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Monday, December 22, 2014

DEUTSCHE KULTURGESCHICHTE: Schwäbische Spuren in Georgien. Von Tatjana Montik (deutschlandfunk.de)

(deutschlandfunk.de - Tatjana Montik) Anfang des 19. Jahrhunderts kamen deutsche Siedler aus dem heutigen Baden-Württemberg auf Einladung des russischen Zaren nach Georgien, wo sie Zuflucht vor Hungersnot und religiöser Verfolgung suchten. Bis heute stehen ihre Fachwerkhäuser. Jetzt haben Kulturforscher sie für sich entdeckt. 

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Weinlese deutscher Siedler in Georgien, Elisabethtal (Assureti), Anfang 20.Jahrhundert, Dank an Herrn Manfred Tichonov
Evangelischer Advent-Gottesdienst in Assureti, der ehemaligen deutschen Siedlung südlich von Tiflis, die früher Elisabeth-Tal hieß.

Anfang des 19. Jahrhunderts kamen die deutschen Siedler aus Baden-Württemberg auf Einladung des russischen Zaren nach Georgien, das damals zum Zarenreich gehörte. Hier suchten sie Zuflucht vor Hungersnot und religiöser Verfolgung. In ihrer neuen Heimat wurden sie zu Bauern, deren wirtschaftlicher Erfolg den Menschen bis heute in Erinnerung geblieben ist. Im Oktober 1941 wurden die Deutschen aus dem Kaukasus nach Zentralasien deportiert.

In Assureti sind bis heute 260 deutsche Fachwerkhäuser erhalten geblieben, in denen jetzt georgische Familien leben. Neue Sitten und Gebräuche sind eingezogen. Man spricht nicht mehr Deutsch, sondern Georgisch. Auf den Leinen in den Höfen ist – wie in Georgien üblich – überall die Wäsche zum Trocknen aufgehängt.

Doch die deutsche Vergangenheit ist bis heute überall zu spüren, etwa auf dem alten Friedhof oder an der baufälligen Kirche.

Der Gottesdienst wird nicht dort, sondern in einem Privathaus gefeiert. Extra dafür kam die evangelische Pfarrerin, Irina Solej, zusammen mit acht weiteren Gemeindemitgliedern, aus Tiflis hierher:

"Wir halten unseren Gottesdienst im Andenken an die deutschen Siedler ab, die alle gläubige Menschen gewesen sind. Das erste, was sie gemacht haben, war der Bau einer Kirche aus ihren eigenen Mitteln, diese Tradition dürfen wir nicht unterbrechen. Wir hoffen, dass wir einmal in diese Kirche zurückkehren dürfen. Es gibt sogar eine verrückte Idee: diese Kirche zusammen mit der orthodoxen Kirche zu nutzen. Das wäre natürlich eine einmalige Erfahrung."

Nachkommen der deutschen Siedler gibt es in Assureti nicht mehr. Die meisten, die aus der Verbannung in die alte Heimat zurückkamen, wanderten später nach Deutschland aus.

Allerdings gibt es einige deutsche Familien, die erst in den letzten zehn Jahren nach Georgien gekommen sind. Einer von ihnen ist Manfred Tichonow, ein ehemaliger Berliner, der 2004 in Assureti ein Fachwerkhaus kaufte, es von Grund auf restaurierte und sich hier niederließ. 



An seinem Fachwerkhaus aus dem Jahre 1870 sei viel zu tun gewesen, erinnert sich der 67-jährige Hausbesitzer. Doch die alte Bausubstanz könne man überall im Dorf bis heute noch bewundern:

"Hier unten können Sie noch einen Zaunpfeiler sehen. Wenn wir durchs Dorf gehen, werden Sie sehen, das waren die Zaunpfähle aus Stein. Horizontal waren das Holz und diese Zaunpfähle einbetoniert. Den habe ich rausgegraben, er wiegt 500 bis 600 kg, keine Ahnung! Also die alten Schwaben haben ja ganz schöne Steine gestemmt!"

Die Siedlungen südlich von Tiflis sollen für Touristen aufbereitet werden

Beim Spaziergang im Dorf lassen sich die typischen Merkmale der ehemaligen deutschen Siedlung gut erkennen, obwohl viele Fachwerkfassaden hinter Beton verschwanden und einige Ziegeldächer durch Wellblech ersetzt wurden. Dies sei der Grund, warum den einstigen deutschen Siedlungen, Assureti und Bolnisi, eine besondere Aufmerksamkeit der Denkmalschützer zustehe, sagt der georgische Star-Architekt Merab Gudschedschiani, dessen Unternehmen viele historische Restaurierungsprojekte durchgeführt hat:

"Es handelt sich nicht nur um das deutsche oder das georgische Kulturerbe, sondern um das Weltkulturerbe. Es geht nicht nur um die deutschen Häuser. Wertvoll ist die gesamte Stadtplanung, die auf der Höhe der Zeit ist: der Stausee, die Kanalisation, das System der Wasserleitung, der Wasserabfluss. Alle Glieder in der Stadtplanung waren durch eine Idee verbunden. Außerdem sind in diesen Dörfern einige Besonderheiten zu sehen, etwa der georgische Einfluss auf die Fachwerkarchitektur in Form von aus Holz geschnitzten Balkonen. Die Fachwerkfassaden und dann diese Balkone – das ist eine deutsch-georgische Mischung, denn diese Balkone waren seit dem Ende des 19. Jahrhunderts überall in Georgien beliebt."

Derzeit gibt es Ansätze, die deutschen Siedlungen südlich von Tiflis zu neuen kulturellen und touristischen Attraktionen zu machen. Am 13. Dezember wird der vor einem Jahr gegründete Verein für den Erhalt des deutschen Kulturerbes in Georgien für Sponsoren seine Projekte vorstellen. Dabei handelt es sich um die Pflege des materiellen und geistigen Nachlasses der deutschen Siedler.

Bei der Restauration sollte man jedoch sehr behutsam vorgehen, sagt Gudschedschiani:

"Viele Häuser sind in einem solchen bedauernswerten Zustand, dass sie bei einer unsachgemäßen Behandlung schnell auseinanderfallen könnten. Man muss damit sehr behutsam umgehen. Mit einem Schlag zu restaurieren ist sehr gefährlich. Diese Balken sind aus Eiche, sie lassen sich nicht so einfach und so schnell ergänzen. Es besteht die Gefahr, aus diesem Dorf eine schöne Fassade zu machen, einfach eine Kulisse, wir haben viele Beispiele dafür in Georgien und überall auf der Welt. Die Authentizität könnte schnell verloren gehen."

Der Katholik Manfred Tichonow, der sein Haus für die evangelischen Gottesdienste gerne zur Verfügung stellt, hat ebenfalls einiges an Ideen zu bieten: etwa die Eröffnung eines Landschulheimes in Assureti, wo die georgischen Kinder an Wochenenden intensiv Deutsch lernen könnten.

"Solche kleinen Projekte! Sie würden das Leben ins Dorf bringen! Oder man könnte die Kirche wieder renovieren, die hier mitten im Dorfzentrum steht, diese verfallene ehemalige deutsche Kirche ohne Kirchturm. Die könnte man wieder aufbauen. Dort könnte man ein kleines Kulturzentrum machen. Tiflis ist nicht weit entfernt, es sind 40 km. Dort könnte man Konzerte organisieren oder la-la-la. Solche kleinen Projekte, und nicht in Dimensionen denken wie 'Wolkenkuckucksheim' oder so etwas, kleine überschaubare Projekte."

Georgien auf der Suche nach einer eigenen Identität

In den letzten 20 Jahren war Georgien mit der eigenen Identitätssuche beschäftigt. So blieb die Geschichte der diversen nationalen Minderheiten in Georgien vernachlässigt, darunter auch die der Deutschen im Südkaukasus.

Nun aber hat sich das Blatt gewendet, glaubt der in Tiflis lebende deutsche Regisseur Stefan Tolz, der in einem seiner Dokumentarfilme die alten deutschen Siedler in Georgien noch porträtieren konnte:

"Und ich denke, das ist eine Sache, die jetzt im Wandel begriffen ist, und auch damit verbunden, dass sich Georgien an die EU annähern möchte, es gibt dieses Assoziierungsabkommen, was dieses Jahr unterschrieben worden ist. Das heißt, hier werden Schritte unternommen, dass man guckt, was ist bei uns wirklich europäisch. Wir wollen uns integrieren in die europäische Familie und dementsprechend ist es wichtig, an sein europäisches Erbe zu denken. Und was haben wir an europäischem Erbe? Dazu gehören natürlich, ganz wichtig, die deutschen Siedler, die in Georgien gelebt haben."

Auch die georgischen Wissenschaftler sehen in der Geschichte der Siedler ein reichhaltiges Forschungsfeld. Ketevan Chutsischwili, Professorin für Anthropologie an der Tiflisser Staatlichen Universität, hat vergangenen Sommer mit ihren Studenten im Rahmen eines DAAD-Projektes über das Andenken der Deutschen im Südkaukasus geforscht.

"Für die Anthropologen wäre es interessant, etwas über die Fortsetzung der deutschen Geschichte in Georgien zu erfahren: Die Deutschen wurden deportiert – und was ist mit diesen Menschen passiert, konnten sie in ihre Heimat zurückkehren, konnten sie sich hier wiederfinden, wie beeinflusst wurde dadurch ihr Andenken und die Identität ihrer Kinder? Wie empfanden sich diese Menschen – als Deutsche, als Georgien-Deutsche oder als Vertreter einer religiösen Gruppe? Was war es, was diesen Menschen die Kraft gab, weiterzuleben oder nicht zu leben?"

Die Sponsoren-Veranstaltung des Vereins für den Erhalt des deutschen Kulturerbes in Georgien findet am 13. Dezember in Tiflis im Gebäude des Georgischen Nationalmuseums statt, das ebenfalls von einem Deutschen, Gustav Radde, gegründet wurde.

Links:
facebook.com/Asureti-Elisabethtal
goethe.de
kaukasus-reisen.de/weinreisen-georgien 
ev-luth-kirche-georgien.de
assureti.wordpress.com
Georgia, German colonies [flickr.com]

Monday, December 15, 2014

ULM: Schwäbisches Dorf in Georgien (swr.de)

(swr.de) Eine Delegation aus Georgien hat am Vormittag im Ulmer Rathaus um Unterstützung beim Wiederaufbau eines historischen deutschen Dorfes in der Nähe von Tiflis gebeten. Oberbürgermeister Ivo Gönner stellte personelle und finanzielle Hilfe in Aussicht. Nach Angaben der Gäste wurde das Dorf Elisabethtal vor rund 200 Jahren von schwäbischen Einwanderern aus der Ulmer Region in Georgien gegründet. Nun soll der Ort, in dem 1.200 Menschen leben, saniert und rekonstruiert werden. Ein Vertreter aus Georgien sagte, das Dorf solle zu einer Touristenattraktion und einer deutschen Insel in Georgien werden.

Wednesday, June 26, 2013

GESCHICHTE: Deutsche Siedler im Suedkaukasus. Von Gerd Schwandt (european-news-agency.de)

(european-news-agency.de) Tbilisi/Georgien [Gerd Schwandt] Anfang des 19.Jahrhunders machten sich ueber 15 000 vorwiegend wuertemberger Schwaben auf den beschwerlichen Weg in den Suedkaukasus. Heute sind sie und ihre Geschichte weitesgehend vergessen. Doch ihre Hinterlassenschaften und Spuren ihres Wirkens sind noch immer existend. So sind heute in Aserbaidschan und Georgien noch zahlreiche durch Schwaben erbaute Hauser und Kirchenruien aus dem 19 en Jahrtausend zu sehen. Wenn diese Ortschaftenheute heute andere Namen tragen,so kann die Homepage des Goetheinstitutes Georgien eine erste Hilfe darstellen.

Nach dem Wort "Wer einmal eine Reise tut...“ so bin auch ich rein zufällig auf ein Stück der deutschen Geschichte und ihrer Spuren in Georgien gestossen. Nun machen nicht allzuviel Deutsche sich als Touristen zum Kaukasus und Georgien auf. Doch die, die es tun, werden zweifelsfrei mit der einzigartigen Geschichte, Kultur und Religion umfassend vertraut gemacht Wer sagt aber diesen deutschen Touristen oder allen Deutschen in Georgien: „Schaut her! Hier könnt Ihr noch die Spuren der Anfang des 19.Jahrhunderts nach Georgien gekommenen deutschen Kolonisten sehen“. Keiner, Niemand ?

Dabei wäre es doch so einfach. Gleich zwei ehemaligen deutschen Gemeinwesen - Elisabethtal und Katharinenfeld heute Assureti und Bolnisi – liegen keine 70 km von der georgischen Hauptstadt Tbilisi enfernt. Hier kann man noch Häuser im alten würtembergischen Stil sehen. Besonders die Fassaden und Raumaufteilung zeigt deren deutschen Ursprung. Hier giebt es dank der ELKG und der Patnerschaft mit dem Gymnasium Homburg ein deutsches Friedhofsmemorial mit vielen alten deutschen Grabsteinen, das es sich lohnt zu betrachten und die Namen und Daten der Aufschriften zu hinterfragen.

Assureti wurde zum Beispiel von 37 deutschen Siedlerfamilien zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Elisabethtal gegründet und konnte durch seinen Weinanbau und Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen schnell einen geachteten Platz auf dem Markt erreichen. Selbst Namensänderung des Gemeinwesens und Repressalien vor allem gegen ihre Kirche liessen die Nackommen der deutschen Siedler nicht verzweifeln. Auch in der Zeit der Stalinherrschaft stellte Asureti ein Gemeinwesen deutschen Urprungs dar, dass es in der Landwirtschaft zu bemerkennswerten Erfolgen überregional kommen lies.

All dies wurde mit Beginn des II. Weltkrieges beendet. Bis Ende 1942 waren alle deutschstämmigen Einwohner (außer die mit Georgiern Verheirateten) deportiert oder kamen auf Grund stalinistischer Willkürmassnamen zu Tode. Viele konnten nie wieder an ihren alten Wohnort zurückkehren, da Ihnen das auch später noch verboten blieb. Die Ruine der alten Kirche, die auch heute noch den Ort beherrscht und ihre Geschichte sind ein Zeugnis deutscher Anwesenheit in diesem Teil des Kaukasus.

An dieser Stelle sei der ELKG, besonders Herrn Prof. Gert Hummel und seiner Frau Christiane gedankt, auf deren Wirken und Initiative die Gedenksstätten auf den Friedhöfen der ehemaligen deutschen Siedlungen entstanden. Nicht zuletzt wird dem unwissenden Deutschen jetzt bewusst, dass lange vor ihm Deutsche hier wohnten. Auch bei mir war das Auffinden eines solchen Friedhofsmemorials mit deutschen Grabsteinen rein zufällig, da mein georgischer Schwiegervater seine letzte Ruhestätte im Dorf Assureti fand. Ich bedauere, dass die deutschen Instituitionen und Organisationen diesem Aspekt deutsch-georgischer Geschichte so geringe Aufmerksamkeit schenken.