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Sunday, January 10, 2016

RADIO: Die 22 Seilbahnen von Tschiatura . Von Tatjana Montik (srf.ch)

(srf.ch) Der Name Tschiatura dürfte den meisten unbekannt sein. Kein Wunder, ist es doch der Name einer mittelgrossen Stadt in der ehemaligen Sowjetrepublik Georgien. Heute ist Georgien längst selbstständig. Als Erbe der Sowjetzeit aber ist der Stadt eine besondere Attraktion geblieben: 22 Seilbahnen.

Zum Hören >>>

Im georgischen Tschiatura waren einst über 60 Seilbahnen in Betrieb. Foto: Marco Fieber
Einst hatte Tschiatura über 60 Seilbahnen, die Menschen und Mangan beförderten. Und diese Tradition, Seilbahn und Bergbau, lebt bis heute fort, bloß in einem bescheideneren Umfang. Tatjana Montik erzählt, was es damit auf sich hat und welche Hoffnungen die Bevölkerung von Tschiatura an dieses Erbe der Sowjetzeit knüpft.

Monday, December 22, 2014

DEUTSCHE KULTURGESCHICHTE: Schwäbische Spuren in Georgien. Von Tatjana Montik (deutschlandfunk.de)

(deutschlandfunk.de - Tatjana Montik) Anfang des 19. Jahrhunderts kamen deutsche Siedler aus dem heutigen Baden-Württemberg auf Einladung des russischen Zaren nach Georgien, wo sie Zuflucht vor Hungersnot und religiöser Verfolgung suchten. Bis heute stehen ihre Fachwerkhäuser. Jetzt haben Kulturforscher sie für sich entdeckt. 

Podcast mp3 >>>
 
Weinlese deutscher Siedler in Georgien, Elisabethtal (Assureti), Anfang 20.Jahrhundert, Dank an Herrn Manfred Tichonov
Evangelischer Advent-Gottesdienst in Assureti, der ehemaligen deutschen Siedlung südlich von Tiflis, die früher Elisabeth-Tal hieß.

Anfang des 19. Jahrhunderts kamen die deutschen Siedler aus Baden-Württemberg auf Einladung des russischen Zaren nach Georgien, das damals zum Zarenreich gehörte. Hier suchten sie Zuflucht vor Hungersnot und religiöser Verfolgung. In ihrer neuen Heimat wurden sie zu Bauern, deren wirtschaftlicher Erfolg den Menschen bis heute in Erinnerung geblieben ist. Im Oktober 1941 wurden die Deutschen aus dem Kaukasus nach Zentralasien deportiert.

In Assureti sind bis heute 260 deutsche Fachwerkhäuser erhalten geblieben, in denen jetzt georgische Familien leben. Neue Sitten und Gebräuche sind eingezogen. Man spricht nicht mehr Deutsch, sondern Georgisch. Auf den Leinen in den Höfen ist – wie in Georgien üblich – überall die Wäsche zum Trocknen aufgehängt.

Doch die deutsche Vergangenheit ist bis heute überall zu spüren, etwa auf dem alten Friedhof oder an der baufälligen Kirche.

Der Gottesdienst wird nicht dort, sondern in einem Privathaus gefeiert. Extra dafür kam die evangelische Pfarrerin, Irina Solej, zusammen mit acht weiteren Gemeindemitgliedern, aus Tiflis hierher:

"Wir halten unseren Gottesdienst im Andenken an die deutschen Siedler ab, die alle gläubige Menschen gewesen sind. Das erste, was sie gemacht haben, war der Bau einer Kirche aus ihren eigenen Mitteln, diese Tradition dürfen wir nicht unterbrechen. Wir hoffen, dass wir einmal in diese Kirche zurückkehren dürfen. Es gibt sogar eine verrückte Idee: diese Kirche zusammen mit der orthodoxen Kirche zu nutzen. Das wäre natürlich eine einmalige Erfahrung."

Nachkommen der deutschen Siedler gibt es in Assureti nicht mehr. Die meisten, die aus der Verbannung in die alte Heimat zurückkamen, wanderten später nach Deutschland aus.

Allerdings gibt es einige deutsche Familien, die erst in den letzten zehn Jahren nach Georgien gekommen sind. Einer von ihnen ist Manfred Tichonow, ein ehemaliger Berliner, der 2004 in Assureti ein Fachwerkhaus kaufte, es von Grund auf restaurierte und sich hier niederließ. 



An seinem Fachwerkhaus aus dem Jahre 1870 sei viel zu tun gewesen, erinnert sich der 67-jährige Hausbesitzer. Doch die alte Bausubstanz könne man überall im Dorf bis heute noch bewundern:

"Hier unten können Sie noch einen Zaunpfeiler sehen. Wenn wir durchs Dorf gehen, werden Sie sehen, das waren die Zaunpfähle aus Stein. Horizontal waren das Holz und diese Zaunpfähle einbetoniert. Den habe ich rausgegraben, er wiegt 500 bis 600 kg, keine Ahnung! Also die alten Schwaben haben ja ganz schöne Steine gestemmt!"

Die Siedlungen südlich von Tiflis sollen für Touristen aufbereitet werden

Beim Spaziergang im Dorf lassen sich die typischen Merkmale der ehemaligen deutschen Siedlung gut erkennen, obwohl viele Fachwerkfassaden hinter Beton verschwanden und einige Ziegeldächer durch Wellblech ersetzt wurden. Dies sei der Grund, warum den einstigen deutschen Siedlungen, Assureti und Bolnisi, eine besondere Aufmerksamkeit der Denkmalschützer zustehe, sagt der georgische Star-Architekt Merab Gudschedschiani, dessen Unternehmen viele historische Restaurierungsprojekte durchgeführt hat:

"Es handelt sich nicht nur um das deutsche oder das georgische Kulturerbe, sondern um das Weltkulturerbe. Es geht nicht nur um die deutschen Häuser. Wertvoll ist die gesamte Stadtplanung, die auf der Höhe der Zeit ist: der Stausee, die Kanalisation, das System der Wasserleitung, der Wasserabfluss. Alle Glieder in der Stadtplanung waren durch eine Idee verbunden. Außerdem sind in diesen Dörfern einige Besonderheiten zu sehen, etwa der georgische Einfluss auf die Fachwerkarchitektur in Form von aus Holz geschnitzten Balkonen. Die Fachwerkfassaden und dann diese Balkone – das ist eine deutsch-georgische Mischung, denn diese Balkone waren seit dem Ende des 19. Jahrhunderts überall in Georgien beliebt."

Derzeit gibt es Ansätze, die deutschen Siedlungen südlich von Tiflis zu neuen kulturellen und touristischen Attraktionen zu machen. Am 13. Dezember wird der vor einem Jahr gegründete Verein für den Erhalt des deutschen Kulturerbes in Georgien für Sponsoren seine Projekte vorstellen. Dabei handelt es sich um die Pflege des materiellen und geistigen Nachlasses der deutschen Siedler.

Bei der Restauration sollte man jedoch sehr behutsam vorgehen, sagt Gudschedschiani:

"Viele Häuser sind in einem solchen bedauernswerten Zustand, dass sie bei einer unsachgemäßen Behandlung schnell auseinanderfallen könnten. Man muss damit sehr behutsam umgehen. Mit einem Schlag zu restaurieren ist sehr gefährlich. Diese Balken sind aus Eiche, sie lassen sich nicht so einfach und so schnell ergänzen. Es besteht die Gefahr, aus diesem Dorf eine schöne Fassade zu machen, einfach eine Kulisse, wir haben viele Beispiele dafür in Georgien und überall auf der Welt. Die Authentizität könnte schnell verloren gehen."

Der Katholik Manfred Tichonow, der sein Haus für die evangelischen Gottesdienste gerne zur Verfügung stellt, hat ebenfalls einiges an Ideen zu bieten: etwa die Eröffnung eines Landschulheimes in Assureti, wo die georgischen Kinder an Wochenenden intensiv Deutsch lernen könnten.

"Solche kleinen Projekte! Sie würden das Leben ins Dorf bringen! Oder man könnte die Kirche wieder renovieren, die hier mitten im Dorfzentrum steht, diese verfallene ehemalige deutsche Kirche ohne Kirchturm. Die könnte man wieder aufbauen. Dort könnte man ein kleines Kulturzentrum machen. Tiflis ist nicht weit entfernt, es sind 40 km. Dort könnte man Konzerte organisieren oder la-la-la. Solche kleinen Projekte, und nicht in Dimensionen denken wie 'Wolkenkuckucksheim' oder so etwas, kleine überschaubare Projekte."

Georgien auf der Suche nach einer eigenen Identität

In den letzten 20 Jahren war Georgien mit der eigenen Identitätssuche beschäftigt. So blieb die Geschichte der diversen nationalen Minderheiten in Georgien vernachlässigt, darunter auch die der Deutschen im Südkaukasus.

Nun aber hat sich das Blatt gewendet, glaubt der in Tiflis lebende deutsche Regisseur Stefan Tolz, der in einem seiner Dokumentarfilme die alten deutschen Siedler in Georgien noch porträtieren konnte:

"Und ich denke, das ist eine Sache, die jetzt im Wandel begriffen ist, und auch damit verbunden, dass sich Georgien an die EU annähern möchte, es gibt dieses Assoziierungsabkommen, was dieses Jahr unterschrieben worden ist. Das heißt, hier werden Schritte unternommen, dass man guckt, was ist bei uns wirklich europäisch. Wir wollen uns integrieren in die europäische Familie und dementsprechend ist es wichtig, an sein europäisches Erbe zu denken. Und was haben wir an europäischem Erbe? Dazu gehören natürlich, ganz wichtig, die deutschen Siedler, die in Georgien gelebt haben."

Auch die georgischen Wissenschaftler sehen in der Geschichte der Siedler ein reichhaltiges Forschungsfeld. Ketevan Chutsischwili, Professorin für Anthropologie an der Tiflisser Staatlichen Universität, hat vergangenen Sommer mit ihren Studenten im Rahmen eines DAAD-Projektes über das Andenken der Deutschen im Südkaukasus geforscht.

"Für die Anthropologen wäre es interessant, etwas über die Fortsetzung der deutschen Geschichte in Georgien zu erfahren: Die Deutschen wurden deportiert – und was ist mit diesen Menschen passiert, konnten sie in ihre Heimat zurückkehren, konnten sie sich hier wiederfinden, wie beeinflusst wurde dadurch ihr Andenken und die Identität ihrer Kinder? Wie empfanden sich diese Menschen – als Deutsche, als Georgien-Deutsche oder als Vertreter einer religiösen Gruppe? Was war es, was diesen Menschen die Kraft gab, weiterzuleben oder nicht zu leben?"

Die Sponsoren-Veranstaltung des Vereins für den Erhalt des deutschen Kulturerbes in Georgien findet am 13. Dezember in Tiflis im Gebäude des Georgischen Nationalmuseums statt, das ebenfalls von einem Deutschen, Gustav Radde, gegründet wurde.

Links:
facebook.com/Asureti-Elisabethtal
goethe.de
kaukasus-reisen.de/weinreisen-georgien 
ev-luth-kirche-georgien.de
assureti.wordpress.com
Georgia, German colonies [flickr.com]

Saturday, June 21, 2014

ARTIKEL: Georgien auf dem Weg nach Europa. Notizen einer unverfänglichen Beobachterin. Von Tatjana Montik

Sehr bald wird Georgien einen Assoziierungsvertrag mit der Europäischen Union unterzeichnen. Die Nachricht darüber freut mich ungemein. Und ich wünsche diesem wundervollen Land vom ganzen Herzen, endlich die Perspektive einer Angliederung an die europäische Familie zu bekommen, auch wenn noch unbekannt ist, wann genau dies geschehen wird. Der größte Nutzen dieser Annäherung wird meiner Meinung nach darin bestehen, dass Georgien die politische Nachhaltigkeit und die andauernde demokratische Entwicklung garantiert werden, damit es nach seinem schnellen Reformen-Sprung nicht wieder in die Vergangenheit zurückgeholt wird.

Natürlich habe ich auch gewisse Befürchtungen, die mit der europäischen Integration Georgiens zu tun haben. Freilich bin ich mir dessen bewusst, dass diese Befürchtungen stark emotional gefärbt und deshalb durch und durch subjektiv sind.

Auf meinem Weg aus Wien nach Tiflis über Rom habe ich erneut versucht, die Italiener zu beobachten und sie mit den Georgiern zu vergleichen. Dieses Thema kommt mir übrigens immer wieder spannend vor, und ich unterhalte mich gerne darüber mit meinen italienischen Freunden, den hiesigen Georgien-Experten.

Doch nun schreibe ich von meinen eigenen Eindrücken.

Die Italiener sind wie die Georgier ein fröhliches, offenes und positives Volk, sie sind einfach im Umgang, sie leben mit Leichtigkeit und Anmut, und sie haben eine bewundernswerte Eigenschaft, aus dem Vollen zu schöpfen und alle Lebensfreuden auszukosten. Dennoch beschleicht mich immer öfter der Eindruck, dass die Italiener in ihrem wunderschönen Land schon länger zu sehr strukturiert, geordnet und standardisiert sind. Ob das mit der europäischen Integration oder mit der Globalisierung zu tun hat?

An dieser Stelle kommt mir ein Vergleich mit gutem italienischem Käse in den Kopf sowie mit den berühmten italienischen Weinen. Praktisch alle davon haben ein so genanntes Qualitäts- und Ursprungszeichen – D.O.C. (Denominazione di origine controllata). Strenge Normen und Standards haben also auch Italien eingeholt, und die Ordnung regiert nicht nur den europäischen Norden.

Doch nach Georgien ist dieser Fortschritt (noch?) vorgedrungen. Und deshalb hört dieses Land nicht auf, uns mit seinen unbekannten Facetten, mit seinen interessanten Produkten sowie mit seinen ungewöhnlichen und kreativen Menschen zu überraschen. Um das alles in vollen Zügen zu genießen, muss man aber gut suchen können. Doch demjenigen, der sie gefunden hat, wird das triumphierende Gefühl eines Erstentdeckers garantiert. So ist es mit dem Käse, mit dem Wein sowie mit den vielen von den Touristenscharen nicht ergangenen Stegen des Landes.

Am Anfang meines Aufenthaltes hier haben mich meine westeuropäischen Freunde oft gefragt, wie es wohl so sein mag, dieses unbekannte Land, Georgien. Daraufhin kam mir eine folgende Antwort in den Sinn, die ich nach wie vor zu geben bereit bin: „Georgien ist eine perfekte Mischung aus Spanien, Italien, Portugal und Griechenland, doch das lange vor all den Globalisierungsprozessen“.

Man kann es auch so ausdrücken: Hier in Georgien wird es einem nicht langweilig. Und vieles birgt hier noch ein Geheimnis und so zieht es seine Erstentdecker erst richtig an. Alles in einem: Das Diamant ist (noch?) nicht geschliffen.

Wohl kein Land, das durch die europäische Integration gegangen ist, hatte es leicht. Auf vieles musste man verzichten, vieles musste man ändern, einiges war einfach zu vergessen. Eine Symbiose ist oft mit Schmerzen verbunden. Deshalb ist es wichtig, seine Grenzen zu erkennen und diese nicht zu überschreiten.

Ein österreichischer Freund von mir verbringt seinen Urlaub unglaublich gerne in Georgien. Alleine die georgische Küche wäre für diese Vorliebe Grund genug. Doch noch mehr Spaß hat er dabei, selber mit georgischen Lebensmitteln zu kochen, nachdem er die ursprünglichen und natürlichen einheimischen Obst und Gemüsesorten eingekauft und dessen Aromen und den unnachahmlichen Geschmack in vollen Zügen genossen hat. Deshalb war ihm die Nachricht von der europäischen Assoziierung Georgiens keine besonders willkommene. „Na so was! Bald ist mein geheimes Gourmet-Paradies wohl zu Ende“, bemerkte er mit trauriger Stimme. Ich hoffe sehr, er hat damit nicht Recht.

Ich werde hier keine Liste mit den georgischen Markenzeichen materieller, geistiger und menschlicher Natur zusammenstellen, die durch die europäische Assoziierung gefährdet werden könnten. Dafür würde ich gerne zum Schluss noch etwas anderes anführen.

Im Vergleich mit seinen westeuropäischen Nachbarn gewinnt Georgien noch in einem: Dieses Land ist unglaublich gut zum künstlerischen Schaffen geeignet. Und wissen Sie warum? Denn hier befindet sich vieles noch in potentia: Der Markt ist nicht überfüllt von all dem Nötigen und Unnötigen. Und die Ideen schweben in der Luft. Man braucht sie nur auffangen.

Und noch etwas. Georgien ist ein äußerst meditatives Land, denn hier wird man auf seiner Suche nach dem Wesentlichen nicht abgelenkt.

Auf dem Weg vom Tiflisser Flughafen nach Hause habe ich aus dem Taxi-Fenster rausgeschaut und versucht, Tiflis mit einem frischen Blick zu sehen. Und all meine Vermutungen wurden aufs Neue bestätigt: Tiflis ist wie auch das ganze Land ein ungeschliffenes Diamant, das insbesondere diejenigen zu schätzen wissen, die Geheimnisvolles und nicht-zu-Ende-Gesagtes mögen. Und ich glaube, ausgerechnet in diesem Potential steckt eine unglaubliche Anziehungskraft.

Der Taxifahrer fing – in der unnachahmlich charmanten Art seiner hiesigen Kollegen – das Gespräch mit mir im Geiste eines perfekten Fremdenführers an: „Lassen Sie uns mal zunächst miteinander bekannt machen. Ich heiße Georgi, und Sie? Sind sie zum ersten Mal in Georgien?“ – „Me Tatiana var. Tbilisshi vtschovrob“, - antwortete ich schnell. An dieser Stelle merkte ich, wie sich das Interesse meines Visavis an meiner Person schnell erschöpfte (Ich könnte sogar seinen Gedankengang ungefähr nachverfolgen, was ich an dieser Stelle nicht mache).

Ich möchte hoffen, diese Art der Unterhaltung war kein Zeichen der anfangenden Globalisierung Georgiens. Jedenfalls mich würde s nicht erfreuen.

Tiflis, den 12. Juni 2014

Saturday, April 05, 2014

VORTRAG: Sowjetgeorgien – ein Rückblick. Von Lasha Bakradze - am 6. April 2014 um 20 Uhr (in-tiflis.de)

Gasteig Kulturzentrum München
Vortragssaal der Bibliothek
Eintritt frei

(in-tiflis.de) Um zu verstehen, was es mit dem Leben in einer neuen Zeit auf sich hat, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit – und da hat Georgien gerade für uns Deutsche Interessantes zu bieten.

So waren es zu Ende des Ersten Weltkriegs bayerische Truppen unter Friedrich Freiherr Kreß von Kressenstein, die Georgien in die – sehr kurzlebige – Unabhängigkeit verhalfen. Dies ist bei vielen Georgiern bis heute unvergessen.

Georgiens „berühmtester Sohn“ ist Stalin – immer noch ist die Haltung zu ihm in Georgien nicht so eindeutig, wie man es erwarten möchte, wenn man das Leiden bedenkt, das er auch über sein Heimatland gebracht hat.

Vielschichtig ist auch das Verhältnis zu Russland und zur russischen Kultur, die das Land fast 200 Jahre lang kulturell und gesellschaftlich geprägt hat, bis es 1990 seine Unabhängigkeit erkämpfen konnte.

Wie ein Land von der Größe Bayerns mit etwa fünf Millionen Einwohnern, das als ex-Sowjetrepublik erst einmal ohne autonome Infrastruktur und Industrie dastand, es schaffen konnte, auf eigenen Beinen zu stehen, und mit welchen Widrigkeiten und dramatischen Umständen es dabei zu kämpfen hatte – das ist eine schmerzhafte Erfolgsgeschichte, die gerade für uns im Westen sehr berührend ist.

Lasha Bakradze, Jahrgang 1965, studierte Germanistik, Theologie und Geschichte in Tbilissi, Jena, Potsdam, Bern und Berlin.

Er war in vielfältigen Bereichen des Kulturlebens tätig: Journalist für Funk und Fernsehen in Georgien und in Deutschland, Programmreferent am Goethe-Institut Tbilissi, Drehbuchautor und Schauspieler. Derzeit ist er Professor an der Kunstakademie und der Staatlichen Ilia-Universität und Direktor des Staatlichen Literaturmuseums in Tbilissi.

Verleihung des Giwi-Margwelaschwili-Peises 2014

Interview in der Neuen Zürcher Zeitung vom 05.03.2014 mit Tatjana Montik

Dieser Vortrag von Lasha Bakradze wurde
dankenswerterweise initiiert und ermöglicht
durch den Georgischen Verein in Deutschland e.V.

Wednesday, March 05, 2014

KRIM-KRISE: Georgischer Schriftsteller Lascha Bakradse im Interview mit Tatjana Montik: «Ein Imperialismus des 19. Jahrhunderts» (nzz.ch)

Georgien bekennt sich ohne Wenn und Aber zu den westlichen Werten der Aufklärung. Im Bild: Eine zerstörte Militarbasis in Gori (Aufnahme vom 16. September 2008). (Bild: Keystone / EPA / Zurab Kurtsikidze)

(nzz.ch) Für Georgier bietet die russische Usurpation der ukrainischen Krim in Bezug auf Machtanspruch und Vorgehen ein Déjà-vu. Tatjana Montik hat sich mit dem georgischen Schriftsteller Lascha Bakradse unterhalten.

Ihre Heimat Georgien möchte demnächst einen Assoziierungsvertrag mit der EU unterzeichnen. Was hat Georgien Europa zu bieten?

Wir könnten viele neue Farben nach Europa bringen, denn wir besitzen eine eigenständige alte Kultur, die am Schnittpunkt zwischen Europa und Asien liegt. Unsere Tänze, unser polyfoner Gesang und unser Alphabet, um nur ein paar Dinge zu erwähnen, sind einzigartig. Und wir sind eine Landbrücke zwischen Europa und Asien. Wirtschaftlich könnte Georgien für eine europäische unabhängige Energiepolitik von Bedeutung werden, denn man sieht in Europa langsam ein, dass die Energieabhängigkeit von Russland gefährlich ist.

Welche europäischen Wurzeln besitzt Georgien?

Zur Zeit der Argonauten war Westgeorgien, Kolchis genannt, ein Teil der damals im Westen bekannten Welt. Dazumal gab es noch keine Grenze zwischen Europa und Asien. Neben der geografischen Lage ist es heute entscheidend, zu welchen Werten sich ein Land bekennt. Und Georgien bekennt sich ohne Wenn und Aber zu den westlichen Werten der Aufklärung. Hinzu kommt der christliche Glaube, der eine der wichtigsten Komponenten unserer Identität darstellt. Die Georgier haben sich immer als Teil der Christenheit verstanden.

Viele Europäer wissen gar nicht, wo Georgien liegt. Wann ist das Land Europa verloren gegangen?

Spätestens dann, als die Russen sich hier breitgemacht haben. Im 18. Jahrhundert wollte Georgien über Russland Europa näherkommen. Die georgischen Könige hatten Georgien während der Mongolenzeit jahrhundertelang gegenüber den muslimischen Nachbarn als christliches Land verteidigt und suchten schliesslich Hilfe bei Russland. Doch Russland hat in der Folge alle Verträge mit Georgien gebrochen – etwa den Vertrag von Georgijewsk von 1783, gemäss dem Georgien sich der Oberhoheit und dem Schutz Russlands unterstellte, seine Krone jedoch behalten durfte. Später hat Russland Georgien annektiert. Wir wurden zwar nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 unabhängig, doch viele sehen uns noch immer als Teil Russlands. Man hat im Westen die Geschichte der russischen Grossmachtpolitik im Süden nicht ordentlich studiert. Und daher fällt es dem Durchschnittseuropäer schwer, zu verstehen, was derzeit in der Ukraine und auch in Georgen passiert.

Was unterscheidet Russland von Europa?

Russland hat die europäische Aufklärung und die europäischen demokratischen Revolutionen verpasst. Der Autoritarismus und der Klientelismus seiner Politik speisen sich nach wie vor aus asiatisch-mongolischer Tradition der Machtausübung. Gerade jetzt in der Ukraine sehen wir deutlich, wie es funktioniert: Wer nicht kuscht oder sich kaufen lässt, wird drakonisch bestraft. Das ist nicht die Politik des 21. Jahrhunderts, sondern des 19. Jahrhunderts – klassisches imperialistisches Denken.

Am Wochenende haben die Russen die Halbinsel Krim okkupiert nach einem Schema, das die Georgier von ihren Provinzen Abchasien und Südossetien kennen, die heute russische Protektorate sind. Zuerst stiftet man Unruhe und schürt «Gefahr» und lässt dann die russischstämmige Bevölkerung das Mutterland um Hilfe anrufen. Natürlich ist man dann schnell und gern da in der «Not».

Was über der Auseinandersetzung zwischen Ukrainer und Russen vergessen geht, ist, dass die Krimtataren die ursprüngliche Bevölkerung auf der Krim darstellen. Sie haben eine äusserst interessante Kultur und Geschichte, sind jedoch heute durch die russische Willkürherrschaft zu einer kleinen Minderheit geschrumpft. Die Krimtataren gehörten zu den Völkern, die Stalin während des Zweiten Weltkriegs wegen angeblicher Kollaboration mit den Deutschen als Ganze nach Zentralasien umgesiedelt hat. Innerhalb weniger Tage wurden über 180 000 Menschen unter fürchterlichen Bedingungen per Zug verfrachtet, rund ein Drittel kam beim Transport ums Leben. Erst nach dem Zerfall der UdSSR durften sie zurückkehren.

Als Opfer russischer Gewaltgeschichte gelten die Krimtataren heute als proukrainisch.

Sie sind eine proukrainische, aber auch eine proeuropäische Kraft. Der Modernisierungswille der russischen Tataren (nicht zuletzt in Bezug auf den Islam) folgte europäischen Vorbildern, dasselbe war in Georgien der Fall. Ismail Gaspirali war für sie als Aufklärer eine ebenso wichtige Figur wie für uns Ilja Tschawtschawadse.

Wie sehen Sie die Perspektiven Georgiens?

Für uns geht es heute nicht mehr darum, ob wir nach Asien oder nach Europa gehören. Wir wollen nach Europa – alle Umfragen sprechen eine deutliche Sprache. Allerdings müssen wir erkennen, wie effizient die russische Propaganda in Georgien arbeitet: Europa und der Westen werden verteufelt, wo immer es nur geht, und es gibt bei uns Leute, die auf diese Desinformation tatsächlich hereinfallen. Nach dem russischen moralischen Desaster auf der Krim wird diese Form der Aggression noch zunehmen. Wichtig ist, dass sich unsere Bevölkerung dagegen resistent zeigt.

Welche Möglichkeiten gibt es denn, den russischen Machtansprüchen wirksam entgegenzutreten?

Man sollte den Menschen die Wahrheit über Europa und den Westen noch eindringlicher und verständlicher erzählen. Europa unternimmt hier kaum etwas. Für viele Georgier ist es sehr schwer, ein Visum für europäische Länder zu bekommen. Wichtig ist auch Europas wirtschaftlicher Einfluss. Wir dürfen nicht das Gefühl bekommen, gegenüber Russland alleine gelassen werden.

Welche Rolle spielt denn die georgische orthodoxe Kirche?

Sie ist so etwas wie die fünfte Kolonne Russlands in Georgien. Der Idee der Einheit der orthodoxen Kirche verpflichtet, wirkt sie stark prorussisch, ob bewusst oder unbewusst.

Bald wird der russische Patriarch Kyrill nach Georgien reisen. Manche meinen, Georgien solle den Assoziierungsvertrag mit der EU unbedingt noch vor diesem Besuch unterzeichnen.

Ein Assoziierungsabkommen ist keine Garantie – man sollte davon nicht zu viel erwarten. Von europäischer Seite sollte noch deutlicher gesagt werden, dass uns dieser Vertrag die Türen öffnet. Es steht zu befürchten, dass die Russen auf uns einen ähnlichen Druck ausüben wie auf die Ukraine.

Nach dem Regierungswechsel im Herbst hat sich die neue georgische Führung wesentlich russlandfreundlicher gegeben. Hat das etwas genützt?

Ich glaube, unsere neue Regierung hat inzwischen eingesehen, dass die Politik der ausgestreckten Hand nicht viel Gutes bringt. Unser Premierminister Garibaschwili hat vor kurzem bei seiner Reise in die USA klare Worte gesprochen. Russland versteht die Politik der Sanftheit überhaupt nicht, weil es diese Sanftheit als Schwäche versteht. Zwanzig Prozent des georgischen Territoriums halten die Russen mittlerweile völkerrechtlich illegal besetzt. Jetzt ist die Krim an der Reihe. Wir selber haben im Georgien-Krieg geblutet, als wir versuchten, uns gegen diese Entwicklung zu stellen. Ich befürchte, dass es auch auf der Krim so weit kommen kann.

Interview: Tatjana Montik

Lascha Bakradse, geboren 1965 in Tiflis, ist Publizist, Historiker, Literaturwissenschafter, Journalist, Drehbuchautor und Schauspieler. Er studierte in Tiflis, Jena, Bern, Potsdam und Berlin. Derzeit unterrichtet Bakradse an den Universitäten von Tiflis und ist gleichzeitig Direktor des dortigen Giorgi-Leonidze-Literaturmuseums.

Tuesday, December 03, 2013

ARTIKEL: Georgiens berühmtester Sohn spaltet seine Heimat. Von Tatjana Montik (derstandard.at)

Artikelbild
foto: epa/zurab kurtsikidze
Georgische Widersprüche: Bereits am Tag seiner Eröffnung am 1. September 2013 wurde das neue Stalin-Denkmal in Telavi "geschändet".
(derstandard.at) Mit dem friedlichen Machtwechsel nach den Parlaments- und Präsidentenwahlen 2012 und 2013 hat Georgien auch nach Ansicht der EU einen großen Schritt in Richtung vollwertige Demokratie getan. Umso verwunderlicher erscheint die neue Stalin-Nostalgie

Man kann in Georgien überall Stalin-Skulpturen begegnen. In einem Dorf in Kachetien, im landwirtschaftlich geprägten Osten des Landes, gibt es etwa einen Mann, der aus Privatinitiative einen Stalin-Garten angelegt hat. Es gibt auch Bauern, die Stalin-Skulpturen, die sie aus öffentlichen Gebäuden 'gerettet' haben, in ihren eigenen Gärten aufstellen, berichtet die Kunstwissenschafterin Tamta Tamara Schawgulidse, die im Herbst eine Recherchereise unternahm, um die Stalin-Monumente auf dem Land zu analysieren.

Dabei fand sie heraus, dass "Stalin meistens Teil eines Denkmal-Ensembles ist, das den öffentlichen Raum um sich herum prägt". Bemerkenswert erscheine, dass es in Georgien üblicherweise zwei Typen solcher Denkmal-Ensembles gibt: die um die Gotteshäuser und die rund um Stalin. "Ich hatte den Eindruck, dass Stalin diesen Menschen als Befreier der Menschheit vom Faschismus Halt gibt, denn - wie sie sagen - man habe schließlich nur dank seiner und mit ihm den Krieg gewonnen. Und ohne diesen 'großen Steuermann' fühlen sie sich hilflos und ausgeliefert."

Der Schriftsteller Irakli Lomouri (54) bestätigt: In Georgien herrsche gegenüber Stalin weiterhin Ehrfurcht, und das sei eine Schande. Viele seiner Landsleute sehen in Stalin einen Burschen aus Gori, vor dem später die ganze Welt in Angst und Ehrfurcht erstarrte. Für sie sei Stalin "die Personifizierung der Größe der georgischen Nation", sagt Lomouri.

Der Historiker und Schriftsteller Lascha Bakradse stimmt zu. Er hat im Frühjahr am "Stalin Puzzle", einer Studie der Carnegie-Stiftung, mitgearbeitet. Dabei kam er zu der Überzeugung, dass die andauernde Stalin-Verehrung in Georgien lediglich mit dem Minderwertigkeitskomplex einer kleinen Nation zu tun habe, mit dem falschen Stolz auf den vermeintlich großen Sohn Georgiens. 

Für Stalin, gegen Moskau

Diese These belegt Bakradse mit einem wenig bekannten Detail aus der sowjetischen Geschichte Georgiens: Als zu Beginn der zaghaften Chruschtschow'schen Tauwetterzeit Stalin kritisiert wurde, gab es in Tiflis an Stalins Todestag am 5. März 1956 heftige Proteste, die nach vier Tagen blutig niedergeschlagen wurden. "Das war eine Zäsur für die georgische Geschichte in der Sowjetzeit", findet Bakradse, denn damals hätten die Georgier die kommunistische Ideologie und den Glauben an die Sowjetmacht zu Grabe getragen. Stalin wurde offiziell von der Sowjetmacht kritisiert, und wir haben zu ihm gehalten. Also waren wir gegen die Sowjetmacht".

Seit 2003 hatte die Regierung unter Präsident Michail Saakaschwili in ihrem Reformeifer versucht, über die sowjetische Vergangenheit Bilanz zu ziehen. 2006 wurde etwa in Tiflis das sogenannte Besatzungsmuseum eröffnet, in dem der Rote Terror anhand von Bildern, Filmen und Dokumenten belegt wird. An diesem Museum wird aber auch Kritik geübt, denn dort werden die Georgier als reine Opfer der bolschewistischen Invasion dargestellt. Und das entspricht nicht ganz den historischen Tatsachen, wenn man bedenkt, dass sich unter den Besatzern, die das sozialdemokratisch regierte Georgien 1921 eroberten, zahlreiche georgische Bolschewiken mit Sergo Ordschonikidse an der Spitze befanden. Und vor allem während des großen Terrors waren die Georgier nicht nur Opfer, sondern auch Täter und Mitläufer. 

Keine tiefere Aufarbeitung

Ein weiterer Schritt zur Entsowjetisierung war das gesetzliche Verbot sowjetischer Symbolik. In Gori wurde im Juni 2010 im Auftrag der Regierung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Stalin-Denkmal abgerissen. Doch obwohl die Entsowjetisierung teils radikal ausfiel, blieb sie oberflächlich: Es gab keine wissenschaftlichen oder öffentlichen Debatten dazu.

Der Schriftsteller und Historiker Lascha Bakradze ist der Überzeugung: "Man muss der eigenen Geschichte zwar kritisch gegenüberstehen, aber nicht nur durch die Wegnahme von Symbolen, sondern man muss sie annehmen, wie sie war, und sich damit kritisch auseinandersetzen."

Wato Tsereteli, der an der Tifliser Kunstakademie unterrichtet und mit der österreichischen Kunstexpertin Katarina Stadler das Zentrum für zeitgenössische Kunst leitet, beobachtet an den eigenen Studenten, "wie die durch das Sowjetregime verursachten Traumata das individuelle Potenzial der Menschen blockieren". "Wir sind täglich damit konfrontiert, dass die Leute, die nach dem Ende der Sowjetunion geboren wurden, trotzdem eine sowjetische Mentalität besitzen, weil ihre Eltern durch das sowjetische Regime determiniert sind", sagt Tsereteli. Schuld daran sei auch, dass Georgien nach dem Kollaps der UdSSR von einer Krise in die nächste geraten sei. (Tatjana Montik aus Tiflis, DER STANDARD, 2.12.2013)

Friday, November 15, 2013

RADIO: Stalin-Kult in Georgien. Von Tatjana Montik (oe1.orf.at)

(oe1.orf.at) Montag, 18. November 2013, 18:25


Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin, war gebürtiger Georgier. Der Mann, der während seiner Regierungszeit liebevoll als Vater der Völker tituliert wurde, war ein totalitärer Diktator, der in politischen Säuberungswellen viele Millionen vermeintliche und echte politische Gegner ermorden ließ. Millionen Menschen kamen durch Deportationen und künstlich erzeugte Hungersnöte ums Leben.

Doch eine echte Vergangenheitsbewältigung findet in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nur in der Zivilgesellschaft statt. Heute wird aus Stalin wieder ein Kult gemacht - etwa im autokratisch regierten Russland, ebenso in Georgien. So soll in Stalins Heimatstadt Gori demnächst das 2010 abgerissene Stalin-Denkmal wieder errichtet werden.

Saturday, May 18, 2013

KOMMENTAR: Schockiert ... über die Homophobie in Georgien. Von Tatjana Montik

Angesichts der gestrigen Ereignisse in Tiflis fühle ich mich bestürzt oder gar schockiert: Aus einer Manifestation gegen Homophobie im Zentrum der Stadt sind Massenschlägereien geworden, angeführt durch die Vertreter der orthodoxen Kirche.

Ich bin traurig. Denn bis vor kurzem schien es mir, dass die Georgier dem Gott am nächsten stehen, dass der Wille Gottes in diesem Land überall spürbar ist. In meiner persönlichen Empfindung wird dieser Wille direkt durch die Vibration der Berge übertragen. Ich war und bleibe überzeugt, dass die hiesigen Menschen ihre Nächsten, die Kinder, die Frauen und den Gott aufrichtig lieben – mit einer unnachahmlichen bedingungslos reinen Liebe.

Ich dachte, ich hätte hier zum ersten Mal deutlich gespürt, was angewandte Toleranz bedeutet. Ich fühlte mich glücklich, da es schien, dass hier niemand versucht, die anderen Menschen nach seiner eigenen Art umzukrempeln oder sie besserwisserisch zu belehren. Eine weise und bescheidene kleine Nation.

Die Georgier sind fromm und religiös, dessen war ich mir schon immer bewusst. Und dies wirkt auf viele Vertreter der westlichen Welt, die den Gott längst abgelegt haben, verängstigend und gar abstoßend. Doch ich persönlich neigte immer dazu, in der nahezu kindischen Frömmigkeit der Georgier mehr Positives als Negatives zu sehen. Aus einem einfachen Grund, und zwar: Wie vor kurzem eine hier lebende russische Freundin von mir anmerkte, „kann man in Georgien sogar einen Verbrecher schnell zum Gewissen aufrufen, indem man ihn daran erinnert, dass er erst vor kurzem, ja heute sich bekreuzigt und in der Kirche gebeten habe“. Oder man erinnere ihn an die Ehre seiner Ahnen.

Was passierte nun gestern in Tiflis? Aus einem Tag gegen Homophobie, den man weltweit beging, wurde ein Tag für Homophobie. Ich fürchte, diese Ereignisse am Rustaveli Prospekt durchstrichen meine Vorstellungen von Georgiern als der tolerantesten Nation der Welt. Eine Frage ging mir nicht aus dem Kopf: Ist das tatsächlich der Gott, der uns lehrt, all jene, die anders als die Mehrheit leben, denken, fühlen und lieben, zu schlagen und umzubringen?

Im Zusammenhang mit den Ereignissen von gestern habe ich zweierlei Assoziationen. Zum einen ist das die Heimat meines Mannes, Deutschland. Dort wurden im Mittelalter die so genannten Hexen verbrannt. Einige behaupten, damit hätten die Germanen den genetischen Fonds ihrer Nation beschädigt (da die Hexen bekanntlich überwiegend wunderschön waren). Ist das vielleicht der Grund, warum sich viele deutsche Männer heute gezwungen sehen, sich bei der Wahl der Partnerin in anderen Teilen der Welt umzuschauen?

Zum anderen ist das meine Heimat. Ich komme aus Weißrussland. Einst, im Russischen Zarenreich, war in diesem so genannten Nord-Östlichen Gebiet die so genannte Siedlungsgrenze für die Juden. Sie hatten damals die offizielle Erlaubnis, in diesem Teil des Reiches zu leben, doch sie durften keinesfalls weiter gen Osten ziehen, sprich: nach Sankt Petersburg oder Moskau. Und dennoch lebten die Juden in meiner Heimat in immerwährender Angst vor Pogromen, die regelmäßig, gott- und gnadenlos gegen sie veranstaltet wurden. Mitbeteiligt daran waren die gefürchteten so genannten ‚schwarzen Hundertschaften‘ (Tschornyje sotnji), monarchistisch-nationalistischen Truppen, die gegen Juden und Revolutionäre vorgingen.

Ich möchte mich für diese Vergleiche im Zusammenhang mit Georgien entschuldigen. Aber ich kann nicht umhin: Gestern standen mir stets Inquisitionsfeuer und Pogrome der Schwarzhunderter vor Augen.

Dennoch weigere ich mich dagegen zu glauben, dass die Georgier so sind.

TatjanaMontik, Journalistin

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Tuesday, May 14, 2013

TBILISI: "Kulturgüter von unschätzbarem Wert" & Gefährdetes Jugendstil-Juwel im Kaukasus - Von Tatjana Montik (derstandard.at)

(derstandard.at) Eine Wiener Restauratorengruppe konzentrierte sich auf Gitter, Balkone, Vordächer und Portale 

Ein Beispiel für kunstvolle Jugendstil-Gitter auf einem Friedhof in Tiflis.
vergrößern 800x600 foto: tatjana montik
Wien/Tiflis - Nachdem Präsident Michail Saakaschwili 2003 an die Macht gekommen war, wurde sich Georgien zunehmend seines kunst- und kulturhistorischen Erbes bewusst, und es begannen Projekte zur Restaurierung der alten Bausubstanz. Als Mäzen trat oft der Milliardär Bidzina Iwanischwili auf; damals ein Mitstreiter Saakaschwilis, zählt der heutige Premierminister mittlerweile zu dessen erbittersten Gegnern. 
Im Rahmen eines der Projekte führte eine Gruppe österreichischer Fachleute, geleitet von dem in Wien lebenden georgischen Künstler Giorgi Okropiridse, Restaurierungen von mehreren Objekten aus der Zeit des Fin de Siècle in Tiflis durch. Neben dem georgischen Kulturministerium waren daran das österreichische Außenministerium und die Tiflisser Kunstakademie beteiligt.

Auszug aus dem Projekt "Schmiedeeisengitter aus dem Jugendstil" der Wiener Werkstätte für Metallrestauration von Elisabeth Krebs und Claudia Magin: "Tiflis besitzt mit seiner noch vorhandenen Menge und Vielfalt an Jugendstilobjekten Kulturgüter, die aus konservatorischer Sicht einen unschätzbaren Wert darstellen. Beispiele dieser Zeitepoche sind nur in wenigen europäischen Städten in solch komplexer Weise erhalten. Die Gebäude im Zentrum von Tiflis zeigen zum Großteil noch ihr originales Erscheinungsbild. Fassaden mit Stuck, originale Fenster und Türen, Schmiedeeisengitter, Balkone und Treppengeländer sowie die oft noch erhaltenen Tapeten und Malereien in den Stiegenhäusern lassen die ehemalige Pracht der Jahrhundertwende erahnen. Derart reich gestaltete Stiegenhäuser finden sich in Europa nur mehr in Stadtpalais, und sie werden dort aufwändig restauriert."

Im Rahmen des Projektes untersuchte und fotografierte die Restauratorengruppe mehr als 500 Jugendstilgitter, Balkone, Vordächer, Tore, Türen und Metallobjekte aus der Jahrhundertwende. Danach wurden die ausgewählten Objekte zusammen mit einer Restauratorenklasse der Kunstakademie Tiflis auf ihre Originalfarbe hin untersucht und restauriert.

Der in Wien lebende georgische Künstler Giorgi Okropiridse leitete ein Restaurationsprojekt.
vergrößern 800x532 foto: tatjana montik - Der in Wien
lebende georgische Künstler Giorgi Okropiridse

Projektleiter Okropiridse: "Weitere Projekte wären aus gesamtrestauratorischer und denkmalpflegerischer Sicht äußerst wünschenswert gewesen ... Doch alles scheiterte daran, dass die georgische Seite kein besonderes Interesse mehr bekundete."

Tatsächlich wurde in den letzten Jahren am äußeren Bild von Tiflis und anderen Städten viel getan. Ganze Stadtviertel von Tiflis wurden restauriert. Doch viele Fachleute bemängeln die Qualität der Arbeiten. So entstanden Potjemkin'sche Dörfer. (tm, Crossover, DER STANDARD, 14.5.2013)

Gefährdetes Jugendstil-Juwel im Kaukasus

Von den starken kulturellen Bindungen Georgiens an Europa zeugen unter anderem viele Jugendstilbauten in der Metropole Tiflis und anderen Städten

Ein Beispiel für buchstäblich vordergründige Renovierung in Tiflis.
foto: tatjana montik - Vordergründige Sanierung
Tiflis ist bekannt für seine uralten Kirchen, die bis ins 4. Jahrhundert zurückdatieren, seine von der Kunst des Islam geprägten Häuser, das orientalische Erscheinungsbild der Schwefelthermen und die kunstvoll geschnitzten Holzbalkone. Doch kaum jemand würde die Stadt mit Jugendstilbauten in Verbindung bringen.

Dabei prägt die Architektur des Fin de Siècle das Gesicht mehrerer Altstadtviertel: Sololaki, Vere, Mtatsminda, Awlabari und Tschugureti. Dort werden mehr als 250 Gebäude dem Jugendstil oder seinen Mischformen zugeordnet. Zu den berühmtesten Jugendstilbauten von Tiflis zählen das Zentralbankgebäude, das Mardschanischwili-Theater, die TBC-Bank-Zentrale, die Zentralbibliothek und das Apollo-Kino. Darüber hinaus gibt es weniger bekannte, gleichwohl prachtvolle Objekte wie zahlreiche Miets- und Herrenhäuser, eine Tabakfabrik und einen Friedhof.

Jugendstil-Ornamentik auf Georgisch: Ein Saal in der heutigen Kunstakademie von Tiflis.
vergrößern 800x600 foto: tatjana montik
Maia Mania ist Professorin für Architekturgeschichte an der Tiflisser Kunstakademie. Die Akademie befindet sich in der Gribojedow-Straße in einem 1856 von einem armenischen Kaufmann erbauten Haus, das 1902 vom Jugendstil-Architekten Simon Kldiaschwili umgebaut wurde.
 
Der Jugendstil sei um die Jahrhundertwende auch im Kaukasus hochaktuell gewesen, bezeugt Maia Mania. Gebäude im Jugendstil gibt es nicht nur in Tiflis, sondern auch in anderen georgischen Städten, wie Kutaisi, Sochumi, Poti, Kobuleti, Duscheti und Batumi. Diese Stilrichtung gelangte unter anderem über Russland nach Georgien, doch teilweise auch direkt auf dem Seeweg über den Schwarzmeerhafen Batumi. Die georgische Oberschicht hatte damals viele Verbindungen nach Europa und brachte die neuesten Kunstströmungen mit nach Hause.

Im Gegensatz zu Baku, heute Hauptstadt des benachbarten Aserbaidschan, wirkten in Georgien überwiegend einheimische Architekten: Michail Ochadschanow, Lazar Sarkisian, Simon Kldiaschwili, Pawel Zurabian, Grigol Kurdiani. Eines der imposantesten Jugendstil-Gebäude in Tiflis ist das Wohnhaus des Cognac-Magnaten David Saradschischwili in der Matschabeli-Straße 13. Seit 1920 beherbergt es das "Haus des Schriftstellers".

Guga Koketischwili, ein Tiflisser Künstler, Designer und Jugendstil-Liebhaber, ist gerade dabei, das Saradschischwili-Haus zu restaurieren. Er hatte Glück. Im Dachgeschoss des Hauses wurden viele Originalmöbel und alte Fotos gefunden. "Davon, dass wir Georgier schon damals sehr nahe an Europa waren, zeugt etwa ein kleines Detail: Bei der Restaurierung haben wir auf der Gartenterrasse schöne Kacheln von Villeroy & Boch gefunden, von denen uns einige fehlten. Wir wandten uns an die Vertretung von Villeroy & Boch in Tiflis. Dabei erfuhren wir, dass es exakt solche Kacheln auf der Titanic gegeben haben soll."

Jugendstil-Führerin: Nestan Tataraschwili.
Jugendstil-Führerin: Nestan Tataraschwili.
2006 trat Tiflis dem europäischen Jugendstilnetzwerk bei, was auch das Verdienst der Architektin Nestan Tataraschwili ist. Sie hat auch eine Touristenroute für Jugendstilliebhaber entwickelt und einen Reiseführer zusammengestellt. Ihre Diplomarbeit hatte sie 1983, ermuntert von ihrem Professor, Simon Kintsuraschwili, dem Jugendstil gewidmet. Damals, in den letzten Jahren der Sowjetunion, war das fast undenkbar, da die Kunstrichtung unter den Kommunisten als dekadent galt. Jugendstilbauten wurden höchstens oberflächlich renoviert.

Auch deshalb sind laut Maia Mania heute viele Tiflisser Jugendstilhäuser baufällig. Der andere Grund sei der unsensible Umgang mit der historischen Bausubstanz insgesamt, sagt Manfred Nawroth von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die im Auftrag von Präsident Michail Saakaschwili in einer Nacht-und-Nebel-Aktion erfolgte Restaurierung des imposanten Davit-Aghmaschenebeli-Prospektes im historischen deutschen Viertel steht als Paradebeispiel dafür, wie historische Bausubstanz beschädigt wird.

"Politische Entscheidungsträger und Investoren verfolgen eigene Interessen, die andere sind, als die Erhaltung der Bausubstanz. Ein Neubau oder ein scheinhistorisches Fake tun es da auch. Tiflis droht sein historisches Gesicht zu verlieren", sagt Nawroth. Daher müssten die Mahnungen von Fachleuten stärkeres Gehör finden, um die Stadt im Wahn der schnellen Veränderung nicht vollständig zu zerstören. (Tatjana Montik, Crossover, DER STANDARD, 14.5.2013)




Sunday, April 21, 2013

RADIO: GEORGIA IN MY HEART 19 04 2013 (soundcloud.com)

Radio Monte-Carlo 101.4Fm

(soundcloud.com) In this programme we interview the ex-pats living in Georgia, asking them about their Georgian experiences. There is an one-hour-programme, in which some of stories will be mixed with a good jazz music on Radio Monte-Carlo at 101.4 FM

Link: radiomontecarlo.rad.io

Wednesday, April 17, 2013

RADIO: GEORGIA IN MY HEART 12 04 2013 (soundcloud.com)

Radio Monte-Carlo 101.4Fm

(soundcloud.com) In this programme we interview the ex-pats living in Georgia, asking them about their Georgian experiences. There is an one-hour-programme, in which some of stories will be mixed with a good jazz music on Radio Monte-Carlo at 101.4 FM

Link: radiomontecarlo.rad.io

Tuesday, March 26, 2013

RADIO: GEORGIA IN MY HEART 22 03 2013 (soundcloud.com)

Radio Monte-Carlo 101.4Fm

(soundcloud.com) In this programme we interview the ex-pats living in Georgia, asking them about their Georgian experiences. There is an one-hour-programme, in which some of stories will be mixed with a good jazz music on Radio Monte-Carlo at 101.4 FM

Link: radiomontecarlo.rad.io

Friday, March 15, 2013

RADIO: GEORGIA IN MY HEART 15 03 2013 (soundcloud.com)

Radio Monte-Carlo 101.4Fm

(soundcloud.com) In this programme we interview the ex-pats living in Georgia, asking them about their Georgian experiences. There is an one-hour-programme, in which some of stories will be mixed with a good jazz music on Radio Monte-Carlo at 101.4 FM

Link: radiomontecarlo.rad.io

Saturday, March 02, 2013

RADIO: GEORGIA IN MY HEART 22 02 2013

Radio Monte-Carlo 101.4Fm

The pilot project of Russian language radio programme "Georgia In My Heart" on Radio Monte-Carlo at 101.4 FM

Link: radiomontecarlo.rad.io
  

Monday, November 26, 2012

PODCAST: Zwischen Shoppingmalls und historischer Substanz. Denkmalschützer in Tiflis schlagen Alarm. Von Tatjana Montik (dradio.de)


(dradio.de) In Georgiens Hauptstadt Tiflis stehen viele marode Altbauten, die restauriert werden sollen. Denkmalschützer kritisieren jedoch, dass die Stadtverwaltung mehr Interesse an den Wünschen der Investoren zeigt, als an den kulturhistorischen Bauten.

"Es gibt bereits zwanzig Fälle in Tiflis, bei denen die denkmalgeschützten Häuser aus der entsprechenden Liste gelöscht wurden. Danach wurden diese Gebäude einfach abgetragen. Man kann diese Gebäude in der Denkmalschutzliste auf der Homepage der Stadtverwaltung zwar noch abrufen, aber in der Wirklichkeit existieren sie nicht mehr. "

Blick auf die georgische Hauptstadt Tiflis (Bild: AP)
Der Gudiaschwili Platz in Alt-Tiflis ist eine Augenweide. Doch seine einst bunten alten Häuser mit den kunstvoll geschnitzten Holzbalkonen benötigen dringend eine Restaurierung. Etwa das sogenannte Lermontow-Haus, das früher ein Offiziershotel gewesen ist, wo der berühmte russische Dichter im Jahre 1837 genächtigt haben soll. Dies ist eines der zwei Bürgerhäuser von Tiflis, das nach der Zerstörung der Stadt durch den persischen Khan Ende des 18. Jahrhunderts erhalten geblieben war.

Vor anderthalb Jahren hat eine private Firma eine Häuserzeile am Gudiaschwili-Platz gekauft. Am Projekt beteiligt seien georgische und ausländische Investoren sowie ein Architektenbüro aus Österreich, so heißt es. Nun soll der Platz rekonstruiert werden. Die Bauarbeiten sind seit einer Woche in Gang. Die alten Holzbalkone und das Dach des Lermontow-Hauses sind bereits weg. Das anliegende, ebenfalls historische Gebäude wurde zur Hälfte zerstört. Und niemand habe bisher erfahren können, wie genau das Bauprojekt aussieht, sagt Aleko Elisaschwili von der Denkmalschutzgruppe "Tiflis Hamqari", die "Fürsorger von Tiflis":

"Was hier passiert, ist reine Barbarei! Die Investoren mögen ihr Geld verdienen, doch nicht auf Kosten unseres historischen Kulturerbes! Das hier ist der einzige authentisch erhaltene Platz in ganz Tiflis. Man muss diesen Platz originalgetreu restaurieren und nicht zuerst alles zerstören und danach nach alt wieder aufbauen. Wir brauchen hier keine pseudo-alten Neubauten. Falls unsere Stimmen nicht gehört werden, werden wir die Bautätigkeit auf aggressive Weise stoppen. "

Am Gudiaschwili-Platz seien acht Gebäude denkmalgeschützt, sagt Aleko Elisaschwili. Doch die Stadtverwaltung, in deren Kompetenz der Denkmalschutz von Tiflis liegt, interessiere das nicht. Die Stadtväter richteten sich in erster Linie nach den Wünschen der Investoren: Wenn das Geld fließt, werde so einiges übersehen beziehungsweise angepasst:

"Es gibt bereits zwanzig Fälle in Tiflis, bei denen die denkmalgeschützten Häuser aus der entsprechenden Liste gelöscht wurden. Danach wurden diese Gebäude einfach abgetragen. Man kann diese Gebäude in der Denkmalschutzliste auf der Homepage der Stadtverwaltung zwar noch abrufen, aber in der Wirklichkeit existieren sie nicht mehr. "

In der Regierungszeit von Michail Saakaschwili wurde in Georgien viel gebaut und restauriert. Das Ziel war es, möglichst viele Touristen ins Land zu holen. Als Aushängeschild solcher Rekonstruktionsprojekte gilt die malerische Stadt Sighnaghi in Kachetien, östlich von Tiflis, die binnen kurzer Zeit touristentauglich gemacht wurde. Beim genauen Hinschauen aber wird klar, dass die Restaurierungsarbeiten nur potemkinsche Dörfer ergaben: Hinter den Fassaden und an der Infrastruktur wurde nur wenig gemacht. Ähnlich sei man auch in der alten Stadt Kutaisi in Westgeorgien vorgegangen, im Schwarzmeerhafen Batumi, in Mestia im swanetischen Großkaukasus und in der alten Hauptstadt Mzcheta.

Außerdem ist eines nicht zu übersehen: In der georgischen Architektur regiert der Geschmack der oberen Machteliten, sprich: pfiffige modernistische Bauten, die oft von ausländischen Architekten entwickelt und zwischen die historischen Häuser zusammenhanglos hineingepflanzt wurden. Die geschwungene Glasbrücke und das futuristische Gebäude der neuen Public Service Hall im historischen Stadtkern sind nur einige Beispiele. Oder zwei stählerne Röhren, die eine neue Konzerthalle darstellen sollen, gleich unterhalb des Präsidentenpalastes, der an das Reichstagsgebäude von Sir Norman Forster erinnert.

Nick Schawischwili, Architekturprofessor an der Technischen Universität von Tiflis, übt Kritik an der undemokratischen Entscheidungspraxis in den Denkmalschutzfragen:

"Wenn das Interesse der Öffentlichkeit gegenüber den Denkmalschutzfragen so groß ist, wird normalerweise eine Öffentlichkeitsbefragung gemacht. Im Falle des Gudiaschwili-Platzes wurde die Meinung der Öffentlichkeit schlichtweg ignoriert. Ich hoffe, es ist nicht zu spät, die Öffentlichkeit in die Fragen rund um den Gudiaschwili-Platz hineinzubeziehen. Ich hoffe, die neue Regierung wird bald eine politische Entscheidung über die Revision dieses Bauprojektes treffen."

Indessen verlangt die Denkmalschutzgruppe "Tiflis Hamqari", für alle Bauprojekte in den historischen Stadtteilen von Tiflis und an anderen historischen Stätten ein Moratorium einzuführen.

In der Denkmalschutzabteilung im georgischen Kulturministerium hofft man nun, der politische Wechsel würde auch in Denkmalschutzfragen eine Trendwende bringen, sagt die Vizeabteilungsleiterin Maka Schawischwili:

"Wir haben seit Kurzem eine neue Vize-Kulturministerin für Denkmalschutz, die Wert darauf legt, dass jene aggressiven Bauprojekte gestoppt werden, die unsere Baudenkmäler zerstören."

Friday, October 12, 2012

REPORTAGE: Die christlichen Heiden des Kaukasus. Von Tatjana Montik (derstandard.at)

(derstandard.at) Georgien ist im Westen vor allem durch seine brisante geopolitische Lage und den Konflikt mit Russland bekannt. Zu seinen landschaftlich und kulturell reizvollsten Regionen zählt Swanetien im Großen Kaukasus.

Zwei der dutzenden Wehr- und Fluchttürme in Swanetiens 
Hauptort Mestia, die mit staatlicher Hilfe renoviert wurden. Die Zahl 
ihrer Türme gab über Wohlstand und  Einfluss einer Familie Auskunft. Zur
 Zeit der Blutrache dienten sie ganzen Clans als Zufluchtsorte.
Mestia - Wer heute nach Swanetien reist, erfährt die Geschichte, die Traditionen und die legendäre Gastfreundschaft dieses kaukasischen Volkes hautnah. Dazu braucht man nur in einer der zahlreichen Gastfamilien Unterkunft zu finden. Und das Angebot ist groß und günstig: rund 25 Euro pro Person und Nacht mit Vollpension. Mestia, Swanetiens "Hauptstadt", ist derzeit eine einzige Baustelle. Es wird renoviert und gebaggert, die Zentralstraße wird neu gepflastert, die alten Häuser werden mit neuen Dächern, Fenstern und Holzbalkonen versehen.

Über die Swanen erzählt man sich in Georgien so einiges. Etwa dass sie trotz ihres christlich-orthodoxen Glaubens heimliche Heiden geblieben seien (siehe Wissen). Oder dass Frauen nie allein nach Swanetien reisen dürften, weil die swanischen Männer unberechenbar seien.

Unsere Gastfamilie ist jene von Murad und Larissa Margiani. Murad ist Architekt, gebürtiger Mestianer, während seine Frau Ukrainerin aus Sibirien ist. Nach der Heirat zog sie in die Heimat ihres Mannes, um nach swanischer Tradition ihren alten Schwiegereltern einen sorglosen Lebensabend zu sichern. "Diese gute Tradition, die Alten zu verehren und für sie zu sorgen, war mir sofort sympathisch", erzählt Larissa, "denn dann weiß man sicher, dass man selber im hohen Alter gut aufgehoben ist." Inzwischen steht Larissa selber an der Spitze einer Großfamilie, die sie mit ihren drei Söhnen reicher gemacht hat.

Die georgische Gastfreundschaft ist bekannt und berühmt. Hier in Swanetien, in der Margiani-Familie, bekommt man das Gefühl, dass die Gastgeber nur für ihren Besuch da sind. Vom Zimmerbalkon aus bietet sich ein wunderbarer Blick auf ganz Mestia, dessen zahllose Türme und auf den Kaukasus mit über 4000 Meter hohen Gipfeln.

Jede Mahlzeit wird zu einem lukullischen Fest, bei dem eine Mischung aus georgischen, russischen und ukrainischen Speisen dargeboten wird. Hausgemachter Topfen und Matsoni, georgisches Joghurt, Palatschinken, dünn wie feine Spitze, die mit hausgemachten Marmeladen serviert werden, pikant gewürztes Fleischragout mit jungen Erdäpfeln und milchsauer eingelegten Gürkchen, nach frischen Kräutern duftender Bohneneintopf, zarte Jungsaiblinge, Salatvariationen, Zwetschkensoßen, vieles mit mit dem berühmten, aromatisch-pikanten swanischen Gewürzsalz versehen.

Gastgeberin Larissa Margiani mit einigen Köstlichkeiten ihrer vielfältigen Küche.
Gastgeberin Larissa Margiani
Larissa Margiani kümmert sich um Haushalt und Landwirtschaft, betreut die Gäste. Daneben führt sie Touristengruppen durch das Hausmuseum, während ihr Mann bei der Restaurierung der zahlreichen Wehrtürme mitarbeitet. Als sie 1985 nach Swanetien kam, gab es hier weder Wasserleitung noch Kanalisation. "Gewaschen habe ich am Fluss, das Wasser holte ich vom Brunnen. Und in den wilden 90ern, als hier Banditenwillkür und Mangel an allen Waren des täglichen Bedarfs herrschte, habe ich sogar gelernt, Seife selber zu kochen", erinnert sich die gebürtige Sibirierin ukrainischer Abstammung.

Durch die Entwicklung der touristischen Infrastruktur, im Sommer wie im Winter, haben die Swanen nach und nach mehr Beschäftigung bekommen und ihren Lebensstandard verbessert, berichtet Larissa. Deshalb hat sie sich vor den Parlamentswahlen für die Vereinigte Nationale Bewegung, die Partei von Präsident Michail Saakaschwili engagiert und Unterschriften gesammelt.

Umstrittener Bauboom

"So viel wurde in letzter Zeit bei uns bewegt und gemacht. Es gibt Familien, die sich ohne die staatlichen Hilfen eine gründliche Hausrenovierung nie hätten leisten können." Damit spricht sie den von Saakaschwili im ganzen Land ausgelösten Bauboom an, der in manchen Bereichen, etwa bei teuren Repräsentativbauten, nicht unumstritten ist.

Bei der Führung durch das Museum der Margianis besichtigt man nicht nur ein typisches swanisches Haus aus dem 12. Jahrhundert mit Inventar und den familieneigen Friedhof, sondern man besteigt auch einen der berühmten über 20 Meter hohen Wehrtürme von Mestia und erfährt Details über Sitten und Alltag der Swanen.

Noch bis vor kurzem war in Swanetien die Blutrache verbreitet, die sich oft nicht nur auf eine, sondern auf zwei oder drei Generationen ausdehnte. Zwischen den Clans wurden regelrechte Rachefeldzüge ausgetragen, de nen bis zu 14 Männer auf jeder Seite zum Opfer fielen.

Und um sich vor diesen Rachezügen zu schützen, flüchtete der ganze Familienclan in einen seiner Wehrtürme, der mit Vorräten versorgt und durch unterirdische Gänge mit dem Haus und dem nahe liegenden Wald verbunden war. Manche Familien lebten bis zu einem Jahr in ihren Türmen.

Laut einer Statistik kamen etwa zwischen 1917 und 1924 in Swanetien 600 Männer durch Vendetta ums Leben. Bis heute ist die Blutrache nicht völlig verschwunden. Man praktiziere sie bloß auf eine andere Weise, indem man die gesamte Sippe aus dem Dorf verbanne, erzählt unsere Führerin. Und für einen Swanen gebe es keine schlimmere Strafe, als seine Heimat zu verlieren.

Von Reichtum und Einfluss einer swanischen Familie zeugte unter anderem die Zahl ihrer Wehrtürme. Die einzigartige Bauart der Türme, denen ein eierförmiges Fundament zugrunde liegt, erwies sich über Jahrhunderte als sicherer Schutz auch vor Naturgewalten, etwa Lawinen.

Georgiens Schatzkammer

Der Familie Margiani gehörten einmal acht Türme, von denen vier noch heute stehen, und ein eigener Friedhof. In dieser Friedhofskirche sowie in den anderen über die Berge verstreuten zahlreichen Kirchen, von denen viele mit wertvollen Fresken geschmückt sind, wurden die Schätze des Dorfes, alte Bücher und Schriften aufbewahrt.

Einiges an Kunstgegenständen kam aus ganz Georgien nach Swanetien, denn diese Region war durch ihre schwer erreichbare Lage mitten in den Bergen vor Kriegen und anderen großen Konflikten bewahrt geblieben. Der Legende nach suchten hier die Argonauten nach dem Goldenen Vlies. Swanische Künstler waren für ihre einzigartigen Gravuren auf Ikonen berühmt. Viele dieser Ikonen gibt es noch heute zu sehen, unter anderem in der reichhaltigen Sammlung des Ethnografischen Museums von Mestia, das nach zweijähriger Renovierung in diesem Herbst wiedereröffnet werden soll.

Viele alte Kirchen liegen am Weg zum Dorf Uschguli, 40 Kilometer von Mestia entfernt. Uschguli, das wie andere alte Ortschaften zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, ist das höchstgelegene Dorf Europas und das zweithöchste der Welt. (Tatjana Montik, DER STANDARD, 2.10.2012)

Wissen: "Dünne Wand" zwischen den Welten

Swanetien ist eine historische Region Georgiens im Großen Kaukasus. Es schließt im Westen an die abtrünnige Region Abchasien an, die von Russland (aber nicht international) als unabhängiger Staat anerkannt wird, ebenso wie Südossetien seit dem georgisch-russischen Krieg im August 2008.

Die Teilregionen Oberswanetien (Georgisch: Semo Swaneti) und Niederswanetien (Kwemo Swaneti) werden durch das Swanische Gebirge getrennt. In Oberswanetien leben heute etwa 45.000 Menschen. Seine Bergdörfer gehören zum Weltkulturerbe der Unesco. Hauptort der gesamten Region ist Mestia.

Die Swanen werden sowohl von den Griechen als auch von den Römern erwähnt. Das Für-stentum Swanetien gliederte sich etwa im 12. Jahrhundert dem georgischen Königreich an.

Für gläubige Swanen existiert zwischen Diesseits und Jenseits nur eine "dünne Wand", sodass die Verstorbenen einen wichtigen Teil ihres kulturellen und religiösen Lebens darstellen. Sie glauben, dass ihre verstorbenen Angehörigen sich um das Seelenheil der Lebenden kümmern. Zum Dank werden beim Lipanali-Fest (18. Jänner) die Seelen der Verstorbenen bis zum nächsten Morgen in den Häusern ihrer lebenden Angehörigen bewirtet.

Gottesdienste werden außen an der Kirche abgehalten, wo auch weltliche Persönlichkeiten wie Könige abgebildet sind. Das Kircheninnere ist den Seelen der Verstorbenen vorbehalten. (red)