Friday, November 25, 2011

REISE: Georgien. Bei Uschba, dem Schrecklichen. Von Diana Laarz (zeit.de)

Swanetien im Norden Georgiens war über Jahrhunderte von der Umwelt abgeschieden. Jetzt gewöhnt sich ein altes Kriegervolk an ausländische Gäste.
Im nordgeorgischen Dorf Adischi leben noch vier Familien. Eine lebt direkt am Flussufer, die hält sich aus allem raus. Eine lebt etwas höher am Hang, die ist gerade verreist. Zwei leben am Dorfeingang, die sind miteinander verfeindet. Ab und zu geraten Touristen zwischen die Fronten.

Vor einer halben Stunde hat die granitgraue Doppelspitze des Berges Uschba die Sonne verschluckt. Für die Bewohner von Adischi ist die Zeit gekommen, langsam nervös zu werden. Wer jetzt noch ein Bett frei hat, geht heute Nacht vielleicht leer aus. Drei Wanderer, die letzten Ankömmlinge an diesem Tag, haben an der einzigen Kreuzung des Dorfes die Rucksäcke zu Boden fallen lassen. Sie biegen die Rücken, wischen sich den Schweiß von den Schläfen. Und schon ist der Kampf um ihre Gunst entbrannt.

Der Nachbar von rechts tobt brüllend über den Schotterweg, die Faust wild kreisend. Die Ehefrau, fest an sein Hemd geklammert, zieht er mühelos hinter sich her. Die Nachbarin von links greift sofort zum Knüppel. Die verwitterten Gemäuer der Häuser werfen ihr Kreischen zurück, so laut, dass die Hühner auseinanderstieben und sich die Schweine schnaufend davontrollen. Ein Mann aus Boston steht im Vorgarten. Er ist auf mehr als 2.000 Meter gestiegen, um die Ursprünglichkeit des Kaukasus und seiner Bewohner zu filmen – und vergisst vor Schreck, seine Videokamera draufzuhalten.

Als das Knäuel der Kämpfenden hinter einer Häuserecke verschwindet, machen sich die Wanderer auf und davon. Schnell Richtung Fluss. Die Gasse dorthin ist gesäumt von gemauerten Wehrtürmen. Manche stehen schon seit 900 Jahren, einige Wände sind geborsten, handbreite Risse teilen Feldsteine und Schieferplatten. Hier ist jedes Haus eine kleine Burg, gegen Angriffe gewappnet. Alle ortskundigen Historiker, angefangen mit dem antiken Griechen Strabo, haben die Swanen im kaukasischen Hochland als ein Volk der Krieger beschrieben. Man hätte ahnen können, dass ihr Temperament über die Jahrhunderte nicht vollständig abgekühlt ist.

Im Moment ringen die Swanen vor allem mit sich selbst. Eine Folge der neuen Zeit: Nach 2.000 Jahren weitgehender Isolation taucht Swanetien nun häufiger in Reisekatalogen auf.

Menschen, die im Auftrag der Unesco die Welt bereisen, sind bestimmt nicht leicht zu beeindrucken. Aber als Mitarbeiter des
Internationalen Rates für Denkmalpflege Mitte der neunziger Jahre das erste Mal nach Oberswanetien reisten, um die Aufnahme der Region ins Weltkulturerbe zu prüfen, waren sie kaum vorbereitet auf das, was sie vorfanden: Eine Landschaft wie gemalt, mit grün, grau und weiß gefalteten Bergen, mit hüftschiefen Steinhütten in den Tälern, mit Kirchen in Besenkammer-Größe, an deren Wänden verblichene Heiligenbilder aus dem frühen Mittelalter zu sehen waren – und überall diese Wehrtürme, bis zu 200 in einer Siedlung. Dem Bericht der Denkmalschützer ist, trotz steifer Behördensprache, ein tiefes Erstaunen anzumerken. Ähnlich abgeschiedene Dorfgemeinschaften, notierten sie, existierten nur noch in einigen Regionen des Himalaya. Oberswanetien wurde umgehend in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Ein paar Jahre später war es mit der Isolation vorbei.

Nino Ratiani steigt im Flur ihres Hauses über einen Campingkocher, hebt nebenbei zwei achtlos liegen gelassene Wanderstöcke auf und bringt dann fix mit zwei Handgriffen das Internet wieder zum Laufen. Von allen Seiten prasseln Fragen auf sie ein. Die Israelis brauchen einen Fahrer, spätestens um fünf Uhr morgens, eine Deutsche fragt nach ihrem Lunchpaket, aber bitte vegetarisch, und eine Irin mag keinen Tee ohne Zucker trinken. Ratiani bleibt kaum stehen: »Yes, of course«, »No problem«, »I will help«. Sie hat zwei Handys, die meiste Zeit telefoniert sie mit mindestens einem von beiden.

Ratiani ist eine drahtige Frau mit Dauerlächeln, die pechschwarzen Haare klemmt sie energisch hinter die Ohren. Sie ist 47 Jahre alt und die meiste Zeit ihres Lebens mit zwei Sprachen gut über die Runden gekommen: Swanetisch für die Nachbarn, Georgisch, falls sich mal jemand aus dem Flachland in die Höhe verirrte. Vor 15 Jahren fing sie an, Englisch zu lernen. Das war ungefähr zu der Zeit, als ihr Sohn zwischen zwei Bergen einen japanischen Wanderer auflas und sie ihm eine Übernachtung und ein paar Scheiben georgischen Bergkäse anbot. Der Gast drückte Ratiani am nächsten Morgen als Dankeschön fünf Lari in die Hand, umgerechnet etwa zwei Euro. Die Gastgeberin konnte ihr Glück kaum fassen, so karg waren die Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Heute kostet eine Übernachtung in
»Ninos Guesthouse« 18 Euro.

+++ Swanetien schüttet Naturschönheiten mit dem Füllhorn aus +++

Ratianis Heimatort, die Kleinstadt Mestia, ist das Verwaltungszentrum von Oberswanetien und zugleich erster Anlaufpunkt und Basislager für alle, die sich zu Fuß, zu Pferd oder mit Skiern auf den Weg machen wollen. Wer früher nach Mestia fuhr, bog von der Schnellstraße, die die georgische Hauptstadt Tbilissi mit dem Schwarzen Meer verbindet, rechts ab und quälte sich dann mindestens einen halben Tag lang Serpentinen hinauf, holperte mit dem Jeep über Geröll und versank häufig bis zu den Radachsen im Schlamm.

Die Swanen reiten ohne Sattel, in der Hand eine Flasche Grappa
Seit ein paar Jahren investiert Georgiens Regierung verstärkt in den Ausbau des Tourismus. Es hat ein bisschen gedauert, aber zu guter Letzt erinnerte sie sich auch an Oberswanetien. Seit Kurzem ist die Zufahrtsstraße nach Mestia durchgehend asphaltiert, zu Beginn des Jahres wurde außerdem der Flughafen Mestia eröffnet. Zugeschneite Straßen sind jetzt kein Problem mehr, Touristen können das ganze Jahr über kommen.

Wenn Nino Ratiani die Straße in Mestia entlanghastet – die Gehwege sind gerade aufgerissen – passiert sie mehr Gerüste als Fassaden. Es gibt ein modernes Polizeirevier mit voll verglaster Front. Im Boden eingelassene Scheinwerfer tauchen die Wehrtürme nachts in warmes Licht. Dank neuer Masten wird der Strom im kommenden Winter nicht mehr so schnell ausfallen. Ratianis raue, schleppende Stimme dringt nur schwer durch den allgegenwärtigen Baulärm. Ihre Worte könnten auch in einem georgischen Regierungsprogramm zur Unterstützung des Tourismus stehen. Sie spricht von »Entwicklung« und »Infrastruktur« und nebenbei ein bisschen von der Tradition. Gastfreundschaft, sagt Nino Ratiani, sei eine der ältesten swanetischen Tugenden. Das müssten nur auch die Bauern einsehen, die lieber ein neues Rind als ein neues Dach für die Ruine ihres Wehrturmes hätten.

Wer sehen wolle, wie ursprünglich die Swanen noch leben, brauche nur aus Mestia rausspazieren, sagt sie, und macht eine unbestimmte Handbewegung in alle Himmelsrichtungen. Über den nächsten Berg, ins nächste Tal – eine Straße dorthin werde im kommenden Jahr geteert. »Und dann kommen die nächsten Dörfer dran.« Ratiani hat vor Kurzem einen neuen Kredit aufgenommen. Im nächsten Jahr will sie in ihrem Garten ein neues Gästehaus bauen. Sie braucht eine große Küche und zusätzliche Bäder.

Nino Ratiani hat Recht. Touristen können bei der Routenwahl von Mestia aus keinen Fehler machen. Swanetien schüttet Naturschönheiten mit dem Füllhorn aus. Der Berg Uschba, der »Schreckliche«, 4.700 Meter hoch, sitzt den Wanderern wie ein streng blickender Zuschauer im Nacken. Lange bevor man die Gebirgsflüsse an seinem Fuße sieht, hört man ihr Reißen und Gurgeln. Im Spätsommer färben sich die Berghänge rot und gelb. Oft steht bis in die Nachmittagsstunden ein bleicher Mond am Himmel.

Am Ufer eines Flusses trifft eine Gruppe Touristen zwei Swanen hoch zu Pferde. An den Gästen scheint bis hin zum wasserabweisenden Stirnband alles aus einem Fachgeschäft für Wanderbedarf zu stammen. Die Swanen reiten ohne Sattel, halten in einer Hand die Zügel und in der anderen eine Plastikflasche mit selbst gebranntem Grappa, dem Tschatscha. Kurzentschlossen hieven sie die Fremden auf ihre Pferde und waten mit ihnen durchs gletscherkalte Wasser. Als die Gäste am anderen Ufer von den Pferden fallen und sich die Fellhaare von den Hosen klauben, lachen sie vor Glück laut auf. Im Gesicht der Reiter bewegt sich kein Muskel, ihre Antwort ist ein Achselzucken.

Bei den Awalianis bullert der Holzofen, es duftet nach Kerzenwachs

Zuletzt weisen sie den Besuchern den Weg zur nächsten Siedlung. In Iprali, einem weiteren Dorf aus altem Stein, wohnen die Schwestern Naili und Dschameki Awaliani. Nach der Schule sind die beiden auf der Suche nach Arbeit und Lohn ein paar Jahre durch Georgien und durch die restliche Welt getingelt. In diesem Sommer sind sie in ihr Elternhaus zurückgekehrt, weil Swanetien auf einmal gar nicht mehr so trostlos wirkte wie zuvor. Außerdem hatten sie gehört, man könne mit Tourismus nun gutes Geld verdienen. Die Schwestern besitzen die einzige Duschkabine mit fließend heißem Wasser im Dorf. Im nächsten Jahr wollen sie den zerfallenen Wehrturm an der Nordmauer ihres Hauses wieder herrichten lassen. Dann haben auch sie eine ansehnliche Bleibe anzubieten.

Die längste Zeit waren die Swanen angewiesen auf das, was ihnen Wiesen und Berge gaben. Noch heute brauchen sie nur selten einen Supermarkt, Milch und Käse bekommen die Schwestern Awaliani von den Nachbarn, Brot backen sie selbst und beschmieren es mit einer Sauce aus unreifen Pflaumen. So selbstverständlich sich die Swanen der Unwirtlichkeit der Natur im Hochgebirge gebeugt haben, begegnen sie auch den Besuchern.

Am Ende eines langen Tages bullert bei den Awalianis der Holzofen, es duftet nach Kerzenwachs. Gastgeber und Gäste rücken zusammen, weil in der Nacht die Hochgebirgskälte in die Häuser kriecht. Dschameki nimmt die Panduri von einem Haken an der Wand und singt von den Bergen und von einer unerfüllten Liebe, bis sie im schwindenden Tageslicht die Saiten nicht mehr erkennen kann. Naili erzählt mit warmem Singsang in der Stimme von den Seelen der verstorbenen Eltern und Großeltern, die manchmal nach Hause zurückkehrten und bewirtet würden, von Geistern der Vergangenheit und von der goldenen Zukunft Swanetiens. Das alte Kriegervolk schließt Frieden mit der neuen Zeit.

Georgiens Tourismusbüro steht im Netz unter
http://www.georgia.travel/.

Der Dresdner Veranstalter Schulz Aktiv Reisen (
http://www.schulz-aktiv-reisen.de/) bietet Wanderreisen nach Swanetien an.

Nino Ratianis Guesthouse in Mestia hat die Webadresse
http://www.svanetighouse.com/


Artikel Drucken Druckversion PDF

Bild© Vano Shlamov/AFP/Getty Images

+++Abenteuer Georgien
Bei den letzten Cowboys

Öliger Dosenfisch, selbst gebrannter Fusel und eine grandiose Landschaft – ein Almabtrieb im georgischen Tuschetien macht Männer zu ganzen Kerlen. Und Wölfe zu Hunden.
[weiter…]

Georgien
Ein Oligarch gegen die georgische Regierungsmacht

Tue Gutes und sprich nicht darüber: Der Milliardär Bidsina Iwanischwili handelt bisher im Verborgenen. Doch nun will er Präsident Georgiens werden – und wird schikaniert.
[weiter…] 9 Kommentare

1 comment:

Henning(i) said...

Hallo Rapho,

schade, dass du dich auf meine Mail nicht gemeldet hast...

HGvH