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Tuesday, June 05, 2012

ZEITSCHRIFT: osteuropa - Im Profil Stalin, der Stalinismus und die Gewalt (osteuropa.dgo-online.org)

Osteuropa

Ulrich Heyden: Gefährliche Ignoranz. Strukturmängel in der Osteuropa-Berichterstattung

Alexander Löwen: Sozialismus mit kleinbürgerlichem Antlitz. Joseph Roths Berichte aus der Sowjetunion

Ingo Grabowsky: Motor der Verwestlichung. Das sowjetische Ėstrada-Lied 1950–1975

Andreas Oberender: Annäherungen an einen Unfassbaren. Stalin und seine Biographen

Andrej Meduševskij: Was war der Stalinismus? Die Stalinismus-Edition des Verlags ROSSPĖN
Sheila Fitzpatrick: Stalin und sein Team. Jenseits der Gewalt

Jörn Happel: Stalins Stimme. Der Dolmetscher Vladimir Pavlov

Stalins Herrschaft der Gewalt
Jörg Baberowskis „Verbrannte Erde“ – eine Debatte

Gerd Koenen: Weil es Stalin gefiel? Zu Jörg Baberowskis Deutung des Stalinismus

Ulrich Schmid: Ein Autodafé und seine Folgen

Stefan Plaggenborg: Stalin war’s! Über Jörg Baberowskis „Verbrannte Erde“

Benno Ennker: Ohne Ideologie, ohne Staat, ohne Alternative? Fragen an Jörg Baberowski

Friedrich Pohlmann: Bolschewismus und Stalinismus. Baberowski zur stalinistischen Gewaltherrschaft

Jürgen Zarusky: Schematische Übertragungen. Stalinismus und Nationalsozialismus bei Jörg Baberowski

Christoph Dieckmann: Die Suche geht weiter. Stalin, der Stalinismus und das Rätsel der Gewalt

Marc Junge: Das Vetorecht der Quellen. Baberowski und die Massenverfolgung im Großen Terror


Ulrich Heyden
Gefährliche Ignoranz
Strukturmängel in der Berichterstattung über Osteuropa
Deutsche Printmedien berichten immer weniger über den postsowjetischen Raum. Wenn, dann über Putin, Korruption oder Pussy Riot. Hintergrundberichte über Soziales und Kultur, gar aus den Regionen, nehmen die Redaktionen selten an. Aufgrund finanzieller Einschränkungen und bürokratischer Hürden können Korrespondenten in Moskau über ihren Raum, der von Kaliningrad über den Kaukasus bis nach Zentralasien und Vladivostok reicht, meist nur noch vom Schreibtisch aus berichten. Oberflächlichkeit und Fehlurteile sind die Folge.

Alexander Löwen
Sozialismus mit kleinbürgerlichem Antlitz
Joseph Roths Berichte aus der Sowjetunion
Im Sommer 1926 brach der Autor und Journalist Joseph Roth zu einer fünfmonatigen Korrespondentenreise durch die Sowjetunion auf. Seine beeindruckend klaren und dichten Feuilletons für die Frankfurter Zeitung heben sich in mehrfacher Hinsicht von den zeittypischen Texten anderer Sowjetunion-Reisender ab: Roth sympathisiert mit dem Sozialismus, bleibt aber nüchtern, er lobt beiläufig und kritisiert erbarmungslos. Ein Dorn im Auge sind ihm weniger revolutionäre Exzesse als vielmehr die Gleichmacherei und das Mittelmaß der neuen sowjetischen Bürgerlichkeit.

Ingo Grabowsky
Motor der Verwestlichung
Das sowjetische Ėstrada-Lied 1950–1975
Nach dem Tod Stalins brach der monolithische Charakter der Sowjetkultur auch im Ėstrada-Lied, der sowjetischen Form des populären Liedes, auf. Im Wechselspiel von staatlicher Einflussnahme, Publikumsinteressen und Produktionsbedingungen erlaubten sich die Künstler immer mehr Freiheiten. Der politisch akzeptierte Šljager, wie das erfolgreiche Lied auch genannt wurde, nahm in der sowjetischen Gesellschaft der 1950er bis 1980er Jahre einen bedeutenden Platz ein. Die Ėstrada war Motor der Verwestlichung.

Andreas Oberender
Annäherungen an einen Unfassbaren
Stalin und seine Biographen
Stalin beschäftigt jede Historikergeneration aufs Neue. Das klassische Stalinbild, das Robert Tucker und Adam Ulam zeichneten, lässt sich dank neuer Quellen differenzieren. Heutige Biographen wie Robert Service, Hiroaki Kuromiya und Kevin McDermott betten Stalins Handeln stärker in Kontexte und Strukturen ein und betonen die relative Schwäche des bolschewistischen Regimes. Doch es ist zweifelhaft, ob dies ausreicht, um Stalins Handeln zu erklären. Ohne die Fallstricke der Psychohistorie ignorieren zu wollen, sollte die Stalin-Biographik der mentalen Befindlichkeit des sowjetischen Diktators mehr Aufmerksamkeit widmen. Die Quellenlage gestattet es.

Andrej Meduševskij
Was war der Stalinismus?
Die Stalinismus-Edition des Verlags ROSSPĖN
Der Verlag ROSSPĖN gibt seit einigen Jahren eine Reihe zur Geschichte des Stalinismus heraus. Mittlerweile sind über 100 Bücher erschienen. Es handelt sich um Werke russischer Historiker sowie um Übersetzungen wichtiger Studien der westlichen Stalinismusforschung. Die Edition eröffnet ein umfassendes Bild auf den Stalinismus und zeigt, wie aufgrund der Archivrevolution der simple Gegensatz von Totalitarismustheorie und Revisionismus überwunden werden konnte.

Sheila Fitzpatrick
Stalin und sein Team
Jenseits der Gewalt
Über drei Jahrzehnte hielt sich um Stalin ein kleiner, stabiler Machtzirkel: Er setzte Stalins Politik um und überstand den stalinistischen Terror relativ gut. Dieser Kreis hegte tiefes Misstrauen gegenüber Ausländern aus der kapitalistischen Welt und betrachtete die heimische Intelligencija mit Argwohn. In ihr sah die Parteispitze Konkurrenz um die moralische Führung in der Gesellschaft. Doch die Kinder aus Stalins Team wurden selbst zu Angehörigen der Intelligencija und hielten sich der Politik fern. Die sozialen Regeln, nach denen Stalins Team funktionierte, waren komplexer, als dass sie sich auf Gewalt reduzieren ließen.

Jörn Happel
Stalins Stimme
Der Dolmetscher Vladimir Pavlov
1939 reformierte Vjačeslav Molotov den Auswärtigen Dienst der UdSSR. Er wollte einen professionellen Apparat mit jungen, linientreuen Mitarbeitern. Einer der neuen Diplomaten war Vladimir Pavlov. Er stieg zu einem wichtigen Dolmetscher Stalins auf und galt als sein „Lieblingssohn“. Nach dem Tod des Diktators fiel Pavlov in Ungnade. In Pavlovs Werdegang spiegelt sich die Entwicklung der sowjetischen Diplomatie und des Dolmetscherwesens. Er eröffnet Einblicke in Stalins und Molotovs Kreis sowie deren Umgang mit den Alliierten.

Monday, December 06, 2010

GROSNY: Der Terror in Tschetschenien ist zurück. Von Ulrich Heyden (eurasischesmagazin.de)



Der Anschlag auf das Parlament in Grosny ist ein Alarmsignal. Trotz hartem Polizeiregime bleibt Tschetschenien instabil.
Von Ulrich Heyden


Diesmal drangen die Angreifer bis zum schwer bewachten Parlament in Grosny vor. Es war der 19. Oktober, morgens um 8.45 Uhr. Aus bisher ungeklärten Gründen gelang es drei Terroristen die Sperre vor dem Parlamentsgebäude zu passieren. Einer der Angreifer sprengte sich davor in die Luft, zwei Untergrundkämpfer drangen in das Gebäude ein, lieferten sich im Erdgeschoss ein Feuergefecht mit den tschetschenischen Sicherheitskräften und sprengten sich dann selbst in die Luft. Tschetschenische Parlamentsabgeordnete, die eine Geiselnahme fürchteten, flüchteten in den zweiten Stock. Russische Parlamentarier, die aus der Ural-Region Swerdlowsk angereist waren, wurden evakuiert. Tschetschenische Polizisten verließen mit blutenden Köpfen das Gebäude.
Außer den Terroristen wurden bei dem Überfall drei Personen getötet, darunter zwei Polizisten und tschetschenischer Zivilist. 17 Personen, darunter sechs Polizisten und elf Zivilisten, wurden verletzt. Mit dem Überfall zeigten die Separatisten, dass sie auch in Tschetschenien, wo es in den letzten Jahren weit weniger Anschläge gegeben hatte, als in den Nachbarrepubliken Inguschetien und Dagestan, noch handlungsfähig sind. Rasman Kadyrow, das von Putin eingesetzte Oberhaupt Tschetscheniens, versuchte den Vorfall herunterzuspielen. Seine Sicherheitskräfte hätten nur 20 Minuten gebraucht, um den Angriff auf das Parlament abzuwehren. Doch nach Medienberichten dauerten die Feuergefechte über eine Stunde.


Die Abgeordneten kamen demonstrativ zur nächsten Sitzung
Der russische Innenminister, Raschid Nurgalijew, der sich zum Zeitpunkt des Überfalls in Grosny aufhielt, dankte den tschetschenischen Sicherheitskräften für ihre „professionelles Handeln“ und die „Vernichtung der Bojewiki (Untergrundkämpfer, Anm. d. Autors)“. Obwohl in den Büroräumen des Parlamentes viel zerstört war, kamen die Abgeordneten nach dem Anschlag demonstrativ zu der geplanten Sitzung zusammen.
Ramsan Kadyrow behauptet seit Jahren, die Terroristen seien bis auf eine Gruppe von 50 „Schaitany“ („Teufel“) zerschlagen. Seine Sicherheitskräfte bedrohen die Eltern von Jugendlichen, deren Söhne zu den Separatisten in die Berge gegangen sind. Häufig werden auch die Häuser der Eltern von Bojewiki abgebrannt. Das Oberhaupt Tschetscheniens erklärt, man werde sich weiter bemühen „verirrte Jugendliche“ vom Weg des Terrorismus zurückzuholen. Unversöhnliche Untergrundkämpfer würden „vernichtet“.
Die Anschläge des islamistischen Untergrunds im Nordkaukasus, die nach Meinung russischer Sicherheitskräfte aus dem arabischen Ausland finanziert werden, hatten sich in den letzten Jahren nach Dagestan, Inguschetien und Kabardino-Balkarien verlagert. In Kabardino-Balkarien war im Juli ein Anschlag auf ein Wasserkraftwerk und Anfang September ein Anschlag auf einen Markt verübt worden. Der Leiter des russischen Ermittlungskomitees, Aleksandr Bastyrkin, nannte die Situation im Nordkaukasus äußerst angespannt. „Das ist fast ein Krieg“, erklärte der Chef-Ermittler.


Brutales Regiment und Berufung auf tschetschenische Traditionen
Doch in letzter Zeit nahm auch der bewaffnete Kampf in Tschetschenien wieder zu. Am 30. August überfielen 30 tschetschenische Untergrundkämpfer in einer spektakulären Aktion das Dorf Zentoroj. Der Ort ist das Heimatdorf von Ramsan Kadyrow. Während der Feuergefechte in Zentoroi wurden sechs tschetschenische Polizisten und zwölf Untergrundkämpfer getötet.
Ramsan Kadyrow bezeichnet sich selbst immer wieder als Freund von Putin. Dieser hat ihn viele Male im Kreml empfangen. Der Kreml lässt seinem Statthalter Kadyrow in Tschetschenien freie Hand. In Moskau ist man schon zufrieden, wenn in Tschetschenien nur Ruhe herrscht. Ramsan Kadyrow führt ein brutales Regiment. Immer noch verschwinden spurlos Menschen. Kadyrow präsentiert sich in tschetschenischer Nationaltracht und trägt ein schwarzes Käppchen. Alkohol wird in Grosny nur noch zwei Stunden am Tag an Nicht-Tschetschenen verkauft. Für die Frauen hat Kadyrow eine strenge Kleidervorschrift erlassen. Sie dürfen sich nur noch in langen Röcken und mit Kopftuch auf der Straße zeigen.
Mit der Berufung auf tschetschenische Traditionen versucht Kadyrow den islamistischen Untergrund, der von sich behauptet, die wahren Werte des Islams zu vertreten, das Wasser abzugraben. Welcher Flügel der tschetschenischen Separatisten genau hinter dem Anschlag auf das Parlamentsgebäude steckte, ist nicht klar. Doku Umarow, der bisher den bewaffneten Widerstand führte, und sich „Emir des Kaukasus“ nannte, wurde nach einer Meldung des Kommersant Anfang Oktober von den tschetschenischen Untergrundkämpfern abgesetzt. Nach dem Zeitungsbericht wählten die Bojewiki Chusejn Gakajew als neuen Führer. Der Neugewählte will offenbar den Kampf auf Tschetschenien konzentrieren und gehört nach Medienberichten nicht zu dem islamistisch-fundamentalistischen Flügel der Untergrundkämpfer.

Monday, October 18, 2010

ARTIKEL: Ein paar Usbeken, ein paar Tataren. Von Ulrich Heyden (freitag.de)

Ohne Gastarbeiter aus Zentralasien und aus dem Kaukasus würde in Moskau nur halb so viel gebaut. Um die Integration der muslimischen Arbeitsnomaden kümmert sich niemand.

Achludi kommt aus Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, und hat sich als studierter Jurist in Moskau empor gearbeitet. Vor elf Jahren begann er, mit Hosen und Jacken auf dem Tscherkisowski-Rynok, dem größten Freiluftmarkt Moskaus, zu handeln. Danach führte er ein Café – seit der Finanzkrise unterhält ihn ein kleines Lebensmittelgeschäft. Trotz dieser Auf- und Abstiege gehört Achludi – im Unterschied zu vielen Landsleuten auf den Baustellen der Kapitale – zur gehobenen Schicht der Migranten. Der 31-Jährige geht jeden Freitag zum Gebet vor der Zentralen Moschee am Prospekt Mira und lebt mit einer russischen Frau zusammen. Die sei zum Islam übergetreten, versichert er stolz. Und zwei Söhne, von denen der Älteste eine gute Moskauer Schule besuche, habe er auch. „Dort lernt der Junge Französisch und Englisch“, erklärt Achludi mit bedeutungsschwerer Stimme.

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Sunday, May 02, 2010

NORDKAUKASUS: Nicht nur "scharfe Dolchhiebe". Von Ulrich Heyden (eurasischesmagazin.de)

Dmitri Medwedew will den Nordkaukasus auch mit verstärkter Wirtschaftsförderung voranbringen. Bisher jedoch ohne sichtbaren Erfolg.

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Sunday, April 04, 2010

ARTIKEL: Moskau verurteilt einen georgischen „Einmarsch-Film“ als „Provokation“ (eurasischesmagazin.de)

Die Russen sind wieder einmarschiert nach Georgien. Das suggerierte im März ein Film in der Nachrichtensendung des georgischen Fernsehkanals Imedi. Inhalt: Russische Truppen sind wie im August 2008 in das Land eingefallen. Der georgische Präsident Michail Saakaschwili wurde getötet. Moskaus Truppen installierten eine prorussische Regierung unter Leitung der Oppositionsführerin Nina Burdschanadse, die eine „Volksregierung“ ausrief. In Moskau stieß die Propagandasendung auf entschiedenen Protest.
Von Ulrich Heyden

Monday, August 10, 2009

ARTIKEL: Russlands Saubermann in Tschetschenien. Von Ulrich Heyden (eurasischesmagazin.de)

Nach Mord-Vorwürfen kündigt der Präsident Tschetscheniens, Ramsan Kadyrow an, er werde gegen den Vorsitzenden der Menschenrechtsorganisation Memorial, Oleg Orlow, eine Verleumdungsklage führen. Darauf ließ dieser das Büro seiner Organisation in Grosny schließen.

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Friday, June 05, 2009

ESSAY: Georgien. Das Land kommt nicht zur Ruhe. Von Ulrich Heyden (eurasischesmagazin.de)

Immer wieder schreibt Ullrich Heyden unermüdlich auch über Georgien. Er ist ein Eurasien-Spezialist, der sich dem schwierigen weil mühseligen geschäfts der reportage und der journalistischen Berichterstattung verschrieben. In Deutschland ist es nicht gerade einfach mit solchen Themen über die Runden zu kommen. Dennoch freut es mich immer weider auch im Eurasischen magazin seine längeren Artikel zu lesen.
In Georgien, durch das eine für den Westen wichtige Öl-Pipeline verläuft, nehmen die Spannungen zu. Nach wochenlangen Massen-Demonstrationen der Opposition gegen den Präsidenten Michail Saakaschwili wurde jetzt nach einem Feuergefecht der Anführer einer angeblichen Meuterei im Militär verhaftet und ein anderer Meuterer getötet.

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Tuesday, September 02, 2008


Liebe Leserinnen und Leser,
natürlich stehen diesmal der georgische Überfall auf Südossetien und die blitzschnelle Reaktion Russlands im Mittelpunkt unserer Berichterstattung. Außerdem untersuchen unsere Autoren, wie die Kämpfe im Kaukasus das Leben der Menschen und die geopolitische Situation verändert haben.
Moskau-Korrespondent Ulrich Heyden analysiert „Die russischen Interessen im Kaukasus“. Aus Tiflis kommt sein Bericht: „Die Opposition verpflichtet sich zum Schweigen“. Er hat ein Interview mit dem georgischen Oppositionsführer gemacht. Dessen Aussage: „Saakaschwili ist ein Abenteurer“. Und von Ulrich Heyden ist auch der Kaukasus-Kommentar: „Hysterie und voreilige Schuldzuweisungen“.
Florian Willershausen schildert das schwere Los der Menschen in der zerbombten südossetischen Hauptstadt Zchinwali. Ganze Stadtviertel liegen in Schutt und Asche, ausgebrannte Häuserskelette reihen sich an der Hauptstraße entlang, die mit Glassplittern und zerbrochenen Eternitplatten übersät ist. „Alltag in Trümmern“ ist dieser Beitrag überschrieben.
Ob und wie sich die geopolitische Situation durch den Krieg und die Anerkennung der abtrünnigen georgischen Provinzen durch Russland verändert hat, untersuchen die Beiträge „Ende der Ohnmacht“ von Kai Ehlers, „Kaukasischer Paukenschlag“ von Johannes Wetzinger, sowie „Russland trumpft auf“ und „Realitätsverlust: Saakaschwili und der Westen“ von Rudolf Maresch.
Im Eurasien-Ticker finden sie Verweise zu dem Aufsehen erregenden Interview des russischen Premierministers Wladimir Putin über die Schuld der USA, das er dem amerikanischen Nachrichtensender CNN gegeben hat (englisch und russisch).
Während im Kaukasus die Toten der jüngsten Kämpfe bestattet werden, durchwühlen russische Organisationen die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs. Sie suchen nach den Relikten der Kämpfe von damals: Unsere Autorin hat die Gruppe „Nabat“ bei ihrer aufwühlenden Tätigkeit begleitet. Ihr Beitrag: „Blutgetränkte Erde im Kaukasus“.


Eurasien-Ticker
Auch in Russland geht die Kriegsangst um · SOZ-Gipfel folgt Russland nur teilweise · Putin: Washington ist für den Angriff auf Südossetien mitverantwortlich

Georgien
Kaukasischer Paukenschlag Von Johannes Wetzinger
Noch vor wenigen Monaten galt der Konflikt um das kleine, von Georgien abtrünnige Südossetien als „eingefroren“. Doch im August 2008 eskalierte eine georgische Militärintervention in der gebirgigen Region in einen offenen Krieg. Nach einem militärischen Gegenangriff Russlands ließ der nächste Paukenschlag nur kurz auf sich warten: Am 26. August 2008 verkündete Russlands Präsident Medwedew die offizielle Anerkennung Südossetiens und Abchasiens, einer zweiten von Georgien abtrünnigen Region. Der georgische Präsident Saakaschwili, der bei seinem Amtsantritt die territoriale Reintegration als zentrales Ziel formulierte, hat damit viel verloren: Die Separatistengebiete sind weiter denn je von georgischer Kontrolle entfernt, und auch innenpolitisch zeichnet sich Widerstand ab.

Geopolitik
Russlands Interessen im Kaukasus Von Ulrich Heyden
Beide Kammern des russischen Parlaments haben für die Unabhängigkeit der beiden abtrünnigen georgischen Provinzen Südossetien und Abchasien votiert. Kremlchef Präsident Dmitri Medwedjew hat den Antrag unterzeichnet und damit die beiden Länder als selbstständig anerkannt. Was treibt Russland zu dieser Politik?

Georgien
Die Opposition verpflichtet sich zum Schweigen Von Ulrich Heyden
Die Menschen auf den Straßen von Tiflis machen sich keine Illusionen über ihre Lage und das Regime Saakaschwili. Viele sehen in ihm nur einen Erfüllungsgehilfen der USA, der das Land in den Bankrott geführt hat.

EM-Interview
„Saakaschwili ist ein Abenteurer“ EM mit Georgi Chaindrawa
Der georgische Oppositionsführer Georgi Chaindrawa war unter Saakaschwili Minister für die Konfliktregelung mit den abtrünnigen Provinzen, wurde 2006 aber entlassen, weil er militärische Abenteuer zur Rückgewinnung dieser Gebiete ablehnte. Er ist ehemaliger Filmregisseur und einer der herausragenden Köpfe der georgischen Opposition. Im Gegensatz zu den meisten Oppositionsführern, die den georgischen Präsidenten nicht kritisieren wollen, solange russische Truppen in Georgien sind, nimmt Chaindrawa auch heute kein Blatt vor den Mund. Das Eurasische Magazin interviewte ihn zur aktuellen Lage.

Georgien
Alltag in Trümmern Von Florian Willershausen
Ganze Stadtviertel liegen in Schutt und Asche, ausgebrannte Häuserskelette reihen sich an der Hauptstraße entlang, die mit Glassplittern und zerbrochenen Eternitplatten übersät ist. Der Krieg hat deutliche Spuren in Zchinwali hinterlassen, der Hauptstadt Südossetiens. Wenige Tage nach den schweren Angriffen georgischer Truppen kehrt langsam der Alltag zurück in die Stadt. Die Geflüchteten kommen heim, russische Katastrophenschützer stellen die Strom- und Gasversorgung her, Bagger räumen die Trümmer beiseite, der Wiederaufbau beginnt. Doch das Kriegstrauma wird viele Menschen in Zchinwali noch lange begleiten.

Kaukasus
Russland trumpft auf Von Rudolf Maresch
Der Kreml ist zurück im großen eurasischen Spiel und offenbar nicht mehr gewillt, die Ausbreitung der NATO bis an seine unmittelbaren Grenzen ohne Gegenwehr hinzunehmen. Russland zeigt sich im Gegenteil von der NATO unbeeindruckt. Den blutigen Angriff Georgiens auf Südossetien beantwortete der Kreml knallhart und ohne Zaudern.

Kaukasus
Realitätsverlust: Saakaschwili und der Westen Von Rudolf Maresch
Putins und Medwedjews Russland ist nicht mit der Sowjetunion oder dem „gedemütigten“ Deutschland des 20. Jahrhunderts zu vergleichen –auch wenn raumpolitische Machtkonstellationen der Zwischenkriegszeit und des Kalten Krieges das signalisieren mögen.

Russland
Ende der Ohnmacht? Von Kai Ehlers
Die Vorgänge im Kaukasus sind aus russischer Sicht das Signal für den Eintritt in eine neue Phase der internationalen Beziehungen: So nicht weiter, Herr Bush!, könnte man sie übersetzen. Hier beginnt Russland! Hier beginnt die Notwendigkeit von Absprachen statt der weiteren Militarisierung internationaler Beziehungen. Hinter sein aktuelles Eingreifen im Kaukasus wird Russland nicht zurückgehen.

Kaukasus-Kommentar
Hysterie und voreilige Schuldzuweisungen Von Ulrich Heyden
Moskau-Korrespondent Ulrich Heyden macht sich seine Gedanken über das Cui bono? – wem nutzt was? - in der Kaukasuspropaganda des Westens.


Kriegsrelikte
Blutgetränkte Erde im Kaukasus Von Silvana Wedemann
Während im Kaukasus die Toten der jüngsten Kämpfe bestattet werden, durchwühlen russische Organisationen die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs. So mancher vermisste Rotarmist bekommt durch sie noch ein richtiges Begräbnis. Die Gebeine der deutschen Soldaten werden wieder zugeschüttet. Unsere Autorin hat die Gruppe „Nabat“ bei ihrer aufwühlenden Tätigkeit begleitet.

Thursday, August 28, 2008

REPORTAGE: Aufmarschplatz Kaukasus. Kaukasische Lunten. (woz.ch)

Von Ulrich Heyden, Moskau

Nach der russischen Anerkennung von Südossetien und Abchasien rücken die anderen Krisenregionen ins Blickfeld: Wo könnte es als Nächstes brennen?

Die Ernüchterung dauerte nur ein paar Tage. Bis Dienstag, bis zur russischen Anerkennung der beiden abtrünnigen Provinzen, hatten in Georgien so manche von jenen, die dem Präsidenten Michail Saakaschwili vor kurzem noch zujubelten, hinter vorgehaltener Hand zugegeben, dass sie sich die Wiedergewinnung der abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien anders vorgestellt hatten, dass ein Waffengang gegen die Übermacht Russland nicht zu gewinnen war. Ein paar Tage lang stand Georgij Chaindrawa, der ehemalige geor­gische Minister für die Konfliktregelung mit den beiden Provinzen, nicht mehr ganz allein mit seiner Kritik. Es habe keinen Grund gegeben, «in das Abenteuer einer militärischen Rückeroberung von Zchinwali einzusteigen», hatte der von Saakaschwili 2006 gefeuerte Minister Anfang letzter Woche im Gespräch mit der WOZ gesagt (siehe WOZ Nr. 34/08); Saakaschwilis Militär­offensive sei «mit dem Verstand nicht zu fassen». Jetzt habe man den Salat, «weil die russischen Truppen noch lange im Kerngebiet von Georgien bleiben werden».

Mittlerweile hat sich die Stimmung wieder gedreht. Der politische Verstand, der sich gerade durchzusetzen schien, ist einer grossen Empörung gewichen. Vergessen ist, dass es die USA gewesen waren, die die georgischen Hoffnungen lange Zeit geschürt hatten. Und dass es vor kurzem noch heftige Proteste gegen das autoritäre Regime des Präsidenten gegeben hat. Nun schart sich die Bevölkerung wieder um Saakaschwili - obwohl gerade er mit seiner Invasion am 7. August die Entwicklung ausgelöst hatte, die mit der Moskauer Anerkennung am Dienstag einen vorläufigen Höhepunkt gefunden hat.

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Thursday, August 21, 2008

GEORGIEN: Im Konvoi von Tiflis nach Gori. Von Ulrich Heyden

Hätte man die Markthändler von Tiflis gefragt, ob man um Südossetien Krieg führen soll, wäre es wohl zu keinem Waffengang gekommen. Mit wem man auch spricht, von patriotischem Feuer ist auf dem Markt, wo mit Kinderschuhen und Kleidern aus der Türkei sowie Elektronik aus China gehandelt wird, nichts zu spüren. "Normale Leute wollen keinen Krieg", meint Gennadij, ein Kurde, der Armbanduhren aus Dubai verkauft. Spannungen habe man in Georgien schon genug. Um diese Aussage zu unterstreichen, zieht er den Daumen einmal quer über seinen Hals, was soviel heißt wie: Es reicht! Tiflis ist eine multinationale Stadt. Hier leben nicht nur Georgier, auch Armenier, Aserbaidschaner, Kurden und Russen.

Der Flughafen von Tiflis wurde vor einer Woche bombardiert. "Wozu war das gut?" Gennadij wohnt direkt daneben und weiß, wovon er spricht. Für die russischen Kontraktniki - die Vertragssoldaten - und die paramilitärischen Einheiten, zumeist Kosaken und Osseten, die - wie das georgische Fernsehen fortwährend berichtet - plündernd durch die Dörfer zwischen Gori und Zchinwali ziehen, hat er nur Verachtung übrig. Die würden sogar Kloschüsseln wegschaffen. Das Fernsehen zeigt Videos aus verlassenen Banken und Kasernen. Ein Plünderer sagt: "Wir leben wie Obdachlose, und die leben wie Könige". Den Satz kennt inzwischen jeder Georgier. Russische Barbaren eben.

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Thursday, July 03, 2008

EURASISCHES MAGAZIN: Umweltschützer in Sotschi bekommen Unterstützung von der UNESCO

Experten der UNESCO empfehlen die Verlegung einzelner Olympia-Projekte in ökologisch weniger gefährdete Gebiete.
Von Ulrich Heyden

EM 06-08 · 30.06.2008
Nach langem Warten haben die Experten der UNESCO ihre Meinung zu einigen umstrittenen Olympia-Objekten im Raum Sotschi kundgetan und die russischen Umweltschützer sind zufrieden. Die UNESCO-Experten besuchten im April Krasnaja Polana, das Bergebiet, wo die alpinen Wettkämpfe stattfinden sollen. Nun empfahlen sie die Verlegung der Bob-Bahn und des olympischen Dorfes in ökologisch weniger gefährdete Gebiete. Ein Bericht der UNESCO-Experten mit dieser Empfehlung wurde von der Umweltschutzorganisation „Nordkaukasische Öko-Wache“ veröffentlicht.

Nach den Plänen der russischen Regierung sollen die beiden besonders umstrittenen Objekte auf der „Birnen-Wiese“ gebaut werden, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Westkaukasischen Naturschutzpark, der zum UNESCO Weltnaturerbe gehört. In dem umstrittenen Gebiet leben seltene Tiere wie die westkaukasische Gams und der westkaukasische Steinbock. Als eine Delegation der UNESCO im April die Baustellen im Skigebiet Krasnaja Polana und im angrenzenden Westkaukasischen Naturschutzpark besuchte, gab es bereits erste Kritik. Die Beamten der UNESCO bemängelten den Straßenbau zur so genannten „Mond-Wiese“, wo ein Elite-Erholungszentrum entstanden ist, und wo es verschiedene Wald-Rodungen im Kaukasischen Naturschutzpark gegeben hat. Unmittelbar nach dem Besuch der Delegation wurde der Straßenbau eingestellt.

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INTERVIEW: mit Sergej Bagapsch, dem Präsidenten der international nicht anerkannten abtrünnigen georgischen Provinz Abchasien

EM-INTERVIEW geführt von Ulrich Heyden

„Wir werden georgische Aufklärungsflugzeuge über Abchasien abschießen, egal ob sie bemannt oder unbemannt sind.“

Eurasisches Magazin: Die UNO-Beobachtermission in Georgien hat einen Bericht vorgelegt, nach dem unbemannte georgische Aufklärungsflugzeuge von russischen Kampfflugzeugen abgeschossen wurden. Was sagen Sie dazu?
Sergej Bagapsch: Ich kenne diesen Bericht. Nichtsdestotrotz erkläre ich: Alle sieben georgischen Drohnen wurden von der abchasischen Luftabwehr abgeschossen.

EM: Wie werden sie in Zukunft auf unbemannte georgische Aufklärungsflugzeuge reagieren?
Bagapsch:
Wir werden sie abschießen, egal ob sie bemannt oder unbemannt sind. Wir haben Georgien und die UNO-Mission vorgewarnt. Das sind keine einfachen Apparate.

Das ganze Interview >>>

Monday, April 02, 2007

ABCHASIEN Ein Land kommt nicht zur Ruhe

Am 4. März fand in der von Georgien abgefallenen Provinz Abchasien die erste Runde der Parlamentswahlen statt. Doch Abchasien kommt trotz russischer Friedenstruppen und einer Beobachterdelegation der Vereinten Nationen nicht zur Ruhe. In der Nacht auf den 12. März kam es nach georgischen Berichten zu einem Angriff von mysteriösen Hubschraubern auf den von Georgien kontrollierten Teil des Kodori-Tals. Nach Meinung der georgischen Regierung steckt Moskau hinter dem Angriff.

Mehr (von Ullrich Heyden): Ein Land kommt nicht zur Ruhe
(Eurasisches Magazin)