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Monday, March 14, 2016

BUCHMESSE & AUSSTELLUNG: Jan Zychlinski, Jenseits der Grenzen - Erkundungen bei den vergessenen Flüchtlingen des Süd-Kaukasus

Vernissage und Buchvorstellung mit Jan Zychlinski (Fotograf) 
Moderiert von Journalist und Fotograf Dr. Sebastian Hesse-Kasten
Im Rahmen von "Leipzig liest"
Samstag, 19.03.2016, 20 Uhr
Tapetenwerk Studio B03, Haus B, EG
Lützner Straße 91, 04177 Leipzig
Eintritt frei
Ausstellung: 20.03. - 02.04.2016

Jan Zychlinski, Jenseits der Grenzen - Erkundungen bei den vergessenen Flüchtlinge des Süd-Kaukasus, www.mitteldeutscherverlag.de 
Von September 2014 bis Februar 2015 reiste ich durch den Süd-Kaukasus (Armenien, Georgien, Berg Karabach, Aserbaidschan), um Schicksale und aktuelle Lebensbedingungen von Flüchtlingen aus den Konflikten der letzten 25 Jahre, also nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, zu dokumentieren.

Bei verschiedenen früheren Besuche im Kaukasus bin ich immer wieder auf das Problem der vielen unterschiedlichen Flüchtlinge und sog. IDPs (Internally Displaced People) gestoßen, die in der Folge von kriegerischen Konflikten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Ihre Heimatdörfer und -städte verlassen mussten. Sie leben bis heute meist in Lagern, Sammelunterkünften oder tw. auch neu gebauten Siedlungen abseits der restlichen Gesellschaft. Und es zeigt sich angesichts der aktuellen Entwicklungen, dass das Thema auch für Mitteleuropa rasant an Bedeutung gewinnt. Auch hier wird derzeit allerorten diskutiert, wie man mit dem Thema Flucht und Vertreibung auf der einen sowie Unterbringung und Integration auf der anderen Seite umgehen soll. Aber all die Menschen, die es nicht schaffen, in Europa ein neues zu Hause zu suchen, werden immer mehr aus dem Fokus der Aufmerksamkeit verschwinden und irgendwann wie Ihre Leidensgenossen im Süd-Kaukasus einfach vergessen sein.

In der Ausstellung - die bisher in Georgien und in der Schweiz gezeigt wurde und weiter nach Armenien und Berg Karabach wandern wird - und im Buch bekommen diese weit über eine Million weitgehend vergessenen Menschen dieser Region und ihre Geschichten eine exemplarische Gestalt, welche über die Tagesmeldungen von immer neuen Flüchtlingen hinausgeht.

Mehr Bilder und Infos auch unter: jz-photography.ch
twitter: twitter.com/JMagnog 
facebook: facebook.com/jan.zychlinski

Wednesday, February 17, 2016

ZEITSCHRIFT osteuropa: Grenzland - Konflikt und Kooperation im Südkaukasus (zeitschrift-osteuropa.de)

(zeitschrift-osteuropa.de) Osteuropa 7-10/2015
Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.)
Berlin (BWV) 2015 [= Osteuropa 7-10/2015]
672 Seiten, 175 Abb., 21 Farbkarten
Preis: 32,00 €
ISBN: 978-3-8305-1708-5

Inhalt

Editorial
Jörg Stadelbauer Naturraum Kaukasien.Vielfalt, Kontraste, Risiken
Kaum ein anderes Gebiet des postsowjetischen Raums hat eine derartige Vielfalt aufzuweisen wie Kaukasien. Dies gilt für den naturgeographischen Rahmen, für Geschichte, Kultur, politisches Handeln und wirtschaftliche Potentiale. Wenn Georgien, Armenien und Aserbaidschan als Einheit gesehen werden, dient dies vor allem der Vereinfachung. Doch tatsächlich ist die Heterogenität enorm. Das bezieht sich auch auf die Nutzung der Bodenschätze, die Häufung von Naturgefahren durch extreme Witterungserscheinungen und globalen Klimawandel sowie die Degradation von Boden und Vegetation.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 7–44)


Tsypylma Darieva, Florian Mühlfried Kontaktraum Kaukasus.Sprachen, Religionen, Völker und Kulturen
Der Nordkaukasus und der Südkaukasus sind historisch, sozioökonomisch, kulturell und konfessionell eng verflochten. Als Teil multinationaler Imperien war der Kaukasus immer eine Kontaktzone, die von ethnischer und sprachlicher Vielfalt sowie einem reichen kulturellen Erbe geprägt ist. Ethnische Zugehörigkeit und ihre Repräsentation werden immer wieder aufs Neue hergestellt, verfestigt und aufgelöst. Gleichzeitig gibt es eine Tradition lokaler kosmopolitischer Kultur, die durch interregionalen Handel, normative Ordnungen und kulturellen Austausch aufrechterhalten wird. Allerdings gerät der „Kosmopolitismus von unten“ zunehmend in Gefahr.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 45–70)

Sofie Bedford, Emil Souleimanov Islam im postsowjetischen Kaukasus.Von Sunniten, Schiiten, Sufis und Salafisten
Der Islam ist im Kaukasus in unterschiedlichen Formen verbreitet. Der Nordostkaukasus ist von sunnitischen Sufi-Bruderschaften geprägt. Dort betrachten Eliten und Laien die Religion als Quelle politischer Legitimität. Im Nordwestkaukasus ist der sunnitische Islam der hanafitischen Rechtsschule verbreitet. In Aserbaidschan dominiert die von der iranischen Safawiden-Dynastie verbreitete Zwölfer-Schia, und der Islam ist – wie auch im Nordwestkaukasus – weitgehend auf den Bereich der Spiritualität beschränkt. Doch auch dort stellen Salafisten die Autorität des offiziellen Islam in Frage.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 71–92)

Oliver Reisner Sakral-national. Staat, Religion und Nation in Georgien
Georgiens Orthodoxe Kirche propagiert eine national-religiöse georgische Identität. Damit hat sie in den vergangenen Jahren an Einfluss gewonnen. Eine starke Verankerung in der Gesellschaft erlaubt ihr, auch politischen Druck auszuüben. Die Anpassung der georgischen Rechtsordnung an europäische Normen, etwa durch Verabschiedung eines Antidiskriminierungsgesetzes, konnte sie zwar nicht verhindern, ebenso wenig wie die rechtliche Anerkennung anderer Religionsgemeinschaften. Doch mit ihrer Mission gegen eine liberale und multikonfessionelle Gesellschaft provoziert sie Konflikte, ganz gleich ob sie die georgische Gesellschaft von den Muslimen Adschariens oder von Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung bedroht sieht.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 93–112)

Thomas de Waal Aneinandergekettet. Armenier und Türken im Schatten des Genozids
Die Ermordung von 1,5 Millionen Armeniern durch die jungtürkische Regierung im späten Osmanischen Reich hat lange Schatten geworfen. Es handelte sich um einen der ersten Völkermorde des 20. Jahrhunderts. Seither dauert die Konfrontation von Armeniern und Türken an. Trotz der Unversöhnlichkeit und Entfremdung auf beiden Seiten sind die Armenier mit ihrem Trauma und die Türken mit ihrer Furcht, die Wahrheit anzuerkennen, in geradezu pathologischer Weise aneinandergekettet. Um in der armenischen Frage voranzukommen, sollte der Dialog an die Stelle der Konfrontation rücken. Es wäre vernünftig, den verhärteten, symbolischen Konflikt um den Begriff „Genozid“ zurückzustellen.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 113–128)
 
Jan Plamper Stalinkult und Ethnizität. „Koba“: Georgier oder „Vater der Völker“?
Stalin war Georgier. Doch im Stalinkult, an dem seit 1929 alle sowjetischen Medien von der bildenden Kunst über die Volksdichtung bis zum Film mitwirkten, blieb seine persönliche Nationalität tabu. Stalin verkörperte jenseits jeder eigenen Ethnizität den „Vater der Völker“. Seine patriarchalische Rolle stand symbolisch für die Sowjetunion, für das übernationale Dach, das die nationalen Territorien des sozialistischen, föderalen Staats überspannte. Stalin füllte damit das repräsentative Vakuum, das auf der Ebene der supranationalen sowjetischen Identität bestand.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 129–149)

Aleksandr Gol’dštejn Denk an Famagusta
(Osteuropa 7-10/2015, S. 151–160)

Die Macht des Staates

Andreas Heinemann-Grüder Eingebettet, nicht eingefroren. Konflikte und Regime im Kaukasus: Ein Literaturbericht
In den vergangenen Jahren ist eine Reihe neuer Analysen zu den Gewaltkonflikten im Kaukasus erschienen. Nur den besten Studien gelingt es, die ethnonationalistischen Gewaltakteure konkret zu benennen, Spannungen zwischen offiziellen Geschichtsbildern und konkreten Erfahrungen aufzuzeigen und zu demonstrieren, wie sich die sowjetischen Muster der Feindbildproduktion bis heute fortsetzen. Föderalismus als Option der Konfliktregelung wird jedoch kaum diskutiert. Ein Forschungsdesiderat sind komparative Analysen zu den (semi-)autoritären Regimen im Kaukasus und ihren Reproduktionsmechanismen sowie zur Mikrodynamik von Konflikten und zu innergesellschaftlichen Konfigurationen. Auch eine vergleichende Politikfeldforschung, die die politische Ökonomie sowie die Funktionsweise gerade der parastaatlichen Gebilde in Bergkarabach, Abchasien und Südossetien in den Blick nimmt, steht noch aus.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 161–179)

Huseyn Aliyev Netzwerke im Südkaukasus.Formen und Funktionen informeller Praktiken
Die Menschen des Südkaukasus sind zur Bewältigung ihres Alltags auf informelle Netzwerke angewiesen. Deren Ursprünge liegen in den traditionellen Formen sozialer Organisation wie Großfamilien und ländlichen Gemeinden. In der Sowjetunion dienten informelle Netzwerke zum Ausgleich der strukturellen Defizite der Planwirtschaft. Sie garantierten Zugang zu Mangelprodukten und Dienstleistungen. Die Einführung der Marktwirtschaft ließ die Netzwerke nicht obsolet werden. Im Gegenteil: In Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gewannen sie sogar an Bedeutung.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 181–190)

Petra Opitz Erneuerungsbedarf. Energiewirtschaft in Armenien, Aserbaidschan und Georgien
Armenien, Aserbaidschan und Georgien rechnen in den nächsten Jahren mit einem steigenden Energiebedarf. Aserbaidschan kann sich durch eigene Öl- und Gasvorkommen selbst versorgen. Armenien ist auf Brennstoffimporte aus Russland angewiesen und plant den Ausbau von Atomkraft. Georgiens Energiemix schwankt saisonal aufgrund eines hohen Anteils an Wasserkraft. Den Transit von Gas und Öl bekommt Georgien in Erdgas vergütet, das es für die Produktion billigen Stroms einsetzt. Mit Ausnahme von Wasserkraft spielen alternative Energiequellen in den drei Ländern bislang kaum eine Rolle. In die Steigerung der Energieeffizienz wird kaum investiert.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 191–209)


Silvia Stöber Zwischen Aufklärung und Propaganda. Medien im Südkaukasus
Die Medienlandschaften der südkaukasischen Staaten sind so unterschiedlich wie die Länder. In Georgien gibt es eine lebendige Medienszene, in Armenien ist der Markt von politischen und wirtschaftlichen Kartellen geprägt. In Aserbaidschan unterdrückt das autoritäre Regime die unabhängigen Medien.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 211–229)

Zaal Andronikashvili, Giorgi Maisuradze Philologen gegen Philosophen. Georgiens Weg in eine unfreie Freiheit
Georgien stand im Jahr 1990 an einer Wegscheide. In der Debatte über die Zukunft des kurz vor seiner Unabhängigkeit stehenden Landes zeigten sich Grundmuster des nationalen Selbstverständnisses. Eine rückwärtsgerichtete, den nationalen Mythos pflegende „philologische“ und eine nüchtern-analytische, in der Gegenwart verortete „philosophische“ Strömung lagen im Widerstreit. Die Wahl des Literaturwissenschaftlers Zviad Gamsakhurdia zum Präsidenten besiegelte auf Jahre hinaus die Dominanz der Philologen und einer klassenartig organisierten Intelligencija, die sich als Hüterin der Nationalkultur ausgab. Die Gegenströmung repräsentierte der Ende 1990 verstorbene Philosoph Merab Mamardashvili, der für ein Ethos der Verantwortung und einen tätigen Freiheitsbegriff eintrat. Die Niederlage dieser Strömung führte zur Eskalation von Konflikten, deren Folgen bis heute nicht überwunden sind.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 231–246)

Christian Timm Georgien: Staat im Markt. Vom Neoliberalismus zum gelenkten Kapitalismus
Nach der Rosenrevolution 2003 änderte sich in Georgien das Verhältnis von Wirtschaft und Politik. Mikheil Saakashvilis Politik der Deregulierung und Nichtintervention hatte die erwünschten Effekte: Bürokratismus und Korruption wurden beseitigt, das wirtschaftliche Umfeld gewann an Attraktivität. Die liberalen Reformen waren jedoch von willkürlichen informellen Interventionen begleitet. 2008 bildete einen Wendepunkt in der Wirtschaftspolitik. Proteste im Inneren, der Ansehensverlust nach dem Augustkrieg und die globale Finanzkrise beschleunigten das Ende des liberalen Wirtschaftsmodells. De facto führte die Regierung ein staatlich gesteuertes Entwicklungsprogramm ein.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 255–270)

David Losaberidze Zentrum und Peripherie. Kommunale Selbstverwaltung in Georgien
Das unabhängige Georgien hat der Dezentralisierung der politischen Entscheidungen keine Aufmerksamkeit geschenkt. Die kommunale Selbstverwaltung fristet ein Schattendasein. Organe der kommunalen Selbstverwaltung haben kaum Kompetenzen und sind unterfinanziert. Dabei sind funktionierende Städte und Gemeinden für Schlüsselbereiche der Daseinsvorsorge unverzichtbar. Erst in jüngster Zeit setzt sich das Bewusstsein durch, dass Dezentralisierung und die Idee der Subsidiarität den Staat nicht schwächen, sondern funktionierende Dienstleistungen den Staat stärken und damit die Legitimität der Herrschenden erhöhen.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 271–283)

Maria Koinova Einheit in der Vielfalt. Die armenische Diaspora und Armenien
1915 verloren bei dem Völkermord an den Armeniern durch das Osmanische Reich bis zu 1,5 Millionen Menschen ihr Leben. Ebenso viele Armenier wurden vertrieben. Die armenische Diaspora kämpft seitdem um die Anerkennung dieses Verbrechens als Genozid. Vor allem in den USA, in Frankreich, dem Nahen Osten und in Russland gibt es eine armenische Diaspora. Sie ist ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor für Armenien. Ihr großer Einfluss auf die Politik in Armenien ist nicht unproblematisch. Ihre teils kompromisslose Haltung erschwert pragmatische Lösungen in der Bergkarabach-Frage oder in den Beziehungen zur Türkei.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 285–298)

Eva-Maria Auch, Sebastian Schmidt Ambivalenzen in Aserbaidschan. Umwelt- und Naturschutz im autoritären Staat
Die ökologische Lage in Aserbaidschan ist widersprüchlich. Einerseits gab der Zusammenbruch der Sowjetunion den Blick auf die Unterwerfung, Zerstörung und Verseuchung von Natur und Umwelt frei. Das petrochemische Zentrum Sumqayit etwa gehörte zu den belastetsten Städten weltweit. Andererseits rückte ein Naturraum von einmaliger Schönheit in den Blick. Im Naturschutz und in der Forstpolitik erzielte das Land erstaunliche Erfolge. Doch in der Gesellschaft fehlt es an ökologischem Bewusstsein und Sensibilität für die Bedeutung des Umwelt- und Naturschutzes sowie zunehmend an politischer Rückendeckung. Selbst Errungenschaften im Naturschutz geraten zunehmend unter Druck.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 299–320)

Katharina Hoffmann Gesellschaft und Staat. Die lokale Ebene in Armenien und Aserbaidschan
In Armenien und Aserbaidschan sind die Beziehungen zwischen Gesellschaft und Staat von Distanz geprägt. (Selbst-)Verwaltungsinstitutionen auf lokaler Ebene schaffen keine Annäherung. Sie dienen den regierenden Eliten zur Durchsetzung ihrer Interessen, bieten der Bevölkerung aber keinen Einfluss auf staatliche Entscheidungen zu lokalen Belangen. Der Bevölkerung bleibt vor allem, ihre Anliegen durch Selbstorganisation oder in persönlichen Netzwerken zu verfolgen.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 321–334)

Ansgar Gilster, Christina Huthmann Zweite Welt. Gesundheit und Bildung im Südkaukasus
Die Sozialsysteme der südkaukasischen Staaten gerieten nach Auflösung der UdSSR in eine Krise. Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis die Auswirkungen von Sezessionskonflikten und wirtschaftlichem Zusammenbruch überwunden werden konnten. Viele Entwicklungsindikatoren haben sich im vergangenen Jahrzehnt verbessert. Die Lebenserwartung steigt, das Gesundheitssystem gewährleistet eine Grundversorgung. Der Besuch einer Schule ist wieder für alle Kinder eine Selbstverständlichkeit, die Qualität weiterführender Bildungseinrichtungen wurde verbessert. Vorreiter bei Reformen ist Georgien, das wirtschaftlich am schlechtesten dasteht. Aserbaidschan hingegen nutzt das ökonomische Potential aus dem Erdölgeschäft nicht, um durch einen breiteren Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 335–350)


Lina Verschwele Unter dem Radar. Ende des autoritären Burgfriedens in Bergkarabach?
Im Mai 2015 wählte Bergkarabach ein neues Parlament. Viele Experten sahen in der Abstimmung nur politische Kosmetik, im Parlament werde ohnehin nur zum Schein diskutiert. Tatsächlich hatte der Konflikt mit Aserbaidschan lange für einen autoritären Burgfrieden gesorgt. Doch die Einigkeit bröckelt. Mit der Partei der Nationalen Wiedergeburt zog eine echte Oppositionspartei in das Parlament ein, die nicht zum herrschenden Establishment gehört.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 351–364)

Die Macht der Mächte

Roland Götz Erdöl und Erdgas im Südkaukasus. Binnenversorgung, Export, Transit
Von den drei südkaukasischen Staaten kann nur Aserbaidschan seinen Bedarf an Erdöl und Erdgas selbst decken. Georgien und Armenien sind auf Importe dieser Energieträger angewiesen. Armenien lehnt sich energiepolitisch an Russland an, Georgien hat sich als Transitland für die Lieferung von Öl und Gas aus dem Kaspischen Raum nach Europa etabliert. Aserbaidschan bereitet den Gasexport nach Europa vor. Ob zukünftig auch Erdgas aus Turkmenistan über Aserbaidschan und Georgien in die EU gelangen wird, ist ungewiss. Die EU bemüht sich mit wenig Erfolg um die Errichtung eines ihren Wettbewerbsregeln unterworfenen „südlichen Gaskorridors“, weil sie die Interessen der Gasförderländer der Region verkennt.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 365–382)

Uwe Halbach Russland im Süd- und im Nordkaukasus. Zwischen „Nahem Ausland“ und „Innerem Ausland“
Russland hat eine besondere Beziehung zum Kaukasus. Sie ist durch die Expansion des Zarenreichs historisch, kulturell und affektiv aufgeladen. Bis heute ragt Russland mit sieben Teilrepubliken in die Gesamtregion hinein. Außen- und sicherheitspolitisch, sozioökonomisch, aber auch religiös ist Russland mit dem Südkaukasus so eng verbunden, dass Moskau in seiner Politik gegenüber Armenien, Aserbaidschan und Georgien sowie den abtrünnigen Gebieten wie Abchasien oder Südossetien Rückwirkungen auf die eigene Peripherie im Nordkaukasus berücksichtigen muss. Das gesamte kaukasische Feld ist durch das Spannungsverhältnis zwischen russländischem Machtanspruch und faktischer Gestaltungsmacht geprägt.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 383–406)

Franziska Smolnik, Andrea Weiss, Yana Zabanova Prekäre Balance.Die Türkei, Georgien und der De-facto-Staat Abchasien
Die Türkei hat in den vergangenen 25 Jahren von Konflikt und Kooperation geprägte Beziehungen zu ihren östlichen Nachbarstaaten im Südkaukasus aufgebaut. Im Zentrum stehen wirtschaftliche und politische Interessen, doch auch die Geschichte des Osmanischen Reichs in der Region spielt eine Rolle. Ankara pflegt enge Beziehungen zu Georgien, unterhält aber auch informelle Kontakte zu dem von Tbilisi abtrünnigen De-facto-Staat Abchasien. Für die gesellschaftlichen Beziehungen zu Abchasien spielt die abchasische Diaspora in der Türkei eine wichtige Rolle. Dieses Engagement der Türkei ist jedoch ein Balanceakt. Ankara muss nicht nur auf Tbilisi Rücksicht nehmen, sondern auch auf Russland. Das setzt auch der Rolle der Türkei als Vermittler im georgisch-abchasischen Konflikt Grenzen.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 407–426)

Gayane Novikova Blockade à trois. Das Beziehungsdreieck Armenien–Aserbaidschan–Türkei
Die internationalen Beziehungen im Südkaukasus sind noch immer entscheidend von dem Konflikt um Bergkarabach geprägt. Aserbaidschan und die Türkei sind eng miteinander verbunden und halten die Grenze zu Armenien geschlossen. Das auf diese Weise isolierte Armenien sieht sich von einer massiven Aufrüstung in Aserbaidschan bedroht und lehnt sich aus sicherheitspolitischen Gründen an Russland an. Die Isolation Armeniens kommt Georgien zugute, das so zum alleinigen Transitland geworden ist. Der Versuch, die Blockaden durch eine Verbesserung des Verhältnisses zwischen Armenien und der Türkei abzubauen, scheiterte 2010 an der Frage der Anerkennung des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich. Heute herrscht wieder Eiszeit, nicht nur zwischen Baku und Erevan, sondern auch zwischen Ankara und Erevan.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 427–441)
Volltext als Datei (PDF, 302 kB)

Emil Souleimanov, Josef Kraus Alte und neue Ansprüche. Die Politik des Iran im Südkaukasus
Der Iran ist eine wichtige Regionalmacht im Südkaukasus. Mit Georgien pflegt der Iran lediglich eine wirtschaftliche Kooperation. Das armenisch-iranische Verhältnis ist durch die Beziehungen beider Länder zu Aserbaidschan geprägt. Iran und Aserbaidschan haben ihre wirtschaftlichen Beziehungen verbessern können. Doch die politischen sind von Konflikten geprägt. Angesichts von 20 Millionen Aseris im eigenen Land fürchtet Teheran aserbaidschanischen Nationalismus und Irredentismus. Der Iran feilt an einem Instrumentarium, um die aserbaidschanische Integrität und Sicherheit von innen heraus zu unterminieren. Baku will seine Position durch die Hinwendung zu Israel und auch zu den USA stärken.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 443–457)

Julien Zarifian Bedingt engagiert. Die USA im Südkaukasus
Bis zur Auflösung der Sowjetunion sahen die USA den Südkaukasus nur durch das Moskauer Prisma. Das hat sich seit der Unabhängigkeit Armeniens, Aserbaidschans und Georgiens verändert. Die USA verfolgen im Südkaukasus eigene sicherheitspolitische, energiewirtschaftliche und politische Interessen. Georgien ist zu einem Verbündeten Washingtons geworden, Aserbaidschan ist den USA gewogen, und Armenien pflegt gute Beziehungen zu Amerika, obwohl Russland für Erevan sicherheitspolitischer Garant im Konflikt um Bergkarabach ist. Unter Obama haben die USA ihr Engagement in der Region allerdings stark reduziert.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 459–467)

Michèle Knodt, Sigita Urdze Ferne Nachbarn. Die Europäische Union im Südkaukasus
Das Interesse der EU am Südkaukasus ist begrenzt. Nach der Unabhängigkeit Armeniens, Aserbaidschans und Georgiens leistete sie humanitäre Hilfe und engagierte sich in der Entwicklungszusammenarbeit. Den ethnoterritorialen Konflikten in der Region schenkte die EU kaum Beachtung. Eine spezielle Südkaukasus-Politik hat sie nicht entwickelt. Für Brüssel war der Raum Teil der östlichen Partnerschaft. Dieses Modell ist an seine Grenzen gestoßen. Lediglich Georgien hat ein Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnet, Armenien hat davon Abstand genommen, und Aserbaidschan hat von Anfang an klar gemacht, dass es nicht bereit ist, sich den Bedingungen der EU anzupassen.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 469–485)

Die Macht der Bilder

Sergej Rumjancev Feiertage für das Volk. Transnationale Erinnerung im Südkaukasus
Anfang des 20. Jahrhunderts waren Denkmäler im öffentlichen Raum des Südkaukasus nahezu unbekannt. Erst das Sowjetregime führte Feiertage und Denkmäler ein. Ziel dieser Erinnerungspraktiken war es, die multinationale Gesellschaft zu mobilisieren und zu integrieren. Nach dem Motto „national in der Form, sozialistisch im Inhalt“ wurden mittelalterliche Dichter einer „Nationalkultur“ zugeordnet und heroisiert. Als Beweis für die Gültigkeit des Historischen Materialismus wurden sie als übernationale Vorläufer sozialistischen Denkens interpretiert und instrumentalisiert. Shota Rustaveli, Nizami und das Volksepos David von Sasun wurden so Teil des sowjetischen Kulturerbes. Die postsowjetische Kulturpolitik verläuft in diesen Bahnen. Dieselben Eliten arbeiten in denselben bürokratischen Strukturen und bewegen sich im selben Statussystem aus Ehrentiteln und Auszeichnungen. Selbst die sowjetische Form der Erinnerung ist weitgehend unverändert.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 487–514)

Adrian Brisku So fern und doch so nah. Das Europabild in Georgien: Eine Ideengeschichte
Die Idee Europa kam aus Russland nach Georgien. Georgische Adelige im Dienst das Zaren begannen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ins Russische übertragene Schriften des deutschen Idealismus sowie der Dichter der Romantik zu lesen. Diese Texte brachten die nationale Idee nach Georgien. Auch für die nationale Bewegung der 1870er–1890er Jahre blieb Russland das Tor nach Europa. Erstmals sprachen Anfang des 20. Jahrhunderts die Dichter der symbolistischen Gruppe „Blaue Hörner“ nicht von einer Hinwendung zu einem modernen Europa, sondern von einer „Rückkehr“ Georgiens in die europäische Zivilisation. Nach der Errichtung der Sowjetherrschaft in Georgien lautete die offizielle Doktrin 70 Jahre lang, die sozialistische Zukunft liege in Asien. Erst mit der Perestrojka tauchte die Vorstellung einer Rückkehr ins gemeinsame Haus Europa wieder auf. Russland allerdings hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten seine Rolle als Vermittler europäischer Ideen verspielt. Heute schauen die Gegner eines europäischen Georgien nach Moskau.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 515–529)

Zaal Andronikashvili Glaubensbrüder oder Reich des Bösen. Russlandbilder der georgischen Literatur
Das konfliktträchtige Verhältnis zwischen Georgien und Russland ist seit Jahrhunderten stark emotional aufgeladen. Dies schlug sich nicht nur in der russischen, sondern auch in der georgischen Literatur nieder. Der Verlust der Unabhängigkeit ab 1801 und die Eroberung durch bolschewistische Truppen 1921 bilden tiefe Zäsuren. Das Spektrum der georgischen Russlandbilder reicht von der christlichen Schutzmacht bis zum kolonialen Unterdrücker, in ihm schwingt die Verheißung individueller Freiheit, aber auch der Hass auf das große kollektive Gefängnis mit. In den literarischen Erscheinungsweisen des großen Nachbarn spiegelt sich stets auch das sich wandelnde Selbstbild Georgiens.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 531–548)

Franziska Thun-Hohenstein Der russische Georgien-Mythos. Die Sowjetisierung einer romantischen Utopie
In der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts wurde Georgien romantisch überhöht. Mit dieser Tradition brachen auch Dichter und Schriftsteller der Sowjetzeit nicht. Das zeigen die Werke von Sergej Tret’jakov, Konstantin Paustovskij oder Andrej Bitov. In Poetik und Metaphorik knüpften sie an den romantischen Georgien-Mythos an. Ungeachtet der ideologischen Überformung speisen sich ihre Texte aus dem traditionellen Arsenal an Metaphern, Motiven und Symbolen, weshalb russisch-imperiale Gesten und Deutungen Georgiens erkennbar bleiben. Auf der sprachlichen Ebene treffen die sowjetischen Ideologeme und die traditionell romantische Metaphorik vielfach unvermittelt aufeinander und lassen Kontinuitäten oder Brüche zwischen beiden hervortreten.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 549–568)

Sevil Huseynova Baku zwischen Orient und Okzident. Der Islam in der postsowjetischen Stadt
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetherrschaft, die alle Religionen bekämpft hatte, kam es im unabhängigen Aserbaidschan zur Rehabilitation des Islam. In der Hauptstadt Baku wurden zweckentfremdete Moscheen restituiert, andere renoviert, neue gebaut. Der Islam ist in den öffentlichen Raum zurückgekehrt. Gleichzeitig betont das Regime den säkularen Charakter des Landes, versucht Kontrolle über alle Gläubigen zu bekommen, bekämpft radikale Strömungen und plädiert für einen „weltlichen Islam“ als nationale Tradition. Für Muslime ist das Nonsens. Die Stadt als ein Ort des Nebeneinanders unterschiedlicher Lebensweisen gerät unter Druck.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 569–586)
Volltext als Datei (PDF, 984 kB)

Florian Mühlfried Religion, Reinheit und Radikalisierung. Vom Ende des Alaverdoba-Fests in Georgien
Georgien erlebt seit einigen Jahren eine national-religiöse Aufladung des öffentlichen Raums. Diese Sakralisierung drängt nicht-georgisch-orthodoxe Minderheiten aus lokalen Gemeinschaften. Exemplarisch zeigt sich dies an einem Volksfest im ostgeorgischen Alaverdi. Dort löst sich ein jahrhundertealtes, von Arbeitsteilung und Handel getragenes transkonfessionelles Miteinander von Muslimen und Christen unter dem Druck der Kirchenobersten auf. Dies könnte zur Radikalisierung beider Gruppen führen.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 587–598)

Zaur Gasimov Aserbaidschan: Exportware Führerkult. Der Personenkult um Heydar Aliyev
Seit einem Jahrzehnt präsentiert Baku das Andenken an Heydar Aliyev auf dem internationalen Parkett, indem es die Errichtung von Aliyev-Denkmälern und -Parks fördert. Während große Teile der aserbaidschanischen Bevölkerung trotz der enormen Öleinnahmen immer noch unter der Armutsgrenze leben, erkauft sich Baku die Erlaubnis, den Aliyev-Kult ins Ausland zu exportieren. Dies trägt weder zur Demokratisierung von Aserbaidschan noch zur Verbesserung seines Images auf dem internationalen Parkett bei. Gleichzeitig stellt es die demokratische Reputation jener Staaten in Frage, die sich auf dieses Spiel einlassen.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 599–612)

Giorgi Gvakharia Zwischen Zwang und Freiheit. Poesie und Realismus im georgischen Film
Georgien hat eine außergewöhnlich lebendige Filmszene und brachte bereits viele innovative Filmkünstler hervor. In den 1920er Jahren drehten Georgier wegweisende Stummfilme, die unter dem Einfluss der Avantgarde standen. Unter der Doktrin des Sozialistischen Realismus lieferte der georgische Film in den 1930er und 1940er Jahren systemkonforme Monumentalfilme und Stalin-Elogen, seine Blüte erlebte er jedoch in den 1950er und 1960er Jahren. Der typische lyrische Grundton ist nicht nur dem Druck der Zensur geschuldet, sondern auch Ausdruck einer besonderen Mentalität. Nach der Unabhängigkeit Georgiens geriet der georgische Film in eine Sinnkrise. In jüngster Zeit sind es vor allem Regisseurinnen, die den Film neu erfinden.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 613–630)

Michail Ryklin Eine Philosophie der Freiheit. Merab Mamardashvili und die Metaphysik der Agora
Merab Mamardashvili war ein prinzipieller Gegner staatlicher Ideologien. Seine Moskauer Seminare der 1960er und 1970er Jahre waren ein Ort der Meinungsvielfalt und der freien Rede. In ihnen trat der im georgischen Gori geborene Philosoph, den die Sowjetunion 20 Jahre mit Reiseverbot belegte, in den Dialog mit Platon, Kant und Descartes. Damit gab er der Metaphysik eine russische Sprache. Als die staatlichen Repressionen in den 1980er Jahren zurückgingen und Wandel in greifbare Nähe rückte, wurde die politische Bedeutung der Philosophie Mamardashvilis offensichtlich.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 631–642)

Aschot L. Manutscharjan Das Wort „Genozid“ gab es noch nicht. 100 Jahre Völkermord an den Armeniern
2015 jährten sich die Vertreibung und die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich zum 100. Mal. Anderthalb Millionen Menschen verloren bei diesem Massenmord ihr Leben. Dass es sich um einen Genozid handelte, ist unumstritten, auch wenn der Begriff selbst erst 1951 Eingang in das Völkerrecht fand. Das belegt eine Vielzahl von Monographien, Studien, Quelleneditionen und Aktenpublikationen aus den diplomatischen Archiven. Das Wissen über den Völkermord ist erdrückend. Es ist an der Zeit, dass die Türkei ihre Politik der Leugnung beendet und die Aufarbeitung der Vergangenheit leistet.
(Osteuropa 7-10/2015, S. 657–670)

Redaktion Osteuropa, Schaperstr. 30, D-10719 Berlin, +49 (0)30/30 10 45 81, 
osteuropa@dgo-online.org

Thursday, February 13, 2014

NEUERSCHEINUNG: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan. Von Stephan Wackwitz (fischerverlage.de) - erste Lesungen in Tbilisi, Leipzig (Buchmesse), Berlin

(fischerverlage.de) Georgien und seine Nachbarländer Armenien und Aserbaidschan liegen am äußersten östlichen Rand Europas. Es sind uralte Kulturländer und zugleich höchst lebendige Staaten, die sich zwanzig Jahre nach ihrer Loslösung von der Sowjetunion auf einem kurvenreichen Weg in die Moderne befinden. Stephan Wackwitz, Leiter des Goethe-Instituts in Tiflis, erlebte in Georgien den Machtwechsel 2012 und beobachtet den alltäglichen Kampf um Demokratie und Menschenrechte. Er beschreibt, wie ein immenser Bauboom das Gesicht der Städte für immer verändert. Vor allem aber spürt er den besonderen Atmosphären im Herzen des eurasischen Kontinents nach, wo sich nicht nur Westen, Osten und Süden, sondern auch alle Zeiten magisch zu mischen scheinen.
 
Die vergessene Mitte der Welt»Die hier versammelten Stücke sind zwischen September 2011 und Juni 2013 in Georgien entstanden, einer Zeit, die hierzulande mehr und erstaunlichere Veränderungen mit sich gebracht hat, als man im Westen unter demokratischen Bedingungen für möglich hält. Besucher, die ein Jahr lang nicht mehr in Tiflis waren, erkennen das Straßenbild nicht wieder. Georgische Politiker, die 2011 fast allmächtig schienen, sitzen 2013 in Untersuchungshaft. Wir Bürger der reichen und freien Gesellschaften diesseits und jenseits des Atlantiks vergessen manchmal, dass Demokratie ein Experiment und der Ausgang von Experimenten offen ist. Der postsowjetische Transformationsprozess im Südkaukasus kann uns daran erinnern. Insofern ist dieses Buch nicht mehr als ein zeithistorischer Zwischenbescheid. Es besteht aus subjektiven Beobachtungen und Reflexionen eines ausländischen und sprachunkundigen fellow travellers während einer kurzen Etappe jener unsicheren und vielfältig gefährdeten Reise eines Landes, deren Ziele Demokratie und Moderne heißen. Ob und wie diese Ziele erreicht werden, ist nirgends ausgemacht. Und dauerhaft erreicht werden sie nie. Aber die georgische Gesellschaft ist aufgebrochen, und wenn ich mich auf meine politischen Intuitionen verlassen kann, war ich in den letzten beiden Jahren Zeuge der Selbstfindung eines neuen Mitglieds in der internationalen Familie der interessanten, widersprüchlichen, rührenden, neurotischen und kreativen Gesellschaften, die wir – wahrscheinlich in Ermangelung eines besseren Worts – als Demokratien bezeichnen.« Stephan Wackwitz

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Termine: 6 Termine erstmal
21.02.2014 Tbilisi (Europe House Georgia, 2 Shalva Dadiani St. 0105 Tiflis
13.03.2014 Leipziger Buchmesse, 3sat Kulturzeit: Glashalle, Empore
13.03.2014 Leipziger Buchmesse, Deutschlandradio: Glashalle, Stand 12
13.03.2014 Apothekenmuseum, Thomaskirchhof 12, 04109 Leipzig
14.03.2014 Leipziger Buchmesse, Das Blaue Sofa: Glashalle
02.04.2014 Literarisches Colloquium Berlin, Am Sandwerder 5, 14109 Berlin

Stephan WackwitzStephan Wackwitz, geboren 1952 in Stuttgart, studierte Germanistik und Geschichte in München und Stuttgart. Er leitet heute das Goethe-Institut in Tiflis, nach Stationen in Frankfurt am Main, Neu Delhi, Tokio, München, Krakau, Bratislava und New York. Neben zahlreichen Aufsätzen erschienen von ihm Romane (›Die Wahrheit über Sancho Pansa‹, ›Walkers Gleichung‹), autobiographische Bücher (›Ein unsichtbares Land‹, ›Neue Menschen‹) sowie die Reisebücher ›Tokyo. Beim Näherkommen durch die Straßen‹, ›Osterweiterung‹ und ›Fifth Avenue‹.
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Hundertvierzehn | Essay - Die Treppen von Tiflis 
(hundertvierzehn.de) Stephan Wackwitz leitet seit 2011 das Goethe-Institut in Tiflis. Sein neues Buch ›Die vergessene Mitte der Welt‹ wirft einen ganz persönlichen Blick auf Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Am 21. Februar stellt er es in Tiflis vor. Für uns erklärt er, was Stuttgart und Tiflis verbindet.

Die trottoirbreiten Betontreppen, auf denen man die Abhänge von Tiflis besteigt, kennt man als Stuttgarter schon lange. Zwischen der Talsohle und den verschiedenen Hängen, Villenvierteln und Steillagen meiner in das mittlere Neckartal gleichsam ausgegossenen Heimatstadt entfaltet sich, ganz wie hier im Kaukasus, ein dichtes und halb klandestines Netz ehemaliger Weingärtnerpfade und -steige, die auf Schwäbisch übrigens »Staffeln« heißen. Die Erinnerung an diese seltsam inoffiziellen und traumhaften Durchstiege begleitet uns in der württembergischen Haupt- und Residenzstadt Geborene in die entferntesten Weltgegenden und bis in unsere geheimsten Träume. Was meinen eigenen Fall angeht, möchte ich sogar behaupten, daß ich mir die Schauplätze und Stationen meiner Lebensreise instinktiv nicht zuletzt danach ausgesucht habe, ob es in den Städten meiner Wahl so etwas wie Stuttgarter Staffeln gab.
   
Alle Photos von Stephan Wackwitz
Ein Spätsommernachmittag im Sommer 2003 zum Beispiel. Über die Karpaten und durch das dann immer steppenartiger in die ungarische Tiefebene auslaufende westslowakische Tiefland fuhr ich zum ersten Mal von Krakau nach Bratislava und hatte dann beim frühabendlichen Spazierengehen dort minutenlang das Gefühl, diese Stadt atmosphärisch nicht mehr von Stuttgart unterscheiden zu können. Es war mir selber ein bisschen unheimlich. Aber mein Entschluss, dringend in Bratislava leben zu wollen, war an jenem ersten Abend, nach einem österreichisch-ungarischen Abendessen und zwei Gläsern des Trnavaer Rotweins in einem der kleinen wienerischen Lokale der Altstadt, nicht mehr im Entferntesten rückgängig zu machen. Wobei die Staffeln, Treppen und Stiegen der Stadt mindestens genauso wichtig gewesen sind für diese dann schon gleich unwiderrufliche Stimmungslage wie das Abendessen und der Wein. Was ist das für ein Wahnsinn mit mir und diesen Treppen?
 
In Wirklichkeit sind gutes Essen, Wein, ein Fluss zwischen Berghängen und die Erschlossenheit dieser Landschaftsform durch Treppen vermutlich ein ganz altes Seelenaggregat. Genauer gesagt, ein 7000 Jahre altes. Der australische Kunstphilosoph Denis Dutton schildert in seinem Buch ›The Art Instinct: Beauty, Pleasure, and Human Evolution‹ ein Experiment, bei dem Menschen aus den verschiedensten Kulturen, vom Polarkreis bis zu den Tropen, aufgefordert wurden, eine Landschaft zu zeichnen oder zu beschreiben, die ein besonderes Wohlgefühl in ihnen auslöst. Unabhängig davon, woher die Versuchspersonen stammten, glich ihre Sehnsuchtslandschaft weltweit der afrikanischen Landschaft zwischen Wald und Steppe, von der die planetarische Wanderung des homo erectus vor zwei Millionen Jahren ihren Ausgang nahm. Da gibt es unabsehbares Grasland, Blumen, vereinzelte Bäume, lichte und überschaubare Wälder, Hügel, weite Perspektiven, Jagdtiere wie Hirsche oder Pferde, und ein Gewässer ist in der Nähe. Das ist die altsteinzeitliche Sehnsuchtslandschaft, die wir alle irgendwo in uns tragen (bei mir taucht sie in Träumen immer wieder auf).

  
Meine lebensalte Obsession mit Staffeln dagegen, mit dieser These will ich jetzt beherzt herausrücken, ist ein jungsteinzeitliches Gefühl. Fluss, Abhang und Wein haben unsere Vorfahren bei der Ausbreitung des Landbaus vom »fruchtbaren Halbmond« Mesopotamiens durch das Donautal nach Nordeuropa begleitet, und sowohl die Abhänge von Stuttgart als auch Bratislava oder Tiflis sind genau zu der Zeit besiedelt worden, als die Menschen lernten, mit Wein umzugehen. Die Treppe ist die Architekturform, die Fluss und Abhang zueinander bringt und eine unabdingbare Voraussetzung für eine bestimmte historische Konstellation von Landbau, Weinkultur und Siedlung darstellt: für die jungsteinzeitliche Siedlung auf halber Höhe über einem Gewässer. »Fast alle neolithischen Siedlungen lagen auf halber Höhe der Talhänge oder an den Terrassenkanten, nie unmittelbar am Grund der Täler (wo Steine im Boden liegen), aber auch nur in Ausnahmefällen mehr als ein paar hundert Meter vom fließenden Wasser der Bäche und Flüsse entfernt, denn Wasser war ja lebensnotwendig« (Hansjörg Küster: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa von der Eiszeit bis zur Gegenwart, München 1995). Staffeln sind so etwas wie das Realsymbol dieses sehr alten Siedlungstyps, und wenn ich mich in Bratislava so wohl fühle wie in Tiflis (ja manchmal sogar das Gefühl habe, in diesen Städten daheim zu sein), dann spiegelt sich darin eine Zeit, als in Stuttgart, Bratislava und Tiflis noch die gleiche Kultur herrschte, die Kultur der jungsteinzeitlichen Weinbauern nämlich. Eine Zeit, als diese Orte sich viel weniger voneinander unterschieden haben als heute. Und als neben Lehmhütten auch Leitern und Treppen entstanden sind (die älteste Treppe Europas stammt aus einem Salzbergwerk in Hallstatt, einer jungsteinzeitlichen Stadt zwischen Steilufer und See).

Landschaftsformen und Stadtlandschaften bringen historische Erinnerungen und Phantasmen herauf, die unser gegenwärtiges Seelenleben mit unvordenklichen Zeiten verbinden. »Die Alpenseen«, schreibt Ernst Jünger, »auch die nördlichen mit ihren Inseln wie der Reichenau und der Mainau, rufen ein Heimweh nach lang verflossenen Zeiten und ihrer Gesellschaft hervor. Sie hat wohl immer nur platonisch existiert. (…) Ich denke dabei (…) an eine friedliche Landschaft in vorkarolingischer Zeit. Für das tägliche Brot sorgten die Bauern, Winzer, Fischer und Jäger sowohl an den Ufern wie in den Tälern bis zur Schneegrenze. Der Boden ist fruchtbar; für das Handwerk bleibt besonders im Winter auf den Höfen genügend Zeit. Veredelung der Früchte und des Weines zählt zu den Obliegenheiten kleiner Klöster, ebenso die Heilkunst und alles, was mit der Schrift und dem Lesen zusammenhängt. Damit wird der einfache Mann nicht geplagt. Eine Harmonie, die selten erreicht wird – das lässt sich ausführen. Es ist in Romanen und Utopien geschehen. Verehrung durch Kultus und Kunst.«

   
Mein eigener Roman über die ursprünglichen Bewohner der Hügel des Bodenseeufers, des Neckarstrands, der Donauabhänge und der Berge über dem georgischen Mtkwari entfaltet sich in den Phantasmen, wie sie den einsamen Spaziergänger heimsuchen. Diese Träumereien führen ihn in seine Kindheit zurück und weit über sie hinaus in die Vergangenheit. Zum ersten Mal habe ich die bergige Stadtlandschaft von Tiflis als drei- oder vierjähriges Kind gesehen, auf dem Stuttgarter Killesberg, an der Hand meiner Mutter, wenn sie mit mir zur Haltestelle am Platz vor der Bundesgartenschau ging. In einer gelben Straßenbahn fuhren wir auf den gewundenen Straßen in die Stadt im Tal. Ein halbes Jahrhundert später konnte ich in Bratislava von meinem Schreib- und Lesesessel aus die von Villen dicht bestandenen Hügel der gutbürgerlichen Preßburger Wohnviertel der zwanziger und dreißiger Jahre im Wechsel der Wetterlagen, Tages- und Jahreszeiten betrachten. Sie zogen sich von der Burg am Donauhochufer, den Rand einer halbrunden Talsenke bildend, als Höhenzug dahin und verloren sich außerhalb meines Blickfelds in den Buchen- und Eichenwäldern der Karpaten.

Inzwischen lebe ich in Tiflis. Es ist Samstagmorgen. Dort drüben auf den Hügeln, die ich aus meinem Fenster sehe, werde ich heute Nachmittag wieder spazierengehen. Ich werde Villen, Baracken, Straßen, Treppen, Kirchen und Gärten sehen, von denen sich Ausblicke in das weite, sommerlich löwengelbe Tal eröffnen, auf die Hügel im Mittelgrund und auf die Fünftausender in der Entfernung. Überraschende Perspektivwechsel ergeben sich nach dem Aufstieg über lange Treppen zwischen weinlaubüberwachsenen Mauern und silbergrau verwitterten Holzzäunen. Eine Biegung in der gepflasterten kleinen Straße, hinter der jeden Moment (glaubt man in der träumerischen Geistesverfassung, die einsames Steigen und Gehen hervorbringt) der pazifische Ozean auftauchen muss, man scheint schon die Nebelhörner zu hören. Aber dann ist doch nur wieder eine neue Höhe erreicht, und eine Weile geht es, am Rand eines steileren Abhangs, ebenerdig weiter. Manchmal gerät man in einen Wald. Dann wieder steht man am Rand eines Felsabbruchs. Und überall begleiten dich in enzyklopädischer Formenvielfalt die Spontanarchitekturen, die hier auf jedem denkbaren Hanggrundstück gebaut worden sind, von Hütten aus Sperrholz und Wellblech bis zu historistischen Traumschlössern, wilden Jugendstilphantasmagorien und sachlichen Bauhauskuben.

Mir ist beim Spazierengehen auf den Höhen über Tiflis seither oft zumute, als hätte jemand den Stuttgarter Killesberg, die Karlshöhe, die Weinsteige und die Birkenwaldstraße durch einen Mixer gedreht und hier, am Abhang des Kaukasus, wo man weit in die gewaltige Landschaft hinaussieht, wieder ausgegossen. Und während ich dort im Licht warmer Septembersamstagnachmittage umherging – und später im Novembernebel, im ersten Schnee und an einem kalten Wintermorgen, der einen trotzdem schon den Frühling ahnen ließ –, habe ich wie unter einem Zwang versucht, mir die dramatische Biegung einzelner Straßen einzuprägen. Die Art, wie die Zweige eines Apfelbaums über die Stützmauer eines Gartens hinausragten. Wie die Staffeln dort aus manchen Blickwinkeln direkt in den Himmel hineinzuführen scheinen. Ich habe versucht, mir all jene Straßen und Gärten für immer klarzumachen, als würde, wenn ich das alles nur einmal innerlich ganz festhalten könnte, ich wieder jung und alles in meinem Leben wieder gut. Und dann bin ich hungrig geworden und über die Treppen von Tiflis wieder hinuntergestiegen ins Tal, wo eine der georgischen Kneipen auf mich gewartet hat und ein Essen, das ganz anders auch in der Jungsteinzeit nicht gewesen sein kann und in dem ich die Jahrtausende zu schmecken glaube im Brot, im Käse, im Gemüse, im gegrillten Fleisch. Und in einem oder zwei Gläsern des Weins, der zu dieser Landschaft gehört, zu dessen Bewirtschaftung die Treppen erfunden worden sind und in dem heute noch so etwas wie der Geist der Jungsteinzeit lebendig ist.


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Friday, January 17, 2014

WEBPROJECT: A Journalist's Perspective on the South Caucasus. By Onnik Krikorian




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Wednesday, December 04, 2013

STUDIE: Wirtschaftliche Entwicklung der Staaten des Südkaukasus. Von Matthias Dornfeldt (eurasischesmagazin.de)

Studie: Wirtschaftliche Entwicklung der Staaten des Südkaukasus - Eurasisches Magazin

(eurasischesmagazin.de) Der Südkaukasus ist seit Jahrhunderten Schauplatz von bewaffneten Konflikten und enormen Spannungen. Gleichzeitig gab und gibt es dank seines Rohstoffreichtums - vor allem von Öl und Gas - auch enorme wirtschaftliche Chancen in der Region, zu der Armenien, Aserbaidschan und Georgien zählen. Eine Studie des Berliner Zentrums für Regionalstudien in Bezug auf den Kaspischen Raum untersucht die wirtschaftliche Entwicklung der Staaten des Südkaukasus in der letzten Dekade unter besonderer Berücksichtigung Aserbaidschans.

Armenien, Aserbaidschan und Georgien haben in der letzten Dekade unterschiedliche Wege in Bezug auf Modernisierung, Globalisierung und Demokratisierung eingeschlagen. Allerdings prägte der Zeitraum von 2003 bis 2009 die drei Länder des Südkaukasus durch zweistellige Wirtschaftswachstumsraten bis zum Ausbruch der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise.

Armenien, das ärmste Land der Region, ist weiterhin politisch und wirtschaftlich wegen der Besetzung von Berg-Karabach und weiterer umliegender aserischer Gebiete, durch Aserbaidschan und die Türkei isoliert und deshalb fast vollständig von der Russischen Föderation abhängig. Russische Unternehmen übernehmen lukrative Teile der Wirtschaft des Landes, vor allem auf dem Gebiet des Energie- und Rohstoffsektors.

Georgien, dessen Regierung in der letzten Dekade eine radikale Privatisierung durchführte und ausländische Direktinvestitionen, vor allem aus Aserbaidschan und Kasachstan, anzog, hat immer noch mit den Konsequenzen des georgisch-russischen Krieges um Südossetien vom Sommer 2008 zu kämpfen. Damals wurden Teile der Infrastruktur zerstört und der Verlust des großen russischen Marktes für georgische Produkte, vor allem aus dem Nahrungsmittel- und Genusssektor, machten der stark agrarisch geprägten Wirtschaft des Landes zu schaffen. Zudem war der jüngste Machtkampf zwischen Präsident Michail Saakaschwili und Ministerpräsident Bidzina Iwanischwili der wirtschaftlichen Entwicklung Georgiens abträglich.

Aserbaidschan, das über große Vorkommen an fossilen Energieträgern verfügt, ist aufgrund der ausgleichenden und strategischen Energiepolitik sowie der Diversifizierung seiner Wirtschaft durch die Regierung in Baku der wirtschaftlich stärkste und am weitesten entwickelte Staat im Südkaukasus. Seit der Auflösung der UdSSR 1991, als das Land noch das unterentwickeltste der drei kaukasischen Unionsrepubliken war, über den Karabach-Krieg und den darauf folgenden innenpolitischen Wirren bis zum jetzigen Zeitpunkt, hat Aserbaidschan in kurzer Zeit einen beeindruckenden Modernisierungsweg beschritten.

Darüber hinaus hat es durch seine überlegte Außenpolitik der Regierung des Staatspräsidenten Ilham Alijew keine signifikanten Probleme mit den benachbarten Regional- und Großmächten. Durch den Bau der Erdölpipelines Baku-Supsa und Baku-Tbilissi-Ceyhan (BTC) sowie der Erdgaspipeline Baku-Tbilissi-Erzurum (BTE) wurde erstmals das russische Exportmonopol von fossilen Energieträgen aus dem postsowjetischen Raum nach Europa und auf die globalen Märkte durchbrochen und der „Südliche Energiekorridor“ gewann an geostrategischer Bedeutung. Mit der Errichtung der TANAP-TAP Erdgaspipeline wird in wenigen Jahren erstmals eine signifikante Menge an Erdgas aus Aserbaidschan auf den EU-Binnenmarkt fließen. Die solide wirtschaftliche Basis ist eine wichtige Voraussetzung für die politische Stabilität innerhalb des Landes und für die kontinuierliche Umsetzung der außenpolitischen Prioritäten. Beide sind von der Regierung des Aserbaidschans seit Jahren gewährleistet worden.

Für die Verbindungen in Eurasien von enormer Bedeutung

Die drei Staaten des Südkaukasus bilden eine geostrategisch bedeutende Brücke zwischen Europa und Asien. Am Schwarzen und Kaspischen Meer gelegen, an wichtige Regionalmächte, wie die Russische Föderation im Norden, die Türkei im Westen und die Islamische Republik Iran im Süden angrenzend, ist die Region für die Verbindungen innerhalb Eurasiens von enormer Bedeutung. Besonders wichtig ist der Südkaukasus für die landumschlossenen zentralasiatischen Republiken als Transitgebiet zu den westlich gelegenen Meeren.

In den Fokus der Weltpolitik geriet das Gebiet des südlichen Kaukasus in der Spätphase der UdSSR Ende der 1980er Jahre. Zum einen erfolgte dies durch die gewaltsam ausgetragenen interethnischen Konflikte um das zur aserbaidschanischen Unionsrepublik gehörende Gebiet Berg-Karabach sowie um die von Georgien abtrünnigen Teile Abchasien und Südossetien. Keiner der drei sogenannten frozen conflicts ist bis heute gelöst worden und prägt das Handeln der politischen Akteure in den drei Republiken maßgeblich. In Aserbaidschan beispielsweise leben heute eine Millionen Flüchtlinge aus Armenien, aus dem Kerngebiet von Berg-Karabach sowie aus den angrenzenden Territorien, die unter Kontrolle der Streitkräfte Armeniens stehen.

Zum anderen sind es die großen Vorkommen an Erdöl und Erdgas, die sich auf dem Territorium von Aserbaidschan befinden. Diese fossilen Energieträger sind bedeutend für die Diversifizierungsmaßnahmen der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union in Bezug auf die Erdgasimporte und für die Versorgung des globalen Erdölmarktes. Aserbaidschan ist derzeit das wichtigste Lieferland für den „Südlichen Energiekorridor“, dessen Bedeutung stetig zunimmt.

Georgien, Armenien und Aserbaidschan waren bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise durch hohe Wachstumsraten geprägt. In einem dieser Jahre konnte die Regierung in Baku mit 34 Prozent das weltweit höchste Wachstum verzeichnen. Diese Indikatoren sind Ausdruck eines gelungenen Transformationsprozesses in der Region. Alle drei Länder sind mittlerweile Mitglied des Europarates und der Östlichen Partnerschaft im Rahmen der EU-Nachbarschaftspolitik. Seit 2009 ist nun die Phase des wirtschaftlichen Aufstieges vorbei oder hat sich, wie im Fall des Aserbaidschans, etwas abgemildert. Armenien und Georgien haben aufgrund diverser Ereignisse mit einem ökonomischen Abschwung zu kämpfen, der zudem Auswirkungen auf die politische, soziale und sicherheitspolitische Situation in diesen Ländern hat. Aserbaidschan hingegen, das immerhin noch überdurchschnittliche Wachstumsraten vorzuweisen hat, befindet sich in einem Prozess, die Wirtschaft stark zu diversifizieren, um für die Zeit nach dem Öl Boom vorzusorgen. Dazu dient auch der Nationale Petroleum Fonds SOFAZ, der nach norwegischem Vorbild eingerichtet wurde und sich aus den staatlichen Einnahmen in Bezug auf fossile Energieträger speist.

In der Studie wird die wirtschaftliche Entwicklung der drei südkaukasischen Staaten im Zeitraum von 2003 bis 2013 analysiert. Neben zwei Kurzporträts zu den Ländern Armenien und Georgien liegt der Schwerpunkt des Berichtes auf der Länderanalyse Aserbaidschan, mit dem eindeutig stärksten und modernsten Wirtschaftssektor in der Region. 

Armenien – ärmstes Land im südlichen Kaukasus

Die Republik Armenien ist das kleinste und ärmste Land des südlichen Kaukasus. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) betrug das nominale BIP Armeniens im Jahr 2012 nur 10.551 Millionen USD (Rang 126), wohin gegen es für Georgien 15.803 Millionen USD (Rang 113) und für Aserbaidschan 71.043 Millionen USD (Rang 65) betrug.

Konnte zwischen 2000 und 2008 ein rasantes Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 1912 Millionen USD auf 11.662 Millionen USD verzeichnet werden, schwächte sich dieses aufgrund der globalen Wirtschaft- und Finanzkrise ab und erreichte bis heute nicht den Stand des Jahres 2007. (Nationaler Statistischer Dienst der Republik Armenien).

Die Armutsrate liegt seit 2009 im Durchschnitt bei 35 Prozent. Die Daten für 2012 liegen noch nicht vor. 2009 betrug die Armutsrate 34,1 Prozent, 2010 35,8 Prozent und 2011 35 Prozent. (Nationaler Statistischer Dienst der Republik Armenien).

Zudem hatte die Abkühlung der russischen Wirtschaft einen spillover Effekt auf die Ökonomie Armeniens. Das Land ist nach wie vor abhängig von russischen Direktinvestitionen, die bereits signifikante Teile des armenischen Energiesektors kontrollieren. Ungefähr die Hälfte aller ausländischen Investitionen kommt somit aus Russland. (Mit mehr als drei Milliarden USD machen russische Kapitalanlagen fast die Hälfte der ausländischen Direktinvestitionen in der kaukasischen Republik aus. Der russische Energiekonzern Gazprom wirkt am Bau der Erdgasleitung zwischen Armenien und dem benachbarten Iran mit und die Modernisierung des Wasserkraftwerkes am Rasdan-Fluss wird von der Firma Inter RAO EES durchgeführt. Der Warenumsatz zwischen beiden Ländern stieg 2012 zudem um 22 Prozent auf mehr als 1,2 Milliarden USD).

Darüber hinaus erhält die kaukasische Republik Wirtschafts- und Militärhilfe aus Moskau, was es der aus Berg-Karabach stammenden Führungselite in Jerewan um Präsident Sersch Sarkisjan und Ex-Präsident Robert Kortscharjan ermöglicht, das Gebiet sowie sieben weitere angrenzende aserbaidschanische Verwaltungseinheiten völkerrechtswidrig besetzt zu halten. Deswegen wird Armenien von regionalen Infrastrukturprojekten ausgeschlossen5, unterliegt Wirtschaftssanktionen von Seiten des Aserbaidschan und der Türkei, die auch ihre Grenzen zum Land seit 1993 geschlossen halten. (Die für 2014 geplante Fertigstellung der Eisenbahnverbindung Baku-Tbilissi-Kars hätte kürzer und kostengünstiger gebaut werden können, wäre sie über das Territorium Armeniens verlaufen).

Seit 2012 bemühte sich die Regierung Armeniens um eine engere Anbindung an die EU und die Institutionen in Brüssel würdigten die schnelle Implementierung von geforderten Maßnahmen, was dazu führte, dass das Assoziierungs- und umfassende Freihandelsabkommen zwischen der EU und Armenien Ende November 2013 beim Gipfel der Östlichen Partnerschaft im litauischen Vilnius hätte unterzeichnet werden können. Stattdessen wendet die Regierung in Jerewan der EU-Anbindung den Rücken zu und wird der Zollunion zwischen Kasachstan, Russland und Weißrussland beitreten. Die Präsidenten Armeniens und Russlands gaben bei einem Treffen am 3. September 2013 in Moskau eine diesbezügliche Erklärung ab. Zudem wird Armenien auch an der Bildung der Eurasischen Wirtschaftsunion teilnehmen. Dadurch begibt sich das Land in eine noch engere Abhängigkeit von Russland, wo auch der Großteil der armenischen Arbeitsmigranten im Ausland lebt und durch enorme Geldtransfers in das Heimatland die lokale Wirtschaft stimulieren. Turbulente Zeiten für Georgien

Georgien hat seit seiner Unabhängigkeit von UdSSR turbulente Zeiten durchlebt: Einen Bürgerkrieg, kontinuierliche interethnische Spannungen, schwache Zentralregierungen und einen Präsidenten, der das Land in einen Krieg mit Russland führte, bei dem zwei Gebiete seines Staatsterritoriums endgültig der Kontrolle der Regierung in Tbilissi entglitten.

Seit dem Amtsantritt der Regierung Saakaschwili vor knapp zehn Jahren wurden staatliche Institutionen konsolidiert, die Infrastruktur des Landes modernisiert sowie der Zugang der Bevölkerung zu öffentlichen Gütern erleichtert. Zudem begannen die öffentliche Verwaltung sowie die Versorgung mit Elektrizität und Wasser wieder zu funktionieren. Darüber hinaus wurden umfassende Wirtschaftsreformen durchgeführt, die dem Land ein ansehnliches wirtschaftliches Wachstum und einen hohen Zufluss an dringend benötigten ausländischen Direktinvestitionen bescherte. Im Zeitraum zwischen 2005 und 2007 war ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes um jährlich ca. zehn Prozent zu verzeichnen. In dieser Zeit gab es auch eine radikale Privatisierung staatlicher Unternehmen und anderer Vermögenswerte sowie eine neoliberale Marktderegulierung. Allerdings wurde die georgische Volkswirtschaft dadurch anfällig für externe Konjunkturschwankungen.

Das Jahr 2008 stellte dann eine Zäsur da. Durch die beginnende Weltwirtschaftskrise und den Augustkrieg zwischen Georgien und Russland endete das hohe inländische Wachstum. Das Resultat war eine enorme Zerstörung der Infrastruktur, Flüchtlingsströme aus Abchasien und Südossetien, die es zu versorgen galt und gilt, Vertrauensverlust der Kapitalmärkte in das Land und ein dadurch resultierendes schlechtes Investitionsklima. Die inländische Kreditvergabe stockte, so dass die Investitionen und der Binnenkonsum einbrachen. Ein 4,5 Milliarden USD umfassendes Hilfspakt internationaler Geber, das 2008 auf den Weg gebracht wurde, verhinderte den ökonomischen Zusammenbruch des Landes. Weniger als ein Viertel der Bevölkerung galt damals als arm, Tendenz steigend.

Das aserbaidschanische staatliche Erdöl- und Erdgasunternehmen SOCAR ist der größte ausländische Steuerzahler in Georgien. Somit ist Aserbaidschan auch im Ausland zu einem immer bedeutenderen Investor geworden. 

Aserbaidschan – attraktiver Wirtschaftsstandort im Südkaukasus

Eines der Hauptziele der Regierung Aserbaidschans in der vergangenen Dekade stellte die Verankerung der nationalen Volkswirtschaft in die Weltwirtschaft dar. Seit der Unterzeichnung des „Vertrags des Jahrhunderts“ im September 1994 in Baku, als der damalige Präsident Hejdar Alijew Energieunternehmen aus allen Teilen der Welt dazu einlud, an der Ausbeutung der fossilen Energieträger Erdöl und Erdgas des kaspischen Landes mitzuwirken, erfolgte eine komplette Öffnung gegenüber internationalen Investoren und eine intensive Integration moderner Technologien im sekundären Sektor der Wirtschaft Aserbaidschans. Die Umsetzung dieser Strategie in der vergangenen Dekade führte letztlich dazu, dass sich der Staat zu einem attraktiven und modernen Wirtschaftsstandort in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und speziell im südlichen Kaukasus entwickelt hat. Seit dem „Startschuss vom Bakuer Jahrhundertvertrag“ wurden bis zur ersten Hälfte 2013 über 143 Milliarden USD in die Wirtschaft Aserbaidschans investiert, wobei die Hälfte von ausländischen Investoren geleistet wurde. (Dabei handelt es sich überwiegend um Großunternehmen aus dem fossilen Energiesektor). Allerdings sinkt nun die Quote von Investitionen aus dem Ausland kontinuierlich, da inländische Investitionen eine immer größere Rolle spielen.

Die wirtschaftliche Entwicklung Aserbaidschans in den letzten zehn Jahren hat eine äußerst positive Tendenz zu verzeichnen. Das Geschäftsumfeld hat sich in der letzten Dekade stetig verbessert. Seit 2005 ist die Kaspi-Republik auf dem Gebiet des Wirtschaftswachstums global führend und 2007 war es die weltweit am schnellsten wachsende Volkswirtschaft. Zwischen 2000 und 2010 erreichte die Aserbaidschanische Republik zahlreiche beeindruckende Meilensteine: Die Realwirtschaft vervierfachte sich und das Exportvolumen veränderte sich um das 15-fache. Außerdem erhöhte sich das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 1995 bis 2010 um das Fünffache.

Das Weltwirtschaftsforum Davos stufte das Land 2010 als die wettbewerbsfähigste Volkswirtschaft auf dem Gebiet der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) ein. Zudem wurde Aserbaidschan von dieser Institution als der führende Staat der GUS im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie eingestuft. 2011 nutzten 65 Prozent aller Einwohner des Landes das Internet und heute sind es 70 Prozent der Bevölkerung. Im Doing Business Report 2007/2008 der Weltbank wurde das Land im Südkaukasus als der reformfähigste Staat kategorisiert. Allerdings ist die weitverbreitete einheimische Korruption eine große Herausforderung für die zukünftige erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung.

Transparency International berichtet von Fortschritten Aserbaidschans beim Kampf gegen die Korruption. Bei einer repräsentativen Umfrage, die von Transparency International in Aserbaidschan durchgeführt wurde, haben sich ca. 70 Prozent der befragten aserbaidschanischen Bürger positiv über die Maßnahmen der Regierung zur Korruptionsbekämpfung geäußert: So halten 20 Prozent der Befragten diese Maßnahmen der Regierung für sehr effektiv und 49 Prozent für effektiv.

Im aktuellen Bericht fällt positiv auf, dass der Anteil, der mit den Regierungsmaßnahmen zufriedenen Bürger in Aserbaidschan um das Dreifache höher als das Durchschnittsniveau anderer Länder ist. Darüber hinaus meinen ca. 73 Prozent der Bevölkerung Aserbaidschans, dass das Korruptionsniveau im vergangenen Jahr nicht höher geworden sei. Diese Einstellung der aserbaidschanischen Befragten unterscheidet sich vorteilhaft von der weltweit überwiegend negativen Tendenz in der Korruptionsperzeption. Denn ca. 50 Prozent der weltweit befragten Personen glauben, dass sich das Korruptionsniveau im vergangenen Jahr verdoppelt hat. Der Abteilungsleiter der Präsidialverwaltung für die Kooperation mit den Rechtsschutzorganen Fuad Alaskarov sieht den Bericht von Transparency International als Bestätigung der Erfolge der Regierungspolitik bei der Korruptionsbekämpfung. Die Erweiterung der Initiative „E-Government“, die Einführung der elektronischen Dienstleistungen für Bürger und Hotlines gegen Korruption sowie die Gründung der staatlichen bürgerfreundlichen Dienstleistungszentren „ASAN“ und die Schaffung der neuen Verwaltungsprinzipien, die die Korruption ausschließen und zur Erhöhung der Transparenz durch die Reformen in den staatlichen Behörden beigetragen haben, führten zu diesem Erfolg, so Alaskarov.

Der Bericht von Transparency International ist unter folgendem Link abrufbar: www.transparency.org.

Die Wachstumsrate im Nicht-Öl-Sektor betrug 2012 zehn Prozent. Das hat auch damit zu tun, dass bereits der peak oil, also das Maximum der Erdölförderung, 2010 erreicht wurde. (Es gibt unterschiedliche Angaben zum peak oil in Aserbaidschan. Einige Experten, wie Dr. Vusal Gasimli, Leiter der Abteilung für Wirtschaftsanalyse des Zentrums für Strategische Studien der Kanzlei des Präsidenten der Republik Aserbaidschan, gehen davon aus, dass Erdölproduktion erst ab 2015 sinken wird).

Dabei ist anzumerken, dass 2013 der Öl-Sektor immer noch einen Anteil von 44 Prozent an der Wirtschaftsleistung des Landes ausmacht. 75 Prozent der Einnahmen des Staates kommen aus diesem Wirtschaftssektor. (Gespräch mit Dr. Vugar Bajramow, Vorsitzender des Think Tanks Center for Economic and Social Development – CESD- am 22. August 2013 in Baku). Es ist hierbei anzumerken, dass sich mittlerweile die Wirtschaftsleistung zwischen dem Zentrum und der Peripherie langsam annähert.

Aserbaidschan erweiterte auch seine Wirtschaftsbeziehungen zu den Staaten Zentralasiens und engagiert sich beim Wiederaufbau der Wirtschaft Afghanistans. In der nordafghanischen Provinzhauptstadt Mazar-i-Sharif wurden 30 Millionen USD in den Neubau einer Raffinerie investiert. Zudem gibt es aserbaidschanische Auslandsinvestitionen im Midstream-Sektor (Raffinerien) in Kirgistan und Tadschikistan. Bezüglich der Türkei konzentriert sich das wirtschaftliche Auslandsengagement auf einen petrochemischen Komplex in der Stadt Izmir sowie auf das Pipelineprojekt TANAP.

Der Energie- und Rohstoffsektor

Bereits zur Wende des 19. zum 20. Jahrhundert wurde in Aserbaidschan, damals noch Teil des Kaiserreiches Russland, fast die Hälfte der globalen Erdölproduktion gefördert. Baku wurde zu einer der kosmopolitischsten Städte, die Unternehmer, Künstler und Wissenschaftler aus aller Welt anzog. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR hatte das kaspische Land erstmalig in seiner Geschichte die Verfügungsgewalt über seine energetischen Rohstoffe, die sich auf seinem Territorium on und off shore befinden. Bereits zu Zeiten der Sowjetunion zeigten westliche Energiekonzerne, wie British Petroleum (BP) 1989, Interesse an der Ausbeutung des Azeri-Chirag-Gunashli Erdölfeldes. Der zweite Präsident des Landes Albufaz Eltschirbey suchte Anfang der 1990er Jahre aktiv Kontakt zu westlichen Erdölunternehmen, mit der Absicht, Firmen aus der Russischen Föderation und dem Iran von der Förderung in seiner Heimat fern zu halten. Die staatliche Petroleum Firma SOCAR wurde 1992 gegründet, um die Ausbeutung der fossilen Energieträger im Land zu koordinieren. (Gespräch mit Prof. Dr. Rowschan Ibrahimow, Leiter der Abteilung Außenpolitik und politische Analyse des Zentrums für Strategische Studien der Kanzlei des Präsidenten der Republik Aserbaidschan, am 21. August 2013 in Baku).

Die nachgewiesenen Erdgasreserven betragen drei Billionen Kubikmeter. Das geschätzte Volumen der Ressourcen liegt aber deutlich höher. Die bedeutendste bekannte Produktionsquelle des Landes ist das Shah Deniz Feld. 2010 wurden dort 28 Milliarden Kubikmeter Erdgas gefördert, wovon 18 Milliarden Kubikmeter in die Nachbarstaaten exportiert wurden.

2018/19 wird die zweite Produktionsphase des Shah Deniz Feldes beginnen. Im Juni 2013 wurde entschieden, dass die Gasleitung vom Kaspischen Meer in die EU über die TANAP und die Trans Adriatic Pipeline (TAP), die erst durch die Türkei und dann über Griechenland, Albanien in das süditalienische Brindisi führt, gebaut werden wird. Getroffen wurde sie von einem Konsortium, das von den Energiekonzernen British Petroleum und Statoil (je 25,5 Prozent) angeführt wird, das die Erdgasvorkommen von Shah Deniz II fördert. Das Rennen um die Lieferung von kaspischen Gas nach Europa verlor die Erdgasleitung Nabucco West, ein von der EU unterstütztes Projekt, das durch Südosteuropa bis zum österreichischen Gas-Hub Baumgarten führen sollte. Ab 2018 fließen 16 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus dem Aserbaidschan in die Türkei und nach West- und Südeuropa über die 800 Kilometer lange und 1,5 Milliarden Euro teure Gasleitung, genannt TAP-Trans Adriatic Pipeline.

Darüber hinaus geht das staatliche Petroleum Unternehmen der Republik Aserbaidschan SOCAR davon aus, dass mit der Exploration und Ausbeutung weiterer Erdgasfelder die jährliche Produktion bis zum Jahr 2020 auf 50 bis 70 Milliarden Kubikmeter Erdgas gesteigert werden kann. Davon stehen dann 40 Milliarden Kubikmeter für den Export zur Verfügung. Bei den anderen Gasfeldern, die derzeit entwickelt werden, handelt es sich beispielsweise um das Umid Feld. Wissenschaftliche Untersuchungen haben belegt, dass es dort Erdgasvorkommen in Höhe von 200-250 Milliarden Kubikmeter gibt und es kann davon ausgegangen werden, dass sich das Volumen nach weiteren Bohrungen noch erhöhen wird.

Energiepolitik seit 1994

Die mittel- bis langfristige Energiestrategie der Regierung Aserbaidschans beinhaltet den Ausbau des Erdgassektors, um die schrumpfende Erdölproduktion auszugleichen. Trotz der hohen Vorkommen an Erdöl und Erdgas betreibt die Regierung in Baku eine Politik der Diversifizierung der Wirtschaft, damit auch für zukünftige Generationen der nationale Wohlstand gesichert bleibt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Entwicklung der Sektoren Bauwirtschaft, Informationstechnologie. (Präsident Ilham Alijew verfügte Anfang d. J. die Einrichtung einer Universität für Informationstechnologien. Zudem ist 2013 das Jahr der Informations- und Kommunikationstechnologien. Darüber hinaus hat das Land erfolgreich einen ersten Telekommunikationssatelliten im Weltall disloziert), Erneuerbare Energien (das sind in Aserbaidschan hauptsächlich off shore Windanlagen im Kaspischen Meer. Bis 2012 wurden insgesamt 1,5 Milliarden USD in diesem Sektor investiert. Am Ende dieser Dekade sollen es 10 Milliarden USD sein), Metallurgie, Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie, Bankensektor (Gespräch mit Dr. Vusal Gasimli, Leiter der Abteilung für Wirtschaftsanalyse des Zentrums für Strategische Studien der Kanzlei des Präsidenten der Republik Aserbaidschan, am 19. August 2013 in Baku) und dem Tourismus.

Das Jahr 2011 wurde in Aserbaidschan zum „Jahr der Tourismuswirtschaft“ ausgerufen, ein Neuanfang für den Tourismus des Landes sowie für die Positionierung der Hauptstadt als Event Ort für Großereignisse aus Kultur, Wissenschaft und Sport sowie Wirtschaft und Politik. Nach dem aserbaidschanischen Sieg beim Grand Prix Eurovision de la Chanson in Düsseldorf 2011 stand Baku vor einer großen Herausforderung, da bis dahin noch keine Großveranstaltung dieser Dimension stattgefunden hatte. Das Land hat innerhalb eines Jahres dieses Problem bestens gelöst. Die Mehrzweckhalle Chrystal Hall wurde für 25.000 Besucher errichtet und die entsprechende Infrastruktur wurde modernisiert. Obwohl westliche Medien, insbesondere aus Deutschland und Großbritannien, diesen Prozess kritisierten, wurde der Lieder-Wettbewerb professionell zur Zufriedenheit in- und ausländischer Besucher organisiert. Anschließend wurde der Veranstaltungsort für Konzerte von Jennifer Lopez, Rihanna und Shakira genutzt. Durch das moderne, von der Stararchitektin Zaha Hadid entworfene, Hejdar-Alijew-Zentrum ist Baku seit 2012 Ort von politischen und wirtschaftlichen Konferenzen von Weltrang. So tagten 2012 das Crans Montana Forum und 2013 das Weltwirtschaftsforum Davos in Baku.

Der Nationale Petroleum Fonds der Republik Aserbaidschan SOFAZ (Siehe unter www.oilfund.az), der den Wohlstand des Landes in der Zukunft nach norwegischem Vorbild (für detailliertere Informationen zum Norwegischen Petroleum Fonds siehe www.nbim.no) sichern wird, unterstützt den Ausbau der anderen Wirtschaftssektoren, beteiligt sich an der Armutsbekämpfung im Lande, wirbt für ausländische Direktinvestitionen, stärkt Institutionen des Marktes und stellt die makroökonomische Stabilität der Volkswirtschaft sicher. Darüber hinaus hält der Fonds Mittel bereit, die im Falle der friedlichen Lösung des Berg-Karabach Konfliktes zum Wiederaufbau des Gebietes und der umliegenden sieben Bezirke dienen soll. Die Kapitalinvestments des Fonds, analog zum Petroleum Fonds Norwegens, dürfen nicht im Inland wegen der Inflationsgefahr, sondern nur im Ausland getätigt werden und unterliegen hohen ethischen Standards.

Der Wert der Anteile von SOFAZ steigt kontinuierlich an und umfasste im August 2013 ca. 50 Milliarden USD. Des Weiteren stiegen die strategischen Währungsreserven Aserbaidschans Anfang 2012 auf über 43 Milliarden USD. Diese Reserven übersteigen um das Fünffache die Importe des Landes und ermöglichen ein hohes Niveau an ökonomischer Sicherheit und Solvenz. SOFAZ ist zudem der stolze Gewinner der Auszeichnung für den Öffentlichen Dienst der Vereinten Nationen, der prestigeträchtigen internationalen Anerkennung für Fortschritte in den Bereichen Transparenz, Verantwortlichkeit und Korrektheit auf diesem Gebiet.

Der Human Development Index des Entwicklungsprogrammes der Vereinten Nationen (UNDP) stufte 2010 Aserbaidschan vom Index der mittleren Entwicklung zur Gruppe der Länder mit einer hohen menschlichen Entwicklung hoch. Das reflektierte die Bereitschaft Aserbaidschans, das „Schwarze Gold“ in die Entwicklung des Landes und der Humanressourcen sowie der Verbesserung der Lebensbedingungen der einheimischen Bevölkerung zu investieren.

SOFAZ gesellschaftliche Verantwortung für die Ausbildung von einheimischen Nachwuchsführungskräften zeigt sich deutlich durch die Durchführung des „Staatlichen Programmes zur Ausbildung der aserbaidschanischen Jugend im Ausland im Zeitraum 2007-2015“. Die Studenten fokussieren sich in der Regel auf die Fächer Management, Wirtschaft, Medizin, Rechtswissenschaft, Informationstechnologien als Bachelor-, Master- und Promotionsstudenten an den besten Universitäten auf dem gesamten Erdball. (Gespräch mit Israfil Mammadow, Chief Investment Officer, und Ziya Kangarli, Stellvertretender Direktor des Risk Managements von SOFAZ am 20. August 2013 in Baku).

Die Außenpolitik des Aserbaidschans wird stark durch die Förderung fossiler Energieträger im Inland und deren Exporte auf die Märkte beeinflusst. Daher kann von einer dominanten Energieaußenpolitik, wie im Falle anderer Petrostaaten, ausgegangen werden. (Gespräch mit Dr. Elnur Soltanow, Leiter des Kaspischen Zentrums für Energie und Umwelt der Diplomatischen Akademie Aserbaidschans , ADA, am 21. August 2013 in Baku).

Infrastruktur für eine bessere Anbindung an Okzident und Orient

Die einzigartige Lage des Aserbaidschans an der Kreuzung von verschiedenen bedeutenden internationalen Transportrouten, wie der Seidenstraße und der Nord-Süd-Passage machen das Land geostrategisch bedeutend. Die Kaukasusrepublik war und ist der Initiator von wichtigen lokalen Infrastrukturprojekten, wie der Erdölleitung Baku-Tbilisi-Ceyhan (BTC) und der Erdgasleitung Baku-Tbilisi-Erzurum (BTE), die signifikant zur Entwicklung und Kooperation in der Region des Südkaukasus beigetragen haben.

Derzeit werden vier wichtige Infrastrukturprojekte auf dem kaukasisch-eurasischen Transportsektor umgesetzt, die die bessere Anbindung der Kaukasusrepublik an die europäischen sowie westasiatischen Märkte sicherstellen soll.

Dabei handelt es sich erstens um die Fertigstellung der Eisenbahnverbindung Baku-Tbilissi-Kars, die für kommendes Jahr geplant ist und derzeit den Ausbau der Strecke um die georgische Stadt Achalkalaki mit Krediten der aserbaidschanischen Seite an Georgien vorsieht. Diese Ost-West-Strecke, die eine Transportkapazität von 17 Millionen Tonnen an Gütern pro Jahr haben wird, ermöglicht der aserbaidschanischen Wirtschaft den Zugang zum türkischen und somit auch europäischen Eisenbahnnetz. Eine wichtige Lücke im Bereich des internationalen Schienenverkehrs wird dadurch geschlossen.

Daran knüpft ein weiteres Großprojekt in der Türkei an, welches auch signifikante Auswirkungen auf den Aserbaidschan haben wird. Es handelt sich dabei um die partielle Untertunnelung einer Eisenbahnstrecke am Marmara-Meer in Istanbul von 76 Kilometer Länge, die den asiatischen Teil der Türkei mit den europäischen gewährleistet und somit die Anbindung an die europäische Schieneninfrastruktur deutlich verbessert.(Für detaillierte Informationen zu diesem Projekt siehe unter www.marmaray.com.)

Das dritte bedeutende Infrastrukturprojekt ist der Bau des 400 Hektar großen Hafens an der Küste des Kaspischen Meeres in der Nähe der Stadt Aljat, die ca. 70 Kilometer südlich von Baku liegt. Die erste Bauphase wird 2015 abgeschlossen sein, was einen graduellen Transfer von technischer Infrastruktur des Hafens von Baku ohne größere Einschränkungen der maritimen Operationen ermöglicht. Nach Vollendung der dritten Bauphase wird der Hafen von Aljat der größte maritime Umschlagplatz von Gütern aus den Bereichen der nicht-fossilen Energieträger in der Region sein.

Das bedeutendste Projekt im Bereich des zivilen Luftverkehrs ist der Ausbau des internationalen Flughafens von Baku. Ein neues Terminal wird noch in diesem Jahr fertig gestellt, welches bis zu drei Millionen Passagiere pro Jahr abfertigen kann. (Gespräch mit Dr. Vusal Gasimli, Leiter der Abteilung für Wirtschaftsanalyse des Zentrums für Strategische Studien der Kanzlei des Präsidenten der Republik Aserbaidschan, am 19. August 2013 in Baku).

Ein weiteres Projekt, welches das derzeitige Verkehrschaos in Baku eindämmen soll, ist der Ausbau der Untergrundbahn. Die aserbaidschanische Hauptstadt wird heute von mehr als zwei Millionen Menschen bevölkert. Seriöse Schätzungen sagen eine Einwohnerzahl von knapp drei Millionen Bürgern im Jahr 2025 voraus. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt reisen auf den beiden, bereits bestehenden, Linien jährlich über 180 Millionen Passagiere. Deshalb wird die Metro auf insgesamt fünf Strecken ausgebaut.

Wirtschaftsbeziehungen zur Bundesrepublik Deutschland

Die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Aserbaidschan und Deutschland haben sich in den letzten zehn Jahren positiv entwickelt. 2011 wurde eine hochkarätige Arbeitsgruppe für Handel und Investitionen ins Leben gerufen. Am 12. November 2012 wurde in Baku die deutsch-aserbaidschanische Außenhandelskammer (AHK) gegründet, die von Bundesaußenminister Dr. Guido Westerwelle und seinem aserbaidschanischen Amtskollegen Elmar Mammadjarow am 14. März 2012 ins Leben gerufen wurde – die zweite nach Moskau auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Sie geht aus dem Deutsch-Aserbaidschanischen Wirtschaftsverband (DAWF) hervor, der seit 1999 im Lande aktiv ist und seitdem eng mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWI) sowie dem Deutschen Industrie und Handelskammertag (DIHK) und dem Centrum für Internationale Migration (CIM) kooperiert hat.

Immer mehr bilaterale Wirtschaftsbegegnungen und Konferenzen beleben den Handelsaustausch und die Investitionsfreudigkeit. In den verschiedenen Wirtschaftssektoren Aserbaidschans sind bereits mehr als hundert Firmen aus der Bundesrepublik Deutschland mittlerweile tätig.

Darüber hinaus können deutsche Unternehmen im Rahmen der Diversifizierungspolitik für die Wirtschaft des Landes, die den Nicht-Erdöl- und Erdgassektor betreffen, stark profitieren. Der südkaukasische Staat benötigt ausländische Investitionen, um die verarbeitende Industrie zu modernisieren, eine moderne Transportinfrastruktur zu errichten, die Kapazitäten für die Energieerzeugung und -verteilung zu erneuern und eine leistungsfähige Dienstleistungsgesellschaft zu errichten. Aber auch die Handelsmöglichkeiten sind für deutsche Unternehmen interessant, da die inländische Nachfrage nach Konsumgütern kontinuierlich steigt. Hierbei bieten sich auch für den deutschen Mittelstand große Chancen. (Vortrag von Hanns-Eberhard Schleyer, Staatssekretär a.D., Vorsitzender des Deutsch-Aserbaidschanischen Forums e.V., vor Mitgliedern des Wirtschaftsrates der CDU am 23. September 2013 in Berlin).

Der bilaterale Handelsaustausch zwischen beiden Staaten erlebte in den letzten Jahren ein starkes Wachstum. Die deutschen Erdöleinfuhren aus der Aserbaidschanischen Republik steigen stetig. 2012 betrug der Export in die Bundesrepublik 2,15 Millionen Tonnen Rohöl. Somit war die Kaukasusrepublik der siebtgrößte Rohölimporteur für Deutschland. (Vgl. Aserbaidschan aktuell. Wirtschaftsinformationsdienst der Zeitschrift Ost-West-Contact zu Aserbaidschan, Ausgabe 2-2013, Berlin 2013, S.3).

Zusammenfassung und Ausblick

Die Entwicklungen in der vergangenen Dekade haben gezeigt, dass sich die drei kaukasischen Staaten voneinander entfernen. Ein regionaler Integrationsprozess lässt sich nicht beobachten. Mehr als 80 Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes im Südkaukasus wird in Aserbaidschan erwirtschaftet.

Aserbaidschan, die regionale Wirtschaftsmacht mit seinem Ressourcenreichtum an fossilen Energieträgern und hohem Potential in anderen Wirtschaftszweigen unterhält als bedeutender Investor und Kreditgeber enge bilaterale interdependente Beziehungen mit Georgien, wo das Land bereits drei Milliarden USD investiert hat.

Der Kaspi-Staat sieht seine zukünftige ökonomische Bündnisperspektive nicht in der Zollunion zwischen Kasachstan, Russland und Weißrussland und der daraus im Entstehen begriffenen Eurasischen Union. Allerdings ist auch eine EU-Perspektive für die Kaukasusrepublik nicht attraktiv, da diese sich diesbezüglich an der Türkei orientiert und die entsprechenden Herausforderungen und Hindernisse Ankaras in Hinblick auf die EU-Vollmitgliedschaft kritisch beobachtet werden. Aufgrund des Ressourcenreichtums ist die Regierung in Baku nicht auf die finanziellen Transfers aus Brüssel, im Gegensatz zu Armenien und Georgien, angewiesen.

Georgien, in dem vor zehn Jahren während der Rosenrevolution und der damit verbundenen Machtübernahme von Michail Saakaschwili ein rasanter wirtschaftlicher Aufschwung durch eine Radikalprivatisierung, Liberalisierung des Marktes und der dadurch erfolgten ausländischen Kapitalzuflüsse begann, ist bedingt durch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und des verlorenen Augustkrieges gegen Russland der wirtschaftlich und sicherheitspolitisch größte Verlierer der drei südkaukasischen Staaten.

Armenien hat sich durch die Besetzung aserbaidschanischen Territoriums isoliert und ist maßgeblich wirtschaftlich von Russland, aber auch dem Iran abhängig und wird von allen bedeutenden regionalen Infrastrukturprojekten ausgeschlossen. Nichtdestotrotz hat das Land die Chance, bei einer Bereitschaft zur Lösung des territorialen Problems von Berg-Karabach, zu der der frühere Präsident Levon Ter-Petrosjan in Ansätzen bereit gewesen ist, vom Wirtschaftsboom in Aserbaidschan in verschiedener Weise zu profitieren und aufgrund seiner zentralen Lage im Südkaukasus eine bedeutendere Rolle zu spielen.

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Literatur: Business Guide Aserbaidschan 2013. Leitfaden für Direktinvestitionen und Kooperationen in Aserbaidschan, 2. Auflage, Berlin, Wegweiser Media & Conferences GmbH 2012.

Ibrahimow, Rowschan (Hsg.) (2013): Energy and Azerbaijan: History, Strategy and Cooperation, SAM, Baku 2013.

Jobelius, Matthias (2009): Länderanalyse Südkaukasus: Krise und Kriegsgefahr, Internationale Politikanalyse, Friedrich Ebert Stiftung, Berlin 2009.

Sammut, Dennis (2013): Democratization, modernization and globalization. The EU and the hard tasks facing the three South Caucasus Nations, Policy Brief, European Policy Center, Brussels 2013.

Zur Person: Matthias Dornfeldt
Matthias Dornfeldt, geb. am 3. März 1973 in Berlin, studierte Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an den Universitäten FU Berlin, Coimbra (Portugal) und Potsdam. Er spezialisierte sich dabei auf Außenpolitik, Diplomatie und Energiepolitik. Regional fokussierte er sich auf die Staaten der GUS und Georgien, als auch auf die Länder des Westbalkans. Nach Abschluss des Studiums arbeitete er für das Auswärtige Amt, Internationale Organisationen sowie für das Berliner Büro der Körber-Stiftung und das Aspen Institut Deutschland. Zudem unterrichtet er an der TU Chemnitz, der FU Berlin und der Universität Potsdam die Seminare „Methoden der Diplomatie“ sowie „Energieversorgungssicherheit der Bundesrepublik Deutschland“. Derzeit ist Dornfeldt als Wissenschaftler und Dozent am Berliner Zentrum für Regionalstudien des Kaspischen Raums der FU Berlin tätig.