aus Schöpfung und Objektivation, aus Charisma und Rationalität. Sie ist Gnade und Leistung zugleich.

Die tiefste Quelle der Kultur ist der Enthusiasmus, diese „Übertragung des Göttlichen“ auf den Menschen. Der Liberalismus begann seinen Siegeszug als enthusiastische Sozialreligion, als expressiver Individualismus. Als dem Charismatiker dieser Bewegung, d.h. dem Citoyen, der Atem ausging, manifestierte er sich in der „Prosa der Welt“ als Wirtschaftsbürger, d.h. als Bourgeois. „Das Wort Enthusiasmus ist so alt wie die Menschheit“ (Fourastié 1964, 54), wohingegen „das Wort Arbeit erst vor einigen hundert Jahren entstanden ist“ (ebd. 53). Unter den georgischen Bedingungen wird der sich daran anschließende Gegensatz von Kultur und Zivilisation durch die bewusstseinsgeschichtliche Lage zwischen Ost und West noch verschärft. Die Sorge, in eine zwielichtige Zwischenzone der Denkgeschichte zu geraten, veranlasst die westlich orientierten Reformer zu immer heftigeren Angriffen auf das Erbe des Ostens. So mögen zwar sexualpolitische Kampagnen, wie sie gegen die Orthodoxie stattfanden, die hässliche Fratze des religiösen Obskurantismus zum Vorschein bringen, aber werden sie imstande sein, eigene Quellen der kulturellen Produktivität aufzuschließen? Gerade unter den Bedingungen einer semiperipheren, kolonialisierten Region ist der Enthusiasmus, neben den thymotischen Bedürfnissen, die stärkste Energie, um einer „Reflex-Modernisierung“ (Darcy Ribeiro 1983, 281f.) zu entgehen. Es bleibt dabei zu bedenken, dass die Kultur ein eigentümliches Geschöpf ist, das sich jedem allzu aufdringlichem Blick oder Zugriff entzieht. Jeder Versuch, sie zu instrumentalisieren, ist bislang gescheitert. Ihr Inhalt erschöpft sich weder in Religion noch in ökonomischer oder technologischer Rationalität. Wenn wir wissen wollen wie sie entsteht müssen wir die Künstler befragen, die uns auf das Numinose des schöpferischen Aktes verweisen werden.

Die „Revolution der Herzen und der Denkweisen“ kann keinen Erfolg haben, wenn sie die eigensinnige „Logik“ der Kultur nicht berücksichtigt. Diese“ Logik“ basiert auf dem Enthusiasmus, der auch der Arbeit neuen schöpferischen Sinn gibt. Georgiens Eingliederung in die Weltwirtschaft bedarf einer Kulturpolitik, die nicht lediglich adaptive, zivilisatorische Mechanismen installiert. Über der Förderung von Arbeitsdisziplin, Zeitökonomie und Selbstbeherrschung darf das Herz der Kultur nicht vergessen werden. „Mit anderen Worten: man kann nicht für einen Teil der menschlichen Tätigkeiten Enthusiasmus aufbringen, sondern nur für eine Synthese.“ (Fourastié 1964, 55). Die georgische Intelligenz hat bislang kaum Anstrengungen unternommen, eine solche Integration mental vorzubereiten. Die alte Intelligenzija flieht in die Tradition, die neuen Intellektuellen träumen vom Weltmarkt. Sie fallen damit weit hinter die Ansprüche und Leistungen eines Dimitri Uznadze, eines Konstantin Megrelidze oder eines Geronti Kikodse zurück. Das Fehlen einer modernen Kulturpolitik birgt zudem unabsehbare Gefahren auch für die wirtschaftliche Entwicklung Georgiens. Bislang basiert der ökonomische Erfolg der Reformen auf einer nicht unerheblichen Kreditaufnahme und den hohen Auslandsinvestitionen, für die ein attraktives Klima geschaffen wurde. Damit Georgien in der Geschichte des Denkens aber nicht in der ökonomischen Epoche verharrt, bedarf es eines „Cultural Freedom (Liberty) Act“ , um die Produktivkraft der menschlichen Identitätsbildung zu befördern. Kulturpolitik in diesem Sinne wäre nicht Resortpolitik, sondern Gesellschaftspolitik, die auch Korrekturen an offenkundigen Fehlentwicklungen der ökonomischen Entwicklung vorzunehmen hätte. Wenn sich der „Berg der Völker“ als Region im Sinne des berühmten Artikels 52 der Charta der Vereinten Nationen formieren soll, muss die regionale Kulturpolitik nicht nur den „Erfordernissen der globalen Rationalität“ genügen, sondern „ihre Wurzeln in die Tiefenschichten von Menschheit und Erde“ (Sombart 1965, 65) eintauchen. Es bleibt abzuwarten, ob die georgische Politik so viel Enthusiasmus aufzubieten vermag, um Georgien den anstehenden nächsten Schritt in der Geschichte des Denkens tun zu lassen. Nur so wäre auch die „Auswirkung dieser Ideen auf das Alltagsgeschehen“ gewährleistet, die – so Fourastié – ein entscheidender Faktor in der Evolution des Denkens ist.

Literatur:
Bell, Daniel: The Winding Passage. Sociological Essays and Journeys [1980], Transaction Publishers, New Brunswick (U.S.A.) and London (U.K.) 1991.
Bystřina, Ivan: Synthetische Theorie der Kulturevolution, in: Landsch, Marlene/Karnowski, Heiko/ Bystřina, Ivan (Hrsg.): Kulturevolution. Fallstudien und Synthesen, Peter Lang, Frankfurt am Main/Berlin/Bern/New York/Paris/Wien 1992.
Fourastié, Jean: Die große Metamorphose des 20. Jahrhunderts, Econ-Verlag, Düsseldorf und Wien 1964.
Fourastié, Jean: Die 40.000 Stunden. Aufgaben und Chancen der menschlichen Evolution, Econ-Verlag, Düsseldorf und Wien 1966.
Gehlen, Arnold: Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung, in: Ebd.: Philosophische Anthropologie und Handlungslehre, Arnold Gehlen Gesamtausgabe, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1983.
Guruli, Wachtang: Die westeuropäische Orientierung der georgischen Sozialdemokratie (1892-1904), in: GEORGICA. Zeitschrift für Kultur, Sprache und Geschichte Georgiens und Kaukasiens, Heft 20, Jahrgang 1997,Universitätsverlag Konstanz, Konstanz 1997.
Habermas, Jürgen: Die nachholende Revolution. Kleine politische Schriften VII, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990.
Harrison, Lawrence E./Huntington, Samuel P. (Hrsg.): Streit um Werte. Wie Kulturen den Fortschritt prägen, Europa Verlag, Hamburg 2002.
Jouvenel, Bertrand de: Jenseits der Leistungsgesellschaft. Elemente sozialer Planung und Vorausschau, Rombach, Freiburg 1968.
Kautsky, Karl: Aufgaben und Aussichten des Sozialismus in Georgien, Artikel 18.10.192o Tbilissi, Manuskript im Nachlass Kautsky, A 90.
Lepenies, Wolf: Benimm und Erkenntnis, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997.
Lethen, Helmut: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994
Megrelidze, Konstantin: Grundprobleme der Soziologie des Denkens [Основные проблемы социологии мышления ,1935], Mezniereba, Tbilissi 1973.
Ribeiro, Darcy: Der zivilisatorische Prozess [Anhang: Heinz Rudolf Sonntag: Gespräch mit Darcy Ribeiro], Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983.
Sombart, Nicolaus: Krise und Planung. Studien zur Entwicklungsgeschichte des menschlichen Selbstver-ständnisses in der globalen Ära, Europa Verlag, Wien/Frankfurt/Zürich 1965.
Weber, Alfred: Prinzipien der Kultursoziologie, Piper, München 1951.
Weber, Alfred: Kulturprobleme im Zeitalter des Kapitalismus [Vorlesung 1910/11], in: Ebd.: Schriften zur Kultur- und Geschichtssoziologie (1906-1958), Alfred Weber-Gesamtausgabe, Band 8, Metropolis Verlag, Marburg 2000.
Weber, Max: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie [1920], 3 Bände, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 91988.

Monday, January 03, 2011

MAGAZIN: Zeitschrift einBLICK Georgien - Hrsg. v. Dr. Frank Tremmel, Marika Lapauri-Burk (einblickgeorgien.blogspot.com)

Wir sind von der Notwendigkeit einer intensivierten Übersetzungstätigkeit, die es der deutschsprachigen Gesellschaft ermöglicht, an primäre Quellen zu gelangen, überzeugt.
Auf das Projekt legen wir im Sinne unseres Satzungsziels, der Völkerverständigung, großen Wert. Wir möchten unsere Themen in einen modernen Kontext stellen und mit dieser spannenden und anregenden Gedankenwelt am gesellschaftlichen Leben aktiv teilnehmen.
Wir gehen davon aus, dass nach der langen Zeit des `Eisernen Vorhangs´ und der komplizierten Phase danach, der wissenschaftliche Austausch zwischen Deutschland bzw. Westeuropa und den jeweiligen Ländern, hier konkret Georgien, schwierig war. Mit dem Zeitschrift einBLICK Georgien möchten wir ein Format schaffen, durch das wissenschaftlich-publizistische Artikel für ein interessiertes Publikum zugänglich gemacht werden.


Verlag ARSI
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RÜCKBLICK: Jahresbericht 2010 - Deutsch-Kaukasische Gesellschaft e.V. - Lile e.V. (lile.de)

* Tourneen in Europa mit dem Antchis - Chati - Chor.
* 13.08.2010 Aufräumarbeiten in Kissiskhevi. Zusammen mit dem Partnerverein "Our Village" in Kissiskhevi
* 13.09.2010 Lieder aus Georgien. Mit Nana Mjavanadze, Imke McMurtrie und Mme. Bray. In Zusammenarbeit mit GEOVINO Hamburg
* Projekt Sioni Kirche in Ateni: Sicherungskonzepte. Arbeitstreffen und Vortrag mit Prof. R. Barthel (TU München)
* Projekt "ZUSCHAUER RÄUME" von Giwi Margwelaschwili
* Zeitschrift Einblick-Georgien Dezember/Januer 2010 IV


Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Freunde von Lile,

Im Jahr 2010 haben wir folgende Veranstaltungen / Aktionen durchgeführt:

* Deutschland / Österreich Tournee des Antchis - Chati - Chores im Mai 2010

Seit unser Gründung 1999 organisieren wir mit dem Antchis - Chati - Chor Tourneen in Europa. Bis jetzt ist es uns jedes Jahr gelungen, wichtige Partner für unsere Musikprojekte zu gewinnen. Durch diese Tourneen sind weitere Projekte entstanden, wie die Produktion einer Doppel CD (2003 zusammen mit RAUMKLANG), die bis heute als beste Dokumentation über georgische Musik auf dem Markt ist, oder die Vortrags- und Konzerttournee in Kooperation mit 8 deutschen Universitäten. Wir können stolz darauf sein, einen beachtlichen Beitrag geleistet zu haben, um die georgische Polyphonie in Europa bekannt zu machen.

Diesmal hatten wir wieder ein renommiertes Festival als Partner, das Leipziger "A Cappella Festival". Das Konzert wurde vom DLF live mitgeschnitten und im Juli gesendet. Außerdem gab es eine sehr gute Presse. Eines der Highlights war das Benefizkonzert zu Gunsten der Flüchtlinge des Krieges 2008 im Ernst Barlach Haus in Hamburg. Die Kosten für das Konzert hat die Familie Reemtsma als Förderer des Ernst Barlach Hauses übernommen. Hierfür unser herzlicher Dank. Als Ergebnis haben wir dann am 13.Juli ein Konzert im Flüchtlingsdorf in Georgien unter freiem Himmel gegeben. Die neue Botschafterin von Georgien in der Bundesrepublik, Frau Gabriela von Habsburg, hat die Veranstaltung besucht. Die Moderation übernahm Marika Lapauri-Burk.

Obwohl wir durch diese Arbeit viele wertvolle Kontakte knüpfen konnten, überfordert sie uns langfristig doch. Deshalb möchten wir unser eigenes Engagement in diesem Bereich zurückfahren. Wir konnten aber unsere Kontakte an eine Agentur weitergeben, die sicher stellt, dass die begonnene Arbeit weitergeführt wird.

* 13.08.2010 Aufräumarbeiten in Kissiskhevi

Das Projekt zur Sanierung der Kirche in Kissiskhevi konnten wir zusammen mit der auf Denkmalschutzprojekte spezialisierten Firma "Die Bauhütte" durchführen. Diese hatte das Sanierungskonzept ausgearbeitet, Materialforschungen durchgeführt und Begleitung des Projektes vor Ort übernommen.

Das Projekt lief leider trotz sehr guter Voraussetzungen schleppend. Ursache war auch das mangelnde Verständnis für solch komplexe Planungsvorgänge auf Seiten unseres georgischen Partners. Das Projekt sollte schon 2009 beenden sein. Im diesem Sommer haben wir dann eine sehr unordentlich verlassene Baustelle mit viel Baumüll vorgefunden, die wir mit den Mitgliedern des Vereins "Our Village" und anderen Dorfbewohnern aufgeräumt haben. Positiv zu verzeichnen ist lediglich, dass trotz des langsamen und problematischen Ablaufs an der Kirche keine weiteren Schäden entstanden. Wir hoffen deshalb trotzdem auf einen guten Abschluss.

Bis jetzt ging es um die Instandsetzung des Gebäudes. Unser Ziel ist, auch die Innenarbeiten zu Ende zu führen und den Hof neu zu gestalten. Wir werden versuchen, hierzu in 2011 einen Antrag bei der georgischen Denkmalschutzbehörde zu stellen. An einer entsprechenden Dokumentation arbeiten wir z. Zt. zusammen mit der Firma "Die Bauhütte".

Anlässlich dieses Projektes zur Sanierung der Kirche in Kissiskhevi konnten wir helfen, den Verein "Our Village" in Kissiskhevi zu gründen.

* 13.09.2010 Lieder aus Georgien. Mit Nana Mjavanadze, Imke McMurtrie und Mme. Bray. In Zusammenarbeit mit GEOVINO Hamburg

Zu Frau Imke McMurtrie halten wir schon seit langem guten Kontakt. Sie ist eine große Unterstützerin bei der Popularisierung der georgischen Musik.

Der Abend bei Geovino, dem neuen, auf georgische Weine spezialisierten Laden in Hamburg (www,geovino,de), war gut besucht und ist sehr gut gelaufen.

Wir freuen uns, auch in Zukunft mit Geovino einige georgische Abende oder Veranstaltungen zusammen zu gestalten und empfinden diesen Ort als eine wertvolle Bereicherung des georgischen Lebens in Hamburg.

* Projekt Sioni Kirche in Ateni: Sicherungskonzepte. Arbeitstreffen und Vortrag mit Prof. R. Barthel (TU München) in Tbilissi.

Das Projekt an der Sioni Kirche in Ateni weitete sich in den letzten Jahren immer mehr aus und wurde leider auch immer komplexer.

Ging es zunächst nur darum, die großzügige Spende eines deutschen Unternehmers zur Sanierung der Fresken in die richtigen Bahnen zu leiten, so stellte sich bald heraus, dass zuvor erhebliche Sicherungsmaßnahmen am Kirchengebäude selbst erforderlich sind. Wir konnten als Fachleute hierzu die Professoren Emmerling und Dr. Barthel von der TU München gewinnen, die uns mit sehr viel Engagement Lösungswege sowohl in statischer als auch restauratorischer Hinsicht geben konnten.


Natürlich kann ein solches Projekt nur in enger Zusammenarbeit mit dem georgischen Denkmalamt und dem Patriarchat durchgeführt werden. Nachdem uns im Jahr 2008 der Krieg bremste, waren in den vergangenen beiden Jahren viele Gespräche notwendig, um alle Beteiligten auf das technisch und künstlerisch Notwendige einzustimmen.

Hierzu fand in diesem Sommer ein Vortrag von Dr. Rainer Barthel in Tbilissi statt, der das erste Mal in einem größeren Rahmen die wichtigsten Aspekte zur Sicherung der Kirche darstellte. Diese Veranstaltung war sehr gut besucht und stimmt uns für die Zukunft zuversichtlich. Dennoch erfordert dieses Projekt weit mehr Aufwand, als wir ursprünglich erwartet hatten.

Interessenten senden wir gerne weitere Informationen zu.

* Projekt "ZUSCHAUER RÄUME" von Giwi Margwelaschwili

Das Projekt ist für uns deshalb so wichtig weil es die einzigartige Philosophie von Giwi Margwelaschwili dokumentiert und künstlerisch darstellt. Ausgangspunkt ist das bei der Veranstaltung auf der Fleet - Insel von Niko Tarielaschwili und Marika Lapauri-Burk aufgenommene Filmmaterial.

Darauf aufbauend wurde das oben stehende Theaterstück von Giwi Margwelaschwili ausgearbeitet (Redaktion Dr. Frank Tremmel, Marika Lapauri-Burk).

Zurzeit ist die Post-Produktion in Arbeit.

Mitarbeiter dabei sind auch Gia Lapauri-Burk und Dato Malazonia (Musik). Z. Zt. führen wir noch Gespräche, wo wir das Projekt platzieren können, um für die Post-Produktion finanzielle Unterstützung zu bekommen.

Das Projekt hat die Kulturbehörde mit 3.000,00 € bezuschusst, 500,00 € waren eine Spende des Schweizer georgischen Vereins, 1000,00 € eine private Spende. Ein vergleichbares Projekt würde normalerweise mindestens 25.000 Euro kosten. Schon jetzt vielen Dank allen, die uns hier unterstützt haben.

* Zeitschrift Einblick-Georgien Dezember/Januar 2010 IV

Mit dem Heft setzten wir unsere Verlagsarbeit fort. (Dr. Frank Tremmel, Marika Lapauri-Burk) Dieses Projekt betrachten wir als eine der wichtigsten Vereinsarbeiten. Wir haben das graphische Layout mit Hilfe von Niko Tarielaschwilis weiter verbessert. Das Konzept der Zeitschrift ist unverändert: Wir versuchen, exklusive Texte abzudrucken, die über die aktuellen Geschehnisse hinaus informieren. Dies ist das einzige Magazin mit diesem Niveau in einer europäischen Sprache. Trotz vieler Arbeit, die wir ohne jegliche Finanzierung geleistet haben, war es nicht möglich den Ausgaberhythmus beizubehalten. Die redaktionelle Arbeit und der Druck wurde zwar dieses Jahr abgeschlossen, aber das Heft wird erst ab Januar erhältlich sein.

Hierzu bitten wir um Unterstützung, was die Verbreitung des Heftes angeht. Wir können nicht nachvollziehen, warum die georgische Seite uns hierbei nicht unterstützt. Das Heft ist bis jetzt in der EU konkurrenzlos.

Am aufwendigsten ist die Übersetzungsarbeit. an dieser Stelle danken wir noch einmal Nana Tschelidze –Jacques und Tengiz Khatschapuridze, die uns 2 anspruchsvolle Texte ohne Honorar übersetzt haben. Unser Dank geht auch an Niko Tarielaschwili, der uns erneut mit seiner Graphik und Recherchearbeit so herzlich geholfen hat, als ob es ihm eine besondere Freude wäre, mehrere Stunden zu arbeiten und Probleme zu beseitigen.

Also, bei diesem Projekt ist allerhand zu tun und wir freuen uns über jede weitere Unterstützung.

Zum Schluss möchten wir noch einmal an die Zahlung der Mitgliedsbeiträge erinnern. Sie stellen die einzigen finanziellen Mittel dar, die wir ohne konkrete Zweckbindung für die Vereinsarbeit einsetzen können.

Anlässlich einer privaten Geburtstagsfeier (Marika Lapauri-Burk) kam eine Sammlung zustande, die 400,00 Euro für das Kirchenprojekt in Kissiskhevi erbrachte. Es wäre schön, wenn das eine Tradition von Lile-Freunde werden sollte.

Wir danken Ihnen für Ihr Interesse und wünschen Ihnen ein erfolgreiches und glückliches Jahr 2011.

Hamburg im Dezember 2010
Lile e.V.
Marika Lapauri - Burk & Andreas Blendinger