Quelle: klappentexterin.wordpress.com
Ekaterine Togonidze wurde 1981 geboren, ist Schriftstellerin, Moderatorin und Journalistin. Ihr Debüt, Das Schöne, wurde vom Kulturministerium Georgiens mit dem Preis “Die beste Erzählung des Jahres 2011″ ausgezeichnet. Für ihren Roman Anästhesie erhielt sie 2012 den “Saba” für das beste Debüt des Jahres. (Foto: Nakanimamasakhlisi)
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Nino Haratischwili wurde 1983 geboren. Sie wurde
mehrfach für ihre Arbeit als Theaterautorin und -regisseurin
ausgezeichnet. 2010 erhielt sie für ihre Theaterarbeit den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis. Ihr Romandebüt Juja
erschien 2010 und war für die Longlist des Deutschen Buchpreises und
die Shortlist des ZDF aspekte Literaturpreises nominiert. 2011 gewann
sie für Juja den Debütpreis des Buddenbrockhauses Lübeck. Im gleichen Jahr wurde ihr Roman Mein sanfter Zwilling mit dem Preis der Hotlist der unabhängigen Verlage ausgezeichnet. Die Autorin schreibt auf Deutsch und lebt in Hamburg.
(Foto: Julia Bührle-Nowikowa)
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Tamta Melaschwili wurde 1979 geboren. Die Autorin wuchs
in Georgien auf, lebte ein Jahr in Deutschland und begann hier zu
schreiben. 2010 erschien ihr Debütroman Abzählen und wurde im gleichen Jahr mit dem Literaturpreis “Saba” ausgezeichnet. 2012 erschien Abzählen
auf Deutsch und wurde für die Hotlist nominiert. Im gleichen Jahr war
sie für einen Monat Gast des Literarischen Colloquiums in Berlin. Tamta
Melaschwili lebt derzeit in Georgien und engagiert sich für Frauenrechte
und Genderfragen. (Foto: Nino Kharchilava)
(klappentexterin.wordpress.com) Klappentexterin: Ich treffe in Ihren Geschichten Frauen, die
ihre Rolle in der modernen Welt suchen und ihr Gehör verschaffen wollen.
Teilweise sind sie Suchende, manchmal Verlorene. Inwiefern spiegeln sie
das heutige Bild der modernen Frau in Georgien wider?
Ekaterine Togonidze: Ich habe mir bewusst eine Frau ausgesucht, die
geographisch nirgendwo verortet ist. Es war mir wichtig, ihr keine Art
von ethnischen und nationalen Merkmalen mitzugeben. Würde man diese Frau
in georgischen Kontext setzen, dann würde sie zu einer Minderheit
zählen. Weil sie eine von den Frauen ist, die karriereorientiert, auch
selbstbewusst, unabhängig, frei sind und so ihr Leben leben. Das ist
nach wie vor nicht die Mehrzahl.
Nino Haratischwili: Das Stück spielt im Westen und ist nicht
georgischtypisch. Es gibt Lena, die für den Osten steht und die
definitiv keine moderne oder meine Generation repräsentiert, sondern
eine ältere. Sie ist für mich eher ein symbolisches Sinnbild für den
Osten.
Tamta Melaschwili: Die Romanheldin in meiner Erzählung ist eine
professionelle Killerin. Sie ist eine Frau, die gegen das System kämpft,
es dafür aber auch gleichzeitig nutzen muss.
Das literarische Georgien wurde durch Sie – Nino
Haratischwili und Tamta Melaschwili – in Deutschland bekannter, und doch
scheint es noch recht leise zu sein in dem internationalen
Literaturuniversum. Woran mag das liegen?
TM: Das Allererste war natürlich, dass man über 70 Jahre komplett im
Sowjetraum eingesperrt war. Danach die 20 Jahre war man mit dem Krieg
und Überleben, wirtschaftlicher Inflation, Arbeitslosigkeit beschäftigt
und keiner hatte Zeit, sich um Literatur zu kümmern. Und jetzt gerade –
so peu à peu – hat man damit begonnen. Man kümmert sich erst seit
wenigen Jahren, hier auf der Messe. In Leipzig, glaube ich, ist es das
zweite Mal, aber in Frankfurt waren es mehr als sieben, acht Mal.
NH: Man steckt noch wirklich in Kinderschuhen und braucht Zeit.
Was wünschen Sie sich für die georgische Literaturszene?
ET: In erster Linie wünschen wir uns Übersetzungen, beidseitig, vor
allem das Georgische ins Deutsche, Englische oder Italienische übersetzt
wird. Alles, was übersetzt wurde, ist nichts für die Schublade oder im
Computer geblieben. Jeder hat seinen Verlag oder eine Nische gefunden,
sei es eine Anthologie oder direkt ein Roman. Es wurde tatsächlich
publiziert, ob ins Russische, Englische oder Deutsche. Deswegen muss man
das viel mehr machen, weil offenbar Interesse vorhanden ist. Und wenn
man das statistisch betrachtet, dann ist das keine so schlechte Zahl.
Angesichts dessen, wie wenig letztlich dafür getan wurde, hat man schon
ganz gut Andockungen gefunden. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit in der
Kulturpolitik wäre wichtig, damit mehr und gezielter getan wird.
Wie sehen Sie die Lage für Künstler in Georgien?
ET: Die meisten brauchen einen zweiten Job, weil man von Kunst allein nicht leben kann.
TM: Jetzt ist gerade eine spannende Umbruchzeit und eine neue
Generation entsteht, die viel experimenteller ist, die ganz viel
ausprobieren und etwas Neues beginnen könnte.
NH: Ich würde mich Tamta anschließen, denn es passiert schon Etwas,
auch in Richtung Theater, nicht nur Literatur, aber es ist schon
finanziell sehr schwer. Ich kenne eigentlich niemanden, der von der
Kunst allein leben kann, bis auf sehr wenige Ausnahmen.
Wie unterscheidet sich der Alltag einer georgischen von dem einer deutschen Frau?
NH: Ich glaube, dass es eine Frau in Deutschland grundsätzlich leichter
hat, über ihr Leben selbst zu entscheiden. Sie hat viel mehr
Möglichkeiten. Und das hängt nicht von der sozialen Schicht ab, denn
hier kann auch jemand mit wenig Geld studieren. Die georgischen Frauen
haben weniger Auswahl, weil der wirtschaftliche und finanzielle Rahmen
nicht gegeben ist und nur ganz wenige sich das leisten können, wirklich
loszumarschieren und einen Job zu kriegen, mit dem sie sich selbst
ernähren können. Man lebt sehr stark in Gemeinschaften. Das führt zu
weniger Selbstbestimmung und mehr Einfluss seitens der anderen
Generationen und auch der Männer. Deshalb haben die Frauen in Georgien
gar nicht das Bewusstsein, was sie alles könnten und welche alternativen
Lebensformen es noch gibt. Auch die, die in Europa und Amerika studiert
haben, sind nicht von diesen Zwängen und Bestimmungen der Gesellschaft
befreit. Viele gehen dann doch in diese Form zurück.
Wieso?
NH: Ich glaube, es ist ganz viel Angst.
TM: In erster Linie ist die Gemeinschaft wichtig und dann das
Individuum. Das ist die Norm. Und alles, wogegen du abweichst, erfordert
eine unglaubliche Geduld und Kraft, Individualität und einen Willen,
das durchzuziehen, weil du ständig in dem Kampf mit der Mehrheit stehst.
Es ist nun nicht so, dass es dein Leben bedroht, aber du kannst ganz
leicht von der Gemeinschaft ausgeschlossen werden.
ET: Zunächst war es eine schöne Idee. Wenn sie dann jedoch Realität
wird, kann man schnell Angst bekommen und man merkt, dass es doch
schwieriger ist, es durchzuziehen.
Haben Sie AutorInnen, zu denen Sie aufschauen?
TM: Ich bin verliebt in Etgar Keret. Er ist der beste Kurzgeschichten-Autor. Außerdem schätze ich Elfriede Jelinek.
ET: Meine letzte Entdeckung war Doris Lessing.
NH: Von den georgischen Autoren gibt es für uns Autoren wie Michael
Javakishwili. Ich habe unendlich viele Autoren, gerade die allerletzte
Entdeckung, die mich total umgehauen hat, war Arundhati Roy. Ich bin
gerade auf einen Inder-Trip. Kürzlich habe ich auch Per Olov Enquist
entdeckt. In letzter Zeit bin ich forschungsbezogen auch mit Literatur
zum zweiten Weltkrieg beschäftigt.
Wie die Autorin Marica Bodrožić schreiben Sie, liebe Nino
Haratischwili, auf Deutsch und nicht in Ihrer Muttersprache. Fühlen Sie
sich der Sprache näher?
NH: Ich weiß es nicht. Es gibt immer diese Frage. Es gab für mich keine
bewusste Entscheidung, ich fange jetzt an, auf Deutsch zu schreiben. Das
war ein schleichender Prozess. Ich sehe schon ein, dass es für die
meisten ungewöhnlich ist, doch für mich ist es sehr natürlich geworden.
Deswegen habe ich das auch nicht so groß und viel hinterfragt. Ich
glaube aber, wenn man es ganz küchenpsychologisch betrachtet, war die
Zeit, als ich anfing zu schreiben, eine Umbruchzeit. Das war eine
Teeniezeit, in der ich einen gewissen Abstand zu bestimmten Dingen
brauchte, die mir sehr nahe gingen. Ob es auf Georgien bezogen war oder
auf das Private. Da bot sich Deutsch tatsächlich an, eine bestimmte
Distanz einzunehmen und so eine Art Außenblick zu bekommen. Irgendwann
wurde es zu einer Selbstverständlichkeit, weil ich halt hier lebe. Würde
ich wieder in Georgien leben, ich weiß nicht, ob das Georgische in die
literarische Sprache zurückkäme. Ich hoffe. Für mich hat Sprache sehr
viel mit dem Hier und Jetzt zu tun. Es wäre komisch, hier zu leben und
auf Georgisch zu schreiben.
Tamta Melaschwili, Ihr Debüt “Abzählen” wurde 2010 mit dem
nationalen Literaturpreis “Saba” für das beste Debüt des Jahres
ausgezeichnet. Ihr Debütroman, liebe Ekaterine Togonidze, “Anästhesie”
erhielt 2012 den “Saba”. Und Sie, liebe Nino Haratischwili, haben den
Preis der Hotlist der unabhängigen Verlage gewonnen. Was hat sich damit
für Sie verändert?
TM: Der Verkauf hat sich gesteigert. Sobald man diesen Preis gewinnt,
merkt man in Georgien, dass das öffentliche Interesse geweckt wird und
dass die Leute gezielt das Buch in Buchhandlungen suchen. Es trägt mehr
dazu bei, dass die Wahrnehmung eines Autors gesteigert wird.
ET: Es ist natürlich – preisbezogen – eine kurze, kleine erfreuliche
Erleichterung für jeden Autor, der – wie gesagt – gerade in Georgien um
so schwieriger mit dem finanziellen Überleben zu kämpfen hat. Das ist
bei “Saba” eine verhältnismäßig gute Summe.
Wann dürfen wir uns über neue Bücher von Ihnen freuen?
NH: Ich schreibe an einem Roman und hoffe, dass ich 2013 noch fertig
werde und der Roman 2014 erscheint. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen,
weil ich mich noch im Schreibprozess befinde.
TM: Ich will Anfang September beginnen und irgendwann Mitte 2014
fertig werden. Es reift und keimt alles in meinem Kopf und ich hoffe,
dass es qualitativ hochwertig ist, damit das Werk wieder übersetzt wird.
ET: Ich schreibe an meinem Roman und ich will, dass er 2013/14 fertig wird.
Ich danke den drei Autorinnen für die Zeit, die sich genommen
haben. Und für das Interview, das mir viel Freude bereitet hat. Ich
wünsche Ekaterine Togonidze, Nino Haratischwili und Tamta Melaschwili
alles Gute und weiterhin viel Erfolg!
Wednesday, April 17, 2013
LITERATUR: Ekaterine Togonidze, Nino Haratischwili und Tamta Melaschwili über Georgien. (klappentexterin.wordpress.com)
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