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Saturday, January 03, 2015

KUNST: Ein schönes Maler-Porträt von Birgit Koss - über Zaza Tuschmalischvili und seiner Galleristin und Muse Annilie Hillmer (taz.de)

(taz.de) Ein Gefühl von Wärme - Auch ein gemalter Blumenstrauß hilft manchmal weiter: Für Zaza Tuschmalischvili öffnete sich damit mehr als eine Tür in Berlin - und längst fühlt sich der aus Georgien gekommene Künstler hier fest verwurzelt. 

Die Musik VON BIRGIT KOSS

Bereits als Jugendlicher ist Zaza Tuschmalischvili sich sicher: Er will Maler werden. In Georgien hat man den zwanzigjährigen Kunststudenten "Tusch mal" genannt - nicht ahnend, dass dieser Spitzname bereits die Ausübung seines Berufs in Deutschland vorwegnimmt.

Mehr als zwanzig Jahre lebt der 1960 in Georgien geborene Künstler nun schon in Berlin. Hier hat er Hunderte von Bildern gemalt, die mittlerweile in Europa, Japan und Amerika bei Kunstsammlern an den Wänden hängen. Dokumentiert sind sie in dem gerade erschienenen Katalog "Zaza Tuschmalischvili Einsichten Georgien -Berlin / Insights Georgia - Berlin", herausgegeben von seiner Galeristin Annilie Hillmer. Das Buch erzählt auch die Geschichte zweier Menschen, die sich 1994 in Berlin begegnen. Zaza Tuschmalischvili, der zierliche Kaukasier mit den dunklen Augen, und Annilie Hillmer, die große blonde Deutsche. Fasziniert von der kulturellen Andersartigkeit, beflügeln sie sich gegenseitig und eröffnen 2007 in Charlottenburg die Georgia Berlin Galerie. 
 
GEORGIA BERLIN GALERRY
GEORGIA BERLIN GALERIE. Berlin, Bleibtreustraße 17


Mit 20 Bildern im Gepäck

1991 - mit Beginn der Unabhängigkeit Georgiens - kommt Zaza Tuschmalischvili erstmals mit 200 US-Dollar und 20 Bildern im Gepäck am Berliner Hauptbahnhof an. Unter den Linden, neben den Bücherständen vor der Humboldt-Universität, stellt der Künstler seine Bilder aus und findet sofort Käufer. 1994 entdeckt Annilie Hillmer sein Bild "Rendezvous". Es zeigt einen jungen Mann, der einer Frau einen Blumenstrauß überreicht. Das Bild ist jedoch schon verkauft. Der Maler lädt sie deshalb ein, in seinem Atelier weitere Arbeiten anzusehen. Die Magie des Bildes "Rendezvous" führt zu einer bis heute fortdauernden Beziehung zwischen dem Künstler und der Psychologin und Autorin, die seine Muse und Galeristin wird.

Kurz nachdem sie sich kennengelernt haben, bietet Annilie Hillmer Zaza Tuschmalischvili an, in ihrer 200 Quadratmeter großen Wohnung zu arbeiten. Im Dezember 1994 eröffnen die beiden in der Charlottenburger Altbauwohnung ihren ersten Kunstsalon. Die hohen Wände sind mit Zaza Tuschmalischvilis Bildern bedeckt. Viele, die sich zur Vernissage einfinden, möchten eines dieser Kunstwerke erwerben. Aber Annilie Hillmer, der etliche dieser Bilder gewidmet sind, erklärt diese für unverkäuflich. Der Künstler hält sich still im Hintergrund.

Schon als Kind ist er lieber allein, rauft und spielt nicht mit den anderen. Am liebsten beobachtet er seine Umwelt, liebt die Tiere wie den Hofhund Buba. Seine Großmutter Tamara, bei der er in dem kleinen Dorf Skra bei Gori aufwächst, ist der wichtigste Mensch für ihn. Nachdem er als Siebenjähriger miterlebt, wie ein Dorfhund überfahren wird, liegt er zwei Monate krank im Bett, spricht nicht, will nicht essen. Das Trauma überwindet er, indem er anfängt zu malen. Inspiriert wird er von einem Buch mit Tierillustrationen, das unter anderem Hunde und Wölfe zeigt. Später werden diese immer wieder in seinen Bildern auftauchen.

Als Neunjähriger hat Zaza einen Leistenbruch und teilt im Krankenhaus das Zimmer mit dem Maler und Kunstlehrer Nugzari Zhochuaschvili. Dieser erkennt sein Talent und bestärkt den Jungen, nachmittags die kostenfreie Kunstschule in Gori zu besuchen. Mit 15 wird er an der Kunsttechnischen Schule im 30 Kilometer entfernten Zchinvali aufgenommen. Seine Großmutter zahlt die Miete. Beim anschließenden Militärdienst im damaligen Leningrad wird er beauftragt, politische Plakate und Schilder zu malen - ähnlich wie sein berühmtes Vorbild Niko Pirosmani.

Mit 22 erhält der Künstler ein Stipendium für die Akademie der Künste in Tiflis, wo er sich auf Fresko-Restaurierung spezialisiert. Als Diplomarbeit fertigt er eine Kopie des Erzengels Gabriel an, eine Wandmalerei aus dem 11. Jahrhundert in der Kirche Ateni Sioni. Aus dieser Zeit bleibt Zaza nicht nur das Arbeiten mit Eitempera erhalten, wie dies für mittelalterlichen Wandmalereien üblich war, sondern auch die Wahl seiner Motive - Himmel, beziehungsweise das Paradies, Erzengel und Cherubim.

Diese Motive tauchen auch in seinen in Berlin entstandenen Bildern immer wieder auf, werden ergänzt durch Themen wie Liebe, Kindheit, Spiel. Dabei stellt er sich immer neuen Herausforderungen, neuen Maltechniken und Experimenten. Die Bilder, die in seinem Inneren entstehen, scheint er mit einer scheinbaren Schwerelosigkeit auf die Leinwand zu bannen. Man findet sowohl Anklänge an die Surrealisten und Kubisten als auch an die sogenannten Naiven. Zaza Tuschmalischvilis Bilder vermitteln immer ein Gefühl von Wärme, Licht und Helligkeit und erinnern so an "sein Georgien".

Heute antwortet er auf die Frage nach seiner Heimat spontan: Berlin. Er liebe diese Stadt und fühle sich hier verwurzelt. Am liebsten sitzt er am großen Küchentisch mit vielen georgischen und deutschen Freunden, gutem georgischen Essen und Wein. Dann fliegen die Trinksprüche hin und her, "Auf die Frauen, die Liebe, die Schönheit, langes Leben, Erfolg" - "Gaumatschos!" (Zum Wohl!).

Aktuelle Arbeiten von Zaza Tuschmalischvili sind bis 15. Januar in einer Ausstellung in der Georgia Berlin Galerie, Bleibtreustr. 17, zu sehen

Mit einer scheinbaren Schwerelosigkeit scheint er seine Bilder auf die Leinwand zu bannen

Mehr hier unter dem Label: georgien.blogspot.de/Zaza Tuschmalischvili

Friday, September 12, 2014

SONG: Georgischem Trio Mandili gelingt Youtube-Hit. Von Gereon Asmuth (taz.de)



(taz.de) Platonische Liebe mit Wodka

Drei junge Frauen spazieren singend durch eine grüne Landschaft. Der berührende Song erzählt von einem besonderen Liebesritual.

Dies ist eine der wunderbaren Geschichten aus den hintersten Winkeln des globalen Dorfes. Sie beginnt mit einem Video, dass gerade bei den sozialen Medien die Runde macht. Es zeigt drei junge Frauen, die singend durch eine Berglandschaft spazieren. Die erste filmt das Trio offenbar selfiemäßig mit ihrem Smartphone (das Video ist in zeitgemäßem Handyhochformat), die zweite hat ein kleines Mädchen an der Hand, die dritte spielt ein gitarrenähnliches Instrument. 

Trio Mandili aus Georgien
Mal sieht man den kargen Weg, mal schwenkt die Kamera auf die grünen Bäume, mal zeigt sie die Frauen, wie sie fröhlich Grimassen schneiden, mal quatscht das kleine Mädchen. So weit so gut, so unspektakulär. Wären da nicht diese Stimmen, wäre da nicht dieser unglaublich schöne, harmonische, dreistimmige, beeindruckend professionelle Gesang, der einen auf der Stelle berührt. Der einem das Gefühl gibt, gerade etwas ganz besonderes zu hören, auch wenn man kein Wort versteht.

Letzteres stört offenbar die wenigstens, das zeigen die Klickzahlen bei youtube. Dienstagmittag stand der Zähler bei 230.000, am Mittwoch wurde bereits die 500-000-Marke erreicht. Dabei ist das Video erst seit Freitag online. Und glaubt man der youtube-Statistik, wurde es in den ersten vier Tagen im Schnitt nur ein paar hundert mal pro Tag geklickt, bevor es nun frömlich durch die Decke schießt.

Offensichtlich, soviel ist schnell klar, stammt das anrührende Lied aus Georgien. Das verrät der Google-Übersetzer, wenn man die seltsam geschwungenen Buchstaben, die das Video begleiten, dorthin kopiert. Die drei Frauen nennen sich Trio Mandili, man findet auf ihrem youtube-Kanal ein paar weitere, ebenfalls sehr herzergreifende, sehr einfache Gesangsvideos. Mal sitzen zwei der drei an einem Flussufer. Und singen. Mal sitzen die drei im Gras. Und singen. Mal werden sie in einem Park von einem Bongospieler begleitet. Und singen. All diese Videos stehen aber erst bei ein paar tausend Klicks - und auch die sind vor allem erst in den letzten beiden Tagen zusammengekommen, offenbar beflügelt durch den viralen Hit der drei.

Mehr über die Sängerinnen herauszufinden ist nicht ganz einfach. Zwar findet man die seit April bestehende facebook-Seite des Trios, auch haben sie eine eigene Webseite, aber auch dort sind vor allem noch ältere Videos von Auftritten zu finden sowie Fotos, die die drei in Trachtenkleidern zeigen - ansonsten aber nur für die meisten Mitteleuropäer unverständliche georgische Buchstaben.

Unvergleichlich und einfach

Auf einer Webseite, die über Reisen nach Georgien informiert, findet man ein paar grundsätzliche Erklärungen über die spezielle Musik-Tradition in dem kaukasischen Land. "Der georgische Gesang zählt zu den kostbarsten Schöpfungen der Menschheit. Volkslieder und georgische Choräle weisen einen hohen Grad an Harmonienkomplexität auf mit drei bis vier eigenständigen Stimmen. Die archaischen Tonfolgen sind schlicht und entfalten in der Mehrstimmigkeit eine außergewöhnliche Spannung und Intensität", heißt es dort. Vorangestellt ist dem ein Zitat des russischen Komponisten Igor Strawinski, der gesagt haben soll: „Was die Georgier singen ist wichtiger als alle Neuentdeckungen der modernen Musik. Es ist unvergleichlich und einfach. Ich habe nie etwas besseres gehört!“ Man möchte ihm da unbedingt zustimmen. 

+++

Für Klickfaule und da ich nicht sicher bin, ob der Link auf Dauer funktioniert, hier noch die englische Übersetzung der russischen Übersetzung des georgischen Textes, wie man sie bei reddit findet:

“Look at the sky
The moon is aligning with the Bear’s Cross (Медведев Крест).
«Why are you looking like that with your black eyes, girl?
You are watching me.”
“I want to be your Equal today.
So that we can spend the night in an inspiring conversation.”
“Don’t try to confuse me, girl.
Отстань поими сказанное” (??)
The night sky is covered in blankets of stars.
The moon has aligned already with the Bear’s Cross
“Where are you, boy, wherever did you go.
Maybe you waited for me after all.”
The night passed in conversations
Morning approached, reach with mildew.
Dawn likes a bottle of “araki” (fruit vodka)
A bottle containing the necessary drink.
The equal brought the bottle with drink
The morning approached the noon.
The boy drank his drink with a horn
And smiled fondly
The girl presented him food and lowered her head
“Say something else”
The drink blurred his mind a little
And the Equal is sitting with him
“What dirty thoughts came to me, let the god be angry with me”
He got ashamed of himself and lost his colour
And left in the direction of Bear’s Cross on his way to Khakhmati.

Quelle: reisen.grimo.info

Neue website: Trio Mandili 

Wednesday, April 10, 2013

LITERATUR: Die Rettung der Buchpersonen ist das große Projekt des deutsch-georgischen Autors Giwi Margwelaschwili. (taz.de)

(taz.deMindestens für drei Tage verreist

LESEGLÜCK Die Rettung der Buchpersonen ist das große Projekt des deutsch-georgischen Autors Giwi Margwelaschwili. Seine literarischen Zeitreisen verwandeln den Leser in einen Expeditionsteilnehmer

VON INSA WILKE

Kein anderer Autor der deutschsprachigen Literatur bemüht sich so unermüdlich um seine Leser wie Giwi Margwelaschwili. Dabei hat er nur eines im Sinn: die Rettung der Buchpersonen, wie er literarische Figuren nennt, und die Erforschung der Buchweltbezirke, also der Welten, die in Büchern entworfen werden. Denn so, wie sein eigenes Leben von einem fremden Text bestimmt war, so sind auch die Figuren der Literatur, die Buchpersonen, in ihren Büchern gefangen.

Geboren wurde Margwelaschwili 1927 in Berlin. Seine Eltern waren vor der Roten Armee aus Georgien geflohen. Die Mutter starb im Exil. Vater und Sohn wurden 1946 vom russischen Geheimdienst entführt und getrennt. Den Vater sah Margwelaschwili niemals wieder. Er selbst wurde nach Gefangenschaft und Lageraufenthalt - noch auf deutschem Boden - als Neunzehnjähriger nach Georgien verschleppt. Obwohl er als junger Mann kein Georgisch und Russisch sprach und in der Heimat der Eltern als Fremder, sogar als Spitzel wahrgenommen wurde, studierte er Philosophie und gehörte bald zu den wichtigen kritischen Intellektuellen in Tbilissi, der heutigen Hauptstadt Georgiens.

In seiner Muttersprache, auf Deutsch, schrieb er in den 40 Jahren bis zum Ende des Kalten Krieges ein literarisch-philosophisches Lebenswerk, das seinesgleichen sucht. Seinen eigenen Lebenstext konnte Margwelaschwili nicht ändern. Aber wenigstens das Schicksal der Buchpersonen lässt sich verbessern. Das klingt allerdings einfacher, als es ist, denn auch die Buchwelt hat ihre Regeln und man muss die Lücken dazwischen finden. Nach solchen Lücken hat Margwelaschwili auch in Saarbrücken gesucht, als er 1990 Stadtschreiber dort war. Entstanden ist der Roman "Das Lese-Liebeseheglück": Mit Persönlichkeiten des kulturellen Lebens der Stadt startet Margwelaschwili vom Frühstücksraum des Hotels Fuchs aus eine Expedition in die Geschichtsbuchwelt des Jahres 1786, um das Eheglück des Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken mit Katharina Kest zu verlängern.

Dafür gilt es, die Zeit anzuhalten und die Französische Revolution hinauszuzögern: "Es ist soweit. Lieber Leser, jetzt kommt alles auf Sie an. […] Sehen Sie den Wandbehang an der Hinterwand dieses Frühstücksraums? Der Wandteppich ist ziemlich groß und zeigt eine Jagdszene […]. Meine Damen und Herren, haben Sie zu Hause Bescheid gesagt, dass Sie mindestens drei Tage weg sein werden? Ja? Dann ist alles in Ordnung. Nun, lieber Leser, was zögern Sie noch?"

Eine Zeitreise! Wer hat nicht schon davon geträumt? Der Gobelin ist das Eintrittstor ins 18. Jahrhundert. Den Sprung hinein ermöglicht der Leser: Seine Phantasie lässt die Geschichtsbuchwelt lebendig werden. Man hat es bei diesem Buch nicht nur mit einer phantastischen Abenteuergeschichte und einem historischen Roman über die Traumatisierung der Saar-Region zu tun, wie Ralph Schock in seinem hilfreichen Nachwort erklärt. Margwelaschwili führt auch ein klassisches philosophisches Gespräch. Äußerst unterhaltsam ist das allein durch seine Liebe zum Sprachspiel. Mit Witz lernt man Grundsätzliches über Literatur. Und über das gute Leben im schlechten, denn darum geht es immer bei ihm.

Margwelaschwili verwandelt den Leser in einen der besten Sorte: in den aktiven, in der Buchwelt anwesenden Leser. Den braucht es wiederum dringend in seiner "Fluchtästhetischen Novelle", die soeben beim Verbrecher Verlag erschienen ist. Hier geht es um die vertrackte Tatsache, dass Buchpersonen gelesen werden müssen, sonst sterben sie an der "Leserschwindsucht".

Ein solchen Tod droht dem jungen Wakusch, Margwelaschwilis Alter ego, der Hauptfigur seines autobiografischen Riesenwerks "Kapitän Wakusch": "So musste unsere junge nachkriegsgefangene Buchperson Wakusch bald feststellen, dass ihr Geheimnis im deutschen Sprachraum kaum einen Leser interessierte. Was mit ihr in der Sowjetunion geschehen würde, war den meisten Realpersonen, die am Anfang ihrer Lese-Lebensgeschichte noch fleißige Leser waren, dann schon egal geworden. Einer nach dem anderen hatte sich langsam aus ihrem Buch verkrümelt."

Mit dem "Lese-Liebeseheglück" hat Margwelaschwili sich das Gespräch über seine Buchweltbezirke geschenkt, das in der Realwelt nur selten jemand mit ihm führen möchte. In der "Fluchtästhetischen Novelle" nimmt er ebenfalls selbst das Ruder in die Hand, um seinem Wakusch das Überleben zu sichern. Wakusch sitzt im Jahr 1947 auf dem Flughafen in Berlin-Schönefeld und soll nach Georgien verfrachtet werden. Das war das Ende vom zweiten Band der Autobiografie. Jetzt aber startet die Maschine nicht, denn die Leser-Energie fehlt. Erfreulich ist: Wakusch wird nicht verschleppt. Unerfreulich hingegen: Er wird vor lauter Lesermangel schon ganz löchrig.

Wakusch rätselt über die Gründe seines Nichtgelesenwerdens und des daraus resultierenden Nichtgewolltwerdens des dritten Teils seiner Autobiografie. Sein potenzieller Leser, dem er auf dem Pissoir begegnet, fragt: "Was meinen Sie, sind die unveröffentlichten Partien Ihrer Lese-Lebensgeschichte so, dass sie einen Verlag abschrecken könnten, sie zu drucken? Sind sie zum Lesen vielleicht zu abstrakt, zu spielerisch, zu surrealistisch-phantastisch? Solche Literatur steht bei uns in Deutschland zur Zeit nicht besonders hoch im Kurs." Wakusch versteht die Ignoranz nicht: Erzählt sein Leben nicht auch vom Homo fugiens und dem allgemeinen Phänomen der Migration, vom Leben in der Warteschlaufe, das doch heute in Deutschland interessieren muss? "Auf-der-Fluchtsein", die übliche Form der Migration, sei ja eine Lebenshaltung, die sich auf die Nachkommen übertrage. Seine Sprache mit ihren Neologismen und Einsprengseln aus dem Georgischen sei doch leicht zu erklären, nämlich als "sprachlich geformtes Fliehen".

Wakusch beginnt, sich selbst, ohne Leser weiterzudenken. Dadurch erfährt man schon in diesem literarischen, poetologischen Lehr- und Zwischenstück etwas von seinen subversiven Versuchen, die Sowjets am Schwarzen Meer durch "Zaubersound" und "Seelengrundveränderungstöne" zu Verstand zu bringen. Man möchte Wakusch und seinem Autor von heute und hier aus der Realwelt zurufen, er solle sich keine Sorgen machen: Die Leser werden nicht ausbleiben. Die alten nicht und nicht die neuen.

Giwi Margwelaschwili: "Das Lese-Liebeseheglück". Gollenstein, Merzig, 447 Seiten, 24,90 Euro

Giwi Margwelaschwili: "Fluchtästhetische Novelle". Verbrecher Verlag, Berlin, 140 Seiten, 18 Euro

Wakusch sitzt im Jahr 1947 auf dem Flughafen in Berlin-Schönefeld und soll nach Georgien verfrachtet werden. Das war das Ende vom zweiten Band der Autobiografie. Jetzt aber startet die Maschine nicht, denn die Leser-Energie fehlt

Tuesday, January 08, 2013

LITERATUR: Deutsche Schriftsteller in Georgien. Von Jörg Magenau (taz.de)

Das Handyklingeln der Freiheit 

Kurz nach dem Regierungswechsel in Georgien reisen deutsche Schriftsteller in das Land. Bei den Lesungen zelebriert das Publikum eine neue Freiheit: telefonieren. 

(taz.de) TBILISSI taz | Das Angebot bestand darin, „embedded“ mitzufahren, als ginge es mit schusssicherer Weste in ein Kriegsgebiet. Ich sollte als Journalist aber nur eine Gruppe von deutschen Schriftstellern – Jenny Erpenbeck, Olga Grjasnowa, Annett Gröschner, Michael Kumpfmüller und Benjamin Stein – auf einer Reise in die georgische Hauptstadt Tbilissi begleiten, an einen sonnigen, friedlichen Ort. 


Wenn man Autoren schon nicht beim Schreiben beobachten kann, dann doch immerhin beim Reisen – und das ist für viele sowieso der Hauptbestandteil ihres Berufs. Schriftsteller sind heutzutage fahrende Leute, Handelsreisende in eigener Sache. Im Ausland verwandeln sie sich in Botschafter. 

Wie so viele derartige Welterkundungen wurde auch die Georgienfahrt vom Literarischen Colloquium Berlin organisiert und vom Goethe-Institut unterstützt. Die Texte, die vorgelesen werden sollten, waren vorausgereist und in Workshops übersetzt worden; eine georgische Broschüre mit Romanauszügen in der schönen, verschnörkelten Schrift des Landes war entstanden, und so war das wichtigste Resultat der Reise schon fertig, bevor wir den Boden Georgiens betraten. 

Übersetzungen herzustellen ist eine anspruchsvollere Aufgabe, als die Körper der Schriftsteller per Flugzeug herbeizuschaffen. Doch der ideelle Transfer der Sprachen, Literaturen, Kultur ist durch die physische Präsenz der Urheber unterstützbar. Das ist die Idee, und die ist gar nicht schlecht.
Laute Freiheitsglocken
Würde man die Reise allerdings nur am ersten Leseabend im Goethe-Institut messen, dann müsste sie als gescheitert bezeichnet werden. Sichtbar wurden hier vor allem die Differenzen. Das georgische Publikum demonstrierte, dass es Wichtigeres gibt als Lesungen: nämlich das eigene Handy. Unentwegt wurden Klingeltöne vorgeführt, als ob aus den kleinen Melodien die große Symphonie der Großstadt entstehen sollte. Das anschwellenden Summen und fröhliche Fiepen mündete in kollektive Begeisterung. Klingeltöne sind eine rudimentäre, aber unumstößliche Form der Vergesellschaftung. 

Dabei, so ist hier immer wieder zu erfahren, habe man in den vergangenen Jahren unter Präsident Saakaschwili am Telefon nur noch übers Wetter und unverfängliche Dinge gesprochen, aus Angst vor ungebetenen staatlichen Mithörern. Ob es sich dabei um eine Paranoia aus sowjetischer Zeit oder um eine reale Sorge handelt, ist schwer zu entscheiden. Dass die allgemeine Stimmung diese Befürchtung möglich machte, ist aber schlimm genug. 

Demnach ist die Klingeltondemonstration dieses Abends auch als Läuten der Freiheitsglocken zu verstehen, obwohl in den Tagen, die wir hier verbringen, niemand so ganz genau zu sagen vermag, was denn nun mit der neuen Regierung Iwanischwili anders werden wird und was genau an der alten so schrecklich war. Vielleicht ist der Wechsel vor allem eine Stimmungsfrage und erfüllt seinen Zweck schon in sich selbst: Ein Regierungschef ist abwählbar, ein neuer kommt ins Amt. Das ist die Probe auf die Demokratie. Saakaschwili könnte, wenn der Machtwechsel funktioniert, im Abgang zu einem Helden der georgischen Geschichte werden. 

Stephan Wackwitz, als Leiter des Goethe-Instituts seit einem Jahr in Georgien, nahm das Klingeltonkonzert gelassener als die überraschten deutschen Gäste, denen das Lesen damit schwer gemacht wurde. Die Jahre zuvor hat er in New York verbracht, ist aber froh, nun hier in Tbilissi sein zu dürfen. New York, so sagt er, sei nur noch ein Museum der Moderne des 20. Jahrhunderts. Hier aber, in Georgien, sei eine Dynamik spürbar, hier entstehe etwas Neues. Er sei sicher, dass das Land in wenigen Jahren auch touristisch entdeckt werde.
Gäste aus der Zukunft?
Zwei Tage später, bei der Lesung im Literaturmuseum, zeigt Direktor Lascha Bakradse, Hausherr und Moderator des Abends, den Zuhörern, wie man ein Handy auf stumm schalten kann: mit durchschlagendem Erfolg. Benjamin Stein präsentiert mit seinem Roman „Replay“ dazu das passende futuristische Szenario. In dieser Welt werden die Chips der Handys nicht mehr extern im Gerät, sondern im menschlichen Körper implantiert. Mit ihrer Hilfe lassen sich Erinnerungen generieren – und zwar nicht als einfach Wiederholung, sondern als Wunscherfüllung. 

Das Angebot der technologischen Verschönerung der Geschichte funktioniert wie eine Droge. Steins Vision einer Herrschaft, die nicht auf Unterdrückung, sondern auf lustvoller Freiwilligkeit beruht, ruft lebhafte Reaktionen hervor. Was er damit sagen wolle? Ob er ein Moralist sei? Nein, sagt er und erzählt, dass er als Unternehmensberater in der Informationsbranche arbeite. 

Vielleicht werden die deutschen Gäste hier tatsächlich als Besucher aus der Zukunft wahrgenommen, einer europäischen Zukunft. Die Herzlichkeit des Empfangs, die überall spürbare Freundlichkeit der Menschen, ist nicht berechnend, drückt aber sehr wohl den Wunsch nach Zugehörigkeit aus. Der Westen ist keine Himmelsrichtung, sondern ein Ansporn. Im Jahr 2015 möchte Georgien Gastland der Frankfurter Buchmesse werden. Die Gegenwartsliteratur ist lebendig und vielfältig genug. Knapp 3.000 Titel erscheinen pro Jahr, ein Viertel davon Belletristik. Doch es ist nicht leicht, die engen kaukasischen Sprach- und Schriftgrenzen zu überwinden. 

Im georgischen Ministerium für Kultur und Denkmalschutz empfängt mich Medea Metreweli, die das Literatur-Förderprogramm leitet. Medea ist ein verbreiteter georgischer Frauenname. Die griechische Mythologie, die aus der Kolcherin Medea eine kindertötende Barbarin gemacht hat, konnte ihm nichts anhaben. Medea Metreweli, wie viele Georgierinnen eine wunderschöne Frau, sitzt mir nun in einem riesigen Konferenzsaal an einem riesigen ovalen Tisch gegenüber. Leichter vorstellbar als ein Gespräch über Literatur wären hier 24 Generäle bei einer dringlichen Erörterung der Lage.
Puschkins rotes Notizbuch
Sie nennt mir all die Förderprogramme, Übersetzungen, Reprints alter Bücher und Anthologien georgischer Gegenwartsliteratur, die ihr Ministerium ermöglichte, und gewährt mir ein bezauberndes Lächeln. Ich denke an die kleine Flasche Wein, die jeder Einreisende bei der Passkontrolle am Flughafen als Gastgeschenk erhält: „Welcome to the Land of 8.000 Vintages.“ 

Im Literaturmuseum wartet bereits Lascha Bakradse, der eine kleine Führung durch das Archiv anbietet. Nicht nur 200.000 Handschriften lagern hier, sondern auch Devotionalien der Literaturgeschichte: kostbare Taschenuhren, alte Gewehre, Tabakpfeifen, Trinkhörner und was in einem Dichterleben sonst noch so anfällt. Dazu gehören auch die zwei Patronen, mit denen 1907 der große Dichter Ilia Tschawtschawadse erschossen wurde – vermutlich von Bolschewisten, sagt Lascha Bakradse, der es wissen muss, weil er die Tschawtschawadse-Biografie seines Vaters ins Deutsche übersetzt hat. 

Puschkins rotes Notizbuch – oder vielmehr der Einband des Notizbuchs – ist ein weiteres, eindrucksvolles Einzelstück. So wie Georgien als Land der Sehnsucht, in dem Zitronen und Orangen blühen, zur russischen Literatur gehört, so gehören die russischen Dichter zur georgischen Literaturgeschichte – und also auch ihre Notizbucheinbände. 

„O sing’ Du Schöne, sing’ mir nicht / Georgiens wehmutvolle Lieder / Sie wecken wie ein Traumgesicht / Mir fernes Land und Leben wieder“, dichtete Puschkin, und Pasternak rühmte in den „Briefen nach Georgien“ das „Zauberische, das mir auf all meinen georgischen Reisen begegnete und das nicht allein durch den Süden zu erklären ist, durch die Berge, den weiten georgischen Charakter, die Schönheit seiner Frauen, durch die Begeisterung und das Gefühl des Erhobenseins auf den geräuschvollen, menschenreichen Banketten; es ist noch etwas Geheimnisvolleres, Tieferes in allen diesen Bestandteilen.“
Als wäre die Sowjetzeit festgehalten
Museum und Archiv sind dringend renovierungsbedürftig. Am Gebäude ist seit Jahrzehnten nichts gemacht worden; das Geld reicht kaum, um die Angestellten zu bezahlen. Man geht durch lange, knarrende Korridore und düstere Zimmer. An den Wänden hängen Ölbilder mit bärtigen Männern und abenteuerlich verlegte Stromkabel. Es ist, als wäre das Gebäude selbst das Museum, als wäre die Sowjetzeit in diesen Mauern festgehalten und dünste immer noch ihren muffigen Geruch aus. 

Man trifft darauf immer wieder, inselartig, inmitten einer Gesellschaft in Bewegung: starr blickende Uniformierte; undurchschaubare Anordnungen; Kirchengebäude, denen anzumerken ist, dass sie siebzig Jahre lang als Scheune benutzt wurden; oder die auf einer hohen Säule stehende Sonnen-Statue auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt, die Schewardnadse dort errichten ließ. Sie geht zurück auf einen Besuch Breschnews in den 80er Jahren und dessen Bemerkung, in Georgien gehe die Sonne im Norden auf, da, wo Moskau liegt. Heute arbeitet man daran, dass sie wieder regulär im Osten erscheint, hinter den Bergen, und im Westen untergeht. Denn das ist die reale Lage des Landes an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien.

Am Schluss des Leseabends versammeln sich die fünf deutschen Autoren auf der Bühne und stellen sich den Fragen des Publikums. „Welche Farbe hat Berlin?“ „Wie stark müssen Sie sich anpassen an das, was verlangt wird?“ „Welche Tendenzen sehen Sie in der deutschen Literatur?“ „Wie repräsentativ sind Sie?“ „Was haben Sie über Georgien gelesen?“ Das alles ist schwer und nur unbefriedigend zu beantworten. Dass Tbilissi aber sehr viel kräftigere Farbtöne enthält als Berlin – das steht fest.

Monday, October 01, 2012

WAHLKAMPF IN GEORGIEN: Präsident unter Druck. von Barbara Oertel (taz.de)

(taz.de) Zehntausende Georgier ziehen gegen Amtsinhaber Saakaschwili auf die Straße. Selten war ein Wahlkampf so polarisiert und aggressiv. 

TIFLIS taz | Auf dem Rustaveli-Prospekt, der Hauptstraße der georgischen Hauptstadt Tiflis, ist an diesem Samstag kein Durchkommen mehr. Zehntausende schieben und schubsen sich in Richtung Freiheitsplatz. Viele von ihnen tragen himmelblaue T-Shirts mit der Aufschrift „Georgischer Traum“ und schwenken gleichfarbige Fahnen oder die georgische Nationalflagge. Überall werden stapelweise CDs mit den Reden und Auftritten von Bidsina Ivanischwili verteilt. Alle hier wollen ihr Idol sehen – den Oligarchen und politischen Hoffnungsträger. 

Erst im vergangenen Herbst war der 56jährige, der laut den US-Wirtschaftsmagazin Forbes mit einem geschätzten Vermögen von 4,8 Milliarden Euro einer der reichsten Männer der Welt ist, in die Politik gegangen. Nun hat er mit seiner neugegründeten Oppositionspartei „Georgischer Traum“ gute Chancen, die Regierungspartei „Vereinigte Nationale Bewegung“ (UNM) von Präsident Michail Saakaschwili ihre Mehrheit streitig zu machen. „Georgien, Georgien!“, skandiert die Menge. Familien mit Kindern sind ebenso dabei wie ältere Menschen, Arme und Wohlhabende.  

Dann tritt Ivanischwili ans Rednerpult. „Niemand kann Georgien von der europäischen Zivilisation trennen, einer Zivilisation, in der die Menschen sich nicht mehr fürchten müssen“, schallt es aus den Lautsprechern. Und: „Unser Sieg wird der Sieg unseres Volkes sein.“ Die Menge klatscht und jubelt. Und wieder: „Georgien, Georgien!“ „Ich bin nicht nur hierher gekommen, um Ivanischwili zu hören“, sagt eine Frau, „Das Wichtigste ist, aller Welt zu zeigen, wie viele Bürger gegen Gewalt sind.“ 

Es ist die letzte große Machtdemonstration von Ivanischwili und seinen Anhängern vor den Parlamentswahlen an diesem Montag. Selten war ein Wahlkampf in Georgien so polarisiert und so aggressiv. Einen wahren Aufruhr in der Bevölkerung lösten Videos aus, die zwei oppositionelle TV-Sender am 16. September ausstrahlten. Auf ihnen ist zu sehen, wie Gefangene in einem Tifliser Gefängnis gefoltert und mit Besenstilen vergewaltigt werden. Zwei Minister wurden gefeuert, dennoch gingen eine Woche lang tausende Studenten in mehreren Städten gegen die brutale Behandlung von Häftlingen auf die Straße. Dennoch – der Schock sitzt tief und seitdem ist es für Saakaschwili, der 2003 an die Macht kam und vom Reformer zum Autokraten mutierte, noch enger geworden.

Hartes Vorgehen gegen Kritiker 

Um den drohenden Verlust der Mehrheit zu verhindern, zog die Staatsmacht in den vergangenen Wochen daher alle Register. Unterstützer und Aktivisten der Opposition wurden überfallen und zusammengeschlagen, 60 von ihnen festgenommen und zu Haftstrafen zwischen 10 und 40 Tagen verurteilt. Staatsbedienstete mussten Listen mit Namen und Adressen von Familienangehörigen und Freunden übergeben, die für die UNM stimmen werden. Am 24. September verfügte die Zentrale Wahlkommission, dass Medienvertreter nur 10 Minuten lang und aus einer Entfernung von drei Metern den Wahlprozeß filmen dürfen. Danach wird ihnen vom Leiter der örtlichen Kommission ein bestimmter Ort zugewiesen, um Aufnahmen zu machen. 

„Der Wahlkampf war extrem ungleich und unfair. Wir haben in den vergangenen Wochen erheblich mehr Gesetzesverstöße festgstellt, als bei den Lokalwahlen 2010 und das sowohl auf Seiten der Regierungspartei als auch der Opposition“, sagt Tamar Tschugoschwili, die Vorsitzende der „Vereinigung junger georgischer Anwälte“ (GYLA). Die GYLA ist eine von drei Organisationen, die den Wahlkampf begleitet haben. Sie wird am Wahltag mit 300 einheimischen Beobachtern in 35 Distrikten präsent sein. Auch bei der eigentlichen Abstimmung rechnet Tschugoschwili mit zahlreichen Fälschungen. Zudem gebe es Ankündigungen, wonach sich sowohl Anhänger der Regierungspartei als auch der Opposition vor den Wahllokalen einfinden wollen. „Gewaltsame Zusammenstöße sind da durchaus möglich“, sagt sie. 

Die hält auch Sandro Tsagareli nicht für ausgeschlossen. Der 21jährige Soziologiestudent war einer der Hauptorganisatoren der jüngsten Studentenkundgebungen. Am vergangenen Dienstag wurde er nach einer Protestaktion kurzzeitig festgenommen – angeblich wegen Widerstandes gegen die Polizei. Obwohl sein Vergehen nicht bewiesen werden konnte, wurde er zu einer Geldstrafe von 400 Lari (umgerechnet 200 Euro) verurteilt.  

„Mit unseren Protesten haben wir die Gesellschaft aufgerüttelt und wir werden weiter auf die Straße gehen“, sagt er. „Jetzt leben wir in einem autokratischen System und dieses System muss zerstört werden. Was kommt, wissen wir nicht, aber es gibt das erste Mal eine wirkliche Chance auf Veränderung."

Thursday, September 20, 2012

GEORGIEN: Folter in georgischem Knast. „Vergewaltige auch mich“. Von Klaus-Helge Donath (taz.de)

(taz.de) Ein Video zeigt den Missbrauch eines jugendlichen Häftlings in der Hauptstadt Georgiens. Tausende demonstrieren gegen das Regime von Präsident Saakaschwili.

Georgische Frauen protestieren mit Schildern (Bild: dpa)
MOSKAU taz | „Bitte filmt das nicht, ich tue alles, was ihr wollt“, fleht ein jugendlicher Häftling. Justizbeamte haben ihn mit einem Besenstiel missbraucht und ihn mit Handschellen an die Gitterstäbe der Zelle gekettet. „Tut das weh?“, fragt eine Stimme leise aus dem Hintergrund.

Als diese Bilder am Dienstagabend von den oppositionellen Sendern Maestro und Channel 9 in Georgien ausgestrahlt wurden, erhob sich spontaner Protest in der Hauptstadt Tiflis.

Mehrere tausend Demonstranten zogen vor die Philharmonie in der Hauptstadt, wo Präsident Michail Saakaschwili an einer Veranstaltung teilnehmen sollte. „Wir sind wütend!“ und „Vergewaltige auch mich“ stand auf Transparenten. Im Nu weiteten sich die Proteste auch auf andere Städte des Landes aus.

Knapp zehn Tage vor den Parlamentswahlen kommt dieser Skandal einem politischen Super-GAU für die Regierung Saakaschwili gleich. Ohnehin ist die Lage vor den Wahlen angespannt, seitdem der Milliardär Bidsina Iwanischwili mit seiner Partei „Georgiens Traum“ in der Lage ist, die Partei des Präsidenten, die Nationale Bewegung (NMD), erstmals ernsthaft herauszufordern. 

Menschenrechte und Menschenwürde

Präsident Saakaschwili reagierte sofort und gelobte, dass „die Täter viele Jahre im Gefängnis verbringen werden“ und er die Rechte der Häftlinge garantieren wolle. Er sei sehr verärgert „über diesen schrecklichen Affront gegen Menschenrechte und menschliche Würde“, sagte der Präsident und entließ die für den Strafvollzug zuständige Ministerin und einige leitende Beamte des Justizapparates.

Menschenrechtler hatten seit Jahren auf die fragwürdigen Zustände in den georgischen Haftanstalten hingewiesen. Die Regierung überging die Warnungen jedoch. Auch der Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrats Giga Bokeria musste die Versäumnisse einräumen.

Die Regierung Saakaschwili hält sich zugute, dass sie die Korruption bei der Polizei beseitigen konnte und auch in den Justizorganen für mehr Ordnung sorgte. Ein Pfund, mit dem Saakaschwili auch wuchern geht. 

„Kriminelle Aktionen des Regimes“

Das Material soll der frühere Justizangestellte Wladimir Bedukadse den oppositionellen Sendern zugespielt haben. Bedukadse hält sich in Belgien auf, wo er politisches Asyl beantragte. „Dieses Video entlarvt die kriminellen Aktionen Saakaschwilis und seines Regimes“, sagte er.

Der ehemalige Wächter im Gefängnis Nummer 8 in Tiflis will die Aufnahmen 2011/12 mitgeschnitten haben. Die Videos zeigen, dass Dutzende Wächter und Angestellte entweder teilnahmen oder zum Missbrauch der Häftlinge aufforderten.

Auch Verschwörungstheorien im Umfeld der NMD machen schon die Runde, wonach die Opposition das Video bewusst jetzt lanciert haben soll. Das entkräftet jedoch die Anklagen nicht. Um größeren Schaden zu verhindern, ernannte Saakaschwili am Donnerstag den Ombudsmann für Menschenrechte, Giorgi Tuguschi, zum neuen Minister des Strafvollzugs. 

Mehr Links:
Folter-Videos erschüttern Georgien (dw.de)
Angebliche Foltervideos sorgen knapp zwei Wochen vor den Parlamentswahl für Empörung (derstandard.at)
Gewaltvideos treiben Georgier auf die Strasse (bazonline.ch) 
A Game of Georgian Chicken (huffingtonpost.com)
Folter-Debatte vermasselt Präsident Saakaschwili den Wahlkampf (spiegel.de)
OSCE High Commissioner on National Minorities warns against demolishing ethnic-Georgian villages in South Ossetia (osce.org) 
Georgia prison abuse film prompts staff suspension (bbc.co.uk) 
Scandal Highlights Poor Conditions Inside Georgia's Prisons (rferl.org) 
Georgia's Abu Ghraib: The horrific stories of prisoner abuse (independent.co.uk)
Kommentar: Knastfolter im Kaukasus (taz.de)  
Folter im Gefängnis nachgewiesen (fr-online.de)