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Friday, February 09, 2018

REZENSION: Grigol Robakidse: "Magische Quellen". Das Stammesbewusstsein gurgelte. Von Christoph Schröder via @DLF

(deutschlandfunk.de) Nach und nach beginnen deutschsprachige Verlage, Schriftsteller aus Georgien zu entdecken und zu übersetzen. Unter dem Titel "Magische Quellen" sind nun drei kurze Novellen des 1882 geborenen und 1962 gestorbenen Autors Grigol Robakidse erschienen. Robakidse gilt als Klassiker, er ist aber auch durchaus umstritten.


Podcast: deutschlandfunk.de/grigol robakidse: magische quellen


Dem Orgiastischen, Wilden und Animalischen auf der Spur: Robakidses ideologische Irrwege müsse man aus ihrer Zeit heraus betrachten, schreibt Christoph Schröder (Arco Verlag / dpa/picture alliance/Thomas Schulze)
Es ist ein so kurzes wie verwirrendes Buch, mit dem man es hier zu tun hat. Verwirrend in der Ambivalenz und in der Mischung aus schönen Sätzen und erhabenen Naturbetrachtungen einerseits und in der Verwendung völkischen Vokabulars andererseits, das einem aus "Magische Quellen" entgegenschlägt. Gemeinsam mit einem Filmteam macht sich der Ich-Erzähler in der Novelle "Magische Quellen" auf in den Kaukasus, um dort dem legendären Bergvolk der Chewsuren zu begegnen und eine Dokumentation zu drehen. Und gleich zu Beginn der Reise wird deutlich, welche Perspektive der Erzähler auf die Landschaft wirft:

"Hier ist die Erde noch in Wahrheit 'Mutter Erde', warmschößig, früchteträchtig. Bis zur Beklemmung spürt man den gewaltigen, lebendigen, urhaften Mythos. Vorweltliches umweht und umweht dich."

Grigol Robakidse ist eine Figur der georgischen Literatur, deren ideologische Irrwege aus ihrer Zeit heraus betrachtet werden müssen. 1921 war es ausgerechnet der Georgier Josef Stalin, der die Demokratische Republik Georgien besetzte und der Sowjetunion einverleibte. Die Erhaltung nationaler Identität und der Befreiungskampf gegen die sowjetische Vorherrschaft wurden zu einem prägenden Bestandteil von Robakidses Biografie. Hinzu kommt, dass Robakidse in seinen Texten ohnehin dem Orgiastischen, Wilden und Animalischen nachspürt.

Ein erzählerisches Versinken in einer archaischen Kultur

"Magische Quellen" ist eine abenteuerliche Selbsterfahrungsreise. Der Ich-Erzähler versinkt förmlich in der archaischen Kultur der Chewsuren. Mit einem von ihnen geht er eine Blutsbrüderschaft ein. Wie überhaupt das Blut ein Leitmotiv der Novelle ist, sei es in Form von Opferritualen, sei es in Gestalt des greisen Medizinmannes, der seine Heilkraft aus alten, mythischen Zeiten hinüber gerettet hat. Während eines Festmahls im Kreis der Chewsuren reflektiert der Ich-Erzähler die vermeintlich überlegene Stärke eines geschlossenen Volkskörpers:

"Der Einzelne verlor sein eigenes Gepräge. Das Stammesbewusstsein gurgelte in unterirdischen Quellen. Das Sippengedächtnis tat seine Arbeit. Vom starken Blutstrom der Rasse ergriffen, schienen diese Menschen einfache physische Glieder eines unsichtbaren Ganzen zu sein. Irgendwo in den zahllosen Schichten des Unterbewusstseins musste wohl das lebendige Bild des Stammes aufsteigen und sich selber neu erschaffen."

Häufig ist im Zusammenhang mit Grigol Robakidse zu lesen, es sei bedauerlich, dass die Qualität seiner Texte immer wieder hinter seiner Biografie verschwinde. Doch vielleicht ist beides auch nicht voneinander zu trennen. Denn ja: "Magische Quellen" und auch die beiden anderen kurzen Novellen, die der Band enthält, bestechen auch in der Übersetzung durch große Suggestivität, intensive atmosphärische Schilderungen und ein ausgeprägtes Stilbewusstsein. Andererseits gilt es festzuhalten, dass Robakidses Anfälligkeit für Pathos und ekstatische Rauschzustände ihn geradewegs in die Faszination für begnadete Rhetoriker wie Mussolini und Hitler hinein trieb.

Exil und Freundschaft mit Intellektuellen

1931 ging Robakidse ins Exil nach Deutschland, schloss Freundschaft mit Intellektuellen wie dem Soziologen Werner Sombart und lernte die deutsche Sprache. Als georgischer Widerstandskämpfer schloss er sich einer Organisation an, die mit der Wehrmacht kooperierte. Nach Kriegsende musste Robakidse Deutschland wegen seiner Zusammenarbeit mit dem NS-Regime verlassen und ging in die Schweiz. Vor diesem Hintergrund ist die rein literarische Beurteilung der zu Beginn der 1930er-Jahre entstandenen kaukasischen Novellen eine komplexe Angelegenheit.

"Magische Quellen" ist kein Dokument eines hitzigen und spontan ausgebrochenen Nationalismus. Vielmehr sucht Robakidse den Anschluss an die tieferen, mythischen Zeiten in allen Lebensbereichen. Als sein Ich-Erzähler sich in die Cousine seines chewsurischen Blutsbruders verliebt und die beiden die erste Nacht verbringen, macht Robakidse daraus umgehend weit mehr als nur die Darstellung einer körperlichen Annäherung:

"Ich empfand sie als etwas Urzeitliches, als Eva, fast der Individualität bar. Wir lagen Brust an Brust, berührten uns. Sie wich zurück, aber sie löste ihre Lippen nicht von den meinen. Ihre Brüste erschienen mir wie Flusskiesel, von der Sonne durchglüht. Sie selber war hart und fest wie Felsenstein. Und aus dem Felsenstein sprang ein Quell: ihr Mund, von dem ich tierhaft gierig trank."

Man mag davon hin und wieder peinlich berührt sein, von diesem aufgeladenen Sound, der sich gegen alle Selbstverständlichkeiten der Moderne positioniert. Hoch interessant allerdings ist auf der anderen Seite, dass Robakidses "Magische Quellen" die zivilisatorischen Koordinaten genau kennen und sie archaisch überschreiben. Als Haltung gegenüber der Welt entwickelt dieses literarische Prinzip eine nicht unbedeutende Sogkraft. Man muss nur eben mitdenken, dass der Versuch der vollständigen ästhetischen Entgrenzung selbst immer auch totalitäre Züge in sich trägt.

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Wednesday, January 10, 2018

KLASSIK: Tigran Mansurian: "Requiem". Von Claus Fischer via @Kulturradio_rbb


(kulturradio.de) Sehnsucht nach einer besseren Welt - Tigran Mansurians "Requiem" ist keine reine Trauermusik. In ihm stecken neben Klage und Verzweiflung auch sehr viel Zuversicht und Hoffnung. Da klingt nicht nur Karfreitag ...

Der armenische Komponist Tigran Mansurian ist in Deutschland nicht so bekannt, wie er es verdient hätte. Er steht auf einer Stufe mit dem Esten Arvo Pärt oder der Russin Sofia Gubaidulina, deren Werke ja sehr populär hierzulande sind. Alle komponieren sie tonal, gehen dabei aber recht unterschiedliche Wege. Pärt hat seinen ganz persönlichen minimalistischen Stil kreiert, "Tintinabuli" nennt er das, übersetzbar mit "hingetupft", Sofia Gubaidulina orientiert sich dagegen eher am Barock, an kontrapunktischen Formen, sie verehrt Bach. Und für Tigran Mansurian ist die Volksmusik seiner armenischen Heimat die Inspirationsquelle, auch bei diesem Requiem sehr deutlich, dass hier nun in Weltersteinspielung vorliegt, mit Solisten, dem RIAS-Kammerchor und dem Münchner Kammerorchester unter Leitung von Alexander Liebreich.

Sehnsucht nach einer besseren Welt

Das Werk hat eine besondere Entstehungsgeschichte. Viele persönliche Emotionen des Komponisten stehen im Hintergrund. Wie fast alle Armenier hat auch Tigran Mansurian zahlreiche seiner Vorfahren beim Genozid der Türken an den Armeniern verloren. Und den Opfern dieses Völkermordes hat er sein Requiem gewidmet. Die Arbeit muss ihn sehr mitgenommen haben, denn er hat zweimal komplett neu begonnen, also das bis dahin Geschriebene zweimal verworfen. Die Lösung des Problems bestand schließlich für ihn darin, sein "chorsinfonisches Gebäude" ganz auf der Klangsprache der armenischen Volksmusik aufzubauen. In ihr gibt es Motive und Wendungen, die rund 2000 Jahre alt sind.

Die Grundstimmung der Musik ist absolut meditativ, auch wenn es natürlich, wie z.B. im "Dies Irae" auch expressivere Stellen gibt. Der ruhige Duktus eignet sich natürlich gut, um Klage auszudrücken und die Sehnsucht zu äußern nach einer besseren Welt. Um diese Stimmungen kreist das Werk.

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CD: ecmrecords.com

Alexander Liebreich dirigiert Tigran Mansurians Requiem - CD Tipp via SWR2

Altes und neues Requiem. RIAS Kammerchor mit Uraufführung von Mansurian. via Deutschlandfunk Kultur

Requiem – Tigran Mansurian erinnert an die Leiden des armenischen Volkes. via KlassikAkzente

Podcast: Tigran Mansurian: Instrumentalkonzerte. via Bayrischer Rundfunk

Sunday, June 25, 2017

PODCAST: Hochgebirge in Georgien. Tuschetiens heilige Orte. Von Lottemi Doormann via @DLF

(deutschlandfunk.de) Majestätische Bergwelten, archaische Volksfeste: Im östlichsten Zipfel Georgiens führt der auf 3000 Metern gelegene Abanopass zu den abgeschiedenen Bergdörfern Tuschetiens. Heidnische Traditionen sind hier weit verbreitet: Auch heute noch opfern die Bewohner ihren Halbgöttern.

Podcast zum Hören: Tuschetiens heilige Orte. Von Lottemi Doormann


Cattle Drive in Tusheti 2010 (Caucasian Mountains in Georgia)

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Auszüge aus dem Feature: Als Suliko ein Baby von drei Monaten war, ist sein Onkel mit ihm über den fast 3000 Meter hohen Abanopass nach Tuschetien geritten. Im Dorf Alvani am Fuße des Großen Kaukasus war der Reiter aufgebrochen, um den Winzling zu seiner Oma ins tuschetische Dorf Iliurta zu bringen. Das war 1978. Damals gab es die unbefestigte Straße noch nicht, auf der wir jetzt mit Fahrer Suliko im Allrad-Geländewagen zum Abanopass unterwegs sind. Die gefährliche Strecke ist der einzige Zugang zu den abgeschiedenen Bergdörfern Tuschetiens, einer der ursprünglichsten Regionen im äußersten Nordosten Georgiens.

[...] Beim Abendessen berichtet Tamuna Latsabidze (Reiseleiterin), unsere georgische Reisebegleiterin, über das traditionelle Leben der Tuschen: Die Tuschen haben ein gewisses Nomadentum hier schon immer gehabt.

[...] "Die ältesten Wehrtürme Tuschetiens sollen schon im 12. bis 13. Jahrhundert entstanden sein. In einem der hohen Wohnwehrtürme von Omalo hat ein Bewohner des Dorfes namens Nugsar Idoidse vor ein paar Jahren ein ethnografisches Museum geschaffen. Wir müssen uns bücken, um den Turm zu betreten."

"Der Eingang ist extra so niedrig, damit, wenn Fremde oder wenn Feinde einfallen würden, sie mussten sich verbeugen, sie konnten nicht aufrecht gehen, da sind sie in der Position gewesen, dass sie nicht schießen konnten. Außerdem ist es eigentlich so’n bisschen Demut - Demut vor dem Türengel, das ist der Beschützer des Hauses."

Drinnen führen grobe Holzstufen aufwärts und durch ein Deckenloch in die "Schua", den Wohnraum für die ganze Familie. Früher gab es nur eine Hühnerleiter, die man bei Gefahr schnell hochziehen konnte, und eine Klappe, mit der das Loch verschlossen wurde.

"Das ist die Männerecke. Und das ist die Frauenecke - hier, wo die Küchenecke ist und wirtschaftliche Sachen. Das ist jetzt so eine ganz typische Konstruktion von Lagerfeuer im Haus, wo man gekocht hat. Das ist zum Butter machen, also stampfen, Butterfass. Das ist eine Wiege, die man aber aufgehängt hat. Das ist zum Beispiel für Bier, wenn man Bier gebraut hat. Bier hat man ja nur zu feierlichen Anlässen gebraut, für diese Dorffeste. Hier gab es ja keinen Wein. Und das war eigentlich das Getränk."

In der Abgeschiedenheit dieses Tales entwickelten die einst dort lebenden Tsova-Tuschen ihre eigene Sprache. Doch schon lange haben sie das Dorf Tsaro verlassen.

Wir wandern zu den steil am Hang liegenden Ruinen, verfallenen Häusern und Türmen aus übereinander geschichteten Schiefersteinen. Tamuna berichtet, dass in diesem Dorf Kranke aus Angst vor Ansteckung mit etwas Nahrung in ein abgelegenes Haus geschickt wurden und dort verhungerten. Schwangere mussten ihr Kind allein gebären und durften erst 40 Tage nach der Geburt in die Gemeinschaft zurückkehren. Viele Mütter und Babys haben das nicht überlebt. Ob das Dorf daran zugrunde ging? Oder an Epidemien? Inmitten der Landschaft sind überall Reste archaischer Türme zu sehen, Zeichen einer mystischen Welt, durch die manchmal eine Horde weißer wilder Hunde streift.

Mindestens zehn bewohnte Dörfer gibt es noch in Tuschetien. Eines davon ist das düstere Dochu, dessen Häuser sich auf einer Bergspitze und einem schwindelerregend steilen Hang eng aneinanderdrängen.

"Um das achte, neunte Jahrhundert haben die Tuschen gezwungenermaßen das Christentum angenommen - 500 Jahre später als im übrigen Georgien. Doch richtige Christen sind sie nicht geworden. Bis heute sind heidnische Traditionen und der Glaube an Naturgeister weit verbreitet. Es gibt nur ein, zwei kleine Kirchen in Tuschetien. Gebetet wird an heiligen Plätzen, an Nischen und Steinhaufen, "khati" genannt, wo sie ihrem Halbgott Kopala Opfer bringen. Frauen dürfen sich diesen Plätzen nicht nähern, geschweige denn etwas berühren. Von diesem Kopala hat der Heilige Georg, christlicher Schutzpatron Georgiens, ein paar Funktionen übernommen. Tamuna sagt: "Auch dem Heiligen Georg opfert man Schafe - das darf der Heilige Georg gar nicht wissen."

Als die Perser im 17. Jahrhundert in Kachetien einfielen, sollen die tollkühnen Kämpfer der Tuschen dem kachetischen König geholfen haben, sie zu vertreiben. Zum Dank gestattete man ihnen, die Alazani-Ebene unten im Tal als Winterweide zu nutzen. Später, nachdem Georgien 1801 von Russland annektiert worden war, erbaten die Tuschen die Erlaubnis, dort im Winter auch zu leben. So blieb es bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts - im Sommer oben, im Winter unten.

Doch dann wollten die Sowjets, dass die Bergbevölkerung unten sesshaft wird.

"Also die Sowjets, die fanden das zu mühsam, es war einfach zu abgelegen und zu schwierig hier, die sowjetische Struktur einzubringen. Also haben sie die Leute gezwungen, nach unten überzusiedeln. Das hat man da unten ganz gezielt gewollt. Unten gab es Krankenhäuser, Schulpflicht, den Fortschritt, oben gab es nichts, nicht mal eine Straße. Also sie haben auf alles verzichten müssen, was man unten schon an Fortschritt hatte. So sind sowohl Tuschetien als auch Chewsuretien, die benachbarte Region, leer geworden."

Erst Ende der 70er Jahre kam der Umschwung, in der Regierungszeit von Eduard Schewardnadze. Um der Entvölkerung der Region entgegenzuwirken, erhielt Omalo eine Krankenstation, eine Schule, und der Reitweg über den Abanopass wurde zur Straße ausgebaut. Seither kehren die tuschetischen Familien in den Sommermonaten in ihre Dörfer zurück, reparieren die Häuser, bauen Balkone und pflegen ihre Traditionen.

Hundert Tage nach dem orthodoxen Osterfest finden in den Dörfern traditionelle Volksfeste mit archaischen, teils vorchristlichen Bräuchen statt. Undenkbar wäre es für die Tuschen, diese Feste anderswo als hier oben in den Bergen zu feiern, mögen sie auch mittlerweile in Tiflis oder Telawi wohnen. Oft werden die genauen Termine erst kurzfristig festgelegt oder wieder verschoben, sodass Reisende ein bisschen Glück brauchen, um am richtigen Ort zur richtigen Zeit ein Fest mitzuerleben.

Der ganze Beitrag hier: deutschlandfunk.de/hochgebirge in georgien

Saturday, December 10, 2016

#GEORGIANWINE: Bei den Qvevri-Machern in Georgien. Wo die Dino-Eier herkommen. Von Heinz Peter (br.de/bayern2)

(br.de/bayern2) Die Amphore erlebt einen Hype: Winzer in aller Welt machen Wein in riesigen Tonkrügen oder Qvevris. Dabei beherrschen nur wenige Töpfer aus Georgien die Uralt-Technik des Qvevri-Brennens. Eine Reise zu den Ursprüngen des Weins. 

Podcast hier >>>

Wir sind in Kachetien, der östlichsten Region Georgiens, nahe der Grenze zu Aserbeidschan. Kachetien ist das Zentrum und die Heimat des traditionellen georgischen Weins. Nicht einmal die Experten können präzise sagen, wann und wo der Mensch angefangen hat, aus Trauben Wein zu machen. Einigen können sie sich höchstens darauf, dass es schon einige Jahrtausende her ist. Und dass die „Wiege des Weinbaus“ irgendwo hier in dieser Weltgegend liegt: im Bereich des südlichen Kaukasus, des nordwestlichen Irans und Ost-Anatoliens.

Natürlich gibt es aus dieser Zeit keinerlei schriftliche Zeugnisse – deswegen ist man auf archäologische Funde angewiesen. Giorgi Dakishvili ist ein renommierter Kellermeister, Winzer und einer der besten Kenner der Geschichte des georgischen Weinbaus. Er erzählt, dass Archäologen überall in Georgien Geräte für die Weinherstellung gefunden haben, die auf das fünfte Jahrtausend vor Christus zurückgehen: „Amphoren, Tongefäße, Stöcke zum Runterdrücken der Beerenschalen, zum Säubern und Weinpressen aus Holz oder Stein. All das beweist, dass Georgien eines der ältesten Weinbauländer ist.“

Georgien ist eines der ältesten Weinbauländer
5.000 Jahre vor Christus! Das wäre lange vor den alten Römern und Griechen. Allerdings reklamiert Giorgi für seine Heimat nicht die Urheberschaft auf den Weinbau. „Eines der ältesten Weinbauländer“ – das klingt schon vorsichtiger als manche Lokalpatrioten, die einfach behaupten: „Georgien, das älteste Weinland der Welt!“ Aber wahrscheinlich ist das ja auch gar nicht so wichtig. Was wirklich zählt, ist, dass die Georgier bis heute uralte Methoden der Weinherstellung lebendig halten. „In meiner Straße hat jeder seinen eigenen Weinkeller und jede Familie erzeugt ein paar Hundert Liter für den Hausgebrauch“, erzählt Winzer Giorgi Dakishvili. „Und jede Familie produziert auf andere Art: unterschiedliche Dauer des Schalenkontakts, wann und wie abgepresst wird, wann der erste Abstich gemacht wird.“ Nur eines hätten alle Weine gemein: den Ausbau in der Qvevri.

Jede Familie macht ihren eigenen Qvevri-Wein
Die größten Qvevris sind über zwei Meter hoch. Sie werden bis zum Hals in den Boden eingegraben, sonst würden sie unter dem Gewicht des Weins platzen. In ihnen reift zunächst der Traubenmost und später der Wein, indem die Beerenschalen lange mit dem Saft in Kontakt bleiben. Für Rotwein ist das internationaler Standard, aber für Weißwein ist die georgische Methode mit monatelangem Schalenkontakt sehr speziell. Und das alles ohne jeglichen Zusatz: keine Zuchthefen, keine Enzyme, keine Filtration, keine oder nur minimale Schwefelung.

Qvevri-Wein oder Orange Wine heißen seit ein paar Jahren die Schlagwörter eines Trends, der Winzer und Weinfreunde auf der ganzen Welt umtreibt und auch polarisiert. Kein Wunder, dass eine solche Jahrtausende alte Weinherstellung gerade sehr im Trend liegt bei Winzern in Westeuropa aber auch in Kalifornien, die besonders naturnah Wein herstellen wollen – ohne das ganze Arsenal hochmoderner Kellertechnologie. Im Prinzip geht das auch ohne Tonamphoren, aber manche Winzer im Westen sagen sich: „Wenn schon, denn schon“ – und lassen sich Tongefäße aus Georgien in ihre Kellerei liefern, um Qvevri-Wein herzustellen. Denn nur am Südhang des Kaukasus gibt es noch einige wenige Töpfer, die das kniffelige Handwerk der Amphoren-Herstellung beherrschen.

Qvevri-Töpfer in sechster Generation
Wir besuchen die Töpferei der Familie Kiblashvili. Hier stellt Zaza mittlerweile in sechster Generation Qvevris her, alles in reiner Handarbeit – und abhängig vom Wetter. Wenn es warm und sonnig ist, kommen die Töpfer gut voran. Dann können sie jeden zweiten Tag einen Streifen von zehn Zentimeter Ton aufsetzen und so die Amphore langsam wachsen lassen. Wenn es kalt und regnerisch ist, wird nur alle vier bis fünf Tage weitergetöpfert. 

Ungefähr ein halbes Dutzend halbfertige Qvevris steht in einer kleinen Halle mit offenen Seitenwänden. Sie sind noch ungebrannt, aber schon mannshoch, mehr als einen Meter in der bauchigen Mitte. Jede Qvevri fasst 2.000 Liter. Die Wandstärke ist im Verhältnis zur Riesengröße der Krüge filigran, fast fingerdünn, der rohe Ton von dunkelbrauner Farbe fühlt sich noch weich an. Es dauere drei Wochen bis eine Qvevri getrocknet sei, erzklärt Zaza Kiblashvili. „Dann ist das nicht mehr gefährlich sie zu transportieren, weil sie stabil genug ist und ist nicht mehr so weich wie im Moment.“

Die Dino-Eier bleiben wochenlang im Brennofen
Nur ein paar Schritte sind es von hier bis zu einem Backsteinschuppen, der als Brennofen dient. Eine Seite ist komplett offen. Nach dem Trocknen werden die Qvevris alle hier reingebracht, dann wird auch diese Seite mit Steinen zugeschichtet.  „In unserem Ofen können wir acht Tonkrüge gleichzeitig brennen“, erzählt Zaza. Eine Woche lang werden die Qvevris Tag und Nacht 1.200 Grad ausgesetzt - dann beginnt die mehrwöchige Abkühlphase. Auf einer großen Wiese neben dem Brennofen liegen hier gut zwei Dutzend fertig gebrannter Qvevris, wie scheinbar planlos abgelegte, gigantische, rostbraune Dinosaurier-Eier. Spitz zulaufend auf der einen Seite und mit einer kreisrunden Öffnung auf der anderen, durch die ein ausgewachsener Mensch problemlos ins Innere kriechen könnte. Und dennoch wirken die Rieseneier mit ihrer dünnen Schale fast grazil: Ich klopfe behutsam... und höre einen reinen, glockenartig nachschwingenden Ton.

Georgien hat mehr zu bieten als Qvevri-Wein
Nur fünf Qvevri-Manufakturen gibt es noch in Georgien– und die haben schon Probleme, allein die Nachfrage nach Amphoren aus dem Ausland zu befriedigen. Aber seltsamerweise sind die Qvevris im eigenen Land gar nicht so gefragt: Die großen georgischen Kellereien setzen eher auf die Zukunft als auf die Vergangenheit: moderne Kellereiwirtschaft mit Weinen aus dem Edelstahltank oder auch in kleinen Eichenfässern gereift. Fruchtgeprägte Weine, wie sie sich international gut verkaufen. Château Mukhrani, eine der renommiertesten Privatkellereien Georgiens, hat sich mit Patrick Honnef zum Beispiel einen deutschen Chefönologen geholt, der in Bordeaux zu einem Meister seines Fachs geworden ist. Die Zukunft des georgischen Weins sieht Patrick Honnef eher nicht im Qvevri-Wein: „Ich finde es nicht richtig, den georgischen Wein absolut auf Qvevri-Wein zu reduzieren, weil man damit die Vielfältigkeit der Stile in Georgien unterschätzt“. Außerdem sei die Menge an Qvevri-Wein allein durch die Technik sehr stark beschränkt, „das macht vielleicht zwei Prozent der georgischen Weinproduktion aus.“

Schon nach ein paar Weinproben wird auch mir klar, dass georgischer Wein viel mehr ist als urtümlicher Rebensaft aus der Qvevri: Mit seinen über 500 eigenständigen Rebsorten besitzt Georgien ein großartiges Reservoir an Aromen. Trotzdem: Die Qvevris faszinieren. Dass ich einen kleinen Einblick bekommen habe in dieses Jahrtausende alte Handwerk und die archaische Methode der Weinherstellung - das allein hat die Reise nach Georgien schon gelohnt. Beileibe nicht jeder Qvevri-Wein hat mir geschmeckt – aber die besten Exemplare fand ich einfach nur hinreißend.

Friday, December 02, 2016

#NEBENANGEORGIEN: Stadtporträt Tiflis. Die Stadt an der Kreuzung. Eine Sendung von Johann Kneihs und Peter Lachnit vom 12.11.2016 (oe1.orf.at)

(oe1.orf.at) Der russische Dichter Boris Pasternak nannte die Stadt eine Chimäre - ein Fabelwesen mit westlichem Kopf und östlichem Rumpf. Tiflis, georgisch Tbilisi, verdankt seiner strategischen Lage an sieben historischen Handelsstraßen nicht nur Gutes. Die Perser haben Tiflis erobert, die Araber, Byzantiner, Seldschuken. Den Georgiern und ihrer wichtigsten Stadt waren nur kurze Perioden der Unabhängigkeit gewährt - im Mittelalter beispielswiese, einer Blütezeit des nach seinen heißen Thermalquellen benannten Tiflis mit frühchristlichen Kirchen, Badehäusern und bemerkenswert urbaner Kultur.

Sendung hören >>>

17:05 Intro
17:14 Die Rolle der Kirche
17:17 Wohin junge und ältere Tifliser sich heute orientieren
17:39 Tifliser Kreativszene
17:52 Geschichtsstunde am Friedhof
17:55 Revolutionskunde
18:12 Wunderland der Baukunst
18:34 Leben im Plattenbau
18:51 Im Badehaus

1801 annektierte das zaristische Russland Georgien. Romantiker in Petersburg und Moskau schwärmten für ihr "Italien", den Kaukasus. Der russischen Epoche schuldet Tiflis manche seiner schöneren Viertel, darunter den Rustaweli-Boulevard mit Prunkbauten und Jugendstilhäusern, den sieben sowjetischen Jahrzehnten hingegen ausgedehnte Plattenbauten, den jüngeren Jahren aber spektakuläre Neubauten etwa der italienischen Architekten Massimiliano und Doriana Fuksas.

Die Umgestaltung der Stadt scheint zum Zankapfel zwischen Präsident und Bürgermeister und zum Gegenstand symbolischer Kulturkämpfe geworden zu sein: zwischen liberal eingestellten Modernisierern und konservativen Nationalisten. Georgische Intellektuelle beklagen ein rauer werdendes Klima in der einzigen georgischen Millionenstadt - die bis jetzt eine kosmopolitische Metropole und Zentrum einer produktiven Kunst- und Kulturszene war und ist.

Eine Sendung im Rahmen des Ö1 Schwerpunktes "Nebenan - Georgien".

Tschaikowskys Klavier und Thonetsessel
Das Land, wo die Zitronen blühen, war für die Russen Georgien. Puschkin kam nach Tiflis, Romantiker wie Lermontow besangen den Kaukasus. Arthur und Bertha von Suttner verbrachten Jahre in Tiflis, während georgische Adelige Europa bereisten. Und jetzt, nach 70 Jahren sowjetischer und bald drei Jahrzehnten postsowjetischem Durchwursteln? Wohin junge und ältere Tifliser sich heute orientieren.

Aufbruch aus der Dunkelheit
Mit dem Geräusch von Generatoren begann unser Stadtporträt im Jahr 2000: Diese erzeugten in Tiflis Tag und Nacht den Strom, der nicht aus der Steckdose kam. Die Profiteure der nicht-und-nicht behebbaren Dauerpanne vermutete man ganz nah am damaligen Präsidenten Edward Schewardnadze. Und das war nur ein Beispiel für die allgegenwärtige Korruption. Inzwischen erstrahlen Tifliser Sehenswürdigkeiten nachts in hellem Glanz, Strom gibt es rund um die Uhr. 2003 fegte die Georgische Rosenrevolution die exkommunistische Nomenklatur aus dem Amt, eine von vier sogenannten Farbrevolutionen in sozialistischen oder postsozialistischen Ländern. Waren sie vom Westen gesteuert, wie Sympathisanten Russlands behaupten?

Schwammerln, Röhren, Slip-Einlagen
Der Revolutionspräsident Mikheil Saakashvili hat ein spektakuläres Erbe hinterlassen: architektonische Eye-Catcher von georgischen und internationalen, vor allem italienischen Architekturbüros, setzen im Stadtbild Akzente, von Touristen bestaunt, von Einheimischen auch gern verspottet. Dorothee Frank über die markantesten Neubauten, vom klotzigen Biltmore-Hochhaus bis zu gläsernen Amtsstuben.

Der Streit um die Luft
Noch weitere gebaute Sensationen sollen folgen, geht es nach dem Milliardär Bidzani Ivanishvili, dem Mann hinter und auch ober der aktuellen Regierung. Er residiert auf einem Hügel über Tiflis. Sein Panorama-Projekt würde die schon jetzt strapazierte Altstadt weiter verschandeln, befürchten Bürger und Bürgerinnen der Stadt. Und greifen zum Spaten, um Bäume zu pflanzen, weil immer mehr Grünraum in der Stadt der Bauspekulation zum Opfer fällt. Ein nicht nur symbolischer Streit darüber, wie das Tiflis der Zukunft aussehen soll.

Kaffee um Mitternacht
Auf Besuch bei einem jungen Ehepaar, Lado und Sally. Das wohnt so, wie rund die Hälfte der Tifliser Bevölkerung: im Plattenbau. 14 große Siedlungen sind in sowjetischer Zeit entstanden, zum Teil weit außerhalb der ursprünglichen Stadt und heute zum Teil in schlechtem Zustand. Lado und Sally erklären, warum sie trotzdem nicht aus der Platte wegziehen, und warum junge Georgier unbezahlte Überstunden machen.

Kleinmöbel und Musik
Beobachtungen des in Tiflis lebenden deutschen Autors Stefan Wackwitz, davor streifen wir durch die ebenso schöne wie bedrohte Altstadt. Ist Tiflis das neue Berlin? Die Tifliser Kunst-, Musik- und Ausgehszene bringt manche Trend-Scouts ins Schwärmen; eine kleine internationale Community hat Wurzeln geschlagen. Der deutsche Filmemacher Stefan Tolz findet in Tiflis gar südfranzösisches Flair. Wir machen eine Stippvisite in einem Tifliser Badehaus und besuchen einen alten Friedhof. Musik aus und über Tiflis begleitet uns durch die Sendung, zu Beginn gibt’s Hardcore. Der Chor der ältesten Kirche von Tiflis, der Anchiskhati-Kirche, singt nur für westliche Ohren dissonant, das Volkslied Adila Alipasha.

Service
Adolph Stiller (Hg.), "Tiflis. Architektur am Schnittpunkt der Kontinente", aus der Reihe "Architektur im Ringturm", Müry Salzmann Verlag

Stephan Wackwitz, "Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan", S. Fischer Verlag (antiquarisch)

Stephan Wackwitz, "Tiflis, fünf Jahre später" in Merkur Heft 810, Verlag Klett-Cotta

Marlies Kriegenherdt, "Reise Know-How Georgien. Reiseführer", Reise Know-How Verlag Peter Rump GmbH

Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.), Zeitschrift "Osteuropa" Heft 7-10: "Grenzland. Konflikt und Kooperation im Südkaukasus", Berliner Wissenschafts-Verlag

Kaukasische Post

Tuesday, January 26, 2016

LITERATUR: Die vierzig Tage des Musa Dagh. Von Franz Werfel in: Lesezeit | MDR FIGARO | 25.01.-26.02.2016 [mdr.de]


(mdr.de) Eine armenische Familie flieht vor der Ausrottung durch die Türken. Auf dem Berg Musa Dagh leisten sie einen aussichtslosen Widerstand. Franz Werfel schrieb seinen Roman basierend auf den Eindrücken von Zeitzeugen. Das Buch wurde 1933 in Deutschland verboten. Werfel emigrierte 1938 in die USA, wo er 1945 starb. Er erhielt 2006 posthum die armenische Staatsbürgerschaft verliehen.

Armenia 2007
Foto: Ralph Hälbig
Gabriel Bagradian kehrt nach 23 Jahren, die er in Paris gelebt hat, in seine armenische Heimat am Fuße des Musa Dagh zurück. Der Besuch in Yoghonoluk soll nur kurze Zeit in Anspruch nehmen, doch noch während sich Gabriel mit Frau und Kind in Armenien aufhält, bricht der Erste Weltkrieg aus. Die Familie sitzt fest.

Hoffnung in finsteren Zeiten
 
Gabriel wird in die vom Osmanischen Reich verhängte Verschickung der armenischen Minderheit verwickelt. Doch statt sich wie die meisten seiner Leidensgenossen in das schreckliche Schicksal der Deportation zu fügen, setzt Gabriel alles auf eine Karte: Auf dem Musa Dagh sucht er mit zirka 5.000 Armeniern Zuflucht vor Verfolgung, Verschleppung und Ausrottung durch die Türken. Sein verzweifelter Triumph heißt erbitterter Widerstand, koste es, was es wolle. Es gelingt den Armeniern zwar, die Angriffe der Türken abzuwehren, besser werden die Aussichten dadurch aber auch nicht. Hunger und Entbehrungen fordern ihren Tribut von den geschwächten Menschen.

Vor diesem historischen Hintergrund wird die Geschichte Gabriel Bagradians als militärischer Kopf des Widerstandes erzählt: Er war Offizier der Reserve in der türkischen Armee. Über vierzig Tage halten die Armenier auf dem Berg aus, vierzig Tage zwischen Verzweiflung und Hoffnung, vierzig Tage zwischen Mut und der Gewissheit doch zu sterben. Am Ende naht Rettung in Form französischer und britischer Schiffe, aber Rettung wohin? 


Die Wahrheit mitteilen
  
Noch immer ist es schwierig, den Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915 bis 1917 beim Namen zu nennen. Als Franz Werfel 1930 durch Anatolien reiste, schockierten ihn die Begegnungen mit Zeitzeugen und er begann, akribisch für einen Roman zu recherchieren.

"Die vierzig Tage des Musa Dagh" beschreiben das Schicksal einer armenischen Familie, die langsam ausgegrenzt und schließlich mit Waffengewalt verfolgt wird. Auf dem Heimatberg, dem Musa Dagh, leistet ihre Dorfgemeinschaft der Vertreibung Widerstand. Umsichtig und differenziert, mit einer klaren, fließenden Sprache verwandelt Werfel diese historische Katastrophe in ein eindrucksvolles Epos. 


Der Schriftsteller Franz Werfel

Geboren 1890 in Prag, verließ Franz Werfel 1912 seine Heimatstadt und arbeitete als Lektor im Leipziger Kurt Wolff Verlag. Während des Ersten Weltkrieges war er Soldat.

In den 1920er- und 1930er-Jahren avancierte Werfel zu einem der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren. 1938 emigrierte er nach Frankreich, 1940 über Spanien in die USA. Er starb 1945 in Beverly Hills.

"Die vierzig Tage des Musa Dagh" erschien 1933 in Wien und Berlin und wurde in Deutschland zwei Monate später verboten.


Es liest Christian Brückner

Alle Folgen hier: mdr.de/mdr-figaro/Franz Werfel: vierzig Tage des Musa Dagh

Sunday, January 10, 2016

RADIO: Die 22 Seilbahnen von Tschiatura . Von Tatjana Montik (srf.ch)

(srf.ch) Der Name Tschiatura dürfte den meisten unbekannt sein. Kein Wunder, ist es doch der Name einer mittelgrossen Stadt in der ehemaligen Sowjetrepublik Georgien. Heute ist Georgien längst selbstständig. Als Erbe der Sowjetzeit aber ist der Stadt eine besondere Attraktion geblieben: 22 Seilbahnen.

Zum Hören >>>

Im georgischen Tschiatura waren einst über 60 Seilbahnen in Betrieb. Foto: Marco Fieber
Einst hatte Tschiatura über 60 Seilbahnen, die Menschen und Mangan beförderten. Und diese Tradition, Seilbahn und Bergbau, lebt bis heute fort, bloß in einem bescheideneren Umfang. Tatjana Montik erzählt, was es damit auf sich hat und welche Hoffnungen die Bevölkerung von Tschiatura an dieses Erbe der Sowjetzeit knüpft.

SÜD-KAUKASUS: Region Berg-Karabach - In einem Land, das es nicht gibt. Von Sven Töniges (deutschlandfunk.de)

(deutschlandfunk.de) Berg-Karabach, eine Region im Südkaukasus, ist seit fast 25 Jahren eine selbsternannte Republik. Seit Jahrhunderten streiten Armenier und die heutigen Aserbaidschaner um die Bergregionen. Bis 1994 wurde dort Krieg geführt, seitdem halten armenische Truppen Berg-Karabach und rund ein Sechstel Asaerbaidschans besetzt. Ein Lösung ist nicht in Sicht, eine Reise war es trotzdem wert.

Von Sven Töniges


Foto: Maxence Peniguet


"Oh, du geliebtes Heimatland", singen die Männer. "Oh, Ihr meine hohen Gipfel". Die geliebten hohen Gipfel: Das sind die Zweieinhalbtausender des Südkaukasus, die geliebte Heimat: Das ist Berg-Karabach. Rund 50 Männer sind an diesem Abend in die Stadt Shuschi gekommen, die allermeisten tragen Tarnfleck. Sie wollen ihre Heimat besingen - und ihre gefallenen Kameraden, mit denen sie gekämpft haben vor mehr als 20 Jahren. Der Besucher aus Deutschland wird etwas bestaunt. Nicht allzu oft kommen Touristen vorbei in ihrem schönen Land und in ihrem schönen Staat - den es eigentlich gar nicht gibt. Aber der Reihe nach.

Kommen Sie nach Berg-Karabach, hatte mir Herr Khachian gesagt auf der Tourismusmesse in Berlin. Einfach, weil es wunderschön dort ist, hatte er gesagt. So ähnlich wie in der Schweiz. "Karabach – Ein versteckter Schatz", und: "Ein unentdeckter Schatz", stand auf den Prospekten, die mir Herr Khachian in die Hand drückte.

Berg-Karabach, oder: Nagorny-Karabach. Da ist ein leises Echo irgendwo aus den Nachrichten der frühen 90er-Jahre; irgendwas mit Kaukasus kommt einem da in den Sinn. Irgendwas mit der kollabierenden Sowjetunion. Einer dieser sowjetischen Nachfolgekriege, für die sich Europa bald nicht mehr interessierte. Wie in der Schweiz also soll es dort sein, in Berg-Karabach.

Ein paar Wochen später überreicht mir der nette Beamte ein Visum der Republik Nagorny-Karabach. Rund fünf Stunden hatte das Sammeltaxi von Eriwan gebraucht über den mächtigen Worotan-Gebirgspass nahe der Grenze zum Iran. Ein unscheinbares Gebäude offenbart sich als Grenzstation. Eine große Schautafel heißt die Besucher willkommen: Republik Berg-Karabach, steht da. 140.000 Einwohner, zu 98 Prozent Armenier, Territorium: 12.000 Quadratkilometer.

Dieser Staat existiert nicht

Was hier nicht steht: Dieser Staat existiert nicht. Nicht nach Ansicht der Vereinten Nationen oder dem Europarat. Völkerrechtlich befinden wir uns in Aserbaidschan. Kein einziger Staat der Welt hat die Republik Berg-Karabach anerkannt - nicht einmal der große Bruder: Armenien. Dabei hatte Armenien zwischen 1992 und 1994 mit Aserbaidschan einen blutigen Krieg um die damalige Exklave Karabach geführt. Die Armenier siegten. Und doch traut sich Jerewan bis heute nicht, die Karabach-Republik anzuerkennen - geschweige denn sich einzuverleiben. Im gleichen Moment würde der Krieg wieder ausbrechen.

Das Taxi schraubt sich ein enges, satt grünes Tal hinauf. Die Straße ist gut ausgebaut. Der Asphalt ist frischer, die Leitplanken sind neuer als eben noch auf der armenischen Nationalstraße. Oben wartet Bergpanorama. Sanft geschwungene Kämme, dahinter felsige Gipfel. Die Schweiz? Kommt schon hin. Bergkarabach oder Nagorny-Kara-Bach: Das bedeutet wörtlich: der bergige schwarze Garten. Aus drei Sprachen speist sich der Name: Russisch, Türkisch und Persisch. Ein erster Hinweis darauf, dass diese Gegend stets Zankapfel der Großmächte war - und ist.

Was denn das für lange Metallseile seien, die da immer wieder über das Tal gespannt sind? Seilbahnen?, frage ich meinen Sitznachbarn. Nein, sagt er, das ist zur Abwehr von Hubschraubern. Dann ein Ortsschild: "Stepanakert". Hauptstadt der Republik Bergkarabach.

Perfektes sowjetisches Kleinstadt-Idyll

Gepflegte neoklassizistische Straßenlaternen aus der Sowjetzeit werfen ihr Licht auf besenreine Straßen; ein Väterchen mit Schirmmütze zieht akkurat einen Zebrastreifen nach. Uniformierte mit breiten Tellermützen schlendern rauchend die Straße entlang. Hie und da rollt ein Wolga oder ein Lada vorbei. Perfektes sowjetisches Kleinstadt-Idyll.

Auch nebenan auf der "Allee der Liebenden", einer etwas zu großzügig geratenen Freitreppe.

Hier stehen Artak Grigorian und seine Frau Gayane. Das Paar erwartet in drei Wochen die Geburt ihres ersten Kindes, erzählen sie. Sie sei sehr aufgeregt, sagt die 21-jährige Gayane. Sorgen, dass ihr Kind in einem Land aufwächst, das sich de jure im Kriegszustand befindet, habe sie nicht.

"Nein, natürlich nicht. Mag sein, dass man in Europa Bergkarabach mit Konflikt- und Krisengebiet gleichsetzt. Wir leben hier in unserer Heimat. Und wir leben in Frieden hier. Wir hoffen, dass unsere Kinder auch in Frieden leben werden."

Dass das so bleibt, dafür sorgt eine Armee mit geschätzten 30.000 Soldaten - und das bei gerade einmal 100.000 Einwohnern - eine wiederum geschätzte Zahl. Die real existierende Armee ist die größte Rückversicherung des Operetten-Staates Berg-Karabach. Alle anderen Institutionen haben nicht allzu viel zu melden: Nicht der international nicht anerkannte Präsident in seiner großen Residenz in Stadtzentrum, nicht das international nicht anerkannte Parlament im üppigen Neubau gegenüber.

Wahrlich präsidial ist indes auch das Büro von Sergey Shahverdiyan. Der Chef der Behörde für Tourismus und Erhaltung der historischen Umwelt der Republik Berg-Karabach hat mich geladen, um mir zu erklären, warum die Zukunft seines Landes im Tourismus liege. Vier Telefone stehen auf dem tiefen Schreibtisch. Sergey Shahverdiyan hat Großes vor. Er will den Tourismus zur Schlüsselindustrie seines Landes ausbauen, zum Hauptdevisenbringer. Ob das nicht etwas zu ehrgeizig sei, in einer Region, die wenn überhaupt nur als Krisengebiet bekannt ist?

Nein, sagt Herr Schahverdiyan, seit 1995 hole er jetzt schon Touristen ins Land. Noch sei nie jemand verletzt worden. "Berg-Karabach, das ist für Besucher sicherer als Berlin!"

4.000 Jahre Geschichte hat Herr Khachian in Berlin versprochen. Reiseführer Narek präsentiert nun eine der archäologischen Perlen von Berg-Karabach: die Ausgrabungen von Tigranakert rund eine halbe Autostunde von der Hauptstadt Stepanakert entfernt. Die archäologische Stätte liegt am Fuße eines Bergrückens. Ab hier erstreckt sich nur flaches Land, Steppe.

Diese Stadt wurde vom armenischen König Tigran dem Großen gebaut, erzählt Reiseführer Narek. Tigran regierte von 95 bis 55 vor Christus.

Die Bedeutung Tigrans, sagt Narek, könne nicht hoch genug geschätzt werden. Es sei der wichtigste Herrscher der armenischen Geschichte gewesen. Vom Mittelmeer bis zur kaspischen See erstreckte sich sein Reich. Armenien von Meer zu Meer, wurde es genannt.

Zu Sowjetzeiten, als das Gebiet zur aserbaidschanischen Sowjetrepublik gehörte, sei hier ein vermüllter Rastplatz gewesen. Nun steht, soeben fertiggestellt, eine aufwendig rekonstruierte Festung aus dem 17. Jahrhundert. Darin ein kleines Museum. Die ausgestellten Artefakte und die Schautafeln sollen belegen: Das hier ist armenisches Land. Seit 2.000 Jahren.

Agdam einst eine aserbaidschanische Stadt

Durch die Schießscharten des Mauerwerks eröffnet sich ein weiter Blick hinein in die Tiefebene. Wenige hundert Metern entfernt zeichnen sich Mauerreste ab. Grundmauern von Häusern sind zu erkennen, bei genauerem Hinsehen reichen sie bis zum Horizont? Noch eine antike Ausgrabungsstätte also? Durch das Tele der Kamera erkenne ich die Gerippe mehrerer Plattenbauten, die Silhouette zweier Türme, vielleicht Schornsteine; und rundherum die Ruinen über Ruinen. Hier muss einmal eine Großstadt gewesen sein. "Das ist militärisches Speergebiet", sagt Narek schmal-lippig und drängt zur Weiterfahrt. Was da im Hintergrund liegt ist Agdam, einst eine mittlere aserbaidschanische Großstadt, die 1993 von den Armeniern gebrandschatzt wurde.

Eine Autostunde später und drei Vegetationszonen höher. Ringsum falten sich dicht bewaldete Berge auf. Wie ein Tapete im Hintergrund: die firnbedeckten Dreitausender-Gipfel des Kleinen Kaukasus. Reiseführer Narek steht vor dem Kloster Gandzasar. 1216 gegründet als geistliches Zentrum des Fürstentums von Khachen. Heute residiert der Erzbischof von Nagorny-Karabach hier.

Dicke Mauern schützen die Klosteranlage. Über Jahrhunderte musste der Bau dem ständigen Hin-und-Her zwischen muslimischen und christlichen Eroberern im Südkaukasus trutzen. Der Kirchenbau ist eine mustergültige armenische Kirche mit einem polygonen, mittigen Turm.

Es sei einer der wichtigsten armenischen Sakralbauten des Mittelalters, erklärt Narek. Nun kämen jeden Sonntag um Elf die Gläubigen aus Berg-Karabach hierher, um zu beten. Für die Republik Berg-Karabach ist es ein geradezu mythischer Ort, erklärt Narek.

Ein breitschultriger Mann in tarnfarbener Uniform und mit gewaltigem Schnauzbart eilt herbei. Auf seiner Brust glänzen anderthalb Dutzend Orden. "Stendal!", ruft er und zeigt eine verblasste, diffuse Tätowierung auf dem rechten Unterarm.

Als junger Soldat sei er in Deutschland, in Stendal, stationiert gewesen. Dann zieht er einen Ausweis hervor. Die Mitgliedskarte der Union der Veteranen des Karabach-Krieges. Aragat Mkrtchyan steht da. Aber alle nennen ihn nur bei seinem Kampfnamen: Bondo. Dass er heute mit einigen Kameraden auf dem Klosterberg sei, das habe Tradition, erklärt Bondo.

"Wir haben dieses Kloster verteidigt. Sie haben es immer wieder bombardiert. Die Aserbaidschaner griffen mit Suchoi-25-Kampfjets an. Gerade einmal eine Bombe traf, eine 500 Kilobombe, sie fiel auf das Haus da drüben. Aber: Sie explodierte nicht. Es ist ein Wunder. Wir waren nur ein paar Mann, auch der Priester hat mitgekämpft."

Reichlich Wodka und Tränen

Und heute Abend wollen Sie feiern, sagt Bondo. Veteranen des Karabach-Kriegs, Freiheitskämpfer, wie sie sich nennen, von überall her kommen sie heute Abend nach Shushi. Auf den Tag genau vor 23 Jahren hätten sie die Stadt von den Aserbaidschanern erobert. "Befreit", im hiesigen Sprachgebrauch. Deswegen wird heute ein Lamm geschlachtet. Dafür haben sie sich gerade im Kloster Gandzazar den Segen abgeholt. Ich bin eingeladen. Heute Abend in Shushi.

"Wach auf und sattel' dein weißes Pferd, ruf deine Kämpfer. Und rette dein schönes Heimatland."

Reichlich Wodka und Tränen fließen im Festsaal eines Hotels in Shushi. Rund 50 Veteranen, fast alle in Tarnfleck, sind gekommen. Das Lamm ist geschlachtet, alles was das Tier hergibt ist auf den Tisch gewandert; dazu reichlich Lavash, das dünne armenische Fladenbrot, Gurken, Tomaten und herber Ziegenkäse. Alles wird mit Wodka heruntergespült. General Varsham Gorian, Chef des Veteranen-Verbands, erhebt sein Glas.

"Uns allen ein glückliches Festmahl! Ehre sei unseren Kameraden. Ihr Blut war der Preis dafür, dass wir hier heute friedlich zusammensitzen dürfen. Zum Wohle! Glückwunsch. Auf den Frieden."

"Diese Männer hier haben an der Befreiung von Shushi teilgenommen. Shushi ist das Zentrum der armenischen Kultur. Armenien ist ein von Gott gemachter Himmel - und Shushi ist ein strahlender Stern darin. Unser Alphabet, das armenische Alphabet ist das Taschentuch Gottes. Noahs Arche ist auf dem Berg Ararat gestrandet, auf dem wichtigsten Symbol der armenischen Nation. Also hat die Geschichte mit dem armenischen Volk begonnen."

Shushi, oder Shusha, wie die Stadt auf Aserbaidschanisch heißt: In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1992 erklommen armenische Einheiten die Felsen um die 1.500 Meter hochgelegene Feste und überwältigten die aserbaidschanischen Truppen. Ein Wendepunkt des Krieges.

Der nächste Toast wird ausgebracht. Es gibt sehr gute Neuigkeiten, ruft einer der Veteranen. Der US-Bundesstaat Kalifornien habe Berg-Karabach als unabhängiges Land anerkannt!

Draußen vor der Tür ruht Shushi. Strahlender Stern im armenischen Himmel, so hatte der General die Stadt genannt. Strahlend: nicht der erste Begriff, der einem unterhalb des Hotels in den Sinn kommt. Graubraun die Häuser zu beiden Seiten der menschenleeren Straße. Bis auf das verblasste Rosa des einstigen Sowjetkinos. Dahinter, wie Ausrufezeichen, die Minarette einer in Trümmern liegenden Moschee.

Historisches Zentrum

Als Jerusalem des Kaukasus gilt Shusha beziehungsweise Shushi. Historisches Zentrum der aserbaidschanischen Kultur - und der armenischen. Hier konnte er lange besichtigt werden: der Kaukasus als Berg der Völker, als Nahtstelle zwischen Nord und Süd, Ost und West, Christentum und Islam. Doch immer wieder wurde die Stadt zerstört, wurde mal der armenische und mal der aserbaidschanische Teil der Bevölkerung vertrieben oder gar massakriert. Nun, seit dem letzten Krieg. Ist Shushi - so wie ganz - Berg-Karabach rein armenisch. Ethnisch bereinigt, wenn man dieses Wort benutzen möchte.

"Oh, du geliebtes Heimatland, oh, Ihr meine hohen Gipfel", singen die Männer drinnen im Hotel Und doch schauen die meisten mit nachdenklichem, vor allem aber müdem Blick auf das Geschehen. "Heute Abend wollen wir nur an die schönen Dinge denken." Das sagt mir ein Veteran in Panzergrenadier-Uniform.

Auf dem Weg zurück ins Hotel nach Stepanakert. Gleich am Ortseingang ist ein Banner gespannt. Auf Russisch und auf Englisch ist es beschrieben, mehrsprachig, wie in der Schweiz: "Wir glauben an unsere Zukunft", steht da trotzig.

Informationen zu Reisen in die "Republik Berg-Karabach"

Das Auswärtige Amt rät von Reisen in die "Republik Berg-Karabach" ab. Entlang der Waffenstillstandslinie zu Aserbaidschan kommt es regelmäßig zu Schusswechseln und Scharmützeln, außerdem muss hier mit Minen gerechnet werden. Im Landesinneren war die Lage zum Zeitpunkt der Recherche ruhig.

Die Einreise nach Berg-Karabach ist nur über Armenien möglich. Aserbaidschan betrachtet Reisen ohne vorherige Zustimmung als illegal. Näheres dazu auf der deutschen Seite der Botschaft der Republik Aserbaidschan, Berlin.

Weitere Informationen bietet die Seite der Tourismusverwaltung von Berg-Karabach.

Monday, December 22, 2014

DEUTSCHE KULTURGESCHICHTE: Schwäbische Spuren in Georgien. Von Tatjana Montik (deutschlandfunk.de)

(deutschlandfunk.de - Tatjana Montik) Anfang des 19. Jahrhunderts kamen deutsche Siedler aus dem heutigen Baden-Württemberg auf Einladung des russischen Zaren nach Georgien, wo sie Zuflucht vor Hungersnot und religiöser Verfolgung suchten. Bis heute stehen ihre Fachwerkhäuser. Jetzt haben Kulturforscher sie für sich entdeckt. 

Podcast mp3 >>>
 
Weinlese deutscher Siedler in Georgien, Elisabethtal (Assureti), Anfang 20.Jahrhundert, Dank an Herrn Manfred Tichonov
Evangelischer Advent-Gottesdienst in Assureti, der ehemaligen deutschen Siedlung südlich von Tiflis, die früher Elisabeth-Tal hieß.

Anfang des 19. Jahrhunderts kamen die deutschen Siedler aus Baden-Württemberg auf Einladung des russischen Zaren nach Georgien, das damals zum Zarenreich gehörte. Hier suchten sie Zuflucht vor Hungersnot und religiöser Verfolgung. In ihrer neuen Heimat wurden sie zu Bauern, deren wirtschaftlicher Erfolg den Menschen bis heute in Erinnerung geblieben ist. Im Oktober 1941 wurden die Deutschen aus dem Kaukasus nach Zentralasien deportiert.

In Assureti sind bis heute 260 deutsche Fachwerkhäuser erhalten geblieben, in denen jetzt georgische Familien leben. Neue Sitten und Gebräuche sind eingezogen. Man spricht nicht mehr Deutsch, sondern Georgisch. Auf den Leinen in den Höfen ist – wie in Georgien üblich – überall die Wäsche zum Trocknen aufgehängt.

Doch die deutsche Vergangenheit ist bis heute überall zu spüren, etwa auf dem alten Friedhof oder an der baufälligen Kirche.

Der Gottesdienst wird nicht dort, sondern in einem Privathaus gefeiert. Extra dafür kam die evangelische Pfarrerin, Irina Solej, zusammen mit acht weiteren Gemeindemitgliedern, aus Tiflis hierher:

"Wir halten unseren Gottesdienst im Andenken an die deutschen Siedler ab, die alle gläubige Menschen gewesen sind. Das erste, was sie gemacht haben, war der Bau einer Kirche aus ihren eigenen Mitteln, diese Tradition dürfen wir nicht unterbrechen. Wir hoffen, dass wir einmal in diese Kirche zurückkehren dürfen. Es gibt sogar eine verrückte Idee: diese Kirche zusammen mit der orthodoxen Kirche zu nutzen. Das wäre natürlich eine einmalige Erfahrung."

Nachkommen der deutschen Siedler gibt es in Assureti nicht mehr. Die meisten, die aus der Verbannung in die alte Heimat zurückkamen, wanderten später nach Deutschland aus.

Allerdings gibt es einige deutsche Familien, die erst in den letzten zehn Jahren nach Georgien gekommen sind. Einer von ihnen ist Manfred Tichonow, ein ehemaliger Berliner, der 2004 in Assureti ein Fachwerkhaus kaufte, es von Grund auf restaurierte und sich hier niederließ. 



An seinem Fachwerkhaus aus dem Jahre 1870 sei viel zu tun gewesen, erinnert sich der 67-jährige Hausbesitzer. Doch die alte Bausubstanz könne man überall im Dorf bis heute noch bewundern:

"Hier unten können Sie noch einen Zaunpfeiler sehen. Wenn wir durchs Dorf gehen, werden Sie sehen, das waren die Zaunpfähle aus Stein. Horizontal waren das Holz und diese Zaunpfähle einbetoniert. Den habe ich rausgegraben, er wiegt 500 bis 600 kg, keine Ahnung! Also die alten Schwaben haben ja ganz schöne Steine gestemmt!"

Die Siedlungen südlich von Tiflis sollen für Touristen aufbereitet werden

Beim Spaziergang im Dorf lassen sich die typischen Merkmale der ehemaligen deutschen Siedlung gut erkennen, obwohl viele Fachwerkfassaden hinter Beton verschwanden und einige Ziegeldächer durch Wellblech ersetzt wurden. Dies sei der Grund, warum den einstigen deutschen Siedlungen, Assureti und Bolnisi, eine besondere Aufmerksamkeit der Denkmalschützer zustehe, sagt der georgische Star-Architekt Merab Gudschedschiani, dessen Unternehmen viele historische Restaurierungsprojekte durchgeführt hat:

"Es handelt sich nicht nur um das deutsche oder das georgische Kulturerbe, sondern um das Weltkulturerbe. Es geht nicht nur um die deutschen Häuser. Wertvoll ist die gesamte Stadtplanung, die auf der Höhe der Zeit ist: der Stausee, die Kanalisation, das System der Wasserleitung, der Wasserabfluss. Alle Glieder in der Stadtplanung waren durch eine Idee verbunden. Außerdem sind in diesen Dörfern einige Besonderheiten zu sehen, etwa der georgische Einfluss auf die Fachwerkarchitektur in Form von aus Holz geschnitzten Balkonen. Die Fachwerkfassaden und dann diese Balkone – das ist eine deutsch-georgische Mischung, denn diese Balkone waren seit dem Ende des 19. Jahrhunderts überall in Georgien beliebt."

Derzeit gibt es Ansätze, die deutschen Siedlungen südlich von Tiflis zu neuen kulturellen und touristischen Attraktionen zu machen. Am 13. Dezember wird der vor einem Jahr gegründete Verein für den Erhalt des deutschen Kulturerbes in Georgien für Sponsoren seine Projekte vorstellen. Dabei handelt es sich um die Pflege des materiellen und geistigen Nachlasses der deutschen Siedler.

Bei der Restauration sollte man jedoch sehr behutsam vorgehen, sagt Gudschedschiani:

"Viele Häuser sind in einem solchen bedauernswerten Zustand, dass sie bei einer unsachgemäßen Behandlung schnell auseinanderfallen könnten. Man muss damit sehr behutsam umgehen. Mit einem Schlag zu restaurieren ist sehr gefährlich. Diese Balken sind aus Eiche, sie lassen sich nicht so einfach und so schnell ergänzen. Es besteht die Gefahr, aus diesem Dorf eine schöne Fassade zu machen, einfach eine Kulisse, wir haben viele Beispiele dafür in Georgien und überall auf der Welt. Die Authentizität könnte schnell verloren gehen."

Der Katholik Manfred Tichonow, der sein Haus für die evangelischen Gottesdienste gerne zur Verfügung stellt, hat ebenfalls einiges an Ideen zu bieten: etwa die Eröffnung eines Landschulheimes in Assureti, wo die georgischen Kinder an Wochenenden intensiv Deutsch lernen könnten.

"Solche kleinen Projekte! Sie würden das Leben ins Dorf bringen! Oder man könnte die Kirche wieder renovieren, die hier mitten im Dorfzentrum steht, diese verfallene ehemalige deutsche Kirche ohne Kirchturm. Die könnte man wieder aufbauen. Dort könnte man ein kleines Kulturzentrum machen. Tiflis ist nicht weit entfernt, es sind 40 km. Dort könnte man Konzerte organisieren oder la-la-la. Solche kleinen Projekte, und nicht in Dimensionen denken wie 'Wolkenkuckucksheim' oder so etwas, kleine überschaubare Projekte."

Georgien auf der Suche nach einer eigenen Identität

In den letzten 20 Jahren war Georgien mit der eigenen Identitätssuche beschäftigt. So blieb die Geschichte der diversen nationalen Minderheiten in Georgien vernachlässigt, darunter auch die der Deutschen im Südkaukasus.

Nun aber hat sich das Blatt gewendet, glaubt der in Tiflis lebende deutsche Regisseur Stefan Tolz, der in einem seiner Dokumentarfilme die alten deutschen Siedler in Georgien noch porträtieren konnte:

"Und ich denke, das ist eine Sache, die jetzt im Wandel begriffen ist, und auch damit verbunden, dass sich Georgien an die EU annähern möchte, es gibt dieses Assoziierungsabkommen, was dieses Jahr unterschrieben worden ist. Das heißt, hier werden Schritte unternommen, dass man guckt, was ist bei uns wirklich europäisch. Wir wollen uns integrieren in die europäische Familie und dementsprechend ist es wichtig, an sein europäisches Erbe zu denken. Und was haben wir an europäischem Erbe? Dazu gehören natürlich, ganz wichtig, die deutschen Siedler, die in Georgien gelebt haben."

Auch die georgischen Wissenschaftler sehen in der Geschichte der Siedler ein reichhaltiges Forschungsfeld. Ketevan Chutsischwili, Professorin für Anthropologie an der Tiflisser Staatlichen Universität, hat vergangenen Sommer mit ihren Studenten im Rahmen eines DAAD-Projektes über das Andenken der Deutschen im Südkaukasus geforscht.

"Für die Anthropologen wäre es interessant, etwas über die Fortsetzung der deutschen Geschichte in Georgien zu erfahren: Die Deutschen wurden deportiert – und was ist mit diesen Menschen passiert, konnten sie in ihre Heimat zurückkehren, konnten sie sich hier wiederfinden, wie beeinflusst wurde dadurch ihr Andenken und die Identität ihrer Kinder? Wie empfanden sich diese Menschen – als Deutsche, als Georgien-Deutsche oder als Vertreter einer religiösen Gruppe? Was war es, was diesen Menschen die Kraft gab, weiterzuleben oder nicht zu leben?"

Die Sponsoren-Veranstaltung des Vereins für den Erhalt des deutschen Kulturerbes in Georgien findet am 13. Dezember in Tiflis im Gebäude des Georgischen Nationalmuseums statt, das ebenfalls von einem Deutschen, Gustav Radde, gegründet wurde.

Links:
facebook.com/Asureti-Elisabethtal
goethe.de
kaukasus-reisen.de/weinreisen-georgien 
ev-luth-kirche-georgien.de
assureti.wordpress.com
Georgia, German colonies [flickr.com]

Wednesday, December 17, 2014

RADIO: James Hopkin - A Georgian Trilogy (bbc.co.uk)

(bbc.co.uk) Short stories by James Hopkin, inspired by his travels in Georgia in autumn 2008 

"As well as a new story, Jonke's Schnitzel, going out on BBC Radio 4 on Sunday 28 December at 7-45pm as part of the station's Vienna season, there's also a chance to catch my Georgian Trilogy again on BBC Radio 4 Extra. Each part of the trilogy goes out three times a day. A Peacock in Sulphur (about the painter, Pirosmani) on Christmas Eve at 11am, 9pm, and, er, 4am. The Wurst Express from Kakheti on Christmas Day at the same times. Likewise, 3 times on Boxing Day, The Soul is Missing Fairy Tales! (a line from a poem by Galaktion Tabidze ) I mean, what else are you gonna be doing? " (James Hopkin)




On demand
This programme will be available shortly after broadcast 

Episode guide
  A Peacock in Sulphur
James Hopkin - A Georgian Trilogy Episode 1 of 3
Boxing Day 2014 11:00 BBC Radio 4 Extra
The first of three specially commissioned stories by James Hopkin. Niko Pirosmani was one of Georgia's greatest artists, but was it his art that killed him?
Read by Allan Corduner
Producer:Rosalynd Ward
A Sweet Talk Production for BBC Radio 4.

The Wurst Express From Kakheti
James Hopkin - A Georgian Trilogy Episode 2 of 3
Christmas Day 2014 11:00 BBC Radio 4 Extra
The second of three specially commissioned stories by James Hopkin, inspired by his travels in Georgia.
It is summer 2008 and an impoverished Georgian poet is living in Berlin for three months. He is not expecting to hear shattering news from his homeland.
Read by Tom Goodman-Hill.

The Soul Is Missing Fairy Tales!
James Hopkin - A Georgian Trilogy Episode 3 of 3
Christmas Eve 2014 11:00 BBC Radio 4 Extra
The third of three specially commissioned stories by James Hopkin, inspired by his travels in Georgia in Autumn 2008.
A tour bus of journalists, writers and artists breaks down on the infamous military highway from Vladikavkaz to Tbilisi. It is only nine days since the Russian army withdrew from parts of Georgia, but there are rumours of a return.
Read by Ben Miles.