Showing posts with label Rezension. Show all posts
Showing posts with label Rezension. Show all posts

Sunday, May 03, 2020

BUCHBESPRECHUNG: Über eine faszinierende Geschichte russisch-georgischer Beziehungen. Von Dieter Boden via @theeuropean

Buch: Philipp Ammon, Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Die Wurzeln des Konflikts vom 18. Jh. bis 1924, Frankfurt/M 2020.


Früherer Deutscher Botschafter 

in Georgien, Dieter Boden
(theeuropean.deDies ist die faszinierende Geschichte russisch-georgischer Beziehungen zwischen 1801, dem Jahr der Annexion Georgiens durch das zaristische Rußland, bis nach dem ersten Weltkrieg. Es ist ein Thema, das bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion allenfalls für Fachleute der Geschichtswissenschaft von Interesse gewesen sein mag. Inzwischen hat der Kaukasus als ein regionaler Spannungsherd in unserer unmittelbaren Nachbarschaft neue Aktualität erhalten. Dieses Buch von Philipp Ammon ist insofern auch ein Beitrag zur politischen Zeitgeschichte.

Ammon behandelt einen entscheidenden Abschnitt in den Beziehungen zwischen den beiden Völkern und Nachbarn, die sich in ihrer Kultur, ihrer Mentalität und ihren Lebensgewohnheiten grundlegend unterscheiden. Es ist eine Geschichte, die geprägt ist von Gewalt, Verrat und Täuschungen, aber auch von friedlichem, oftmals sogar harmonischen Zusammenleben – mit einem Wort: ein Musterbeispiel aus dem Fach politischer Staatenbeziehungen, das uns auch heute noch manches lehren kann. Dies gilt sicherlich insbesondere hinsichtlich unseres heutigen Verhältnisses zu Rußland.

Mit viel Sachkunde schildert Ammon die Periode der bilateralen Beziehungen in dem sich insgesamt über 115 Jahre erstreckenden Zeitabschnitt, in dem Georgien Teil des Russischen Zarenreiches war. Der Band enthält eine Fülle an Anmerkungen sowie ausführliche Hinweise auf weiterführende Literatur zum Thema; ein wenig störend wirkt die umständliche Transskription der Personennamen ins Deutsche, die nicht selten das Lesen beeinträchtigt. Kurz behandelt Ammon auch die Periode von 1918 bis 1921, in der Georgien erstmals seine Unabhängigkeit errang, bevor diese im Februar 1921 durch den Einmarsch der Roten Armee wieder zunichte gemacht wurde – weitgehend unbemerkt durch das restliche Europa, das mit den Folgen des vorangegangenen Weltkrieges beschäftigt war. Die darauffolgende Periode, in der Georgien über 70 Jahre als Bundessstaat Teil der Sowjetunion war, wird von Ammon nur gestreift. Viel Aufmerksamkeit widmet er den Beziehungen zwischen den beiden orthodoxen Kirchen.

Die Annexiuon durch Rußland von 1801 brachte für Georgien zunächst das übliche Schicksal eines unterworfenen Landes: Ausplünderung, Zwangsassimilierung und Niederschlagung von immer wieder aufflammenden Aufständen. Als schlimmste Demütigung, so bemerkt Ammon zutreffenderweise, empfanden die Georgier die Unterstellung ihrer orthodoxen Kirche unter die des Moskauer Patriarchats im Jahre 1811. Jedoch setzt Ammon denjenigen, die die russische Herrschaft allein als eine Leidensgeschichte fortdauernder Unterdrückung sehen wollen, eine differenziernde Betrachtungsweise entgegen. Die Bilanz ist ambivalent: in der Zeit bis 1914 erlebte Georgien eine Friedenszeit ohne die Verwüstungen, die es in den Jahrhunderten vorher durch eine endlose Folge an Invasionen durch fremde Eroberer erlitten hatte. Unter „befreundeten Bajonetten“, wie der Dichter Lermontov dies bezeichnete, erholte sich das Land allmählich. Es fand Anschluß an die Moderne durch den Bau von Infrastrukturen, durch die beginnende Umstellung einer archaischen Agrarwirtschaft auf eine industrielle Erschließung seiner Ressourcen, durch den Aufbau von Telekommunikationen, bei der die deutsche Firma Siemens entscheidend mitwirkte.

Wiederbelebt wurden nun auch die zuvor jahrhundertelang unterbrochenen Verbindungen zu Europa, und Rußland spielte bei der Vermittlung eine entscheidende Rolle. Es waren russische Universitäten, die die neuen georgischen Eliten ausbildeten. Die georgischen Studenten kamen von dort als „Westler“ zurück, hatten Kant und Hegel gelesen und traten bald auch für nationale Selbstbestimmung ihres Landes ein.

Auch nach 115 Jahren gemeinsamer Staatlichkeit blieben jedoch die Unterschiede in Kultur, Lebensgefühl und Mentalität zwischen beiden Ländern bestehen. Daß die russische Epoche heute überwiegend als eine traumatische Erfahrung wahrgenommen wird, ist eine Folge der anschließenden 70 Jahre unter sowjetkommunistischer Herrschaft, die am 9.4.1989 mit einem besonders brutalen Akt abschloss: einem Massaker sowjetischer Truppen an der georgischen Zivilbevölkerung.

Es wäre wünschenswert, wenn diese vergangene Geschichte der russisch-georgischen Beziehungen durch ein Kapitel über die Sowjetzeit und die Gegenwart seit der neuen georgischen Unabhängigkeit von 1991 ergänzt würde. Das Buch von Ammon ist jedenfalls ein verdienstvoller Anstoß. Heute werden die russisch-georgischen Beziehungen durch die Auseinandersetzung um die von Georgien abgefallenen und von Rußland unterstützten Separatstaaten Abchasien und Südossetien bestimmt. Eine einvernehmliche Regelung dieses Konflikts ist nicht in Sicht. Seit 2008 sind die bilateralen Beziehungen zwischen beiden Ländern abgebrochen. Die Wirkungen dieses Konflikts strahlen vielfältig zu uns in den Westen Europas aus. Auch dies macht Ammons Buch deutlich: ohne eine Normalisierung der georgisch-russischen Beziehungen wird die Region des Südkaukasus nicht zur Stabilität finden.

Monday, April 20, 2020

BÜCHERSCHAU von Urs Unkauf: Ammon, Philipp (2020): Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Klostermann-Verlag

Die Beziehungen zwischen Georgien und Russland sind heute überschattet. Einerseits kritisiert Georgien die Einmischung Russlands und dessen Aktivitäten in Abchasien und Südossetien. Andererseits sieht die russische Seite ihre traditionelle politische Einflusssphäre durch die Entscheidung Georgiens für den Weg in die euro-atlantische Integration gefährdet. Dass die Wurzeln dieser aktuellen Konflikte tiefer liegen, zeigt Philipp Ammon in seinem Buch. Ausgehend von der Frage „wie es zur Konfrontation zweier Völker kam, die keine tiefverwurzelte, gleichsam metaphysische Feindschaft“ (S. 9) trenne, stellt Ammon die georgische und russische Perspektiven gegeneinander. Dabei kommen politische, aber auch literarische Akteure zu Wort. Ammon beginnt mit der georgischen Geschichte. Er startet in der Antike und kommt dann im 18. Jahrhundert an. Konkret geht es um den 1783 geschlossenen Vertrag von Georgijewsk, in dem die georgischen Könige einem Bündnis mit dem Zaren beitraten. Dies hatte den Verlust der Souveränität über die außenpolitischen Kompetenzen zur Konsequenz. Es geht weiter mit der Annexion Georgiens durch das Zarenmanifest von 1801. Es folgen wechselseitige literarische Wahrnehmungen, die Entwicklung der georgischen Nationalbewegung und kirchliche Konflikte. Das letzte Kapitel nimmt den chronologischen Faden wieder auf. Es befasst sich mit der Zeit nach der Revolution von 1905 bis zur ersten georgischen Republik, die 1921 durch den Einmarsch der Roten Armee endete.

Die Beziehungen zwischen Georgien und Russland waren nach Ammon „ein Muster von Nähe und Fremdheit, von Verbundenheit und Abkehr, von russisch-imperialer Homogenisierung und georgischer Identitätsbehauptung“ (S. 212). Ammon legt die historischen Wurzeln dieses Spannungsgeflechtes frei. Ein lesenswertes Werk für alle, die Georgien besser verstehen wollen, und zugleich bereit sind, auch über Russland Neues zu lernen.

Urs Unkauf, Berlin Bücherschau WeltTrends • Das außenpolitische Journal • 161 • März 2020 • 28. Jahrgang • S. 66 Ammon, Philipp (2020): Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Klostermann-Verlag, 238 Seiten, 29,80 Euro.

welttrends.de

Saturday, March 28, 2020

GESCHICHTE: Georgien - Spielball im "Great Game" - über Georgiens Geschichte und das ambivalente Verhältnis zu Russland - von Philipp Ammon. Rezension von Claus-Dieter Stille. via @derfreitag


Buchbesprechung [freitag.de] Philipp Ammon hat es unternommen, ein tief lotendes Buch über Georgiens Geschichte und das ambivalente Verhältnis zu Russland geschrieben

Über Georgien hört man im Grunde nichts bzw. sehr selten etwas. Erst recht nicht heute, in Zeiten, wo der Corona-Virus "regiert". Ein kleiner, christlich geprägter Staat (sh. Wikipedia) mit gerade einmal 3.729.635 Einwohnern. Das Land erklärte sich am 26. Mai 1918 für unabhängig und erlangte nach dem Ende der UdSSR am 9. April 1991 wieder die Unabhängigkeit. Ich kannte das Land lange nur unter der vom Russischen herrührenden Bezeichnung Grusinien (Грузия (Grusija) früher gelegentlich auch Grusien oder Grusinien genannt; Quelle: Wikipedia).

Zuletzt war Georgien während der Olympischen Spiele in Peking stärker in den Fokus der Nachrichten gerückt. Micheil Saakaschwili, von 2004 bis 2013 Staatspräsident Georgiens, (an dessen geistiger Gesundheit so mancher zweifelte) ließ, während die Weltöffentlichkeit mit den Olympischen Spielen beschäftigt war, in der Nacht vom 7. auf den 8. August 2008 – also zeitgleich mit dem Beginn der Olympischen Spiele in Beijing - die Hauptstadt der "abtrünnigen Republik" Südossetien, Zchinwali, militärisch angreifen, um dieses - innerhalb der Grenzen der früheren sowjetischen Teilrepublik Georgien gelegene - Territorium (erstmals seit der Zerstörung der UdSSR) der Hoheit des unabhängigen georgischen Staates zu unterstellen. Russland, das sich als Schutzmacht Südossetiens verstand (und versteht), reagierte mit einem militärischen Gegenschlag und drang auf "kerngeorgisches" – wie es hieß - Territorium vor.

Über die Geschichte Georgiens dürften viele von uns – beschönigend ausgedrückt - keine größere Kenntnis besitzen. Das Verhältnis von Georgien und Russland ist ambivalent. Der Historiker Philipp Ammon charakterisiert es in seinem Buch „Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Die Wurzeln des Konflikts vom 18. Jh. bis 1924“ als „tiefverwurzeltes, gleichsam metaphysisches Spannungsverhältnis“ . Gegen Ende seines hochinteressanten Buches lesen wir in den Schlussbetrachtungen:

„Im Verhältnis der beiden christlich-orthodoxen Länder unterschiedlich ausgeprägter Tradition spiegelt sich ein Muster von Nähe und Fremdheit, von Verbundenheit und Abkehr, von russisch-imperialer Homogenisierung und georgischer Identitätsbehauptung. Die Beziehung von Georgiern und Russen war von Anbeginn die ungleicher Partner. Seit dem späten Mittelalter sehen wir das kleine Georgien als beim nördlichen Reich Schutzsuchenden. Das Zarenreich war hingegen seit Peter d. Gr. an einer Ausgangsbasis für ein weiteres imperiales Ausgreifen nach Persien – späterhin mit Perspektive auf Indien – und den Dardanellen interessiert. Eine Harmonisierung derart unterschiedlicher Interessen fand zu keiner Zeit statt. Wie schon erstmals im Jahr 1483 König Alexander I. von Kachetien gegenüber dem Großfürsten – in der Selbstbezeichnung gegenüber Mindermächtigen sich erstmals „Zar“697 bezeichnenden – Ivan III. d. Gr. oder um 1720 Vaxt’ang VI. gegenüber Peter d. Gr. traten bei den Verhandlungen zu dem immer wieder zitierten Vertrag von Georgïevsk 1783 die Georgier als Bittsteller auf. Auf die von Georgiern bis heute als "Verrat" gedeutete verheerende Niederlage von K’rc’anisi (1795) gegen die Perser folgte die unter demütigenden Umständen vollzogene Annexion von 1801. Die Wegführung der Bagratiden nach Russland erscheint symbolhaft für den rücksichtslosen Umgang des Imperiums mit dem hilflosen kaukasischen Königreich. Anders als beim Anschluss der baltischen Provinzen unter Peter d. Gr., bei welchem sämtliche ständischen Rechte gewahrt und die deutsche Selbstverwaltung beibehalten wurde, oder bei der Inkorporation des durch einen Bagratidengeneral eroberten Finnland (1809) nahmen die Russen bei der Annexion Georgiens keine Rücksicht auf die lokalen Traditionen. Der Modus der Annexion – der dem Adel unter Bajonetten aufgezwungene Treueid in der Zionskirche 1802 – blieb im historischen Gedächtnis des Volkes, nicht nur des Adels haften. Zum ersten Bezugspunkt des verletzten Rechtsbewusstseins wurde so die Missachtung der im Vertrag von Georgïevsk getroffenen und in den Bittpunkten vom Zaren bestätigten Vereinbarung über die Beibehaltung des bagratidischen Königtums. Die Inkorporation Georgiens folgte demselben Muster wie die der benachbarten muslimischen Khanate.

697 v. Rimscha, S. 142.“

Nichtsdestotrotz, arbeitet der Autor heraus, gibt es in beiden Völkern Sympathien für das jeweils andere Volk. Ebenso freilich Antipathien.

Das wird auf Seite 212 des Buches verständlich:

"Fehlwahrnehmungen, machtgestütztes Vorgehen der Russen und Widerstand der Georgier führten zu Entfremdung. Doch die russische Dichtung löste sich nie von ihrem Traumland Georgien. Um eine einseitige Sicht der Dinge zu vermeiden, galt es, die unter russischer Herrschaft erzielten zivilisatorischen Fortschritte im Kaukasus zu berücksichtigen. Die russische Verwaltung beendete Jahrzehnte barbarischer Einfälle und islamischer Fremdherrschaft.705 Die drohende Vertilgung des georgischen Volkes wurde abgewendet. Schließlich brachte die russische Expansion in Transkaukausien eine "Sammlung der georgischen Erde" zuwege, die Verwirklichung des georgischen Traumes seit der Mongolenzeit.706 Georgien verdankte seine Konsolidierung als einheitlicher politischer Raum gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Machtentfaltung des petrinischen Imperiums. Durch wirtschaftlich-technische und administrative Integration schuf Russland überhaupt erst die Voraussetzungen für die Herausbildung georgischer Staatlichkeit. Die unter imperialer Ägide entstandenen Institutionen bildeten die Vorformen des georgischen Staates. Die Leistungen Russlands in Georgien wurden überwiegend anerkannt. Auch die Vereinigung Georgiens durch russische Annexionen wurde als politischer Gewinn erkannt. Erst unter dem Szepter des Zaren war das alte Georgien fast wiedervereint." 

Ebenfalls interessant:

"Zu den Besonderheiten der russisch-georgischen Geschichte gehört, dass die Loyalität gegenüber dem Zarenreich seitens nationalbewegter Georgier trotz aller erfahrenen Härten über lange Zeit nicht in Frage gestellt wurde. Im Jahre 1880 – vor dem Regierungsantritt Alexanders III. – schrieb der Journalist Sergi Mesxi in der Zeitschrift Droeba, dem Sprachrohr der Nationalbewegung: "Wir haben uns guten Willens Rußland anvertraut, dem wir grenzenlos ergeben sind." Er fügte jedoch warnend hinzu, der Schulinspektor Janovskïj "versündigt sich gegenüber Rußland, weil er versucht, ihm die Liebe und Ergebenheit des georgischen Volkes zu rauben"." Anscheinend hat sich Sprache, Kirche und Kultur Georgiens unter der Sowjetherrschaft sogar zeitweise günstiger entfalten können als unter der Herrschaft des Zaren: "Die unterschwellig gleichwohl stets herbeigesehnte nationale Unabhängigkeit fiel den Georgiern in den Revolutionsjahren 1917/18, genauer: im Gefolge von Brest-Litowsk, eher zufällig zu. Mit dem durch die deutsche Niederlage besiegelten Umschwung der Machtverhältnisse sah sich das unabhängige Georgien in einer teils bekannten, teils neuartigen Zwangslage: im Süden die Jungtürken, im Norden die Bolschewiken. Der Verlust der Unabhängigkeit war indes nicht das Werk Lenins, sondern jener georgischen Bolschewiken, die ihr Heimatland in das neue, vermeintlich völkerverbindende Sowjetreich heimholen wollten. Zur Ironie der russisch-georgischen Geschichte gehört die Tatsache, dass sich Sprache, Kirche und Kultur Georgiens unter der Sowjetherrschaft zeitweise ungestörter entfalten konnten als unter den Zaren. Zu Recht verweist Reisner darauf, dass sich die Dialektik von russischem Machtausbau und georgischer Selbstbehauptung in vollem Umfang sogar erst in Zeiten der Sowjetherrschaft entfaltete, als der Ausbau georgischer nationaler Institutionen – zu nennen sind hier nicht nur Schulen, Universitäten, Akademien, sondern auch die kommunistische Staatspartei Georgiens, der Staatsapparat und der Geheimdienst – voranschritt. Anders als Rosa Luxemburg erkannte Lenin der Nation durchaus eine fortschrittliche Funktion zu." 

Was man auch berücksichtigen sollte:

"Die Loyalität der Georgier gilt der Kirche, nicht ihrem Staat. Diese geringe Staatsbindung verleiht den Regierungswechseln seit dem Ende der Sowjetherrschaft revolutionären bis bürgerkriegsartigen Charakter, verbunden mit jeweils komplettem Austausch der Staatsdienerschaft. Politik gerät in Georgien in die Nähe einer permanenten stásis – ein Moment, das von den Georgiern selbst leider kaum reflektiert wird. Weit bequemer ist es, die schwache Staatlichkeit auswärtigen Mächten wie Russland anzulasten." 

Noch immer wird in Georgien Stalin hochverehrt; während auf der anderen Seite Antikommunismus existiert. Beides werde jedoch nicht als Widerspruch empfunden.

Am schwierigen Verhältnis zwischen Russland und Georgien – lesen wir aus dem Text von Ammon heraus dürften beide Staaten wechselseitig nicht frei von Schuld sein:

"In diesem Zusammenhang spielt aber auch das von Dostoevskïj und Vasilïj Rozanov722 beklagte Desinteresse der Russen an der Historie, nicht zuletzt an Geschichte und Selbstverständnis der imperial angeeigneten Völker, eine nicht zu unterschätzende Rolle. Umgekehrt leidet auch die georgische Historiographie nicht an übertriebener Selbstkritik. Beide Dispositionen sind einer vernünftigen Politik nicht förderlich. Selbst da, wo mit großem Aufwand Versuche einer Verständigung unternommen werden, zeichnet sich keine Wende zum Positiven ab." 

Georgien ist nicht zuletzt so etwas wie ein Spielball – meint Philipp Ammon – in einer Neuauflage des "Great Game" zwischen den USA und Russland im Nahen Osten. Nichts so ganz eues: Habe doch Georgien seinerzeit Peter dem Großen als Aufmarschgebiet gegen Persien gedient. Und in der Gegenwart werde das Land nun von den USA und Israel in eine vergleichbare Rolle als strategische Basis gegen Iran manövriert. Ob Georgien gut beraten war (freilich in der verständlichen Absicht sich von russischem Einfluss fernzuhalten) sich die USA als neue Schutzmacht quasi an den Hals zu schmeißen, nachdem es wohl nicht an entsprechenden Winken aus Washington gefehlt haben dürfte, darf m.E. stark bezweifelt werden.

Der Vorhang zu und alles Fragen offen, könnte man nach der Lektüre betreffs des Verhältnisses zwischen Russland und Georgien sagen. Denn von positiven Aussichten betreffs einer möglichen Verbesserung des Verhältnisses beider Länder kann das Buch freilich keine Kunde geben.

Um aber zu verstehen, um nachzuvollziehen warum die Situation so ist wie sie heute ist, war es sehr lehrreich, dieses Buch von Philipp Ammon zu lesen. Man kann es durchaus als veritables Geschichtsbuch mit einer Fülle von genau beschriebenen Hintergründen bezeichnen. Ammon hat für das Buch unglaublich tief gelotet und viel Wissenswertes an den Tag befördert. Eine unglaubliche Fleißarbeit, die nicht hoch genug geschätzt werden kann, leistete der Autor augenscheinlich, die jedoch nötig war, um möglichst alle erreichbaren Quellen (akribisch aufgeführt) zu studieren, um diese Arbeit zu leisten. Einfach so und sozusagen in einem Rutsch ist das Buch – mit den vielen Hinweisen und Quellenangaben – logischerweise nicht zu lesen. Aber es ist für diejenigen, welche sich für dieses ansonsten meines Wissens wenig beackerte Thema interessieren dann doch unverzichtbar. Das Buch dürfte darüber hinaus aber auch für einen breiteren Leserkreis von Interesse sein. Die Zeit zur Lektüre dieses Buches wird man sich dann gewiss gerne nehmen. Und in der Corona-Krise hat sicher manche/r womöglich auch die Muße sich dem Buch in Ruhe zu widmen.

Das Buch

Philipp Ammon: Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Die Wurzeln des Konflikts vom 18. Jh. bis 1924
Neuauflage Neuauflage der ersten Ausgabe von 2015 mit einem Nachwort von Uwe Halbach
2020. 238 Seiten. Kt 29,80 €
Format 14 x 21,5 cm
ISBN 978-3-465-04407-9
Klostermann Rote Reihe 117

Friday, February 09, 2018

REZENSION: Grigol Robakidse: "Magische Quellen". Das Stammesbewusstsein gurgelte. Von Christoph Schröder via @DLF

(deutschlandfunk.de) Nach und nach beginnen deutschsprachige Verlage, Schriftsteller aus Georgien zu entdecken und zu übersetzen. Unter dem Titel "Magische Quellen" sind nun drei kurze Novellen des 1882 geborenen und 1962 gestorbenen Autors Grigol Robakidse erschienen. Robakidse gilt als Klassiker, er ist aber auch durchaus umstritten.


Podcast: deutschlandfunk.de/grigol robakidse: magische quellen


Dem Orgiastischen, Wilden und Animalischen auf der Spur: Robakidses ideologische Irrwege müsse man aus ihrer Zeit heraus betrachten, schreibt Christoph Schröder (Arco Verlag / dpa/picture alliance/Thomas Schulze)
Es ist ein so kurzes wie verwirrendes Buch, mit dem man es hier zu tun hat. Verwirrend in der Ambivalenz und in der Mischung aus schönen Sätzen und erhabenen Naturbetrachtungen einerseits und in der Verwendung völkischen Vokabulars andererseits, das einem aus "Magische Quellen" entgegenschlägt. Gemeinsam mit einem Filmteam macht sich der Ich-Erzähler in der Novelle "Magische Quellen" auf in den Kaukasus, um dort dem legendären Bergvolk der Chewsuren zu begegnen und eine Dokumentation zu drehen. Und gleich zu Beginn der Reise wird deutlich, welche Perspektive der Erzähler auf die Landschaft wirft:

"Hier ist die Erde noch in Wahrheit 'Mutter Erde', warmschößig, früchteträchtig. Bis zur Beklemmung spürt man den gewaltigen, lebendigen, urhaften Mythos. Vorweltliches umweht und umweht dich."

Grigol Robakidse ist eine Figur der georgischen Literatur, deren ideologische Irrwege aus ihrer Zeit heraus betrachtet werden müssen. 1921 war es ausgerechnet der Georgier Josef Stalin, der die Demokratische Republik Georgien besetzte und der Sowjetunion einverleibte. Die Erhaltung nationaler Identität und der Befreiungskampf gegen die sowjetische Vorherrschaft wurden zu einem prägenden Bestandteil von Robakidses Biografie. Hinzu kommt, dass Robakidse in seinen Texten ohnehin dem Orgiastischen, Wilden und Animalischen nachspürt.

Ein erzählerisches Versinken in einer archaischen Kultur

"Magische Quellen" ist eine abenteuerliche Selbsterfahrungsreise. Der Ich-Erzähler versinkt förmlich in der archaischen Kultur der Chewsuren. Mit einem von ihnen geht er eine Blutsbrüderschaft ein. Wie überhaupt das Blut ein Leitmotiv der Novelle ist, sei es in Form von Opferritualen, sei es in Gestalt des greisen Medizinmannes, der seine Heilkraft aus alten, mythischen Zeiten hinüber gerettet hat. Während eines Festmahls im Kreis der Chewsuren reflektiert der Ich-Erzähler die vermeintlich überlegene Stärke eines geschlossenen Volkskörpers:

"Der Einzelne verlor sein eigenes Gepräge. Das Stammesbewusstsein gurgelte in unterirdischen Quellen. Das Sippengedächtnis tat seine Arbeit. Vom starken Blutstrom der Rasse ergriffen, schienen diese Menschen einfache physische Glieder eines unsichtbaren Ganzen zu sein. Irgendwo in den zahllosen Schichten des Unterbewusstseins musste wohl das lebendige Bild des Stammes aufsteigen und sich selber neu erschaffen."

Häufig ist im Zusammenhang mit Grigol Robakidse zu lesen, es sei bedauerlich, dass die Qualität seiner Texte immer wieder hinter seiner Biografie verschwinde. Doch vielleicht ist beides auch nicht voneinander zu trennen. Denn ja: "Magische Quellen" und auch die beiden anderen kurzen Novellen, die der Band enthält, bestechen auch in der Übersetzung durch große Suggestivität, intensive atmosphärische Schilderungen und ein ausgeprägtes Stilbewusstsein. Andererseits gilt es festzuhalten, dass Robakidses Anfälligkeit für Pathos und ekstatische Rauschzustände ihn geradewegs in die Faszination für begnadete Rhetoriker wie Mussolini und Hitler hinein trieb.

Exil und Freundschaft mit Intellektuellen

1931 ging Robakidse ins Exil nach Deutschland, schloss Freundschaft mit Intellektuellen wie dem Soziologen Werner Sombart und lernte die deutsche Sprache. Als georgischer Widerstandskämpfer schloss er sich einer Organisation an, die mit der Wehrmacht kooperierte. Nach Kriegsende musste Robakidse Deutschland wegen seiner Zusammenarbeit mit dem NS-Regime verlassen und ging in die Schweiz. Vor diesem Hintergrund ist die rein literarische Beurteilung der zu Beginn der 1930er-Jahre entstandenen kaukasischen Novellen eine komplexe Angelegenheit.

"Magische Quellen" ist kein Dokument eines hitzigen und spontan ausgebrochenen Nationalismus. Vielmehr sucht Robakidse den Anschluss an die tieferen, mythischen Zeiten in allen Lebensbereichen. Als sein Ich-Erzähler sich in die Cousine seines chewsurischen Blutsbruders verliebt und die beiden die erste Nacht verbringen, macht Robakidse daraus umgehend weit mehr als nur die Darstellung einer körperlichen Annäherung:

"Ich empfand sie als etwas Urzeitliches, als Eva, fast der Individualität bar. Wir lagen Brust an Brust, berührten uns. Sie wich zurück, aber sie löste ihre Lippen nicht von den meinen. Ihre Brüste erschienen mir wie Flusskiesel, von der Sonne durchglüht. Sie selber war hart und fest wie Felsenstein. Und aus dem Felsenstein sprang ein Quell: ihr Mund, von dem ich tierhaft gierig trank."

Man mag davon hin und wieder peinlich berührt sein, von diesem aufgeladenen Sound, der sich gegen alle Selbstverständlichkeiten der Moderne positioniert. Hoch interessant allerdings ist auf der anderen Seite, dass Robakidses "Magische Quellen" die zivilisatorischen Koordinaten genau kennen und sie archaisch überschreiben. Als Haltung gegenüber der Welt entwickelt dieses literarische Prinzip eine nicht unbedeutende Sogkraft. Man muss nur eben mitdenken, dass der Versuch der vollständigen ästhetischen Entgrenzung selbst immer auch totalitäre Züge in sich trägt.

Mehr zum Thema:
Gastland Frankfurter Buchmesse 2018 Warum Georgien auf die EU hofft
Hochgebirge in Georgien Tuschetiens heilige Orte
Kulturkampf in Georgien Der Ritter im Tigerfell hat ausgedient

Friday, October 03, 2014

REZENSION: Nino Haratischwilis „Das achte Leben (Für Brilka)“ – Über die Unausweichlichkeit dieser beispielhaften Leben. Von Bernd Schneid (medienobservationen.lmu.de)


DSCF0997(medienobservationen.lmu.de) Diesen Herbst wird die deutsche Literaturlandschaft endlich um einen großen neuen Roman reicher. Reich nicht nur ob sein es Umfangs von fast 1300 Seiten, sondern reich auf Grund seiner 107 Jahre umfassenden erzählten Zeit, die einen anderen Blickwinkel auf da s vermeintlich bekannte 20. Jahrhundert liefert. Einen Blickwinkel auf das Jahrhundert der ehemaligen Sowjetunion und auf den Verfall der georgischen Familie Jaschi, auf ihre Schicksale, ihre Lieben, Geburten, Tode und ihre fluchbehafteten Schokoladengeheimnisse.

Ein achtes Leben? Keine einfache 8, auch nicht die 9 Leben einer Katze können diesen Roman zusammenfassen, sondern ∞ wie unendlich. So beginnt der Roman und so schließt sich auch der Kreis oder besser das Möbiusband, das diesen grandiosen Roman umfasst. Zentrum der Jahrhunderterzählung ist die georgische Familie Jaschi aus Tbilissi in der auch die Autorin Nino Haratischwili 1983 geboren wurde und die neben ihrer Arbeit als Theaterregisseurin und Dramatikerin bisher die beiden Romane "Juja" und "Mein sanfter Zwilling" veröffentlicht hat.

"Das achte Leben (Für Brilka)" ist zweifelsohne ein literarischer Durchbruch. Es sind die acht Leben der familiär sich forterzählenden ProtagonistInnen des Romans, die den Schrecklichkeiten des 20. Jahrhunderts im "sowjetischen" Umfeld zu trotzen versuchen: Stasia, Christine, Kostja, Kitty, Elene, Daria, Niza und zu guter Letzt Brilka (die auch eigentlich Anastasia heißt, den Bezug zur Urgroßmutter mit demselben Namen herstellt und so einen Bogen von 1900 bis über 2000 spannt).

Parallel wird von Niza (der Erzählerin, die Historikerin ist) dann auch noch die Geschichte des 20. Jahrhunderts sehr versiert zusammengefasst. Das ist sowohl die Geschichte der ehemaligen Sowjetunion, als auch letztlich die der europäischen und internationalen Geschichte, die unausweichlich miteinander verknüpft sind, mit ihren Weltkriegen, dem Kalten Krieg, über die Perestroika und so weiter.

Die komplex verwobenen Paargeschichten um Stasia und Simon, Christine und Rabas, Gula und Andro, Kostja und Kitty, Kitty und Fred, Kitty und Giorgi und all den folgenden sind beeindruckend angeordnet und spiegeln eine lange literarische Tradition. Nicht von ungefähr kann man ein paar bekannte Namen aus der Weltliteratur finden, wie die bereits erwähnte Anastasia oder Daria und Kitty, die man aus Tolstois "Anna Karenina" kennt oder in anderer Form und Tradition bei Flauberts Emma Bovary und Fontanes Effi Briest findet, deren ProtagonistInnen in „Das achte Leben (Für Brilka)“ mit einer aktualisierten Durchschlagkraft auferstehen.

Doch in Haratischwilis Romanepos geht es nicht allein um Gefühl und Verführung, um das Anna-Karenina-Prinzip der glücklichen oder unglücklichen Familien, das ja Nabokov in seinem Roman "Ada, oder Das Verlangen" schon kongenial anders interpretiert und übersetzt hat, um das Prinzip jener Familien, die sich gleichen oder unterscheiden; nein, es geht nicht nur um Ehen und Ehebrüche, um Züge, Kutschen und Duelle, Grafen und weite Felder, wie das in vielen Kolportagen serialisiert wurde. Im „achten Leben“ geht es um diese Metaphern und Motive als die existentiellen Themen eben dieser Weltliteratur, aktualisiert für das 20. Jahrhundert.

Es scheint fast so, als ob die Weltkriege nie geendet haben und sich stattdessen immer wieder fortpflanzten. All die in der Erzählung gewählten Orte wie Klassenzimmer oder Druckereien werden im Roman umfunktioniert zu schrecklichen Heterotopien mit Folter und Vergewaltigungen, einem totalitären Staat und nie zu tilgender Schuld. Die Orte verlieren ihre ursprüngliche Bedeutung und werden zum Trauma der jeweiligen Verhältnisse. Edith Piafs "La Foule" liefert der Erzählerin Niza in einer ihrer schwersten Stunden einen besonders bitteren Soundtrack, der einem den Hals zuschnürt.

Doch eines zeigt Haratischwilis Romanepos neben all dem Grauen: dass die ProtagonistInnen immer Sinn und Hoffnung aufrechterhalten, auch wenn es manchmal kaum möglich ist, einen unbedingten Lebenswillen und eine Hingabe an das Leben. Das dicht konstruierte Handlungsgefüge verwendet hierfür ebenfalls eine aktualisierte Tradition des magischen Realismus, wie ihn z.B. schon Bulgakow in "Der Meister und Margarita" vertreten hat. Ob Schicksal, Faktum oder Magie, die individuell-kollektiven ProtagonistInnen sind in eine historische Differenz eingeschrieben, für die jegliche Deterritorialisierung unmöglich ist und für die es keine staatliche Sicherheit mehr geben kann.

„Das achte Leben (Für Brilka)“ verdient Raum, um all die Verwebungen zu analysieren, die Haratischwili herstellt. In Motiven und Symbolen wird die Geschichte der Sowjetunion, mit Georgien, Tbilissi und den Kleinen großen Männern oder Diktatoren, verknüpft. Das Rezept für eine besondere und „magische“ Schokolade stellt sich gegenüber die als Intertexte fungierenden Zitate von Anna Achmatowa bis David Bowie. Auch ein epischer Witz aus Dantes Inferno reflektiert mit dem Figurenpersonal aus all den Schwestern, Brüdern, Männern, Frauen, Kindern, Gespenstern und dem unendlichen Meer zwischen Himmel und Chaos, den ewigen Kreislauf zwischen Schöpfung und Zerstörung.

Wenn man also bemäkeln wollte, dass es unrealistisch sei, dass sich die Figuren immer wieder treffen, dass es artifiziell konstruiert erscheint, dass gerade die und der schließlich zueinander finden und der und die aneinander zerbrechen, ob hier, ob dort: es ist nicht zufällig. Nein, die spannende Struktur des Romans macht diesen familiären Stamm notwendig. Die Familie Jaschi ist das Gewebe dieses Teppichs. Ihre über fünf Generationen und acht Schicksale ausgebreitete Geschichte ist eben nicht wahllos, sondern ergibt am Ende eine spezielle und doch allgemeine Chronik des 20. Jahrhunderts. Ob in Tbilisi, Moskau, Berlin oder Paris, die Charaktere – allen voran die im Westen als Protests ängerin erfolgreiche Kitty – liefern einen individuell-kollektiven Spiegel der Geschichte.

In „Das achte Leben (Für Brilka)“ entfaltet sich kein purer sozialer Realismus, sondern eine magische Realismus-Möglichkeit, die unabdingbar mit der Erzählerin Niza verbunden ist, die bis hin zur Urgroßmutter Anastasia zurückblickt und die unbeugsame Realität der Zeit, der Gesellschaft und ihrer ProtagonistInn en zeigt. Das süße Zauberrezept des Schokoladenfabrikanten und Ururgroßvaters von Niza ist das magische Serum, das gar nicht anders kann, als ein letztes Geheimnis aufzubewahren. Was aber ist das Geheimnis dieses süßen Familienfluchs? Gibt es den überhaupt? Sollte er bewahrt werden? Darauf gibt die Erzählung letzten Endes die einzig mögliche Antwort. Denn Adressatin dieses Epos ist für Niza die 13-jährige Nichte Brilka, die als Endpunkt dieser besonderen und dennoch beispielhaften Figuren das gegenwärtigste Leben im Gefüge dieser fluchbeladenen Familie repräsentiert. Wenn Niza am Ende diesen roten Schokoladenfaden endlich kappt, schließt sich der Kreis erst wirklich.

Die Literatur steht hier am Umschlagpunkt zur Geschichte, die Literatur und der unendliche Wunsch zu erzählen, die Wahrhaftigkeit auszusprechen, das Schweigen zu durchbrechen und immer wieder die ursprüngliche Liebesbeziehung jede r Botschaft als transsubstantiellen Akt zu zeigen. Denn nicht immer – oder sogar nie – steckt tatsächlich ein Familienfluch hinter einer geheimen Schokoladenmischung, sondern es ist die Unausweichlichkeit von Hippolyte Taines Diktum temps, race, milieu, dem die ProtagonistInnen ausgesetzt sind. Dagegen hilft tat sächlich nur das unendliche Weitererzählen, ein bisschen Magie und die Sendung von Liebesbotschaften, die Kitty persönlich in ihren Liedern verpackt und um die ganze Welt schickt.

Die literarischste Metaphorik zeigt der Roman in diesem Sinne mit dem Teppich und seiner Herstellung. Man muss sich die ProtagonistInnen als Teppichwirkerinnen vorstellen, ständig am familiären Text webend, die das Geflecht, das diese beispielhaften Leben miteinander verknüpft, anordnen, in eine Ordnung bringen, die wahrhaftig ist, erotisch, grausam, rührselig, ohnmächtig, mächtig, aber auch komisch und zärtlich. Allezeit jedoch ist die Erzählung von einer tiefen Ehrlichkeit durchzogen, die gegen das Schweigen der Macht anschreibt und eine Notwendigkeit des immerwährenden Versuchs des Erzählens deutlich macht. Nicht allein für Niza wird das notwendig, die in ihrer Funktion als direkte Erzählerin des Romans fungiert, sondern auch im Hinblick auf die vielleicht zukünftige Erzählerin Brilka, für die Ni za die Familienchronik niederschreibt. Brilkas Roman jedoch bleibt ungeschrieben, muss noch geschrieben werden, wie de r Erzähler in Dostojewskis Roman "Die Brüder Karamasov" das schon mit Aljoscha angedeutet hat. Denn auch Niza kann die Unendlichkeit dieser Erzählungen nicht allein tragen. Aber sie kann Verantwortung übernehmen. Für ihre Nichte. Und das tut sie mit ihrer Erzählung. Sie durchbricht das Schweigen.

Leben ist im „achten Leben“ Erzählen, unendliches Erzählen, wie in Tausendundeiner Nacht, gegen den Tod, gegen die Gra uen des 20. Jahrhunderts, ob in der Gefangenschaft von Sultanen oder einem gewissen Generalissimus (wie Stalin hier nur genannt wird). Die Geschichten sind Teppiche und Schichten aus Geschichten, die Ebene um Ebene verwoben sind, Faden um Faden verknüpfen, abschneiden und wieder neu aufnehmen. Haratischwilis Romanepos zeigt die Unausweichlichkeit dieser beispielhaften Leben. Es liegt nicht alles in der Hand der Figuren. Schreckliche Dinge passieren.Die Zukunft bleibt in einem gewissen Nebel. Es kann jedenfalls kein einfaches Happy End geben. Das Erzählen muss weitergehen.

Kurzum, Nino Haratischwili hat mit „Das achte Leben (FürBrilka)“ einen existentiellen und historisch bedeutsamen Gesellschafts- und Familienroman der deutschen Gegenwartsliteratur geschrieben, der noch lange nachhallen wird. Die deutsche Literatur wird mit diesem Roman durch eine unerwartete deutsch-georgische Verbindung und Freundschaft bereichert. Und letzten Endes geht es in diesem Gefüge um nichts anderes als um eine Leerstelle, das titelgebende ac hte Buch als achtes Leben von Brilka, das noch nicht geschrieben ist. Es bleibt der Wunsch nach einem Zustand der Geschichte im Werden.

Und letzten Endes geht es in diesem Gefüge um nichts anderes als um den Wunsch nach dem, was Don DeLillo ans Ende seines großen Romanepos Unterwelt als letztes Wort stellt: ...

+++

Blog von Bernd Schneid: ecrinautik.blog.de
phil. Bernd Schneid, born in 1978. 1995 Education as an machining mechanic. 2004 Study in German Literature, Theatre Studies and American Literature in Munich. 2009 completion as Master of Arts. Then doctorate to spring 2012 in Literature and Media Studies. Since 2013 Assistant to the Board for an Association for Psychotherapists and freelance Author.
Focus: phenomenology, psychoanalysis, poststrukturalism, deconstruction, media theories, theatre, film, television and epicity.
Books about Shakespeare and the return of the epic in Quality-TV exemplified on The Sopranos and Lost.

PDF: medienobservationen.lmu.de/pdf

twitter: twitter.com/Ecrinautik

Sunday, March 09, 2014

REZENSION: Als hätten wir Italien im Kaukasus vergessen - Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan. Von Olga Grjasnowa (welt.de)

(welt.de) Sehnsuchtsländer: Stephan Wackwitz reist durch Georgien, Armenien, Aserbaidschan. Von Olga Grjasnowa 

Stephan Wackwitz Die vergessene Mitte der Welt" von Stephan Wackwitz ist eines der klügsten und schönsten Bücher, die ich im letzten Jahrzehnt über den Kaukasus gelesen habe. Für den Autor selbst "nicht mehr als ein zeithistorischer Zwischenbescheid" eines ausländischen und sprachunkundigen fellow travellers, ziehen sich lange Spaziergänge als Leitmotiv durch das Buch, die an den Flaneur im Sinne Walter Benjamins oder auch an den Amerikaner Teju Cole erinnern. Ausgehend von kaukasischen Landschaften, mäandert Wackwitz souverän durch die Kulturgeschichte und zeichnet auch aktuelle politische Ereignisse nach – wie etwa die gewaltsamen Übergriffe von Erzkonservativen und orthodoxen Priestern auf eine Demonstration gegen Homophobie im vergangenen Jahr. 

Die vergessene Mitte der Welt Behutsam erzählt Wackwitz auch die Geschichte des armenischen Völkermordes während des Ersten Weltkrieges, die er sehr richtig als "Holocaust" bezeichnet: "Dieser Holocaust wurde zum Ursprungsmythos moderner armenischer Staatlichkeit und zum universalen Bezugspunkt armenischer Identität überall auf der Welt." Heute kopiert Armenien in vielen Punkten den Staat Israel – das armenische Genozid Museum in Eriwan hat nicht nur architektonisch und didaktisch vieles mit der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gemeinsam, und unlängst wurde auch in Armenien das Programm "Birthright" eingeführt.

Allerdings wird der Genozid an den Armeniern von Israel offiziell nicht anerkannt – um die diplomatischen Beziehungen zur Türkei nicht noch weiter zu gefährden. Der in Baku geborene und 1990 nach Israel ausgewanderte Josef Shagal von der rechten Partei Israel Beiteinu erklärte gegenüber aserbaidschanischen Medien 1998: "Ich finde es zutiefst beleidigend, und sogar blasphemisch, den Holocaust an den europäischen Juden während des Zweiten Weltkrieges mit der Massenvernichtung der Armenier während des Ersten Weltkrieges zu vergleichen. Juden wurden getötet, weil sie Juden waren, doch die Armenier provozierten die Türkei und sind selbst schuld." Shagal saß von 2006 bis 2009 in der Knesset, dem israelischen Parlament. In Aserbaidschan wurden noch 1990 an den Armeniern Pogrome verübt.

"Die vergessene Mitte der Welt" ist ein atmosphärisch dichtes Buch, mit großen literarischen Passagen: "Der Blick über flache Sumpf- und Schilflandschaften auf die turmhohen Schornsteine des Stahlwerks in der Entfernung. Die diesige Luft des heißen Nachmittags. Der Geruch der Nadelgehölze am staubigen Straßenrand. Die Vergeblichkeit einer industriell-utopischen Zukunftsvision, die nie in der Wirklichkeit angekommen ist. Und nachdem ich diese zufällig am Wegesrand aufgeschnappten Atmosphären in den folgenden Wochen nicht hatte vergessen können, machte ich mich an einem Wochenende im späten August auf, einen Samstagnachmittag in Rustawi zu verbringen und mich davon überraschen zu lassen, welche Einsichten und Epiphanien dort auf mich warten würden."

Wenn nicht gerade in Baku wie 2012 ein Eurovision Song Contest stattfindet, taucht der Kaukasus in den internationalen Medien kaum auf, vor allem nicht mit Kulturnachrichten. Was Literatur und Essayistik angeht, gibt es zwar einige Bücher über den Tschetschenien-Krieg, und zwar ausgerechnet von Nichtrussen, etwa die "Dreihundert Brücken" von Bernardo Carvalho, "Die niedrigen Himmel" von Anthony Marra oder die wunderbaren Essays von Juan Goytisolo "Landschaften eines Krieges". Auch versucht die in Moskau lebende Alisa Ganieva, Dagestan auf die literarische Weltkarte zu bringen; doch bleibt der Kaukasus bis heute vor allem der Sehnsuchtsort der russischen Klassiker: Lermontow, Puschkin, Tolstoi, Gasdanow und viele andere reisten durch diese Region. Sie verarbeiteten ihre Erlebnisse mit einem romantisch-verklärten und eben noch nicht postkolonial-kritischen Blick, der auch noch heute in Russland in naiver Weise sehr lebendig ist.

Wackwitz vergleicht die Verklärung des Kaukasus mit der deutschen Italien-Sehnsucht: "Und dabei ist mir, seit ich hierhergekommen bin, als hätten wir mit Georgien ein nicht weniger mediterranes Land als Italien vergessen." Und an einer anderen Stelle heißt es: "Zur Entschuldigung meiner georgischen Aus- und Anfälle könnte ich außerdem eine lange Reihe von berühmten literarischen Entlastungszeugen benennen und literaturhistorische Präzedenzfälle ersten Ranges anführen. Denn ich bin hier, was seinerseits wiederum viel Peinliches hat, sozusagen nach einem literarischem Thema verzückt. Georgien ist seit Puschkin und Lermontow das russische und später sowjetische Italien. Eine Gegend, die man erobern muss und von der man träumen will."

Stalin sah das Ganze übrigens ein wenig anders, er hatte vor, aus Georgien ein sowjetisches Florida zu machen. Zwar wurde sein Plan niemals ganz in die Tat umgesetzt; ein begehrtes Urlaubsgebiet für die sowjetischen Bürger blieb das Gebiet allemal.

Stephan Wackwitz beschreibt eindringlich, wie rasant und grundlegend sich der Wandel in der georgischen Hauptstadt auch vollzieht: "Besucher, die ein Jahr lang nicht mehr in Tiflis waren, erkennen das Straßenbild nicht wieder. Georgische Politiker, die 2011 fast allmächtig schienen, sitzen 2013 in Untersuchungshaft." Das lässt sich auf fast alle Regionen im Kaukasus übertragen, mit unterschiedlichsten Auswirkungen: Auch das Straßenbild von Baku, der aserbaidschanischen Hauptstadt, verändert sich rasant – aber auch wie in Georgien nicht immer zum Besten.

Architektonisch passt sich Baku immer an Dubai und Riad an, sowjetische Hochhäuser werden mit glänzenden modernistischen Fassaden ummantelt, das marode Innere wird jedoch nicht restauriert, sondern verfällt. Aserbaidschanische Neubauten sind megaloman. Man kennt die drei 190 Meter hohen Hochhäuser, die über der Küste thronen und an Flammen erinnern sollen; die für den ESC erbaute Crystal Hall, die mehr als 23.000 Zuschauern Platz bieten könnte (wenn es nur einen Anlass gäbe), oder die angeblich weltgrößte Nationalflagge vor der Crystal Hall – 70 Meter breit, 35 Meter lang, angebracht an einen 162 Meter hohen Flaggenmast. Gefeiert wird nur bedingt die Glorie des Landes, es geht um die Ehre der Machthaber, die das Land als persönliches Eigentum betrachten.

Das Regime der Autokraten regiert sogar bis in die Kunstproduktion hinein. Auch zieht sie nur selten die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich, und wenn, dann meist über einen Skandal, wie bei der 54. Kunstbiennale von Venedig, als die Skulpturen der Künstlerin Aidan Salachowa auf Anweisung des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew entfernt werden mussten. Schon Hejdar Alijew war zu Zeiten der UdSSR Erster Sekretär des Politbüros der Kommunistischen Partei der Sowjetunion in Aserbaidschan gewesen und später Vollmitglied der KPdSU in Moskau, 1993 wurde er Präsident des unabhängigen Aserbaidschans; nach seinem Tod übernahm sein Sohn Ilham den Posten. 

Das Alijew-Regime hat sich auch in das Stadtbild eingeschrieben. Der Unterschied zur sowjetischen Polit-Ikonografie ist nicht sonderlich groß, die Gesichter der Alijew-Männer sind überall, ganz und gar im orwellschen Sinn. Ihre überdimensionalen Porträts – Vater und Sohn in verschiedensten Versionen – gehören zum Stadtbild dazu, genau wie die nach ihnen benannten Straßen und Gebäude: Da gibt es den Hejdar-Alijew International Airport, das von der irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid entworfene schneeweiße Hejdar-Alijew-Kulturzentrum, den Hejdar-Alijew-Park und nicht zuletzt das riesige Grab am Ehrenfriedhof. Jede aserbaidschanische Stadt hat mindestens eine Statue von Hejdar Alijew, auch im Ausland sind sie keine Seltenheit – etwas in Kiew, Bukarest, Belgrad und zwischenzeitlich sogar Mexiko City.

Alles in allem zeichnet Wackwitz' Kaukasus-Buch vor allem von Georgien ein hoffnungsvolles Porträt. Für die anderen Staaten der Region scheint der Weg noch etwas weiter.

Olga Grjasnowa wurde 1984 in einer jüdischen Familie in Baku geboren. Seit 1996 lebt sie in Deutschland. 2012 erschien ihr Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" (Hanser).

Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan. S. Fischer, Frankfurt. 256 S., 19,99 €.

AmazonShop: Books, Maps, Videos, Music & Gifts About The Caucasus