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Monday, April 13, 2015

LITERATUR: Lesung mit Irma Shiolashvili im Jacques’ Wein-Depot Bonn-Beuel (jacques.de)

(jacques.de) Literaturausschank – Lesungsreihe bei Jacques’ in Bonn-Beuel
Jacques’ Wein-Depot Bonn-Beuel
Mittwoch, 15. April 2015, Beginn: 19:30 Uhr 


Jeden dritten Mittwochabend des Monats (Ausgenommen sind die Mittwoche im Dezember und in den Sommerferien NRW) lesen unterschiedliche Autorinnen und Autorinnen aus ihren Werken im Jacques’ Wein-Depot Bonn-Beuel. Lauschen Sie den Schriftstellern beim Wein, der Ihnen von Jacques’ vorgestellt wird.

Dr. Irma Shiolashvili, Dichterin und Journalistin, Mitglied des georgischen Schriftstellerverbandes und der Europäischen Autorenvereinigung „Die Kogge“, lebt seit 1999 in Bonn, wo sie 2005 mit einer Dissertation über georgische und deutsche Nachkriegslyrik promovierte. Sie trägt ihre Gedichte in georgischer Sprache sowie in deutscher Übertragung vor.

Die Lesungen sind kostenfrei. Die jeweils vorgestellten Weine sowie Säfte werden zum Selbstkostenpreis von 1,50 € pro Glas (0,1 l) verkauft.

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(pop-verlag.com) Irma Shiolashvili, * 1974 in Georgien, schrieb schon während ihrer Schulzeit Gedichte, die in verschiedenen Sammelbänden veröffentlicht wurden. 1991-1996 studierte sie an der Universität Tbilissi Journalistik. Nebenbei arbeitete sie in der Kulturabteilung des staatlichen Fern-sehens, wo sie Fernsehsendungen über zeitgenössische georgische Schriftsteller produzierte. 1992 wurde ihr erstes Buch "Nicht-existierendes Wort" im Verlag "Merani" veröffentlicht. Durch Vermittlung der bekannten Dichterin Ana Kalandadse wurde sie im Jahre 1995 eines der jüngsten Mitglieder des georgischen Schriftstellerverbandes. Es folgten weitere Buchveröffentlichungen 1996, 2002 und 2009. 1999 ging sie nach Deutschland und studierte in Bonn für ihre Dissertation über georgische und deutsche politische Nachkriegslyrik, mit der sie 2005 am Institut für Literatur der Georgischen Akademie der Wissenschaften promovierte. Seit dieser Zeit produziert sie im Bürgerfunk "LoCom" (Bonn) zweisprachige Sendungen für das "deutsch-georgische Kulturmagazin". 2007 wurde sie in die Europäische Autorenvereinigung "Die Kogge" auf-genommen. Ihre Gedichte wurden auch ins Russische übersetzt und als Buch veröffentlicht. Irma Shiolashvili lebt mit ihrer Familie in Bonn

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Saturday, January 03, 2015

LESUNG: In Baku, Tiflis und Berlin - Olga Grjasnowa und Nino Haratischwili - Mittwoch, 14. Januar um 20:00



Lesung: Olga Grjasnowa und Nino Haratischwili
Moderation: Christiane Pöhlmann

Literarisches Colloquium Berlin 
Am Sandwerder 5, 14109 Berlin 
Tel.: 030 / 816 99 60
Email: mail@lcb.de
www.lcb.de
facebook.com
 
Zwei ehemalige Grenzgänger-Stipendiatinnen sind an diesem Abend zu Gast im LCB. Olga Grjasnowa, Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, ist in Baku geboren und in Hessen aufgewachsen. Sie lotet nach ihrem Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt", für den sie mehrere Preise erhielt, in ihrem neuen Buch "Die juristische Unschärfe einer Ehe" (Hanser) unser Verständnis von romantischen Beziehungen aus. Grjasnowa erzählt von der lesbischen Tänzerin Leyla und dem schwulen Psychiater Altay, die in Baku eine Scheinehe eingehen. In Berlin beginnen die beiden dann ihre Ehe auch zu vollziehen und lernen in einer Drag-Bar die junge Jounoun kennen. Eine Ménage-à-trois nimmt ihren Lauf. 

Nino Haratischwili studierte sowohl in ihrer Heimatstadt Tiflis als auch in Hamburg Theater und trat zunächst als Dramatikerin in Erscheinung. Die Adelbert-von-Chamisso-Preisträgerin erzählt in "Das achte Leben (Für Brilka)" (FVA) die Geschichte von sechs Generationen der georgischen Familie Jaschi von 1900 bis 2006. Sie spannt den Bogen dabei vom Schicksal der Urgroßmutter, die vor Stalin fliehen musste, weil ihr Mann gegen die Bolschewiki kämpfte, bis zu dem der Urenkelin, die im Berlin von heute lebt, wo West und Ost Geschichte sind. Die Übersetzerin und Kritikerin Christiane Pöhlmann moderiert den Abend.

Gefördert aus dem "Grenzgänger"-Programm der Robert Bosch Stiftung.

Eintritt 8 € / 5 €

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Saturday, December 13, 2014

VERANSTALTUNG: Stefan Tolz stellt in Tbilisi seine DVD-Edition "Georgische Trilogie" vor - erscheint am 15.12.2014

Launch der DVD-Edition "Georgische Trilogie" am 17.12. um 19.00 Uhr im Schriftstellerhaus in der Matchabelistrasse, in einem englisch-sprachigen Talk im Frontline Club am 18.12. um 18.30 Uhr.
more: facebook.com/frontlinegeorgia & frontlinegeorgia.ge
facebook.com/Writers House of Georgia

writershouse.ge

Vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise:

Gerade rechtzeitig vor Weihnachten und Neujahr erscheint am 15.12. die "Georgische Trilogie" des deutschen Georgien-Experten Stefan Tolz als DVD-Edition.

Seine drei Kinodokumentarfilme über Georgien, die international ausgezeichnet wurden, sind nun zum ersten Mal gemeinsam auf DVD erhältlich. Filmpunkt bringt die dreisprachige Edition (georgisch/englisch/deutsch) mit Bonus-Material und einem 32 Seiten starken Begleitheft heraus.

Der deutsche Filmregisseur hat die meisten Republiken der ehemaligen Sowjetunion in den letzten 25 Jahren bereist und gilt als einer der besten Kenner der Region. Er lebt inzwischen in Tiflis und trägt "Georgien im Herzen" wie er sagt.

Seinen ersten Film über Georgien drehte er bereits 1991: in "Kaukasisches Gastmahl" leitet der bekannte Literat Wachuschti Kotetishvili als Tischherr ein georgisches Festmahl, dessen Gäste in Trinksprüchen und filmischen Porträts nacheinander vorgestellt werden.

Zehn Jahre später entstand "Am Rande der Zeit" - eine Reise in den Alltag "harter Männerwelten" an vier entlegene Orte im Kaukasus, in denen die Menschen "wie in einer anderen Zeit" leben. Der Film wurde auch zum Teil in Aserbaidschan und Dagestan gedreht. Er gewann den "Golden Gate Award" in San Francisco und den "Grand Prix" des Internationalen Dokumentarfilmfestivals in Taiwan.

In seinem himmelblauen Wolga 21 begleitete Stefan Tolz die Georgier "auf der Suche nach ihrer Zukunft" in den letzten zwei Jahren der Amtszeit Präsident Saakaschwilis (2011-2013) und verfolgte den Aufstieg des Milliardärs Bidsina Iwanischwilis zum mächtigsten Politiker des Landes. Der Film "Vollgas gen Westen" zeigt auf, wie der Traum ein Teil der westlichen Welt zu werden verschiedene Kräfte in einer Gesellschaft gegeneinander mobilisieren kann. Der Film wurde für den Impact Award 2014 nominiert und in Chicago ausgezeichnet.

"Die Menschlichkeit, die immer durchdringt, hat mich tief berührt.... Die Amplitude von abgrundtiefem Leid zu himmelhoch jauchzend ist in dieser Region voll von tragischer Geschichte einfach viel größer."  
Heidi Tagliavini
Sonderbeauftragte der OSZE

"Georgien ist ein schönes Land. Es hat so einen Chronisten verdient."
Uwe Schramm
Botschafter a.D.

Bestellen kann man die DVD-Edition auf www.georgiantrilogy.com und über eBay und Amazon. Nach Weihnachten ist sie dann auch im Buchhandel erhältlich.
Filmpunkt GmbH Köln - Tel. (0221) 800 471 30 info@filmpunkt.com

Wednesday, October 15, 2014

BUCH: Keloglu, Giray unter Mitarbeit von Prof. Dr. Narthela Varshanidze: Das Goldene Vlies und seine Volksmedizin - Heilpflanzen und Heilkunde in Georgien

Keloglu, Giray unter Mitarbeit von Prof. Dr. Narthela Varshanidze, Associated Professor of Biology
University of Rustaveli – Batumi/Georgien
Das Goldene Vlies und seine Volksmedizin. Heilpflanzen und Heilkunde in Georgien
Geest-Verlag 2013, ca.610 S., 19,80 Euro

Das Buch gibt mit einer Auswahl von 150 Heilpflanzen einen Überblick über die Georgische Volksmedizin. Keine zufällige Auswahl, vielmehr vor allem Heilpflanzen, die auch in Deutschland bekannt sind. Dem Leser bietet sich damit die Möglichkeit, sein Wissen über die Anwen­dungsmöglichkeiten von Heilpflanzen zu erweitern oder auch ganz neu zu schaffen. Erklärtes Ziel des Autors ist es, das Wissen der Volksmedizin über die Wirkung der Heilpflanzen in einfacher und zugleich verantwortlicher Weise zu vermitteln. Zugleich vermittelt er uns damit ein Bewusst-sein zum verantwortungsvollen Umgang mit der Natur und ihren wichtigen Ressourcen auch vor unserer Haustür.

Giray Keloglu knüpft mit seinem Buch über die Volksmedizin in Georgien an eige­ne Traditionen an, wurde sein Großvater doch in Tiflis geboren, sein Vater in Aser­baid­schan. Er selbst erblickte in Kars, in der Türkei, das Licht der Welt, lebt aber bereits seit seinem ersten Lebensjahr in Deutschland, wo er auch Schule und Aus­bildung absolvierte. Sein gesellschaftliches und ökologisches Engagement (Mitglied bei den Grünen, aktives Engagement in den Bereichen Um­weltschutz, Integration, Soziales und Ju­gend) führte ihn näher an Fragen der Volks­medizin und Heilkunde, ließ ihn eine Heilpraktiker- und eine Phyto­therapie-Aus­bildung bei Arnd Groeneveld absol­vie­ren. 2009 begann er mit den Arbeiten an die­sem Buch, seit 2010 mit Unterstützung der University of Rustaveli – Batumi / Georgien, insbesondere mit Prof. Dr. Narthela Varshanidze.

Die vorgestellten Heilpflanzen

1 Ackerschachtelhalm
2 Ackerstiefmütterchen
3 Adjarisches Alpenveilchen
4 Adlerfarn
5 Amerikanische Gleditschie
6 Bergminze
7 Birke
8 Bischofskraut
9 Blauer Eukalyptus
10 Bocks-Hauhechel
11 Breitwegerich
12 Chinesischer Tee
13 Chrysantheme
14 Dreiblättriger Fieberklee
15 Dreiteiliger Zweizahn
16 Echte Feige
17 Echte Goldrute
18 Echte Kamille
19 Echte Nelkenwurz
20 Echte Walnuss
21 Echter Alant
22 Echter Baldrian
23 Echter Ehrenpreis
24 Echter Eibisch
25 Echter Hopfen
26 Echter Lorbeer
27 Echter Seidelbast
28 Echter Wurmfarn
29 Echtes Johanniskraut
30 Echtes Leinkraut
31 Echtes Tausendgüldenkraut
32 Fichte
33 Flatter-Binse
34 Flohknöterich
35 Frauenmantel
36 Gartenbohne
37 Gartenpetersilie
38 Gemeine Schafgarbe
39 Gemeine Wegwarte
40 Gemeiner Dost (Oregano)
41 Gemeiner Fenchel
42 Gemeiner Kürbis
43 Gemeiner Spargel
44 Gemeiner Stechapfel
45 Gewöhnliche Berberitze
46 Gewöhnliche Rosskastanie
47 Gewöhnlicher Beifuß
48 Gewöhnlicher Schneeball
49 Gewöhnliches Hirtentäschel
50 Gewöhnliches Seifenkraut
51 Gewürzsumach
52 Goethe-Pflanze
53 Granatapfel
54 Griechische Baumschlinge
55 Große Klette
56 Gundermann
57 Gurke
58 Hanf
59 Heidelbeere
60 Herbstzeitlose
61 Herzgespann (fünflappig)
62 Himbeere
63 Huflattich
64 Hundsrose
65 Immergrüne Magnolie
66 Japanische Wollmispel
67 Kahles Bruchkraut
68 Kalmus
69 Kartoffel
70 Kastanienbraunes Zypergras
71 Kaukasische Fetthenne (Mauerpfeffer)
72 Kaukasische Linde
73 Kaukasische Schneerose
74 Kaukasische Tollkirsche
75 Kaukasisches Maiglöckchen
76 Kaukasusapfel
77 Kaukasus-Tanne
78 Keulen-Bärlapp
79 Kiefer Sosnovkii
80 Kirschbaum
81 Kiwi
82 Klebriger Salbei
83 Kleinblütige Königskerze
84 Kleines Immergrün
85 Knoblauch
86 Knollensellerie
87 Kolchischer Efeu
88 Koriander
89 Kornelkirsche
90 Kratzbeere
91 Krauser Ampfer
92 Kriechquecke
93 Kümmel
94 Lakritze (Süßholz)
95 Lorbeerkirsche
96 Löwenzahn
97 Mais
98 Meerrettich
99 Orthosiphon (Echter Katzenbart)
100 Paprika (Spanischer Pfeffer)
101 Passionsblume
102 Preiselbeere
103 Primel (Schlüsselblume)
104 Quitte
105 Radieschen
106 Rhododendron
107 Ringelblume
108 Rosafarbene Catharante
109 Rossminze
110 Rostfarbiger Fingerhut
111 Rote Bete
112 Roter Fingerhut
113 Rotklee
114 Sal-Weide
115 Sanddorn
116 Saumfarn
117 Scharfer Mauerpfeffer
118 Scheinhanf
119 Schiefer Schillerporling
120 Schlangen-Knöterich
121 Schöllkraut
122 Schwarze-Erle
123 Schwarze Johannisbeere
124 Schwarzer Holunder
125 Schwarzer Nachtschatten
126 Schwarzes Bilsenkraut
127 Sommer Knotenblume
128 Spitzwegerich
129 Strohblume, Stark durftende
130 Sumpfhelmkraut
131 Tintenfisch-Aloe
132 Vogelbeere
133 Vogelknöterich
134 Walderdbeere
135 Waldmeister
136 Wald-Sanikel
137 Wald-Ziest
138 Wasserpfeffer
139 Weinrebe
140 Weißbeerige Mistel
141 Weißdorn
142 Weißdorn (fünfgriffiger)
143 Weißer Germer
144 Weißkohl
145 Wermut
146 Wilde Malve
147 Wilde Möhre
148 Woronow Schneeglöckchen
149 Zitrone
150 Zitronenmelisse (Melisse)
151 Zwergholunder (Attich)

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Wednesday, March 12, 2014

PODCAST: Blick ins Herz Eurasiens - Stephan Wackwitz: "Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan". Von Marko Martin (deutschlandradiokultur.de)

"Die vergessene Mitte der Welt" von Stephan Wackwitz, S. Fischer Verlag: podasct hören mp3.dradio.de

(deutschlandradiokultur.de) Wer bei Baku nur an den Eurovision Songcontest denkt, sollte Stephan Wackwitz' Buch lesen. Der vielgereiste Autor beschreibt in gelungenen Essays das kulturelle und politische Leben in den drei Ländern Aserbaidschan, Georgien und Armenien - erhellende und unterhaltsame Einblicke.


Die Altstadt der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku mit Minaretten liegt vor dichtbebauten neuen Hochhäusern.
(Photo: Sven Töniges)
Stephan Wackwitz, Jahrgang 1952, ist ein Schriftsteller, wie er als Typus ansonsten eher in der französisch- und spanischsprachigen Welt bekannt ist: Der feinnervige Intellektuelle, der neugierig diverse Kulturen bereist, sich in großen Städten zu Hause fühlt, jedoch bei all dem institutionell abgesichert ist. Der Dichter Octavio Paz war Mexikos Botschafter in Indien, der kubanische Romancier Alejo Carpentier, und der Chilene Pablo Neruda vertraten in der gleichen Position ihre Länder in Paris, der französische Lyriker Saint-John Perse arbeitete als Diplomat in den USA. Sie alle hatten über ihre Welterfahrungen Bücher geschrieben, und wer die Fallhöhe zum eher provinziellen Deutschland ermessen will, denke am besten an den Nazivergangenheitsverdränger und Vielschreiber Erwin Wickert: "Unser Mann in Tokyo und Peking."

Der ungleich reflektiertere Stephan Wackwitz dagegen hat eine linksintellektuelle Sozialisation hinter sich, vor allem aber Stationen als Leiter zahlreicher Goethe-Institute von Neu Delhi bis New York. Sein schönstes Buch ist Tokyo gewidmet, sein neuestes ist gerade erschienen: "Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan." Dieser analytische, dabei gewitzt subjektive Reise-Essay versammelt wiederum alle Tugenden dieses Autors: Stadt-Beschreibungen von pointillistischer und ironischer Prägnanz; landeskundliche Exkurse ohne Baedeker-Betulichkeit. 

Dazu die überraschenden, jedoch nie eitlen Assoziationen eines vielgereisten Kulturbürgers: So erinnert ihn das heutige, semi-archaische Tiflis nicht nur an die Filme Federico Fellinis, sondern auch an die Gestimmtheit italienischer Western. Dagegen heißt es über Armenien: "Und so bin ich mir wirklich vorgekommen wie im Inneren einer kommunistischen Zeit- und Traummaschine, als ich zum ersten Mal auf dem weiten Zentralplatz von Eriwan stand. (…) Ein Kommunismus, den Giorgio de Chirico gemalt hat.“

Deutschlands bester Reiseautor

Ein Autor, der sein eigenes Referenzsystem immer wieder in Frage stellt (eine köstlich souveräne Polemik gegen den serbien-verklärenden Irrwisch Peter Handke inklusive) und sich am Schluss fragt, ob nicht auch er selbst einer Kaukasus-Romantik zum Opfer gefallen war: Gerade nämlich hatte er vom Goethe-Institutsfenster aus gesehen, wie in Tiflis orthodoxe Provinz-Zeloten Jagd machten auf demonstrierende Homosexuelle. Dass am Schluss die Polizei sich im Regierungsauftrag doch noch auf die Seite der Zivilgesellschaft stellt und Stephan Wackwitz eben dieser Georgien-Episode ungleich mehr Platz einräumt als einer Reflexion über die postsowjetischen Herrschaftstechniken im benachbarten Aserbaidschan, ist wiederum eine hübsche Pointe: Heißt es doch inzwischen von der globalisierten intellektuellen Linken, dass in deren Wahrnehmung die Schwulen längst die Rolle des einst idealisierten Proletariats eingenommen haben.

Doch wie auch immer: Es gibt im gegenwärtigen Deutschland wohl keinen zweiten Autor, der wie Stephan Wackwitz Kopf- und reale Reisen so elegant in Einklang zu bringen vermag. Man wünscht deshalb auch seinem jüngsten Buch zahlreiche Leser.

Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2014 248 Seiten, 19,99 Euro

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Sunday, March 09, 2014

REZENSION: Als hätten wir Italien im Kaukasus vergessen - Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan. Von Olga Grjasnowa (welt.de)

(welt.de) Sehnsuchtsländer: Stephan Wackwitz reist durch Georgien, Armenien, Aserbaidschan. Von Olga Grjasnowa 

Stephan Wackwitz Die vergessene Mitte der Welt" von Stephan Wackwitz ist eines der klügsten und schönsten Bücher, die ich im letzten Jahrzehnt über den Kaukasus gelesen habe. Für den Autor selbst "nicht mehr als ein zeithistorischer Zwischenbescheid" eines ausländischen und sprachunkundigen fellow travellers, ziehen sich lange Spaziergänge als Leitmotiv durch das Buch, die an den Flaneur im Sinne Walter Benjamins oder auch an den Amerikaner Teju Cole erinnern. Ausgehend von kaukasischen Landschaften, mäandert Wackwitz souverän durch die Kulturgeschichte und zeichnet auch aktuelle politische Ereignisse nach – wie etwa die gewaltsamen Übergriffe von Erzkonservativen und orthodoxen Priestern auf eine Demonstration gegen Homophobie im vergangenen Jahr. 

Die vergessene Mitte der Welt Behutsam erzählt Wackwitz auch die Geschichte des armenischen Völkermordes während des Ersten Weltkrieges, die er sehr richtig als "Holocaust" bezeichnet: "Dieser Holocaust wurde zum Ursprungsmythos moderner armenischer Staatlichkeit und zum universalen Bezugspunkt armenischer Identität überall auf der Welt." Heute kopiert Armenien in vielen Punkten den Staat Israel – das armenische Genozid Museum in Eriwan hat nicht nur architektonisch und didaktisch vieles mit der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gemeinsam, und unlängst wurde auch in Armenien das Programm "Birthright" eingeführt.

Allerdings wird der Genozid an den Armeniern von Israel offiziell nicht anerkannt – um die diplomatischen Beziehungen zur Türkei nicht noch weiter zu gefährden. Der in Baku geborene und 1990 nach Israel ausgewanderte Josef Shagal von der rechten Partei Israel Beiteinu erklärte gegenüber aserbaidschanischen Medien 1998: "Ich finde es zutiefst beleidigend, und sogar blasphemisch, den Holocaust an den europäischen Juden während des Zweiten Weltkrieges mit der Massenvernichtung der Armenier während des Ersten Weltkrieges zu vergleichen. Juden wurden getötet, weil sie Juden waren, doch die Armenier provozierten die Türkei und sind selbst schuld." Shagal saß von 2006 bis 2009 in der Knesset, dem israelischen Parlament. In Aserbaidschan wurden noch 1990 an den Armeniern Pogrome verübt.

"Die vergessene Mitte der Welt" ist ein atmosphärisch dichtes Buch, mit großen literarischen Passagen: "Der Blick über flache Sumpf- und Schilflandschaften auf die turmhohen Schornsteine des Stahlwerks in der Entfernung. Die diesige Luft des heißen Nachmittags. Der Geruch der Nadelgehölze am staubigen Straßenrand. Die Vergeblichkeit einer industriell-utopischen Zukunftsvision, die nie in der Wirklichkeit angekommen ist. Und nachdem ich diese zufällig am Wegesrand aufgeschnappten Atmosphären in den folgenden Wochen nicht hatte vergessen können, machte ich mich an einem Wochenende im späten August auf, einen Samstagnachmittag in Rustawi zu verbringen und mich davon überraschen zu lassen, welche Einsichten und Epiphanien dort auf mich warten würden."

Wenn nicht gerade in Baku wie 2012 ein Eurovision Song Contest stattfindet, taucht der Kaukasus in den internationalen Medien kaum auf, vor allem nicht mit Kulturnachrichten. Was Literatur und Essayistik angeht, gibt es zwar einige Bücher über den Tschetschenien-Krieg, und zwar ausgerechnet von Nichtrussen, etwa die "Dreihundert Brücken" von Bernardo Carvalho, "Die niedrigen Himmel" von Anthony Marra oder die wunderbaren Essays von Juan Goytisolo "Landschaften eines Krieges". Auch versucht die in Moskau lebende Alisa Ganieva, Dagestan auf die literarische Weltkarte zu bringen; doch bleibt der Kaukasus bis heute vor allem der Sehnsuchtsort der russischen Klassiker: Lermontow, Puschkin, Tolstoi, Gasdanow und viele andere reisten durch diese Region. Sie verarbeiteten ihre Erlebnisse mit einem romantisch-verklärten und eben noch nicht postkolonial-kritischen Blick, der auch noch heute in Russland in naiver Weise sehr lebendig ist.

Wackwitz vergleicht die Verklärung des Kaukasus mit der deutschen Italien-Sehnsucht: "Und dabei ist mir, seit ich hierhergekommen bin, als hätten wir mit Georgien ein nicht weniger mediterranes Land als Italien vergessen." Und an einer anderen Stelle heißt es: "Zur Entschuldigung meiner georgischen Aus- und Anfälle könnte ich außerdem eine lange Reihe von berühmten literarischen Entlastungszeugen benennen und literaturhistorische Präzedenzfälle ersten Ranges anführen. Denn ich bin hier, was seinerseits wiederum viel Peinliches hat, sozusagen nach einem literarischem Thema verzückt. Georgien ist seit Puschkin und Lermontow das russische und später sowjetische Italien. Eine Gegend, die man erobern muss und von der man träumen will."

Stalin sah das Ganze übrigens ein wenig anders, er hatte vor, aus Georgien ein sowjetisches Florida zu machen. Zwar wurde sein Plan niemals ganz in die Tat umgesetzt; ein begehrtes Urlaubsgebiet für die sowjetischen Bürger blieb das Gebiet allemal.

Stephan Wackwitz beschreibt eindringlich, wie rasant und grundlegend sich der Wandel in der georgischen Hauptstadt auch vollzieht: "Besucher, die ein Jahr lang nicht mehr in Tiflis waren, erkennen das Straßenbild nicht wieder. Georgische Politiker, die 2011 fast allmächtig schienen, sitzen 2013 in Untersuchungshaft." Das lässt sich auf fast alle Regionen im Kaukasus übertragen, mit unterschiedlichsten Auswirkungen: Auch das Straßenbild von Baku, der aserbaidschanischen Hauptstadt, verändert sich rasant – aber auch wie in Georgien nicht immer zum Besten.

Architektonisch passt sich Baku immer an Dubai und Riad an, sowjetische Hochhäuser werden mit glänzenden modernistischen Fassaden ummantelt, das marode Innere wird jedoch nicht restauriert, sondern verfällt. Aserbaidschanische Neubauten sind megaloman. Man kennt die drei 190 Meter hohen Hochhäuser, die über der Küste thronen und an Flammen erinnern sollen; die für den ESC erbaute Crystal Hall, die mehr als 23.000 Zuschauern Platz bieten könnte (wenn es nur einen Anlass gäbe), oder die angeblich weltgrößte Nationalflagge vor der Crystal Hall – 70 Meter breit, 35 Meter lang, angebracht an einen 162 Meter hohen Flaggenmast. Gefeiert wird nur bedingt die Glorie des Landes, es geht um die Ehre der Machthaber, die das Land als persönliches Eigentum betrachten.

Das Regime der Autokraten regiert sogar bis in die Kunstproduktion hinein. Auch zieht sie nur selten die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich, und wenn, dann meist über einen Skandal, wie bei der 54. Kunstbiennale von Venedig, als die Skulpturen der Künstlerin Aidan Salachowa auf Anweisung des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew entfernt werden mussten. Schon Hejdar Alijew war zu Zeiten der UdSSR Erster Sekretär des Politbüros der Kommunistischen Partei der Sowjetunion in Aserbaidschan gewesen und später Vollmitglied der KPdSU in Moskau, 1993 wurde er Präsident des unabhängigen Aserbaidschans; nach seinem Tod übernahm sein Sohn Ilham den Posten. 

Das Alijew-Regime hat sich auch in das Stadtbild eingeschrieben. Der Unterschied zur sowjetischen Polit-Ikonografie ist nicht sonderlich groß, die Gesichter der Alijew-Männer sind überall, ganz und gar im orwellschen Sinn. Ihre überdimensionalen Porträts – Vater und Sohn in verschiedensten Versionen – gehören zum Stadtbild dazu, genau wie die nach ihnen benannten Straßen und Gebäude: Da gibt es den Hejdar-Alijew International Airport, das von der irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid entworfene schneeweiße Hejdar-Alijew-Kulturzentrum, den Hejdar-Alijew-Park und nicht zuletzt das riesige Grab am Ehrenfriedhof. Jede aserbaidschanische Stadt hat mindestens eine Statue von Hejdar Alijew, auch im Ausland sind sie keine Seltenheit – etwas in Kiew, Bukarest, Belgrad und zwischenzeitlich sogar Mexiko City.

Alles in allem zeichnet Wackwitz' Kaukasus-Buch vor allem von Georgien ein hoffnungsvolles Porträt. Für die anderen Staaten der Region scheint der Weg noch etwas weiter.

Olga Grjasnowa wurde 1984 in einer jüdischen Familie in Baku geboren. Seit 1996 lebt sie in Deutschland. 2012 erschien ihr Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" (Hanser).

Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan. S. Fischer, Frankfurt. 256 S., 19,99 €.

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Thursday, February 13, 2014

NEUERSCHEINUNG: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan. Von Stephan Wackwitz (fischerverlage.de) - erste Lesungen in Tbilisi, Leipzig (Buchmesse), Berlin

(fischerverlage.de) Georgien und seine Nachbarländer Armenien und Aserbaidschan liegen am äußersten östlichen Rand Europas. Es sind uralte Kulturländer und zugleich höchst lebendige Staaten, die sich zwanzig Jahre nach ihrer Loslösung von der Sowjetunion auf einem kurvenreichen Weg in die Moderne befinden. Stephan Wackwitz, Leiter des Goethe-Instituts in Tiflis, erlebte in Georgien den Machtwechsel 2012 und beobachtet den alltäglichen Kampf um Demokratie und Menschenrechte. Er beschreibt, wie ein immenser Bauboom das Gesicht der Städte für immer verändert. Vor allem aber spürt er den besonderen Atmosphären im Herzen des eurasischen Kontinents nach, wo sich nicht nur Westen, Osten und Süden, sondern auch alle Zeiten magisch zu mischen scheinen.
 
Die vergessene Mitte der Welt»Die hier versammelten Stücke sind zwischen September 2011 und Juni 2013 in Georgien entstanden, einer Zeit, die hierzulande mehr und erstaunlichere Veränderungen mit sich gebracht hat, als man im Westen unter demokratischen Bedingungen für möglich hält. Besucher, die ein Jahr lang nicht mehr in Tiflis waren, erkennen das Straßenbild nicht wieder. Georgische Politiker, die 2011 fast allmächtig schienen, sitzen 2013 in Untersuchungshaft. Wir Bürger der reichen und freien Gesellschaften diesseits und jenseits des Atlantiks vergessen manchmal, dass Demokratie ein Experiment und der Ausgang von Experimenten offen ist. Der postsowjetische Transformationsprozess im Südkaukasus kann uns daran erinnern. Insofern ist dieses Buch nicht mehr als ein zeithistorischer Zwischenbescheid. Es besteht aus subjektiven Beobachtungen und Reflexionen eines ausländischen und sprachunkundigen fellow travellers während einer kurzen Etappe jener unsicheren und vielfältig gefährdeten Reise eines Landes, deren Ziele Demokratie und Moderne heißen. Ob und wie diese Ziele erreicht werden, ist nirgends ausgemacht. Und dauerhaft erreicht werden sie nie. Aber die georgische Gesellschaft ist aufgebrochen, und wenn ich mich auf meine politischen Intuitionen verlassen kann, war ich in den letzten beiden Jahren Zeuge der Selbstfindung eines neuen Mitglieds in der internationalen Familie der interessanten, widersprüchlichen, rührenden, neurotischen und kreativen Gesellschaften, die wir – wahrscheinlich in Ermangelung eines besseren Worts – als Demokratien bezeichnen.« Stephan Wackwitz

Unverkäufliche Leseprobe [pdf]  >>>
Hineinblättern >>> 

Termine: 6 Termine erstmal
21.02.2014 Tbilisi (Europe House Georgia, 2 Shalva Dadiani St. 0105 Tiflis
13.03.2014 Leipziger Buchmesse, 3sat Kulturzeit: Glashalle, Empore
13.03.2014 Leipziger Buchmesse, Deutschlandradio: Glashalle, Stand 12
13.03.2014 Apothekenmuseum, Thomaskirchhof 12, 04109 Leipzig
14.03.2014 Leipziger Buchmesse, Das Blaue Sofa: Glashalle
02.04.2014 Literarisches Colloquium Berlin, Am Sandwerder 5, 14109 Berlin

Stephan WackwitzStephan Wackwitz, geboren 1952 in Stuttgart, studierte Germanistik und Geschichte in München und Stuttgart. Er leitet heute das Goethe-Institut in Tiflis, nach Stationen in Frankfurt am Main, Neu Delhi, Tokio, München, Krakau, Bratislava und New York. Neben zahlreichen Aufsätzen erschienen von ihm Romane (›Die Wahrheit über Sancho Pansa‹, ›Walkers Gleichung‹), autobiographische Bücher (›Ein unsichtbares Land‹, ›Neue Menschen‹) sowie die Reisebücher ›Tokyo. Beim Näherkommen durch die Straßen‹, ›Osterweiterung‹ und ›Fifth Avenue‹.
Mehr über Stephan Wackwitz »

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Hundertvierzehn | Essay - Die Treppen von Tiflis 
(hundertvierzehn.de) Stephan Wackwitz leitet seit 2011 das Goethe-Institut in Tiflis. Sein neues Buch ›Die vergessene Mitte der Welt‹ wirft einen ganz persönlichen Blick auf Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Am 21. Februar stellt er es in Tiflis vor. Für uns erklärt er, was Stuttgart und Tiflis verbindet.

Die trottoirbreiten Betontreppen, auf denen man die Abhänge von Tiflis besteigt, kennt man als Stuttgarter schon lange. Zwischen der Talsohle und den verschiedenen Hängen, Villenvierteln und Steillagen meiner in das mittlere Neckartal gleichsam ausgegossenen Heimatstadt entfaltet sich, ganz wie hier im Kaukasus, ein dichtes und halb klandestines Netz ehemaliger Weingärtnerpfade und -steige, die auf Schwäbisch übrigens »Staffeln« heißen. Die Erinnerung an diese seltsam inoffiziellen und traumhaften Durchstiege begleitet uns in der württembergischen Haupt- und Residenzstadt Geborene in die entferntesten Weltgegenden und bis in unsere geheimsten Träume. Was meinen eigenen Fall angeht, möchte ich sogar behaupten, daß ich mir die Schauplätze und Stationen meiner Lebensreise instinktiv nicht zuletzt danach ausgesucht habe, ob es in den Städten meiner Wahl so etwas wie Stuttgarter Staffeln gab.
   
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Ein Spätsommernachmittag im Sommer 2003 zum Beispiel. Über die Karpaten und durch das dann immer steppenartiger in die ungarische Tiefebene auslaufende westslowakische Tiefland fuhr ich zum ersten Mal von Krakau nach Bratislava und hatte dann beim frühabendlichen Spazierengehen dort minutenlang das Gefühl, diese Stadt atmosphärisch nicht mehr von Stuttgart unterscheiden zu können. Es war mir selber ein bisschen unheimlich. Aber mein Entschluss, dringend in Bratislava leben zu wollen, war an jenem ersten Abend, nach einem österreichisch-ungarischen Abendessen und zwei Gläsern des Trnavaer Rotweins in einem der kleinen wienerischen Lokale der Altstadt, nicht mehr im Entferntesten rückgängig zu machen. Wobei die Staffeln, Treppen und Stiegen der Stadt mindestens genauso wichtig gewesen sind für diese dann schon gleich unwiderrufliche Stimmungslage wie das Abendessen und der Wein. Was ist das für ein Wahnsinn mit mir und diesen Treppen?
 
In Wirklichkeit sind gutes Essen, Wein, ein Fluss zwischen Berghängen und die Erschlossenheit dieser Landschaftsform durch Treppen vermutlich ein ganz altes Seelenaggregat. Genauer gesagt, ein 7000 Jahre altes. Der australische Kunstphilosoph Denis Dutton schildert in seinem Buch ›The Art Instinct: Beauty, Pleasure, and Human Evolution‹ ein Experiment, bei dem Menschen aus den verschiedensten Kulturen, vom Polarkreis bis zu den Tropen, aufgefordert wurden, eine Landschaft zu zeichnen oder zu beschreiben, die ein besonderes Wohlgefühl in ihnen auslöst. Unabhängig davon, woher die Versuchspersonen stammten, glich ihre Sehnsuchtslandschaft weltweit der afrikanischen Landschaft zwischen Wald und Steppe, von der die planetarische Wanderung des homo erectus vor zwei Millionen Jahren ihren Ausgang nahm. Da gibt es unabsehbares Grasland, Blumen, vereinzelte Bäume, lichte und überschaubare Wälder, Hügel, weite Perspektiven, Jagdtiere wie Hirsche oder Pferde, und ein Gewässer ist in der Nähe. Das ist die altsteinzeitliche Sehnsuchtslandschaft, die wir alle irgendwo in uns tragen (bei mir taucht sie in Träumen immer wieder auf).

  
Meine lebensalte Obsession mit Staffeln dagegen, mit dieser These will ich jetzt beherzt herausrücken, ist ein jungsteinzeitliches Gefühl. Fluss, Abhang und Wein haben unsere Vorfahren bei der Ausbreitung des Landbaus vom »fruchtbaren Halbmond« Mesopotamiens durch das Donautal nach Nordeuropa begleitet, und sowohl die Abhänge von Stuttgart als auch Bratislava oder Tiflis sind genau zu der Zeit besiedelt worden, als die Menschen lernten, mit Wein umzugehen. Die Treppe ist die Architekturform, die Fluss und Abhang zueinander bringt und eine unabdingbare Voraussetzung für eine bestimmte historische Konstellation von Landbau, Weinkultur und Siedlung darstellt: für die jungsteinzeitliche Siedlung auf halber Höhe über einem Gewässer. »Fast alle neolithischen Siedlungen lagen auf halber Höhe der Talhänge oder an den Terrassenkanten, nie unmittelbar am Grund der Täler (wo Steine im Boden liegen), aber auch nur in Ausnahmefällen mehr als ein paar hundert Meter vom fließenden Wasser der Bäche und Flüsse entfernt, denn Wasser war ja lebensnotwendig« (Hansjörg Küster: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa von der Eiszeit bis zur Gegenwart, München 1995). Staffeln sind so etwas wie das Realsymbol dieses sehr alten Siedlungstyps, und wenn ich mich in Bratislava so wohl fühle wie in Tiflis (ja manchmal sogar das Gefühl habe, in diesen Städten daheim zu sein), dann spiegelt sich darin eine Zeit, als in Stuttgart, Bratislava und Tiflis noch die gleiche Kultur herrschte, die Kultur der jungsteinzeitlichen Weinbauern nämlich. Eine Zeit, als diese Orte sich viel weniger voneinander unterschieden haben als heute. Und als neben Lehmhütten auch Leitern und Treppen entstanden sind (die älteste Treppe Europas stammt aus einem Salzbergwerk in Hallstatt, einer jungsteinzeitlichen Stadt zwischen Steilufer und See).

Landschaftsformen und Stadtlandschaften bringen historische Erinnerungen und Phantasmen herauf, die unser gegenwärtiges Seelenleben mit unvordenklichen Zeiten verbinden. »Die Alpenseen«, schreibt Ernst Jünger, »auch die nördlichen mit ihren Inseln wie der Reichenau und der Mainau, rufen ein Heimweh nach lang verflossenen Zeiten und ihrer Gesellschaft hervor. Sie hat wohl immer nur platonisch existiert. (…) Ich denke dabei (…) an eine friedliche Landschaft in vorkarolingischer Zeit. Für das tägliche Brot sorgten die Bauern, Winzer, Fischer und Jäger sowohl an den Ufern wie in den Tälern bis zur Schneegrenze. Der Boden ist fruchtbar; für das Handwerk bleibt besonders im Winter auf den Höfen genügend Zeit. Veredelung der Früchte und des Weines zählt zu den Obliegenheiten kleiner Klöster, ebenso die Heilkunst und alles, was mit der Schrift und dem Lesen zusammenhängt. Damit wird der einfache Mann nicht geplagt. Eine Harmonie, die selten erreicht wird – das lässt sich ausführen. Es ist in Romanen und Utopien geschehen. Verehrung durch Kultus und Kunst.«

   
Mein eigener Roman über die ursprünglichen Bewohner der Hügel des Bodenseeufers, des Neckarstrands, der Donauabhänge und der Berge über dem georgischen Mtkwari entfaltet sich in den Phantasmen, wie sie den einsamen Spaziergänger heimsuchen. Diese Träumereien führen ihn in seine Kindheit zurück und weit über sie hinaus in die Vergangenheit. Zum ersten Mal habe ich die bergige Stadtlandschaft von Tiflis als drei- oder vierjähriges Kind gesehen, auf dem Stuttgarter Killesberg, an der Hand meiner Mutter, wenn sie mit mir zur Haltestelle am Platz vor der Bundesgartenschau ging. In einer gelben Straßenbahn fuhren wir auf den gewundenen Straßen in die Stadt im Tal. Ein halbes Jahrhundert später konnte ich in Bratislava von meinem Schreib- und Lesesessel aus die von Villen dicht bestandenen Hügel der gutbürgerlichen Preßburger Wohnviertel der zwanziger und dreißiger Jahre im Wechsel der Wetterlagen, Tages- und Jahreszeiten betrachten. Sie zogen sich von der Burg am Donauhochufer, den Rand einer halbrunden Talsenke bildend, als Höhenzug dahin und verloren sich außerhalb meines Blickfelds in den Buchen- und Eichenwäldern der Karpaten.

Inzwischen lebe ich in Tiflis. Es ist Samstagmorgen. Dort drüben auf den Hügeln, die ich aus meinem Fenster sehe, werde ich heute Nachmittag wieder spazierengehen. Ich werde Villen, Baracken, Straßen, Treppen, Kirchen und Gärten sehen, von denen sich Ausblicke in das weite, sommerlich löwengelbe Tal eröffnen, auf die Hügel im Mittelgrund und auf die Fünftausender in der Entfernung. Überraschende Perspektivwechsel ergeben sich nach dem Aufstieg über lange Treppen zwischen weinlaubüberwachsenen Mauern und silbergrau verwitterten Holzzäunen. Eine Biegung in der gepflasterten kleinen Straße, hinter der jeden Moment (glaubt man in der träumerischen Geistesverfassung, die einsames Steigen und Gehen hervorbringt) der pazifische Ozean auftauchen muss, man scheint schon die Nebelhörner zu hören. Aber dann ist doch nur wieder eine neue Höhe erreicht, und eine Weile geht es, am Rand eines steileren Abhangs, ebenerdig weiter. Manchmal gerät man in einen Wald. Dann wieder steht man am Rand eines Felsabbruchs. Und überall begleiten dich in enzyklopädischer Formenvielfalt die Spontanarchitekturen, die hier auf jedem denkbaren Hanggrundstück gebaut worden sind, von Hütten aus Sperrholz und Wellblech bis zu historistischen Traumschlössern, wilden Jugendstilphantasmagorien und sachlichen Bauhauskuben.

Mir ist beim Spazierengehen auf den Höhen über Tiflis seither oft zumute, als hätte jemand den Stuttgarter Killesberg, die Karlshöhe, die Weinsteige und die Birkenwaldstraße durch einen Mixer gedreht und hier, am Abhang des Kaukasus, wo man weit in die gewaltige Landschaft hinaussieht, wieder ausgegossen. Und während ich dort im Licht warmer Septembersamstagnachmittage umherging – und später im Novembernebel, im ersten Schnee und an einem kalten Wintermorgen, der einen trotzdem schon den Frühling ahnen ließ –, habe ich wie unter einem Zwang versucht, mir die dramatische Biegung einzelner Straßen einzuprägen. Die Art, wie die Zweige eines Apfelbaums über die Stützmauer eines Gartens hinausragten. Wie die Staffeln dort aus manchen Blickwinkeln direkt in den Himmel hineinzuführen scheinen. Ich habe versucht, mir all jene Straßen und Gärten für immer klarzumachen, als würde, wenn ich das alles nur einmal innerlich ganz festhalten könnte, ich wieder jung und alles in meinem Leben wieder gut. Und dann bin ich hungrig geworden und über die Treppen von Tiflis wieder hinuntergestiegen ins Tal, wo eine der georgischen Kneipen auf mich gewartet hat und ein Essen, das ganz anders auch in der Jungsteinzeit nicht gewesen sein kann und in dem ich die Jahrtausende zu schmecken glaube im Brot, im Käse, im Gemüse, im gegrillten Fleisch. Und in einem oder zwei Gläsern des Weins, der zu dieser Landschaft gehört, zu dessen Bewirtschaftung die Treppen erfunden worden sind und in dem heute noch so etwas wie der Geist der Jungsteinzeit lebendig ist.


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Sunday, January 19, 2014

LITERARISCHE REPORAGE: Arkadi Babtschenko: "Ein Tag wie ein Leben. Vom Krieg". Von Gregor Ziolkowski (deutschlandradiokultur.de)

(deutschlandradiokultur.de) Seinen Militärdienst leistete Arkadi Babtschenko in Tschetschenien. Die Kriegserfahrung hat den russischen Journalisten nicht mehr losgelassen. "Ein Tag wie im Leben" ist sein drittes Buch darüber.

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Zerstörung in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny
Kriegszerstörung in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny (AP Archiv)
Arkadi Babtschenko ist vom Krieg geradezu besessen. Mit "Ein Tag wie ein Leben" legt er sein drittes Buch vor, das sich diesem Thema zuwendet, und erneut ist die eigene Erfahrung dieses Autors, seine Erlebnisse in den zwei Tschetschenien-Kriegen, ein wichtiger Pfeiler seiner Erzählungen. Allerdings erweitert der Autor in diesem Buch sein Blickfeld erheblich und dies sowohl in geographischer als auch in zeitlicher Hinsicht, ein Umstand, der auch auf der reflexiven Ebene Folgen hat.

Denn wenn die vorherigen Bücher Babtschenkos klar auf die Individualisierung des Phänomens Krieg abzielten, auf die Unmittelbarkeit des Erlebens. Auf die Heranführung des Lesers bis zum Leib des einfachen Soldaten, der sein Fleisch und sein Hirn der härtesten Gefährdung aussetzen muss. So geht es auch hier darum, aber eben auch um mehr.

Die Erfahrungen des Kriegsreporters fließen da ein, der etwa an die Schauplätze des russisch-georgischen Konflikts gereist ist und diese noch glühenden Brandherde, diese Landschaften nach der Schlacht, mit der Eindringlichkeit eines Augenzeugen beschreibt, auch ohne selbst Beteiligter gewesen zu sein. Die geopolitische Dimension dieses Konflikts, der da zwischen NATO-Gelüsten auf georgischer Seite und russischen Interessen zu verorten ist, gerät dabei in den Blick, ohne dass die Geschehnisse eine letzte Erklärung finden würden.

Zwielichtige Begegnungen

Begegnungen mit durchaus zwielichtigen "Geschäftsleuten", die offenkundig in der Grauzone des privatwirtschaftlichen Söldnertums ihr Auskommen finden. Leuchten hinein in die Merkwürdigkeiten einer konfliktiven Gegenwart, die unter dem Stichwort "Krieg" nicht mehr ausschließlich nationalstaatliche Konfrontationen versteht. Sondern einen globalisierten, dabei lokal eingegrenzten Wirtschaftsfaktor, der in gewisser Weise auch "Arbeitsplätze" und "Märkte" bereithält, die vielleicht Irak oder Afghanistan heißen.

Immer wieder treibt den Kriegsphänomen-Besessenen die Sinnfrage um. Wozu tut man das? Wer unter den unmittelbar Beteiligten versteht eigentlich die Motive für das Kämpfen? Unter welchen Bannern werden diese Auseinandersetzungen geführt? Heimat, Patriotismus, Religion, Pflicht - Begriffe, die Babtschenko unaufdringlich in die Debatte wirft, weil er sie an konkreten Personen und ihren Lebensläufen entlang verhandelt. Aus der jeweiligen Geschichte selbst ergeben sich diese Fragestellungen, die nach Werten fragen, wobei die Antworten eher verhalten ausfallen.

Verarmte Kriegsveteranen

Als schlichtweg desaströs beschreibt er die Situation jener – inzwischen uralten – Generation von Kriegsveteranen, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben und im heutigen Russland ein Bettlerdasein führen müssen. Die thematische Linie – Wie geht das Land mit seinen Kriegsveteranen um? - wird aber auch am Beispiel der Afghanistan- und Tschetschenien-Veteranen verfolgt, auch dies ein nicht allzu rühmliches Kapitel.

"Vom Krieg", das ist ein gut gewählter Untertitel für dieses Buch. Zwischen literarischer Reportage, historischem Exkurs und sozialpsychologischer Reflexion sondiert es am jeweiligen Beispiel jenes beunruhigende Terrain, das für uns seit langer Zeit woanders liegt, ohne dass es den Anspruch erheben würde, die jeweilige Situation erschöpfend zu erklären. Dieses "Woanders" ist hier nichts anderes als ein Schlachtfeld des Menschlichen, im Zweifelsfall gar nicht so weit entfernt.

Arkadi Babtschenko: EinTag wie ein Leben. Vom KriegAus dem Russischen von Olaf Kühl
Rowohlt Verlag, Berlin 2014
272 Seiten, 19,95 Euro

Mehr zum Thema:
20.05.2009 | KRITIK
Arkadi Babtschenko: "Ein guter Ort zum Sterben"
3.05.2009 | LITERATUR
Literarische Sichten auf Krieg von Remarque bis zu Babtschenko


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Friday, January 03, 2014

WEIN: "Wein weit weg". Stuart Pigott besucht Winzer in Nord-Michigan, Georgien, Moldawien, Norwegen und China. (weindeuter.blogspot.de)


(weindeuter.blogspot.de) In vielen Weinbücher werden häufig nur bekannte Themen wiedergekäut, Weinautoren ergötzen sich an Punktebewertungen und endloser Gaumenlyrik oder geben Wein-Lifestyle-Tips.

Stuart Pigott agiert anders !

Neben seinem jährlich erscheinenden Band "Kleiner genialer Weinführer" und seinem Opus Magnus zum Deutschen Wein "Wein spricht deutsch" berichtet er im Stil der Reisereportage in nunmehr drei Büchern von seinen spannenden und manchmal abenteuerlichen Erkundungen zur Globalisierung der Weinwelt. Seine Spur zieht sich mittlerweile durch alle Kontinente, auch in für unsere Vorstellungen (noch) abseitige Anbaugebiete wie Indien und Thailand. Im aktuellen Band mit dem Titel "Wein weit weg" besucht er Winzer in Nord-Michigan, Georgien, Moldawien, Norwegen und China.

Zum Glück versteht Pigott es auch, seine Texte mit viel Humor, Verve und einer gewissen Dramatik vorzutragen, wovon man sich bei seiner Lesung in der wunderschön hergerichteteten Maschinenhalle der Zeche Ewald in Herten (organisiert von der Weinhandlung Molitor) überzeugen konnte. Und es war nicht (nur) der Showauftritt eines spleenigen Engländers in buntkarierten Anzügen, sondern ein absolut kenntnisreicher Bericht, z.Bsp. über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Bedingungen für den Weinbau. Obwohl also schon der Vortrag durchaus nicht "trocken" daherkam, gab es passend zum Buch ausgewählte Weine.

Zu Beginn zwei Rieslinge, beide so feinduftig mit angenehmen Frucht-Säure Spiel, wie Weine aus dieser Rebsorte idealerweise sein sollten. Jedoch der eine (Riesling O. 2008 von Olaf Schneider) kam von der Mosel von einem nur im Nebenerwerb als Winzer arbeitenden Elektriker mit Mini-Weinberg. Der andere ("Whole Cluster" Riesling 2008 vom Chateau Grand Traverse) war aus Nord-Michigan vom "Ayatollah des Rieslings" Sean O´Keefe. Noch origineller ging es bei den Roten zu. Der 2006er "Premium" Cabernet-Saubignon/Merlot von Grace Vineyard aus der Shanxi Provinz hatte wunderbar cremig-weiche Himbeer/Johannisbeeraromen, jedoch nicht überbordend, eher fein und feminin wirkend mit 12,5%. Absolut expressiv ging dann der 4. Wein zur Sache: Saperavi 2008 vom Weingut "Nika" aus Georgien. Ein "wildes Tier aus dem Kaukasus" (Stuart Pigott), nach traditioneller georgischer Kellertechnik in Tonamphoren vergoren und gereift. Dichte Nase nach Plaumenkompott mit Zimt, Mund voll mit Frucht, Gerbstoff kommt als Nachbrenner - absolut faszinierend. Natürlich gab es auch dazu eine originelle Winzergeschichte: Nika Bakhia lebt eigentlich als Künstler in Berlin.

Nähere Infos mit links zu den Winzern: weindeuter.blogspot.de/2009/12

Homepage von Stuart Pigott: stuartpigott.de

Thursday, January 02, 2014

REZENSION: Beso Chwedelidze: Die nicht ganz surrealen Geschichten eines Erzählers aus Georgien. Von Ralf Julke (l-iz.de)

(l-iz.de) Das Jahr 2013 war ja wieder voller Berichte über Revolutionen und Proteste überall in der Welt. Fast hat man ja schon das Gefühl, seit jenem Herbst 1989 wären alle Völker in der Welt nur noch bemüht, durch allerlei bunte Revolutionen die finsteren Mächte der Vergangenheit zu stürzen. Aber wer entscheidet eigentlich darüber, was eine Revolution ist? Die Medien? - Beispiel Georgien.

 
Beso Chwedelidze: Der Geschmack von Asche.
Beso Chwedelidze: Der Geschmack von Asche.
Man hätte hier auch die Ukraine nehmen können oder irgendein anderes Land der einstigen GUS. Unabhängigkeitserklärung 1991. Sessionskrieg oder Georgien-Konflikt 1992. Militärputsch 1992. "Rosenrevolution" 2003, neuer Ministerpräsident mit 96 Prozent der Stimmen. Massenproteste 2007. Neuwahlen. Kaukasus-Konflikt alias Georgien-Krieg 2008. Immer wieder Zündstoff: die beiden Regionen Südossetien und Abchasien.

Und da wird dieses neue Buch aus dem Leipziger Literaturverlag ganz aktuell. Denn wer Abchasien auf der Landkarte sucht, findet es nicht nur am Schwarzen Meer - bis zum Austragungsort der Olympischen Winterspiele im Februar, Sotschi, ist es nur ein Katzensprung. Hinter dieser ganz speziellen Olympiabewerbung steckt auch ein bisschen Muskelspiel der russischen Republik, die in Georgien ihren Einfluss wahren will. Da treffen sich schon mal die Russische Schwarzmeerflotte und die Georgische Marine vor der Küste Abchasiens und lassen ein paar Böller los. Und in so einer Region veranstaltet man, als sei gar nichts los, Olympische Spiele?

Aber einer wie der georgische Schriftsteller und Journalist Beso Chwedelidze weiß natürlich, wie desinformiert die westliche Welt über fast alles ist, was im Osten Europas passiert, im Kaukasus sowieso, wo nicht nur diverse Pop-Sternchen gern vor regionalen Potentaten tanzen, sondern auch das legendär schwanenfedrige Fernsehballett. Georgien gehört dabei zu jenen Ländern, in denen die beiden Großmächte Russland und USA seit Jahren um Einfluss ringen. Seit Mitte der 1990er Jahren knistert es, denn seitdem hat Georgien eine Partnerschaft zum westlichen Militärbündnis NATO. Und als George W. Bush 2001 seine "Freunde" für den Krieg im Irak zusammentrommelte, war Georgien dabei.

An dieser Risslinie zwischen den Machtsphären hat es keine Regierung leicht. Erst recht nicht, wenn die über Jahre geschürten Konflikte auch die Wirtschaft des Landes beeinträchtigen.

Chwedelidze gehört zur jüngeren Autorengeneration des Landes, 1972 geboren, hat er schon zehn Bücher veröffentlicht und sich in Georgien vor allem einen Namen als Short-Story-Autor gemacht. Vier Erzählungen bietet dieser Band, den der Leipziger Literaturverlag wieder mit einem Subskriptionsmodell finanziert. Gleich in der ersten Geschichte entführt Chwedelidze den Leser in jenes ferne Georgien der Jahre 1992/1993, in der ein junger Journalist aus Warschau, der bislang nur eifrig die Kulturkolumne seines Magazins gefüllt hat, kurzerhand nach Moskau beordert wird, um schnell mal ein Interview mit dem georgischen Präsidenten zu machen. Den er verfehlt und dem er dann nach Tbilissi nachreist, um dann in einer schon kriegsverdunkelten Landeshauptstadt zu erfahren, dass ihm der Präsident wieder vor der Nase abgereist ist, also hinterher, der junge Mann ist ja abenteuerlustig und will seinen Auftrag erfüllen. Er landet mitten im Kriegsgebiet. Und gerade ist der letzte Flieger mit den letzten westlichen Journalisten abgeflogen.

Es ist eine kleine, beklemmende Geschichte auch über das Irrationale des Krieges. Blitzschnell ändern sich alle Maßstäbe, Recht und Gesetz gelten nicht mehr, nun gilt nur noch das Kriegsgesetz, verlaufen unsichtbare Fronten mitten durch die Dörfer, deren Einwohner niedergemetzelt werden bei jeder neuen Eroberung. Und Emotionen dürfen sich auch die Soldaten nicht leisten, denn Militärgerichte werden schnell zu Standgerichten. Und der junge Journalist aus Polen lernt, wie schnell sich jeder vertraute Zustand auflöst, wie selbst ein Baum voller roter Äpfel zum Schrecken werden kann - und eine Flucht nur noch im Flugzeug mit den getöteten Soldaten möglich ist. Nur die toten Helden werden noch ausgeflogen ...

Am Ende ist nicht wirklich klar, ob es dem jungen Mann gelingt, dem Chaos zu entfliehen.

Auch in seinen anderen Geschichten spielt Chwedelidze mit der Ungewissheit der Wirklichkeit. In "Schwalben" ist es ein kleines ironisches Spiel mit der Frage: Was macht eigentlich der Autor, wenn seine Figuren so lebendig sind, dass sie nicht nur den Gang der Handlung übernehmen, sondern auch beginnen, dem Autor auf die Pelle zu rücken? Und was macht er, wenn er merkt, dass sein erfundener Held als Taschendieb so geschickt ist, dass er ihm sogar das Dope aus der Tasche klaut? Erleben dann seine erfundenen Figuren einfach ein ewiges tolles Leben auf quietschender Couch - oder könnte die Verzweiflung des aufs Trockene gesetzten Autors zum Problem werden?

Auch "Wiesenblumen" ist ein lustvolles Spiel mit den poetischen Möglichkeiten, die in einer einzigen Szene stecken - in diesem Fall der Begegnung des Helden mit einem alten Angler am Fluss, der ihn beim Gehen zur Vorsicht mahnt. Doch zu welcher Vorsicht? Was kann geschehen? - Eine Menge, wie man dann liest, jeder Monat des Jahres hält auch im fernen Georgien überraschende Begegnungen bereit. Und da der Held jung ist, sind es immer wieder Frauen, die ihm begegnen, solche, die ihn nur für Momente zum Handeln zwingen - doch im Moment steckt tatsächlich eine wichtige Entscheidung, solche, mit denen er Träume von einem gemeinsamen Leben träumt, die sich aber auch von Monat zu Monat verwandeln, aber auch Frauen, mit denen ihn alte Geschichten verbinden - und alte Verletzungen.

In poetischen Bildern spult sich dieses Jahr mit all seinen Jahreszeiten ab - und am Ende schließt sich der Kreis. War es wirklich nur ein Moment voller überschäumender Phantasie? Oder ist es wirklich passiert? Wer weiß das schon. Selbst wenn man das alles erlebt hat, wirken solche Begegnungen nicht weniger verstörend, einmalig, wunderbar oder verletzend.

In "Dorf Erdungen" erweist sich Chwedelidze dann auch als Meister der Parabel - hier landet der Held in einem abgeschiedenen Bergdorf, wo augenscheinlich seit ein paar Jahren ein seltsames Experiment abläuft, in dem ein Sendemast und die völlige Abhängigkeit der Dorfbewohner von ihren Mobiltelefonen eine wesentliche Rolle spielen. Doch irgendetwas hat auch die menschliche Gesellschaft und ihre Maßstäbe verändert - der junge Arzt fühlt sich wie in einem Irrenhaus - doch die permanente Überwachung hindert ihn an der Flucht.

Das moderne Georgien ist - mit all seinen politischen Bruchkanten - ein durchaus vertraut wirkendes Land. Es ist wie mit den vielen Autoren, deren Stimmen der Leipziger Literaturverlag aus dem einstigen Jugoslawien ins Deutsche übersetzen lässt: Das Fremde, Befremdende entpuppt sich beim näheren Betrachten als Teil einer sehr vertrauten Befremdung, die moderne Zeit als Kulisse für uralte Ängste und Leidenschaften. Und die Fragen, die sich auch die jungen Autoren Georgiens stellen, sind ebenso vertraut: Wie kommt immer wieder das Irrationale in eine doch scheinbar auf Ratio aufgebaute Gesellschaft?

Wird die Wirklichkeit nur absurd, weil eine Gesellschaft sich im Umbruch befindet? Oder sind tatsächlich die Irrationalitäten nicht das Unveränderliche, das gerade dann hervorbricht, wenn die Mehrheit schon wieder glaubt, man habe es geschafft, man habe das friedliche Ufer einer rational organisierten Gesellschaft erreicht? - Lauert das Surreale aus Chwedelidzes Geschichten nicht tatsächlich genau so in der scheinbar so friedfertig wirkenden Moderne? Verdrängen es die Meisten nicht nur und gehen über die frappierenden Momente lieber kommentarlos hinweg, eben das, was Chwedelidze in "Wiesenblumen" in den Augen all seiner geschilderten Frauen aufglimmen lässt, faszinierende Bilder, die auf den Punkt bringen, was eigentlich alles in den Gedanken der Menschen vor sich geht in all den scheinbar so banalen Begegnungen des Alltags.

Zur Kostprobe für alle, die Lust auf diese unverhofften Begegnungen haben, kann man sich ja vorstellen, wie es aussieht, wenn in ihren Augen "ein afrikanischer Skifahrer niest", "Gauchos in der Pampa Tango" tanzen oder "wilde Mustangs" reiten? Vorgestellt? - Für Frauenliebhaber gibt es auch die anderen Bilder, wenn in ihren Augen "eine mannsgroße Heuschrecke ein Maisfeld" vernichtet oder "die Außenbezirke von Sarajevo" bombardiert werden.

Womit sich ja der Kreis schließt. Der Krieg beginnt nicht an Kabinettstischen, sondern ganz unten - in den Begegnungen (oder Nicht-Begegnungen) der Menschen. Oben wird dann nur noch - ganz rational - auf den Knopf gedrückt. Und ein friedliches Land verwandelt sich in die Hölle.

Beso Chwedelidze "Der Geschmack von Asche", Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2014, Subskriptionspreis 16,95 Euro.