(swr.de/swr2) Das Dorf Lakhushdi in Swanetien im Hohen Kaukasus liegt auf fast 2000 Meter Höhe inmitten einer paradiesischen Bergwelt, umgeben von riesigen, grünen Wäldern und schneebedeckten vier 5000ern. Die georgisch-swanetische Gastfreundschaft ist legendär. Mit seinen kaum mehr als 100 Einwohnern öffnet es jedes Jahr wenigstens einmal seine Türen, seine Häuser und auch seine Herzen, um für zwei Wochen im Jahr, Ende August zum Erntedankfest, wenige, ausgewählte, musikinteressierte und sangesfreudige Fremde aus aller Welt aufzunehmen, um mit ihnen zu singen, zu tanzen, sie zu bewirten, und vor allem, um an sie ihre außergewöhnlichen musikalischen Traditionen und Lieder weiterzugeben, die bis zurück zu den vorchristlichen Gesängen der alten Sumerer reichen. Das Feature erzählt von dieser außergewöhnlichen musikalischen Reise anhand von Tonaufnahmen und Interviews aus einer fast vergessenen Welt, die jetzt nach und nach - nicht nur musikalisch - wiederentdeckt wird.
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Musikliste:
trad.:„Alilo auf dem Berg“
Dorfbewohner aus Lakhushdi
trad.:Traditionelle Musik aus Swanetien
Eka, Ana und Madona Chamgeliani, Gesang und Tschuniri (Spießgeige)
trad.: Eröffnung des Gastmahls mit Begrüßung
Arularo (Gesang)
Nana Mzhavanadze, Gesang und Begrüßung
trad.: „Ts’minda“
Nana Mzhavanadze, Gesang
Eka, Ana und Madona Chamgeliani, Gesang und Tschuniri (Spießgeige)
trad.: Traditionelles Lied
Marika, Gesang
Eka, Ana und Madona Chamgeliani, Gesang und Tschuniri (Spießgeige)
trad.: Traditioneller Gesang zur Tschuniri
Eka, Ana und Madona Chamgeliani, Gesang und Tschuniri (Spießgeige)
trad.: Traditioneller Festmahlgesang aus Swanetien
Marika und Dorfbewohner aus Lakhushdi
trad.: Traditioneller Gesang aus Swanetien
Nick (Gitarre) und Dorfbewohner aus Lakhushdi
trad.: „Wiegenlied“
Nana Mzhavanadze, Gesang
trad.: "Tamardedpal" Lied der Königin Swanetiens Tamar
Murat, Giwi und Gigo, Gesang
trad.: Lied der Tamar
Woriowdela“ - fröhliches Lied
Familie Chamgeliani mit Dorfbewohnern und Gäste
trad.: Melancholisches Lied
Nicoletta (blinde Nonne, USA) Gesang
Familie Chamgeliani mit Dorfbewohnern und Gäste
trad.: Tom's Lied (altes schottisches Lied über den Schmerz des Abschieds)
Tom, Gesang
Familie Chamgeliani mit Dorfbewohnern und Gäste
trad.: Das Lied der Brüder Vitsbil & Matsbil (swanetische Freiheitskämpfer)
Eka, Ana und Madona Chamgeliani, Gesang und Tschuniri (Spießgeige)
trad.: „SovIru“, Schwedisches Schlaflied
Vilja-Louise (Stockholm), Gesang
trad.: „ChristeAghsdgha“ Erntedankgottesdienst aus der Kirche
Familie Chamgeliani mit Dorfbewohnern und Gäste
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Friday, February 03, 2017
MUSIK: Lakhushdi - "das singende Dorf" im Hohen Kaukasus, Swanetien zwischen Tradition und Moderne. Von Ariane Huml [swr.de]
Monday, December 15, 2014
ULM: Schwäbisches Dorf in Georgien (swr.de)
(swr.de) Eine Delegation aus Georgien hat am Vormittag im Ulmer Rathaus um Unterstützung beim Wiederaufbau eines historischen deutschen Dorfes in der Nähe von Tiflis gebeten. Oberbürgermeister Ivo Gönner stellte personelle und finanzielle Hilfe in Aussicht. Nach Angaben der Gäste wurde das Dorf Elisabethtal vor rund 200 Jahren von schwäbischen Einwanderern aus der Ulmer Region in Georgien gegründet. Nun soll der Ort, in dem 1.200 Menschen leben, saniert und rekonstruiert werden. Ein Vertreter aus Georgien sagte, das Dorf solle zu einer Touristenattraktion und einer deutschen Insel in Georgien werden.
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Sunday, December 01, 2013
VIDEO: Georgien: Mtskheta - Die Wunder der Nino (swr.de)
(swr.de) Der Film führt nach Mtskheta, der alten Hauptstadt Georgiens. Sie gilt als heiligster und geschichtsträchtigster Ort des Landes.
Hier entstanden die ersten Kirchen und von hier aus begann im 4. Jahrhundert die Christianisierung, um die sich - typisch georgisch - wundersame Geschichten ranken. Oft ist dabei von der kräuterkundigen Heilerin "Nino" die Rede, der auch eine Beteiligung am Bau der Kirchen nachgesagt wird.
In der Ortsmitte liegt die über 1000 Jahre alte Sweti-Zchoweli-Kathedrale, bis heute Sitz des georgischen Patriarchen. Von der Dschwari-Kirche, der ältesten Kreuzkuppelkirche Georgiens, erschließt sich eine unglaubliche Aussicht auf die Stadt, auf die sanften Bergketten ringsherum sowie auf die zerklüfteten Gebirgszüge des Kaukasus am Horizont.
Mtskheta - ein Ort, an dem die Geschichte der Christianisierung, georgische Baukunst und die Wunder der Nino zusammenfallen.
Sunday, May 29, 2005
RADIO: Ostern in Georgien. Von Ralph Hälbig
Manuskript gesendet April/2004 auf dem SWR
Tika erzählte mir, dass sie deutsche Vorfahren habe. Überhaupt trifft man hier in Georgien öfters jemanden, der berichtet, dass die Urgroßmutter Ungarin war, oder der Urgroßvater ein französischer Offizier.
Tikas Mutter jedenfalls war Russin und kam irgendwoher aus diesem riesigen Reich. Damals war sie 15 Jahre alt. Hier in der Sonne fühlte sie sich wohl, lernte erstaunlich schnell die schwierige Sprache. Und das schönste war, dass sie in einem so genannten italienischen Innenhof heranwuchs. Hier verbrachte sie unzählige Stunden. Dann berichtete sie, dass dort im Keller ehemals ein berühmter Maler wohnte. Niko Pirosmani war sein Name. Damals hatte er keinen Platz zum leben, und er fand dort einen Ort, wo er bleiben konnte: einen dunklen und feuchten Weinkeller, aber er war zu stolz, den Eigentümer zu bitten, ihm einen besseren Platz zu geben.
Pirosmani war mir ein Begriff. Mir sagte mal jemand, er sei der Begründer der naiven Malerei. Doch nach einem solchen Leben – er starb in Armut und an Hunger – war mir das nicht ganz einleuchtend. Niko sah die Menschen, ihre Gewohnheiten und ihr Verhalten und malte das ganze Land, seine Geschichte, seine Schönheit. Dann verstaute er seine Bilder; und die Leute in der Nachbarschaft diskutierten über ihn. Sie liebten seine Bilder: "Tamar" (die berühmte Frau des 12. Jahrhunderts), "Rustaveli" (den alten Schriftsteller), "Giorgi Saakadze" (eine historische Figur), "Irakli den II." (ein legendärer König) und viele andere. Niko war glücklich, seiner Passion zu folgen. Aber andere Leute, die seine Kunstwerke sahen, konnten ihn nicht schätzen; bekannt war er als Obdachloser und Trinker.
Gerade an Ostern erinnerte ich mich dann an eine Leinwand Pirosmanis mit dem Titel: Ostern. Wir weilten in Ratscha – einem der lieblichsten Landstriche in Georgien. Hier sollen die langsamsten Menschen der Welt wohnen. Wie wahr – ständig mussten wir auf unsere Freundin Tamuna warten. Die Landschaft auf dem Bild könnte Ratscha sein. Christus schwebt langsam gen Himmel und im Vordergrund auf der Wiese gibt es eine reich gedeckte Tafel. Gemerkt hatte ich mir, dass darauf ein Teller mit einem Berg roter Eier zu sehen war.
Den Tag der Kreuzigung von Jesu Christi nennt man in Georgien "Roten Freitag". Zur Erinnerung daran kocht man Eier und färbt sie rot mit Blut. Die Tradition, gefärbte Eier zu verschenken, war in vielen Kulturen bekannt. Der Brauch war oft mit dem Beginn eines neuen Jahres verbunden. Ein Philosoph erklärte, das Ei sei ein Symbol für die Schöpfung, ein Symbol der Wiedergeburt und des ewigen Lebens. Das Ei war das Symbol der Naturkraft. In Persien glaubte man, dass bis zur Entstehung der Welt nichts war außer Gott. Alles war dunkel. Dann wurde ein Ei geboren. Das älteste Kind Gottes, die Liebe, sorgte für das Ei. Es wuchs und wuchs – es entwickelte sich die ganze Welt. In Klöstern werden dort immer noch kunstvolle Eier bewahrt – als Zeichen der ewigen Geburt. Das Osterei ist ein Symbol der Überwindung des Todes und des Lebens nach dem Tod. Wie das Ei aus einer harten Schale Leben entlässt, so erstand der aus dem Grab, der uns neues Leben verleiht. Um daran zu erinnern deckt man in Westgeorgien die Gräber der Angehörigen mit roten Eiern zu. Dann ging man auf das Feld und feiert mit den gesegneten Gerichten das Osterfest. In Kachetien schlachtet man ein Lamm mit einem roten Band um den Hals und rollt rote Eier über die Gräber der Verstorbenen. In Georgien ist eine Sage aus Ratscha verbreitet: "Ostern saßen die Juden zusammen und kochten einen Hahn. Jemand erzählte, dass Jesus selber ein Kind schickte, um seine Auferstehung zu verkünden. Die Juden lächelten: Jesus sei so sicher wieder auferstanden, wie der Hahn im Kochtopf wieder lebendig werden würde. Nach diesen Worten sprang der Hahn aus dem Topf und krähte."
In der Sowjetzeit gingen die Leute am Ostersonntag auf den Friedhof. Nach den orthodoxen Regeln ist der Montag der Tag, an dem man zu den Toden geht. Heute fasten die Leute vor Ostern. Zu Ostern schenken sie sich dann bunte Eier, die sie aneinanderschlagen, so dass sie aufbrechen wie ein Grabgewölbe.
RADIO: Marktplatz der Sensationen. Von Ralph Hälbig
Manuskript gesendet April/2004 auf dem SWR
Als ich in Tiflis war, wohnte ich bei der Familie Gambashidze. Oft dachte ich an Martins Worte. Doch die Gastfreundschaft war ein festes Band. Zwar sah ich täglich das exotische Obst, Taschen voller Gemüse, Fladenbrote und Büffelkäse - Schweinsköpfe, Flaschen mit Wein und Brandy und lebende Hühner mit zusammengebundenen Beinen. Als Gast durfte ich dabei sein, wie diese Vorräte in der Küche zubereitet wurden. Doch wusste ich nicht, von woher sie Ludmilla heranschaffte. Als ich nach Tagen anmeldete, dass ich die Märkte sehen wolle; und gleich auch den berüchtigten Schwarzmarkt in Zchinvali und den hiesigen Trödelmarkt, hieß es, warum ich mich dieser Tortur aussetzen wolle, wenn es daheim am schönsten sei.
Am nächsten Tag nahm mich dann Ludmila mit in den Bahnhofsbezirk. Dort traute ich meinen Augen nicht. Da die Ladenmieten damals noch in staatlicher Hand waren, wimmelte beinahe halb Georgien an Ständen herum, die draußen vor den leeren Geschäften aufgebaut waren. Es war ein unendliches Labyrinth. Zwar fehlte der Luxus, doch hinsichtlich der Alltagswaren blieben keine Wünsche offen. Hier verlor ich Ludmila und irrte durch das Gedränge und Marktgeschrei. Meine Augen stöberten in Klamotten, Lederwaren, Büchern, Spielzeugen und Haushaltsgeräten. Ich probierte die geheimen Rezepte des Sirups: Kamille, Estragon, Zitrone und Minze. Schäbige Wolgas voller Melonen, Lastwagenladungen mit Kartoffeln säumten meterlange Lebensmittel- und Warentheken. Das war eine riesige Wagenburg. Dann lies ich mich treiben und plötzlich kam ich zu dem alten Basar: Junge blonde Russinnen von weit her verkauften die Farbpalette von Gewürzen, Blumen und Kräutern. Geifernde, fette Weiber aus Mengrelien, mit goldenen Zähnen, feilschten daneben um jedes Gramm von ihrem Acker. Und endlich fand ich dann den futuristischen Bahnhof wieder. Auf der Suche nach der Untergrundbahn, ging ich zu der gigantischen Wartehalle. Finstere Mienen mit Pistolen am Gürtel musterten mich am Eingang. Völlig ungeahnt empfingen mich dann hinter den Türen zahllose Vitrinen - voller Schmuck, Geschmeide und Armbanduhren aus einer Zeit, als Georgien sich das noch leisten konnte. Nun wird das alles verscherbelt. Und die Goldschmiede haben hier mit ihrem Werkzeug noch einen Platz gefunden. Sie wollen im Gespräch bleiben.
Bald fand ich die Rolltreppe, die tief in das Erdinnere führte. Unten verlor ich jedoch wieder die Richtung, obwohl ich nur eine Alternative hatte, entweder nach links oder nach rechts zu fahren. Da ich die georgische Schrift nicht lesen konnte und ich somit nicht exakt wusste wo ich aussteigen sollte, vertraute ich meinem Instinkt. Doch dieser verlies mich und so fuhr ich tiefer hinein in die Stadt als ich wolte. Ich beschloss daraufhin nur noch zu Fuß zu gehen. Das Beste ist, sich an den Fluss zu halten. Fußlahm sehnte ich mich in der Mittagshitze nach einer Rast. Und ich glaubte meinen Augen nicht: Fernsehgeräte und elektrischer Kram waren auf Kofferklappen und Motorhauben verteilt - um unvorstellbaren Krempel wurde unter Lorbeerbäumen gefeilscht. In den Baracken war ein Schwarzmarkt der Downloadszenerie. Hier war ein Eldorado für Trödler aller Art. Im Park stand eine Traube von Menschen mit nichts in den Händen. Hier sollen Wohnungen, Kredite und Informationen verklickert werden. Meine Müdigkeit schwand. Unfassbar war für mich, dass man hier den alten und neuen Lebensstandard Georgiens fand: Eine Schatz- und Wunderkammer unter einem staubigen Himmel: Musikinstrumente, altes Glas, Tafelgeschirr, antike Möbel, kunstvolle Waffenschmiede, Malerei, kaukasische und persische Teppiche und selbst Meißner Porzellan – und das alles geschmackvoll arrangiert.
RADIO: In Tiflis. Von Ralph Hälbig
Manuskript gesendet April/2004 auf dem SWR
Georgien, Georgien. Über die Boulevards von Tiflis flanieren die elegantesten Frauen. Die Politik spielt verrückt. Der Verkehr mit seinen ramponierten Ladas und glänzenden Jeeps ist dramatisch. Die Ampeln hängen in den Bäumen oder hinter Laternen. Rot und Grün sind eh bedeutungslos. Die Stadt bebt voller Leben. Über die von Krieg und Erdbeben gezeichneten Fassaden der Altstadt sendet die untergehende Sonne einen goldenen Glanz. Doch das alles ist halb so schlimm. In den Kneipen brummt das Geschäft. Argo und Kasbegi-Bier, Wodka-David, Tschatscha, der Tsinandali, Saperavi und der Kindsmarauli fließen in Strömen. Auf den Tischen Stör in Walnussöl und Kaviar. Lari oder Tetri, was kostet die Welt …
Wie eine Klippe steht dagegen das Iveria-Hotel am Beginn der wichtigsten Hauptstraße. Das Iveria dominiert die Stadt – es ist beinahe von überall zu sehen. Als der Abchasien-Krieg begann und die vielen Touristen abrupt ausblieben, verwandelte sich das Iveria in ein bestürzenden Koloss – ein Flüchtlingsheim für mehr als tausend Vertriebene aus dem paradiesischen Abchasien und Süd-Ossetien ragt in den Himmel. Noch heute harren die Flüchtlinge dort aus. Doch trotz engster Lebensverhältnisse richteten sie in diesem Gebäude eine Pension ein. Wer möchte, kann unter den Flüchtlingen für 15 Dollar pro Nacht übernachten.
Draußen auf den Straßen sieht man ernste Menschen, gepresst zwischen den Autos im Straßenverkehr. Manchmal stoppen die Fahrer ihre Autos in der Mitte der Straße, schwingen die Tür auf und gestikulieren zornig über andere Fahrer, schlagen die Tür zu und fahren fort, genauso hitzköpfig wie der gemeinte Fahrer.
Der christlichen Glaube mischte sich hier mit orientalischen Emotionen. Ein Engländer schrieb: „eine Psychologie des 12. Jahrhunderts lebt hier im 20. Jahrhundert“. Heute erscheinen solche Impressionen ungelenk bezüglich des ökonomischen Desasters, das dem Bürgerkrieg folgte. In dem neuen Staat der Armut kämpft die Stadt zäh für das frühere Selbstverständnis von Duft und Reichtum. Mit dem ersten Tag nach dem Bürgerkrieg las man emblematisch dafür das Wort Casino über der Restaurant-Tür des Iveria – während das Hotel darüber die Flüchtlinge bezogen.
Eine empfehlenswerte Route ist – weg vom Iveria-Hotel - der Rustaveli-Prospekt; eine Platanen-Allee, bebaut im Petersburger Stil. Unter den eleganten Fassaden des 19. Jahrhunderts strahlt die Straße eine Gegenwart verfeinerter Wachsamkeit aus. Hier laufen südländische Männer mit einem sagenhaften Selbstbewusstsein herum. Sie konfrontieren die Welt mit ihren tief liegenden Augen unter ihren dunklen Augenbrauen. Es wird gesagt, dass bis zum Zusammenbruch der Georgischen Monarchie bei einem von fünf Georgiern blaues Blut fließt.
Die Frauen erscheinen aufgeschlossener. Sie tragen geschmackvoll ihre Kleider, lieben ihre Schuhe, sind sehr modebewusst frisiert und beinahe immer geschminkt. Die Frauen fielen mir durch ihren olivfarbenen Teint, durch ihre vorzügliche Gefälligkeit auf. Lela erzählte mir auf dieser Flaniermeile, dass die Georgier wohl deshalb so ernst und schwarz gekleidet daherkommen, da vermutlich ihre Vergangenheit immer schon von Trauer begleitet war. Hier erinnert man sich der Tragödien, Dramen und Komödien des Lebens. Deshalb wohl auch ihre Aufrichtigkeit dem Tod gegenüber. An jeder Tafel gedenkt der Tamada – der traditionelle Tischführer - der Toten und derjenigen, die ohne Angehörige sind.
Stirbt jemand, dauert die Trauer hier Tage und droht die Hinterbliebenen zu verschulden. Denn eine beachtliche Zahl von Menschen begleitet den Toten auf seiner letzten Reise und besucht den Aufgebahrten im Haus. Der Tod soll seine Würde behalten; deshalb ist es wahrscheinlich für die Georgier oft so schwierig zu darüber zu reden, wenn die Not am größten ist, wenn Schermut sich einstellt, wenn Leute vor Verzweiflung aus dem Fenster springen.
Draußen auf den Straßen sieht man ernste Menschen, gepresst zwischen den Autos im Straßenverkehr. Manchmal stoppen die Fahrer ihre Autos in der Mitte der Straße, schwingen die Tür auf und gestikulieren zornig über andere Fahrer, schlagen die Tür zu und fahren fort, genauso hitzköpfig wie der gemeinte Fahrer.
Der christlichen Glaube mischte sich hier mit orientalischen Emotionen. Ein Engländer schrieb: „eine Psychologie des 12. Jahrhunderts lebt hier im 20. Jahrhundert“. Heute erscheinen solche Impressionen ungelenk bezüglich des ökonomischen Desasters, das dem Bürgerkrieg folgte. In dem neuen Staat der Armut kämpft die Stadt zäh für das frühere Selbstverständnis von Duft und Reichtum. Mit dem ersten Tag nach dem Bürgerkrieg las man emblematisch dafür das Wort Casino über der Restaurant-Tür des Iveria – während das Hotel darüber die Flüchtlinge bezogen.
Eine empfehlenswerte Route ist – weg vom Iveria-Hotel - der Rustaveli-Prospekt; eine Platanen-Allee, bebaut im Petersburger Stil. Unter den eleganten Fassaden des 19. Jahrhunderts strahlt die Straße eine Gegenwart verfeinerter Wachsamkeit aus. Hier laufen südländische Männer mit einem sagenhaften Selbstbewusstsein herum. Sie konfrontieren die Welt mit ihren tief liegenden Augen unter ihren dunklen Augenbrauen. Es wird gesagt, dass bis zum Zusammenbruch der Georgischen Monarchie bei einem von fünf Georgiern blaues Blut fließt.
Die Frauen erscheinen aufgeschlossener. Sie tragen geschmackvoll ihre Kleider, lieben ihre Schuhe, sind sehr modebewusst frisiert und beinahe immer geschminkt. Die Frauen fielen mir durch ihren olivfarbenen Teint, durch ihre vorzügliche Gefälligkeit auf. Lela erzählte mir auf dieser Flaniermeile, dass die Georgier wohl deshalb so ernst und schwarz gekleidet daherkommen, da vermutlich ihre Vergangenheit immer schon von Trauer begleitet war. Hier erinnert man sich der Tragödien, Dramen und Komödien des Lebens. Deshalb wohl auch ihre Aufrichtigkeit dem Tod gegenüber. An jeder Tafel gedenkt der Tamada – der traditionelle Tischführer - der Toten und derjenigen, die ohne Angehörige sind.
Stirbt jemand, dauert die Trauer hier Tage und droht die Hinterbliebenen zu verschulden. Denn eine beachtliche Zahl von Menschen begleitet den Toten auf seiner letzten Reise und besucht den Aufgebahrten im Haus. Der Tod soll seine Würde behalten; deshalb ist es wahrscheinlich für die Georgier oft so schwierig zu darüber zu reden, wenn die Not am größten ist, wenn Schermut sich einstellt, wenn Leute vor Verzweiflung aus dem Fenster springen.
RADIO: Der Kaukasus. Von Ralph Hälbig
Manuskript gesendet April/2004 auf dem SWR
Eine Sage berichtet davon, wie Gott die Menschen zu sich rief, um einen Großteil der Erde unter ihnen aufzuteilen. Auch die Georgier waren eingeladen. Doch auf dem Weg zu dem Allmächtigen wurden sie von Feinden angegriffen. Aufopferungsvoll und mutig erzwangen sie den Sieg. Zwar am Rande der Erschöpfung feierten sie dennoch ihren Triumph. So kamen sie berauscht und verspätet zu Gott. Gott war begeistert und beschenkte diese stolzen Seelen. Er überließ ihnen seinen göttlichen Garten.
Der Kaukasus trug maßgeblich zur Blüte Russlands bei. Hier gewannen russische Genies in der Sonne Kraft. Hier stand die Wiege einer besonderen, südlich-heiteren Kultur, voll leidenschaftlicher Poesie, Humor und Schönheit. Kurzum: Der Kaukasus und das Schwarze Meer wurden für Russland das, was Italien für Europa war.
Doch die Völker des Kaukasus hatten Pech. Sie fielen der russischen Lava zum Opfer, die sich aus dem dunklen Wald als glühende Zunge zum Meer fraß. Dass Puschkin, Lermontow und Tolstoi am Krieg beteiligte Offiziere waren, fügte ihrer Anbetung des Südens einen Beigeschmack von Stahl, den Geruch von Pulver und die Farbe des Blutes hinzu. Die Romantik des wilden Landes, die Schönheit der Berge und Wälder, die Breite der Strände, das Brausen des Meeres und andere Reize dieser Eroberungen machten erst die Existenz, dann die Ausrottung und Vertreibung der kleinen Völker zur Nebensache.
Tuschetien, Chewsuretien, Swanetien sind zerklüftetete Landstriche in den kaukasischen Bergen. Die höchsten von Schnee bedeckten Berge hegen diese Abgeschiedenheit mit ihren karstigen Bergrücken, Weiden, tiefen Schluchten, reißenden Bächen, unwegsamen Pfaden, fruchtbaren Gärten in Dörfern, die sich terrassenartig wie Schwalbennester an die Berghänge schmiegen. Majestätischen Gipfel und erhabene Bergketten sind die natürlichen Grenzen zu Tschetschenien, Dagestan und Inguschetien.
Die Legenden und Sagen der Bergvölker sind das Ergebnis ihrer grenzenlosen Phantasie. Auch hier sind diese kleinen Sprachfamilien mit Feuer und Schwert christianisiert wurden. Doch ihr Edelmut überlebte. Immer noch sind ihre Rituale eng verbunden mit ihren heidnischen Stätten, die hier nur für die Männer zugänglich sind. Nirgends zeigen sich die Menschen so ungeschminkt. Kaukasier gelten immer schon als herausragend tapfer und tollkühn. Im Sommer leben die Familien ausnahmslos hier oben, bestellen ihre Gärten, schlachten Lämmer, führen die Herden auf die Weiden, machen Käse, züchten Pferde, fangen Forellen, rezitieren Verse, beschäftigen sich mit Handarbeiten und gehen auf die Jagd.
Will man in die Berge, so ist es ratsam einen versierten Fahrer zu suchen. Denn die Strecken hinauf und hinunter sind äußerst riskant. Hat man dann beispielsweise den Albano-Pass überquert und die halsbrecherische Tour ist überstanden, wird mit dem berüchtigten 60%igen Tschatscha auf das gelungene Unterfangen angestoßen. Von hier aus blickt man dann auf die heiligen Berge des Kaukasus, hinter sich hat man die weite Ebene der kachetischen Weinbauern; weitab sieht man die Bergsteppe Schiraki, wo die Herden überwintern. Getrunken wird dann auf das Wohl der Familie, der Kinder, der Toten und auf die, die keine Angehörigen mehr haben!
Die Ehre, die Liebe, der Respekt, die Freundschaft, die Verbindlichkeit des Wortes und die Gastfreundschaft an reich gedeckten Tischen bedeuten ihnen viel. In ihrem harten Leben haben sich elementare Beziehungen und Verbindlichkeiten zwischen den Menschen erhalten. So gibt es noch Autoritäten, die manches bewahren und die hier ungeachtet der Liberalisierung Georgiens ihr patriarchalisches Recht sprechen.
Auch in dieser Gegend Georgiens greift man sich gegenseitig unter die Arme. Der Gast ist von Gott gesandt. Der Gast wird nicht nur von dem selbstbewussten Tamada, dem Tischvorsitzenden geehrt: „Denn was man zu geben bereit ist, wird man auch von Gott bekommen.“ Im Winter fallen dann die Temperaturen auf Tiefststände. Bis zu vier Meter hoher Schnee begräbt dann diese Landschaft. Und auch dann gibt es keinen Strom und das Brennholz ist knapp.
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