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Sunday, May 03, 2020

BUCHBESPRECHUNG: Über eine faszinierende Geschichte russisch-georgischer Beziehungen. Von Dieter Boden via @theeuropean

Buch: Philipp Ammon, Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Die Wurzeln des Konflikts vom 18. Jh. bis 1924, Frankfurt/M 2020.


Früherer Deutscher Botschafter 

in Georgien, Dieter Boden
(theeuropean.de) Dies ist die faszinierende Geschichte russisch-georgischer Beziehungen zwischen 1801, dem Jahr der Annexion Georgiens durch das zaristische Rußland, bis nach dem ersten Weltkrieg. Es ist ein Thema, das bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion allenfalls für Fachleute der Geschichtswissenschaft von Interesse gewesen sein mag. Inzwischen hat der Kaukasus als ein regionaler Spannungsherd in unserer unmittelbaren Nachbarschaft neue Aktualität erhalten. Dieses Buch von Philipp Ammon ist insofern auch ein Beitrag zur politischen Zeitgeschichte.

Ammon behandelt einen entscheidenden Abschnitt in den Beziehungen zwischen den beiden Völkern und Nachbarn, die sich in ihrer Kultur, ihrer Mentalität und ihren Lebensgewohnheiten grundlegend unterscheiden. Es ist eine Geschichte, die geprägt ist von Gewalt, Verrat und Täuschungen, aber auch von friedlichem, oftmals sogar harmonischen Zusammenleben – mit einem Wort: ein Musterbeispiel aus dem Fach politischer Staatenbeziehungen, das uns auch heute noch manches lehren kann. Dies gilt sicherlich insbesondere hinsichtlich unseres heutigen Verhältnisses zu Rußland.

Mit viel Sachkunde schildert Ammon die Periode der bilateralen Beziehungen in dem sich insgesamt über 115 Jahre erstreckenden Zeitabschnitt, in dem Georgien Teil des Russischen Zarenreiches war. Der Band enthält eine Fülle an Anmerkungen sowie ausführliche Hinweise auf weiterführende Literatur zum Thema; ein wenig störend wirkt die umständliche Transskription der Personennamen ins Deutsche, die nicht selten das Lesen beeinträchtigt. Kurz behandelt Ammon auch die Periode von 1918 bis 1921, in der Georgien erstmals seine Unabhängigkeit errang, bevor diese im Februar 1921 durch den Einmarsch der Roten Armee wieder zunichte gemacht wurde – weitgehend unbemerkt durch das restliche Europa, das mit den Folgen des vorangegangenen Weltkrieges beschäftigt war. Die darauffolgende Periode, in der Georgien über 70 Jahre als Bundessstaat Teil der Sowjetunion war, wird von Ammon nur gestreift. Viel Aufmerksamkeit widmet er den Beziehungen zwischen den beiden orthodoxen Kirchen.

Die Annexiuon durch Rußland von 1801 brachte für Georgien zunächst das übliche Schicksal eines unterworfenen Landes: Ausplünderung, Zwangsassimilierung und Niederschlagung von immer wieder aufflammenden Aufständen. Als schlimmste Demütigung, so bemerkt Ammon zutreffenderweise, empfanden die Georgier die Unterstellung ihrer orthodoxen Kirche unter die des Moskauer Patriarchats im Jahre 1811. Jedoch setzt Ammon denjenigen, die die russische Herrschaft allein als eine Leidensgeschichte fortdauernder Unterdrückung sehen wollen, eine differenziernde Betrachtungsweise entgegen. Die Bilanz ist ambivalent: in der Zeit bis 1914 erlebte Georgien eine Friedenszeit ohne die Verwüstungen, die es in den Jahrhunderten vorher durch eine endlose Folge an Invasionen durch fremde Eroberer erlitten hatte. Unter „befreundeten Bajonetten“, wie der Dichter Lermontov dies bezeichnete, erholte sich das Land allmählich. Es fand Anschluß an die Moderne durch den Bau von Infrastrukturen, durch die beginnende Umstellung einer archaischen Agrarwirtschaft auf eine industrielle Erschließung seiner Ressourcen, durch den Aufbau von Telekommunikationen, bei der die deutsche Firma Siemens entscheidend mitwirkte.

Wiederbelebt wurden nun auch die zuvor jahrhundertelang unterbrochenen Verbindungen zu Europa, und Rußland spielte bei der Vermittlung eine entscheidende Rolle. Es waren russische Universitäten, die die neuen georgischen Eliten ausbildeten. Die georgischen Studenten kamen von dort als „Westler“ zurück, hatten Kant und Hegel gelesen und traten bald auch für nationale Selbstbestimmung ihres Landes ein.

Auch nach 115 Jahren gemeinsamer Staatlichkeit blieben jedoch die Unterschiede in Kultur, Lebensgefühl und Mentalität zwischen beiden Ländern bestehen. Daß die russische Epoche heute überwiegend als eine traumatische Erfahrung wahrgenommen wird, ist eine Folge der anschließenden 70 Jahre unter sowjetkommunistischer Herrschaft, die am 9.4.1989 mit einem besonders brutalen Akt abschloss: einem Massaker sowjetischer Truppen an der georgischen Zivilbevölkerung.

Es wäre wünschenswert, wenn diese vergangene Geschichte der russisch-georgischen Beziehungen durch ein Kapitel über die Sowjetzeit und die Gegenwart seit der neuen georgischen Unabhängigkeit von 1991 ergänzt würde. Das Buch von Ammon ist jedenfalls ein verdienstvoller Anstoß. Heute werden die russisch-georgischen Beziehungen durch die Auseinandersetzung um die von Georgien abgefallenen und von Rußland unterstützten Separatstaaten Abchasien und Südossetien bestimmt. Eine einvernehmliche Regelung dieses Konflikts ist nicht in Sicht. Seit 2008 sind die bilateralen Beziehungen zwischen beiden Ländern abgebrochen. Die Wirkungen dieses Konflikts strahlen vielfältig zu uns in den Westen Europas aus. Auch dies macht Ammons Buch deutlich: ohne eine Normalisierung der georgisch-russischen Beziehungen wird die Region des Südkaukasus nicht zur Stabilität finden.

Monday, April 20, 2020

BÜCHERSCHAU von Urs Unkauf: Ammon, Philipp (2020): Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Klostermann-Verlag

Die Beziehungen zwischen Georgien und Russland sind heute überschattet. Einerseits kritisiert Georgien die Einmischung Russlands und dessen Aktivitäten in Abchasien und Südossetien. Andererseits sieht die russische Seite ihre traditionelle politische Einflusssphäre durch die Entscheidung Georgiens für den Weg in die euro-atlantische Integration gefährdet. Dass die Wurzeln dieser aktuellen Konflikte tiefer liegen, zeigt Philipp Ammon in seinem Buch. Ausgehend von der Frage „wie es zur Konfrontation zweier Völker kam, die keine tiefverwurzelte, gleichsam metaphysische Feindschaft“ (S. 9) trenne, stellt Ammon die georgische und russische Perspektiven gegeneinander. Dabei kommen politische, aber auch literarische Akteure zu Wort. Ammon beginnt mit der georgischen Geschichte. Er startet in der Antike und kommt dann im 18. Jahrhundert an. Konkret geht es um den 1783 geschlossenen Vertrag von Georgijewsk, in dem die georgischen Könige einem Bündnis mit dem Zaren beitraten. Dies hatte den Verlust der Souveränität über die außenpolitischen Kompetenzen zur Konsequenz. Es geht weiter mit der Annexion Georgiens durch das Zarenmanifest von 1801. Es folgen wechselseitige literarische Wahrnehmungen, die Entwicklung der georgischen Nationalbewegung und kirchliche Konflikte. Das letzte Kapitel nimmt den chronologischen Faden wieder auf. Es befasst sich mit der Zeit nach der Revolution von 1905 bis zur ersten georgischen Republik, die 1921 durch den Einmarsch der Roten Armee endete.

Die Beziehungen zwischen Georgien und Russland waren nach Ammon „ein Muster von Nähe und Fremdheit, von Verbundenheit und Abkehr, von russisch-imperialer Homogenisierung und georgischer Identitätsbehauptung“ (S. 212). Ammon legt die historischen Wurzeln dieses Spannungsgeflechtes frei. Ein lesenswertes Werk für alle, die Georgien besser verstehen wollen, und zugleich bereit sind, auch über Russland Neues zu lernen.

Urs Unkauf, Berlin Bücherschau WeltTrends • Das außenpolitische Journal • 161 • März 2020 • 28. Jahrgang • S. 66 Ammon, Philipp (2020): Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Klostermann-Verlag, 238 Seiten, 29,80 Euro.

welttrends.de

Saturday, March 28, 2020

GESCHICHTE: Georgien - Spielball im "Great Game" - über Georgiens Geschichte und das ambivalente Verhältnis zu Russland - von Philipp Ammon. Rezension von Claus-Dieter Stille. via @derfreitag


Buchbesprechung [freitag.de] Philipp Ammon hat es unternommen, ein tief lotendes Buch über Georgiens Geschichte und das ambivalente Verhältnis zu Russland geschrieben

Über Georgien hört man im Grunde nichts bzw. sehr selten etwas. Erst recht nicht heute, in Zeiten, wo der Corona-Virus "regiert". Ein kleiner, christlich geprägter Staat (sh. Wikipedia) mit gerade einmal 3.729.635 Einwohnern. Das Land erklärte sich am 26. Mai 1918 für unabhängig und erlangte nach dem Ende der UdSSR am 9. April 1991 wieder die Unabhängigkeit. Ich kannte das Land lange nur unter der vom Russischen herrührenden Bezeichnung Grusinien (Грузия (Grusija) früher gelegentlich auch Grusien oder Grusinien genannt; Quelle: Wikipedia).

Zuletzt war Georgien während der Olympischen Spiele in Peking stärker in den Fokus der Nachrichten gerückt. Micheil Saakaschwili, von 2004 bis 2013 Staatspräsident Georgiens, (an dessen geistiger Gesundheit so mancher zweifelte) ließ, während die Weltöffentlichkeit mit den Olympischen Spielen beschäftigt war, in der Nacht vom 7. auf den 8. August 2008 – also zeitgleich mit dem Beginn der Olympischen Spiele in Beijing - die Hauptstadt der "abtrünnigen Republik" Südossetien, Zchinwali, militärisch angreifen, um dieses - innerhalb der Grenzen der früheren sowjetischen Teilrepublik Georgien gelegene - Territorium (erstmals seit der Zerstörung der UdSSR) der Hoheit des unabhängigen georgischen Staates zu unterstellen. Russland, das sich als Schutzmacht Südossetiens verstand (und versteht), reagierte mit einem militärischen Gegenschlag und drang auf "kerngeorgisches" – wie es hieß - Territorium vor.

Über die Geschichte Georgiens dürften viele von uns – beschönigend ausgedrückt - keine größere Kenntnis besitzen. Das Verhältnis von Georgien und Russland ist ambivalent. Der Historiker Philipp Ammon charakterisiert es in seinem Buch „Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Die Wurzeln des Konflikts vom 18. Jh. bis 1924“ als „tiefverwurzeltes, gleichsam metaphysisches Spannungsverhältnis“ . Gegen Ende seines hochinteressanten Buches lesen wir in den Schlussbetrachtungen:

„Im Verhältnis der beiden christlich-orthodoxen Länder unterschiedlich ausgeprägter Tradition spiegelt sich ein Muster von Nähe und Fremdheit, von Verbundenheit und Abkehr, von russisch-imperialer Homogenisierung und georgischer Identitätsbehauptung. Die Beziehung von Georgiern und Russen war von Anbeginn die ungleicher Partner. Seit dem späten Mittelalter sehen wir das kleine Georgien als beim nördlichen Reich Schutzsuchenden. Das Zarenreich war hingegen seit Peter d. Gr. an einer Ausgangsbasis für ein weiteres imperiales Ausgreifen nach Persien – späterhin mit Perspektive auf Indien – und den Dardanellen interessiert. Eine Harmonisierung derart unterschiedlicher Interessen fand zu keiner Zeit statt. Wie schon erstmals im Jahr 1483 König Alexander I. von Kachetien gegenüber dem Großfürsten – in der Selbstbezeichnung gegenüber Mindermächtigen sich erstmals „Zar“697 bezeichnenden – Ivan III. d. Gr. oder um 1720 Vaxt’ang VI. gegenüber Peter d. Gr. traten bei den Verhandlungen zu dem immer wieder zitierten Vertrag von Georgïevsk 1783 die Georgier als Bittsteller auf. Auf die von Georgiern bis heute als "Verrat" gedeutete verheerende Niederlage von K’rc’anisi (1795) gegen die Perser folgte die unter demütigenden Umständen vollzogene Annexion von 1801. Die Wegführung der Bagratiden nach Russland erscheint symbolhaft für den rücksichtslosen Umgang des Imperiums mit dem hilflosen kaukasischen Königreich. Anders als beim Anschluss der baltischen Provinzen unter Peter d. Gr., bei welchem sämtliche ständischen Rechte gewahrt und die deutsche Selbstverwaltung beibehalten wurde, oder bei der Inkorporation des durch einen Bagratidengeneral eroberten Finnland (1809) nahmen die Russen bei der Annexion Georgiens keine Rücksicht auf die lokalen Traditionen. Der Modus der Annexion – der dem Adel unter Bajonetten aufgezwungene Treueid in der Zionskirche 1802 – blieb im historischen Gedächtnis des Volkes, nicht nur des Adels haften. Zum ersten Bezugspunkt des verletzten Rechtsbewusstseins wurde so die Missachtung der im Vertrag von Georgïevsk getroffenen und in den Bittpunkten vom Zaren bestätigten Vereinbarung über die Beibehaltung des bagratidischen Königtums. Die Inkorporation Georgiens folgte demselben Muster wie die der benachbarten muslimischen Khanate.

697 v. Rimscha, S. 142.“

Nichtsdestotrotz, arbeitet der Autor heraus, gibt es in beiden Völkern Sympathien für das jeweils andere Volk. Ebenso freilich Antipathien.

Das wird auf Seite 212 des Buches verständlich:

"Fehlwahrnehmungen, machtgestütztes Vorgehen der Russen und Widerstand der Georgier führten zu Entfremdung. Doch die russische Dichtung löste sich nie von ihrem Traumland Georgien. Um eine einseitige Sicht der Dinge zu vermeiden, galt es, die unter russischer Herrschaft erzielten zivilisatorischen Fortschritte im Kaukasus zu berücksichtigen. Die russische Verwaltung beendete Jahrzehnte barbarischer Einfälle und islamischer Fremdherrschaft.705 Die drohende Vertilgung des georgischen Volkes wurde abgewendet. Schließlich brachte die russische Expansion in Transkaukausien eine "Sammlung der georgischen Erde" zuwege, die Verwirklichung des georgischen Traumes seit der Mongolenzeit.706 Georgien verdankte seine Konsolidierung als einheitlicher politischer Raum gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Machtentfaltung des petrinischen Imperiums. Durch wirtschaftlich-technische und administrative Integration schuf Russland überhaupt erst die Voraussetzungen für die Herausbildung georgischer Staatlichkeit. Die unter imperialer Ägide entstandenen Institutionen bildeten die Vorformen des georgischen Staates. Die Leistungen Russlands in Georgien wurden überwiegend anerkannt. Auch die Vereinigung Georgiens durch russische Annexionen wurde als politischer Gewinn erkannt. Erst unter dem Szepter des Zaren war das alte Georgien fast wiedervereint." 

Ebenfalls interessant:

"Zu den Besonderheiten der russisch-georgischen Geschichte gehört, dass die Loyalität gegenüber dem Zarenreich seitens nationalbewegter Georgier trotz aller erfahrenen Härten über lange Zeit nicht in Frage gestellt wurde. Im Jahre 1880 – vor dem Regierungsantritt Alexanders III. – schrieb der Journalist Sergi Mesxi in der Zeitschrift Droeba, dem Sprachrohr der Nationalbewegung: "Wir haben uns guten Willens Rußland anvertraut, dem wir grenzenlos ergeben sind." Er fügte jedoch warnend hinzu, der Schulinspektor Janovskïj "versündigt sich gegenüber Rußland, weil er versucht, ihm die Liebe und Ergebenheit des georgischen Volkes zu rauben"." Anscheinend hat sich Sprache, Kirche und Kultur Georgiens unter der Sowjetherrschaft sogar zeitweise günstiger entfalten können als unter der Herrschaft des Zaren: "Die unterschwellig gleichwohl stets herbeigesehnte nationale Unabhängigkeit fiel den Georgiern in den Revolutionsjahren 1917/18, genauer: im Gefolge von Brest-Litowsk, eher zufällig zu. Mit dem durch die deutsche Niederlage besiegelten Umschwung der Machtverhältnisse sah sich das unabhängige Georgien in einer teils bekannten, teils neuartigen Zwangslage: im Süden die Jungtürken, im Norden die Bolschewiken. Der Verlust der Unabhängigkeit war indes nicht das Werk Lenins, sondern jener georgischen Bolschewiken, die ihr Heimatland in das neue, vermeintlich völkerverbindende Sowjetreich heimholen wollten. Zur Ironie der russisch-georgischen Geschichte gehört die Tatsache, dass sich Sprache, Kirche und Kultur Georgiens unter der Sowjetherrschaft zeitweise ungestörter entfalten konnten als unter den Zaren. Zu Recht verweist Reisner darauf, dass sich die Dialektik von russischem Machtausbau und georgischer Selbstbehauptung in vollem Umfang sogar erst in Zeiten der Sowjetherrschaft entfaltete, als der Ausbau georgischer nationaler Institutionen – zu nennen sind hier nicht nur Schulen, Universitäten, Akademien, sondern auch die kommunistische Staatspartei Georgiens, der Staatsapparat und der Geheimdienst – voranschritt. Anders als Rosa Luxemburg erkannte Lenin der Nation durchaus eine fortschrittliche Funktion zu." 

Was man auch berücksichtigen sollte:

"Die Loyalität der Georgier gilt der Kirche, nicht ihrem Staat. Diese geringe Staatsbindung verleiht den Regierungswechseln seit dem Ende der Sowjetherrschaft revolutionären bis bürgerkriegsartigen Charakter, verbunden mit jeweils komplettem Austausch der Staatsdienerschaft. Politik gerät in Georgien in die Nähe einer permanenten stásis – ein Moment, das von den Georgiern selbst leider kaum reflektiert wird. Weit bequemer ist es, die schwache Staatlichkeit auswärtigen Mächten wie Russland anzulasten." 

Noch immer wird in Georgien Stalin hochverehrt; während auf der anderen Seite Antikommunismus existiert. Beides werde jedoch nicht als Widerspruch empfunden.

Am schwierigen Verhältnis zwischen Russland und Georgien – lesen wir aus dem Text von Ammon heraus dürften beide Staaten wechselseitig nicht frei von Schuld sein:

"In diesem Zusammenhang spielt aber auch das von Dostoevskïj und Vasilïj Rozanov722 beklagte Desinteresse der Russen an der Historie, nicht zuletzt an Geschichte und Selbstverständnis der imperial angeeigneten Völker, eine nicht zu unterschätzende Rolle. Umgekehrt leidet auch die georgische Historiographie nicht an übertriebener Selbstkritik. Beide Dispositionen sind einer vernünftigen Politik nicht förderlich. Selbst da, wo mit großem Aufwand Versuche einer Verständigung unternommen werden, zeichnet sich keine Wende zum Positiven ab." 

Georgien ist nicht zuletzt so etwas wie ein Spielball – meint Philipp Ammon – in einer Neuauflage des "Great Game" zwischen den USA und Russland im Nahen Osten. Nichts so ganz eues: Habe doch Georgien seinerzeit Peter dem Großen als Aufmarschgebiet gegen Persien gedient. Und in der Gegenwart werde das Land nun von den USA und Israel in eine vergleichbare Rolle als strategische Basis gegen Iran manövriert. Ob Georgien gut beraten war (freilich in der verständlichen Absicht sich von russischem Einfluss fernzuhalten) sich die USA als neue Schutzmacht quasi an den Hals zu schmeißen, nachdem es wohl nicht an entsprechenden Winken aus Washington gefehlt haben dürfte, darf m.E. stark bezweifelt werden.

Der Vorhang zu und alles Fragen offen, könnte man nach der Lektüre betreffs des Verhältnisses zwischen Russland und Georgien sagen. Denn von positiven Aussichten betreffs einer möglichen Verbesserung des Verhältnisses beider Länder kann das Buch freilich keine Kunde geben.

Um aber zu verstehen, um nachzuvollziehen warum die Situation so ist wie sie heute ist, war es sehr lehrreich, dieses Buch von Philipp Ammon zu lesen. Man kann es durchaus als veritables Geschichtsbuch mit einer Fülle von genau beschriebenen Hintergründen bezeichnen. Ammon hat für das Buch unglaublich tief gelotet und viel Wissenswertes an den Tag befördert. Eine unglaubliche Fleißarbeit, die nicht hoch genug geschätzt werden kann, leistete der Autor augenscheinlich, die jedoch nötig war, um möglichst alle erreichbaren Quellen (akribisch aufgeführt) zu studieren, um diese Arbeit zu leisten. Einfach so und sozusagen in einem Rutsch ist das Buch – mit den vielen Hinweisen und Quellenangaben – logischerweise nicht zu lesen. Aber es ist für diejenigen, welche sich für dieses ansonsten meines Wissens wenig beackerte Thema interessieren dann doch unverzichtbar. Das Buch dürfte darüber hinaus aber auch für einen breiteren Leserkreis von Interesse sein. Die Zeit zur Lektüre dieses Buches wird man sich dann gewiss gerne nehmen. Und in der Corona-Krise hat sicher manche/r womöglich auch die Muße sich dem Buch in Ruhe zu widmen.

Das Buch

Philipp Ammon: Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Die Wurzeln des Konflikts vom 18. Jh. bis 1924
Neuauflage Neuauflage der ersten Ausgabe von 2015 mit einem Nachwort von Uwe Halbach
2020. 238 Seiten. Kt 29,80 €
Format 14 x 21,5 cm
ISBN 978-3-465-04407-9
Klostermann Rote Reihe 117

Thursday, March 05, 2020

GASTKOMMENTAR: Georgiens Sehnsucht nach dem mächtigen Freund. Von Philipp Ammon (2017) via @NZZ

[nzz.ch] Neben Armenien ist Georgien das einzige christliche Land im Kaukasus und steht entsprechend isoliert da. Die Zeiten, da man sich Russland als Schutzmacht auserkor, sind vorbei. Doch was folgt danach?


Am 18. März 2014 hielt Präsident Putin im Georg-Saal des Kreml eine Rede an die russische Nation, in der er die Krim als «so heilig wie den Tempelberg» bezeichnete. Kurz darauf erklärte er, dass er in der Ukraine auch jenen Teil der Bevölkerung zu verteidigen gedenke, welcher sich der «weiten russischen Welt» zugehörig fühle. Unter dieser ist nicht allein die Landmasse der Russischen Föderation zu verstehen, sondern der gesamte Raum, den Russland je kulturell geprägt hat. Darin eingeschlossen sind auch jene Länder, in denen die UdSSR russische Minderheiten hinterlassen hat.

Während es in der Anglosphäre ein real existierendes Gefühl von Zusammengehörigkeit gibt, verleiht Putin mit der Idee der russischen Welt jenem imperialen Phantomschmerz Ausdruck, den er 2005 in die Worte fasste, der Zerfall der Sowjetunion stelle «die grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts» dar. Seine Präsidentschaft ist der Versuch, die seit 1991 erlittenen Verluste zu revidieren bzw. den weiteren Zerfall der russischen Landmacht zu beenden. Von Anbeginn richtete er sein Augenmerk auf den Kaukasus, zunächst auf Tschetschenien, dann auf Georgien, welches ihm im August 2008 durch das kurzschlüssige Handeln seines Präsidenten Saakaschwili einen glücklichen Vorwand zum russischen Teileinmarsch lieferte.

Russland und der Kaukasus
Den russischen Anspruch auf den Kaukasus verdeutlicht eine Episode, die sich kurz nach dem Untergang der Sowjetunion in einer Dahlemer Villa zutrug. Der letzte Oberkommandierende der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte Matwei Burlakow und der letzte in Bonn residierende sowjetische Botschafter Juli Kwizinski beklagten gegenüber dem Verleger Wolf-Jobst Siedler den Verlust des Kaukasus, insbesondere Georgiens. Dagegen äusserten sie ihr gänzliches Unverständnis darüber, wie klaglos die Deutschen 1990 ihre Ostgebiete preisgegeben hätten. Die 2014 verstorbene Sowjetdissidentin Walerija Nowodworskaja bezeugte vor ihrem Ableben, dass die «überwältigende Mehrheit» der russischen Menschenrechtler in der Ära des Jelzinschen Liberalismus den Verlust des Kaukasus nicht hinzunehmen bereit war. Bereits der russische Literaturkritiker Wissarion Belinski (1811–1848) prägte das Bonmot: «Der russische Demokrat endet bei der Nationalitätenfrage.»

Der bis heute bestehende russisch-georgische Konflikt wurzelt in historischen Tiefenschichten. Georgische Einflüsse auf die Slawia lassen sich bereits am glagolitischen Alphabet der Slawenapostel Kyrill und Method aus dem 9. Jahrhundert ablesen. Bereits in der «Belehrung» des Kiewer Grossfürsten Wladimir Monomach (1053–1125) ist vom ersehnten Garten «wyrij sad» – eine Verballhornung des kirchlichen Namens Iberien für Georgien – die Rede, aus dem «die himmlischen Vögel kommen». Ein Widerhall dieser altrussischen Paradies-Sehnsucht findet sich in John Steinbecks «Russischem Tagebuch» von 1948, als dieser Stalins atheistische Sowjetunion bereiste: «Wir begannen tatsächlich zu glauben, dass die meisten Russen hofften, wenn sie ein sehr redliches und tugendhaftes Leben führten, nicht in den Himmel, sondern nach Georgien zu gelangen, wenn sie sterben.»

Nach dem Fall Konstantinopels ersuchten georgische Könige erstmals 1483 das «weisse Russland des grossen Nordens» um Schutz, dem nach der geschichtstheologischen Überhöhung zum «Dritten Rom» die Rolle zufiel, das Böse der Welt in Schach zu halten und die Schutzherrschaft über die orthodoxe Christenheit wahrzunehmen. Seither beginnt für die Georgier «die Sonne im Norden aufzugehen», wie es der Dichter Mamuka Barataschwili im 18. Jahrhundert formulierte. Gänzlich entging den Georgiern die Säkularisierung Russlands seit Peter dem Grossen, als an die Stelle der Heiligen Rus die Grosse Rus trat, die sich nicht mehr von eschatologischem Sendungsbewusstsein und religiöser Affinität, sondern von der Staatsräson leiten liess. Dieses tragische Missverständnis liegt der bis heute währenden Entfremdung zugrunde.

Den Ausgangspunkt des Konflikts bildet der 1783 abgeschlossene Vertrag von Georgiewsk, in dem sich Ostgeorgien unter Erekle II. in der Hoffnung auf einen Schutzschirm gegen die muslimischen Anrainer dem russischen Protektorat unterstellte. In der Enttäuschung dieser Hoffnungen kam es zu einer bürokratischen Homogenisierung durch das russische Imperium. Die Beseitigung der kirchlichen Autokephalie Georgiens vollzog sich sodann im Rahmen der allgemeinen Aufhebung georgischer Selbständigkeit.

Von Beginn weg sahen sich die Georgier vom Verhalten Russlands überrascht. Wie im Mittelalter gegenüber Byzanz hatten sie eine Anlehnung oder eine elastische, «verstreute Herrschaft» wie unter den Persern erwartet. Ein erstes Trauma war für sie der «Verrat» von 1795, die ausbleibende russische militärische Hilfe gegen den Kadscharenkhan Agha Mohammed, der nach der Schlacht von Krzanissi Ostgeorgien völlig verwüstete.

Die Zurückhaltung der zugesicherten russischen Truppen wird in Georgien mit dem Warschauer Aufstand von 1944 parallelisiert. Dabei wird georgischerseits gern übersehen, dass die gescheiterte neuzeitliche Zusammenziehung der eigenen Kräfte das Land erst dem Wohlwollen auswärtiger Mächte auslieferte. Bis heute gelang es den Georgiern kaum je, Partikularinteressen dem nationalen Gesamtinteresse hintanzustellen. In der erwähnten Schlacht von Krzanissi leistete nur einer seiner zahlreichen Söhne König Erekle Heerfolge. Für diese georgische Attitüde prägte der englische Historiker W. E. D. Allen den Begriff der ästhetischen Verantwortungslosigkeit.

Das mit dem Untergang der Sowjetunion 1991 sich öffnende Fenster der Möglichkeiten wurde in Georgien anders als im Baltikum nicht besonnen genutzt. Das Land stürzte in einen Bürgerkrieg. Der geringe nationale Zusammenhalt offenbarte sich auf bestürzende Weise, als 1993 Georgier ihre aus Abchasien flüchtenden eigenen Landsleute ausraubten. Den Mangel an inneren Bindungskräften suchten die Georgier durch äussere Bündnisse wettzumachen. Was in der feudal-mittelalterlichen Welt funktionierte, musste in der Epoche der Flächenherrschaftsstaaten scheitern.

Wende nach Westen
Nach dem Zusammenbruch der staatlichen Institutionen im Gefolge der Auflösung der Sowjetunion und wegen der radikalen Privatisierungspolitik im Rahmen der Rosenrevolution von 2003 sahen sich viele Georgier gezwungen, ihr Heil im Ausland zu suchen. Wer zu Hause blieb, verdingte sich gern bei westlichen Firmen, NGO oder Think-Tanks. Der Stalin-Biograf Donald Rayfield wies darauf hin, dass die Georgier heute nicht nur in der Londoner Finanzwirtschaft aussergewöhnlich zahlreich vertreten seien, sondern dass sie auch in der Koalition der Willigen in Afghanistan das proportional grösste Kontingent stellten. Solches erinnert an den Status quo ante Georgiewsk, als georgische Truppen im 18. Jahrhundert das Gros der iranischen Garnisonen bis an den Hindukusch ausmachten.

In nüchterner Voraussicht warnte Rayfield ein Jahr vor dem russisch-georgischen Krieg die Georgier vor überspannten Hoffnungen auf auswärtige Schutzmächte. So wie sich einst das Vertrauen auf das grosse christliche Zarenreich als illusionär erwiesen habe, würde sich der Westen im Falle eines russischen Einfalls auf Uno-Resolutionen beschränken.

Im Versuch, das russische Publikum für eine georgische Wiedervereinigung mit dem abgespalteten Abchasien zu gewinnen, sprach der georgische Geschäftsmann Lewan Wasadse 2017 vor der Adelsversammlung in Moskau vom Warten als dem Nomos der Georgier: In gastlicher Erwartung eines göttlichen Gesandten lebten sie von Anbeginn geduldig auf dessen Empfang. Doch weder Russland noch der Westen erfüllten diesen georgischen Traum von der Wiederherstellung des goldenen Zeitalters. Und so gilt denn: Eine georgische Unabhängigkeit bedarf unabhängiger Georgier.

Der Historiker Philipp Ammon lebt in Berlin und Tbilissi. 2015 erschien im Kitab-Verlag «Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation: Die Wurzeln des russisch-georgischen Konflikts vom 18. Jahrhundert bis zum Ende der ersten georgischen Republik».

Rezension von Christian Wipperfürth: Philipp Ammon: Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation.

Mehr von Philipp Ammon: independent.academia.edu/PhilippAmmon

Wednesday, September 11, 2019

VIDEOS: Stalin’s Underground Secret Printing House Museum, Tbilisi, Georgia. #ReiseKnowHowGeorgien


The secret room where early Bolsheviks cranked out propaganda fliers on a smuggled printing press.

A nondescript, crumbling house in Georgia’s capital hides a series of tunnels where in 1904, a young communist printed magazines, pamphlets, and newspapers calling for the removal of the Tsar. At the time, Georgia was still part of the Russian Empire, and that young communist went by his given name, Iosif Djugashvili. The world would later come to know him as Joseph Stalin.

Hidden beneath the house, a printing press—old even by the standards of 1906—was smuggled into Tbilisi in pieces by a network of Bolshevik supporters. For three years, the press clandestinely cranked out thousands of pamphlets written in Georgian, Russian, and Armenian.

On the porch, lookouts—mostly women—would ring a bell if police were passing the house, a signal to those below silence the noisy press. A series of tunnels led from the from subterranean room to a nearby well, an escape route in anticipation of raids by Russian officials.

By the time Stalin began working at the printing press, he was already robbing banks and running protection rackets to raise money to support the Bolsheviks. Some of that money went toward printing and distributing the materials from the press around the region.

In 1906, three years after it printed its first pamphlet, the press was destroyed when the underground room was discovered.

Thirty-one years later, Stalin had consolidated power in what had become the USSR. Under his government, the press was restored and the building turned into a museum that included a movie theatre that screened Soviet films. But in 1991, after the fall of the Soviet Union, the museum was abandoned.

Today, the museum is operated by the Communist Party of Georgia, but it receives no money from the state. The printing press is caked in rust and the museum itself is largely in disrepair. But in recent years, the story of Stalin’s printing press has found a new audience: Chinese tourists.

Know Before You Go

The printing press is located within the Georgian Communist Party headquarters. You will need to speak at least a basic level of Russian or Georgian (or bring your own translator), as it is only possible to visit the "museum" by guided tour. While there is no official entrance fee, whomever shows you around will also expect a tip at the end of your visit.

Source: Stalin’s Underground Printing House [atlasobscura.com]

More links:
Indulge your Soviet curiosity in Stalin’s secret printing house in Tbilisi, Georgia. By Angelo Zinna [matadornetwork.com]

Joseph Stalins Underground Printing House [edfedoradiary.com]
Georgia’s Communists, With Chinese Help, Fight to Preserve Stalin’s Press. By Bradley Jardine [eurasianet.org]
Stalin’s Cave Beneath the capital of Georgia, a tyrant’s legacy slumbers. By Paul Salopek [nationalgeographic.org]
Stalin's Underground Printiung Press [latitudewattitude.com]
Inside Stalin's Secret Print House in Tbilisi, Georgia. By Angelo Zinna [medium.com]
Tbilisi’s Bolshevikian Word Fabrique. By Irma Kakhurashvili [georgiatosee.com]
Uncle Joe’s Underground Printshop. [derwombat.net]


Stalin's Underground Printing House – Feel the spirit of Soviet Georgia. By Anano Chikhradze

The period of the Soviet Union has already passed a long time ago. However, people are still interested in stories of this time. Lenin, Stalin, Trotsky, Kamo… they are all the famous people who left their marks on history. You can find several places in Georgia, where you can recall the Soviet Union times. For example, the Stalin Museum, that is located in Gori. There you can see his private things and listen to the stories about the way he lived there. In addition to that, there are many other interesting places connected to him. In this article, I am going to tell you about Stalin's Underground Printing House Museum, where you can still feel the spirit of Soviet Georgia.

A story of the Printing House

The Printing House is located in the Avlabari district in Tbilisi. You can travel thanks to the "time machine" while visiting this museum and go back to the time when young revolutionary Stalin lived and worked.

The construction process of this Printing House was arranged by Mr Mikheil Bochoridze. He chose a suitable area in the Avlabari district. Mr Rostomashvili owned the land in this place. He was a worker in the workshops of the railway. After Mr Bochoridze and Mr Rostomashvili got a consent on the construction, they started building an illegal underground Printing House below the building. In a short period of time, they built a house that had only two rooms. In the years 1904-05, the Printing House started working.

There were 15-meter deep underground tunnels as well. From 1904-06, Stalin was secretly printing different newspapers and brochures in Georgian, Russian, and Azerbaijan language, and the revolutionaries were spreading them in these countries. 24-year-old Stalin escaped from the resettlement and started living in this Printing House from 1904. Many articles published here are actually written by Stalin, and that is why nowadays the Printing House is connected to his name.

How they discovered the Printing House?

The location of the Printing House was secret. However, in 1906, the police accidentally found it while they were checking the building. One of the police officers threw a burning paper in the dry water well to check its depth. A tunnel that was leading to the Printing House was at the bottom of this well, so this paper flew in the tunnel. A police officer realized that there was something under the building. They burned the house and the owner Mr Rostomashvili was sent into exile forever.

Underground Printing House today

Nowadays, you can see the same building in the Avlabari district. The Georgians reconstructed this place. They tried to keep its first appearance. The Printing House has many visitors today. People are interested in how this place worked, what were its secrets, etc. So, if you are a history lover, don’t miss the Stalin’s Underground Printing House Museum, where you can really feel the spirit of Soviet Georgia.

Source: Stalin's Underground Printing House – Feel the spirit of Soviet Georgia. By Anano Chikhradze [itinari.com]


These are a few images from inside the odd Joseph Stalin Underground Printing House Museum. It's like a real time warp into the Soviet past. And Zhuli the guide still believes. This video was made to accompany a more extensive essay which can be found at The Anadromous Life.

Source: Georgian Lessons #7: The Red Stain [theanadromist.wordpress.com]

Monday, September 09, 2019

VIDEO: Das Armenische Volk ist uralt. Der zähe Überlebenskampf eines Landes. Interview mit Dr. Jasmine Dum-Tragut. via @dctp_tv

Über mehrere tausend Jahre kämpft und lebt eine frühe christliche Zivilisation zwischen wechselnden Großmächten im Osten und Westen und verteidigt seine Existenz: Armenien. Das Land, dessen genaue Grenzen wechselten, war bereits der Zankapfel zwischen den Parthern und dem Römischen Reich. Später bedrohen mongolische und islamische Reiche im Osten das Land. Und im 20. Jahrhundert steht die Türkei im Westen des armenischen Kernlandes. Die Massaker der von der damaligen türkischen Führung im Ersten Weltkrieg angestrebten ethnischen Säuberung sind bekannt. 

Video: dctp.tv/Das Armenische Volk ist uralt

Die kulturellen und zivilisatorischen Wurzeln Armeniens liegen lange vor der christlichen Zeitenwende. Wenig bekannt ist, dass zeitgleich mit der Gründung der ersten europäischen Universitäten um 1180 Wissenschaftszentren und Universitäten in Armenien begründet wurden. Mit den Kreuzzügen sind die Armenier eng verknüpft. In Armenien besteht eine autokephale Kirche und ein armenischer Mönch entwickelt ein eigenes Alphabet für das Land. In den Zeiten des osmanischen Siegs über Ost-Rom und verstärkt seit dem 18. Jahrhundert entstand weltweit eine armenische Diaspora. Aus ihrem Geiste wurde 1918 aus dem Nachlass des osmanischen Reiches eine selbständige Republik begründet und diese nach 1991, dem Zeitpunkt der Auflösung der Sowjetunion, erneuert. Armenien ist heute eine der ethnisch konsolidiertesten Republiken der GUS.

Es berichtet die Privatdozentin Dr. Jasmine Dum-Tragut, die an den geisteswissenschaftlichen und theologischen Fakultäten der Universitäten Graz, Wien, Salzburg und Innsbruck, an der Staatlichen Universität Jerevan und an der LMU München lehrt.

Friday, September 06, 2019

ATLAS: Kulturweg der deutschen Minderheit in Georgien / Cultural Route of the German minority in Georgia / გერმანული უმცირესობის კულტურული მარშრუტი საქართველოშ

Die in diesem Atlas enthaltene Beschreibung und Kartografierung des Kulturerbes der von Deutschen gegründeten Orte Georgiens beruht auf der langjährigen Grundlagenforschung von Nestan Tataraschwili, Architektin, Restauratorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Vereins zur Bewahrung deutschen Kulturguts im Südkaukasus (Tiflis). Diese Forschung wurde 2015 und 2016 von der Staatsagentur für Kulturerbeschutz Georgiens finanziert. Tatia Gwineria (Tiflis) hat den Abschnitt zu Tiflis westlich der Kura und die ausführlichen Beschreibungen in dem Abschnitt zu Neu-Tiflis verfasst. Zu einzelnen Texten und Ortsplänen haben Tamas Gersamia (Tiflis) und Leonhard-Eduard Breisch (Alexandershilf) beigetragen. Mit diesem Atlas werden erstmals Ortspläne aller Siedlungen mit deren herkömmlichen deutschen Orts-, Straßenund Örtlichkeitsnamen sowie den georgischen Bezeichnungen oder – falls es solche nicht gibt – mit der georgischen Umschrift der deutschen Namen veröffentlicht.

The description and mapping of the cultural heritage in the places founded by Germans in Georgia is based on the long-term fundamental research of Nestan Tatarashvili, architect, restorer and researcher of the Verein zur Bewahrung deutschen Kulturguts im Südkaukasus (Tbilisi). The research was funded by the National Agency for Cultural Heritage Preservation of Georgia in 2015 and in 2016. Tatia Gvineria (Tbilisi) is the author of the chapter about Tbilisi west of the River Kura and the detailed descriptions in the chapter about Neu-Tiflis. Tamaz Gersamia (Tbilisi) and Leonhard-Eduard Breisch have contributed to some texts and maps. For the first time, this atlas publishes contemporary maps of the aforementioned settlements with their traditional German place, street and other topographic names as well as the Georgian names or, where the latter do not exist, with the Georgian transliteration of the German names.

გერმანელების მიერ დაარსებული კოლონიების ტერიტორიაზე არსებული კულტურული მემკვიდრეობის ძეგლების აღწერა და მათი რუკებზე დატანა ეფუძნება სამხრეთ კავკასიაში გერმანული კულტურული მემკვიდრეობის დაცვის კავშირის (თბილისი) არქიტექტორ-რესტავრატორისა და მკვლევრის, ნესტან თათარაშვილის ფუნდამენტურ და გრძელვადიან კვლევას, რომელიც დააფინანსა საქართველოს კულტურული მემკვიდრეობის დაცვის ეროვნული სააგენტომ 2015 და 2016 წელს. თათია ღვინერიას (თბილისი) ეკუთვნის თავი, რომელიც ეხება მდინარე მტკვრის დასავლეთით მდებარე თბილისის ნაწილს. მასვე ეკუთვნის დეტალური აღწერა, რაც ნოი-ტიფლისის შესახებ თავშია წარმოდგენილი. თამაზ გერსამიამ (თბილისი) და ლეონარდ-ედუარდ ბრეიშმა წვლილი შეიტანეს ზოგიერთი ტექსტისა და რუკის შედგენაში. ამ ატლასში პირველად ქვეყნდება ზემოხსენებული კოლონიების თანამედროვე რუკები, სადაც ქართულ სახელწოდებებთან ერთად მითითებულია მათი გერმანული, ტრადიციული სახელები, მათ შორის, ადგილის, ქუჩის და სხვა ტოპოგრაფიული სახელწოდებები. ისეთი შემთხვევებისთვის, სადაც შესაბამისი ქართული სახელწოდებები არ არსებობს, გამოყენებულია გერმანული ვერსიების ქართული ტრანსლიტერაცია.

Kostenloser Reiseführer zu den deutschen Siedlungen

Rechtzeitig zu den 200-Jahr-Feierlichkeiten der deutschen Ansiedlung hat der Europarat einen Reiseführer zu den von Deutschen gegründeten Orten Georgiens veröffentlicht. Der „Kulturweg der deutschen Minderheit in Georgien“ ist im Netz (https://rm.coe.int) und als Broschüre kostenlos erhältlich. Er enthält eine Einführung in die Geschichte der Deutschen im Lande und stellt dann das bauliche Erbe aller historischen deutschen Siedlungen vor. Dargestellt werden auch die Werke deutscher Architekten in Tiflis. Mit dem "Kulturweg" werden erstmals heutige Ortspläne aller Siedlungen mit deren herkömmlichen deutschen Orts- und Straßennamen veröffentlicht. Die Beschreibung und Kartografierung des deutschen Kulturerbes beruht überwiegend auf der langjährigen Grundlagenforschung von Nestan Tataraschwili, Architektin, Restauratorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Vereins zur Bewahrung deutschen Kulturguts im Südkaukasus. Diese Forschung wurde 2015 und 2016 von der Staatsagentur für Kulturerbeschutz Georgiens finanziert. Da der „Kulturweg“ auch im Deutschunterricht an georgischen Schulen eingesetzt werden soll, bietet das Goethe-Institut eine Schulung für Lehrer an (www.goethe.de). Der Europarat hat ähnliche "Kulturwege" zu zwölf anderen nationalen Minderheiten in Georgien veröffentlicht.

Mehr dazu hier: 
facebook.com/KulturerhaltGeorgien
Sichtbare Rehabilitierung: Mit den Ortsnamen kehrt die deutsche Minderheit zurück ins öffentliche Bewusstsein
Deutsches kulturelles Erbe und seine Rezeption: Deutsches Kulturerbe in der Hauptstadt Georgiens – Neu-Tiflis. Von Tamar Giorgobiani

Monday, October 01, 2018

GESCHICHTE: Sovlab Programm 2018-2020 in Georgien @SovLab

Das „Soviet Past Research Laboratory“ (SOVLAB) wurde im Jahr 2010 von Historikern, Journalisten, Wissenschaftlern und Personen mit Interesse an einer Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit gegründet. Bis heute ist SOVLAB die einzige nichtstaatliche Organisation in Georgien, die kontinuierlich an der Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit arbeitet und ihre Erkenntnisse der Öffentlichkeit vermittelt. Ziel von SOVLAB ist es, die totalitäre sowjetische Vergangenheit zu erforschen, die politische, rechtliche und moralische Verantwortung des sowjetischen Erbes wahrzunehmen und einen freien Raum zum Denken und Diskutieren zu schaffen – mit dem Ziel einer demokratischen Entwicklung Georgiens. Finanzielle Unterstützung erhält SOVLAB hauptsächlich durch internationale Organisationen und Stiftungen. Programm 2018-2020

Copyright: © All Rights Reserved


www.sovlab.ge


Tuesday, September 18, 2018

GESCHICHTE: Georgien. Baubezogene Kunst. Mosaiken der Sowjetmoderne 1960 bis 1990. Von Nini Palavandishvili und Lena Prents [dom-publishers.com]

Während die Bauten der Sowjetmoderne in ­Georgien schon seit einigen Jahrzehnten weltweit Anerkennung genießen, harrt die baubezogene Kunst dieser ­Epoche – die monumental-dekorativen Mosaiken – noch ihrer internationalen Entdeckung und Würdigung. Damals wie heute sind diese farbenprächtigen Mosaikbilder ein selbstständiger und dennoch un­trennbarer Bestandteil der Architektur in Georgien: Sie verweisen auf die Nutzung des jeweiligen Gebäudes, strukturieren seine Fassade oder verschmelzen gar mit ihm zu einem kunstvollen Ganzen. Gegenwärtig sind jedoch viele dieser Werke, die weit mehr als nur Träger staatlicher Propaganda waren, von der Zerstörung bedroht.

Diese Publikation ist die erste systematische Dokumentation dieser einzigartigen Relikte sowjet­georgischer Mosaikkunst. Kenntnisreich führen Nini Palavandishvili und Lena Prents anhand von Fotos und kurzen Essays durch die facettenreiche Welt der sowjetischen Mosaiken in Georgien, die im Vergleich zu anderen sowjetischen Orten eigene Besonderheiten aufweist. Indem sie auf dieses bemerkenswerte künst­lerische Erbe einer vergangenen Epoche aufmerk­sam machen sowie dessen Schönheit und kulturelle Bedeutung aufzeigen, plädieren sie zugleich nachdrücklich für seinen Schutz und Erhalt.

135 x 245 mm
280 Seiten
350 Abbildungen
Softcover

ISBN 978-3-86922-692-7

Mehr dazu >>>

Thursday, July 12, 2018

VORTRAG: Hundert Jahre Aufnahme deutsch-georgischer diplomatischer Beziehungen. Zwei Vorträge zum Zentennium von Philipp Ammon. via @TabulaRasaJena

Philipp Ammon
(tabularasamagazin.de) Am 9. Juni stellte Dr. Dieter Boden, ehemaliger Leiter der OSZE-Mission und UNOMIG in Georgien, im Potsdamer Lepsiushaus sein im Ch. Links Verlag erschienenes Buch über Georgien vor: weder ein Memoirenbuch noch ein Reiseführer – ein Länderporträt, das sich aus langjähriger Erfahrung und Begegnungen mit Kunst, Natur und Persönlichkeiten des Landes speist.

Spätestens seit dem am 7./8. August 2008 einsetzenden Olympiakrieg, als Präsident Saakaschwili den Rat von Condoleeza Rice vom 10. Juli mißachtete, "die Finger von der Kanone" zu lassen und die im Tagliavinibericht der EU etwas dezenter umschriebene "grenzenlose Dummheit" beging, die russische Garnison in Zchinwali zu beschießen und den Russen so, wie erhofft, ins Messer lief, sei Georgien den meisten ein Begriff. Nach der Rosenrevolution 2003 hatte der Mittdreißiger das Land euphorisiert, indem er die kleine Korruption bekämpfte und auf einen Schlag 18000 Milizionäre entließ. Doch er lieferte nicht, wozu jeder Politiker verpflichtet sei: Stabilität. Seit 2012 regiert nun der Georgische Traum des Oligarchen Iwanischwili, der in Rußland ein Milliardenvermögen erwarb. Seit dieser im November 2013 als Premier zurücktritt, bekleidet der Landesherrscher kein Regierungsamt mehr, doch sei seit seiner Übernahme des Vorsitzes des Georgischen Traums im Mai eine Rückkehr ins Amt nicht ausgeschlossen. Der bis zum 13. Juni amtierende Premierminister Kwirikaschwili diente zuvor als Direktor von Iwanischwilis Kartubank, aus der sich auch andere Regierungsmitglieder rekrutieren. Der populärste Mann Georgiens sei heute Patriarch Elias II., der in der Bevölkerung eine Zustimmungsrate von 90% genieße. Als Saakaschwili in seiner späten Amtszeit zum Neujahrstag nicht mehr in der Sameba-Kathedrale erschien, wozu er protokollarisch verpflichtet gewesen wäre, und seinen Präsidentenpalast in die Sichtachse des Patriarchen auf die Kathedrale baute – gegenüber Boden nannte der Patriarch dies eine "naglost" (Unverschämtheit) – bereitete dies nicht unwesentlich sein politisches Ende vor. Art. 9 der Verfassung betont die tragende Rolle der Kirche für das Land, welche neben der Sprache stets Träger der Identität gewesen ist. Auf Initiative Elias II. begehen die Georgier den 17. Mai als Tag der Reinheit der Familie. Während des Augustkrieges hielt der auch in Rußland hochgeschätzte Patriarch die Tür für Gespräche offen. Obwohl Georgien und Rußland heute keine diplomatische Verbindungen unterhalten, sei die religiöse Verbindung stark.

Die Stabilität Georgiens hänge nicht zuletzt von der Stabilität der kaukasisch-nahöstlichen Region ab, welche auch angesichts des Trends der internationalen Politik, Konflikte einzufrieren, statt sie ausgleichend zu lösen, prekär bleibe. Um ein kriegerisches Wiederaufflammen von Konflikten zu vermeiden, versuche man heute, an diesen möglichst nicht zu rühren und betrachte Friedensverträge nicht mehr als primäres Ziel. Man versuche vielmehr, Konflikte durch wirtschaftliche Beziehungsnetze entschärfend einzubetten. Mit einer Million russischer Touristen, die Georgien jährlich besuchen, verbänden die Georgier die Hoffnung, daß der Konflikt von 2008 nicht wieder ausbreche. Die Verhandlungsbemühungen um die Sezessionsgebiete des Landes seien zwar gegenwärtig nicht sehr aussichtsvoll, doch anders als an der armenisch-aserbaidschanischen Demarkationslinie des Waffenstillstandes, wo monatlich auf beiden Seiten etwa zehn Tote zu beklagen sind, ruhen in Georgien die Waffen. Trotz der Besatzung großer Landesteile bestünden im georgischen Volk jedoch keine Ressentiments gegen Russen, man trenne scharf zwischen Kultur und Politik, und es sei ein Elend, daß die selbstverständliche Kenntnis des Russischen nicht mehr als Geschenk wahrgenommen werde. 2010 erklärte ein Erlaß Saakaschwilis das Englische an allen Schulen zur ersten Fremdsprache, das Russische zur Fakultativsprache. Dies beschneide die Möglichkeit der Verständigung nicht nur mit den nördlichen Nachbarn, sondern auch mit den kaukasischen Nachbarvölkern in der russica lingua franca caucasica, in der sich die von der Hauptstadt ernannten Gouverneure des südgeorgischen Samzche-Dschawachetien mit der Viertelmillion Armenier, welche die Russen im 19. Jh. an der dschawachischen Militärgrenze ansiedelten, bis heute noch verständigen können.

Daß die Armenier in Abchasien nicht nach Tbilissi orientiert seien und der russische Außenminister Lawrow mütterlicherseits Armenier sei, dürfe für die georgisch-armenischen Beziehungen nicht unterschätzt werden. Seit die Eisenbahnverbindung von Erewan nach Sotscha im Sezessionsbürgerkrieg von 1993 unterbrochen wurde, sei Armenien auf georgische Unterstützung angewiesen. Die Verbindung sei zwar nicht herzlich, doch partnerschaftlich.

Angesichts seiner militärischen Ohnmacht wirke Georgien heute durch die von Joseph Nye als soft power bezeichnete kulturelle Ausstrahlung, durch Renommée gleich Frankreich oder Italien. Die Geigerin Batiaschwili und die Pianistin Buniatischwili bespielten weltweit Konzertsäle, in denen die Kompositionen Kantschelis ebenso wie die atemberaubenden georgischen polyphonen Gesänge erklängen, die die Unesco zum Weltkulturerbe erklärte. Solche Strahlkraft übte Georgien schon zu russischen Zeiten aus, als Sowjetmenschen auf ein georgisches Jenseits hofften und Tifliser KP-Chefs versuchten, das für sowjetische Verhältnisse großen Freiraum genießende Land durch die Geschichte zu manövrieren. Als 1978 ein Moskauer Kritiker das georgische Kino als unsowjetisch verriß, sorgte Schewardnadse, seit 1965 Innenminister und 1972 Parteichef Georgiens, für dessen Entlassung. Auch widersetzte er sich der Abschaffung des Georgischen als konstitutionelle Landessprache. Durch Gespräche mit dem Politbüro erreichte er die Erlaubnis, in Georgien den die Glasnost einleitenden Film Monanieba (Reue) zeigen zu dürfen, der auf einer deutschen Montagsdemonstration im Oktober 1989 die Forderung "Reue zeigen" inspirierte. Außerhalb Georgiens befinde sich die größte Sammlung georgischer Filme im Arsenal zu Berlin.

1981 feierten die Georgier den europäischen Fußballpokalsieg Dynamo Tbilissis über CS Jena als nationalen Triumph und verfrühte Bekundung des Unabhängigkeitswunsches. Bekannter als Dynamo ist heute der von Inter Mailand für 16 Mio. € erworbene Kacha Kalandadse, dem seine Vertrautheit mit Iwanischwili einen Wechsel vom Fußball in die Politik erlaubte, zunächst als Energie- und Vizepremierminister, heute als Bürgermeister der Hauptstadt, die unlängst traurige Bekanntschaft erlangte. Als in der vorausgegangenen Woche in einem Club fünf Gäste an einer Überdosis den Drogentod starben, kam es am 15. Mai zu einer Razzia. East meets West in techno beats.

David der Erbauer
Die Schnittstelle Europas und Asiens bestimme seit jeher die georgische Geschichte, welche sich seit der Annahme des Christentums 327 als Martyrium gestalte. Die Georgier träumten von ihrer Glanzzeit, welche in der Erinnerung als Goldenes Zeitalter lebt, das König David der Erbauer (1089-1125) 1121 eröffnete, indem er als Schwert des Messias einen wundersamen Sieg über eine fünffache Seldschukenübermacht errang und Land und Hauptstadt befreite. Seine Urenkelin Königin Thamar die Große (1184-1213) schaffte die Todesstrafe ab und führte Berufungsgerichte ein. Im sie preisenden Recken im Tigerfell erlangte die europäische Literatur ihren damaligen Höhepunkt, Wissenschaft und Gelehrsamkeit erblühten in beiden Akademien und fünfzig Landesklöstern. Als sich die Königin vom ausschweifenden Intriganten Juri Bogoljubski geschieden hatte, warb 1188 Barbarossa für seinen Sohn Friedrich von Schwaben erfolgos um ihre Hand und eine Verbindung zum Heiligen Römischen Reich. Das Goldene Zeitalter beendeten die Mongolen. 1126 färbte das Blut von 100 000 Georgiern die Tifliser Mtkwari rot, als sie sich dem Befehl des Choresmierschahs Dschalal ad-Din verweigerten, auf der Flußbrücke aufgestellte Ikonen zu bespeien.

Durch den Fall Ostroms 1453 vom Westen abgeschnitten, belieferte das Land nun den Orient mit Kriegssklaven und Odalisken. Nachdem Petersburg 1795 beim Einfall Agha Mohammad Khans die im Schutzvertrag von Georgiewsk 1783 zugesicherte Militärhilfe verweigert hatte, zählte das Land zum Zeitpunkt der russischen Annexion 1801 nur noch eine halbe Million Einwohner. Von nun an sollte der georgische Leib der russischen Seele dienen, wie man den General Katharinas der Großen Totleben instruiert hatte. Zu diesem Zweck wurde 1811 die Georgische der Russischen Kirche eingegliedert und 1871 das Georgische an den Schulen abgeschafft. Seit dem 19. Jh. prägte der deutsche Idealismus Generationen von Georgiern, so auch die Väter der 1918 unter deutschem Schirm begründeten, auf die Humboldtsche Idee verpflichteten Universität Tbilissi.

Lawrenti Beria 
Der sowjetischen Anerkennung des unabhängigen Georgiens im Januar 1920 folgte im Februar 1921 der Einmarsch der Roten Armee. Als Kremlchef führte Joseph Dschugaschwili-Stalin zwar die imperiale Politik der Zaren fort und griff vergeblich nach den Dardanellen, doch fand er nach Auskunft seiner Tochter Swjetlana Allilujewa dabei Zeit, die Werke russischer Historiker über seine Heimat zu korrigieren. Seine georgische Herkunft hinderte auch den in Abchasien geborenen Geheimdienstchef Beria nicht daran, im Zuge der Säuberungen von 1937 Zigtausende Georgier zu liquidieren. Im Zweiten Weltkrieg zahlten seine Landsleute mit 350 000 Toten den anteilmäßig höchsten Blutzoll aller Sowjetrepubliken. Der georgischen Erinnerung an Stalin sei Selbstgerechtigkeit nicht fremd. Zwar wolle man mit seiner Hilfe kein Reich restaurieren, doch betrachte man ihn als einen in schlechte Gesellschaft geratenen verlorenen Sohn des Landes, der einen Weltkrieg gewonnen habe.

1991-92 spaltete der von Rudolf Steiner bewegte sprunghafte erste Präsident Georgiens Swiad Gamsachurdia sein Land. Der gerade erschienene Film Vor dem Frühling zeigt seine Flucht in die Berge. Die im damaligen Bürgerkrieg verlorenen Sezessionsgebiete konnten bis heute nicht reintegriert werden. Mittlerweile habe sich das Land, welches das Leben des Vortragenden "bereichert hat", zwar stabilisiert. Doch bange er um die Kulinarik, welcher ein EU-Beitritt schaden könne. Von der legendären georgischen Gastfreundschaft behaupteten böse Zungen, sie diene dem Zweck, Feinde durch Völlerei außer Gefecht zu setzen. Die Tafel der Georgier sei aber ein Gesamtkunstwerk, bei der auch der Fremde vor Trunkenheit nicht die Selbstbeherrschung verlieren sollte. Dieter Boden habe dieses "Fest des Lebens" stets "seelisch und metaphysisch inspiriert".

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Einen Vortrag über die deutsch-georgischen Beziehungen während des Ersten Weltkrieges hielt am 17. Mai im Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung der an der Tschawtschawadse-Universiät lehrende Leiter des Georgischen Literaturmuseums Lascha Bakradse, der in Zusammenarbeit mit Memorial das der Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit verpflichtete SovLab mitbegründete. Seine Forschung, welche die Deutsche Botschaft in Tbilissi zum deutsch-georgischen Jahr 2017/18 ins Deutsche zu übersetzen beabsichtigt, beschäftigt sich mit dem Georgischen Nationalkomitee, das von der Schweiz über das Genfer Konsulat und die Berner Botschaft zu Beginn des Weltkrieges Tuchfühlung mit Berlin aufnahm, um bei einem Sieg der Mittelmächte Unterstützung georgischer Unabhängigkeit zu finden. Anders als die Finnen, die vor 1917 nur die Ende des 19. Jhs. aufgehobene verfassungsmäßige innere Selbständigkeit wiederherzustellen trachteten – die Zar Alexander I. 1809 anerkannte, als ihm der georgischstämmige General Bagration durch eine handstreichartige Überquerung des zugefrorenen Finnischen Meerbusens das Großfürstentum gewonnen hatte – visierten die Genfer Exilgeorgier bereits seit 1913 mit ihrer Zeitschrift Thawisuphali Sakarthwelo (Freies Georgien) ein unabhängiges Land an. Die Neutralität der Eidgenossenschaft und Belgiens boten ihrer Arbeit die besten Voraussetzungen. Die Exilanten nahmen in der Schweiz während des Krieges auch an gegen die Mittelmächte gerichteten Konferenzen teil, welche auf nationale Unabhängigkeit ihrer Völker hoffende Parteigänger der Entente ausrichteten.

An Berlin richteten die Georgier ein Memorandum zur Neutralisierung des Kaukasus, in welchem sie einen Plan eines Bundesstaates vorlegten: ein an das Deutsche Reich angelehntes georgisches Königreich mit einem Monarchen aus europäischem Fürstengeschlecht im Verbund mit armenisch-tatarischen Kantonen im Osten und einer Föderation der Bergvölker im Norden. Der Plan des Fürsten Matschabeli, Aufstände im Kaukasus zu organisieren, entsprach zwar durchaus dem deutschen Wunsch, die Ententemächte durch Fremdvölker zu schwächen. Doch dachte man in Berlin dabei vor allem an einen Dschihad der Muslime. Der Weltkriegsausbruch traf Berlin unvorbereitet. Weder für den Kaukasus noch für andere Weltgegenden waren strategische Planungen ausgearbeitet worden. Selbst die Begründung der Kriegsrohstoffabteilung erfolgte erst auf Initiative Rathenaus am 13. August. Die Vorstellungen von einer gänzlichen globalen Wirtschaftsverflechtung, welche zum Gedeihen aller Länder ihre Gegensätze weltfriedlich entschärfe und Kriege zwangsläufig technisch verunmögliche, wie sie der englische Publizist Norman Angell im vorletzten Jahr der Belle Époque der deutschen Studentenschaft in einem offenen Brief darlegte, entsprachen zumindest den praktischen Vorkehrungen Berlins.

Graf von der Schulenburg
Erst nach dem Kriegseintritt der Pforte sammelten sich im Osmanischen Reich ukrainische u.a. gegen Petersburg und die Entente gerichtete Gruppen. In Anatolien bildeten deutsche Militärs eine Georgische Legion aus, in die autochthone Lasen und Tschweneburebi ("Unsrige"), deren Siedlungsgebiete im osmanischen Herrschaftsbereich lagen, aufgenommen wurden, wofür die Exilanten dem späteren Verschwörer von 1944 Graf von der Schulenburg den Orden der Hl. Thamar verliehen. 1915 brachten deutsche U-Boote Exilgeorgier von Stambul an die kolchische Schwarzmeerküste, darunter den Sumerologen Micheil Zereteli, der Absprachen mit den georgischen Sozialdemokraten traf.


Die Petrograder Februar- und Oktoberrevolutionen beschleunigten die Ereignisse. Sie lösten die georgischen Militärs von ihrem Eid auf den Zaren und führten zum Zusammenbruch der russischen Frontstellungen. Das Deutsche Reich löste sein 1915 geleistetes Versprechen einer Unterstützung georgischer Unabhängigkeit Ende 1917 in einer Garantieerklärung an Georgien ein, welche 1918 in militärischer und diplomatischer Unterstützung des Landes mündete. Im März 1917 bildete sich in Tiflis aus Mitgliedern der Vierten Duma ein Transkaukasisches Sonderkomitee der Petrograder Provisorischen Regierung, das im November durch ein Transkaukasisches Kommissariat ersetzt wurde.
General Kreß von Kressensteins
Dieses untergrub den völkerrechtlichen Status Transkaukasiens gravierend, als es der Einladung Vehib Paschas vom 14. Februar 1918, eine Delegation zu den Verhandlungen von Brest-Litowsk zu entsenden, nicht rechtzeitig nachkam. Stattdessen folgte das Kommissariat der türkischen Einladung zu separaten Friedensverhandlungen nach Trapezunt, welche die meisten kaukasischen Deligierten am 22. März unter Ablehnung der türkischen Bedingung, den Vertrag von Brest-Litowsk anzuerkennen, verließen. Als die Kaukasier das Ultimatum Rauf Beys vom 6. April, den Vertrag binnen 48 Stunden anzuerkennen, verstreichen ließen, überschritten die Türken die einstigen Staatsgrenzen von 1914 und besetzten Batumi.


Der am 10./23. Februar einberufene Transkaukasische Sejm erklärte nun am 22. April die Unabhängigkeit der Transkaukasischen Föderation, welche auf der Basis von Brest-Litowsk um neue Verhandlungen mit der Türkei bat, die am 11./24. Mai in Batumi wiederaufgenommen wurden. Der aserbaidschanische Teil der Delegation erwies sich dabei als vollkommen protürkisch. Am 12. Mai schrieb der Delegationsvorsitzende Akaki Tschenkeli nach Tiflis, Georgien solle seine Unabhängigkeit erklären, um die eigenen Interesssen mit deutscher Unterstützung besser vertreten zu können. Die Georgier erklärten darauf am 26. im Palais des russischen Statthalters die Unabhängigkeit, worauf Aserbaidschaner und Armenier zwei Tage später jeweilige Erklärungen folgen ließen. Das Deutsche Reich erkannte den Staat unverzüglich an. Der bereits vor dem Krieg als Konsul in Tiflis wirkende von der Schulenburg wurde zum deutschen Botschafter ernannt und General von Lossows diplomatische Dienste erwirkten ein Zusatzabkommen zu Brest-Litowsk, in welchem Rußland die deutsche Anerkennung der georgischen Souveränität akzeptierte. Das im Juni 1918 eingetroffene bayerische Jägerbataillon schlug unter Befehl General Kreß von Kressensteins im Verein mit noch schwachen georgischen Kräften die von türkischen Offizieren befehligten Freischärler, die ungeachtet des am 4. Juni in Batumi unterzeichneten Friedensvertrages vorrückten, in Südgeorgien zurück.

Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 beendete dieses Kapitel. In Tbilissi zogen die Engländer ein. Churchill lehnte eine georgische Unabhängigkeit jedoch aus strategischen und finanziellen Gründen ab. Als sich die Engländer 1920 in Batumi einschifften und der Union Jack eingeholt wurde, empfand der Nationaldemokrat Rewas Gabaschwili beim Hissen der georgischen Flagge einerseits Freude. Andererseits wußte er, daß er sich nicht lange an ihrem Anblick erfreuen werde. Bald würden die Russen einrücken. Ähnlich zwiespältig empfinde Lascha Bakradse die deutsch-georgischen Hundertjahrfeiern: Die Anteilnahme der Deutschen an der Geschichte seines Landes nehme ab, auf die Übersetzung seines Werkes warte er bis jetzt vergeblich. Eine Erfahrung, die er mit dem Verfasser des Artikels teilt.

Dieter Boden, Georgien: Ein Länderporträt, Ch. Links Verlag 2018.

Lascha Bakradse, Deutsch-Georgische Beziehungen während des Ersten Weltkrieges, Pegasi 2010

Der Historiker Philipp Ammon lebt in Berlin und Tbilissi. 2015 erschien im Kitab-Verlag «Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation: Die Wurzeln des russisch-georgischen Konflikts vom 18. Jahrhundert bis zum Ende der ersten georgischen Republik».

Monday, February 26, 2018

VIDEO: Baku - Hitlers Kampf ums Öl

Der Zweite Weltkrieg war ein Krieg der Maschinen: Ob Flugzeug, Panzer oder Schiff - nur das Land mit dem Zugriff auf ausreichende Ölreserven würde den Ausgang für sich entscheiden können. Kein Wunder also, dass Hitler versessen darauf war, die Herrschaft über Baku, den einst größten Ölproduzenten der Welt, an sich zu reißen. Mit unvergleichlichem militärischem Aufwand startete Deutschlands Diktator seinen Eroberungsfeldzug - doch Sowjets und Alliierte steuerten mit allen Mitteln dagegen.


Wednesday, August 09, 2017

VIDEO: Philipp Ammon - Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation - (Georgische Botschaft Berlin, 29.11.2016)

Die Wurzel des russisch-georgischen Konflikts vom 18. Jahrhundert bis zum Ende der ersten georgischen Republik (1921)"

2015 Kitab-Verlag Klagenfurt - Wien
www.kitab-verlag.com
Office@kitab-verlag.com
ISBN 978-3-902878-45-8

Buchpräsentation in der Botschaft Georgiens zu Berlin
Begrüßung: Kulturattaché Dudana Mazmanishvili
Moderation: Ekkehard Maaß
Vortrag: Philipp Ammon
Dankeswort: Botschafter Georgiens in der Bundesrepublik Deutschland, Prof. Lado Chanturia, 29.11.2016