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Saturday, May 06, 2023

Interview mit Kaukasus-Reisen. Hans Heiner Buhr über seinen Traum vom grenzenlosen Reisen in dieser atemberaubenden Region.

Interview von Ralph Hälbig

Hans Heiner Buhr, ehemaliger Deutsch-Lehrer, jetzt Reiseunternehmer und Künstler in Georgien, gehört zu den Pionieren, die deutschsprachige Reisende mit kleinen Abenteuer-Reisen in diese Region gelockt haben. Anfangs begann er als Ein-Mann-Unternehmer zusammen mit lokalen Freunden und Familie in den späten Neunziger Jahren mit Kaukasus-Reisen ein feines, schmales Programm anzubieten. Sein Renner waren in dieser Zeit die Begleitung beim Viehabtrieb aus den hohen Bergen in Tuschetien hinunter in das Winterquartier der Schafherden. BjØrn Erik Sass schrieb darüber 2010 eine große Reportage in DIE ZEIT - Heute ist das Familienunternehmen mit knapp 10 Angestellten und freien Guides auf Reisen in Georgien und in die Nachbarländern im Kaukasus spezialisiert. Kaukasus-Reisen hat sein Programm wohlüberlegt erweitert und bietet maßgeschneiderte Touren und Rundreisen für Einzelpersonen, Paare und Gruppen an und legt dabei besonderen Wert auf Inhalte und Qualität statt Quantität.

Die Touren von Kaukasus-Reisen führen durch malerische Landschaften und bieten den Reisenden die Möglichkeit, die Kultur und Geschichte Georgiens, Armeniens und Aserbaidschans kennenzulernen. Zusätzlich zur Erkundung der Sehenswürdigkeiten werden traditionelle Gerichte und lokale Weine angeboten. Das Unternehmen arbeitet eng mit örtlichen Reiseführern und Hotels zusammen, um den Reisenden ein authentisches Erlebnis zu bieten und ihnen die Kultur und Mentalität der Kaukasier näherzubringen. Für alle, die neugierig sind und nach den schwierigen Corona-Jahren vorhaben, bald in diese Weltgegend zu reisen, dazu hier ein paar Antworten auf meine Fragen. Kaukasus-Reisen heißt euch willkommen!

Ralph Hälbig: Wie hat sich die Reisesituation in Georgien seit dem Ausbruch von Corona verändert und wie beeinflusst dies das Reiseverhalten? Sind bereits Anzeichen erkennbar, dass sich die Reiseaktivitäten trotz Inflation im Jahr 2023 wieder erholen werden?

Hans Heiner Buhr: Im Jahr 2018 sah es für deutsche Reisende in Georgien besonders vielversprechend aus: es gab zahlreiche günstige Flüge, die Buchmesse in Frankfurt und Leipzig mit ihrem Georgien-Spezial lockte viele Besucher an, der Euro war stark und es gab Visafreiheit. Auch das Interesse an dem neuen Reiseland Georgien war groß und es gab keinerlei Restriktionen.



Jedoch hat sich seit 2020 alles drastisch geändert. Die Einreiseregeln waren unklar und änderten sich ständig, Flüge wurden gecancelt, verlegt oder abgesagt. Es war ungewiss, ob der Flug überhaupt stattfinden würde. Der Gesundheitsstatus wurde reiseentscheidend und es war fraglich, ob man in einem Monat überhaupt gesund und mit den nötigen Dokumenten einreisen konnte. Was passiert, wenn man in Georgien auf einmal positiv getestet wird oder krank wird? Muss man dann in Quarantäne? Für unsere Gäste und uns Reiseveranstalter war diese Zeit sehr schwierig und absurd.

Mittlerweile hat sich das Reiseverhalten der Deutschen jedoch geändert. Viele planen nicht mehr langfristig, sondern spontan und kurzfristig. In den deutschen Medien wird viel über Georgien berichtet, jedoch auch oft besonders abschreckend über normale gesellschaftliche Konflikte, was potenzielle Reisende abschrecken könnte. Die Europäer richten ihren Fokus eher auf vermeintlich sichere Reiseziele wie Paris, Rom oder das Umland. Zudem sind die Flugpreise stark gestiegen und der Euro hat gegenüber dem Lari rund 30 bis 35% verloren, was die Kosten für die Reisenden und uns als Veranstalter erhöht.

Als Reiseveranstalter haben wir mit diesen Herausforderungen zu kämpfen. Wir müssen die Preise erhöhen, um unsere Kosten zu decken und dabei noch Gewinn zu machen. Manche Kunden in Deutschland empfinden dies als unangemessen, da sie im Supermarkt sehen, dass alles teurer wird.

Für uns ist die Situation schwierig, denn wir benötigen Planbarkeit. Unsere Reisen sind nur dann rentabel, wenn sie gut gebucht sind. Wenn wir beispielsweise nur zu 70% ausgebucht sind, dann verdienen wir kein Geld. Im schlimmsten Fall machen wir sogar Verlust. Wir befinden uns jetzt im vierten Jahr, in dem die Situation schwierig ist. 2020 war ein schlechtes Reisejahr, 2021 war ebenfalls schlecht, 2022 war schlecht und auch 2023 wird schlecht sein. Nur diejenigen, die es irgendwie geschafft haben, haben überlebt. In der Zwischenzeit haben sich viele kleine, spezialisierte Reiseunternehmen in Georgien neu gegründet, die uns Marktanteile streitig machen und uns zwingen, uns ständig weiterzuentwickeln und uns neu anzupassen. Durch den Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien tauchen negative Nachrichten in den deutschen Medien auf, was die Lage unsicher erscheinen lässt und viele Leute davon abschreckt, in diese Region zu reisen. Das ist momentan unser Dilemma, mit dem wir kämpfen, mit vielen verschiedenen Faktoren, die das Reisen erschweren oder unsicher erscheinen lassen. In Georgien sagt man, dass nach sieben guten Jahren, sieben schlechte Jahre folgen.

Andererseits haben wir auch Gäste, die uns Reiseangebote aus 2020, 2021 oder 2022 vorlegen, die damals nicht kommen konnten und jetzt sagen: "Wir haben hier ein Angebot von Ihnen vorliegen, können Sie das bitte aktualisieren, denn wir möchten jetzt in 2023 endlich unsere lang geplante Reise nachholen?" Solche Gäste gibt es natürlich auch, die das damals nur aufgeschoben haben und jetzt mit uns reisen möchten.

Ralph Hälbig: Wie denkst du, wird sich das Reiseverhalten in Zukunft verändern? Möchten die Reisenden vermehrt eine Reiseagentur als Berater und Unterstützer oder eher ein Komplettpaket mit Rundum-Betreuung? Welche Wünsche äußern die Reisenden bezüglich ihrer Reise nach Georgien?

Hans Heiner Buhr: Bezüglich des Reiseverhaltens der Georgiengäste möchte ich sagen, dass sich dieses stetig ändert und in Bewegung bleibt. Insgesamt werden die Wünsche und Anforderungen der Menschen immer individueller, da niemand mehr eine standardisierte Reise möchte. Jeder möchte das Besondere erleben und es selbst entdecken, anstatt es vorgesetzt zu bekommen. Daher passen wir unsere Reiseangebote stark an die individuellen Wünsche unserer Gäste an. Wir haben auch festgestellt, dass Gäste sich spontaner entscheiden, jedoch trotzdem intensiv durch Reiseliteratur und das Internet recherchieren, um sich auf ihre Reise vorzubereiten.

Die Ansprüche unserer Gäste werden immer höher, insbesondere was die Qualität der Unterkünfte und des Services betrifft. In Georgien möchte man keinerlei Abstriche mehr machen und erwartet den besten Service und die beste Qualität in Bezug auf Betten, Zimmer und Frühstück.

Was suchen die Gäste in Georgien? Viele suchen nach unberührter Natur und sind von der Vielfalt, die Georgien zu bieten hat, überrascht. Aber auch das pulsierende Stadtleben, insbesondere in der Hauptstadt Tiflis, Kutaissi und Batumi, zieht die Gäste an. Die Gastronomie, Cafés und das Nachtleben sind ebenfalls von großem Interesse.

Viele Gäste möchten im Urlaub auch Luxus genießen und suchen nach 4- oder 5-Sterne-Hotels mit Pool.

Wir stellen auch fest, dass es Reisende gibt, die in ihrem Urlaub weniger Stationen aufsuchen möchten, dafür aber die Gegend besser und intensiver erkunden möchten. Die Weinregion Kachetien bietet sich beispielsweise für sternförmige Tagesausflüge sehr gut an, ebenso wie Tuschetien und Swanetien.

Andererseits gibt es vor allem auch jüngere Gäste, die ihren Urlaub möglichst intensiv erleben möchten und viel in einen kürzeren Zeitraum packen möchten. Es gibt sogar Gäste, die die drei Länder Aserbaidschan, Georgien und Armenien in 10 oder 12 Tagen sehen möchten, obwohl wir für die drei Länder eher mindestens 14 bis 16 Tage empfehlen.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass Gruppenreisen an Popularität verlieren und dass unsere Gäste lieber in kleinen Gruppen oder mit Freunden und Familie unterwegs sind. Oft fragen unsere Gäste beispielsweise nach dem Alter und Geschlecht der anderen Reisenden, obwohl wir das zum Teil gar nicht wissen und auch nicht mitteilen möchten.

Ralph Hälbig: Wie lautet das Feedback deiner Gäste und welche Eindrücke von Georgien nehmen sie mit nach Hause?

Hans Heiner Buhr: Wir beobachten auch, dass sich immer mehr Singles bei uns melden, die auf der Suche nach interessanten Gruppenaktivitäten sind. Dabei werden auch immer ausgefallenere Wünsche geäußert, wie zum Beispiel themenorientierte Reisen wie Eisenbahntouren, Pilzsammeltouren, Eselwanderungen oder Arbeit auf einer Farm oder Ranch. Hier hat Georgien noch viel Potenzial, um neue Produkte und Reisen anzubieten. Allerdings stellt sich auch immer die Frage nach der Wirtschaftlichkeit solcher Angebote.

In Bezug auf das Feedback unserer Gäste können wir sagen, dass es oft positiv ausfällt. Viele Gäste kommen immer wieder nach Georgien oder in den Kaukasus und möchten dann andere Facetten des Landes erleben. Sie können dabei schon viel besser einschätzen, was sie gerne möchten, weil sie das Land nun schon gut kennen.

Natürlich gibt es auch kritische Rückmeldungen und wenn etwas fehlt, melden sich die Gäste häufig schnell über WhatsApp oder einen Anruf bei uns. Wir helfen dann gerne dabei, den Kritikpunkt aufzuheben und den Service zu verbessern, zum Beispiel im Hotel oder an anderen Orten.

Ralph Hälbig: Hast du eine besondere Anekdote von einem Reisenden im Gedächtnis, die du gerne mitteilen möchtest?

Hans Heiner Buhr: Wir erzählen immer wieder gerne die Anekdote von zwei Gästen, die sich während unseres Reiseklassikers "Frühstück im Kaukasus" kennengelernt und ineinander verliebt haben. Nach zwei oder drei Jahren haben sie die Reise gemeinsam als Ehepaar wieder mit uns durchgeführt und waren auch beim zweiten Mal total begeistert von unseren Reiseleitern David und Eka. Eine andere Geschichte: "Ein Ehepaar hatte eine Autopanne in Vashlovani, an einem der wenigen entlegenen Orte ohne Netzempfang. Der Mann kletterte auf einen Berg in der Nähe und konnte uns dann am Abend endlich erreichen. Wir sendeten einen Abschleppwagen in die Gegend, der dann natürlich prompt auch keinen Netzempfang mehr hatte und so war untereinander und mit uns keine Kommunikation mehr möglich. Doch wie durch ein georgisches Wunder trafen sie sich plötzlich und wurden glücklich abgeschleppt, es war dann mittlerweile gegen 0.00 Uhr nachts. Alle waren glücklich."

Ralph Hälbig: Deine ersten Reisen - Ende der 90iger Jahre - hast du ja in deiner Ferienzeit (du warst Deutsch-Lehrer in einer Schule in Tbilisi) nebenher organisiert. Dabei hast du vor allem bewusst die Unwägbarkeiten einer Abenteuerreise gesucht und Reisende quasi eingesackt. Meinst du, dass man so etwas auch heute noch anbieten kann, und dass man den Menschen vermitteln kann, sich auf diese spontane und ungewisse Art auf eine andere Kultur einzulassen? Gibt es Bedürfnisse in diese Richtung, oder ist das für die Reisenden eher zu vage, sich darauf einzulassen? In den 90er Jahren und Anfang der 2000er Jahre war alles in Georgien noch sehr wild! Eine überbordende und überraschende Gastfreundschaft konnte manchmal jeden Reiseplan über den Haufen werfen, oder die Wetter- und/oder damaligen Straßenverhältnisse hatten einen festgesetzt! Wie siehst du das heute mit der Gastfreundschaft in Georgien? Hat sich da etwas geändert?

Hans Heiner Buhr: Die wilden Zeiten sind leider vorbei. Georgien ist heute stabil und die Sicherheit der Gäste im Land hat höchste staatliche Priorität, was sich in neuen Standards, in Ausbildungskursen für touristische Berufe und auch in einer stärkeren Regulierung der Tourismusbranche zeigt. Jedoch laden die fantastischen Berge des Großen und Kleinen Kaukasus, entlegene Täler in Chewsuretien, Tuschetien, Ratscha und Adscharien wie eh und je zu abenteuerlichen Treckingtouren ein.

Das Bedürfnis nach individuell geführten, themenorientierten Kleingruppenreisen ist sicherlich noch vorhanden. Jedoch sind solche Reisen sehr aufwendig und müssen sowohl inhaltlich, programmatisch, als auch von der Dauer und dem Service her stimmig sein, um zu überzeugen. Folglich sind sie dementsprechend teuer und aufwendig zu organisieren, zu konzipieren und erfolgreich durchzuführen. Diese Reisen zu gestalten halte ich für die hohe Kunst des Tourismus. Zum Beispiel habe ich im Jahr 2013 eine sehr individuelle Kunstreise mit dem Kunstverein Schweinfurt erfolgreich durchgeführt und hätte durchaus Interesse, eine ähnliche Reise in neuer Form durchzuführen oder eine Reise in Georgien mit einem architektonischen Schwerpunkt aufzubauen und anzubieten.

Georgien hat in Bezug auf Gastfreundschaft und Tourismus in den letzten Jahren eine Professionalisierung erfahren. Dennoch ist es nach wie vor möglich, die herzliche Gastfreundschaft der Georgier zu erleben, jedoch abseits der touristischen Hotspots in den abgelegeneren Regionen des Landes. Besonders erfreulich ist, dass immer mehr junge Georgier sehr gut Englisch und auch Deutsch sprechen und somit ihre Heimat authentisch und leidenschaftlich präsentieren können. In manchen Fällen machen sie dies sogar besser als zugereiste Deutsche.

Ralph Hälbig: Wo siehst du den Tourismus in Georgien in den nächsten zehn Jahren? Was wünschst du dir für die Zukunft des Tourismus in Georgien?

Hans Heiner Buhr: Ich denke, dass der Tourismus in Georgien in den kommenden Jahren sehr interessante Entwicklungen erfahren wird. Viele junge Georgier kehren aus dem Ausland zurück und bringen neue und frische Konzepte in Gastronomie, Hotel und Reisebranche mit, auf die wir "alten Tourismus-Haudegen" unter Umständen gar nicht kommen. Es gibt noch viele Ideen, die man umsetzen könnte.

Insbesondere möchten wir die drei Länder Georgien, Armenien und Aserbaidschan stärker miteinander verknüpfen und bieten unsere Reisen länderübergreifend an. Besonders unsere Selbstfahrerreisen können gut kombiniert werden, z.B. von Baku nach Batumi oder von Tiflis nach Jerewan, um die verschiedenen Kulturen kennenzulernen und zu vergleichen.


Längere Reisen sind auch gefragt. Ich kann mir gut vorstellen, dass man eine Wanderung von Lagodekhi nach Batumi anbieten könnte, abseits von belebten Straßen durch die Berge, oder auch Reittouren, die das Außergewöhnliche bieten. Außerdem möchte ich unsere Radreisen empfehlen sowie unseren Klassiker "Frühstück im Kaukasus", der bis heute zu unserer besten und schönsten Kleingruppenreise in Georgien gehört.

Ralph Hälbig: Wie willst du eigentlich demnächst deine touristischen Konzepte verändern und weiter entwickeln? Was sind deine nächsten Pläne?

Hans Heiner Buhr: Ich habe schon vor drei bis vier Jahren eine Reise konzipiert, die den Kaukasus einmal komplett umrundet. Von Tiflis über die georgische Heerstraße nach Stepantsminda, von dort nach Wladikawkas, weiter nach Grosny, quer durch Dagestan bis nach Machatschkala und schließlich nach Süden über die aserbaidschanische Grenze nach Baku. Von dort aus geht es nordwestlich entlang der alten aserbaidschanischen Seidenstraße, durch Scheki nach Lagodechi und schließlich zurück nach Tiflis. Diese Reise könnte man gut als geführte Tour mit Geländewagen oder als Selbstfahrerreise machen - sobald das nach dem Krieg wieder möglich ist.

Mein Traum bleibt das grenzenlose Reisen im Kaukasus. Ich wünsche mir, dass man eines Tages alle Gebiete der kaukasischen Länder ohne schwierige politische Grenzen bereisen kann.

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Friday, October 16, 2020

INTERVIEW: Historiker Philipp Ammon zu Bergkarabach-Konflikt: "Ohne Großmächte kein Frieden". Von André Ballin via derStandard.at

[derstandard.deDer Streit um die Kaukasusregion ist nicht neu. Philipp Ammon spricht über Hintergründe und Geschichte eines in Europa weitgehend unbekannten Konflikts

INTERVIEW André Ballin 15. Oktober 2020

Philipp Ammon
Der am Wochenende geschlossene Waffenstillstand hat die Kriegshandlungen im Kaukasus bislang nicht stoppen können. Immer noch kämpfen Eriwan und Baku verbissen um jeden Meter in der umstrittenen Region, die mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird, völkerrechtlich aber zu Aserbaidschan gehört. Warum das so ist und warum die Region bei der Lösung des Problems in Richtung Schweiz schauen sollte, erklärt der Kaukasus-Experte Philipp Ammon.

STANDARD: Tschetschenien-Krieg, Abchasien-Krieg, Südossetien-Konflikt, Bergkarabach-Krise: Das Wort Kaukasus löst oft Kriegsassoziationen aus. Ist der Kaukasus historisch tatsächlich eine besonders umkämpfte Region?

Philipp Ammon: Durch den Kaukasus laufen seit jeher viele Handelsrouten. Neben der bekannten Seidenstraße ist der Kaukasus auch im Nord-Süd-Verkehr ein Knotenpunkt. Die strategisch wichtige Lage weckte einst das Interesse gleich dreier Machtzentren, die dort um die Vorherrschaft stritten: im Südosten die Perser, im Südwesten zunächst das Römische, dann das Byzantinische und später das Osmanische Reich und im Norden dann auch das Russische Reich. So mussten sich die Bewohner stets nach außen militärisch schützen. Dadurch ist eine wehrhafte Mentalität entstanden.

STANDARD: Warum liegt das von Armeniern bewohnte Bergkarabach überhaupt in Aserbaidschan?

Ammon: Bis zum Vertrag von Turkmantschai 1828 gab es das ethnisch sehr durchmischte Khanat Karabach. Später nahm der Anteil der Armenier deutlich zu, weil sie vor Verfolgungen im Perserreich und dem Osmanischen Reich nach Russland flüchteten. Diese Homogenisierung setzte sich zu Sowjetzeiten fort.

STANDARD: Trotzdem wurde die Region Aserbaidschan zugeschlagen. Warum?

Ammon: Damit sollte der Kaukasus insgesamt fester an die Sowjetunion gebunden werden. Das Matrjoschka-Prinzip, in der jede Republik noch einmal in autonome Gebiete unterteilt wurde, sollte nationale Sezessionsbewegungen erschweren. Diese bewusste Verknäuelung diente dem Prinzip "Teile und herrsche".

STANDARD: Wo liegen die Ursachen des Bergkarabach-Konflikts?

Ammon: Erste Massaker zwischen Armeniern und Aserbaidschanern gab es schon zu Zarenzeiten. Sie waren religiös, aber auch sozial bedingt, weil Armenier aufgrund ihres Bildungsdrangs schneller aufstiegen als ihre Nachbarn. Das weckte Neid.

Aber Ursache des aktuellen Konflikts ist eben die sowjetische administrative Verschachtelung, die Ende der 1980er-Jahre in vielen Republiken zu ethnischen Konflikten führte. Die Armenier baten in Moskau um die Übergabe Bergkarabachs, was in Aserbaidschan natürlich nicht gut ankam. Es folgten die Pogrome in Sumgait 1988 und in Baku 1990 an der armenischen Minderheit. Auf der Gegenseite verübten Armenier 1992 in Chodschali ein Massaker an Aserbaidschanern. Seither sehen sich beide Völker als Todfeinde. Ohne Willen der Großmächte ist kein Frieden möglich.

STANDARD: Welche Rolle spielen Moskau, Ankara und Teheran?

Ammon: Die Türkei unterstützt Aserbaidschan seit Jahren unter der Losung "Ein Volk, zwei Staaten". Jetzt ist die Hilfe offener denn je, wohl auch, um von eigenen inneren Problemen abzulenken und die sinkende Popularität von Tayyip Erdoğan zu festigen. So liefert Ankara die Bayraktar-Drohnen, wohl einige Militärberater und lässt syrische Kämpfer in das Konfliktgebiet passieren.

Russland wiederum versteht sich als traditionelle Schutzmacht Armeniens, wird aber nicht automatisch militärisch auf Eriwans Seite eingreifen. Moskau will vor allem den Südkaukasus als Einflusssphäre nicht verlieren. Dazu setzt der Kreml auf gute Beziehungen zu Eriwan und Baku. Zum Konflikt beigetragen hat Russland durch den eifrigen Waffenverkauf in die Region – an Aserbaidschan zum Weltmarktpreis, an Armenien zum Selbstkostenpreis. Der Iran hat historisch enge Bindungen zu Aserbaidschan, hilft aber im Konflikt eher Armenien, weil Teheran bei einem Erstarken Aserbaidschans Abspaltungsbestrebungen der aserbaidschanischen Minderheit im eigenen Land fürchtet.

STANDARD: Ist noch jemand involviert?

Ammon: Die USA und Israel wollen in den Iran hineinhorchen und haben daher in Aserbaidschan Interessen. Auch darum hat Israel die Harop-Drohnen an Baku geliefert. Die Drohnen sind die technologische Basis für den aserbaidschanischen Vorstoß in Bergkarabach, denn die Kampfkraft der aserbaidschanischen Armee schätze ich schwächer als die der armenischen ein, weil die Staatsbindung der Aserbaidschaner geringer ist und ihre Motivation zu kämpfen auch.

STANDARD: Gibt es denn eine Lösung für den Konflikt?

Ammon: Das beste Modell für den gesamten Kaukasus, nicht nur für Bergkarabach, wäre wohl eine Kantonslösung à la Schweiz, wonach jedes Sprachgebiet sich möglichst weit selbst verwaltet und der Kaukasus insgesamt eine Föderation bildet. Das erfordert aber viel guten Willen und Druck von außen, denn untereinander sind Armenier und Aserbaidschaner derzeit nicht kompromissfähig. Derzeit ist so etwas sehr unwahrscheinlich, auch weil Russland und die Türkei keine langfristige Strategie haben, sondern eher situationsgebunden reagieren. (André Ballin, 15.10.2020)

Sunday, May 03, 2020

VIDEO: Grenzenlos - Unterwegs mit Kaukasus-Reisen in Georgien, Armenien, Aserbaidschan. via @kaukasus-reisen

Ein Menschenleben später begeben sich 3 Freunde aus dem Kaukasus auf einer Reise. Ein Featurefilm der Reiseagentur Kaukasus-Reisen. Grenzenlos Reisen in Georgien, Armenien und Aserbaidschan - nach Corona.

Mit Bukhuti Papuashvili, Levon Ishkhano & Farik Aliev.
Musik & Musikanten: Ramizi Shubitidze & Rostomi Kirkitadze (GEO), Trio Aguas (ARM), Alafsar Rahimov & Shahriyar Imanov (AZE)

Monday, September 09, 2019

VIDEO: Das Armenische Volk ist uralt. Der zähe Überlebenskampf eines Landes. Interview mit Dr. Jasmine Dum-Tragut. via @dctp_tv

Über mehrere tausend Jahre kämpft und lebt eine frühe christliche Zivilisation zwischen wechselnden Großmächten im Osten und Westen und verteidigt seine Existenz: Armenien. Das Land, dessen genaue Grenzen wechselten, war bereits der Zankapfel zwischen den Parthern und dem Römischen Reich. Später bedrohen mongolische und islamische Reiche im Osten das Land. Und im 20. Jahrhundert steht die Türkei im Westen des armenischen Kernlandes. Die Massaker der von der damaligen türkischen Führung im Ersten Weltkrieg angestrebten ethnischen Säuberung sind bekannt. 

Video: dctp.tv/Das Armenische Volk ist uralt

Die kulturellen und zivilisatorischen Wurzeln Armeniens liegen lange vor der christlichen Zeitenwende. Wenig bekannt ist, dass zeitgleich mit der Gründung der ersten europäischen Universitäten um 1180 Wissenschaftszentren und Universitäten in Armenien begründet wurden. Mit den Kreuzzügen sind die Armenier eng verknüpft. In Armenien besteht eine autokephale Kirche und ein armenischer Mönch entwickelt ein eigenes Alphabet für das Land. In den Zeiten des osmanischen Siegs über Ost-Rom und verstärkt seit dem 18. Jahrhundert entstand weltweit eine armenische Diaspora. Aus ihrem Geiste wurde 1918 aus dem Nachlass des osmanischen Reiches eine selbständige Republik begründet und diese nach 1991, dem Zeitpunkt der Auflösung der Sowjetunion, erneuert. Armenien ist heute eine der ethnisch konsolidiertesten Republiken der GUS.

Es berichtet die Privatdozentin Dr. Jasmine Dum-Tragut, die an den geisteswissenschaftlichen und theologischen Fakultäten der Universitäten Graz, Wien, Salzburg und Innsbruck, an der Staatlichen Universität Jerevan und an der LMU München lehrt.

Saturday, July 14, 2018

EASTSPECTION: CAUCASIAN MOOD - eine poetische Dokumentation über Georgien und Armenien. Von Tomas Zebis & Tom Kretschmer

A poetic documentary through associative, subjective and emotional eyes of the transient and a journey through Georgia and Armenia – a world which might soon disappear. The film suggests the rapid changes and the loss of social values and inspires a reflection on Western culture.


Caucasian Mood I Teaser from eastspection on Vimeo. Full Version: vimeo.com


CAUCASIAN MOOD dokumentiert Stimmung pur. Maloche, Müßiggang und Wärme fließen dahin bis Idylle und Tristesse sich einen. Die kollektive Pause einer Weinernte im Schatten des einzigen Baumes. Saftige eingemachte Speisen werden aus der Zeitung gerollt und geteilt. Es wird gelacht und geträumt, junge Burschen vereint mit der Weisheit der Alten, Ursprünglichkeit und Seelenruhe.

Assoziative Ordnungsprinzipien lassen subjektive Bilder kaleidoskopisch verschmelzen und Raum und Zeit verschwimmen. Zurück bleibt eine Ambivalenz zwischen materieller Armut und menschlichem Reichtum. Der Film deutet die rapiden Wandlungsprozesse und den Verlust sozialer Werte an und inspiriert zu einer Reflexion über die westliche Kultur.



CAUCASIAN MOOD documents moods. To sweat something away, the idleness and a warmth flow until Idyll and tristesse become one. The collective break during a vintage in the shadow of the only tree. Food is being rolled out of newspaper and shared. They laugh and dream – young fellows united with the wisdom of the old folks – nativeness and peace of mind.

Associative ordering principles allow the kaleidoscopic merging of subjective images and make space and time become blurry. What remains is an ambivalence between material poverty and human wealth.

Links:
eastspection.com/caucasian-mood
eastspection.com/armenia
eastspection.com/georgia

Die Faszination für die Länder der heutigen postsozialistischen Staaten ist die Triebfeder für ihre gemeinsamen Projekte. Es ist der Wunsch die rapiden Wandlungsprozesse in Bildern festzuhalten und somit eine Reflexion über die westliche Kultur anzuregen. Dabei steht der Mensch im Mittelpunkt.

Tom Kretschmer: seit 1976 in Ostberlin sozialisiert, studierte nach seiner Ausbildung zum Fotografen visuelle Kommunikation. Er experimentiert als freischaffender Künstler zwischen Fotografie, Grafik und Film. Sein erster poetischer Dokumentarfilm über den sich im Wandel befindlichen Bahnhof Ostkreuz gewann international zahlreiche Preise.

Tomas Zebis: wurde 1980 in der Tschechoslowakei geboren. Bereits sechs Jahre später erfolgt die Republikflucht mit anschließender Emigration in die BRD. Der studierte Kommunikationsdesigner ist als freischaffender Videodesigner und bildender Künstler tätig. Eine geistige Verwandtschaft zu den Flaneuren des 20. Jahrhunderts ist nicht zu leugnen.

E-Mail: hi@eastspection.com

Tuesday, January 09, 2018

VIDEO: Zu Tisch in Armenien via @ARTEde



ZU TISCH

Die armenische Küche ist von türkischen, arabischen und russischen Traditionen beeinflusst und gehört zu den ältesten in Transkaukasien. Die Zutaten stammen oft aus eigenem Anbau oder vom Markt. Ob Lammspieße oder Süßspeisen: Viele Gerichte werden in einem im Boden eingelassenen Lehmofen, dem sogenannten Tonir, zubereitet. In diesem Ofen wird außerdem das armenische Brot Lavash gebacken: Dazu werden hauchdünne Teigplatten an den heißen Steinwänden erhitzt. Als Beilage zum Hauptgericht stehen neben Bulgur stets auch wilde Kräuter wie Koriander, Petersilie und Minze in Schalen verteilt auf dem Tisch.

DIE REGION

Inmitten der Bergketten des Kleinen Kaukasus, zwischen der Türkei, Georgien, Iran und Aserbaidschan, liegt Armenien – ein Land, das sich zu 90 Prozent auf über 1.000 Metern Höhe erstreckt. Erst seit 21 Jahren ist das Land unabhängig, bis 1991 gehörte es zur Sowjetunion. Der Staat ist so groß wie Belgien, aber nur dünn besiedelt: So lebt von ins-gesamt drei Millionen Eiwohnern circa eine Million allein in der Hauptstadt Jerewan.

Die Geschichte des Landes ist von großen Emigrationswellen gezeichnet, die politischen Konflikten geschuldet sind und zu einer immensen Diaspora geführt haben: Sechs Millionen Armenier leben außerhalb ihres Heimatlandes, die meisten sind nach Russland und in die USA ausgewandert. Die Überweisungen größerer Geldbeträge von im Ausland lebenden Armeniern an ihre Verwandten beeinflussen sogar das Bruttoinlandsprodukt des Landes.

TYPISCH ARMENIEN

Armenien gilt als das älteste christliche Land der Welt: Hier wurde im Jahr 301 das Christentum zur Staatsreligion erklärt. Die erste Staatskirche, heute UNESCO-Weltkulturerbe, steht in Etschmiadsin. Inzwischen sind Staat und Religion getrennt, jedoch ist die Armenische Apostolische Kirche die „nationale Kirche Armeniens“ – ihr gehören 93 Prozent der Bevölkerung an.

Das Land hat eines der ältesten Weinanbaugebiete der Welt zu bieten: Schon vor 2.500 Jahren wurde hier Wein kultiviert, seit 150 Jahren zudem Weinbrand destilliert, den die Armenier als Cognac bezeichnen – in der EU ist der Begriff den Franzosen vorbehalten. Der Kaukasus-Weinbrand ist bei Kennern sehr beliebt, zu ihnen gehörte auch Churchill.

DAS REZEPT

Gata
Armenischer Butterkuchen

Teig: 1 EL Trockenhefe, 1 Tasse Schlagsahne, 1 Tasse Butter, 1 Ei, 1 EL Öl, 1 EL Essig, 3 Tassen Mehl; Füllung: 1 Tasse Butter, 2 Tassen Mehl, 1 Tasse Zucker, 3 Pck. Vanillezucker; Glasur: 2 Eigelb

Teig: Hefe mit der Sahne mischen. 10 Min. ruhen lassen. Zerlassene Butter, Ei, Öl und Essig hineinrühren. Mehl zufügen. Teig kneten, mind. 1 Stunde kalt stellen. Füllung: Zerlassene Butter, Mehl, Zucker und Vanillezucker mischen. Ofen auf 180 Grad vorheizen. Teig ausrollen, Füllung darauf verteilen und verschließen, erneut ca. 2 cm dick ausrollen. Mit Ei bestreichen und 30 Min. backen. Bari achordschak!


Link: www.arte.tv/zu tisch in armenien

Wednesday, August 09, 2017

VIDEO: Armenien, die Früchte aus dem Paradies. Ein Film von Mirella Pappalardo (2010) - 360º GEO Reportage / ARTE



Der Granatapfel ist das Nationalsymbol Armeniens und eine der ältesten Kulturfrüchte der Menschheit. Er gilt als wahrer Gesundmacher und ist reicher an Antioxydantien als grüner Tee und Rotwein. Neuesten Studien zufolge soll er auch das Krebsrisiko reduzieren. Granatäpfel sind in den letzten Jahren populär geworden. Eine Reportage aus dem Süden Armeniens und dem Dorf Nrnadzor, zu deutsch "Granatapfelschlucht".

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Granatäpfel gehören zu den ältesten Kulturfrüchten der Menschheit. Wissenschaftler glauben, dass der im Alten Testament erwähnte "Baum der Erkenntnis" ein Granatapfelbaum war. In Armenien ist die Frucht Nationalsymbol. Hier lebt der Bauer Mukutsch Bojadyan. Er und seine Familie haben alle Hände voll zu tun, um die Früchte vor dem nächsten Regen ins Trockene zu bringen.

Granatapfelbäume so weit das Auge reicht. Nicht umsonst bedeutet der Name des Dorfes Nrnadzor übersetzt "Granatapfelschlucht". Im Oktober ist Erntezeit. Mukutsch Bojadyan und seine Familie haben alle Hände voll zu tun, um die Früchte vor dem nächsten Regen ins Trockene zu bringen. Schon immer galt der Granatapfel als Symbol ewiger Jugend, Fruchtbarkeit, Schönheit und Liebe. In Armenien ist die Frucht eng mit der Kultur des Landes verbunden. Zur Hochzeit schleudern die Bräute einen Granatapfel gegen die Wand. Die Körner aus dem aufgeplatzten Apfel sollen den Kindersegen sichern.

Neue Bewohner in Nrnadzor sind sehr willkommen. Denn immer mehr Einwohner verlassen den einst blühenden Ort, und die einzige Bahnverbindung liegt seit dem Ende der Sowjetunion brach. Mukutsch Bojadyan kam erst vor wenigen Jahren in das Dorf nahe der Grenze zum Iran. Bei einem Besuch hatte er die verwaisten Granatapfelplantagen entdeckt und einige davon gekauft. Jetzt floriert sein kleines Unternehmen, die Händler kommen sogar aus der Hauptstadt Eriwan zu ihm. Die Granatapfelernte sichert den Bojadyans ein stabiles Grundeinkommen. Andere Nachbarn haben nicht so viel Glück, ihre Ernte ist entweder zu gering oder von minderer Qualität.

Zusammen mit dem Bürgermeister Mkrtich Mkrtchyan gehört Mukutsch Bojadyan zu den wenigen Bewohnern, die sich aktiv gegen Stillstand und Verfall im Dorf stemmen. Der Bürgermeister versucht seit einiger Zeit, die Regierung zu bewegen, die Straße zum Dorf instand zu setzen, um einen regeren Warenaustausch zu ermöglichen; bisher vergeblich. Zudem machen ständige Trockenheit und ungebetene Futtergäste, wie etwa Bären, den Bauern das Leben schwer. Dennoch hofft Mukutsch Bojadyan in diesem Jahr auf eine reiche Ernte. Er plant sogar, seine Felder mit neuen Zuchtbäumen zu bestellen. Ob ihm das gelingt, werden die nächsten Wochen zeigen.

Thursday, June 01, 2017

BUCHVORSTELLUNG: "Deutschland und der Völkermord an den Armeniern" am 7. Juni 2017, 19.00 Uhr in Berlin

Mittwoch, 7. Juni 2017, 19.00 Uhr
Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstr. 8, 10117 Berlin
Weitere Infos und Anmeldung
Es wird ein Livestream angeboten

Mit:
Dr. Rolf Hosfeld, Leiter des Lepsiushaus, Potsdam, Forschungsstelle zum Völkermord an den Armeniern
Dr. Christin Pschichholz, wissenschaftliche Mitarbeiterin Lepsiushaus Potsdam
Prof. Sönke Neitzel, Lehrstuhl für Militärgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt, Universität Potsdam
Moderation: Dr. Marianne Zepp, Heinrich-Böll-Stiftung

Vor einem Jahr hat der Deutsche Bundestag den Beschluss gefasst, dass die Massentötung von Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord einzustufen ist. Die exemplarische Bedeutung der Ereignisse vor mehr als hundert Jahren, die ihre Ursachen in dem Streben nach einem ethnisch homogenen, religiös einheitlichen Nationalstaat hatten, ist von bedrückender Aktualität. Auch heute noch verteidigt die Türkei ihre Souveränität mit geschichtspolitischen Argumenten, denen ethnische Reinheitsideologien zugrunde liegen und die Minderheitenrechte beschränken oder ganz negieren. Bei der Debatte im Bundestag wurde auch auf die Mitverantwortung des Deutschen Reiches hingewiesen. Wie es über Jahrzehnte zur Eskalation von genozidaler Gewalt kam und wie dieses Geschehen unter den Augen internationaler und besonders deutscher Diplomatie durchgeführt werden konnte, ist ein kaum öffentlich debattiertes Kapitel der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dabei gibt es Aufschluss über die Entwicklung in die Katastrophen der folgenden Jahrzehnte.

In ihrem Buch „Das Deutsche Reich und der Völkermord an den Armeniern“ haben die Herausgeber/innen Rolf Hosfeld und Christin Pschichholz die neusten Erkenntnisse zusammengestellt – eine Aufforderung, die Diskussion weiter zu führen.
Ein komplexes, ambivalentes und widersprüchliches Bild einer Zeit des Übergangs.

Während des Ersten Weltkriegs waren das Osmanische und das Deutsche Reich Kriegsverbündete. Mit dem Beginn der Armenierverfolgungen, die seit dem Frühjahr 1915, eingeleitet durch flächendeckende Deportationen und Massaker, in einen Völkermord mündeten, wurde das Deutsche Reich zwangsläufig in die Ereignisse involviert. Das betraf sowohl Militärs, die Botschaft, konsularisches Personal und andere Deutsche vor Ort als auch die nationalen politischen und militärischen Machtzentren im Deutschen Reich. Wie weit ging die Verstrickung? Gab es eine deutsche Mitverantwortung an diesem Völkermord? Gab es nennenswerten Widerspruch?

Die Autorinnen und Autoren stellen dar, wie Zivilbevölkerungen zunehmend zum Ziel militärischer und radikaler bevölkerungspolitischer Maßnahmen wurden. Es gab Befürworter und Gegner. Zusammengefasst lässt sich eine moralfreie Verpflichtung durch eine kriegsbedingte »Realpolitik« diagnostizieren, die nicht ohne Konsequenzen für die deutsche Nachkriegsmentalität blieb.

Mit Beiträgen u. a. von Aschot Hayruni, Rolf Hosfeld, Isabell V. Hull, Stefan Ihrig, Hilmar Kaiser, Hans-Lukas Kieser, Carl Alexander Krethlow, Mark Levene, Christin Pschichholz, Thomas Schmutz und Ronald Gregor Suny.
Fachkontakt
Dr. Marianne Zepp, Referat Zeitgeschichte, E-Mail zepp@boell.de:
Wir weisen darauf hin, dass im Rahmen dieser Veranstaltung Foto-/Ton- und Filmaufnahmen von TV-Sendern sowie für öffentliche und nicht-öffentliche Zwecke gemacht werden können.

Sunday, May 14, 2017

BUCH: Herbert Maurer; Und Gott spricht armenisch. Zwischen Menschen und Sprache. (herbertmaurer.at)

(herbertmaurer.at) Die Armenier: Menschen, die stets international gelebt haben und leben, denen Grenzen relativ sind, die klug und sprachgewandt ihre Kultur, ihre Literatur über alle Katastrophen hinweg gerettet haben.

Ohne die eigene Schrift, die eigene uralte Sprache, die Passion für Geschichten und Geschichte gäbe es die Armenier, gäbe es Armenien wohl nicht mehr – immerhin hat sich eine kleine Republik im Süden des Kaukasus durch die sowjetische Zeit und die Umbrüche der Systeme gerettet, wenn auch große Teile des historischen Landes im heutigen Ostanatolien verloren scheinen. Das Jahr 2015 bedeutet 100 Jahre Völkermord, den schicksalhaften Jahrestag des ersten Holocausts im 20. Jahrhundert. Für die Armenier bedeutet diese nur von Teilen der Weltgemeinschaft anerkannte Katastrophe zweierlei: Stolz auf die eigene Kultur, Zukunft in gelebter Internationalität, Perspektive für neue, weltoffene Varianten des Eigenen, Neuerfindung einer nationalen und internationalen Identität, Verantwortung für das Leiden anderer.

Herbert Maurer weiß als Autor, Übersetzer, Reporter und Zeitzeuge des politischen und gesellschaftlichen Wandels in Armenien über alle diese Hintergründe bestens Bescheid. Er erzählt seine persönliche Geschichte einer Begegnung mit der Sprache, der Literatur, der Kultur der Armenier. 3 Jahre leben und verstehen Lernen bedeutet für ihn stets:

Wie lässt sich die Realität ins Poetische übersetzen? Wie funktioniert Widerspruch zwischen Sowjetsozialismus und uraltem Christentum heute? Wie erfindet sich ein Land, ein Volk im internationalen Kontext neu? Über viele Jahrhunderte waren die Armenier die Übersetzer schlechthin: zwischen Orient und Okzident, zwischen Mittelalter und Moderne. Wie kann man das heutige Armenien literarisch übersetzen?

Herbert Maurer versucht in diesem Buch, Armenien zu interpretieren, die einzigartige Mentalität der Menschen verständlich zu machen, mit dem Leser durch die Straßen, durchs Land zu gehen.

Ein Erzählen, um vertraut zu machen: Mit einer Sprache, mit Kultur und Literatur, mit der Chance, das komplizierte Armenisch einfach und charmant zu verstehen. Damit wird die Lektüre zur Reise, zum Abenteuer zwischen dem biblischen Berg Ararat und den Kaffeehäusern des modernen Yerevan in der Sonne, zwischen den Geheimnissen des Mittelalters mit seinen Klöstern und der jungen Generation mit Kompetenz und Neugier, zwischen Kriegsalltag in Nagorny Karabach und der schillernden Welt der Jazz- und Film – Festivals, zwischen der Not eines Landes, das von den Nachbarn isoliert ist und der Hoffnung, eine neue Zukunft mit Literatur und guten Kompositionen zu konstruieren – Armenien ist mitten in der Welt, das Abenteuer lebt auch im

Auf all diese erzählerischen Reisen nimmt Herbert Maurer uns mit, denn der lesende Mensch ist vor allem in Armenien mitten in der Zukunft und ein Wanderer zwischen den Welten.


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Tuesday, March 07, 2017

BUCH: Stefan Troebst; Zwischen Arktis, Adria und Armenien. Das östliche Europa und seine Ränder. Aufsätze, Essays und Vorträge 1983–2016 (boehlau-verlag.com)

(boehlau-verlag.com) Im Zuge von Weltgeschichtsschreibung, Transnationalisierungsforschung und „neuen“ Area Studies ist die im deutschsprachigen Raum vertretene historische Teildisziplin Osteuropäische Geschichte zum einen unter Legitimationszwang geraten, zum anderen aber von eben diesen global orientierten Forschungsrichtungen als paradigmatischer Prototyp entdeckt worden. Im Kontext von Bezugsrahmen wie „Eurasien“ und „zweiter Welt“, ja selbst „Europa“ oder „nördliche Hemisphäre“, ist das Erkenntnispotential der seit hundert Jahren gut etablierten historischen Osteuropaforschung samt ihren Foci auf Ostmitteleuropa, Südosteuropa, Nordosteuropa und den ostslavischen Raum, aber auch auf den Kaukasus und Zentralasien sowie bezüglich der Verflechtung mit anderen Weltregionen, zum einen erkannt wie es zum anderen genutzt wird. Dies gilt nicht zuletzt für die in der besagten Teildisziplin entwickelte Konzeption der Geschichtsregion, welche mittlerweile nicht nur von anderen Europahistorikern, sondern auch von Vertretern weiterer historischer Disziplinen – historische Soziologie, Zivilisationsgeschichtsschreibung, Kunstgeschichtsforschung, Literaturgeschichte, Anthropogeographie u. a. – kreativ adaptiert wird.

Der Band belegt sowohl die Sinnhaftigkeit der geschichtsregionalen Konzeption „östliches Europa“ (samt ihren Untergliederungen) im intraregionalen Kontext als auch deren Konstituierung durch die Interaktion mit angrenzenden historischen Meso-Regionen.

Hier sind die 450 Seiten als pdf: boehlau-verlag.com/download/OpenAccess

Wednesday, February 15, 2017

DOKUMENTATION: Aghet - Ein Völkermord an den Armeniern. Ein Film von Eric Friedler



Der Dokumentarfilm "Aghet" (armenisch: "die Katastrophe") von Eric Friedler erzählt von einem der dunkelsten Kapitel des 1. Weltkriegs: dem Genozid an den Armeniern, bei dem bis zu 1,5 Millionen Menschen im Osmanisch-Türkischen Reich starben.

AGHET – Ein Völkermord, der 90-minütige Dokumentarfilm (armenisch: “die Katastrophe”), erzählt von einem der dunkelsten Kapitel des Ersten Weltkriegs: dem Genozid an den Armeniern.

Zwischen 1915 und 1918 wurden bis zu 1,5 Millionen Menschen im Osmanischen Reich (heute Türkei) ermordet. Dieser Völkermord, der sich am 24. April 2012 zum 97. Mal gejährt hat, wurde von Raphael Lemkin, dem Schöpfer der 1948 von der UN verabschiedeten Anti-Genozid-Konvention, als der erste systematisch ausgeführte Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Er wird allerdings bis heute von den Verantwortlichen und ihren Nachkommen geleugnet und von der Welt weitgehend verdrängt. Wie konfliktgeladen das Thema des armenischen Völkermords noch immer in der Türkei ist – und für diejenigen, die es kritisch in die Öffentlichkeit tragen, oft sogar lebensgefährlich – zeigen die Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink am 19. Januar 2007 und die Anklagen gegen den Nobelpreisträger Orhan Pamuk.


Seit Jahren beschäftigt sich Autor und Regisseur Eric Friedler (“Das Schweigen der Quandts”, 2007) mit den politischen Motiven, die noch heute stark genug sind, um die historische Tatsache des Armenier-Genozids zu verschweigen und zu unterdrücken. Er sprach mit internationalen Regierungschefs und der intellektuellen Elite der Türkei, befragte Historiker, Zeitzeugen und Wissenschaftler in der Türkei, Deutschland, USA, Frankreich, Syrien und Armenien, aber auch Vertreter der weltweiten armenischen Diaspora wie den Boxer Arthur Abraham, den französischen Minister Patrick Devedjan oder den ehemaligen armenischen Außenminister Rafi Hovannisian.

mehr dazu: aghet1915.wordpress.com

weitere links:   
Aghet - Ein Völkermord - Diskussion 1 [phoenix.de] 
Aghet - Ein Völkermord - Diskussion 2 [phoenix.de]
Aghet - ein Völkermord [3sat] 
Fernsehfilm "Aghet – ein Völkermord": "Das ganze Land war ein Schlachthaus". Von Michael Thumann [zeit.de]
»Aghet war der erste Völkermord in der Geschichte des 20. Jahrhunderts« [http://sz-magazin.sueddeutsche.de]